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Full text of "Jahrbuch der Kèoniglich Preussischen Geologischen Landesanstalt und Bergakademie zu Berlin fèur das Jahr .."

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Jahrbuch 


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H H 


der 


Königlich  Preussischen  geologischen 
Landesanstalt  und  Bergakademie 


Berlin 


für  das  Ja h r 

1887.  ; { 


Berlin. 


In  Commission  bei  der  Simon  ScHROPP’schen  Hof- Landkartenhandlung 

(J.  H.  Neumann). 

1888. 


I ii  1i  a 1 t. 

i. 

Mittheilungen  aus  der  Anstalt. 

Seite 

1.  Bericht  aber  die  Thätigkeit  der  Königl.  geologischen  Landesanstalt 

im  Jahre  1887  ix 

2.  Arbeitsplan  für  die  geologische  Landesaufnahme  im  Jahre  1888  . . xix 

3.  Mittheilungen  der  Mitarbeiter  der  Königlichen  geologischen  Landes- 
anstalt über  Ergebnisse  der  Aufnahmen  im  Jahre  1887  xxv 

K.  A.  Lossen:  Ueber  Aufnahmen  im  Brocken-Massiv  und  auf  Blatt 

Harzburg xxv 

M.  Koch:  Ueber  Aufnahmen  auf  Blatt  Harzburg xxxn 

A.  Half ak  : Ueber  die  Auffindung  von  Petrefacten  zwischen  Bruch- 
berg - Ackerquarzit  und  Osteroder  Grünsteinzug  und  über 

Aufnahmen  auf  Blatt  Zellerfeld xxxvil 

A.  von  Koenen:  Ueber  Aufnahmen  westlich  und  südwestlich  vom 

Harz xli 

T ii.  Ebert:  Ueber  Aufnahmen  im  Bereich  der  Blätter  Waake  und 

Gelliehausen xlii 

J.  G.  Bornemann:  Ueber  Aufnahmen  auf  Blatt  Wutha  ....  xliv 

R.  Scheibe:  Ueber  Aufnahmen  auf  den  Blättern  Friedrichroda  und 

Ohrdruf xlv 

E.  Zimmermann  : Ueber  Aufnahmen  auf  Blatt  Crawinkel  ....  xlviii 

H.  Proescholdt:  Ueber  Aufnahmen  und  Revisionen  der  Blätter 

Meudhausen,  Rodach,  Hildburghausen  und  Dingsleben  . . lviii 

F.  Beyschlao:  Ueber  Aufnahmen  auf  Blatt  Salzungen  ....  lix 

F.  Beyschlaq:  Ueber  Aufnahmen  in  Hessen lxi 

E.  Kaiser:  Ueber  Aufnahmen  in  der  Gegend  von  Marburg  und 

Dillenburg lxiv 

H.  Grebe:  Ueber  Aufnahmen  an  Mosel,  Saar  und  Nahe  ....  lxv 

E.  Dathe:  Ueber  Aufnahmen  in  den  Blättern  Neurode,  Langen- 

bielau  und  Rudolfswaldau lxxii 

* 


Seite 


F.  M.  Stapff:  Ueber  Aufnahmen  in  Section  Charlottenbrunn  . . lxxv 

Schütze:  Ueber  Aufnahmen  in  der  Umgegend  von  Waldenburg 

und  Landeshut lxxxvii 

F.  Wahnschaffe:  Ueber  Aufnahmen  in  der  Uckermark  ....  xc 

H.  Grüner:  Ueber  Aufnahme  des  Blattes  Wilsnack xcn 

K.  Keilhack:  Ueber  Aufnahmen  in  der  Gegend  zwischen  Belzig 

und  Brandenburg xcv 

L.  Beushausen  : Ueber  Aufnahmen  auf  den  Sectionen  Gross  - 

Wusterwitz  und  Brandenburg xcvi 

A.  Jentzsch:  Ueber  Aufnahmen  auf  den  Blättern  Pestlin  und 

Gross -Krebs xcvii 

R.  Klebs:  Ueber  Aufnahme  des  Blattes  Schippenbeil  und  Unter- 
suchung des  ost-  und  westpreussischen  Tertiär  ....  ci 

H.  Schröder:  Ueber  Aufnahme  des  Blattes  Heilige  Linde  . . . cvi 

4.  Personal -Nachrichten cvin 

5.  Nekrolog  auf  A.  von  Groddeck Cix 


II. 

Abhandlungen  von  Mitarbeitern  der  König!,  geologischen 
Landesanstalt. 

Untersuchungen  über  die  Gliederung  des  unteren  Muschelkalks  in  einem 
Theile  von  Thüringen  und  Hessen  und  über  die  Natur  der  Ooüth- 
körner  in  diesen  Gebirgsschichten.  Von  Herrn  W.  Frantzen  in  Mei- 


ningen. (Tafel  I — III.) 1 

Ueber  Fayolia  Sterzeliana  n.  sp.  Von  Herrn  Ch.  E.  Weiss  in  Berlin. 

(Tafel  IV.) 94 

Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit  und  Glimmerporphyrit  in  derselben 
Gangspalte,  bei  Unterneubrunn  im  Thüringer  Walde.  Von  Herrn 

H.  Loretz  in  Berlin 100 

Mittheilungen  über  die  Eruptivgesteine  der  Section  Schmalkalden  (Thüringen). 

Von  Herrn  H.  Bücking  in  Strassburg  i.  Eisass.  ( Tafel  V.)  ....  119 

Bemerkungen  zu  dem  Funde  eines  Geschiebes  mit  Pentamerus  borealis 

bei  Havelberg.  Von  Herrn  F.  Wahnschaffe  in  Berlin 140 

Zur  Frage  der  Oberflächengestaltung  im  Gebiete  der  baltischen  Seenplatte. 

Von  Demselben 150 

Pseudoseptale  Bildungen  in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden.  Von 

Herrn  Henry  Schröder  in  Berlin.  (Tafel  VI  — VIII.) 164 

Ueber  Schlackenkegel  und  Laven.  Ein  Beitrag  zur  Lehre  vom  Vulkanismus. 

Von  Herrn  J.  G.  Bornemann  sen.  in  Eisenach.  (Tafel  IX  u.  X.)  . . 230 

Ueber  einen  Damhirsch  aus  dem  deutschen  Diluvium.  Von  Herrn 

K.  Keilhack  in  Berlin.  (Tafel  XI.) 283 

Ueber  einige  neue  Vorkommnisse  basaltischer  Gesteine  auf  dem  Gebiet 
der  Messtischblätter  Gerstungen  und  Eisenach.  Von  Herrn  L.  G.  Borne- 
mann jun.  in  Eisenach 291 


Seite 


Die  südliche  baltische  Endmoräne  in  der  Gegend  von  Joachimsthal.  Von 

Herrn  G.  Berendt  in  Berlin 301 

Die  fossile  Pflanzengattung  TylodendroD.  Von  Herrn  H.  Potonie  in  Berlin. 

(Tafel  XII— XIII a.) 311 

Ueber  gewisse  nicht  hercynische  Störungen  am  Südwestrand  des  Thüringer 

Waldes.  Von  Herrn  H.  Pkoescholdt  in  Meiningen 332 

Diluviale  Süsswasser- Conchylien  auf  primärer  Lagerstätte  in  Ostpreussen. 

Von  Herrn  Henrv  Schröder  in  Berlin.  (Tafel  XIV.) 349 

Ergebnisse  eines  geologischen  Ausfluges  durch  die  Uckermark  und  Mecklen- 
burg-Strelitz.  Briefl.  Mittheilung  der  Herren  G.  Berendt  und  F.  Wahn- 
schaffe an  Herrn  W.  Hauchecorne.  (Tafel  XV.) 363 

Beitrag  zur  Kenntniss  der  oberen  Kreide  am  nördlichen  Harzrande.  Von 

Herrn  G.  Müller  in  Berlin.  (Tafel  XVI -XVIII.)  . ......  372 

Beitrag  zur  Kenntniss  von  Dislocationen.  Von  Herrn  A.  von  Koenen  in 

GöttiDgen.  (Tafel  XIX.) 457 

Das  Vorkommen  von  Inesit  und  braunem  Mangankiesel  im  Dillenburgischen. 

Von  Herrn  A.  Schneider  in  Berlin.  (Tafel  XX.) 472 


Abhandlungen  von  ausserhalb  der  Königl.  geologischen 
Landesanstalt  stehenden  Personen. 

Ueber  das  Vorkommen  des  oberen  Jura  in  der  Nähe  von  Kirehdornberg 

im  Teutoburger  Walde.  Von  Herrn  Georg  Gante  in  Cassel  ...  1 


1. 


Mittheilungen  ans 


der  Anstalt. 


1. 

Bericht  über  die  Thätigkeit 
der  Königlichen  geologischen  Landesanstalt 
im  Jahre  1887. 


I.  Die  Aufnahmen  im  Gebirgslande. 

Im  Mittelharze  wurden  von  dem  Landesgeologen  Professor  1.  Der  Harz. 
Dr.  Lossen  die  für  die  Ost-  und  Südostseite  des  Brockenmassivs 
und  seines  Contacthofes  auf  den  Blättern  Wernigerode  und 
Elbingerode  (G.  A.  56 ; 9,  15)  x)  behufs  des  Abschlusses  der  Auf- 
nahmen erforderlichen  Begehungen  ausgeführt.  Im  Zusammen- 

OO  O 

hange  damit  wurden  einige  Begehungen  auf  den  geologisch  ent- 

o 000  OO 

sprechenden  Antheilen  der  Blätter  Braunlage  und  Zellerfeld  vor- 
genommen  (G.  A.  56;  14,  7). 

Darüber  hinaus  wurde  auf  Blatt  Harzburg  (G.  A.  56;  8)  die 
Kartirung  in  dem  Gebiete  zwischen  Brocken,  Ilsethal  und  Radau- 
thal im  Granit,  Gabbro  und  Eckergneiss  fortgesetzt. 

Bezirksgeologe  Dr.  Koch  brachte  die  Aufnahme  nordöstlich 
vom  Brockenmassiv  auf  Blatt  Wernigerode  zum  Abschluss  und 
kartirte  alsdann  auf  Blatt  Harzburg  (G.  A.  56;  s)  das  Schiefer- 
gebirge beiderseits  der  Ecker  und  bis  zur  Radau  auf  der  Nord- 
seite, sowie  in  der  Umgebung  des  Forsthauses  Torf  haus  auf  der 
Westseite  des  Granits.  Demnächst  hatte  derselbe  noch  einige 
Nachtragungen  innerhalb  der  Blätter  Elbingerode  und  Blankenburg 
(G.  A.  56;  15,  16)  vorzunehmen. 


x)  (6.  A.  5G;  9,  15)  = Gradabtheilung  56;  Blatt  9 und  15, 


X 


2.  Thüringen. 


Im  Oberharze  wurden  vom  Sekretär  Halfar  die  Unter- 
suchungen in  dem  nordwestlichen  Theile  des  Blattes  Zellerfeld 
(Gr.  A.  56 ; 7)  in  der  Gegend  von  Bockswiese  und  Hahnenklee, 
sowie  am  Auerhahn  fortgesetzt. 

Derselbe  bewirkte  mit  Erfolg  die  Aufsuchung  von  Versteine- 
rungen im  Thale  »der  Grossen  Schacht«  bei  Riefensbeek. 

Am  Nordrande  des  Harzes  wurde  von  Professor  Dr. 
Dames  die  Aufnahme  des  Blattes  Halberstadt,  dessen  östliche 
Hälfte  im  Vorjahre  untersucht  worden  war,  auch  in  dem  west- 
lichen Theile  vollendet  (G.  A.  56;  11). 

Am  Westrande  des  Harzes  führte  Bezirksgeologe  Dr. 
Ebert  die  Aufnahme  des  grössten  Theiles  des  Blattes  Waake 
(G.  A.  55;  29)  dem  Abschlüsse  nahe  und  begann  die  Untersuchungen 
auf  Blatt  Gelliehausen  (G.  A.  55;  35),  dessen  westliche  Hälfte 
grösstentheils  fertig;  gestellt  wurde. 

Professor  Dr.  von  Koenen  vervollständigte  die  Untersuchung 
der  Blätter  Gandersheim,  Seesen,  Westerhof  und  Osterode  in 
deren  nicht  hercynischen  Theilen  durch  Eintragung  der  neueren 
Aufschlüsse  (G.  A.  55;  11,  12,  17,  is)  und  brachte  das  Blatt  Göttingen 
(G.  A.  55,  28)  bis  auf  eine  Schlussrevision  zum  Abschluss.  Ausser- 
dem begann  er  die  Aufnahme  des  im  westlichen  Theile  des  Blattes 
Waake  belegenen  Abschnitts  des  Muschelkalkplateaus  des  Göttinger 
Waldes. 

Im  nördlichen  Thüringen  wurde  vom  Bergingenieur 
Frantzen  die  Revision  des  Blattes  Kreuzburg  (G.  A.  55;  eo)  zu 
Ende  geführt. 

Dr.  Bornemann  jun.  setzte  die  Untersuchung  des  Blattes 
Fröttstedt  (G.  A.  70;  2)  fort. 

Dr.  G.  Meyer  begann  die  Aufnahme  der  Blätter  Heiligen- 
stadt und  Dingelstedt,  welche  bis  auf  den  südwestlichen  Tlieil 
des  ersteren  Blattes  und  vorbehaltlich  einer  Schlussrevision  fertig 
gestellt  wurden  und  kartirte  den  südöstlichen  Theil  des  Blattes 
Kella  (G.  A.  55 ; 41,  42,  47). 

Im  Thüringer  Walde  brachte  Bezirksgeologe  Dr.  Beyschlag 
die  Aufnahme  des  Blattes  Salzungen  (G.  A.  69;  12)  zum  Abschluss 
und  revidirte  den  südlichen  Theil  der  auf  Blatt  Eisenach 


XI 


(Gr.  A.  69;  6)  verbreiteten  Ablagerungen  des  Rothliegenden  und 
der  Zechsteinformation. 

Professor  Dr.  Weiss  führte  die  Aufnahme  der  Blätter  Brotte- 
rode und  Friedrichroda  (G.  A.  70;  70,  78)  und  des  ihm  übertragenen 
Antheiles  des  Blattes  Wutha  (G.  A.  70;  l)  zu  Ende  und  bewirkte 
in  Gemeinschaft  mit  Dr.  Scheibe  eine  Schlussrevision  der  Dar- 
stellung des  Rothliegenden  und  der  Zechsteinformation  im  süd- 
westlichen Theile  des  Blattes  Ohrdruff  (G.  A.  70;  9)  zur  Herbei- 
führung des  Anschlusses  an  das  westlich  angrenzende  Blatt 
Friedrichroda. 

Professor  Dr.  Bücking  führte  unter  Beihülfe  des  Dr.  Linck 
eine  Revision  der  Aufnahmen  der  Blätter  Schmalkalden  und  Tam- 
bach (G.  A.  70;  13,  14)  aus. 

Professor  Dr.  von  Fritsch  setzte  die  zur  Abschliessung  der 
Erläuterungen  zu  den  Blättern  Suhl,  Schleusingen  und  Tambach 
(G.  A.  70 ; 21,  27,  u)  erforderlichen  Revisionsbegehungen  fort  und 
bearbeitete  das  Blatt  Remda  (G.  A.  70;  18). 

Dr.  Zimmermann  brachte  die  Aufnahme  des  Blattes  Crawinkel 
(G.  A.  70;  15)  bis  auf  die  letzte  Revision  zum  Abschluss  und 
führte  einzelne  für  die  Vorbereitung  der  Blätter  Gotha,  Neu- 
Dietendorf,  Plaue  und  Stadt  Ilm  (G.  A.  70;  3,  4,  16,  17)  zur  Publi- 
kation erforderliche  Revisionsbegehungen  aus. 

Landesgeologe  Dr.  Loretz  setzte  die  Bearbeitung  der  Blätter 
Königssee  und  Schwarzburg  (G.  A.  70;  23,  24)  so  weit  fort,  dass 
dieselbe  ihrer  Vollendung  nahe  gerückt  ist.  Derselbe  begann 
demnächst  die  zu  einer  Umarbeitung  der  älteren  Aufnahmen  des 
Blattes  Ilmenau  erforderlichen  Begehungen  (G.  A.  70;  22). 

Im  südlichen  und  südöstlichen  Thüringen  wurden 
von  Dr.  Proescholdt  die  Blätter  Dingsleben  und  Hildburghausen 
behufs  des  Anschlusses  an  die  Nachbarblätter  revidirt  (G.  A.70;  32,  33) 
und  letzteres  Blatt  druckfertig  vollendet.  Von  demselben  wurden 
ferner  neu  aufgenommen  der  zu  Meiningen  gehörende  nordöstliche 
Theil  des  Blattes  Mendhausen  (G.  A.  70;  37)  und  der  nördliche 
Theil  des  Blattes  Rodach  (G.  A.70;  39). 

Ilofrath  Professor  Dr.  Liebe  revidirte  in  Gemeinschaft  mit 
Dr.  Zimmermann  den  südlichsten  Theil  des  Blattes  Probstzella 


XII 


(G.  A.  7 1 ; 25)  und  setzte  mit  demselben  die  Aufnahme  der  Blätter 
Lobenstein  und  Greiz  (G.  A.  7 1 ; 32,  24)  fort,  von  welchen  letzteres 
vollendet  wurde. 

Um  behufs  der  Herstellung  einer  Uebersichtskarte  des 
Thüringer  Waldes  Uebereinstimmung  unter  den  dort  arbeitenden 
Geologen  insbesondere  hinsichtlich  der  Behandlung  des  Roth- 
liegenden  und  der  zugehörigen  Eruptivgesteine  in  den  verschiedenen 
Aufnahmegebieten  herbeizuführen,  wurden  unter  Leitung  des 
Geheimen  Bergraths  Professor  Dr.  Beyrich  in  der  ersten  Hälfte 
des  Monats  September  gemeinschaftliche  Excursionen  im  Thüringer 
Walde  ausgeführt. 

3.  Die  Provinz  Im  Regierungsbezirk  Cassel  setzte  Professor  Dr.  Kayser 
n.'j.sj".  die  Aufnahmen  in  der  Gegend  von  Marburg  fort  und  vollendete 
hier  die  grössere  Hälfte  des  Blattes  Nieder -Weimar  (G.  A.  68;  15). 

Bezirksgeologe  Dr.  Beyschlag  begann  nach  einigen  Orien- 
tirungstouren  in  der  Umgegend  von  Cassel  die  Aufnahme  des 
Blattes  Wilhelmshöhe  (G.  A.  55;  37).  Derselbe  führte  ferner  die 
letzten  Revisionen  in  den  Blättern  Melsungen  und  Altmorschen 
aus  (G.  A.  55 ; 50,  56)  und  stellte  die  von  dem  verstorbenen  Landes- 
geologen Dr.  Moesta  begonnene.  Aufnahme  des  Blattes  Ludwigseck 
fertig  (G.  A.  69;  2). 

Professor  Dr.  Bücking  führte  die  Aufnahme  der  Blätter 
Neuswarts,  Kleinsassen  und  Hilders  weiter  (G.  A.  69;  22,  28,  29). 

Bergingenieur  Frantzen  nahm  die  nördliche  Hälfte  des 
Blattes  Salmünster  (G.  A.  69;  43)  und  im  Anschluss  daran  Tlieile 
der  Blätter  Steinau,  Birstein  und  Gelnhausen  (G.  A.  69;  37, 
G.  A.  68;  42,  48)  auf. 

Im  Interesse  der  Eisenbahn -Verwaltung  wurden  von  dem- 
selben Untersuchungen  zur  Auffindung  von  zur  Anlage  von  Stein- 

O 00 

brüchen  geeigneten  Bausteinen  für  die  Ausmauerung  des  Milseburg- 
Tunnels  mit  gutem  Erfolge  ausgeführt.  Sie  gaben  zur  Eröffnung 
eines  grossen  Steinbruches  im  Trochitenkalk  auf  dem  kleinen 
Ziegenkopf  bei  Kleinsassen  Anlass. 

Im  Regierungsbezirk  Wiesbaden  setzte  Professor  Dr. 
Kayser  die  im  Vorjahre  begonnenen  Aufnahmearbeiten  in  der 
Gegend  von  Dillenburg  fort.  Von  dem  Blatte  Herborn  wurde  ein 


XIII 


grösserer  im  nordöstlichen  Tlieile  des  Blattes  liegender  Abschnitt 
vollendet,  während  von  den  Blättern  Dillenburg,  Tringenstein  und 
Ballersbach  nur  kleine,  an  erstere  Aufnahme  angrenzende  Tlieile 
kartirt  wurden  (G.  A.  67  ; 18,  24,  G.  A.  68;  13,  19). 

Professor  Dr.  Holzapfel  bearbeitete  das  Blatt  Dachsenhausen, 
welches  seiner  Vollendung  nahe  geführt  wurde  (G.  A.  67;  45)  und 
begann  die  Aufnahme  des  Blattes  St.  Goarshausen  (G.  A.  67;  5i). 

In  der  Rheinprovinz  revidirte  Landesgeologe  Grebe  unter 
Zugrundelegung  der  neuen  Messtischblattaufnahmen  die  Blätter 
Trier  und  Pfalzel  (G.  A.  80;  14,  15).  Behufs  der  Verbindung  mit 
den  Reichsländischen  Gebietsantheilen  revidirte  derselbe  ferner  die 
Preussisclien  Antheile  der  Grenzblätter  Ittersdorf,  Bouss,  Saar- 
brücken, Dudweiler,  Lauterbach,  Emmersweiler  und  Hanweiler 
(G.  A.  80;  44,  45,  46,  47,  51,  52, 53)  und  der  Blätter  Freisen,  Ottweiler 
und  St.  Wendel  (G.  A.  80;  30,  35,  36),  letzterer  wegen  des  Anschlusses 
an  die  Bayerischen  Gebietsantheile. 

In  der  Provinz  Schlesien  vollendete  Dr.  Stapfe  die 
Aufnahme  des  Blattes  Charlottenbrunn  (G.  A.  76;  13). 

Landesgeologe  Dr.  Datiie  brachte  die  Aufnahme  des  Blattes 
Langenbielau  zum  Abschluss  (G.  A.  76;  20). 

Die  Aufnahme  der  Blätter  Rudolfs  waldau,  Neurode  und 
Frankenstein  (G.  A.  76;  19,  26,  27)  wurde  von  demselben  weiter- 
geführt. 

Bergrath  Schütze  setzte  die  Aufnahme  der  Blätter  Landeshut 
und  Waldenburg  fort  (G.  A.  75;  17, 18). 


II.  Die  Aufnahmen  im  Flaehüande 

unter  besonderer  Berücksichtigung  der  agronomischen 

Verhältnisse. 

Landesgeologe  Professor  Dr.  Berendt  bearbeitete  in  der 
durch  Revisionsreisen  nicht  in  Anspruch  genommenen  Zeit  mit 
Hülfe  der  Culturtechniker  Baldus  und  Wülfer  die  Blätter 
Templin,  Gollin  und  Ringenwalde,  deren  ersteres  fertiggestellt 
wurde  (G.  A.  28;  50,  56,  57). 


4.  Die  lxhein- 
provinz. 


5.  Die  Provinz 
Schlesien 


6.  Ucker- 
iniirkisches 
Arbeitsgebiet 


XIV 


7.  Havel- 
Kindisches 
Arbeitsgebiet. 


8.  Insel  Rügen 

9.  West- 
preussen. 


10.  Ost- 
preussen. 


Landesgeologe  Dr.  Wahnschaffe  bearbeitete  mit  Hülfe  des 
Culturtechnikers  Toellner  das  Blatt  Boitzenburg  und  vollendete 
dasselbe  (G.  A.  28;  44). 

Bezii’ksgeologe  Dr.  Klockmann  begann  und  beendete  mit 
Hülfe  des  Culturtechnikers  Blüthner  die  Aufnahme  der  Blätter 
Wusterhausen  a.  D.  und  Wildberg  (G.  A.  44;  7,8). 

Professor  Dr.  Grüner  führte  die  im  Vorjahre  begonnene  Auf- 
nahme des  Blattes  Wilsnack  (G.  A.  43;  4)  bis  auf  einen  kleinen 
Antheil  zu  Ende. 

Bezirksgeologe  Dr.  Keilhack  bearbeitete  mit  Hülfe  der  neu- 
eingetretenen  Culturtechniker  Poiilig,  Gossner  und  Herberger, 
nachdem  er  dieselben  in  die  Aufnahmemethode  eingeführt  hatte, 
die  Blätter  Göttin,  Glienicke,  Golzow  und  Damelang  (G.  A.  44; 

38,  43,  44,  45). 

Landesgeologe  Dr.  Läufer  führte  die  im  Vorjahre  begonnene 
Aufnahme  des  Blattes  Gross-Kreuz  (G.  A.  44;  33)  zu  Ende,  be- 
arbeitete alsdann  in  Gemeinschaft  mit  Dr.  Beushausen  das  Blatt 
Gross -Wusterwitz  (G.  A.  44;  37)  und  begann  die  Untersuchung 
des  Blattes  Kyritz  (G.  A.  44;  1). 

Dr.  Beushausen  vollendete  nach  Abschluss  des  Blattes  Gross- 
Wusterwitz  die  im  Vorjahre  von  Professor  Dr.  Scholz  begonnene 
Kartirung  des  Blattes  Brandenburg  (G.  A.  44;  32). 

Professor  Dr.  Scholz  setzte  die  Aufnahme  der  Insel  Rügen 
in  den  Blättern  Putbus  und  Vilmnitz  fort  (G.  A.  11;  7,8). 

Dr.  Jentzsch  begann  und  vollendete  die  Aufnahme  des 
Blattes  Pestlin  (G.  A.  33;  11)  und  führte  sodann  diejenige  des 
Blattes  Gross -Krebs  weiter  (G.  A.  33;  17). 

Dr.  Klebs  begann  die  Aufnahme  des  Blattes  Schippenbeil 
(G.  A.  18;  47)  und  brachte  dieselbe  zum  Abschluss. 

Dr.  Schroeder  beendete  die  im  Vorjahre  angefangene  Auf- 
nahme des  Blattes  Heiligelinde  (G.  A.  18;  60)  bis  auf  eine  noch 
erforderliche  Schlussrevison.  Alsdann  begann  derselbe  eine  Revision 
und  die  Fortsetzung  der  Aufnahmearbeiten  in  Blatt  Bischofstein 
(G.  A.  18;  58),  dessen  Untersuchung  Dr.  Noetling  vor  seiner 
Berufung  nach  Indien  in  Angriff'  genommen  hatte. 


XV 


Im  Laufe  des  Jahres  sind  zur  Publikation  gelaugt: 


A.  Karten. 

1.  Lieferung  XXXII,  enthaltend  die  Blätter 
Calbe  a.  M.,  Bismark,  Schinne,  Gardelegen, 

Klinke,  Lüderitz 6 Blätter. 

2.  Lieferung  XXXIV,  enthaltend  die  Blätter 
Lindow,  Gross-Mutz,  Klein-Mutz,  Wustrau, 

Beetz,  Nassenheide 6 » 

3.  Lieferung  XXXV,  enthaltend  die  Blätter 
Rhinow,  Friesack,  Brunne,  Rathenow,  Idaage, 

Ribbeck,  Bamme,  Garlitz,  Tremmen  ...  9 » 

zusammen  21  Blätter. 

Es  waren  früher  publicirt 173  » 

Mithin  sind  im  Ganzen  publicirt  . . . 194  Blätter. 


Was  deu  Stand  der  noch  nicht  publicirten  Kartenarbeiten 
betrifft,  so  ist  derselbe  gegenwärtig  folgender: 

1.  In  der  lithographischen  Ausführung  sind  ausserdem  noch 


beeudet : 

Lief.  XXXIII,  die  Gegend  von  Schillingen, 

Hermeskeil  etc 6 Blätter. 

Lief.  XXXVI , die  Gegend  von  Uers- 
feld etc.  .......  ...  6 » 

zusammen  1 2 Blätter. 


Die  Publicirung  dieser  Blätter  wird  binnen 
Kurzem  erfolgen. 

2.  In  der  lithographischen  Ausführung  begriffen 


sind 43  Blätter. 

3.  In  der  geologischen  Aufnahme  fertig,  jedoch 

noch  nicht  zur  Publikation  iu  Lieferungen 
abgeschlossen 136  » 

4.  Iu  der  geologischen  Bearbeitung  begriffen  .108  » 

Summa  299  Blätter. 

Einschliesslich  der  publicirten  Blätter  in  der 

Anzahl  von 194  » 

sind  demnach  im  Ganzen  bisher  zur  Unter- 
suchung gelangt 493  Blätter. 


Stand  der 
Publikationen. 


XVI 


Debit  der 
Publikationen. 


B.  Abhandlungen  und  Jahrbuch. 

1.  Band  VII,  Heft  3.  Untersuchungen  über  den  inneren  Bau 

westfälischer  Carbon -Pflanzen.  Von  Dr. 
Joh.  Felix.  Hierzu  Tafel  I — VI.  — 
Beiträge  zur  fossilen  Flora,  IV.  — Die 
Sigillarien  der  preussischen  Steinkohlen- 
gebiete, I.  Die  Gruppe  der  Favularien, 
übersichtlich  zusammengestellt  von  Prof. 
Dr.  Weiss.  Hierzu  Tafel  VII  — XV.  — 
Aus  der  Anatomie  lebender  Pteridophyten 
und  von  Cycas  revoluta.  Vergleichsmaterial 
für  das  phytopalaeontologische  Studium  der 
Pflanzen -Arten  älterer  Formationen.  Von 
Dr.  Potonie.  Hierzu  Taf.  XVI -XXI. 

2.  Band  VII,  Heft  4.  Beiträge  zur  Kenntniss  der  Gattung  Lepi- 

doius.  Von  Professor  Dr.  W.  Branco. 
Hierzu  ein  Atlas  mit  8 Tafeln. 

3.  Band  VIII,  Heft  2.  Ueber  die  geognostischen  Verhältnisse 

der  Umgegend  von  Dörnten  nördlich 
Goslar,  mit  besonderer  Berücksichtigung 
der  Fauna  des  oberen  Lias.  Von  Dr. 
Aug.  Denckmann.  Hierzu  ein  Atlas  mit 
10  Tafeln. 

4.  Jahrbuch  der  Königl.  Preuss.  geol.  Landesanstalt  und  Berg- 
akademie für  1886.  XCI  und  369  Seiten  Text  und  13  Tafeln. 

Nach  dem  Berichte  für  das  Jahr  1886  betrug  die  Gesammt- 
zahl  der  im  Handel  debitirten  Kartenblätter  . . 17  979  Blätter. 

Im  Jahre  1887  wurden  verkauft: 
von  Lieferung  I,  Gegend  von  Nordhausen  . . 40  Bl. 


» 

» 

ii,  » 

» Jena 

. 27 

y> 

» 

hi,  » 

» Bleicherode 

. 17 

IV,  * 

» Erfurt  . 

. 32 

116  Blätter. 


Latus  18095  Blätter. 


XVII 


Transport  1 8 095  Blätter. 


von 

Lief.  V,  Gegend  von 

Zöi'big  .... 

3 Bl. 

» 

» 

VI, 

» 

Saarbrücken 

I.  Tlieil  . . 

11 

» 

» 

» 

VII,  » 

» 

II.  * 

8 

» 

» 

» 

VIII,  » 

» 

Riechelsdorf  . 

17 

» 

» 

» 

IX, 

des  Kyffliäusers 

39 

» 

» 

» 

X, 

von 

Saarburg  . 

6 

» 

» 

» 

XI,  » 

» 

Berlin  Nordwesten 

(Nauen  etc.)  . 

9 

» 

» 

» 

XII,  » 

» 

Naumburg  a.  S.  . 

26 

» 

» 

» 

XIII,  » 

» 

Gera 

11 

» 

» 

» 

XIV,  » 

» 

Berlin  Nordwesten 

(Spandau  etc.) 

12 

» 

» 

» 

XV,  » 

» 

Wiesbaden 

23 

» 

» 

» 

XVI,  » 

» 

Mansfeld  . 

35 

» 

» 

» 

XVII,  » 

» 

Triptis  - Neustadt 

9 

» 

» 

» 

XVIII,  » 

» 

Eisleben 

4 

» 

» 

» 

XIX,  » 

» 

Querfnrt 

36 

» 

» 

» 

XX, 

» 

Berlin  Süden 

(Teltow  etc.)  . 

32 

» 

» 

» 

XXI,  » 

» 

Frankfurt  a.  M.  . 

21 

» 

» 

» 

XXII,  » 

» 

Berlin  Süd  westen 

( Potsdam  etc.) 

29 

» 

» 

» 

XXIII,  » 

» 

Ermschwerd  . . 

33 

» 

» 

» 

XXIV,  » 

» 

Tennstedt  . . 

15 

» 

» 

» 

XXV,  » 

» 

Mühlhausen  . 

19 

» 

» 

» 

XXVI,  » 

» 

Berlin  Südosten 

(Cöpenick  etc.) 

46 

» 

» 

» 

XXVII,  » 

» 

Lauterberg  a.  Harz 

11 

» 

» 

» 

XXVIII,  » 

» 

Rudolstadt 

16 

» 

» 

» 

XXIX,  » 

» 

Berlin  Nordosten 

40 

» 

» 

» 

XXX,  » 

» 

Eisfeld  in  Thür. 

30 

» 

» 

» 

XXXI,  » 

» 

Limburg  . 

46 

» 

» 

» 

XXXII,  » 

» 

Gardelegen  . 

214 

» 

so  dass  im  Ganzen  durch  den  Verkauf  debitirt  sind:  18  896  Blätter. 


Jahrbuch  1887. 


b 


XVIII 


Von  den  sonstigen  Publikationen  sind  verkauft  worden: 

A b h andlunge  n. 

Band  I,  Heft  1.  (Eck,  Rüdersdorf  und  Umgegend)  1 Exempl 

» » » 2.  (Schmidt,  Keuper  des  östlichen 

Thüringens) 1 » 

» » » 4.  (Meyn,  Insel  Sylt) 2 » 

» II,  » 1.  (Weiss,  Steinkolilen-Calamarien)  . 2 » 

» » » 2.  (Orth,  Rüdersdorf  und  Umgegend)  3 » 

» » » 3.  (Berendt,  Umgegend  von  Berlin)  3 » 

» IV,  » 4.  (Speyer  , Bivalven  des  Casseler 

Tertiärs) 2 » 

» V,  » 3.  (Noetling,  Fauna  d.  samländischen 

Tertiärs) 1 » 

» » » 4.  (Liebe,  Schichtenaufbau  Ost-Thü- 
ringens)   6 » 

» YI,  » 1.  (BeüSHAUSEN,  Oberharzer  Spiriferen- 

sandstein) 4 » 

» VII,  » 2.  (Berendt,  Märkisch -Pommersches 

Tertiär) 2 » 

» » » 3.  (Felix,  Weiss,  Potonie,  Carbon- 
pflanzen .........  46  . » 

» » » 4.  (Branco,  Lepidoten) 41  » 

» VIII,  » 1.  (Geologische  Karte  von  Berlin  und 

Umgegend) 18  » 

» » » 2.  (Denckmann,  Umgegend  v.  Hörnten)  43  » 

Ferner: 

Jahrbuch  für  1885  6 Exempl 

» » 1886  41  » 

Weiss,  Flora  der  Steinkohlenformation 30  » 

Geologische  Karte  des  Harzgebirges 5 » 

Höhenschichtenkarte  des  Harzgebirges 3 » 

Karte  der  Umgegend  von  Thale 3 » 

ö O 

Geologische  Karte  der  Stadt  Berlin 8 » 


XIX 


2. 

Arbeitsplan 

für  die  geologische  Landesaufnahme 
im  Jalire  1888. 


S.  !m  Harz  und  seiner  Umgebung. 

Professor  Dr.  Lossen  wird  die  Aufnahme  des  Blattes  Harzburg 
(Gr.  A.  56 ; s)  fortsetzen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Koch  wird  die  vou  Bergrath  von  Groddeck 

o o o 

bearbeiteten , jedoch  nicht  ganz  vollendet  hinterlassenen  An- 
theile  der  Blätter  Seesen,  Osterode,  Zellerfeld  und  Riefensbeek 
(G.  A.  55;  12,  18.  56;  7,  13)  behufs  der  Vorbereitung  der  Publication 
und  der  Erläuterungen  begehen  und  die  Aufnahme  ergänzen. 

Nächstdem  wird  derselbe  sich  an  der  von  Professor  Dr.  Lossen 
fortgesetzten  Aufnahme  des  Blattes  Harzburg  betheiligen. 

Sekretär  Halfar  wird  die  Aufnahme  des  liercynischen  Theiles 
des  Blattes  Goslar  (G.  A.  56 ; 1)  und  die  Ergänzung  der  Aufnahme 
im  nördlichen  Theile  des  Blattes  Zellerfeld  abschliessen. 

Professor  Dr.  Dames  wird  die  Untersuchung  des  Blattes 
Ballenstedt  in  seinem  nicht  hercynischen  Theile  in  Angriff  nehmen 
(G.  A.  56;  18). 

Bezirksgeologe  Dr.  Ebert  wird  die  Aufnahme  des  Blattes 
Waake  (G.  A.  55;  29)  abschliessen  und  diejenige  des  Blattes 
Gelliehausen  weiterführen  (G.  A.  55;  35). 

b* 


XX 


Professor  Dr.  von  Koenen  wird  die  von  ihm  begonnene 
Revision  der  Blätter  Gandersheim,  Seesen,  Westerhof  und  Osterode 
(G.  A.  55;  n,  12,  17,  18)  zum  Abschluss  bringen  und  die  Aufnahme 
der  Umgegend  von  Göttingen  (G.  A.  55;  28)  weiterführen. 


il.  Im  Thüringer  Walde  und  seiner  Umgebung. 

Bezirksgeologe  Dr.  Beyschlag  wird  die  begonnene  Vervoll- 
ständigung der  Aufnahme  des  Blattes  Eisenach  (G.  A.  69;  g)  ab- 
schliessen  und  die  zur  Veröffentlichung  dieses  Blattes  und  der 
Blätter  Wutha  und  Fröttstedt  (G.  A.  70;  i,  2)  erforderlichen  ver- 
gleichenden Untersuchungen  austeilen,  welche  sich  auch  auf  die 
nördlich  angrenzenden  Blätter  erstrecken  werden. 

Bergingenieur  Feantzen  wird  die  Revision  der  Blätter  Kreuz- 
burg und  Treffurt  beenden  (G.  A.  55;  GO,  54). 

Professor  Dr.  von  Fritsch  wird  die  Revision  der  Blätter 
Halle,  Gröbers , Merseburg,  Kötschau,  Weissenfels  und  Lützen 
(G.  A.  57 ; 34,  35,  40,  41,  46,  47)  absehliessen  und  diese  Blätter  zur 
Veröffentlichung  fertig  stellen.  Nächstdem  wird  derselbe  die 
Aufnahme  des  Blattes  Remda  (G.  A.  70;  is)  zu  Ende  führen. 

Landesgeologe  Dr.  Loretz  wird  die  Kartiruug  der  Blätter 
Königssee  und  Schwarzburg  (G.  A.  70;  22, 24)  fertig  stellen  und 
alsdann  die  Umarbeitung  des  Blattes  Ilmenau  (G.  A.  70;  22)  be- 
ginnen, bei  welcher  er  von  Dr.  Zimmermann,  Dr.  Scheibe  und 
für  die  Verbreitung  des  Steinkohlengebirges  von  Professor  Dr. 
WEISS  unterstützt  werden  wird. 

Dr.  Zimmermann  wird  eine  Schlussrevision  des  Blattes  Cra- 
winkel (G.  A.  70;  15)  bewirken  und  nächst  der  Mitwirkung  bei  der 
Umarbeitung  des  Blattes  Ilmenau  dem  Hofrath  Professor  Dr.  Liebe 
bei  den  Aufnahmen  im  östlichen  Thüringen  Hülfe  leisten. 

Dr.  Proesciiolpt  wird  die  Blätter  Dingsleben  und  Rodach 
(G.  A.  70;  32,  39)  zur  Veröffentlichung  fertig  stellen  und,  wenn  die 
Zeit  es  gestattet,  die  Arbeiten  in  den  Blättern  Sondheim  und  Ost- 
heim (G.  A.  69;  35,  36)  fortsetzen. 

Hofrath  Professor  Dr.  Liebe  wird  unter  Mitwirkung  des 
Dr.  Zimmermann  die  Aufnahme  des  Blattes  Naitschau  (G.  A.  71;  23) 


XXI 


zu  Eude  führen  und  diejenige  der  Blätter  Waltersdorf  und  Schön- 
bach (G.  A.  71  ; 18,29)  möglichst  zu  fördern  suchen.  Während  der 
durch  diese  Arbeiten  nicht  beanspruchten  Zeit  wird  derselbe  die 
Arbeiten  in  den  Blättern  Schleiz,  Lehesten,  Lobenstein  und 
Hirschberg  fortsetzen  und  eine  Revisionsbegehung  des  fertig  vor- 
liegenden Blattes  Weida  ausführen  (G.  A.  7 1 ; 27,  31,  32,  33, 17). 

Professor  Dr.  Weiss  wird  die  für  die  Herstellung  einer 
Uebersichtskarte  des  Thüringer  Waldes  erforderlichen  Begehungen 
des  Gesam mtgebietes  ausführen  und  den  Landesgeologen  Dr.  Loretz 
bei  der  Untersuchung  des  Steinkohlengebirges  in  dem  Blatte 
Ilmenau  (G.  A.  70;  22)  unterstützen. 

III.  Im  Regierungsbezirk  Cassel. 

Professor  Dr.  Ivayser  wird  die  Aufnahmen  in  der  weiteren 
Umgebung  von  Marburg  fortsetzen. 

Bezirksgeologe  Dr.  Beyschlag  wird  die  Aufnahme  des  Blattes 
Wilhelmshöhe  (G.  A.  55;  37)  fortsetzen,  und  wenn  thunlieh,  die- 
jenige des  Blattes  Cassel  (G.  A.  55;  38)  beginnen. 

Professor  Dr.  Oebbeke  wird  nach  einer  Schlussrevision  des  ' 
Blattes  Niederaula  und  Beendigung  der  Aufnahme  des  Blattes 
Neukirchen  diejenige  des  Blattes  Schwarzenborn  in  Angriff  nehmen 
(G.  A.  69;  8,  7,  1). 

Bergingenieur  Frantzen  wird  die  Aufnahme  des  Blattes  Sal- 
münster (G.  A.  69;  43)  abschliessen  und  diejenige  der  angrenzenden 
Blätter  Birstein,  Steinau  und  Altengronau  (G.  A.  68;  42.  69;  37,44) 
weiterführen. 

Professor  Dr.  Bücking  wird  behufs  der  Veröffentlichung  der 
Blätter  Gelnhausen , Langenselbold  , Bieber  und  Lohrhaupten 
(G.  A.  68 ; 48,  53,  54.  69;  49)  einige  Revisionsbegehungen  innerhalb 
dieser  von  ihm  aufgenommenen  Blätter  ausführen  und,  wenn  thun- 
lieh, die  Aufnahme  innerhalb  der  Blätter  Neuswarts,  Kleinsassen 
und  Hilders  fortsetzen  (G.  A.  69;  22,  28,  29). 

Neben  diesen  Arbeiten  für  die  geologische  Specialkarte  wird 
unter  Leitung  und  Mitarbeit  des  Professors  Dr.  Kayser  von  den 
Herren  Dr.  Leppla  und  Dr.  Denckmann  die  Bearbeitung  eines 


XXII 


neuen  Blattes  Waldeck -Cassel  der  geologischen  Uebersichtskarte 
von  Rheinland -Westphalen  im  Maassstabe  1 : 80000  in  Angriff 
genommen  werden. 

IV.  Im  Regierungsbezirk  Wiesbaden. 

Professor  Dr.  Kayser  wird  die  Aufnahme  der  Blätter  Dillen- 
burg,  Herborn,  Tringenstein  und  Ballersbach  (G.  A.  67;  18,24. 
68;  13,  19)  fortsetzen. 

Professor  Dr.  Holzapfel  wird  das  Blatt  Dachsenhausen  ab- 
schliessen  und  das  Blatt  St.  Goarshausen  zu  vollenden  suchen 
(G.  A.  67 ; 45,  5l). 

V.  In  der  Rheinprovinz. 

Landesgeologe  Grebe  wird  im  Regierungsbezirk  Trier  die 
zur  Uebertragung  seiner  auf  alten  Messtischblättern  ausgeführten 
und  fertig  vorliegenden  Aufnahmen  auf  die  von  der  Königlichen 
Landesaufnahme  hergestellten  neuen  Messtischblätter  erforderlichen 
Begehungen  und  Umarbeitungen  vornehmen,  und  zwar  zunächst 
für  die  Blätter  Wallendorf,  Bollendorf,  Cordeil  und  Ehrang  (G.  A. 
79;  3.  80;  7,  8,  9)  und  wenn  thunlichst  demnächst  für  die  nördlich 
angrenzenden  Blätter. 

Ausserdem  wird  derselbe  die  zur  Veröffentlichung  der  dem 
Nahe- Gebiet  angehörenden  Blätter  Buhlenberg,  Birkenfeld,  Noh- 
felden, Freisen,  Ottweiler  und  St.  Wendel  (G.  A.  80;  23,  24,  29,  30, 
35,  36)  erforderlichen  Revisionsbegehungen  ausführen. 

VI.  In  der  Provinz  Schlesien. 

Landesgeologe  Dr.  Dathe  wird  die  Aufnahme  der  an  das 
vollendete  Blatt  Langenbielau  (G.  A.  76;  20)  angrenzenden  Blätter 
Reichenbach  und  Rudolfswaldau  (G.  A.  76;  14,  19)  zum  Abschluss 
bringen,  damit  demnächst  die  Veröffentlichung  der  genannten  drei 
Blätter  und  des  Blattes  Charlottenbrunn  (G.  A.  76;  13)  bewirkt 
werden  könne. 

Dr.  Stapfe  wird  die  Aufnahmearbeiten  in  dem  Blatte  Schweid- 
nitz (G.  A.  76;  7)  fortsetzen. 


XXIII 


VII.  Im  Aufnahmegebiet  des  Flachlandes. 

a)  Uckermärkisches  Arbeitsgebiet. 

Landesgeologe  Professor  Dr.  Berendt  wird  mit  Hülfe  der 

o O 

neu  eiugetretenen  Hülfsgeologen  Dr.  Lattermann  und  Müller, 
sowie  zeitweise  des  Culturteclinikers  Wülfer  die  Blätter  Golliu, 
Ringenwalde  und  Gerswalde  fertig  stellen  (G.  A.  28;  56,  57,  5i).  Der- 
selbe wird  ausserdem  die  erforderlichen  Revisionsreisen  im  ge- 
sammten  Arbeitsgebiet  des  Flachlandes  ausführen. 

Landesgeologe  Dr.  Wahnschaffe  wird  mit  Hülfe  des  Cultur- 
technikers  Blütiiner  und  Hübinger  die  Aufnahme  der  Blätter 
Fürsten werder,  Dedelow  und  Hindenburg  fortsetzen  (G.  A.  28; 

38,  39,  45). 

Dr.  Ivlebs  wird  Blatt  Prenzlau  bearbeiten  und  eventuell 
nach  dessen  Vollendung  auf  Blatt  Nechlin  übergehen  (G.  A. 
28;  40,  34). 

Dr.  Schröder  wird  das  Blatt  Wallmow  aufnehmen  und  eventuell 
nach  dessen  Abschliessung  das  Blatt  Brüssow  in  Angriff1  nehmen 
(G.  A.  28 ; 41,  35). 

Dr.  Beushausen  wird  das  Blatt  Brandenburg  (G.  A.  44;  32) 
revidiren  und  die  Aufnahme  der  Blätter  Bietikow  und  Gramzow 
beginnen  (G.  A.  28 ; 46,  47). 

b)  Aufnahmegebiet  der  Priegnitz. 

Professor  Dr.  Grüner  wird  nach  Abschliessung  des  Blattes 
Wilsnack  (G.  A.  43;  4)  unter  Hülfeleistung  der  Culturtechniker 
Töllner  und  Gossner  die  Blätter  Glöwen  und  Deinertin  be- 
arbeiten (G.  A.  43;  5,  e). 

Dr.  Klockmann  wird  Blatt  Tramnitz  (G.  A.  44;  2)  beenden 
und  eventuell  das  bereits  in  der  Aufnahme  begriffene  Blatt  Ivyritz 
(G.  A.  44;  1)  fertig  zu  stellen  suchen. 

c)  Aufnahmegebiet  der  Insel  Rügen. 

Professor  Dr.  Scholz  wird  die  Aufnahme  der  Blätter  Lubkow, 
Putbus,  Vilmnitz  und  Middelhagen  (G.  A.  11;  6,  7,  8,  9)  zu  be- 
enden suchen  und  eventuell  nach  deren  Vollendung  nach  Westen 
weitergehen. 


XXIV 


d)  Ilinterpommersches  Arbeitsgebiet. 
Bezirksgeologe  Dr.  Keilhack  wird  unter  Hülfeleistung  des 
Culturtechnikers  Pohlitz  die  Bearbeitung  der  Blätter  Voldekow, 
Bublitz,  Gross -Karzenburg,  Gramenz,  Wurchow  und  Kasimirshof 
(G.  A.  31;  l,  2,  3,  7,  8,  9)  in  Augrifl-  nehmen  und  dabei  zugleich  die 
Unterweisung;  der  neu  eingetretenen  Culturtechniker  BaldüS  und 

o o 

Burek  bewirken. 

e)  Westpr eussisches  Arbeitsgebiet. 

Dr.  Jentzsch  wird  die  Aufnahme  der  Blätter  Gross -Krebs, 
Riesenburg  und  Gross-Radau  (G.  A.  33 ; 17, 18, 12)  weiterführen. 


XXV 


3. 

Mittlieilungen 

der  Mitarbeiter  der  Königlichen  geologischen 
Landesanstalt  über  Ergebnisse  der  Aufnahmen  im 

Jahre  1887. 


Mittheilung  des  Herrn  K.  A.  Lossen  über  Aufnahmen  im 
Brocken-Massiv  und  auf  Blatt  Harzburg. 

Im  Anschluss  an  die  Untersuchungen  des  Vorjahrs  und  ältere 
Voruntersuchungen  x)  und  unter  Berücksichtigung  der  seiner  Zeit 
durch  Chr.  Fr.  Jasche* 2)  getroffenen  Unterscheidungen  wurde  das 
Brocken-Massiv  einer  umfangreicheren  und  eingehenderen  Durch- 

o o 

forschung  unterworfen  behufs  Lösung  der  Frage,  in  wie  weit 
substanzielle  und  structurelle  Verschiedenheiten  der 
darin  auftretenden  Gesteine  eine  Gliederung  des  selb  eil 
in  solche  Glieder  zulassen,  welchen  eine  besondere 
geologische  Bedeutung  zukommt.  Substanziell  kommt 
namentlich  die  Vertheilung  von  Turmalin  (Schörl)  einerseits  und 
die  von  Malakolith  - Augit  andererseits  in  Betracht.  Structurell 
tritt  der  schlichte,  deutlich  und  dabei  möglichst  gleichmässig  und 
richtungslos  körnige  Granit  (Eugranit  im  engeren  Sinne  des  Worts) 


Ü Yergl.  dieses  Jahrb.  f.  1882,  S.  xxff. , sowie  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol. 
Gesellsch.  1876,  S.  405;  1880,  S.  206  u.  1887,  S.  233  ff. 

2)  Die  Gebirgsformationen  in  der  Grafschaft  Wernigerode  am  Harz  etc. 
2.  Aufl.  1863.  Abschn.  I.  Es  bedarf  nicht  erst  der  Erwähnung,  dass  unsere 
Vorstellungen,  welche  wir  vom  Granit  hegen,  ganz  andere  sind,  als  die  Jasche’s; 
das  hindert  uns  aber  nicht,  seinen  thatsächlichen  Beobachtungen  und  Unter- 
scheidungen gerecht  zu  werden. 


XXVI 


in  Gegensatz  zn  Jen  ganz  oder  theilweise  als  Schriftgranit  aus- 
gebildeten Spielarten,  dem  Pegmatit  und  Mikropegmatit,  und  zu 
den  mehr  oder  minder  ausgesprochen  porphyrischen  Spielarten, 
dem  porphyrartigen  Granit,  Granitporphyr  und  der  Granophyr- 
oder  Porphyr -Facies  des  Granits;  daneben  ist  die  drüsige  Be- 
schaffenheit gegensätzlich  zu  der  geschlossenen.  Hinsichtlich  der 
besonderen  geologischen  Rolle  verdienen  die  gangförmigen  Ge- 
birgsglieder  Berücksichtigung  neben  den  Gesteinen  des  stockförmigen 
Massivs,  sowie  innerhalb  dieses  letzteren  die  Unterschiede  des 
Kerns  und  der  Hülle  oder  diejenigen  randlicher  und  innerer  Zonen. 
Eine  innere  Zone  ist  z.  B.  die  Zone  der  Gabbro-Granite  Jasche’s, 
d.  h.  der  Granite,  welche  diagonal  durch  das  Massiv  den  Gabbro 
von  Hasserode  über  den  Meineckenberg  und  die  Gruhe  mit  dem 
Harzburger  Gabbro  an  der  Ecker  verbinden,  während  der  Ilsen- 
steiner  Granit  Jasche’s  ebenso  deutlich  eine  Randzone  zusammen- 
setzt. — Unter  diesen  Gesichtspunkten  lassen  sich  die  Ergebnisse 
der  einschlägigen  Untersuchungen  zusammenfassen,  wie  folgt: 

1.  Substanziell  ist  Turmalingehalt  an  und  für  sich  für 
keinen  der  Harzgranite  als  solchen  allein  bezeichnend,  er  kommt 
vor  im  Eugranit  des  Brockengebiets,  im  Granit  der  Gabbro- Granit- 
Zone,  im  Ilsensteiner,  wie  im  Andreasberger  Granit,  in  den  Gängen 
im  Gabbro,  selbst  im  Hohne-Diorit  (speciell  in  der  von  Keibel 
analysirten,  auf  der  Universität  zu  Berlin  bewahrten  Probe),  fehlt 
nicht  ganz  im  Rammberggranit  und  wird  für  den  Ockergranit 
geradezu  als  besonders  charakteristisch  angegeben,  was  indessen 
wohl  eher  für  das  vielbegangene  Ockerthal,  in  dem  der  Granit 
fortwährend  an  den  Hornfels  grenzt,  als  für  die  grössere  östlich 
anschliessende  Masse  gelten  dürfte.  — Immerhin  scheint  der  Tur- 
malin in  der  nordöstlichen  Ilsensteiner  und  der  südwestlichen 
Andreasberger  Randzone  des  Brocken  - Massivs  als  Drusen- 
mineral besonders  stark  hervorzutreten,  wie  dies  wohl  auch  für 
den,  übrigens  viel  selteneren  Flussspath  gilt. 

2.  Augitische  Mineralien  sind  im  Granit  bisher  nur  aus 
der  Gabbro  - Granitzone  und  zwar  hier  unbeschadet  des  höheren 
oder  niederen  Kieselsäuregehalts  und  unbeschadet  der  eugranitischen 
oder  mikropegmatitischen  Structur  gefunden.  Ebenso  auch  in  Granit- 


XXVII 


gangen  zwischen  dem  Radautlial  und  der  Ostseite  des  Ocker- 
grauits  uud  ganz  speciell  in  dem  Augitgranitit,  der  in  schmalen, 
übrigens  recht  quarzarmen  Gängen  der  Harzburger  Gabbroformation 
und  ihres  metamorphosirten  Nebengesteins  auftritt.  Dagegen  ist 
der  Malakolith-Augit,  von  dem  letztgenannten  Vorkommen  abge- 
sehen, keineswegs  in  allen  Graniten  dieser  Zone  oder  dieser  Gänge 
vorhanden,  viel  eher  in  der  Minderzahl  derselben,  ja  anscheinend, 
obwohl  sich  das  nicht  ohne  umfangreiche  mikroskopische  Studien 
sicher  behaupten  lässt,  ist  die  grosse  Mehrzahl  augitfrei.  Der 
Hauptaugitgehalt  ist  im  Augitquarzdiorit,  Augitdiorit  und  Gabbro 
zu  suchen,  die  auf  der  Ost-  und  Westseite  des  Brockengranits 
stehen,  in  einzelnen  Vorkommnissen  aber  auch  inmitten  der  Gabbro- 
Granitzone  zwischen  dieser  Ost-  und  Westseite  und  noch  jenseits 
des  Harzburger  Gabbro  gegen  den  Ockergranit  hinzu  Vorkommen. 
(Meineckenberg,  Grube,  Ferdinandsthal,  Silberborn). 

3.  Eine  scharfe  Grenze  zwischen  den  basischeren  Augit- 
führenden  Granititen  und  den  saureren  Augit-Biotit-Quarzdioriten 
giebt  es  ebenso  wenig  als  zwischen  den  basischeren  Augit-Biotit- 
Quarzdioriten  und  den  sauersten  Gabbro -Typen  (Biotit- Augit- 
Gabbro).  Das  weist  uns  auf  die  annähernde  Gleichaltrigkeit 
des  Gabbro-Gran its  mit  den  Dioriten  und  Gabbros  hin. 

4.  Es  giebt  zwar  andererseits  ganz  zuverlässig  Granit- 
Gänge  im  G a b b r o , wel che  auf  das  rel ativ  jüngere  Alter 
eines  Theiles  der  Granitformation  hinweiseu,  aber  es  giebt 
auch  Granit-Gänge  im  Granit,  was  für  die  lange  Dauer 
der  Granit- Aufpressung  spricht.  Der  Ilsensteiner  Granit 
greift  an  seinem  NW. -Ende  westlich  von  der  Ecker  vom  Kalte- 
thalskopf  her  direct  mit  seinen  Ausläufern  in  den  Gabbro  bei 
Harzburg  ein,  so  dass  man  speciell  diesen  Theil  der  Brocken- 
granit-Formation als  den  jüngsten  bezeichnen  darf,  um  so  mehr 
als  er  porphyrische  Apopliysen  in  der  NW.- SO. -Richtung,  ent- 
sprechend seiner  Axeuriehtung , aussendet  und  quer  gegen  das 
vorherrschende  Streichen  der  Harzschichten  gerichtet  ist.  Der 
Augit- Gehalt  gewisser  Granit- Gänge  im  Gabbro  dürfte  darauf 
hindeuten , wie  allmählich  ’ das  aufgepresste  Magma  wieder  die 
reine  Granit-Mischung  annahm. 


XXVIII 


5.  Eine  Stelle  wenig  unterhalb  des  Radauborns , an  welcher 
Granit  und  Bastit-Serpentin  aneinandergrenzen  und  der 
letztere  wallnuss-  bis  faustdicke  Kerne  von  typischem 
eugranitischem  Brockengranitit  nmschliesst,  die  gegen 
den  Serpentin  hin  von  einer  basischeren,  glimmerreicheren  und 
Bisilicat  führenden  Hülle  umgeben  sind,  zeigt  das  umgekehrte 
Verhältniss  derjenigen  Granite  der  Gabbro-Granit-Zone  oder  der 
Harzburger  Gangformation,  welche  basische  Kerne  in  einer  sauren 
Hauptmasse  bergen  (in  einem  Harzburger  Ganggranit  mit  75,98  pCt. 
Si02  z.  B.  ein  Augit  reiches  Gestein  von  nur  44,57  pCt.  Si-C^); 
gleichviel  ob  man  diese  Kerne  als  Bruchstücke  ansehen  will  oder 
als  Folge  unhomogener  Erstarrung  zweier  gemischter  Magmen, 
wird  man  hier,  wo  die  basische  Hauptmasse  das  umhüllende  Ge- 
stein ist,  dazu  geführt,  derselben  eine  relativ  spätere  Festwerdung 
als  dem  Granit  zuzuerkennen;  bezeichnender  Weise  liegt  diese 
Stelle  auf  der  Grenze  des  bis  gegen  den  Sclmbenstein  vorge- 
schobenen Andreasberger  Granits  und  des  Gabbro- Granits,  der 
bis  in  die  Gegend  des  Abbensteins  zu  reichen  scheint.  — Es  reden 
diese  Verhältnisse  der  Auffassung  das  Wort,  wonach  die 
Eruption  der  basischeren  Eugranite  (Diorite,  Gabbros  etc.) 
eine  vorübergehende  Phase  während  der  längere  Zeit 
vor  und  nach  ihrer  Aufpressung  andauernden  Granit- 
Eruption  war. 

6.  Structurell  und  substanziell  sind  Ilsensteiner  und  Andreas- 
berger Granit  nahezu  gleichartig  mit  dem  Unterschiede  jedoch, 
dass  in  dem  letzteren  granitporphyrische  Structuren  mehrfach  die 
sonst  hier  wie  dort  herrschenden  mikropegmatitischen  vertreten. 
Eine  Altersgleichheit  ist  aus  dieser  Uebereinstimmung 
indessen  nicht  abzu leiten,  da  der  Ilsensteiner  Granit  sicht- 
lich jünger  als  die  Gabbroformation  ist,  wie  oben  dargethan;  nur 
so  viel  scheint  daraus  abzuleiten,  dass  nach  und  vor  der  Gabbro- 
Eruption  die  gleichen  Mischungsverhältnisse  im  Eruptionsheerde 
geherrscht  haben.  Auch  können  jene  vom  Eugranit  abweichenden 
Structurformen  nicht  schlechthin  als  an  die  Aussenseite  des 
Granit-Massivs  gebunden  bezeichnet  werden  oder  an  die  ursprüng- 
liche Oberfläche  der  unter  den  erst  später  weggewaschenen  Sedi- 


XXIX 


menten  im  Erdinneren  erstarrten  Eruptivmasse,  obwohl  dieselben  im 
Extrem  ihrer  Ausbildung,  einschliesslich  der  Drusigkeit  und 
der  charakteristischen  Drusenmineralien  hier  ihre  Stelle  haben.  Im 

SW.  der  Brockengruppe  unterlagert  der  solchergestalt  abnorm  er- 

« 

starrte  Andreasberger  Granit  in  einer  ungeahnt  breiten  Ausdehnung 
die  Reste  der  erodirten  Hornfels-Decke,  setzt  aber  auch  da  noch 
fort,  wo  diese  aufhören,  offenbar  zufolge  einer  nur  um  einen  ge- 
ringen Betrag  tiefgreifenderen  Erosion.  Gegen  NO.,  also  in  der 
vorherrschenden  Streichrichtung  der  Harzschichten,  gegen  den 
Brocken  hebt  sich  der  eugranitische  Kern  aus  der  Hülle 
dieses  Andreasbe  rger  Granits  heraus,  das  sind  die  Granit- 
Massen  der  hohen  Gipfel,  die  Brockengranite  im  engeren 
Sinne  des  Worts.  An  ihre  NW.-,  N.-,  NO.-  und  O.- Seite  legt 
sich  nun  aber  nicht  der  Ilsensteiner  Granit  als  eine  den  Andreas- 
berger Granit  auf  der  gegenüberliegenden  Seite  ergänzende  Hülle 
an.  Wohl  umgeben  auch  hier  zur  Mikropegmatit- Structur  hin- 
neigende oder  sogar  ausgezeichnet  mikropegmatitische  Granite  den 
Eugranit,  aber  sie  sind  nicht  so  drüsig  wie  der  Andreasberger 
und  der  Ilsensteiner  Granit,  sie  führen  z.  Th.  Augit  und  sind  un- 
trennbar eng  verbunden  mit  den  noch  mehr  nach  Aussen  liegen- 
den Gabbro-Graniten,  die  Quarzdiorite  und  Gabbro -Massen 
einhüllen  und  dabei  wieder  echt  eugranitisch  werden,  als  habe  die 
Aufpressung  des  aus  grösserer  Tiefe  stammenden  schwereren 
basischeren  Magmas  zugleich  eine  Wärmezufuhr  und  damit  lang- 
samere gleichmässigere  grobkörnigere  Auskrystallisirung  bedingt. 
Erst  dann  folgt  nach  Aussen  der  von  Hasserode  bis  nahe  an  den 
Harzburger  Schlossberg  reichende  Ilsensteiner  Granit,  der 
nirgends  direct  mit  dem  Andreasberger  Granit  in 
gleicher  Ausbildung  zusammenhängt  und  vielmehr  einen 
mächtigen  randlichen  Nachschub  der  wiedergekehrten 
reinen  Granit-Masse  in  der  jüngeren  hercynischen  Streichrichtung 
bedeutet,  als  einen  Krustentheil  des  Brockengranits.  Das  spricht 
sich  dann  auch  aus  im  Fehlen  der  auflagernden  IIornfels- 
Massen,  die  den  Andreasberger  Granit  auszeichnen,  während  die 
Gabbro  - Granite  reich  an  in  die  Tiefe  gestürzten  Hornfels- 
Schollen  sind,  die  bis  in  die  Thalsohlen  der  tiefen  Thäler  reichen. 


XXX 


Dem  Ilsensteiner  Granit  müssen  zeitlich  die  Granitgänge  im 
Gabbro  zugerechnet  werden,  obwohl  sie  grossentheils,  wenn  sie 
nicht  gar  zu  geringmächtig  sind,  eugranitische  oder  porphyrartig- 
eugranitische  Structur  besitzep,  was  wohl  ebenfalls  der  Wärme- 
zufuhr durch  den  Gabbro  zugeschrieben  werden  muss,  wie  denn 
ja  auch  der  Gabbro  selber  sichtlich  viel  weniger  zur  Feinkörnig- 
keit oder  gar  porphyrähnlichen  Structur  neigt,  als  der  Granit, 
obwohl  örtlich  Verdichtungen  nicht  ganz  fehlen. 

Will  man  nach  diesen  Ergebnissen  den  Brocken granit 
gliedern,  so  würden  demnach  zu  unterscheiden  sein  durch 
Nüancen  derselben  Grundfarbe  oder  Signaturen  auf  derselben: 

1.  Der  Eugranit  der  engeren  Brockengruppe  (Granit  der 
mittleren  Hochgipfel), 

2.  die  Mikropegmatit-  oder  Granitporphyr  - reiche  drüsige 
Hülle  desselben  im  S.-,  SW.-  und  W.:  Andreasberger  Granit, 

3.  die  Gabbro-Granit-Zone,  in  welcher  überdies  die  basischeren 
Quarzaugitdiorit-  und  Gabbro -Massen  die  ihnen  zukömmlichen 
Farben  zu  erhalten  hätten, 

4.  der  Ilsensteiner  Nachschub-Granit, 

5.  die  porphyrischen  Apophysen  dieses  letzteren, 

6.  Harzburger  Gang- Granite  und  Granite  in  den  Dioriten 
und  Gabbros  der  Hohne,  einschliesslich 

7.  der  Audalusit  - führenden  porphyrisch  - felsitischen  bis 
gneissigen  Granit-Bandstücke  oder  Gänge  1). 

Ueber  die  sonstigen  Fortschritte  speciell  auf  Blatt  Harzburg 
wird  Herr  Koch,  welcher  unter  meiner  Leitung  den  grössten  Theil 
der  den  Granit  nicht  betreffenden  Aufnahmen  ausgeführt  hat, 
specieller  berichten.  Generell  sei  nur  bemerkt: 

1.  Die  Umwandlung  der  typischen  Kieselschiefer, 
sowohl  der  Culmkieselschiefer,  als  der  unterdevonischen  (letztere 
auf  den  Bl.  Wernigerode  und  Elbingerode^  im  Granitcontact 
zu  zuckerkörnigen  Quarziten  hat  sich  überall  sehr  deutlich 


')  Vergl.  Zeilschr.  d.  Deutsch,  geol.  Gesellsch.  1887,  S.  234. 


XXXI 


bestätigt  gefunden  und  konnten  darnach  Hauptquarzit-Einlagerungen, 
welche  frühere  Forscher  verzeichnet  hatten,  sicher  als  Culmkiesel- 
schiefer  an  mehreren  Stellen  nachgewiesen  werden. 

2.  Die  Zusammengehörigkeit  der  sehr  Kali-reichen, 
durch  kleine  Orthoklas  - Krystalloide  scheckig  gezeichneten  bis 
dichten,  weissliehen  bis  gelblichweissen  oder  grauen  Bandhorn- 
felse1),  welche  früher  mit  Kalkhornfelsen  verwechselt  worden 
sind,  zum  Kieselschiefer  als  umgewandelte  Wetz-  oder 
Adinolschi efer-Lagen  ist  ebenso  sicher  erwiesen  für  das  gleiche 
Verbreitungsgebiet  und  für  Culm,  wie  für  Devon.  Der  hohe 
Kali-Gelialt  ist  wohl  durch  Verdrängung  des  Natron-Silicats  durch 
Kali-Silicat  bei  der  Metamorphose  zu  erklären. 

3.  Eckergneisse  stehen  ausserhalb  der  grossen  zusammen- 
hangenden  Masse  des  Eckergebiets  z.  B.  ganz  typisch  entwickelt  zu- 
sammen mit  zuckerkörnigem  Kieselschiefer  - Quarzit  an  der  W.- 
Seite  des  Unteren  Radaubergs  neben  einem  Granit-Durchbruch  an 
und  sind  hier  sicher  hochgradig  metamorphosirte  Culmschiefer- 
Hornfelse,  in  Einklang  mit  der  Darstellung  der  Uebersichtskarte; 
doch  dürften  Grauwacken-Aequivalente  im  Eckergneiss  nicht  fehlen, 
ob  auch  Kieselschiefer  - Aequivalente , muss  noch  dahin  gestellt 
bleiben. 

Die  chemische  und  mikroskopische  Untersuchung  der  Eeker- 
gneisse  ist  z.  Th.  bereits  durchgeführt,  die  Kieselsäure- Wertlie 
schwanken  danach  unter  Miteinbeziehung  der  C.  W.  C.  Füchs- 
schen  älteren  Analysen  zwischen  80,96  und  59,09  pCt.,  die  Basen 
schwanken  z.  Th.  ebenfalls  recht  auffällig.  Unter  deu  von  Kayser 
seiner  Zeit  gesammelten  Ecltergneiss-Proben  finden  sich  mehrfach 
feinkörnige  glimmerführende  Gabbro-Gesteine. 

4.  An  der  neugebauten  Kohleborn -Strasse  wurde  ein  sehr 
deutlicher  Gang  grobkörnigen  Gabbros  im  Bastit-Olivin- 
Serp entinfels  beobachtet.  Er  enthält  auch  deu  schon  Jasciie 
nicht  unbekannten  schönen  rotlien  Rutil,  allem  Anschein  nach 
durch  Umwandlung  aus  Titaneisenerz  hervorgegangen. 

9 Ein  Theil  der  i.  d.  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Gesellsch.  1887,  S.  511  auf- 
geführten Orthoklas-Hornfelse. 


XXXII 


Mittheilung  des  Herrn  M.  Koch  über  Aufnahmen  auf 
Blatt  Harzburg. 

Die  auf  Blatt  Harzburg  untersuchten  Gebirgstheile  in  der 
Umgebung  des  Torfhauses  westlich  vom  Brockengranitmassiv  und 
zwischen  Ilse  und  Radau  nördlich  desselben,  umfassen  die  nord- 
östliche Endigung  des  Acker-Bruchbergquarzits,  die  Quarzitmassen 
zu  beiden  Seiten  der  Ecker  , als  dessen  streichende  nur  durch 
den  Granit  getrennte  Fortsetzung,  sowie  die  aus  Kiesel-,  Thon- 
scliiefern  und  Grauwacken  sich  aufbauenden  Schichten,  welche 
sich  gegen  Altenau  resp.  Harzburg  hin  nordwestlich  an  den 
Quarzit  auschliessen.  Sie  bilden  einen  Theil  jenes  mächtigen, 
quer  durch  den  Harz  gerichteten  Schichtenbandes,  welches  sich 
zwischen  die  ihrem  Alter  nach  wohl  bestimmten  Ablagerungen 
des  Unter-  und  Oberharzes  einschiebt,  über  dessen  geologische 
Stellung  selbst  jedoch  sich  in  Folge  des  Fehlens  leitender  Petre- 
facten  eine  sichere  Auffassung:  nicht  gewinnen  liess.  F.  A.  Roemer 
rechnete  die  Quarzite  zum  Spiriferen-  Sandstein,  also  zum  Unter- 
devon, später  zum  Culm.  E.  Kayser  wurde  durch  die  gleiche 
Folge  und  petrographische  Ueberseinstimmung  der  Schichten  nord- 
westlich vom  Quarzit  mit  denen  auf  der  Südostseite  desselben 
veranlasst,  die  Grauwacken,  Kiesel-  und  Thonschiefer  als  Aequi- 
valente  der  Tanner  Grauwacke  und  der  Wiederschiefer,  den 
Quarzit  selbst  als  eine  in  diese  eingelagerte  Mulde  des  Haupt- 
quarzits anzusehen,  eine  Auffassung,  welche  nicht  mehr  haltbar 
war,  seitdem  v.  Groddeck  das  Vorkommen  der  Posidonomya 
Beclieri  im  Huhthal,  südöstlich  vom  Osteröder  Grünsteinzug, 
sicher  nachgewiesen  hatte.  Lossen  vertrat  schon  im  Jahre  1877 
die  Ansicht  1),  dass  die  überaus  mächtig  entwickelten  Quarzit- 
massen nicht  nur  dem  stets  geringmächtigen  Hauptquarzit,  sondern 
dem  gesammten  Unterdevon  incl.  der  Elbingeroder  Grauwacke 
entsprächen,  und  dieses  abweichend  ausgebildete  Unterdevon  längs 
einer  streichenden  Störung  unter  Verstauchung  mittel-  und  ober- 
devonischer Schichten  auf  Culm  aufgeschoben  sei.  Durch  die 
Untersuchungen  des  Berichterstatters  konnte  nun  zwar  die  petro- 


')  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1877,  S.  612  — 624. 


XXXIII 


graphische  Uebereinstimnmng  und  der  streichende  Zusammenhang 
der  Schichten  auf  der  Nordwestseite  des  Ecker  - Usequarzits  mit 
den  unzweifelhaft  dem  Culm  angehörenden  Ablagerungen  zwischen 
Grünsteinzug  und  Bruchbergquarzit  und  damit  die  Unhaltbarkeit 
der  Auffassung  E.  Kayser’s  auch  für  diesen  Theil  des  Ge- 
birges nachgewiesen  werden;  die  Altersstellung  des  Quarzits  sicher 
beweisende  Beobachtungen  sind  jedoch  nicht  zu  verzeichnen.  Es 
sind  weder  leitende  Petrefacten  aufgefunden,  noch  sichere  Anhalts- 
punkte gewonnen  worden,  welche  für  die  Annahme  Lossen’s  einer 
streichenden  Wechselüberschiebung  Verwerthung  finden  könnten. 

In  dem  Gebiete  am  Torfhaus  liegen  die  Verhältnisse  nicht 
günstiger  als  an  den  nordwestlichen  Einhängen  des  Acker-  und 
Bruchbergs,  indem  auch  hier  mächtige  Quarzitschuttmassen  die 
Hänge  überrollen  und  nur  unter  vieler  Mühe  und  mit  geringer 
Sicherheit  auf  Genauigkeit  Abgrenzung  der  an  den  Quarzit 
sichU anschliessenden  Schichtenglieder  gestatten.  In  dem  Ge- 
biete  bei  Idarzburg  nördlich  des  Granits  erscheinen  die  Auf- 
schlussverhältnisse insofern  günstiger,  als  durch  einen  neuen  Fahr- 
weg, welcher  von  der  Mündung  des  Grossen  Thals  auslaufend  in 
einer  Serpentine  den  Wartenberg,  die  Kattnäse  und  die  Höhe 
der  Uhlenköpfe  erklimmt,  die  sämmtlichen  Glieder  vom  Quarzit 
bis  zur  Culmgrauwacke  mehrmals  annähernd  gegen  das  Streichen 
durchquert  werden.  Jedoch  auch  hier  lässt  sich  nirgends  der 
Anschluss  des  Quarzits  an  die  Culmscliichten  in  anstehendem 
Gestein  beobachten. 

Quarzite  von  meist  deutlichem  sandsteinartigem  Habitus  setzen 
die  Höhen  zwischen  Ilse  und  Ecker  und  jenseits  der  letztem  bis 
zur  Kattnäse  zusammen;  westlich  vom  Torfhaus  nehmen  sie  den 
grössten  Theil  des  Dänenkopfes  und  der  Lerchenköpfe  ein.  In 
beiden  Gebieten  ist  die  petrographische  Beschaffenheit  des  Quar- 
zits die  gleiche.  Es  sind  kalkfreie,  hellfarbige  und  gleichkörnige, 
meist  lockere  und  dann  löcherige  (Kienberg),  seltener  zähe  oder 
ungleichkörnig  und  conglomeratisch  ( Hirschkopf ) ausgebildete 
Gesteine.  Wie  die  Aufschlüsse  der  Steinbrüche  am  Kienberg, 
die  Profile  am  rechten  Ufer  der  Ecker  und  der  neuen  Holzabfuhr- 
wege am  Gehänge  des  Hirschkopfs  gegen  die  Ecker  recht 

Jahrbuch  1887.  n 


XXXIV 


schön  zeigen,  bildet  der  Quarzit  nicht  zusammenhängende  Massen, 
sondern  es  wechsellagern  mehr  oder  weniger  mächtige  Bänke 
reiner  Quarzite  mit  sehr  wechselnd  starken  Lagen  äusserst  fein- 
schliegiger  Thonschiefer  oder  sandigschiefrigen,  lockern  und  au 
hellem  Glimmer  reichen  Materials.  Letzteres  ist  bisweilen  der- 
artig mit  undeutlichen  Pflanzenresten  erfüllt,  dass  die  für  gewöhn- 
lich hellgefärbten  Zwischenhafen  dunkel  erscheinen.  Starke 
Zerklüftung  und  der  massige  Charakter  der  Quarzite  lässt  die 
eigentliche  Schichtung  stark  zurücktreten.  Dennoch  ermöglichen 
der  häufige  Gesteinswechsel  und  die  unten  erwähnten  Einlage- 
rungen der  Quarzite  eine  ziemlich  genaue  Feststellung  der  Streich- 


linien und  dadurch  der  Faltungen  in  den  Quarzitmassen  selbst. 
Als  vereinzelte  Erscheinung  (unterer  Holzabfuhrweg  am  Hirsch- 
kopf) wurden  sehr  schöne  gewellte  Schichtflächen  beobachtet, 
deren  krumm schalige  Vertiefungen  mit  thonigem  Material  ausgefüllt 
sind.  In  ihrer  Form  entsprechen  sie  ganz  den  Wellenfurchen  der 
Sandsteine  jüngerer  Formationen  und  sind  wohl  auch  auf  die 
gleiche  Entstehung  zurückzuführen. 


XXXV 


Ausser  den  oben  erwähnten,  in  inniger  Wechsellagerung  mit 
Quarzitbänken  auftretenden  und  unzweifelhaft  der  Quarzitformation 
selbst  augehörenden  Zwischenlagen  wird  deren  Zusammenhang 
häufig  durch  ziemlich  bedeutende  Mächtigkeit  erreichende  Kicsel- 
und  Wetzschiefereinlagerungen,  zu  denen  grüne  und  rothe  Schiefer 
und  untergeordnet  Adinolen  treten,  unterbrochen.  Die  bedeutendste 
derselben  läuft  von  der  Schmalen  Scheide  unweit  der  Ecker  aus- 
gehend quer  über  den  Bauerberg  und  ist  mit  nur  einmaliger 
Unterbrechung  bis  an  den  Granit  zu  verfolgen.  Sie  besteht  quer 
gegen  das  Streichen  gerechnet  aus  30  Schritt  schwarzem  Kiesel- 
schiefer,  80  Schritt  grünlichgrauen  Wetzschiefern  und  50  Schritt 
rothem  Schiefer.  Adinolen  wurden  nur  in  der  äussersten,  nach 
der  Ecker  hinweisenden  Spitze  des  Zuges  gesammelt.  Auch  jen- 
seits der  Ecker  am  Hirschkopf  treten  derartige  Kiesel -Wetzschiefer- 
züge  mit  grösserer  oder  geringerer  Betheiligung  von  bunten 
Schiefern  recht  häufig  aus  dem  Quarzit  hervor.  Neben  dichten 
Adinolen  kommen  hier  eigenthümliche  porphyroidartige,  durch 
makroskopisch  erkennbare  Quarzkörnchen  und  braune  Glimmer- 
blättchen ausgezeichnete  schwarze  oder  graue  Gesteine  vor.  Sie 
erinnern  in  ihrer  Zusammensetzung  einerseits  an  adinolartige  Ge- 
steine,  welche  in  Verbindung  mit  Kieselschiefer  am  Kipper-  und 
Löbeberg  bei  Oehrenfeld  im  Liegenden  des  Quarzits,  aber  auch 
von  Lossen  am  Ifenkopf  südlich  Altenau  in  echtem  Culm  beob- 
achtet wurden;  andererseits  an  feinkörnige,  braunen  Glimmer 
führende  Grauwacken  aus  dem  Klosterholz  bei  Usenburg,  ebenfalls 
aus  dem  Liegenden  des  Quarzits.  Was  die  Auffassung  der  Kiesel- 
schiefereinschaltungen betrifft,  so  könnten  dieselben  als  zur  Quar- 
zitformation zu  zählende  Einlagerungen,  als  sattelförmig  auf- 
tauchende oder  bei  der  Faltung  hindurchgestossene  Theile  des 
zunächst  Liegenden  des  Quarzits  oder  endlich  als  Aequivalente 
der  Culmkieselschiefer  angesehen  werden.  Trotz  der  grossen  petro- 
graphischen  Aelinlichkeit  mit  den  letzteren  scheint  die  Ausbildung 
der  Quarzitbänke,  welche  an  die  Kieselschieferzüge  angrenzen, 
darauf  hinzudeuten,  dass  sie  Schichtengliedern  der  Wiederschiefer 
entsprechen,  in  denen  der  Quarzit  im  Klosterholz  bei  Ilsenburg 
und  am  Spitzen-  und  Kipperberg  südlich  Oehrenfeld  aushebt. 


XXXVI 


Es  treten  nämlich  längs  der  Kieselschieferzöge  alle  jene  Aus- 
bildungsformen quarzitischer  Gesteine  auf,  wie  sie  nördlich  der 
Sattelaxe  der  Tauner  Grauwacke  im  Bereich  des  Hauptquarzits 
bekannt  geworden  sind : sehr  glimmerreiche  plattigbrechende  Ge- 
steine, krummschalige,  auf  den  Schichtflächen  mit  Glimmer  über- 
zogene Quarzitschiefer,  schwarze  glasige,  eigenthümlich  rund- 
höckerige Quarzite  und  durch  Aufnahme  von  Feldspatli-  und 
Schiefermaterial  auf  der  Grenze  zwischen  Grauwacken  und  Quar- 
ziten stehende  Gesteine.  Nur  die  kohlensauren  Kalk  enthaltenden 
Glieder  des  Hauptquarzits  fehlen  nach  den  bisherigen  Beob- 
achtungen. 

Eigentümliche  breccienartige  Quarzite,  wie  sie  von  Herrn 
Prof.  Lossen  schon  auf  Blatt  Wernigerode  am  Nackten  Stein 
und  dem  Kamm  der  Hippein,  nahe  der  Granitgrenze  beobachtet 
wurden,  treten  auch  hier,  längs  der  Granitgrenze  der  Stötterthals- 
köpfe,  auf.  Sie  bestehen  aus  scharfkantigen  Quarzitbruchstücken, 
welche  durch  ein  sandiges  Gement  verkittet  sind,  und  haben  ihre 
Entstehung  wohl  nur  mechanischer  Zertrümmerung  der  dem 
Granit  zunächst  liegenden  Quarzitschichten  bei  der  Faltung  des 
Gebirges  und  der  Aufpressung  des  Granits  zu  danken.  Durch 
Turmalingehalt  dunkel  gefärbte  Quarzite  besitzen  auf  Blatt  Harz- 
burg nicht  die  Verbreitung  wie  längs  der  Granitgrenze  am  Nackten 
Stein  und  Halberstädter  Kopf  auf  Blatt  Wernigerode. 

Als  trennende  Glieder  zwischen  Quarzit  und  derben  Cnlm- 
grauwacken  treten  zunächst  dem  Quarzit  Culmkieselschiefer  auf, 
am  Wartenberg  gemeinsam  mit  Adinolen,  rothen  und  grünen 
Schiefern  und  schwachen  Diabaslagern,  gegen  die  Grauwacke  hin 
Schiefer  mit  schmalen  Bändern  von  feinkörnigem  Grauwacken- 
material.  Nur  an  wenigen  Stellen,  wie  an  dem  stark  mit  Quarzit- 
schutt überrollten  Nordabfall  der  Lerchenköpfe,  konnten  Kiesel- 
schiefer am  Quarzit  nicht  nachgewiesen  werden.  Es  würde  dies 
auf  eine  streichende  Störung  längs  des  Quarzits  schliessen  lassen, 
wenn  nicht  die  Ungunst  des  Terrains  und  die  Ueberrolluug  mit 
Schutt  die  Zuverlässigkeit  der  Beobachtung  in  Frage  stellten. 
Die  Umwandlung  der  Kieselschiefer  in  der  Granitnähe  zu  hell- 
farbigen, feinkörnigen  Quarziten,  welche  schon  früher  in  Gemein- 


XXXVII 


Schaft  mit  Herrn  Prof.  Lossen  am  Meineberge  an  den  Kiesel- 
schiefereinlagerungen der  Wiederschiefer  beobachtet  wurde,  hat 
in  dem  untersuchten  Gebiet  in  weitem  Maasse  stattgefunden. 
Diese  umgewandelten  Kieselschiefer  sehen  echten  Quarziten  so- 
wohl im  Stück  wie  auch  im  Dünnschliff  so  täuschend  ähnlich,  dass 
nur  der  streichende  Zusammenhang  mit  unverändertem  Gestein, 
die  deutliche  Schichtung  gegenüber  dem  mehr  massigen  Quarzit 
und  die  Erhaltung  der  häufig  vorhandenen  Streifung  und  Bände- 
rung auch  im  Hornfelszustand  darüber  entscheiden  kann,  ob  das 
eine  oder  andere  vorliegt.  Eine  Reihe  von  Vorkommnissen,  welche 
früher  als  Quarziteinlagerungen  angesehen  wurden,  haben  sich 
als  solche  durch  Contact  umgewandelte  Kieselschiefer  erwiesen. 

Mittheilung  des  Herrn  A.  IIalfar  über  neuere  Auffindung 
von  Petrefacten  zwischen  dem  Bru chberg- Acker-Quarzit 
und  Osteroder  Grünsteinzug  und  über  Aufnahmen  auf 
Blatt  Zellerfeld. 

Herr  A.  Halfar  erlangte  durch  seine  geologische  Thätigkeit 

Ö o o o 

im  Jahre  1887  hauptsächlich  zwei  Resultate.  Zunächst  gelang 
es  ihm,  ausserhalb  seines  Arbeitsgebietes  im  südlichen  Theile 
des  nordwestlichen  Oberharzes  in  der  bis  zum  Jahre  1883  nur 
als  fast  petrefactenleer  gekannten  Schichtenfolge  zwischen  dem 
Quarzitrücken  des  Bruchberg-Ackers  und  dem  nordwestlich  davon 
gelegenen  sogenannten  Osteroder  Grünsteinzuge , und  zwar  im 
Thale  der  »Grossen  Schacht«  südwestlich  von  Riefensbeek,  nachzu- 
weisen, dass  die  recht  unbedeutende  Petrefacten-Fauna,  welche 
auf  Adolph  Roemer’s  Andeutungen  hin  durch  den  inzwischen 
verstorbenen  Director  der  Clausthaler  Bergakademie,  Herrn  Berg- 
rath Dr.  von  Groddeck  ermittelt  und  von  1883 — 1885  mit  grossem 
Fleisse  ausgebeutet  worden  war,  doch  etwas  reicher  ist,  als  dies  bisher 
bekannt  war.  Zu  den  nicht  seltenen  Crinoidenstielen,  einigen  un- 
deutlichen Orthoceren  und  einem  verkiesten  Lamellibranchiaten, 
welche  bereits  von  letztgenanntem  Forscher  im  Grosse  Schacht- 
Thale  vorwiegend  aus  einer  Einlagerung  sehr  dunklen,  höchst  un- 
reinen Kalksteins  in  Thonschiefern  zwischen  zwei  Kieselschiefer- 
Zonen  gewonnen  worden  waren,  kamen  noch  in  grosser  Individuen- 


XXXVIII 


Zahl  Tentaculiten  und  Goniatiten  hinzu,  leider  jedoch  in  der 
denkbar  schlechtesten  Erhaltung1). 

Andererseits  liess  sich  in  dem  eigentlichen  Arbeitsgebiete  (Blatt 
Zellerfeld)  in  der  neuerdings  »Goslarer  Schiefer«  benannt  gewesenen 
Schichtengruppe  am  nördlichen  Saume  des  Mittleren  Grumbacher 
Teiches  östlich  Bockswiese  und  nördlich  von  Zellerfeld  das  Auf- 
treten der  Gattung  Homalonotus  nachweisen , obschon  vorläufig 
nur  aus  sehr  mangelhaften,  wenigen  Kesten.  Bedarf  dasselbe 
daher  auch  noch  einer  weiteren  Bestätigung  durch  zukünftige 
deutlichere  Funde,  so  liefert  es  doch  einen  Beitrag  mehr  zur 
richtigen  Altersdeutung  der  sogenannten  Goslarer  Schiefer.  Ausser 
den  petrographischen  Analogien  dieser  mit  den  Orthocerasschiefern 
von  Wissenbach  und  den  jenen  gleichstehenden  Devonbildungen 
im  Nassauischen  kommen  nämlich  beiderseits  auch  gleiche  Petre- 
facten  vor,  und  unter  diesen  sind  von  Goniatiten  als  besonders 
charakteristisch  bekannt:  Goniatites  occultus  Barr.2),  sogar  von  der 
oben  genannten  Fundstelle  der  Homalonoten- Reste,  Gon.  verna- 
rhenanus  Maurer3 4)  vom  nördlichen  Saume  des  Oberen  Grum- 
bacher Teiches  östlich  Bockswiese  sowie  vom  untersten  Schalk- 
teiche nordöstlich  von  Zellerfeld,  und  der  allgemein  als  Leitfossil 
betrachtete  Gon.  Jugleri  A.  RoemA)  (=  Gon.  emaciatus  Barr.)  von 
der  Festenburg,  welcher  auch  gar  nicht  selten  in  den  Thonschiefern 
im  Rammelsberg-Bergwerke  südlich  Goslar  vorkommt.  Da  hiernach 
die  Gleichaltrigkeit  der  in  Rede  stehenden  Nassauer  und  Oberharzer 
Devonbildungen  keinem  Zweifel  unterliegen  dürften,  so  muss  auch 
der  frühere  A.  RoEMER’sche  Name  »Wissenbacher  Schiefer«  für  die 
letzteren  wieder  an  die  Stelle  der  Bezeichnung  »Goslarer  Schiefer« 
treten  5). 

Im  Uebrigen  wurde  bei  den  letzten  geognostischen  Aufnahmen, 
welche  sich  auf  die  theilweise  Beseitigung  mehrerer  Lücken  be- 

*)  Siehe  auch  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.,  Jahrg.  1887,  Protokoll  der 
November- Sitzung. 

2)  Dieses  Jahrbuch  für  1883,  S.  51. 

3)  Dieses  Jahrbuch  für  1883,  S.  53. 

4)  Dieses  Jahrbuch  für  1883,  S.  45. 

5)  Vergl.  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.,  Jahrg.  1887,  Protokoll  der  December- 
Sitzung. 


XXXIX 


schränkten,  die  in  der  bisherigen  Darstellung  des  Devon  und  Culm 
in  der  Gegend  zwischen  Hahnenklee,  Bockswiese  und  dem  Auer- 
hahn-Gasthause sowie  südlich  Goslar  am  Herz-  und  Rainmelsberge 
verblieben  waren,  wenig  bemerkenswerthes  Neue  beobachtet. 

An  der  nördlichen  Abdachung  des  Herzberges  tritt  auf  dem 
kleineren  östlichen  Bergtheile  in  der  südlichen  Böschung  des 
mittleren  der  drei  neu  angelegten  Forstwege  (des  Kükenkorbs- 
Weges  der  Oberförster  REUSs’schen  Uebersichtskarte  von  der 
Stadtforst  Goslar  a.  II  .,  im  Maassstabe  1 : 16000)  in  den  Calceola- 
schicliten  ein  Gestein  auf,  welches  in  ihnen  von  keiner  anderen 
Stelle  auf  dem  nordwestlichen  Oberharze  bisher  bekannt  geworden 
ist.  Dasselbe  bildet  ein  schmales,  nur  5 Centimeter  dickes 
Bänkchen,  welches  an  genanntem  Wege  etwa  45  Schritt  nordwest- 
wärts  von  der  Grenze  des  Spiriferensandsteins  in  h.  4.  6.  0 *) 
streicht  und  unter  40°  nach  SO.  einfällt.  Es  besitzt  bei  einer 
grauen  bis  duukelgrauen,  feucht  einen  deutlichen  Stich  in’s  Berg- 
grüne zeigenden  Farbe  die  Härte  7,  ist  spröde,  dicht,  hat  un- 
deutlich kleinmuschligen  bis  splittrigen  Bruch  und  lässt  als 
accessorische  Bestandtheile  unter  der  Lupe  zahlreiche  metall- 
glänzende  punktförmige  Kryställclien  von  fein  eingesprengten 
Kiesen,  besonders  wohl  Schwefelkies  und  Bleiglanz,  erkennen. 
Dieses  Gestein  wird  durch  unzählige,  zu  seinen  Begrenzungs- 
flächen mehr  oder  weniger  schräge,  mit  weissein  Quarz  und  Kalk- 
spath  meist  wieder  ausgefüllte  Querklüftchen  förmlich  in  unregel- 
mässige, sehr  dünne  Querplatten  zerschnitten.  Da  es  vor  dem 
Löthrohr  nicht  schmilzt  und  in  Säuren  unlöslich  erscheint,  so 
kann  es  in  Anbetracht  seiner  grossen  Härte  und  sonstigen  Eigen- 
schaften nur  als  eine  Kieselschiefer- Varietät  betrachtet  werden. 

An  dem  steilen,  westsüdwestlichen  Absturze  des  Rammels- 
berges,  östlich  oberhalb  des  Herzberger  Teiches,  wurde,  einiger- 
maassen  aufgeschlossen  durch  einen  neuen  Forstfussweg,  welcher 
von  der  eingeebneten  Fläche  mit  dem  langen  Maschinengebäude 
des  Rammeisberg  - Bergwerks  westlich  unterhalb  des  Grossen 


')  Die  magnetische  Deklination  nach  W.  betrug  für  Clausthal  in  der  Auf- 
nahmezeit 12°  24 Vf  oder  h.  9.  G.  9,8  0.  = rund  h.  9.  6.  10.  0. 


XL 


Communionsteinbruches  mit  sanftem  Ansteigen  in  südsüdwest- 
licher Richtung  angelegt  ist,  zwischen  den  zweifellosen  Calceola- 
schichten  und  den  darüber  (hier  scheinbar  darunter)  folgenden 
Wissenbacher  Schiefern  eine  etwa  15  Schritt  breite  eigenthümliche 
Schichtenzone  beobachtet.  An  ihrem  Liegenden  treten  zwei  sehr 
mächtige  Einlagerungen  von  recht  hell  bis  ziemlich  dunkel  berg- 
grünem, feinkörnigem  Quarzit  auf,  während  sie  sonst  aus  meist 
auffallend  harten,  grünlichgrauen,  durch  den  Einschluss  von 
mikroskopisch  kleinen  Glimmerschüppchen  hell  schimmernden, 
z.  Th.  phyllitähnlichen  Thonschiefern  besteht,  die  am  Hangenden 
in  niederen  Klippen  aus  dem  von  Gesteinsschutt  ganz  überrollten 
Bergabsturze  hervortreten.  Diese  Zwischenbildung  schliesst  sich  in 
ihrer  allgemeinen  Beschaffenheit  den  hiesigen  Calceolaschichten  an. 

An  dem  nordwestlichen  Innenrande  des  grösseren  unteren 
Theiles  des  Kranicher  Teiches  südwestlich  Hahnenklee  tritt,  etwa 
50  Schritt  vom  unteren  Damme,  in  ein  Paar  kaum  ^3  Meter 
starken  bankförmigen  Einlagerungen,  ganz  an  der  unteren  Grenze 
des  Culm-Posidonomyenschiefers,  deutlich  körnige  Grauwacke  auf, 
und  zwar  mit  einem  Uebergauge  in  kleinkörniges  Conglomerat, 
welches  Milchquarzbrocken  von  mehr  als  Erbsengrösse  enthält. 
Südsüdöstlich  gegenüber  von  hier,  in  der  südlichen  Teichecke, 
erscheint  in  dem  daselbst  ungewöhnlich  harten  Posidonomyen- 
scliiefer  diese  conglomeratische  Grauwacke  in  Folge  eines  kiesel- 
säurereicheren Bindemittels  fester,  ist  Kieselschiefer  ähnlich  zer- 
klüftet und  zeigt  auf  den  Kluftflächen  ockergelbe  und  rauchgraue 
Anflüge. 

Die  überaus  verwickelten  Lagerungsverhältnisse  der  Devon- 
und  Culmschichten  in  dem  diesmaligen  Untersuchungsgebiete 

O O Ö 

lassen  sich  ohne  bildliche  Darstellung  leider  nicht  klarlegen. 

Bezüglich  der  ungemein  zahlreichen  und  mannigfaltigen 
Schichtenzerreissungen,  durch  welche  ihre  Erkenntniss  noch  mehr 
erschwert  wird,  sei  nur  ganz  allgemein  angeführt,  dass,  wie  sonst 
im  nordwestlichen  Oberharze,  auch  diesmal  vorwiegend  mehr  oder 
minder  querschlägige  Verwerfungen  neben  den  mehr  zurück- 
tretenden nachgewiesen  wurden,  die  in  einer  streichenden,  im 


XLI 


Allgemeinen  südwest- nordöstlichen  Richtung  liegen,  wobei  jedoch 
nicht  unbedeutende  Abweichungen  von  dieser  Vorkommen.  Ferner 
konnten  auch  einige,  zur  Lage  dieser  beiden  Hauptverwerfungen 
annähernd  diagonal,  mehr  nordsftdwärts , verlaufende  Schichten- 
störungen mit  Sicherheit  festgestellt  werden. 

Mittheilung  des  Herrn  A.  von  Koenen  über  Aufnahmen 
westlich  und  südwestlich  vom  Harz. 

Die  Kartirung  der  Umgegend  von  Göttingen  ergab  eine  immer 
grössere  Zahl  von  grösseren  und  kleineren  Dislocationen,  welche 
durchweg  in  ihrem  Verhalten  als  weitere  Belege  für  die  An- 
schauungen gelten  können,  welche  vom  Verfasser  in  den  letzten 
Bänden  des  Jahrbuchs  der  Königl.  Preuss.  geol.  Landesanstalt 
mitgetheilt  wurden,  z.  Th.  auch  iu  dem  Aufsatz  »Beitrag  zur 
Kenntniss  von  Dislocationen«  in  diesem  Bande  benutzt  wurden. 
Name  atlich  zeigten  sich  an  den  Abhängen  in  der  Gegend  von 
Nikolausberg-Moringen  mehrere  schmale  Gräben,  mittlerer  Muschel- 
kalk in  Wellenkalk  eingesenkt  in  Parallelspaltungen  zum  Leine- 
thal, deren  Fortsetzung  auf  den  Plateaus  von  oberem  Muschelkalk 
oder  von  Wellenkalk  gar  nicht  nachzuweisen  ist  oder  nur  dann 
verfolgt  werden  kann,  wenn  man  von  jenen  besseren  Aufschlüssen 
ausgeht.  Recht  eigenthümlich  verhält  sich  ferner  eine  von  dem 
Dorfe  Geismar  verlaufende  Spalte.  Zunächst  liegt  hier  Keuper 
zwischen  oberem  Muschelkalk  eingesunken,  weiterhin  hat  sich  die 
»Lengdener  Burg«  längs  dieser  Spalte  gegen  das  Wellenkalk- 
Plateau  des  »Göttinger  Waldes«  gesenkt;  über  Gross-Lengden 
hinaus  ist  sie  im  Gebiet  des  Röth  nicht  zu  verfolgen,  aber  im 
Fortstreichen  derselben  folgt  der  »Hengst«,  eine  Wellenkalk-Mulde 
mit  deutlicher  Verwerfungsspalte  in  der  Muldenlinie  und  meist  ziem- 
lich steil  einfällenden  Flügeln,  welche  durch  drei  verschiedene  Nord- 
Süd-Brüche  mehrmals  nach  Osten  hin  in’s  Liegende  verworfen 
wird,  so  dass  der  im  Westen  einen  hohen  Kamm  bildende  Nord- 
Hügel  im  Osten  in  die  Thalsohle  hinabsinkt. 

Ferner  stellte  sich  heraus,  dass  die  südlich  von  Herberhausen 
verlaufende  komplizirte  Bruchlinie  und  die  Sattelspalte  der  »Kieper« 


XLII 


welche  den  Bau  des  Hainberges  wesentlich  beeinflussen,  nach  Süd- 
osten hin  konvergiren  und  bei  dem  Gute  Kerstlingeröderfeld  sich 
vereinigen. 

Aufschlüsse  bei  der  Neu-Fassung  des  »Reinsbrunnens  für  die 
Wasserleitung  von  Göttingen « stehen  z.  Th.  noch  in  Aussicht, 
haben  aber  im  letzten  Herbst  ergeben,  dass  stellenweise  über  dem 
Kalktuff  ein  grauer  bis  gelber  oder  bläulicher  kalkhaltiger  Sand 
liegt,  z.  Th.  noch  von  Kalktufi'  bedeckt,  in  welchem  Ziegelstück- 
chen liegen,  z.  Th.  aber  auch  von  Lehm  bedeckt.  Der  Sand  ent- 
hielt an  einer  Stelle  zahlreiche  Helix,  Pupa , Succinea  oblonga  etc. 
Vermuthlich  hat  Bornemann  solchen  Sand,  der  in  solcher  Lage 
und  als  Diluvialsand  mir  sonst  nicht  bekannt  geworden  ist,  als 
Tertiärsand  gedeutet,  welchem  er  auch  in  der  That  ähnlich  ist. 
(Ueber  die  Liasformation  in  der  Umgegend  von  Göttingen,  Inaug.- 
Diss.,  Göttingen  1854,  S.  14.)  Ich  habe  wirklichen  Tertiärsand 
unterhalb  des  Reinsbrunnens  nicht  gesehen;  übrigens  hat  ja  Borne- 
mann  diese  Deutung  nur  mit  allem  Vorbehalt  gegeben. 

Mittheilung  des  Herrn  Th.  Ebert  über  Aufnahmen  im 
Bereich  der  Blätter  Waake  und  Gelliehausen. 

Die  Aufnahme  auf  Blatt  Waake  und  Blatt  Gelliehausen 
haben  ergeben,  dass  dieses  Gebiet  reich  au  Schichtenstörungen  ist, 
die  zum  grossen  Theil  offenbar  mit  den  Störungen  des  Leinethaies 
im  engen  Zusammenhänge. stehen.  Die  Mehrzahl  der  nachgewiesenen 
Bruchlinien  hat  ein  nordnordöstliches  Streichen.  Die  bedeutendste 
derselben  ist  eine  Verwerfung,  welche  beide  Blätter  durchschneidet 
und  sowohl  nördlich  wie  südlich  des  Gebietes  sich  noch  weiter 
fortsetzt.  Dieselbe  zieht  sich,  vom  Süden  kommend,  auf  Blatt 
Gelliehausen  östlich  vom  Dorfe  Rohrberg,  am  »Heinebrink«,  dem 
»Gr.  Seeberg«,  am  Dorfe  Bremke  und  dem  Escheberg  vorüber  in 
das  Thal  zwischen  »Blumenthalsberg«  und  »Dibichsberg«.  Auf 
der  ganzen  Strecke  ist  der  Röth  gegen  den  Mittleren  Buntsand- 
stein verworfen.  Der  weitere  Verlauf  bis  zum  »Alten  Kaiser« 
(Blatt  Waake)  ist  noch  nicht  sicher  gestellt,  da  hier  die  Unter- 
suchungen noch  nicht  beendigt  sind.  Dort  ist  aber  die  Verwerfung 
wieder  deutlich  zu  beobachten.  Dieselbe  erhält  am  Hengstberg 


XLIII 


eine  starke  Ablenkung  nach  Osten,  und  zwar  wahrscheinlich  in 
Folge  einer  hier  durchschneidenden  Querverwerfung.  Jenseits  der 
letzteren  am  Dachsberg  wendet  sie  sich  wieder  nach  Nord,  be- 
ziehungsweise Nordost,  läuft  durch  das  Thälchen  zwischen  Mittel- 
und Langenberg,  schneidet  die  Schweckhäuser  Wiesen,  zieht  sich 
am  Ostabhang  der  »Fuchslöcher«  entlang,  durchquert  zwischen 
Ebergötzen  und  Domäne  Radolfshausen  das  Auethal,  und  verläuft 
wahrscheinlich  über  »Borzeleck«  und  »Streit«  und  durch  das  Sau- 
thal nach  Werxhausen  auf  Blatt  Lindau.  Kurz  vor  diesem  Orte 
schneidet  der  Fahrweg  nach  Krebeck  (Blatt  Waake)  die  Ver- 
werfung. Obwohl  auf  der  Strecke  vom  Dachsberg  bis  Werxhausen 
nur  wenig  Aufschlüsse  die  Verwerfung  deutlich  zeigen,  ist  der 
angegebene  Verlauf  doch  als  richtig  anzunehmen,  da  östlich  dieser 
Linie  die  Bausandsteine  bis  auf  unbedeutende  Partieen,  der 
Chirotheriumsandstein  und  der  Röth  aber  gänzlich  fehlen,  und 
vielmehr,  selbst  in  den  höchsten  Niveaus,  nur  die  unteren  Schichten 
des  Mittleren  Buntsandsteins  mit  Gervillia  Murchisoni  Dein,  und 
Estherien  vertreten  sind.  Ausserdem  beweist  aber  auch  das  vielfach 
zu  beobachtende  steile  Einfallen  der  Schichten  in  der  Nähe  der 
angegebenen  Linie  die  Richtigkeit  der  Auffassung. 

Vom  Südrand  des  Blattes  Gelliehausen  bis  Bremke  bildet 
diese  Verwerfung,  die  ich  der  Kürze  halber  die  »Bremker -Ver- 
werfung« nennen  will,  die  östliche  Begrenzung  einer  Grabenver- 
senkung. Der  westliche  Rand  des  Grabens  wird  durch  eine 
Bruchliuie  gebildet,  die  in  vorwiegend  nördlicher  Richtung  am 
Westabhang  des  Rohrbergs  entlang,  dann  mehr  nordöstlich  durch 
ein  Thälchen  im  Hüttenholz  nach  Ischenrode  verläuft  und  jenseit 
des  Dorfes  mit  mehr  nördlicher  Richtung  am  Möncheberg  durch 
Lehmablagerungen  verdeckt  wird.  Wahrscheinlich  bildet  eine  Ver- 
werfung am  Ostabhang  des  Eschebergs  die  Fortsetzung,  so  dass 
der  Graben  sich  hier  an  der  Bremker  Verwerfung  auskeilt. 

Die  ganze  Röth-  und  Muschelkalk -Partie  südlich  Bremke 
ist  also  eingesunken,  und  zwar  z.  Th.  te rassenförmig,  wie  ein  Auf- 
schluss am  Nordrand  des  Rohrbergs  zeigt,  andererseits  auch  die 
verschiedene  Höhenlage  der  unteren  Grenze  der  einzelnen  Wellen- 
kalk-Partieen  vermuthen  lässt. 


XLIV 


Die  zahlreichen  Bruchlinien  östlich  der  Bremker  Verwerfung 
sind  schwer  zu  verfolgen  und  zu  fixiren,  da  dieselben  sich  im 
Gebiet  des  Mittleren  Buntsandsteins,  und  zwar  vorwiegend  der 
unteren  Abtheilung  desselben  befinden. 

Mittheilung  des  Herrn  J.  G.  Bornemann  über  Aufnahmen 
auf  Blatt  Wutha. 

Die  Aufnahme  des  Blattes  Wutha  wurde  zum  Abschluss 
gebracht. 

Im  Gebiete  des  Oberen  Rothliegenden  gestatteten  einige  neuere 
Aufschlüsse  in  Eisenach  specielle  Studien  bezüglich  der  Ent- 
stehuugsweise  dieser  Ablagerung.  Fussgrosse  Granitblöcke  sind  in 
dieser  massigen  Aufschüttung  von  vorweltlichem  Gebirgsschutt 
nicht  selten  und  die  eigenthümliche  Vertheilung  gleichgrosser  Ge- 
steinsfragmente zeigt  die  Linien  unvollkommener  Schichtung  in 
der  Art  eines  Schuttdeltas,  welches  in  einem  tiefen  Binnengewässer 
abgesetzt  wurde.  Dabei  sind  zuweilen  durch  den  Druck  höherer 
Aufschüttung  die  unterliegenden  Massen  vorwärts  geschoben  und 
in  bauchigen  Formen  aufgestaut  worden,  deren  Umrisse  sich  durch 
die  Reihen  jener  gleichartigen  Fragmente  erkennen  lassen. 

Im  östlichen  Gebiet  von  Schmerbach,  wo  die  unteren  Glieder 
der  marinen  Zechsteinformation  als  eine  mächtig  entwickelte 
schiefrige  Facies  gegenüber  den  in  nächster  Nähe  anstehenden 
mächtigen  Riffbildungen  des  Wartberges  auffallen,  ist  auch 
im  Oberen  Rothliegenden,  welches  dort  als  eine  Folge  fein- 
körniger Sandsteine  ausgebildet  ist,  eine  bemerkenswerthe  Er- 
scheinung zu  beobachten.  In  einem  Steinbruch,  in  welchem  dort 
Sandsteinplatten  gewonnen  werden,  sieht  man  in  einer  mächtigen 
Sandsteinbank  eine  muldenförmige,  mit  groben  Geröllschotter  er- 
füllte Aushöhlung  — dem  Bett  eines  Gebirgsbaches  ähnlich  — 
über  welcher  die  Schichtfläche  der  Sandsteinbank  wieder  voll- 
kommen eingeebnet  ist  und  concordante  Schichten  folgen.  Es  ist 
danach  anzunehmen,  dass  an  jener  Stelle  die  Schichtenablagerung 
unter  zeitweisem  Einfluss  eines  vom  Lande  in’s  Meer  austretenden 
fliessenden  Gewässers  stattfand. 


XLV 


Im  Zechsteindolomit  des  Krumsberges  bei  Thal  ist  durch  die 
bergbaulichen  Arbeiten  auf  Scliwerspath  eine  geräumige  Holde  mit 
Stalaktiten  augefahren  worden. 

Bezüglich  des  Buntsandsteins  ergiebt  die  Vergleichung  der  in 
verschiedenen  Höhenstufen  der  Formation  gelegenen  Steinbrüche 
im  Poppenberge  bei  Sondra  und  am  Dorfe  Schwarzhausen  eine 
grosse  Einförmigkeit  in  dem  mächtigen  Schichtensystem  des  Haupt- 
sandsteins, welcher  gänzlich  als  eine  grosse  Dünensandbildung 
zu  betrachten  ist.  Dieselbe  zeigt  alle  Wechselfälle  und  strati- 
graphischen Eigentümlichkeiten,  welche  derartige  Gebilde  aufzu- 
weisen pflegen.  Geröllführende  Schichten  fehlen  und  die  im  Ge- 
steinsbestand wenig  variirenden  Bänke  greifen  durch  Auskeilen 
oder  Zerspalten  so  innig  in  einander,  dass  sich  die  bisher  ver- 
suchte Abtrennung  einer  unteren  feinkörnigen  Abtheilung  weisser 
Sandsteine  nicht  durchführen  Hess. 

Als  unterste.  Abtheilung  des  Buntsandsteins  kann  hier  eine  un- 
bedeutend entwickelte  Schichtenfolge  dünnschichtiger,  braunroter, 
thoniger  Sandsteine  gelten,  welche  andererseits  wieder  mit  den 
sogenannten  Bröckelschiefern  an  der  Grenze  des  Zechsteins  so 
innig  Zusammenhängen,  dass  am  besten  diese  beiden  wenig  mäch- 
tigen Schichten  als  ein  Glied  vereinigt  kartirt  werden. 

Von  Chirotheriumsaudstein , welcher  im  südlichen  Thüringen 
eine  typische  Küstenbildung  ist,  hat  sich  auf  Section  Wutha  Nichts 
auffinden  lassen.  Dagegen  erreicht  der  Röth  eine  ansehnliche 
Mächtigkeit  und  enthält  stellenweise  unbedeutende  Gypsschnüre  und 
au  der  unteren  Grenze  Chalcedoueinlagerungen. 

Mitteilung  des  Herrn  Robert  Scheibe  über  Aufnahmen 
auf  den  Blättern  Friedrichroda  und  Ohrdruf. 

In  der  ersten  Zeit  meiner  Thätigkeit  in  Thüringen  unter- 
stützte  ich  Herrn  Professor  Weiss  bei  der  Durchführung  der 
Gliederung  des  Unteren  Muschelkalkes  auf  Blatt  Friedrichroda. 
Die  Ausbildung  dieses  Formationsgliedes  weicht  im  Wesentlichen 
von  der  im  südwestlichen  Thüringen  erkannten  nicht  ab.  In  seiner 
unteren  Abteilung  sind  die  als  Oolithbänke  bezeichneten  festen 


XLVI 


Schichten,  in  der  oberen  die  sogenannten  Terebratel-  und  die 
oberen  Werksteinbänke  (Schaumkalke)  verfolgt  und  eingetragen 
worden. 

Hierauf  wurde  die  südwestliche  Ecke  des  von  Herrn  Professor 
Bauer  bereits  aufgenommenen  Blattes  Ohrdruf,  nachdem  bessere 
topographische  Grundlagen  gewonnen  worden  waren,  neu  darge- 
stellt. Gliedert  man  das  Rothliegende  in  Unteres  und  Oberes 
Rothliegendes,  wovon  die  letztere  Abtheilung  im  Wesentlichen  die 
Ablagerungen  umfasst,  die  nach  Abschluss  der  eruptiven  Thätig- 
keit  während  der  Zeit  des  Rothli  egenden  gebildet  worden  sind,  so 
gehören  auf  unserem  Blatte  der  oberen  Abtheilung  des  Unteren 
Rothliegenden  an:  der  Porphyrit,  die  Quarzporphyre,  die  Tuffe 
und  wenig  mächtige  sandige  Schieferthone  (Thonsteine),  welch’ 
letztere  in  dem  Hohlweg  südlich  des  Waldhäuschens  bei  Neuendorf 
aufgeschlossen  sind.  In  das  Obere  Rothliegende  gehören  die  Por- 
phyrconglomerate. 

Unteres  Rothliegendes.  Der  Porphyrit  tritt  nicht  nur,  wie 
bisher  angenommen  wurde,  am  Finkenberg,  sondern  auch  südlich 
vom  Waldhäuschen  bei  Neuendorf  auf.  An  beiden  Stellen  ist  es 
mehr  oder  weniger  stark  verwitterter  Augitglinnnerporphyrit.  Da 
zahlreiche  Brocken  dieses  Porphyrits  in  den  Porphyren  eingeschlossen 
sind,  so  sind  letztere  jünger  als  der  Phorphyrit.  Man  tritt  in  der 
Südwestecke  des  Blattes  Ohrdruf  bereits  in  ein  Gebiet,  wo  die 
Quarzporphyre  grosse  Massen  bilden  und  das  geschichtete  Roth- 
liegende  zurücktreten  lassen. 

Diese  Porphyre  zeigen  viele  der  Erscheinungen  in  besonderer 
Schönheit,  wie  sie  aus  anderen  Theilen  des  Thüringer  Waldes 
bekannt  geworden  sind,  so  die  sphärolithischen  und  Kugelbildungen, 
die  Fluidalerscheinungen,  blasige  Massen,  Verbindung  mit  Tuffen. 
An  einzelnen  Stellen  hat  sich  der  Porphyr  in  einen  feinen,  bunt- 
gefärbten  Grus  aufgelöst.  In  dem  oben  erwähnten  Hohlwege 
liegen  auf  Porphyr  rothe  und  grüne,  harte  Schieferthone,  welche 
an  ihrer  unteren  Grenze  eine  Lage  groben  Sandsteins  einschliessen. 
Dieselben  sind  überlagert  von  Tuffen,  die  nach  Süden  hin  grössere 
Verbreitung  erlangen  und  auf  Blatt  Friedrichroda  übergreifen. 


XL  VII 


Oberes  Rothliegendes.  Das  Obere  Rothliegende  wird  ver- 
treten durch  Porpbyrconglomerate,  die  nach  Osten  hin  weniger 
grob,  manchmal  sandsteinartig  sind,  nach  Westen  hin  dagegen 
recht  klotzig  werden  und  besonders  auf  den  Blättern  Friedrich- 
roda und  Tambach  weiter  verbreitet  sind.  Die  Gerolle  der  Con- 
glomerate  bestehen  fest  ausschliesslich  aus  Porphyr,  nur  nordöstlich 
am  Waldhäuschen,  nahe  der  Zechsteingrenze,  wurden  einzelne 
Granitgerölle  gefunden.  In  den  anstossenden  Gebieten  der  Blätter 
Tambach  und  Friedrichroda  lassen  sich  im  Oberen  Rothliegenden 
leicht  drei  Glieder  unterscheiden:  die  liegenden,  groben  Porphyr- 
conglomerate  ohne  Granitgerölle,  die  Zwischenschichten,  bestehend 
aus  Sandsteinen  und  Schieferthoneu,  die  hangenden,  mehr  schüt- 
tigen  und  grauitführenden  Conglomerate.  Die  Porphyrconglomerate 
auf  Blatt  Ohrdruf  sind  die  Fortsetzung  jener  liegenden  Conglo- 
merate des  Nachbargebietes.  In  ihnen  sind  aber,  wie  erwähnt, 

grauitische  Gerolle  vorhanden.  Im  Gebiete  des  Blattes  Ohrdruf 
© 

sind  die  Zwischenschichten  und  hangenden  Conglomerate  nicht 
aufgefunden  worden. 

Ueber  den  Zechstein  würde  zu  bemerken  sein,  dass  seine 
untere  und  mittlere  Abtheilung  in  der  Mächtigkeit  auffallend  gegen 
den  oberen  Zechstein  zurücktreten,  eine  Erscheinung,  die  auch  auf 
den  angrenzenden  Blättern  beobachtet  worden  ist.  Nahe  am  Süd- 
rande des  Blattes  ist  das  Zechsteinband  durch  eine  in  h.  5 streichende 
Verwerfung  unterbrochen.  Die  beiden  Tlieile  desselben  sind  um 
etwa  200  Schritt  gegen  einander  verschoben. 

Im  Gebiete  der  Trias  treten  mehrere  starke  Verwerfungen 

© 

auf.  Die  Fortsetzung  eines  Sprungs,  welcher  von  Herrn  Prof. 
Weiss  auf  Blatt  Friedrichroda  beobachtet  worden  ist,  wird  an  der 
Apfelstädt  bei  Georgenthal  sichtbar,  setzt  sich,  in  nordwest-südost- 
lic.her  Richtung  verlaufend,  bis  an  die  oberen  Häuser  von  Neuen- 
dorf fort  und  endet  hier  plötzlich  an  einer  südnördlich  streichenden 
Querverwerfung.  Jene  in  der  Längsrichtung  des  Thüringer  Waldes 
verlaufende  Verwerfung  schneidet  sämmtliche  Schichten  der  Trias 
vom  Oberen  Buntsaudstein  bis  zum  Nodosenkalk  ab,  so  dass  Mitt- 
lerer Buntsaudstein  und  Nodosenkalk,  und  an  der  Querverwerfung 


XLYIII 


sogar  Mittlerer  Buntsandstein  und  Lettenkohle  au  einander  stossen. 
Letzterer  Sprung  lässt  sich,  nachdem  er  bald  in  nordöstliche 
Richtung  umgebogen  ist,  nicht  weiter  verfolgen.  Nordöstlich  von 
Gräfenhain  stossen  auch  Mittlerer  Buntsandstein  und  Lettenkohle 
an  einander.  Die  hier  vorhandene  Verwerfung  konnte  der  Diluvial- 
bedeckung halber  nicht  verfolgt  werden.  Es  bleibt  demnach  dahin- 
gestellt, oh  sie  etwa  mit  den  oben  genannten  Sprüngen  im  Zu- 
sammenhang steht. 

Mittheilung  des  Herrn  Zimmermann  über  Aufnahmen  auf 
Blatt  Crawinkel. 

Der  mittlere  Thüringer  Wald  ist  seit  langer  Zeit  durch  seinen 
Reichthum  an  Manganerzen  bekannt;  neben  Blatt  Ilmenau  und 
Suhl  ist  es  besonders  Blatt  Crawinkel,  welches  diesen  Reichthum 
birgt  und  auf  welchem  das  Erz  in  vielen  Gruben  gewonnen  wird. 
Dem  Geologen  drängen  sich  da  zunächst  die  Fragen  nach  der 
Beschaffenheit  und  Entstehung  der  Braunsteingänge  und  nach  der 
Herkunft  des  Erzes  auf. 

Zur  Beantwortung  der  letzteren  Frage  können  von  unsrer 
Section  zunächst  folgende  Beiträge  geliefert  werden.  Die  Braun- 
steingänge setzen  fast  ausschliesslich  im  Porphyr  auf;  ausgenommen 
scheint  nur  der  Gang  Gotthilftgewiss  auf  dem  nördlichen  Theil 
des  Walsberges  und  ein  Vorkommen  bei  der  Grube  Heinrichs- 
glück im  Untern  Steiuthal  zu  sein;  beide  habe  ich  nicht  näher 
untersuchen  können.  Auch  im  Porphyr  ist  das  Auftreten  der 
Gänge  nicht  auf  die  verschiedenen  Varietäten  gleich  vertheilt, 
sondern  es  steht  im  fluidalen,  gebänderten  Porphyr  nur  ein  einziger 
Gang  (Grube  Eisass  im  Langen  Grund).  Dagegen  setzen  in  dem 
massigen,  an  grossen  Krystallen  von  Feldspath  und  Quarz  reichen 
Porphyr  des  Altebergs  mehrere,  wenn  auch  kurze  Gänge  dicht 
bei  einander  auf,  vor  allen  andern  — wie  nebenbei  bemerkt  sei  — 
durch  Fluoritführung  ausgezeichnet.  Weitaus  die  meisten  Braun- 
steingänge setzen  jedoch  in  dem  mittelgrob-  und  mittelreich- 
körnigen Porphyr  auf,  welcher  die  herrschende  Varietät  auf  dem 
Blatte  bildet  und  älter  als  der  erstgenannte  (fluidale)  zu  sein 
scheint.  Wenn  bei  ihm  auch  die  Bergleute  zwischen  einem  röth- 


XLIX 


liehen  und  einem  weissen  Porphyr  unterscheiden,  so  scheinen  mir 
diese  Differenzen  nur  auf  Zersetzungsvorgänge  zurückzuführen  zu 
sein  und  auch  praktisch  wenig  Werth  zu  besitzen.  In  der  Regel 
erkennt  man  in  diesem  Porphyr  mit  blossem  Auge  keinen  Glimmer, 
doch  lässt  das  Mikroskop  nicht  selten  zersetzte  Reste  davon 
wahrnehmen,  und  an  einzelnen  Stellen,  die  aber  auffälliger  Weise 
sonst  nicht  den  Eindruck  möglichster  Frische  machen,  blitzen 
schon  aus  dem  Handstück  überaus  zahlreiche  sehr  dunkle  frische, 
bis  2 Millimeter  grosse  Biotittäfelchen  hervor ; solche  Abände- 
rungen sind  auch  durch  den  Reichthum  an  noch  wasserklar  durch- 
sichtigen Feldspathkrystallen  (Orthoklas  und  Plagioklas)  aus- 
gezeichnet neben  milchweisstrüben,  welche  den  gewöhnlichen 
Varietäten  eigen  sind.  Die  Untersuchung  der  frischen  Glimmer 
auf  Mangangehalt  steht  noch  aus,  zu  vermuthen  ist  aber  doch, 
dass  vielleicht  auf  sie  der  Mangangehalt  der  Erzgänge  zurück- 
geführt werden  könne. 

Was  die  Beschaffenheit  der  Gänge  betrifft,  so  dürften  als 
Typus  wohl  jene  aufgestellt  werden  können,  bei  denen  die  liegende 
Grenzfläche  glatt  ist  oder  gar  als  Rutschfläche  gestreift  ist,  wäh- 
rend gegen  das  Hangende  sich  ein  allmählicher  Uebeigang  der 

O O p}  O O 

aus  kleineren  oder  grösseren  Porphyrbrocken  oder  gar  Schollen 
mit  mehr  oder  minder  reichlichem  Braunsteinbindemittel  bestehen- 
den Gangfüllmasse  in  den  anstehenden,  aber  noch  von  zahlreichen 
Ablösungen  und  Spältchen  durchsetzten  und  endlich  in  den  völlig 
compakten  Porphyr  geltend  macht,  sodass  also  von  einem  eigent- 
lichen Hangenden  des  Ganges  schwer  zu  reden  ist.  Die  Gang- 
füllung ist  demnach  geologisch  als  eine  aus  Porphyr  bestehende 
Reibungsbreccie  mit  Manganbindemittel  zu  betrachten.  Dem  Berg- 
mann  sind  natürlich  die  Sf eilen  die  willkommensten,  wo  sich  das 
Bindemittel  in  reineren  Massen  anhäuft.  Wenn  Seitentrümer 
von  solchen  Gängen  abzweigen,  so  zeigen  sie  entweder  dieselbe 
Beschaffenheit  oder  bestehen  aus  reinem  Erz. 

Eine  Frage  ist  es  auch  noch,  in  welcher  Form  das  Erz  in 
die  Gänge  gekommen  sei  oder  wenigstens  zuerst  sich  ausgeschieden 
habe.  Mir  scheinen  nämlich  drei  Punkte  darauf  hinzudeuten,  dass 
das  Erz  oder  wenigstens  ein  gut  Theil  desselben  sich  aus  den 

O O 


Jahrbuch  1887. 


d 


L 


Lösungen  nicht  gleich  fest  niedergeschlagen  habe,  sondern  eine  Zeit- 
lang  eine  feinschlammige  Consistenz  besessen  habe,  wie  vergleichs- 
Aveise  sich  einSchlamm  aus  Lösung  von  übermangansaurem  Kali  beim 
Stehen  an  der  Luft  ausscheidet,  oder  wie  der  Manganniederschlag 
aus  Lösungen  durch  Alkalien  beschaffen  ist.  Erstens  ist  die  Dicke 
vieler  Mangandendriten  auffällig,  die  zuweilen  so  stark  ist,  dass 
man  die  Dendriten  mit  dem  Messer  oder  sogar  durch  Schlag  mit 
dem  Hammer  unverletzt  ablösen  kann.  Diese  müssen  doch  in  so 
weiten  Spalten  entstanden  sein,  dass  man  wohl  nicht  mehr  die 
Capillarwirkung  auf  wässerige  Lösungen,  sondern  die  Adhäsion 
schlammiger  Massen  zur  Erklärung  in  Anspruch  nehmen  muss. 
Es  mag  zugegeben  werden,  dass  dieser  Punkt  der  schwächste  ist.  — 
Zweitens  aber  ist  der  Umstand  zu  beachten,  dass  die  Ausfüllung 
der  Gänge  nicht  schichtenweise  den  Wänden  parallel  erfolgt  ist, 
oder  wenigstens  nur  selten  einmal  eine  solche  Beobachtung  ge- 

o o o 

macht  werden  kann,  sondern  dass  die  Füllmasse  in  gewissem  Sinne 
massig  auftritt,  als  ob  sie  in  der  ganzen  Mächtigkeit  des  Ganges 
bestanden  hätte,  ehe  sie  fest  wurde.  Es  hängt,  damit  vielleicht 
auch  der  auffällige  Mangel  an  besonderen  Gangarten  zusammen, 
denn  es  finden  sich  ausser  Baryt  und  Calcit  und  (am  Alteberg, 
wie  erwähnt)  Fluorit  kaum  andere  Mineralien,  und  auch  diese 
spärlich  genug.  Zudem  sind  diese  drei  Mineralien  dermaassen 
nesterartig  im  Erz  eingeschlossen  und  umschliessen  andrerseits 
selbst  wieder  Erz  (der  Kalkspath  ist  dabei  durch  den  feinen  Staub 
dunkelbraun  gefärbt),  dass  dies  einer  gleichzeitigen,  nicht  einer 
aufeinanderfolgenden  Entstehung  das  Wort  redet.  — Endlich 
drittens  kommen  unter  den  beschriebenen  Mangau-Porphyrbreccien 
auch  solche  vor,  in  welchen  sich  die  Porphyrbrocken  nicht  be- 
rühren, sondern  ziemlich  weit  von  einander  entfernt  sind.  Würde 
ursprünglich  ein  loses  Haufwerk  solcher  Brocken  den  Gang  erfüllt 
haben  und  nachträglich  durch  sogleich  in  fester  harter  Form  sich 
ausscheidenden  Psilomelan  verkittet  sein,  so  hätten  sie  sich  doch 
anfangs  berührt,  und  es  wäre  nicht  leicht  einzusehen,  wie  sie  dann 
voii  einander  getrennt  werden  konnten.  Hatte  aber  das  jetzige 
Erzbindemittel  ursprünglich  eine  plastische  Beschaffenheit,  so  lassen 
sich  verschiedene  Möglichkeiten  denken  zur  Erklärung  der  Ent- 
fernung der  einzelnen  Porphyrbrocken  von  einander. 


LI 


Im  Anschluss  hieran  möge  noch  einer  eigentümlichen  Abart 
der  Manganporphyrbreccien  Erwähnung  geschehen,  welche  sich 
besonders  im  Gebiet  der  Jüchnitz  bei  Arlesberg  finden.  Es  bietet 
da  das  Handstück  den  Anblick  eines  compakten  Porphyrs  dar, 
in  welchem  die  Grundmasse  durch  unreinen  Psilomelan  ersetzt 
und  anscheinend  auch  die  Feldspathe  in  eine  manganige  Masse 
verwandelt  sind.  Die  Verteilung  der  Feldspathe,  deren  Form 
und  Spaltbarkeit  noch  deutlich  zu  erkennen  ist,  und  der  rauch- 
braun  durchsichtigen  Quarzkörner  ist  eine  so  regelmässige,  dass 
ich  vor  näherer  Untersuchung  durch  das  Mikroskop  eine  bis  anf 
die  Quarze  vollständige  Pseudomorphose  von  Braunstein  nach 
Porphyr,  oder  einen  manganisirten  Porphyr  vor  mir  zu  haben 
glaubte.  Im  Dünnschliff  erkennt  man  aber  an  den  Quarzen  sehr 
häufig  noch  kleine  Partien  von  heller  weisslicher,  also  unveränderter 
Porphyrmasse  ansitzend;  es  muss  demnach  eine  Zerreibung  des 
Porphyrs  zu  grusartiger  Feinheit  und  daun  eiue  compakte  Wieder- 
verkittung stattgefunden  haben.  — 

Von  den  jüngeren  Bildungen  auf  Blatt  Crawinkel  nehmen  die 
auf  dem  Plateau  liegenden  Flussschotter  ein  besonderes  Inter- 
esse in  Anspruch.  Ich  habe  schon  im  vorigen  Jahre  an  dieser 
Stelle  (S.  L.)  dieselben  kurz  berührt  und  darauf  hingewiesen,  dass 
dieselben  auf  der  Höhe  nördlich  von  Gräfenroda  auf  einer  von 
tiefen  eng  an  einander  liegenden  Binnen  durchfurchten  Fläche 
auflagern.  Ich  muss  jetzt  noch  nachholen,  dass  diese  Rinnen  und 
dazwischen  aufragenden  Kämme  quer  zur  heutigen  Flussrichtung 
verlaufen  und  dadurch  auf  abweichende  Abflussverhältnisse  hinzu- 
deuten scheinen,  — denn  bei  den  sehr  geringen  Quer-  und 
Längserstreckungen  dieser  Rinnen  lassen  sich  sichere  Schlüsse 
nicht  daran  knüpfen.  — An  den  übrigen  Vorkommnissen  des 
gleichen  Plateauschotters  habe  ich  entsprechende  Beobachtungen 
nicht  machen  können.  Diese  Vorkommnisse  sind  nun  zwar  jetzt 
alle  nur  insuläre  Reste,  die  ursprünglich  natürlich  in  Zusammen- 
hang gestanden  haben  müssen.  Jetzt  sind  aber  die  Verbindungen 
durch  Erosion  soweit  zerstör! , dass  die  wenigen  sehr  zerstreuten 
Geschiebe,  die  sich  noch  hier  und  da  finden,  keinen  Anhalt  mehr 
zu  sicheren  Construktionen  alter  Flussläufe  geben.  Eines  aber 


d* 


LII 


muss  doch  besonders  hervorgehoben  werden:  eine  Beziehung  zu 

o o 

heutigen  Flussthälern  lässt  sich  auf  meinem  Blatt  uicht  nachweisen, 
einzelne  dieser  isolirten  Reste  liegen  sogar  beträchtlich  weit  weg 
von  jedem  heutigen  Fluss,  der  in  Betracht  kommen  könnte;  z.  B. 
die  Vorkommen  zwischen  Crawinkel,  Gossel  und  Wölfis  liegen 
4 — 5 Kilometer  von  der  Ohra  oder  der  Gera  entfernt.  Dies  weist, 
vielleicht  unterstützt  von  der  vorhin  erwähnten  Abweichung  in 
der  Flussrichtung,  allerdings  auf  ein  hohes  Alter  dieser  Ablage- 
rungen hin;  der  Mangel  nordischer  Geschiebe  könnte  vielleicht 

O 7 o 

sogar  für  präglaciales  Alter  sprechen,  aber  ob  desswegen  schon 
pliocänes  anzunehmen  sei,  muss  immerhin  noch  fraglich  bleiben. 
Jedenfalls  kann  die  Frage  völlig  nur  gelöst  werden  unter  Berück- 
sichtigung aller  innerthüringischen  Plateauschotter,  eine  Aufgabe, 
die  gewiss  recht  dankeuswerth  wäre.  — 

Auch  über  die  verkieselteu  Zechsteinblöcke  haben  die 
Aufnahmen  des  Jahres  1887  Neues  ergeben.  Als  ich  im  vorigen 
Jahrbuch  (S.  XLViil)  darüber  berichtete,  konnte  ich  nur  3 Fund- 
orte auf  der  Höhe  des  Gebirges  angeben;  jetzt  kann  ich  noch 
zwei  benachbarte  zufügen,  an  denen  die  Blöcke  auch  nur  lose 
sind,  aber  auf  denselben  Ausgangspunkt  in  der  Nähe  des  Chaussee- 
hauses Wegscheid  hinweisen.  Ferner  haben  sich  vereinzelte 
Blöcke  noch  auf  dem  Gabelkopf,  im  obern  Kehlthal  und  auf  Blatt 
Suhl  — worauf  mich  Plerr  v.  Fritsch  hinzuweisen  die  Güte 
hatte  — im  obern  Schnabelbach  gefunden,  endlich  ist  auch  im 
Orte  Arlesberg  ein  Block,  der  als  Prellstein  benutzt  wird,  ein 
weiterer  Beweis  für  die  ehemalige  ausgedehntere  Verbreitung  dieses 
interessanten  Gesteins.  Das  Vorkommen  im  Schnabelbach  zeichnet 
sich  durch  besonders  grobe  Krystallisation  und  Reichthum  an 
secundären  drüsigen  Quarztrümern  aus;  dass  es  aber  trotz  dieser 
von  der  ursprünglichen  überaus  abweichenden  Beschaffenheit  und 
trotz  des  Mangels  von  Versteinerungen  zu  dem  Zechstein  zu 
ziehen  ist,  beweist  die  charakteristische  mikroskopische  Struktur. 
In  überraschender  Uebereinstimmung  mit  Schliffen  des  Quarzits 
von  der  Wegscheid  erkennt  man  nämlich,  dass  das  Gestein  ein 
holokrystallinisches  Gemeng  von  Quarzkörnern  geworden  ist,  welche 
dicht  von  bräunlichen  dendritischen  Häutchen  von  Eisenhydroxyd 


Liir 


durchzogen  sind;  diese  hauchdünnen  Dendriten  zeigen  sehr  häufig 
überaus  regelmässige  Anordnung  der  Aeste  und  Zweige  nach  (im 
Dünnschliff)  zwei  oder  in  Wirklichkeit  jedenfalls  drei  Systemen, 
welche  sich  ungezwungen  auf  die  Blätterdurchgänge  von  Kalk- 
spath  beziehen  lassen;  dass  diese  Regelmässigkeit  nicht  eine  Eigen- 
tümlichkeit des  Dendriteumaterials  sei,  dies  also  nicht  idiomorph 
auskrystallisirt  sei,  wird  durch  die  völlige  Abrundung  der  einzelnen 
Endblättchen  bewiesen,  welche  jeder  krystallinischen  Form  bar 
sind.  Man  muss  also  annehmeu,  dass  die  fraglichen  verkieselten 
Zechsteinblöcke  früher  einmal  grobkrystallinischer  Kalk  waren, 
in  welchem  auf  Spaltflächen  der  einzelnen  Calcitindividuen  sich 
Eisenlösungen  capillar  verbreiteten  und  Eisendendriten  lieferten. 
Zu  bemerken  ist,  dass  zwischen  den  durch  die  Dendriten  ange- 
deuteten früheren  Calcitkörnern  und  den  jetzigen  Quarzkörnern 
keine  Beziehungen  bestehen;  letztere  sind  in  der  Regel  kleiner, 
und  die  Dendritensysteme  gehen  ungestört  durch  mehrere  Quarz- 
körner durch.  — 

Das  Blatt  Crawinkel  entfällt  zu  etwa  2/s  auf  das  nordöstliche 
Vorland  des  Thüringer  Waldes,  zu  etwa  3/5  auf  diesen  selbst. 
Die  jetzt  abgeschlossene  Kartirung  des  Blattes  hat  gezeigt,  dass 
die  Trias,  welche  den  Vorlaudtheil  zusammensetzt,  in  fast  unge- 
störter, nur  äusserst  schwach  geneigter  Lagerung  sich  befindet; 
nur  eine  einzige  Verwerfung  scheint  vorhanden  zu  sein  und  in 
etwa  N. — S.-Richtung  zu  verlaufen,  kann  aber,  ganz  von  Diluvium 
verdeckt,  nicht  direct  beobachtet,  sondern  nur  mit  einiger  Wahr- 
scheinlichkeit erschlossen  werden. 

Viel  auffälliger  und  wichtiger  ist  dagegen  eine  andere  Störung, 

C5  O O O ©7 

welche  sich  erst  nahe  dem  Fuss  des  Gebirges  einstellt,  gegen 
diesen  hin  aber  immer  stärker  wird:  es  richten  sich  die  Schichten 
immer  mehr  auf,  und  diejenige  Schicht,  welche  am  nächsten  an 
den  sehr  scharf  markirten  Fuss  des  • — ■ zudem  auch  uocli  aus  ganz 
andern  Gesteinen  und  Formationen  gebildeten  Gebirges  grenzt,  ist 
schliesslich  sehr  steil  oder  gar  senkrecht;  zuweilen  scheint  sie  so- 
gar überkippt  zu  sein  und  gegen  (d.  h.  also  unter)  das  Gebirge 
einzufallen.  Ueber  letzteres  Verhalten  werden  wir  unten  noch 
besonders  zu  berichten  haben.  Es  ist  zunächst  gleichgültig,  ob 


LIV 


die  betreffende  Schicht  Zechstein  oder  ein  Glied  der  Trias  ist. 
Jedenfalls  biegt  jede  dieser  steilen  Schichten  in  irgend  einer  Tiefe 
unter  der  Oberfläche  um  und  nimmt  dann  ungefähr  söhlige  Lage 
an,  mit  andern  Worten,  sie  bildet  eine  Mulde  oder  den  Mulden- 
theil  einer  Falte  derjenigen  besonderen  Art,  welche  man  neuerdings 
als  Flexuren  von  den  anderen  unterscheidet.  Der  Satteltheil  dieser 
Flexur  scheint  ehedem  auch  vorhanden  gewesen  zu  sein,  da  die 
im  vorigen  Band  dieses  Jahrbuchs  von  mir  beschriebenen  ver- 
kieselten  Zechsteinblöcke,  welche  sich  auf  der  Kammhöhe  des  Ge- 
birges finden,  als  Beweis  gelten  können.  Auch  liefern  die  andern 
Zechsteinvorkommnisse  (von  gewöhnlicher  Beschaffenheit),  welche 
sich  noch  innerhalb  des  Gebirges  selbst,  wenn  auch  nicht  auf 
Kammhöhe,  vorfinden  (auf  dem  Arlesberg  und  am  Raubschloss), 
durch  ihre  horizontale  Lagerung  den  weiteren  Beweis,  dass  auch 
der  jetzt  durch  Erosion  zerstörte  Schenkel  der  Flexur,  von  dem 
sie  eben  die  (infolge  von  Einsinken  zwischen  Verwerfungen  ge- 
retteten) Reste  bilden,  diejenige  Lagerung  besass,  welche  bei  einer 
typischen  Flexur  vorauszusetzen  ist.  — Innerhalb  des  Rothliegen- 
den  lässt  sich  freilich,  selbst  hart  am  Gebirgsrand,  nicht  mit  Sicher- 
heit diejenige  steile  Schichtenstellung  nachweisen,  welche  die  Be- 
theiligung auch  dieser  Formation  an  der  Flexur  beweisen  würde  J). 
Man  kann  das  Ganze  also  auch  als  ein  grossartiges  Beispiel  jener 
»Rücken«  oder  »Niederziehungen«  ansehen,  wie  sie  der  Kams- 
dorfer  Bergmann  gerade  auch  an  der  Sohle  des  Zechsteins  so 
häufig  beobachtet. 

Das  Vorstehende  ist  zunächst  gesagt  im  Hinblick  auf  die 
Beobachtungen  auf  Blatt  Crawinkel.  Wenn  man  aber  die  in  Be- 
arbeitung befindliche  geologische  Uebersichtskarte  des  Thüringer 
Waldes  betrachtet,  so  ergiebt  sich  schon  aus  dem  Umstand,  dass 
der  Zeclistein  in  fast  ununterbrochenem  Zusammenhang  den  Nordost- 
fuss  des  Gebirges  nur  in  dexjenigen  äusserst  geringen  Breite  um- 


b Zwar  ist  oft  genug  eine  recht  beträchtliche  Neigung  zu  beobachten,  z.  B. 
sehr  schön  am  Oberrothliegenden  von  Arlesberg  bis  gegen  Elgersburg  hin, 
aber  doch  bleibt  sie  auch  hier  wohl  stets  hinter  der  Neigung  yon  30 — 35° 
zurück,  welche  eine  Schicht  gleich  von  Anbeginn  (Uebergnssschichtung)  an- 
nehmen kann. 


LV 


säumt , die  fast  unmittelbar  seiner  Mächtigkeit  entspricht,  der 
Schluss,  dass  er  entlang  diesem  ganzen  Gebirgsfuss  als  Flexur- 
mittelschenkel  auf  dem  Kopfe  stehe,  - — ein  Schluss,  welcher  durch 
die  directen  Einzelbeobachtungeu  des  Schichtenfalles  voll  bestätigt 
wird.  — Die  Flexuraxe  verläuft  natürlich,  wie  das  ganze  Gebirge, 
ungefähr  nordwestlich,  mit  einem  Schwanken  zwischen  den  Stunden  8 
bis  10.  Es  ist  nun  interessant  zu  sehen,  wie  an  den  wenigen 
Ausnahmefällen,  wo  die  Flexur  selbst  einmal  eine  Unterbrechung 
erleidet  (z.  B.  auf  Blatt  Ilmenau),  das  Zechsteinband  sogleich 
nordöstliches  Streichen,  eine  grössere  Breite  und  ein  sehr  viel 
flacheres  Schichtenfallen  annimmt.  Dies  gilt  in  gleicher  Weise 
bis  zum  südlichsten  Punkt,  den  der  Zechstein  auf  der  Nordseite 
des  Thüringer  Waldes  erreicht,  auf  Blatt  Saalfeld:  im  westlichsten 
Theile  dieses  Blattes  zeigt  der  Zechstein  noch  NW.- Streichen, 
sehr  steilen  Schichtenfall,  sehr  schmales  Ausstreichen,  nimmt  also 
noch  au  der  Bildung  der  Flexur  theil;  von  der  Mitte  des  Blattes 
aus  gegen  Osten  ist  das  Streichen  nordöstlich,  das  Schichtenfallen 
im  einzelnen  Aufschluss  kaum  merklich,  die  Breite  des  Ausstriches 
demnach  recht  beträchtlich,  ein  Verhältnis,  wie  es  dann  weiter- 
hin durch  ganz  Ostthüringen  herrschend  ist. 

Können  wir  also  auf  dem  ganzen  NO.-Fuss  des  Gebirges  die 
Ausbildung  einer  flexurartigen  Schichtenstellung  insbesondere  des 
Zechsteins  als  erwiesen  ansehen , als  deren  unmittelbarer  karten- 
mässiger  Ausdruck  das  überaus  schmale  fast  ununterbrochene 
Zechsteinband  uns  vor  Augen  tritt,  so  brauchen  uns  dessen  aus- 
nahmsweise Unterbrechungen  doch  nicht  weiter  Wunder  zu  nehmen. 
Wie  bei  gewöhnlichen  Falten,  so  kann  auch  bei  Flexuren  der 
Mittelschenkel  sich  einmal  zu  einer  Verwerfung  ausbilden  und  so 
im  bestimmten  Falle,  wie  z.  B.  bei  Frankenhain  auf  Blatt  Crawinkel, 
Muschelkalk  in  Berührung  treten  mit  der  Rothliegendformation. 
Aber  gerade  hier  sieht  man  auch  - — an  der  senkrechten  Stellung 
der  prächtig  aufgeschlossenen  Schichten,  wie  doch  der  Charakter 
der  Flexur  möglichst  gewahrt  ist.  Anders  auf  dem  Südwestfusse 
des  Thüringer  Waldes,  und  darin  scheint  mir  ein  charakteristischer 
tektonischer  Unterschied  vom  Nordostfusse  zu  bestehen;  dort  tritt 
zwar  auch  die  Trias  oft  genug  in  Berührung  mit  dem  Rothliegen- 

O O D O 


LVI 


den,  aber  in  der  Regel  hat  sie  eine  ziemlich  horizontale  Lagerung 
bewahrt;  sie  ist  entlang  von  glatt  aufgerissenen  Spalten  nieder- 
gesunken. Wir  haben  demnach  am  Südfuss  des  Gebirges  eine 
Randverwerfung,  am  Nordfuss  eine  Randflexur  als  die  herrschende 
Regel  für  den  Schichtenbau,  während  endlich  für  das  nördliche 
Vorland  des  Frankenwaldes  (Ostthüringen)  eine  auffällige  nach- 
trägliche Schichtenstörung  von  vorherrschender  Bedeutung  über- 
haupt nicht  zustande  gekommen  ist. 

Kehren  wir  zum  Südfuss  des  Thüringer  Waldes  zurück,  so 
ist  dort  eben  infolge  des  Herrsehens  echter  Verwerfungen  der 
Zechstein  selten  an  der  eigentlichen  Rand  Verwerfung;  zu  beobachten, 
vielmehr  tritt  er  in  der  Regel  abseits  vom  Gebirge  an  Parallel- 
verwerfungen zu  Tage  und  zwar  nicht  eben  selten.  Nördlich  des 
Thüringer  Waldes1)  dagegen  ist  meines  Wissens  bei  Rudolstadt 
die  einzige  Stelle,  wo  Zechstein  getrennt  von  seinem  Hauptaus- 
streichen  (natürlich  von  Trennungen  durch  Erosion  abgesehen) 
wieder  zu  Tage  tritt,  und  zwar  geschieht  es  dort  wohl  nur  infolge 
einfacher  Emporsattelung,  nicht  infolge  von  Verwerfungen. 

Mit  der  Auffassung'  der  Lagerungsverhältnisse  am  Nordost- 
fusse  des  Gebirges,  als  beherrscht  von  einer  Flexur,  und  derer 
am  Südwestfuss  als  beherrscht  durch  ein  System  von  Verwerfungen, 
steht  die  thatsächliche  Beobachtung  in  gutem  Einklang,  dass  dort 
das  Profil  aus  dem  Gebirge  nach  dem  Triasvorland  eine  möglichst 
vollständige  Schichtenfolge  darbietet,  oder  wenigstens  die  Alters- 
Differenz  der  beiden  am  Gebirgsrand  an  einander  stossenden 
Formationen  meist  eine  verhältnissmässig  geringe  ist,  und  dass  sich 
das  Oberrothliegende  am  Nordostabhang  des  Gebirges  reichlich  ent- 
wickelt zeigt,  dass  dagegen  ein  Profil  quer  durch  die  südwestliche 
Rand  Verwerfung  im  Alter  sehr  verschiedene  Schichten  neben  ein- 
ander zeigt,  dass  das  Oberrothliegende  dort  in  der  Regel  fehlt 
und  häufiger  das  Unterrothliegende  oder  gar  dessen  Basis  an  die 
Randspalte  herantritt.  Es  ist  darum  um  so  interessanter  zu  sehen, 
wie  dort  an  den  Stellen,  wo  vor  dem  eigentlichen  Gebirge  ein- 


b Von  der  eigentlichen  Nordspitze  des  Gebirges  ist  in  dieser  ganzen  Mit- 
theilung abgesehen. 


LVII 


mal  wieder  Zechstein  zusammen  mit  Rotldiegenden  emportaucht, 
letzteres  iu  der  Regel  Oberrothliegendes  ist  (Blatt  Meeder  süd- 
östlich vou  Eisfeld,  Gegend  von  Stockheim). 

Aus  dem  Gesagten  folgt  nun  aber  nicht,  dass  der  Zechstein 
immer  auf  Oberrothliegenden  gelagert  sein  müsse  (so  scheint  z.  B. 
o-leich  an  dem  ebenfalls  aus  der  Trias  isolirt  aufragenden  »Kleinen 
Thüringerwald«  eine  Abweichung  sich  zu  finden),  es  bleibt  viel- 
mehr die  discordante  Auflagerung  des  Zechsteins,  wie  auf  ältere 
Formationen,  so  auch  auf  die  verschiedenen  Glieder  des  Roth- 
liegenden  unangefochten  bestehen,  und  darum  wurde  oben  (auf 
voriger  Seite)  nur  von  einer  »möglichst  vollständigen  Schichten- 
folge« gesprochen. 

Es  ist  zum  Schluss  noch  ein  Punkt  zu  besprechen.  Es  ist 
im  Voraussehenden  das  Einfallen  des  Mittelschenkels  der  Flexur 
als  ein  (von  den  Stellen  der  endgiltigen  Umbiegung  in  die  Seiten- 
schenkel abgesehen)  gleichförmiges,  vielleicht  entlang  der  Richtung 
des  Streichens  wechselndes,  aber  doch  nicht  entlang  der  Fall- 
richtung hin-  und  herschwankendes  betrachtet  worden,  so  zwar, 
dass  angenommen  wurde,  das  Fallen  einer  Schicht  an  einer  be- 
stimmten Stelle  des  Streichens  sei  constant  vom  Gebirge  weg  ge- 
neigt, an  einer  andern  Stelle  constant  senkrecht,  endlich  an  einer 
dritten  Stelle  constant  überkippt.  Stellen  letzterer  Art  hat  man 
stets  besondere  Beachtung  geschenkt,  weil  sie  in  der  That  eine 
eigenthümliclie,  wohl  meist  recht  schwierige  Erklärung  uöthig 
machten.  Beobachtungen  an  dem  oben  schon  erwähnten  Muschel- 
kalk am  Gebirgsrand  bei  Frankenhain  haben  aber  ergeben,  dass 
das  Fallen  gar  nicht  immer  constant  nach  einer  und  derselben 
Richtung  erfolge:  die  Schichten  fällen  dort  im  grossen  betrachtet 
saiger  ein,  in  der  Nähe  aber  sieht  man  sie  mehrfach  hin-  und 
hergebogen,  also  ähnlich  einem  aufrecht  stehenden  Wellblech  mit 
horizontal  verlaufenden  Wellen.  Es  ist  das  eine  Erscheinung,  die 
wohl  auf  Zusammensinken  und  Stauchung  zurückzuführen  ist. 
Von  den  Schenkeln  jeder  einzelnen  Welle  oder  Falte  fällt  natür- 
lich der  eine  stets  von  dem  Gebirge  ab,  der  andere  gegen  dieses 
zu.  Sind  dann  die  Wellen  sehr  weit,  so  ist  vielleicht  auf  eine 
grosse  Strecke  nur  ein  Schenkel  der  letzteren  Art  der  Beobachtung 


KVIII 


zugänglich,  man  hat  dann  scheinbar  das  Phänomen  der  Ueber- 
kippung,  ist  aber  doch  nicht  berechtigt,  dem  ganzen  Mittelschenkel 
der  grossen  Flexur  am  Gebirgsrand  eine  überkippte  Stellung  zu- 
zuschreiben. 

Mittheilung  des  Herrn  II.  Proescholdt  über  Aufnahmen 
und  Revisionen  der  Blätter  Mendhausen,  Rodach,  Hild- 
burg bansen  und  Dings  leben. 

Die  Sectionen  Mendhausen  und  Rodach  werden  zum  grössten 
Theil  aus  Kohlen-  und  Gypskeuper  aufgebaut;  die  Gliederung  des 
letzteren  schliesst  sich  eng  an  die,  welche  von  Gümbel  bei  der 
Aufnahme  des  Blattes  Bamberg  aufgestellt  hat  (Text  zur  Section 
Bamberg,  S.  6 — 8). 

Die  Schichten  fallen  flach  südwestlich  ein;  an  manchen 
Stellen  jedoch,  so  namentlich  in  der  Umgebung  von  Streufdorf 
und  Steinfeld,  zeigt  der  Ausstrich  derselben  ganz  unverkennbar 
eine  in  nordöstlicher  Richtung  verlaufende  ältere  Sattelung  an, 
die  am  deutlichsten  in  den  Einschnitten  der  im  Bau  begriffenen 
Bahn  Hildburghausen-Friedrichshall  zu  Tage  tritt.  Im  nordwest- 
lichen Theil  des  Blattes  Rodach  sind  Störungen  beobachtet  worden, 
und  zwar  Ueberschiebuugen,  von  denen  eine  den  südwestlichen 
Theil  der  Section  Hildburghausen  durchsetzt,  hier  schwer  erkenn- 
bar, dann  mit  zunehmender  Intensität  nach  Dingsleben  übergeht, 
auf  diesem  Blatt  noch  gegen  6 Kilometer  lang  bemerkbar  ist  und 
sich  schliesslich  in  der  Sattellinie  des  Sattels  verliert,  der  die 
Main -Weser -Wasserscheide  bildet. 

Im  Gebiete  der  Section  Rodach  treten  sehr  zahlreiche  Basalt- 
gänge zu  Tage,  die  nahezu  parallel  mit  einander  ungefähr  in 
Stunde  2 die  Schichten  durchbrechen.  Diesem  allgemeinen  Ver- 
halten folgen  auch  die  mächtigen  Basaltgänge  des  Straufhains,  die 
von  mächtigen  Tuffbildungen  begleitet  werden;  die  andern  Gänge 
sind  meistens  sehr  schmal,  oft  kaum  1 Meter  breit,  erreichen  aber 
vielfach  eine  bedeutende  Länge.  Einer  konnte  gegen  10  Kilometer 
weit  verfolgt  werden.  Das  Gestein  der  Gänge  scheint,  soweit  die 
noch  nicht  ganz  zu  Ende  geführten  Untersuchungen  ein  Urtheil 
ermöglichen,  einem  gemeinsamen  oder  gleichzeitigen  Herd  ent- 
quollen zu  sein.  Die  Untersuchungen  von  Bücking,  Luedecke 


LIX 


und  mir  stimmen  darin  überein,  dass  der  Basalt  dem  Nephelin- 
basalt angehört,  allerdings  mit  recht  zurücktretendem  Nephelin. 
Hierzu  gehört  auch  der  Basalt  von  Hessberg  bei  Hildburghausen. 
Andere  Basalte  sind  bis  jetzt  auf  der  Section  Rodach  nicht  auf- 
gefunden worden ; dagegen  gehören  die  Gesteine  im  äussersten 
Westen  und  Norden  des  Gangzuges,  der  durch  das  Streichen  in 
Stunde  2 charakterisirt  wird,  dem  Plagioklasbasalt  und  Basanit  zu, 
so  die  Basalte  des  Teufelsteins  bei  Themar,  der  Steinsburg  bei 
Suhl  u.  a. 

Die  Aufnahmen  und  Revisionen  auf  Dingsleben  ergaben  das 

ö O 

interessante  Resultat,  dass  die  Werra  im  langen  Laufe  Verwerfungen 
folgt,  die  im  Zusammenhang  mit  der  Marisfelder  Midde  stehen. 
D as  heutige  Werrathal  zwischen  Hildburghausen  und  Themar  ist 
zum  Theil  sehr  jugendlichen  Alters,  so  die  Strecke  zwischen 
Ebenhards  und  Beurieth.  Das  alte  Bett  wich  im  grossen  Bogen 
davon  ab  und  lag  über  3 Kilometer  südlich ; es  umfloss  in 
grosser  Schleife  den  Höhnberg  und  ist  noch  z.  Th.  im  soge- 
nannten Zeilfelder  Grund  erhalten,  durch  Diluvialablagerungen 
deutlich  gekennzeichnet.  Die  Verwerfungen  im  Werrathal  laufen 
übrigens  nicht  mehr  im  nordwestlichen  Streichen,  sondern  nehmen 
eine  nahezu  nördliche  Richtung  an. 

Bei  der  Schlussrevision  von  Section  Hildburghausen  wurde 
an  der  Wiedersbacher  Störung,  die  von  Eisfeld  herkommt,  infolge 
neuer  Ausschürfungen  das  Vorkommen  von  oberem  Zechstein  bis 
zu  den  untern  Letten  constatirt,  die  hier  an  Anhydrit  und  Schaum- 
kalk stossen.  Die  Lagerungsverhältnisse  sind  hier  sehr  eigen- 
thümlicher  Art  und  ganz  abweichend  von  denen,  die  Loretz  auf 
Eisfeld  beobachtet  hat.  Der  Zechstein  mit  dem  feinkörnigen 
Sandstein  und  einem  Theil  des  Gerolle -führenden  zeigt  deutliche 
fächerförmige  Schichtenstellung;  die  ganze  Partie  gehört  einer 
unzweifelhaft  herausgequetschten  Scholle  an. 

Mittheilung  des  Herrn  Beyschlag  über  Aufnahmen  auf 
Blatt  Salzungen. 

Die  Gliederung  der  ausgedehnten  Diluvial-  und  Alluvial- 
bildungen  am  südlichen  Werra-Ufer  bei  Salzungen  bewies,  dass 
die  Beschaffenheit  des  Schottermateriales  allein  als  Kriterium  zur 


LX 

Trennung  von  Haupt-  und  Seitenthal-Schotter  selbst  in  den  Fällen 
nicht  immer  ausreicht,  wo  die  Gesteine  der  Seitenthäler  sich 
wesentlich  von  den  im  Hauptthale  bewegten  Erosionsproducten 
unterscheiden.  Indem  die  jüngeren  Seitenthäler  von  Süden  her  sich 
zur  Werra  austieften,  mussten  sie  die  bereits  existirenden,  ansehn- 
lichen, älteren  Schotterterrassen  an  den  Flanken  der  Werra  durch- 
sägen und  mischten  somit  ihr  eigenes  ausschliesslich  aus  Bunt- 
sandstein und  Bafealt  bestehendes  Material  mit  dem  wiederauf- 
bereiteten Schottermaterial  der  diluvialen  Werra,  welche  vorzugs- 
weise ältere  Gesteine  des  Thüringer  Waldes  abgelagert  hatte. 
Bei  dergleichen  aus  gemischtem  Material  bestehenden  jungdilu- 
vialen und  alluvialen  Schottermassen  musste  die  Lagerung  und  die 
Verbreitung  für  die  Beurtheilung  des  Alters  und  der  Herkunft 
als  ausschlaggebendes  Merkmal  betrachtet  werden. 

Zu  den  wenigen,  in  ihrem  relativen  Alter  schwer  feststell- 
baren Tertiärablagerungen,  welche  aus  dem  Gebiete  der  Werra 
und  ihrer  Nebenflüsse  bekannt  geworden  sind  (Eisfeld,  Plateau 
über  Meiningen,  Willmars,  Schwarzbach,  Rosa,  Ober- Zella  bei 
Vacha)  gesellt  sich  ein  in  seiner  Entwickeluüg  namentlich  dem 
letzten  nahestehendes,  räumlich  sehr  beschränktes  Vorkommen  unter 
dem  Dorfe  Gumpelstadt  auf  Blatt  Salzungen.  Plastische  Tlione 
mit  geringen  Einlagerungen  einer  erdigen,  schlechten  Braunkohle 
setzen  die  Ablagerung  zusammen,  die  jedenfalls  mehr  zu  den  oben 
aufgeführten  jungtertiären  Ablagerungen  gehört,  als  zu  den  von 
Basaltergüssen  bedeckten,  der  Braunkohlenformation  der  östlichen 
Rhön  zugehörigen  Ablagerungen  der  Geba  und  des  Hahnberges 
bei  Oberkatz. 

Für  die  Beurtheilung  der  Mächtigkeit  der  einzelnen  Glieder 
der  Zechsteinformation  sind  die  Resultate  von  Bedeutung,  welche 
bei  den  verschiedenen  Bohrungen  der  Saline  Salzungen  gewonnen 
wurden.  Es  ergeben  sich  als  Mittel  aus  5 gut  übereinstimmenden 
Bohrungen  für  die  Bröckelschiefer  und  Obere  Zechsteinletten 
zusammen  24,4  Meter,  für  den  oberen  Zechsteindolomit  17,2  Meter, 
für  die  Unteren  Letten  mit  Gyps  bis  zum  Steinsalzlager  48,4  Meter. 
Das  Steinsalzlager  wurde  nirgends  durchbohrt. 

O O 


LXI 


Mittheilung  des  Herrn  F.  Beyschlag  über  Aufnahmen  in 
Hessen. 

In  dem  hessischen  Arbeitsgebiet  längs  des  Unterlaufes  der 
Fulda  von  Rotenburg  bis  Cassel  konnte  das  Bild  der  für  den 
geologischen  Bau  jener  Gegend  so  wichtigen  Grabenversenkungen 
im  Einzelnen  vervollständigt  werden.  So  wurde  zunächst  der 
Zusammenhang  der  von  Grossalmerode  in  WNW.-  Richtung 
streichenden  Bruchlinie  mit  derjenigen,  welche  erst  dem  Losse- 
Thal  folgend,  dann  von  Oberkaufungen  durch  den  Eichwald  bei 
Bettenhausen  quer  durch  die  Stadt  Cassel  und  von  da  in  gleicher 
Richtung  über  Kirchditmold  zum  Fusse  des  Habichtwaldes  ver- 
läuft, ermittelt.  So  sehr  die  Verwerfungen  und  Gräben  der  be- 
schriebenen Richtung;  im  weiter  östlich  gelegenen  Gebiete  nach 
dem  Thüringer  Walde  zu  an  Zahl  und  Intensität  zunehmen,  so 
sehr  tritt  für  unser  Gebiet  diese  Bruchrichtung  hinter  der  wich- 
tigeren SW. -NO.  streichenden  zurück.  Erst  auf  dem  Blatte  Alt- 
morschen begegnen  wir  zwischen  Wichte  und  Nieder- Beisheim 
wieder  einer  zwar  kurzen  aber  typischen  Versenkung  in  WNW.- 
Richtung,  die  den  räumlichen  Zusammenhang  zweier  an  ihr  ab- 
schneidender Grabentheile  der  anderen  Richtung  vermittelt.  Der 
dritte  und  letzte  Bruch  ersterer  Richtung  verläuft  auf  dem  Blatte 
Ludwigseck  vom  Semmelberge  bei  Raboldshausen  über  Saasen 
und  Aua  durch  den  oberen  Gaisgrund  in  der  Richtung  auf  Heenes 
zur  Fulda  unterhalb  Uersfeld.  Diese  drei  ihrem  Verlauf  nach 
skizzirten  Gebirgsbrüclie  haben  die  Eigentbündichkeit  gemeinsam, 
dass  die  Form  und  Lagerung,  unter  welcher  die  aus  ihrem  ur- 
sprünglichen Gleichgewicht  gelösten  Schichtentheile  dasselbe  wieder- 
fanden, auf  kurze  streichende  Erstreckungen  in  auffallender  Weise 
wechselt.  So  kann  ein  einfacher  linearer  Bruch  mit  einseitiger 
Einsenkung  der  Schichten  gegen  die  Bruchlinie  übergehen  in  eine 
echte  einflügelige  oder  doppeltflügelige  Grabenversenkung,  und 
diese  wiederum  kann  übergehen  zu  einer  flach -muldenförmigen 
Lagerung  der  Schichten,  bei  der  nur  noch  das  Ueberwiegen  der 
Längsaxe  der  Mulde  an  die  Verwandtschaft  mit  der  ursprünglichen 
Grabenversenkung  erinnert.  Die  bereits  in  der  Drucklegung  be- 


LXII 


griffene  und  demnächst  erscheinende  geologische  Specialkarte 
dieser  Gegend  wird  die  Mannigfaltigkeit,  in  der  sich  die  Zer- 
breclning  des  Gebirges  vollzog,  zum  Ausdruck  bringen.  — Es 
dürfte  schwer  sein  anzugeben  und  zu  begründen , ob  und  welche 
der  beiden  in  unserem  Gebiete  sich  mannichfaltig  kreuzenden,  bezw. 
an  einander  absetzenden  Brüche  die  älteren  und  welches  die  zu- 
letzt entstandenen  seien.  Es  erscheint  wohl  angängig,  die  Kräfte, 
welche  die  Schichtendislocation  verursachten  , sich  gleichzeitig 
wirkend  vorzustellen,  wenngleich  nirgends  eine  in  der  Resultirenden 
beider  Richtungen  liegende  Kraftwirkung  erkennbar  ist.  Zieht  man 
die  Erfahrungen  aus  dem  ganzen  zwischen  Thüringer  Wald 
und  der  Fulda  belegenen  Gebiete  in  Betracht,  so  will  es  scheinen, 
als  ob  weder  die  eine,  noch  die  andere  Art  von  Brüchen  in  jedem 
der  iu  Rede  stehenden  Gebietsteile  die  ältere  resp.  die  jüngere 
sei,  sondern  als  ob  zwischen  der  wiederholten  Aeusserung  der  in 
der  einen  Richtung  wirkenden  Kraft  wiederholte,  der  Zeit  nach 
nicht  beträchtlich  von  der  ersteren  unterschiedene,  in  der  zweiten 
Richtung  wirkende  Kräfte  thätig  gewesen  seien.  Zur  Begründung 
des  Gesagten  sei  hier  nochmals  darauf  hingewiesen,  dass  die 
NO. — SW.  streichenden  Brüche  von  Grossalmerode- Spangenberg- 
Wichte  bezw.  von  Raboldshausen  - Salzberg  - Oberaula  an  den 
SO. — NW.  verlaufenden  Bruchlinien  Wichte-Niederbeisheim  bezw. 
Semmelberg-Saasen- Aua- Heenes  absetzen,  und  dass  andererseits 
das  umgekehrte  Verhältniss  sowohl  bei  dem  Bruche  Wickenroda- 
Grossalmerode-Ungsterode,  als  auch  bei  dem  etwas  südlicheren 
Graben  Waldkappel-Hollstein-Lichtenau  zu  beobachten  ist. 

Die  geringe  Zeit,  welche  in  diesem  Jahre  für  die  Aufnahmen 
in  der  Umgebung  Cassels  zur  Verfügung  stand,  wurde  noch  durch 
die  besondere  Aufgabe  beeinträchtigt,  die  hydrographischen  Ver- 
hältnisse dieses  Bezirkes  in  einer  Weise  zu  untersuchen  und  dar- 
zustellen, dass  der  städtischen  Verwaltung  von  Cassel  für  ihr 
Project  einer  neuen  Wasserversorgung  der  .Stadt  die  nöthigen 
Grundlagen  geschaffen  würden.  So  beschränkten  sich  die  Beob- 
achtungen und  Begehungen  im  Wesentlichen  auf  die  einzelnen 

Tertiärablagerungen  in  der  Umgebung  von  Cassel  und  auf  die 
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Besichtigung  der  durch  den  Bergbau  veranlassten  Aufschlüsse  in 

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LXIII 


denselben.  Es  gelang  dabei  in  Sonderheit  durch  das  Zuvorkommen 
der  Kgl.  Bergbehörde  und  privater  Bergbautreibender  eine  nicht 
unbeträchtliche  Zahl  von  Bohrlochs-  und  Schachtprofilen  aufzu- 
zeichnen, welche  für  die  weitere  Beurtheilung  der  Lagerungs- 
verhältnisse sowohl,  als  auch  des  relativen  Alters  dieser  Ablage- 
rungen von  Werth  sind.  Gleichwohl  sind  die  Untersuchungen 
darüber  noch  in  einem  Stadium,  welche  ein  abschliessendes  Urtheil 
noch  nicht  gestatten.  — Von  besonderem  Interesse  waren  die 
Beobachtungen  über  das  Verhältniss  des  Basaltes  zu  den  Tertiär- 
ablagerungen, wie  solche  der  Bergbau  ausser  auf  dem  Habichts- 
wald vor  allem  auf  der  Grube  Stellberg  III.  bei  Wattenbach 
ermöglicht  hat.  In  letztgenannter  Grube  ist  das  Kohlenflötz  in 
recht  ansehnlicher  Ausdehnung  auf  der  Ostseite  des  Stellberges 
beim  Hambülskopf  durch  ein  intrusives  Basaltlager  vom  Liegenden 
her  metamorphosirt.  Der  mächtige  Basalterguss  hat  sich  nur 
wenige  Fuss  über  dem  mittleren  Buntsandstein,  zum  Theil  direct 
auf  demselben  in  tertiäre  Sande  eingedrängt,  die  meist  nur  wenige 
Fuss  mächtig  unter  dem  Kohlenflötz  liegen.  Vom  Basalt  aus 
verzweigen  sich  durch  den  von  Bitumen  schwarz  gefärbten  Sand 
bis  weit  in  das  Kohlenflötz  hinein  Apophysen,  in  deren  Nachbar- 
schaft die  Umwandlung  der  Kohle  bis  zur  stengeligen  Absonderung 
gesteigert  ist.  Dennoch  kann  die  metamorphosirende  Wirkung 
des  Basaltes,  der  zu  Folge  die  gewöhnliche  erdige  Braunkohle 
in  der  ganzen  Flötzmächtigkeit  von  3 — 4 Meter  zu  Glanzkohle 
und  Schwarzkohle  veredelt  ist,  keineswegs  lediglich  auf  diese  das 
Flötz  thatsächlich  berührenden  und  durchsetzenden  Apophysen 
bezogen  werden,  vielmehr  ist  dieselbe  der  Hauptsache  nach  durch 
den  in  der  Sohle  liegenden  und  durch  die  erwähnte  Sandschicht 
getrennten  Basalt  hervorgebracht  worden.  Von  der  Intensität  der 
Veränderung  der  Kohle  geben  folgende  Verhältnisszahlen  eine 
Vorstellung.  Ist  die  Wassermenge  von  0°  C.,  welche  von  1 Gewichts- 
theil  unveränderter  Braunkohle  vom  Stellberg  in  Dampf  von  150°  C. 
verwandelt  wird,  = 5,8  Gewichtstheilen,  so  ist  die  entsprechende 
Wassermenge  bei  Anwendung  von  Schwarzkohlen  = 6,9  und  bei 
Glanzkohlen  = 7,6  dieser  Gewichtstlieile. 

Es  kann  heute  nur  andeutungsweise  darauf  hingewiesen 


LXIV 


werden,  dass  eine  Anzahl  von  Basaltergüssen  dortiger  Gegend 
wohl  niemals  Oberflächenergüsse  gewesen  sind,  sondern  Intrusiv- 
Masseu,  Einpressungen,  die  seitlich  von  Spalten  aus  in  Buntsand- 
stein, Muschelkalk  oder  Tertiärschichten  injicirt  wurden.  In  den 
weitaus  meisten  Fällen  ist  durch  die  nachfolgende  Denudation 
und  Erosion  der  Basalt  bereits  aus  dem  umgebenden  Gestein 
herausgeschält  und  freigelegt  worden.  Um  so  werthvoller  und 
interessanter  sind  Stellen,  wie  die  angeführte  am  Stellberg,  oder 
der  altbekannte  Punkt  im  Ahnegraben  des  nördlichen  Habichts- 
waldes, wo  der  Basalt  sich  auf  längere  streichende  Erstreckung 
zwischen  die  Muschelkalkschichten  eingedräncft  hat.  Verhälinisse 
wie  die  vom  Stellberg  geschilderten,  werden  nun  aber  auch  noch 
insofern  von  weitersehender  Bedeutung:  für  die  umliesende  Gebend 
und  insonderheit  für  die  Beurtheilung  der  Altersverhältnisse  von 
Basalt-  und  Braunkohlenbildungen  des  Habichtswaldes , als  die 
übereinander  folgenden,  durch  Tertiärschichten  getrennten  Basalt- 
massen nun  nicht  mehr  für  jeden  Fall  verschieden-zeitigen  Ergüssen 
angehören  müssen,  sondern  im  gleichen  Verhältniss  zu  einander 
stehen  können  wie  die  grosse  Basaltdecke  des  Stellberg;es  im 
Hangenden  des  Braunkohlenflötzes  zu  den  Intrusiv- Massen  im 
Liegenden  desselben. 

Mittheilung  des  Herrn  E.  Kayser  über  Aufnahmen  in 
der  Gegend  von  Marburg  und  Dillenburg. 

Die  schon  im  Jahre  1 88 G begonnenen,  im  Sommer  1887  fort- 
gesetzten Arbeiten  führten  zur  Entdeckung;  einer  überraschend 
grossen  Zahl  von  Verwerfungen  im  Buntsaudsteingfebiet  der 
Blätter  Marburg  und  Niederweimar.  Diese  z.  Th.  mehrere  Kilo- 
meter weit  verfolgbaren  Spalten  sind  aber  nicht  blos  auf  den 
Bundsandstein  beschränkt,  sondern  setzen  sich  auch  in  das  Roth- 
liegende  und  in’s  Alte  Gebirge  fort.  Ein  bestimmtes  System  in 
der  Richtung  der  Spalten  ist  bis  jetzt  nicht  zu  erkenneu. 

In  der  Marburg;er  wie  auch  in  der  DilDegrnd  betraf  die 
Untersuchung  besonders  auch  die  weitverbreiteten  Tentaculiten- 
führenden  Schiefer,  die  bis  jetzt  meist  zum  Culm  gerechnet 
wurden,  die  aber  sammt  den  sie  begleitenden  Dachschiefern, 


LXV 


Kieselschiefern,  Grauwacken,  Kalksteinen,  Quarziten  etc.  ein  weit 
höheres  Alter  besitzen.  Das  Hangende  der  fraglichen,  sehr  mäch- 
tigen Schichtenfolge  besteht  nämlich  an  vielen  Punkten  nachweis- 
bar  aus  Oberdevon,  das  Liegende  aber  aus  den  obersten  Schichten 
des  Unterdevon,  so  dass  jene  selbst  nur  ein  mitteldevonisches 
Alter  haben  kann.  Es  ist  eine  sehr  bemerkenswerthe  Erweiterung 
der  bisherigen  Ansichten  über  das  Alter  der  Tentaculiten-führenden 
Schiefer  und  der  damit  eng  zusammenhängenden  Orthocerasschiefer 
der  Dillgegend  und  des  hessischen  Hinterlandes,  dass  dieselben 
nicht  nur  das  untere,  sondern  auch  das  obere  Mitteldevon  ver- 
treten, während  Stringocephalenkalk  in  jener  Gegend  gänzlich  zu 
fehlen  scheint. 

Ein  anderes  interessantes  Resultat  ist  die  Auffindung  weiterer 
Punkte  von  Clymenienkalk  im  Dillenburg’schen.  Ausser  an  der 
schon  seit  einigen  Jahren  bekannten,  aber  in  der  Literatur  wohl 
nicht  beschriebenen  Localität  bei  Bicken,  im  Hangenden  des 
dortigen  schwarzen  Kalkes  mit  Goniatites  intumescens  wurden 
Clymenien  und  Goniatiten  des  Clymenienniveaus  auch  bei  Langen- 
aubach (unweit  Ilaiger),  in  unmittelbarer  Nähe  des  dort  entwickelten 
Iberger  Kalks  nachgewiesen. 

c5  O 

Eine  weitere  unvermuthete  Entdeckung  ist  die  von  typischem 
Unter devon  mit  Homalonoten,  Pterineen,  Pleurodictyum,  Chonetes 
sarcinulata  etc.  mitten  zwischen  Schichten  vom  Alter  des  Mittel- 
devon, Oberdevon  und  Culm  oberhalb  Herbornseelbach,  an  der 
Landstrasse  nach  Bicken. 

Erwähnenswerth  ist  endlich  der  Nachweis  einer  viel  grösseren 
Verbreitung  der  sog.  Lahnporphyre  im  Dillgebiete,  als  man 
bisher  annahm.  Dieselben  sind  ganz  an  die  Verbreitung  der 
mitteldevonischen  Schiefer  geknüpft,  in  welchem  sie  als  lager-  und 
stockförmige,  aber,  wie  es  scheint,  nie  als  gangförmige  Massen 
auftreten. 

Mittheilung  des  Herrn  H.  Grebe  über  die  Aufnahmen  an 
der  Mosel,  Saar  und  Nahe  im  Sommer  1887. 

Die  letztjährigen  geologischen  Arbeiten  bestanden  meist  in 
Revisionen  früher  bearbeiteter  Karten,  zunächst  der  Blätter  Trier 

Jahrbuch  1887.  p 


LX  VI 


und  Pfalzel,  mit  Zugrundelegung  der  Neuaufnahmen  des  General- 
stabes. 

Es  wurden  auf  Blatt  Trier  die  vielen  Verwerfungen  der  Trias 
in  ihrem  Verlauf  von  Neuem  festgestellt  und  nicht  nur  verschiedene 
anders  dargestellt,  sondern  es  konnten  auch  einige,  früher  nicht 
erkannte,  kartirt  werden.  Das  gelang  dadurch,  dass  auch  hier,  wie 
es  im  vorhergehenden  Jahre  bei  der  Revision  der  im  Jahre  1 880  publi- 
cirten  Blätter  Merzig,  Perl  und  Gross -Hemmersdorf  (1876)  ge- 
schehen, eine  speziellere  Gliederung  des  Buntsandsteins  durch- 
geführt wurde.  So  ist  westlich  von  Trier,  kaum  1 Kilometer  vom 
linken  Moselufer,  noch  eine  Verwerfung  nachgewiesen  worden,  die 
bei  50  Meter  Sprunghöhe  in  gleicher  Richtung  von  SW.  nach 
NO.  wie  die  meisten  übrigen  Klüfte  des  Blattes  streicht.  Der 
nächste  NW. -Sprung,  welcher  von  Igel  über  Sirzenich  nach  dem 
Kockeisberg  (etwa  3 Kilometer  NW.  von  Trier)  verläuft  und  von 
da  nach  NO.  im  Buntsandstein  nicht  weiter  in  seinem  Fortstreichen 
zu  erkennen  war,  ist  jetzt  bis  zum  Steigerberg  (3  — 4 Kilometer 
vom  Kockeisberg)  festgestellt  worden. 

Im  nordwestlichen  Tlieile  des  Blattes  Trier  sind  die  Zwischen- 
schichten zu  beiden  Seiten  der  Sauer,  zwischen  Wintersdorf  und 
Metzdorf,  auf  eine  Länge  von  5 Kilometer  und  dann  längs  der 
Mosel  von  Wasserliesch  bis  nördlich  von  Pallien,  sowie  in  den 
Seitenthälern  bei  Zewen,  Euren  und  Pallien,  in  dem  Biewerbacli- 
thal  aufwärts  bis  Aach  hin  nachgewiesen  worden.  In  der  Nähe 
dieses  Dorfes,  woselbst  die  Triasschichten  durch  Klüfte  ausser- 
ordentlich gestört  sind,  hat  sich  das  Netz  derselben  bei  der  Revision 
und  beim  Peststellen  der  Zwischenschichten  etwas  anders  gestaltet. 
Dann  liegen  auf  der  Höhe  des  Stubenbergs,  nördlich  der  Kockels- 
berger  Kluft  Zwischenschichten,  südlich  davon  Vogesensandstein 
in  gleichem  Niveau.  Am  Steigerberg  liegen  zu  beiden  Seiten 
desselben  Zwischenschichten,  auf  der  südöstlichen  Seite  aber  in 
einem  ca.  40  Meter  höheren  Niveau  als  auf  der  nordwestlichen. 
Dasselbe  ist  am  Kockeisberg  der  Fall. 

Die  an  der  Saar  40  — 50  Meter,  in  der  Trier’schen  Gegend 
bis  70  Meter  mächtigen  Zwischenschichten  sind  grob-  bis  fein- 
körnige  Sandsteine,  die  sich  wegen  ihrer  weichen  Beschaffenheit 


LXVIt 


zu  baulichen  Zwecken  selten  eignen;  sie  sind  im  Gegensätze  zuril 
hellrothen  und  buntfarbigen  Yogesensandstein  tief  braunrotb  bis 
graulich- violett  gefärbt,  glimmerführend  und  enthalten  oftmals 
Knollen  von  grauem  Dolomit,  sowie  auch  kleine  Geschiebe  von 
Milcbquarz.  Hohlräume,  durch  das  Auswittern  der  Dolomite  her- 
vorgerufen, bemerkt  man  häufig  darin.  Conglomeratische  Schichten 
(Vertreter  des  Hauptconglomerates  der  Vogesen)  zeigen  sich  auch 
in  der  Trier’schen  Gegend  nicht  selten  an  der  Basis  der  Zwischen- 
schichten; dagegen  fehlt  der  in  diesem  Niveau  an  der  Saar  und 
in  den  Vogesen  ziemlich  häufige  Carneol  in  der  Trier’schen  Gegend. 
Der  auflagernde,  bis  zu  20  Meter  mächtige  Voltziensandstein  ist 
dem  Sandsteine  der  Zwischenschichten,  wenn  sie  in  festeren  und 
stärkeren  Bänken  Vorkommen,  ziemlich  ähnlich;  er  erscheint  meist 
in  wohlgeschichteten  und  starken  Bänken,  zumal  in  den  unteren 
Lagen;  im  Hangenden  wird  der  Voltziensandstein  gewöhnlich 
dünnschichtig  und  wechsellagert  mit  sandig-thonigen  Schichten; 
meist  liefert  er  einen  geschätzten  Baustein. 

Man  hatte  bei  den  Aufnahmen  in  Elsass-Lothringen  versucht, 
eine  Zweitheilung  des  Vogesensandsteins  vorzunehmen  und  damit 
begonnen,  dieselbe  auch  an  der  Preussisch-lothringischen  Grenze 
in  der  Saarbrücker  Gegend  durchzuführen;  ich  erwähnte  schon  in 
meiner  Mittheilung  des  Jahrbuches  für  1886,  dass  eine  solche 
nicht  überall  durchführbar  sei;  sie  liess  sich  schon  hei  Saarlouis 
nicht  nachweisen,  noch  weniger  in  der  Trier’schen  Gegend,  und 
auch  von  Seiten  der  Strassburger  Geologen  ist  sie  bei  ihren  Auf- 
nahmen  aufgegeben  worden.  Der  Vogesensandstein  ist  auch  hei 
Trier  meist  grobkörnig,  glimmerfrei,  nicht  selten  aber  von  fester 
Beschaffenheit,  wird  an  manchen  Stellen  gewonnen  und  zum  Bauen 
verwandt;  manchmal  erscheint  er  sogar  in  hoher  Festigkeit. 

Ich  erwähnte  auch  im  vorigen  Jahre,  dass  die  in  den  Vogesen  auf- 
gestellte, 100  Meter  mächtige,  untere  Abtheilung  des  Buntsandsteins 
(thonige  und  glimmerreiche  Sandsteine  mit  Thonen)  sich  an  der 
Saar  und  Mosel  nicht  nachweisen  lasse;  meines  Wissens  ist  sie 
auch  von  den  Strassburger  Geologen  wieder  aufgegeben  worden 
und  ist  dieselbe  als  oberste  Stufe  des  Oberrothliegendeu  anzusehen, 
wie  gemeinschaftliche  Begehungen  mit  ihnen  in  der  Pfalz  im  vorigen 

o o o o 


e 


LXVIII 


Sommer  und  eine  erneute  Bereisung  derselben  im  letzten  Herbste 
ergeben  haben.  Es  kommen  ganz  ähnliche  und  recht  mächtige 
glimmerreiche,  thouige  Sandsteine  mit  Thonen  wechselnd,  östlich 
von  Trier  bis  zum  Alfthal  hin  vor,  die  ich  schon  vor  Jahren  zur 
oberen  Stufe  des  Oberrothliegenden  gestellt  und  in  einem  Aufsatz1) 
in  dem  Jahrbuche  für  1881  beschrieben  habe:  als  braunrothe, 
mürbe  Sandsteine  mit  sandigen  Schieferthonen,  die  häufig  grünlich- 
weiss  gefleckt  sind.  Besonders  kreisrunde,  grünlich-weisse  Flecken 
findet  man  fast  überall  in  diesen  Schichten  (Kreuznacher  Schichten). 
Die  sandig-dolomitischen  Schichten  als  Grenzgesteine  zwischen  dem 
Oberrothliegenden  und  Vogesensandstein,  deren  ich  in  dem  ange- 
führten Aufsatze  (S.  463)  Erwähnung  that,  haben  sich  in  der  Pfalz 
auch  nur  in  geringer  Mächtigkeit  (15  Centimeter)  gleichfalls  auf- 
finden lassen,  hier  aber  thierische  Beste  einschliessend,  die  als 
Zechstein- Versteinerungen  erkannt  worden  sind. 

Beste  von  Tertiär  sind  auf  Blatt  Trier  spärlich  vorhanden, 
das  Vorkommen  einzelner  Blöcke  von  Braunkohlenquarzit  auf  dem 
Plateau  (375  Meter  über  dem  Meere)  zwischen  Fusenich  und 
Sirzenich,  5 Kilometer  westlich  von  Trier,  sowie  die  auf  dem 
350  Meter  hohen  Steigerberg  lagernden,  weissen,  ganz  abgerundeten 
Quarzgerölle  deuten  darauf  hin.  Dann  wurden  im  letzten  Jahre 
vereinzelte  Geschiebe  und  Conglomerate  auf  den  400  Meter  hohen 
plateauförmigen  Flächen  zwischen  Waldrach  und  Oberfell,  ferner 
bei  Oberfell  (Blatt  Pfalzel)  gefunden,  die  ebenfalls  dem  Tertiär 
angehören  dürften.  Vulkanischer  Sand  wurde  im  Lehm  auf  dem 
Plateau  nordöstlich  von  Buwer,  auf  der  Fläche  bei  Franzen- 
knüppchen,  in  grösserer  Ausdehnung  am  Boscheiderhof  und  im 
Eurener  Walde  beobachtet. 

Die  Bevision  des  Blattes  Pfalzel  ging  viel  schneller  und 
leichter  von  Statten,  da  hier  vorherrschend  Hunsrückschiefer  Vor- 
kommen, die  Arbeiten  au  der  im  Baue  begriffenen  Buwerthalbahn 
ergaben  keine  weiteren  Aufschlüsse,  nur  sind  einige  kleine  Diluvial- 
terrassen, mit  Kies  bedeckt,  dabei  entblösst  worden.  Dann  sind 
einige  grössere  Vorkommen  von  Diabas  bei  Lichtungen  von 
Waldparzellen  aufgefunden  worden. 

')  Ueber  das  Ober-ffothliegende,  die  Trias,  das  Tertiär  und  Diluvium  in  der 
Trier’ sehen  Gegend. 


RXIX 


Noch  wurde  bei  der  Revision  des  Blattes  Pfalzel  nordöstlich 
von  Ruwer  eine  Verwerfung  erkannt,  die  das  Oberrothliegende 
vom  Unterdevon  trennt. 

Bei  den  Revisionsarbeiten,  die  in  der  Saarbrücker  Gegend 
vorgenommen  worden  sind,  handelte  es  sich  zunächst  gleich  wie 
bei  denen  von  Blatt  Merzig,  Perl  und  Gross -Hemmersdorf  im 
Jahre  1886,  mit  den  Aufnahmen  von  Seiten  Eisass -Lothringens 
Uebereinstimmung  zu  erlangen. 

Auf  Blatt  Ludweiler  (Bouss)  wurden  von  Merten  (Lothringen) 
aus  über  Berus  bis  Felsberg  (am  Nordrande  der  Karte)  die 
Zwischenschichten  ausgeschieden,  auf  dem  südlichen  Anschluss- 
blatte St.  Avold  (Lauterbach)  war  an  der  Preussisch-lothringischen 
Grenze  nur  eine  kleine  Partie  dieser  Schichten  zu  verzeichnen. 

Auf  dem  Blatte  Saarbrücken  wurden  dieselben  an  den  Spicherer 
Höhen  längs  der  Landesgrenze  festgestellt.  An  der  Grenze  der 
Zwischenschichten  gegen  den  Vogesen  Sandstein  kommen  hier 
ebenfalls  schmale  Lagen  von  Conglomerat  und  mehrfach  Knollen 
von  Carneol  vor,  namentlich  in  der  Schlucht  östlich  der  Goldenen 
Bremm.  Dann  wurden  auch  östlich  von  Saarbrücken,  sowie  westlich 
und  östlich  von  St.  Arnual  auf  Blatt  St.  Johann  (Dudweiler)  die 
Zwischenschichten  kartirt  und  dabei  mehrere  Verwerfungen  fest- 
gestellt,  die  früher  nicht  erkannt  waren.  Eine  derselben  am 
Grossen  Bartenberg  bei  Scheidt  schneidet  die  Zwischenschichten 
gegen  Norden  ab;  sie  liegt  im  nordöstlichen  Fortschreiten  der 
grossen  Kluft,  die  G.  Meyer  in  seiner  Abhandlung  ȟber  die 
Laererunffsverliältuisse  der  Trias  am  Südrande  des  Saarbrücker 

o o 

Steinkohlengebirges«  auf  der  beigefügten  Karte1)  von  Kochern 
her  über  Stieringen  und  nördlich  der  Spicherer  Höhen  verlaufend, 
angiebt. 

Eine  andere,  südlich  des  Winterbergs  durchsetzende  und  nach 
Güdingen,  in  der  Richtung  von  SW.  nach  NO.  streichende  von 
G.  Meyer  schon  beobachtete  Kluft,  hat  bewirkt,  dass  die  Trias- 
schichten auf  ihrer  Nordostseite  eingesunken  sind  und  liegen 
die  Zwischenschichten  am  steilen  nördlichen  Gehänge  des  Arnualer 

b Mittheilungen  der  CommissioQ  für  die  geologische  Landesuntersuchung  von 
Elsass-Lothringen  1886,  Bd.  1. 


LXX 


Stiftswaldes  in  einem  etwa  50  Meter  höheren  Niveau  als  am 
Tief-Weiher  (1  Kilometer  westlich  von  St.  Arnual). 

Auf  Blatt  Saargemünd  (Hanweiler)  erscheinen  die  Zwischen- 
schichten sowohl  südlich  von  Güdingen,  als  auch  westlich  von 
da  im  südlichen  Theile  des  Arnualer  Stiftswaldes,  ferner  bei 
Fechingen  gut  aufgeschlossen. 

Auf  den  Blättern  der  Saarbrücker  Gegend  ist  Oberroth- 
liegendes  nur  D/2  Kilometer  südwestlich  von  Clarenthal  (Blatt 
Saarbrücken)  angegeben.  In  gleicher  Beschaffenheit  als  ein 
mürbes,  tiefbraunrothes,  thonig-sandiges  Conglomerat  mit  Stücken 
von  verwittertem  Melaphyr  wurde  es  bei  dem  Bau  der  Fischbacli- 
balm  am  Bahnhofe  Schleifmühle,  1 1/2  Kilometer  vom  Saarbrücker 
Bahnhof,  unmittelbar  an  der  Grenze  des  Steinkohlengebirges  auf- 
geschlossen. Die  Böschung  ist  jetzt  überschottert,  doch  kann  man 
das  Gestein  noch  im  Graben  neben  dem  Bahnplanum  anstehend 
finden. 

Ferner  wurde  ein  guter  Aufschluss  von  Oberrothliegendem 
dicht  an  der  Mühle  vou  Werbeln  (Blatt  Luclweiler)  augetroffen. 
Am  Wege  von  der  Mühle  über  den  Kothen  Berg  nach  Schaff- 
hausen  steht  es  üeben  dem  Kohlengebirge  an  und  scheint  hier 
eine  Verwerfung  durchzusetzen.  Das  leicht  zerfallende,  undeutlich 
geschichtete ' Quarz-  und  Quarzitcouglomerat  schliesst  an  dieser 
Stelle  faustgrosse  Stücke  von  stark  zersetztem  Melaphyr  und 
Porphyrit  ein. 

Noch  an  mehreren  Localitäten  treten  an  der  Grenze  des 
Kohlengebirges  Schichten  auf,  die  ich  viel  mehr  für  Oberroth- 
liegendes  als  für  Buntsandstein  ansehen  möchte.  Dies  gilt  be- 
sonders  von  einer  Stelle  am  Käseberg  bei  Ludweiler,  wo  in  einer 
grösseren  Entblössung  an  der  Strasse  nach  Gr.-Kosseln  über  dem 
zu  Tage  tretenden  Kohlengebirge  tief  braunrothe,  z.  Th.  auch 
violett- graue  und  graulich  - weisse  Conglomerate  auftreten,  die 
einzelne  Gerolle  von  verwittertem  Eruptivgestein  einschliessen, 
das  Melaphyr  zu  sein  scheint.  In  dem  Gesteine  der  6 Meter 
tiefen  Entblössung,  t/a  Kilometer  nordöstlich  vom  Ramelter  Schacht 
und  links  der  Strasse  von  Völklingen  nach  Altenkessel  fanden 


LXXI 


sich  zwar  keine  Brocken  von  Melaphyr,  indess  erinnert  dasselbe 
bei  seiner  eigentbömlicben  Färbung  — es  ist  ein  grau-braunrotlier 
und  grau-violetter  Sandstein  mit  einzelnen  Quarzbrocken  von  mürber 
Bescbaffeubeit  - — doch  sehr  an  gleiche  Vorkommen,  wie  ich  sie 
vielfach  an  der  unteren  Nabe  und  auf  im  letzten  Sommer  und 
Herbst  unternommenen  Excursionen  in  der  Pfalz  und  in  dem 
Odenwalde,  bei  denen  es  sieb  um  vergleichendende  Studien  im 
Öberrothliegenden  bandelte,  beobachtet  habe.  Ich  bin  geneigt, 
das  Gestein  zur  obersten  Stufe  des  Öberrothliegenden  zu  rechnen. 
Ferner  kommen  an  der  Grenze  des  Kohlengebirges  Sandstein- 
schichten, die  ebenfalls  dahin  gehören  dürften,  an  folgenden 
Punkten  vor:  im  Bahneinschnitt  bei  Krämershaus,  zwischen  Saar- 
brücken und  Jägersfreude,  bei  Griessborn,  bei  Gersweiler  und 
Schönecken  nahe  an  der  Landesgrenze. 

Bei  der  Revision  der  Grenzlinien  des  Steinkohlengebirges 
auf  den  Blättern  Saarbrücken  und  Ludweiler  (Bouss)  auf  Grund- 
lage der  neuen  Karten  konnten  dieselben  gegen  den  Buntsand- 
stein schärfer  angegeben,  dann  auch  manche  Diluvialterrassen  ge- 
nauer dargestellt  und  mehrere  zugefügt  werden , so  dass  auf  den 
neuerdings  geologisch-colorirten  beiden  Blättern  viel  mehr  Diluvium 
erscheint.  Dieses  auszuscheiden , hat  namentlich  im  Gebiete  des 
oft  sehr  geschiebereichen  Vogesensandstein,  der  meist  leicht  zer- 
fällt, nicht  selten  seine  grosse  Schwierigkeit;  ausser  Zweifel  bleibt 
man  indess,  dass  Diluvium  einzutragen  ist,  wenn  mit  den  Ge- 
schieben von  Quarz  und  Quarzit  gleichzeitig  solche  von  Bunt- 
sandstein und  Muschelkalk  Vorkommen,  was  vielfach  der  Fall  ist. 

Das  30  — 40  Meter  über  der  Saar,  westwärts  der  Strecke  Saar- 
louis-Bouss  gelegene  Vorland  besteht  aus  Terrassen,  die  sich 
weiter  nach  Westen  bis  zu  dem  Höhenzuge  ausdehnen,  der  vom 
Limberg  (südwestlich  von  Dillingen)  über  Felsberg,  Berus  nach 
der  Lothringischen  Grenze  hin  verläuft.  Sie  sind  stellenweise 
reichlich  mit  diluvialem  Kies  bedeckt  und  als  ein  ehemaliges 

o 

Saarbett  anzusehen.  An  jenem  steil  abfallenden,  östlichen  Gehänge 
des  eben  erwähnten  Höhenzuges  floss  früher  die  Saar  vorüber,  es 
bildete  deren  Uferrand  oder  vielmehr  den  eines  Armes  derselben.  Die 


LXXII 


Begehung  der  Saarbrücker  Gegend  liat  nämlich  zu  der  Annahme 
geführt,  dass  zur  Zeit,  als  die  Saar  noch  in  einem  30 — 40  Meter 
höheren  Niveau  floss,  zwischen  St.  Arnual  und  Güdingen  eine 
Theilung  in  zwei  Arme  stattfand.  Ein  Arm  wandte  sich  in 
nordöstlicher  Richtung  zwischen  den  Haiberg  und  die  Höhe  des 
Kolbenholz  nach  der  Scliaafbrücke,  machte  hier  einen  scharfen 
Bogen  und  setzte  seinen  Lauf  zwischen  dem  Haiberg  und 
Kaninchenberg  gegen  W.  und  NW.  in  der  Richtung  der  heutigen 
Saar  fort.  Der  zweite  Arm  verlief  von  St.  Arnual  in  westlicher 
Richtung  zwischen  dem  Winterberg  und  den  Spicherer  Höhen 
sehr  wahrscheinlich  über  Forbacli  hinaus  und  dann  in  einem 
grossen  Bogen  längs  der  Lothringischen  Grenze  und  des  vorher 
gedachten  Höhenzuges  Berus-Felsberg.  Beide  Arme  vereinigten 
sich  etwa  nahe  unterhalb  Saarlouis.  Diese  beiden  Saararme 
der  älteren  Diluvialzeit  sind  zu  erkennen  an  den  diluvialen  Ab- 
lagerungen bei  30 — 40  Meter  über  dem  jetzigen  Saarbett,  dann 
aber  hauptsächlich  an  der  Terrainbildung:  die  breiten  Thäler  zu 
beiden  Seiten  des  Haiberges  weisen  auf  den  zuerst  genannten, 
die  grosse  Thaleinsenkung  zwischen  dem  Winterberg , altem 
Exercierplatz  und  den  SpicRerer  Höhen,  welche  sich  nach  Forbacli 
hin  weiter  ausdehnt,  auf  den  westlichen  Arm  hin. 

Die  übrigen  Arbeiten  des  letzten  Jahres  erstreckten  sich  auf 
kleinere  Berichtigungen  in  der  Umgebung  des  Spiemont  zwischen 
Ottweiler  und  St.  Wendel,  sowie  auf  Ausgleichung  einiger 
Differenzen  zwischen  den  diesseitigen  und  den  Bayrischen  Auf- 
nahmen an  der  Landesgrenze,  in  der  Nähe  von  Dörrenbach  (Blatt 
St.  Wendel),  auf  Revisionen  in  der  Gegend  von  Lichtenberg  uud 
zwischen  der  Nahe  und  Mosel. 

Mittheilung  des  Herrn  E.  Datiie  über  Aufnahmen  in 
den  Blättern  Neurode,  Langenbielau  und  Rudolfs- 
waldau. 

Die  Gneissfor mation  auf  Section  Neurode  gehört  aus- 
nahmslos der  Abtheilung  der  Zweiglimmergneisse  an;  sie  ist  im 
nordöstlichen,  von  Silberberg  nördlich  gelegenen  Sectionstheil  ent- 
wickelt. Breit-  und  grobflaserige  Gneissvarietäten  herrschen  vor, 


LXXIII 


während  die  fein  schiefrigen  und  köruigschuppigen  Abänderungen 
zurücktreten.  Von  erstem  sind  die  Augengneisse  (bei  den  drei 
Grenzen,  am  Fuchsberge  und  die  breite  Zone  von  der  grossen 
Strohhaube  bis  zum  Mannsgrunde)  besonders  hervorzuheben. 
Einige  20  Amphibolit-  und  4 Serpentinlager  (drei  bei  dem 
Forstorte  »die  drei  Grenzen«  und  eins  am  Fuchsberge)  sind  darin 
eingelagert.  P e g m at  i te  durchsetzen  zahlreich  die  Gneissschichten ; 
sie  führen  bei  der  Schutzhütte  nördlich  des  Schwarzen  Grabens 
neben  Orthoklas,  Mikroklin,  Plagioklas,  Glimmer,  Quarz  und  Tur- 
malin, noch  erbsengrosse,  rothbraune  Granatkry stalle  und  erbsen- 
grosse Körner  von  Apatit.  Baryt-  und  Quarzgänge  in  der  Um- 
gebung von  Silberberg,  auf  welchen  zu  verschiedenen  Zeiten  ein 
wenig  lohnender  Bergbau  umgegangen  ist,  sind  Vertreter  der  Erz- 
gänge. Ein  Kersantitgang,  zwischen  Mannsgrund  und  dem 
Hohenstein  bei  Silberberg  in  NS. -Richtung  aufsetzend,  ist  da- 
durch ausgezeichnet,  dass  er  zwar  im  südlichsten  Gangtheil  reich- 
lich dunklen  Glimmer  führt,  aber  in  seiner  Haupterstreckung  fast 
glimmerfrei  und  feldspatlireieh  sich  erweist  und  zum  Theil  Pseudo- 
sphärolithe  enthält,  die  auch  mit  unbewaffnetem  Auge  erkennbar, 
in  Gestalt  von  Variolen  hervortreten. 

Die  Lagerungsverhältnisse  sind  vom  Nordrand  der  Karte 
bis  zum  Mannsgrund  im  S.  regelmässig;  die  Schichten  streichen 
h.  6 — 7 bei  steilem  N. -Fallen;  sie  gehören  der  grossen,  durch  eine 
bedeutende  OW. -Verwerfung  und  längs  des  Höhlergrundes  auf- 
setzenden Verwerfung  abgetrennten  Scholle  an.  Bei  der  Abtrennung 
dieser  ungefähr  15  Quadratkilometer  grossen  Scholle  wurde  der 
südlichste  zwischen  Mannsgrund  und  Silberberg  vorhandene  Theil 

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der  Gneissformation  des  Eulengebirges,  den  man  jetzt  gleichfalls 
als  eine,  wenn  auch  kleinere  Scholle  auffassen  kann,  dermaassen 
zerstückelt  und  in  unendliche  viele  und  ve rh ältni ssm ässi g kleine 
Schollen  zertheilt,  dass  man  das  letztere  Gebiet  eigentlich  als 
eine  grossstückige  Gneissbreccie  auffassen  muss.  Die  Gneiss- 
bruchstücke  sind  oft  durch  Reib ungsbreccien,  die  grünlichgrau 
oder  graubraun  gefärbt  sind,  ein  grauwackenähnliches  Aussehen 
besitzen,  haselnussgrosse  Fragmente  von  Gneiss  und  Quarz  führen 
und  deren  Hauptmasse  aus  zerriebenem  und  nachträglich  ver- 


LXXIV 


festigten!  Gesteinspulver  bestellen,  tnun-  oder  gangförmig  erfüllt. 
Die  Grösse  der  Gänge  von  Reibungsbreccie  ist  verschieden,  meist 
sind  sie  aber  nur  1 — 2 Decimeter,  höchstens  0,5  Meter  stark.  Der 
letztere  Gneissdistrict  ist  als  Gneisszone  mit  Reibungsbreccien  auf 
der  Karte  ausgeschieden.  Die  erste  Aufrichtung  der  Gueiss- 
formation  und  deren  erste  Schollenbildung  geschah  vor 
Ablagerung  des  Mittelsilurs  von  Herzogswalde  bei 
Silberberg. 

Die  Kartirung  der  Gneissformation  in  der  Nordwestecke 
des  Blattes  Langenbielau  und  in  der  Nordostecke  der 
Section  Rudolfswaldau  ergab  das  interessante  Resultat,  dass 
die  der  Abtheilung  der  Biotitgneisse  beizuzählenden  Gneissschichten 
um  ein  bei  dem  Orte  Kasclibach  gelegenes  Centrum  gruppirt  sind. 
Dieser  Sattelkern  ist  in  der  OW. -Richtung  2 Kilometer  breit  und 
fast  ebenso  gross  in  der  NS. -Richtung;  er  besteht  aus  grob-  bis 
mittelkörnig- schuppigen  Biotitgneissen  von  oft  granitähnlichem 
Aussehen  und  Gefüge.  Die  angrenzenden  Gneissschichten  fallen 
allseitig  von  diesem  innern  Kerne  ab  und  bilden  mit  demselben 
und  den  weiter  entfernt  liegenden  Gneisszonen  einen  deutlichen 
Sattel,  dessen  Verbreitung  nach  S.  bis  Steiukunzendorf,  nach  W.  bis 
zur  hohen  Eule,  nach  O.  bis  nach  Peterswaldau  festgestellt  werden 
konnte,  während  seine  Ausdehnung  nach  N.  auf  Section  Reichenbach 
durch  Kartirung  noch  nachzuweisen  ist.  Es  hat  den  Anschein,  als  ob 
mau  den  ganzen  Bau  des  Eulengebirges  auf  diesen  Sattel  beziehen 
könne;  dann  würde  allerdings  die  Abtheilung  der  Biotitgneisse  in 
diesem  Gebirge  die  Abtheilung;  der  Zweiglimmergneisse  unzweifel- 
haft  unterlagern.  Neben  den  verschiedenen  Gneissvarietäten  er- 
scheinen in  diesem  Gebiete  noch  viele  Amphibolite,  die,  je 
nachdem  sie  mit  grobflaserigen  oder  körnigschuppigen  Gneissen 
verbunden  sind,  gleichfalls  grobe  oder  feinkörnige  Ausbildung  auf- 
weisen. Von  den  Serpentinen  ist  nur  ein  kleines  Lager  an  der 
Südseite  des  Burgberges  bei  Peterswaldau  aufgefunden  worden. 
Von  den  zahlreichen  Pegma täten  mögen  einige  Vorkommen  be- 

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sonders  erwähnt  werden.  Am  Nordabhauge  des  Kesselberges  bei 
Eriedrichshain  brechen  in  einem  grobkörnigen,  aus  Perthit,  Mikro- 
klin, Quarz  und  dunklem  Glimmer  bestehend,  sehr  schöne,  Smaragd- 


LXXV 


grüne,  3 — 4 Millimeter  lange  Kryställclien  von  Apatit.  Zu  den 
Pegmatiten  ist  ein  nordsüdlich  streichender  Gang;  an  der  NO. -Seite 
der  hohen  Eule  zu  stellen,  welcher  zwar  hauptsächlich  aus  weiss- 
lichem,  splittrigem  Gangquarz  besteht,  aber  auch  recht  reichlich 
bis  mehrere  Decimeter  breite  Gigen  von  schönem  Rosenquarz  führt, 
und  zurücktretend  körnigen,  weissen  Feldspath  und  etwas  Mus- 
covit  enthält.  Im  oberen  Theile  des  Milmichthales,  westlich  der 
Försterei,  konnte  eine  ziemlich  1 Kilometer  lange  und  ^2  Kilometer 
breite  Culmpartie  nachgewiesen  werden.  Dieses  Vorkommen  ist 
deshalb  von  Wichtigkeit,  weil  dadurch  einerseits  der  ehemalige 
Zusammenhang  der  beiden  jetzt  isolirt  erscheinenden  Culmpartieen 
von  Steinkunzendorf  und  Altfriedersdorf  erwiesen  wird,  andrerseits 
auch  die  Verbindung  mit  dem  Culm  südlich  des  Weistritzthales 
hergestellt  wird.  Der  Culm  des  Milmichthales  besteht  aus  Con- 
glomeraten  und  arkoseartigen , aus  Gneiss  entstandenen  Grau- 
wacken, die  in  den  liegendsten  Schichten  zu  wahren  Pseudogneissen 
(Seitenschlucht  östlich  vom  Krähenberge)  sich  herausbilden. 

Schliesslich  wurde  die  Kartirung  des  Obercarbons  und  Roth- 
liegenden  auf  der  SW. -Ecke  des  Blattes  Langenbielau  vollendet. 

Mittheilung  des  Herrn  F.  M.  Stapff  über  Aufnahmen 
in  Section  Charlottenbrunn. 

Gliederung  der  G n eis sfor matio n 1).  Nachdem  auch  die 
in  der  NW.  - Ecke  der  Section  Charlottenbrunn  vorherrschenden 
Cordieritgneisse  aufgenommen  sind,  ist  es  möglich  eine  Glied e- 
rung  des  Biotitgneisses  vorzunehmen,  welcher  nicht  nur  die 
Structur  zu  Grunde  liegt,  sondern  auch  solche  augenfällige  Ueber- 
gemengtheile,  die  für  Bildung  secundären  Glimmers  im  Gneiss  von 
Bedeutung  sind,  nämlich  Cord ie ri t und  daraus  hervorgegangener 
Pinit  und  Fibrolith  (oder  gleichwerthige  rhombische  Thonerde- 
silikate als  Sillimanit,  Andalusit,  Monroelith,  Bucliolzit,  Bandit, 
Xenolith,  Wörthit). 

Man  sieht  im  feinkörnig -schuppigen  Biotitgneiss  sehr  häufig 
abgerundet-rhombische  bohnenähnliche  »Fibrolithkuoten«,  aus  Quarz 

*)  Bulletin  de  la  Societe  beige  de  geologie.  Tome  II,  1888.  Seance  du 
25.  janvier,  p.  10  — 18. 


LXXVI 


bestehend,  welcher  von  Sillimanitnadeln  durchwachsen  ist,  oder 
aus  gelblich  weissem  Pinit,  welcher  Quarzkörner,  Glimmerblättchen 
und  Fibrolith  einschliesst,  manchmal  aber  auch  einen  glasigen 
Kern  von  Cordierit  (?)  umhüllt,  ln  grobflaserigem  Cordieritgneiss 
von  Dittmannsdorf  liegen  manchmal  kartätschengrosse  Cordierit- 
knollen,  meist  in  Pinit  zersetzt,  von  Magnesiaglimmerschuppen, 
dicken  Fibrolithstrahlen,  Quarzkörnern  und  spärlichen  Kaliglimmer- 
schuppen durchwachsen ; letztere  theils  unmittelbar  aus  dem  Cor- 
dierit, theils  erst  aus  dem  Pinit  hervorgegangen.  Es  ist  leicht 

zu  übersehen,  wie  aus  Cordierit  (Al2  Si3  -+-  2 MgSi)  unter  Zu- 
fuhr von  Kali  (z.  B.  aus  zersetztem  Feldspath)  Kaliglimmer, 
Pinit  und  Magnesiaglimmer  hervorgehen  kann,  und  weiter 

aus  dem  Pinit  (AlSi2  -f-  R,KaSi),  (Kaliglimmer)  Quarz 

und  Fibrolith  (Ai8Si9).  Doch  mag  im  Eulengebirgischen  Gueiss 
auch  primärer  Fibrolith  Vorkommen,  besonders  solcher,  dessen  mikro- 
skopische Nadeln  die  frischen  Gesteinsgemengtlieile  durchziehen. 
Durch  die  Möglichkeit  des  Auftretens  von  primärem,  von  Cordierit 
unabhängigem  Fibrolith  schwindet  eine  scheinbare  Inconsecjuenz 
in  der  folgenden  Gliederung  des  Gneisses.  Kaliglimmer,  nicht  in 
dicken  Schuppen,  sondern  in  sporadischen  Flimmern,  zeigt  sich 
hie  und  da  auch  ohne  erkennbaren  Cordierit  im  Biotitgueiss,  be- 
sonders in  zerrüttetem,  von  Eisenoxyd  durchzogenem  und  von 
Baryttrümmern  durchschwärmtem  Biotitgneiss,  welcher  dadurch 
noch  lange  kein  Zweiglimmergneiss  wird. 

o o o 

Folgendes  Schema  dürfte,  in  Zusammenhang  mit  dem  im 
Jahrbuch  für  1883  S.  514  f.  gesagten,  meine  Gliederung  des 
Biotitgneisses  im  nordwestlichen  Eulengebirge  genügend 
veranschaulichen,  auch  hinsichtlich  der  wesentlichen  Einlagerungen. 

J o o 

Wir  erhalten  hiernach  4 Hauptarten  von  Biotitgneiss: 

IF;  quarzreicher,  feinkörnig  - klein  schuppiger  mit 
Fibrolith  knoten  aus  Cordierit. 

II  C ; feld spathreicher , grobkörnig-grossschuppiger 
mit  Cordierit  und  daraus  hervorgegangenem  Pinit  und 
Fibrolith. 


LXXVII 


Gliederung:  nach  Structur. 


Breitflaseriger  Uebergänge 

Biotitgneiss  II:  aus  I in  II  ( 1/ 1 1 ) oder  (I.  II) 


Körnig  schuppiger 
Biotitgneiss  II 


Parallelflächige  oder  flach  linsen- 
förmige wechsellagernde  Quarz- 
feldspathlamcllen,  durch  häutigen 
oder  grossschupp.  Biotit  getrennt 


Sandsteinkörnig. 
Dünn  und  ebenstreifig 


Euritische  Lamellen. 

Gefaltet,  verworren,  zerquetscht. 

Quetschgranit. 
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Gliederung  nach  Uebergemengtheilen  und  besonderen  Einlagerungen. 


Lxxvin 


I ; feldspathreicher,  fein  körnig  - kleinschuppiger  ohne 
secundären  Fibrolith ; besonders  als  Grenzgestein  von 
Granulit  und  Verbindungsglied  zwischen  einzelnen  Granu- 
litlinsen  bemerkenswerth. 

II ; feldspathreicher  , grobkörnig  - grossschuppiger 
Lagengneiss,  ohne  Cordierit  (oder  aus  solchem  her- 
vorgegangenem Fibrolith  und  Pinit). 

Die  durch  die  Structur  bedingten  Zwischenglieder  I/II  und 
I.  II  muss  man  bei  der  Kartenconstruction  möglichst  zu  eliminiren 
suchen;  das  accessorische  Auftreten  von  Kaliglimmerflimmer n 
höchstens  durch  Chiffrirung  andeuten. 

Die  felsitischen  Quarzitschiefereinlagerungen  in  IF 
sind  eine  Art  Parallelbildung  des  Granulits  in  I und  II.  Der 
bisher  unbekannte  Granulitzug  Oberweistritz,  Höllenberg, 
Kyuau,  Klinke,  Kaiser-Heinrich  endet  mit  Eklogitlinsen; 
beide  Gesteine  stehen  also  in  einem  geologischen  Zusammenhang, 
welcher  petrographisch  in  dem  Zusammenvorkommen  des  Granulits 
mit  Olivin-  und  Diallaghaltigem  Amphibolgestein  (und  daraus  her- 
vorgegangenem Serpentin)  begründet  ist. 

Gabbro,  reich  bald  an  Labrador,  bald  an  Diallag,  und 
Olivindiabas,  tritt  im  feinkörnig -schuppigen  Eiotitgneiss  IF 
und  im  Fibrolith -führenden,  breitflaserigen  II F und  I/IIF  auf; 
und  zwar  liegen  die  Einzelvorkommnisse  (meist  nur  lose  Steine) 
in  Linien,  welche  dem  Verlauf  der  Gneissschichten  folgen,  wes- 
halb die  Gabbro- artigen  Gesteine  des  NW. -Eulengebirges  der 

o o o 

Gneissformation  anzugehören  scheinen. 

Altersfolge  der  Gneissarten.  Betrachtet  man  das  aus 
den  Aufnahmen  sich  ergebende  tectonische  Bild , so  möchte 
man  zunächst  daran  zweifeln,  ob  hier  von  einer  gesetzmässigen 
Aufeinanderfolge  ursprünglich  nahezu  horizontal  abgelagerter 
Schichten  überhaupt  die  Rede  sein  kann;  man  glaubt  vielmehr 
in  einander  geschlungene  Schlieren  vor  sich  zu  haben,  welche 
beim  Erstarren  aus  einem  schmelzflüssigen  Magma  bereits  so 
ungleichartig  zusammengesetzt  waren , dass  sich  verschiedene 


LXXIX 


Gesteine  aus  ihnen  herausbilden  konnten,  als  nachmals  gleich- 
artige Kräfte  und  Keagentien  gleichzeitig  auf  sie  wirkten.  Gneiss 
kann  ebensowohl  aus  einem  Glas  herausgebildet  sein,  als  aus 
dessen  tuffigem  Sediment. 

Nehmen  wir  bei  den  Eulengebirgischen  Gneissen  das  letztere 
an,  so  müssen  wir  zugleich  eine  doppelte  Faltung  (über  Kreuz) 
voraussetzen,  welche  Schnittfiguren  erklären  kann,  wie  sie  die  in 
einander  geschlungenen  Gneissvarietäten  an  der  Oberfläche  zeigen. 
Profile  durch  einzelne  der  angenommenen  Calottensättel  oder 
Schalenmulden  zeigen  dann  die  Cordierit-  (Fibrolith-)  führenden 
Gneisse  mit  ihren  Einlagerungen  als  liegende  (ältere),  die  Cordierit- 
(Fibrolith-)  freien  mit  Zubehör  als  hangende  (jüngere).  Profile 
durch  andere  Sättel  und  Mulden  ergeben  aber  nicht  dasselbe  Re- 
sultat, und  nur  durch  die  Annahme  von  Wiederholung  gleich- 
artiger Schichten,  von  Auskeilung  einzelner,  von  Unregelmässig- 
keiten  im  Faltenwurf,  oder  von  späteren  Störungen  des  Schichten- 
aufbaues könnte  man  solche  Widersprüche  wegraisonniren. 

In  seinen  Hauptzügen  stellt  das  Schichtenbild  der  Section 
Charlottenbrunn  die  oben  gegliederten  Gneisssorten  so  dar,  dass 
körnigschuppiger  Fibrolithgneiss  (IF)  im  Osten,  Süden  und  Süd- 
westen des  Kartenblattes,  breitflaseriger  Cordieritgneiss  (II  C)  im 
Westen  und  Nordwesten  desselben,  ein  ausgelapptes  rundliches 
Gebiet  von  überwiegend  Cordierit- und  Fibrolith -freiem,  körnig- 
schuppigem (I)  und  breitflaserigem  (II)  Biotitgneiss  umfassen, 
welches  mit  seinen  Granulit-  u.  a.  Einlagerungen  die  Mitte  und 
den  Nordrand  der  Section  einnimmt.  Und  da  die,  allerdings 
steil  aufgerichteten,  Gürtelschichten  dem  Centralgebiet  zu  fallen, 
so  würden  erstere  das  Liegende,  letztere  das  Han  gende  ein- 
nehmen. 

Culm.  Zu  den  kleinen,  bisher  gekannten  Culminseln  des 
Stenzelberg’s  und  des  Spitzberg’s  sind  durch  meine  Aufnahmen 
in  der  Section  Charlottenbrunn  Culm  ablager  ungen  von  7 bis 
8 Quadratkilometer  Flächenausdehnung  gekommen,  deren  eine  als 
6V2  Kilometer  langer,  ununterbrochener,  Streifen  von  Altfrieders- 
dorf bis  in  den  Ob  erweist  ritzer  Forst  sich  erstreckt.  Es 


LXXX 


sind  hauptsächlich  r oth  e Culmconglo  me  rate  mit  Gneissgeröllen ; 
theils  solchen  aus  der  Nachbarschaft,  theils  fremdartigen:  rother 
Zweiglimmergneiss  u.  a.,  welche  in  einzelnen  Fällen  nordischen 
sehr  ähneln.  Von  Neufriedersdorf  bis  zur  Michelsdorfe  r 
Kirche  habe  ich  eine  ganze  Anzahl  natürlicher  Entblössungen  in 
den  Thalböden  gefunden;  weiter  nordwärts  werden  solche  aber  sehr 
spärlich,  und  man  ist  genöthigt  nach  der  intensiven  Itothfärbung  des 
Bodens  und  der  Verbreitung  loser  Culmgerölle  das  Gebiet  abzu- 
grenzen. Dadurch  wird  die  äussere  Begrenzung  manchmal  unsicher, 
um  so  mehr  als  Steine  aus  dem  Gneissgrundschutt  mit  solchen  aus 
der  Culmdecke  vermengt  sind,  und  als  einzelne  Culmgerölle  weit 
abwärts  über  die  Berggehänge  zerstreut  liegen.  An  dieser  Ver- 
schleppung scheinen  die  diluvialen  Flutheu  um  so  mehr  betheiligt 
gewesen  zu  sein,  als  die  Culmgrenze  auf  den  Anhöhen  nahezu  in 
den  560  Meterhorizont  des  diluvialen  Eismeers  fällt. 

Da  das  Culmconglomerat  ebensowohl  auf  den  Böden  der 
jetzigen  Thäler,  als  auf  den  zwischenliegenden  Anhöhen,  schwebend 
abgelagert  ist,  so  müssen  den  jetzigen  Thälern  conforme  schon  vor- 
der Culmzeit  das  Gneissgebirge  durchzogen  haben.  Und  da  die 
Culmschichten  überall  schwebend  verlaufen,  so  können  seit  ihrer 
Ablagerung  auch  keine  bedeutende  schiefe  Aufwärtsverschie- 
bungen  im  Gebirge  stattgefunden  haben,  obwohl  sich  das  Eulen- 
gebirge seitdem  als  ganzes  verschiedene  Male  gehoben  und  ge- 
senkt haben  mag. 

Der  Culm  der  Section  Charlottenbrunn  besteht  aus  der  NNW. 
gerichteten  Partie  des  Stenzelberg’s,  aus  der  parallelen  von 
Friedersdorf- Heiurichau  - Michelsdorf  nebst  ihrer  ausge- 
lappten nördlichen  Fortsetzung,  und  aus  einem  Lappen  zwischen 
Wüstewaltersdorf  und  Heiurichau,  welcher  diese  beiden 
Züge  verknüpft.  Dazu  kommt  noch  eine  ganz  kleine  isolirte  Insel 
am  nordöstlichen  Gebirgsfuss  bei  Ludwigsdorf,  und  schwache 
Andeutungen  zwischen  Wacheberg  und  Obertannhausen.  Da 
sowohl  auf  dem  Culmconglomerat  des  Stenzelberg’s  als  auf  dem 
von  H ein  rieh  au  südwärts  Grauwacke  und  Thonschiefer  (am 
Spitzberg  mit  Spiriferen -führenden  Kalkknollen)  liegt,  so 
scheint  das  Culmineer  südwärts  an  Tiefe  zugenommen  zu  haben. 


LXXXI 


Andererseits  liegt  aber  auch  eine  Grauwackenablagerung  auf  dem 
nördlichsten  Zipfel  des  Conglomerats  am  Schlossberg,  nahe  dem 
Schlesierthal. 

Hier  sind  der  Culmgrauwacke  drei  oder  vier  Schichten  von 
psammitischem,  Sandstein  - ähnlichem  Porphyr  concordant 
zwischengeschoben.  Aeusserlich  ähnelt  dieser  »Schlossbergporphyr« 
dem  angewitterten  Kersantit,  welcher  in  repetirten  Lagen  dem 
Schiefer  und  Grauwackensandstein  des  Spitzberg’s,  gleichfalls 
concordant,  eingelagert  ist.  Auf  der  Verbindungslinie  zwischen 
Spitzberg  und  Schlossberg,  welche  südostwärts  verlängert  die 
Culminsel  von  Steinkuuzen  dorf  trifft,  liegt  noch  ein  einzelnes 
kleines  Vorkommen  von  »Schlossbergporphyr«,  zwischen  Michels- 
dorf  und  Leutmanns  dorf. 

Diluvium.  Die  Meeresstrandhorizonte  des  NW.-Eulen- 
gebirges,  welche  ich  im  Jahrbuch  der  Königl.  Geol.  Landesanstalt 
für  1883,  S.  540  f.;  1884,  S.  Lxxxvnf.;  1886,  S.  317  f.  beschrie- 
ben habe,  konnten  auch  in  dem  nun  aufgenommenen  Theil  der 
Section  Charlottenbrunn  wiedererkannt  werden.  Der  oberste  und 
deutlichste  derselben,  in  550  — 560  Meter  M.  II.,  bezeichnet  den 
Strand  des  diluvialen  Eismeers,  in  welchem  die  skandina- 
vischen Gletscher  kalbten,  und  ist  stellenweise  noch  jetzt  mit  ent- 
sprechenden Ablagerungen  garnirt:  schwebend  geschichtete 

Sand-  und  Strandgeröll e-Bänke,  mit  zahlreichen  Feuer- 
stein- u.  a.  nordischen  Geschieben,  zwischen  Hexenstein 
und  Hausmannsdorf,  555  Meter  ii.  M.;  mit  Lätt  und  Sand  be- 
deckte Lehmlager,  worin  gleichfalls  Feuerstein-  u.  a.  nor- 
dische Geschiebe,  am  Heidelberg,  560  Meter  ü.  M. ; 
nordische  Findlinge,  SW.  von  Leutmannsdorf,  bis 
520  Meter  M.  IJ. 

Es  ist  mir  nun  aber  auch  gelungen,  Bodenabsätze  desselben 
Meeres  aufzufinden,  welche  nachmals  nicht  umgelagert  und 
durch  Ueberdeckung  so  wenig  gestört  worden  sind,  dass  über 
ihre  Natur  kein  Zweifel  sein  kann,  selbst  wenn  die  Andeutungen 
von  Yoldia , welche  ich  darin  gefunden  zu  haben  glaube,  einem 
raschen  vorgefassten  Urtheil  nur  noch  als  Thongallen  erscheinen. 
Ich  habe  diesen  Meeresthon  mit  seinen  Yoldiaspuren  in  der  Sitzung 

f 


Jahrbuch  1887. 


lxxxii 


vom  2.  November  1887  der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft  vor- 
gelegt,  und  zugleich  das  schematische  Profil  des  Eulengebirgisclien 
Gebirgsdiluviums  skizzirt,  welches  weiter  unten  folgt. 

Auf  dem  Sattel  zwischen  Reussendorf,  Bärengrund  und 
Altwasser  streckt  sich  von  NO.  nach  SW.  ein  kilometerlanges 
Lehmlager,  dessen  höchsten  (Sattel)  Punkt  die  Chaussee  nahe 
Cäsargrube  in  486  Meter  Meereshöhe  passirt. 

D ie  Einzelprofile  in  den  verschiedenen  Lehmgruben  können 
dahin  zusammengefasst  werden,  dass  auf  Grundschutt  nach 
Steinkohlen-  oder  Culmconglomerat  liegt : 

o o 

1 1/-2  — 2 Meter  dunkelgrauer,  dünnschichtiger,  fetter  Thon; 

0 — 2 » gelber,  sandiger  Thon,  (aufwärts,  öfters  über- 

gehend in  folgenden); 

0,5  — 6 » gelber,  magerer,  ungeschichteter  Lehm. 

Darüber 

0,7  — 1,5  » wechselnde  Schichten  von  gelbem  und  rotliem 
Sand,  Kies,  Gerolle,  oft  durch  ein  dünnes, 
rothes,  sandiges  Lehmband  vom  unter- 
liegenden  getrennt. 

Die  Decke  der  ganzen  Ablagerung  bildet 

O O o 

1/4 — 3/4.  Meter  gelber  und  blauer  Lätt  mit  torfiger  Ober- 
fläche. 

Von  diesen  Schichten  ist  die  unterste  und  theilweise  die 
zweite,  von  »hvarfviglera«  nicht  zu  unterscheiden.  Sie  besteht  aus 
papierdünnen,  schwarzgrauen,  hellgrauen  und  rostigen  Lagen, 
welche  durch  dünne  Häutchen  zartesten  Sandes  getrennt  werden. 
Man  trifft  darin  ausser  Feuerstein-  und  anderen  kleinen 
nordischen  -Geschieben  und  Sandkörnern,  Brocken  von 
Lignit  und  tertiäre  Quarzitgerölle;  in  einer  der  Lehm- 
gruben ist  sogar  Bernstein  gefunden  worden.  Unter  einhei- 
mischen  Geschieben  fallen  ausser  carbo nis eben  namentlich 
solche  von  mürbem  Phyllit  auf. 

In  diesem  Thon  fand  ich,  in  der  zur  Domäne  Reussendorf 
gehörigen,  untersten  Lehmgrube  die  fingernagelähnlichen 
Kerne  nach  Yoldia  (?)  ohne  Schale  und  Epidermis  (welche  von  der 
Thonmasse  absorbirt  sein  könnten);  ausserdem  einzelne  Mergel- 


LXXXIII 


puppen  (mariekor).  Dieser  Thon  kann  nur  äusserst  zarter,  ruhig 
abgesetzter  Seeschlamm  sein;  und  da  die  Lokalität  (Sattel,  welcher 
nach  N bis  O in  eine  freie  Ebene  abfällt,  worüber  ein  Sperrdamm 
unabsehbar  ist)  die  Voraussetzung  eines  kleinen  Binnensees  aus- 
schliesst,  so  können  wir  nur  den  Bodenabsatz  eines  Meeres 
vor  uns  haben,  desselben  Meeres,  welches  den  Strandhorizont 
560  Meter  erreichte,  bevor  es  sich  senkte.  Daraus  erklärt  sich 
danu  von  selbst,  dass  mit  anderen  Treibproducten  auch  eis  be- 
förderte nordische  Geschiebe  zum  Absatz  gelangten.  Solche 
sind  in  dem,  in  streifigen,  gelben  Thon  übergehenden,  Lehm  aber 
viel  häufiger  und  grösser;  ein  gerundeter  nordischer  Granit- 
block von  2 — 3 Kubikmeter  liegt  z.  B.  in  der  Lehmgrube  nächst 
W.  von  der  Strasse,  4&0  Meter  ü.  M.  Im  gelben,  ungeschichteten 
Lehm  sind  auch  Diluvialgeschiebe  aus  der  Nachbarschaft  viel 
häufiger;  nicht  nur  Lignit,  Basalt,  tertiärer  Sandstein  u.  dergl., 
sondern  auch  car  bo  ui  sch  es. 

Dieser  Lehm  ist  offenbar  kein  einfaches  Meeresdepositum  mehr, 
sondern  während  und  nach  dem  Rückzug  des  Meeres  zusammen- 
geschwemmter Diluvialschutt,  also  Gehängelehm,  dessen  Um- 
lagerung in  der  Diluvialzeit  begann.  Noch  mehr  gilt  dies  von 

Ö O ö O 

dem  Kies  und  Sand,  welcher  den  Lehm  bedeckt  und  dem 
Grundschutt  der  nächsten  Anhöhen  entnommen  ist.  Ueberlagert 
von  alluvialem  Lätt  mit  seiner  Torfdecke  schliesst  er  die 
Diluvialbildungen  ab. 

Aehnliche  Ablagerungen  von  streifigem,  dunkelgrauem  Thon, 
unter  Lehm  mit  internen  und  nordischen  Geschieben,  kommen 
am  NW.- Eulengebirge  noch  vor  bei  Seitendorf,  425  Meter  ü.  M. x), 
wo  ich  noch  mehr  Yoldia  - ähnliche  Thonkerne  gesehen  habe,  als 
bei  Eeussendorf;  bei  Wüste  gier  sdorf,  460  Meter;  Nieder- 
tannhausen, 410  Meter;  Schenkendorf,  380  Meter;  (Ob er- 
weis tri  tz,  320  Meter?).  Abgesehen  von  Seiten dorf  wird  bei 
denselben  aber  fraglich,  ob  sie  nicht  in  Landseen  abgesetzt 

*)  Hier  liegt  S'/a 0 einfallender,  gelbgrauer,  blätteriger  Thon  auf  12°  ein- 
fallendem schwarzgrauem.  Ich  glaube  nicht,  dass  die  Discordanz  beider,  und 
Wirrungen  an  ihrer  Grenzfläche,  anderen  Ursachen  zuzuschreiben  sind,  als  Ab- 
rutsclnmg  der  hangenden  Schichten  thalwärts. 

f* 


L.XXXIV 


sein  mögen,  welche  bei  Rückzug  des  Weistritzfjords  successive 
in  dessen  äusserstem  Winkel  blieben;  dies  gilt  namentlich  von 
Niedertannhausen;  auch  habe  ich  in  denselben  nicht  nach 
Meeresthierresten  gesucht.  Diese  Vorkommnisse  liegen  ausserdem 
so  eingeengt  im  Thal,  dass  sie  der  Confusion  mit  nachmaligen 
Diluvialtransporten  aus  dem  Gebirge  weit  mehr  ausgesetzt  waren, 
als  die  Sattelablagerung  bei  Reussendorf. 

Es  gliedert  sich  nun  das  Gebirgsdiluvium  einfach  und 

o O 

klar  in  3 Gruppen: 

I.  Grundschutt  des  Gebirges,  verschwemmt  und  um- 
gelagert durch  Fliesswässer  (auch  lokale  Gletscher?)  vor  der  letz- 
ten Meeresbedeckung  des  Gebirges  (oder  während  dieser,  aber  über 
seinem  Strand  in  560  Meter  Meereshöhe).  Sturz-,  Block-  und 
Trümmerhalden;  alte  Schuttkegel  und  Muhren;  Glim- 
mersand aus  verwittertem  Gneiss;  steiniger,  rauher,  magerer 
Gneisslehm,  auf  den  Anhöhen  (über  560  Meter).  Nordisches 
und  tertiäres  fehlt. 

II.  Meeresabsätze,  aus  der  Zeit  da  skandinavische  Glet- 
scher im  diluvialen  Eismeer  mündeten,  welches  Hör.  560  Meter  des 
jetzigen  Eulengebirges  erreichte. 

1°.  Straudablagerungen.  Strandbilder.  Findlinge,  von 
gestrandeten  Eisbergen  abgesetzt  (Heinrichau-Leutmanns- 
dorf  520  Meter  u.  M.;  Heinrichau  -Wüste  -Waltersdorf 
620  Meter  ?);  Lehm  (H ei delberg  560  Meter)  und  geschichteter 
Sand,  Kies,  Gerolle  (Hexenstein-Hausdorf  555  Meter). 
Theils  vom  Gebirge  abgeschwemmtes,  theils  vom  Meer  beigeflutetes 
und  geschichtetes  Material. 

2°.  Bodenablagerungen.  Ausser  Findlingen  und  Ge- 
schieben, welche  das  Treibeis,  vom  Hör.  560  Meter  bis  in  die 
Ebene  hinab  abbürdete,  bevor  es  strandete:  Dünnstreifiger  blätte- 
riger Thon  (hvarfviglera)  mit  Sandschmitzen  im  Liegenden  und 
II  äugenden  und  in  Strandnähe;  mit  einzelnen  nordischen,  tertiären 
und  internen  Geschieben,  Lignit,  Bernstein,  Mariekor,  Yoldia  (?) 
(Reussendorf  486  Meter;  Seitendorf  425  Meter;  die  anderen 
oben  angeführten  Vorkommnisse  gehören  theilweise  schon  zu  111). 

III.  Meeresabsätze  und  Gebirgsschutt,  umgelagert 
und  vermischt,  während  des  Rückzugs  des  Eismeeres  und  der 


LXXXV 


skandinavischen  Gletscher  (Vorschub  lokaler  Enlengebirgsgletscher?) 
und  später.  Die  Strandablagerungen  II  1°  beginnen  schon  diese 
Reihe.  Findlinge  und  heimische  Klippblöcke  nach  Stein- 
schären, am  ursprünglichen  Absatzort  liegen  geblieben  oder  ver- 
rollt. Hauptgebilde  ist  diluvialer  Gehängelehm,  dessen 
Thongehalt  theils  dem  Diluvialthon  II  2°  entstammt,  theils  dem 
verwitterten  Gneissjmmdschutt  des  Gebirges.  Die  in  diesem  Lehm 
reichlich  eingepackten  Steine  sind  theils  zusammengeschwemmte 
nordische  und  tertiäre  Diluvialgeschiebe  (selbst  Blöcke)  aus  II, 
theils  einheimischer  Gebirgsschntt;  Lignit  und  Bernstein  aus 
II  2°.  In  der  Oberweistritzer  Lehmgrube  sollen  Säugethier- 
knochen gefunden  worden  sein  (?),  wohl  im  Löss.  Plateau  von 
Hohgiersdorf-Seitendorf,  460  — 480  Meter  u.  M. ; diluvialer 
Thalboden  der  Weistritz  und  des  Zwicker-Goldbachthales 
mit  ihren  Terrassen,  alten  Seebecken  und  Stromrinnen. 
(Wüstegiesdorf  470  Meter,  Obertannhausen  460  Meter, 
Niedertannhausen  410  Meter,  Ivynau  380  Meter,  Ober- 
weistritz  320  Meter,  Reussendorf  bis  486  Meter,  Ditt- 
mannsdorf 420  Meter).  Sand-  und  G eröll e- Ablagerungen 
(Kiesgruben)  derselben  Kategorie,  mit  nordischen  und  tertiären 
Geschieben  in  überwiegend  internem  Schutt:  SW  von  Leut- 

mannsdorf 440  Meter,  Mährlestein  360  Meter,  Kynau 
370  Meter,  Dittmannsdorf-Tschorn  450  — 380  Meter;  vordem 
Gebirgsfuss  oft  mit  lössartiger  Decke.  Halden,  Schutt- 
kegel, Muhren  in  und  vor  dem  Gebirge. 

Das  gemischte  Gebirgsdiluvium  (III)  greift  in  die  Erosionen 
und  Alluvionen  (IV)  aller  Art  der  Jetztzeit  ein.  Das  con- 
ventionelle  Ende  der  Diluvialzeit  bezeichnen  topographisch  die 
neuen  Thalwege  des  Weist r itzt h a les  (Nie de rtann hausen, 
Mährlestein,  Kynau)  und  Zwicker-Goldbachthales 
(Dittmannsdorf-Tschorn);  die  aus  dem  diluvialen  Thalboden 
geschnittenen  Terrassen,  Erosionsmulden.  Alluvialbildungen : 
Halden,  Schuttkegel,  Ueberschwemmungsschutt,  Ge- 
hänge- (Au-)  und  W iesen-L  ehm  (Lätt),  Torf  u.  dergl. 

Graphisch  lässt  sich  diese  Gliederung  des  Gebirgs- 
diluviums,  von  der  ich  hoffe,  dass  sie  auch  ausser  dem  Eulen - 
gebirge  Bestätigung  finden  wird,  ungefähr  so  darstellen: 


LXXXVI 


Im  V orgelienden  ist  öfters  von  internen  Gletschern  ge- 
sprochen worden,  während  ich  in  früheren  Berichten  wiederholt 
auf  Pseudoglacialphänomene  im  Enlengebirge  hingewiesen 
habe,  nämlich:  Harnische  auf  anstehenden  Klippen  durch 

Klüftung  uud  Schichtung  vorgeschriebene  Verwitterungs- 
riefen auf  Kohlensandstein,  umgestauchte  Schichtenköpfe, 
Radschrammen  auf  losen  und  anstehenden  Steinen,  Muhren- 
scheuerspuren an  Thalwänden,  Muhrengerölle  mit  rauh 
geschundenen  Flecken.  Letzten  Herbst  habe  ich  aber  mitten  in 
Dittmannsdorf  dicht  an  der  Chaussee  Schrammen  gefunden, 
welche  von  einem  Gletscher  herrühren  dürften,  und  zwar  nach 
Lage,  Richtung,  Stoss-  und  Läseite  von  einem  Gletscher,  welcher 
sich  am  Langeberg,  Ochsenkopf,  Kaudersberg  (776,6  Meter) 
sammelte  und  theils  dem  Lehmwasserthal  folgte,  theils  dem 
Zwickerbachthal  durch  Steingrund,  Reussendorf,  Ditt- 
mannsdorf. Bemerkenswerthe  Ablagerungen  oder  Terraingestal- 
tungen hat  er  nicht  hervorgebracht;  zu  ersteren  könnte  man 
vielleicht  gemischte  Gerölleablagerungen  in  Dittmannsdorf 
und  am  Anschnitt  der  neuen  Strasse  am  Südabhang  des  Tschorn 
rechnen.  Solchenfalls  hätte  der  Zwickergletscher  an  Um- 
lagerung des  Meeres-  und  internen  Diluviums  (III)  theilgenommen; 
er  könnte  schon  das  Eismeer  in  seinem  560  Meter  Strand  erreicht 
haben,  dem  Rückzug  desselben  gefolgt  sein,  oder-  erst  später 
(durch  Höheraufsteigen  der  Berge)  sich  gebildet  haben.  Das 
Seitenthälchen,  welches  bei  der  Domäne  Reussendorf  vorbei 
nach  dem  mehrerwähnten  Sattel  (Cäsargrube)  führt,  war  aber 


EXXXVII 


nicht  vergletschert,  sonst  würden  die  Thonablagerungen  nicht  ge- 
blieben sein. 

Da  im  Eulengebirge  und  Waiden b u r g e r Gebirge  mehrere 
Berggruppen  die  Höhe  von  700  — 800  Meter  übersteigen,  so  darf 
man  wohl  noch  mehrere  solcher  Miniaturgletscher  voraussetzen, 
welche  an  der  Umlagerung  des  Diluviums  (III)  theilnalunen. 
Ihre  Bedeutung  bleibt  aber  immerhin  eine  mehr  meteorologische 
als  geologische  (ungefähr  gleich  jener  jetziger  Alpengletscher 
zweiten  oder  dritten  Ranges),  denn  sie  flössen  in  vorher  existirenden 
Thälern,  hinterliessen  keine  auffälligen  Moränen,  verrichteten  mit 
einem  Wort  keine  andere  geologische  Arbeit,  als  schuttreiche  Wild- 
bäche (Muhren  ohne  Eispanzer)  auch  verrichtet  haben. 

Einigermaasscn  an  Moränenlandschaft  erinnert  übrigens  die 
Gegend  südlich  von  Zedlitzheide  (Section  Rudolfs waldau). 


Mittheilung  des  Herrn  Schütze  über  Aufnahmen  in  der 
Umüjea'eiid  von  Waldenburg;  und  Landeshut. 

o o 

Die  Arbeiten  des  Jahres  1887  erstreckten  sich  auf  dem  Blatt 
Waldenburg  in  der  Hauptsache  auf  das  Rothliegende,  Diluvium 
und  Alluvium,  sodann  wurden  auf  dem  Blatt  Landeshut,  welches 
die  westliche  Hälfte  der  Niederschlesischen.  Steinkohlenmulde  ent- 
hält, die  Steinkohlenformation  und  das  Rothliegende  mit  den  zu- 
gehörigen Eruptivgesteinen  in  ihren  Grenzen  festgestellt. 

Der  Cu  Im  auf  Blatt  Landeshut  zeigt  denselben  Charakter 
wie  in  der  Umgegend  von  Waldenburg,  jedoch  treten  hier  in  der 
Umgebung  von  Reichhennersdorf  häufig  grössere  Rollstücke  von 
Gneiss  in  den  Congloim  raten  hinzu.  Schieferthone,  denen  des 
Ober-Carbon  zum  Verwechseln  ähnlich,  treten  au  der  Grenze  mit 
dem  Ober-Carbon  in  der  Nähe  des  Bahnhofes  zu  Landeshut  auf, 
wo  sie  durch  einen  Versuchbau  auf  Steinkohlen  bekannt  geworden 
sind  und  sich  durch  zahlreiche  Reste  sehr  gut  erhaltener  fossiler 
Pflanzen,  namentlich  von  Sphenopteris  ( Diplotmema ) distans  Sternb. 
auszeichnen,  während  die  früher  im  Betriebe  gewesenen  Steiu- 
brüche  von  Leppersdorf  die  in  Sandstein  eingeschlossenen  Reste 
von  Sagenaria  Veltheimiana  Sternb.,  Archaeocalamites  radiatus 


LXXXVIII 


Brongn.  , Sligmaria  ficoides  inaequalis  Göpp.,  Adiantides  tenui- 
folius  etc.  geliefert  hatten. 

Bei  Gaablau  sind  seit  dem  16.  Jahrhundert  mehrere  schwache 
Erzgänge  im  Culm  bekannt,  welche  bis  zn  einer  Tiefe  von 
113  Meter  untersucht  worden  sind,  sich  aber  schliesslich  als  un- 
bauwürdig erwiesen  haben;  sie  führten  Bleiglanz,  silberreiches 
Fahlerz,  in  geringen  Mengen  auch  noch  Kupferkies,  Blende  und 
Speerkies,  als  Gangarten:  Schwerspath,  Flussspath  und  Quarz. 

Ober-Carbon.  Dasselbe  beginnt  auf  Blatt,  Landeshut  in 
einem  grossen  Theil  seiner  Erstreckung  mit  groben  Conglomeraten, 
sodass  dadurch  die  Abgrenzung  gegen  den  Culm  erschwert  wird 
und  dazu  kommt  noch,  dass  die  Gerolle  von  Urscliiefern  sich 
auch  noch  im  Ober-Carbon  zeigen.  Ob  sämmtliche  Schichten  des 
Ober- Carbon  auf  Blatt,  Landeshut  den  Schatzlarer  (Saarbrücker) 
Schichten  angehören,  ist  nur  in  Bezug  auf  die  liegendsten 
Schichten,  welche  den  Ziegenrücken  bei  Hartau  zusammensetzen, 
zweifelhaft.  Das  von  der  hier  liegenden  Concordia-Grube  in  Bau 
genommene  Flötz  wird  überall  von  Sandstein  bedeckt,  Schiefer- 
thon fehlt  fast  vollständig  und  damit  ist  auch  die  Auffindung 
fossiler  Pflanzenreste,  welche  die  Bestimmung  der  Formationsstufe 
ermöglichen,  ausserordentlich  erschwert.  Die  geringen  Spuren, 
welche  gefunden  worden  sind,  scheinen  für  die  Zugehörigkeit 
dieser  Schichten  zu  den  Waldenburger  (Ostrauer)  Schichten  zu 
sprechen.  Hier  endigen  letztere,  da  es  möglich  war,  festzustellen, 
dass  die  liegendsten  Schichten  bei  Landeshut  und  Reichhenners- 
dorf den  Schatzlarer  Schichten  angehören. 

Das  Roth  liegende.  Ob  dasselbe  dem  Ober -Carbon  con- 
cordant  oder  discordant  aufgelagert  sei,  lässt  sich  für  die  nächste 
Umgebung  von  Waldenburg  wegen  Mangel  an  Aufschlüssen  nicht 
feststellen,  wohl  aber  für  das  Terrain  zwischen  Gottesberg  und 
Liebau.  Bei  Schwarzwaldau  zeigen  die  Schichten  des  Ober- 
Carbon  Neigungswinkel  von  40  — 70°,  während  derselbe  Winkel 
bei  dem  Kalklag-er  im  Roth  liegenden  bei  Rothenbach  höchstens 
25°  beträgt.  Ferner  lassen  die  bergmännischen  Untersuchungs- 
arbeiten bei  Reichhennersdorf  ersehen,  dass  das  Rothliegende 
unter  einem  Winkel  von  14 — 15°,  das  darunter  liegende  Ober- 
Carbon  dagegen  unter  einem  solchen  von  32°  Neigung  abgelagert 


LXXXIX 


ist.  Endlich  beweist  das  ans  Felsitporphyr  bestehende  Grenzlager 
zwischen  Ober -Carbon  und  Rothliegendem  bei  Alt- Lässig  und 
Schwarzwaldau,  dass  die  Ablagerung  des  letzteren  nicht  unmittel- 
bar auf  die  des  ersteren  gefolgt  ist. 

Das  vorhin  erwähnte,  dem  Unter-Rothliegenden  angehörende 
Kalklager  von  Rothenbach  ist  dem  von  Alt-Lässig  und  dem  von 
der  Wolkenbrust  bei  Langwaltersdorf  (Blatt  Waldenburg)  parallel 
zu  stellen. 

Das  Mittel-Roth  liegende.  In  weiter  Erstreckung  von 
Langwaltersdorf  auf  Blatt  Waldenburg  bis  Liebau  auf  Blatt 
Landeshut  lagern  auf  den  Sandsteinen  des  Unter-Rothliegenden 

© >3» 

die  Eruptivgesteine,  Felsitporphyr  und  Melaphyr,  und  die  aus  der 
Zertrümmerung  des  ersteren  hervorgegangenen  Conglomerate  und 
Tuffe.  Die  bisher  unter  dem  Gesammtnamen  Melaphyr  zusammen- 
gefassten Gesteine  sind  in  Phorphyrit  und  eigentlichen  Melaphyr 
geschieden  worden , von  denen  der  letztere  das  ältere  Ge- 
stein ist. 

Dem  ersteren  werden  sämmtliche  innerhalb  des  Ober-Carbons 
auftretende,  bisher  Melaphyr  genannte  Gesteine,  sodann  diejenigen, 
welche  den  Gr.  und  Kl.  Wildberg  und  den  Vogelsberg  bei  Lässig, 

o o o ©7 

den  Spitz-  und  Mühlenberg  bei  Mittel-Conradswaldau  zusammen- 
setzen, dem  letzteren  der  Storch-  und  Buchberg  bei  Langwalters- 
dorf, die  dem  Kl.  und  Gr.  Wildberg  vorgelagerten  Höhen,  die 
Forstberge,  der  Mummel-  und  Buchberg  und  die  Hügelreihe  am 
westlichen  Fass  der  Reichhennersdorfer  Berge  zugerechnet.  Süd- 
lieh  von  Reichhennersdorf  löst  sich  dieser  lange  Melaphyrzug  in 
einzelne  dem  Rothliegenden  eingestreute  insulare  Partieen  auf. 

Der  Felsitporphyr,  welcher  vom  nördlichen  Ende  der  Reich- 
hennersdorfer Berge  über  Liebau  hinaus  bis  zur  südlich  vor- 
liegenden Landesgrenze  reicht,  ist  sehr  arm  an  porphyrischen 
Ausscheidungen.  Die  Porphyrconglomerate  kommen  nur  noch  als 
eine  bis  zum  südlichen  Abhang  der  Forstberge  reichende  Fort- 
Setzung  der  entsprechenden  Ablagerungen  zwischen  Lässig  und 
Langwaltersdorf  vor;  mit  ihnen  ist  diejenige  Porphyrbreccie, 
welche  als  Saum  den  Felsitporphyr  der  Reichhennersdorfer  Berge 
umgiebt,  aber  bei  den  südlich  angrenzenden  Liebauer  Bergen 
fehlt,  in  keiner  Weise  zu  vergleichen. 


xc 


Das  Ober-Roth  liege  ncle  füllt  das  sehr  breite,  flache,  von 
Nieder- Zieder  bis  Kloster  Gnissau  nur  sehr  wenig  ansteigende 
Ziederthal  aus;  an  der  Grenze  mit  den  vorgenannten  Eruptiv- 
gesteinen tritt  vom  Mummel-  bis  Habichtsberge  eine  Carneolbank 
auf.  Die  groben  Conglomerate  des  Ober-Rothliegenden  mit  Roll- 
stücken vom  Felsitporphyr,  welche  am  Kirchberg  bei  Friedland  an- 
stehen, reichen  von  dort  in  nordwestlicher  Richtung  nur  bis  Ober- 
Conradswaldau  und  scheinen  im  übrigen  Theil  der  Mulde  zu  fehlen. 

Mittheilung  des  Herrn  F.  Wahnschaffe  über  seine  Auf- 
nahmen im  Uckermärkischen  Arbeitsgebiete. 

Der  Kartencomplex,  dessen  geologische  Kartirung  von  mir 
im  Sommer  1887  in  Angriff  genommen  ist,  umfasst  die  Messtisch- 
blätter Boitzenburg,  Hindenburg,  Fürstenwerder  und  Dedelow, 
von  denen  das  erstgenannte  Blatt  fertig  gestellt  wurde. 

Gegenüber  der  Umgegend  Berlins  bietet  dieses  dem  baltischen 
Landrücken  zugehörige  uckermärkische  Aufnahmegebiet  manche 

O ö O 

Eigentümlichkeiten  dar.  Dieselben  bestehen  in  einer  ziemlich 
beträchtlichen  Erhebung  der  Diluvialhochfläche  über  dem  Ostsee- 
spiegel , in  einer  sehr  mannichfaltigen  Gestaltung  der  Oberfläche 
und  in  dem  Vorkommen  von  wallartigen  Endmoränen.  Auf  Blatt 
Boitzenburg  treten  die  angeführten  Merkmale  in  sehr  deutlicher 
Weise  hervor.  Die  mittlere  Meereshöhe  der  Diluvialhochfläche 
liegt  hier  zwischen  80  — 90  Meter,  während  einzelne  Punkte,  wie 
beispielsweise  die  Gegend  nördlich  von  Klaushagen  bis  zu  120  Meter 
ansteigen.  Eine  grosse  Verbreitung  besitzt  auf  diesem  Blatte  der 
Geschiebemergel,  welcher  sich  einem  aus  grandigen  Sauden  ge- 
bildeten stark  welligen  Untergründe  anschmiegt  und  in  Folge 
dessen  an  seiner  Oberfläche  ein  sehr  verschiedenartig  gestaltetes 
Relief  darbietet.  Zahlreiche  Pfuhle  und  unregelmässige,  meist  mit 
Torf  erfüllte  Bodenvertiefungen,  sowie  kleinere  und  grössere  Seen 
sind  in  den  Geschiebemergel  eingesenkt  und  verleihen  der  Gegend 
den  Charakter  der  Moränenlandschaft.  Dazu  kommen  noch  ver- 
schiedene Rinnen,  durch  welche  die  Seen  zum  Theil  mit  einander 
verbunden  sind.  Die  erodirende  Thätigkeit  der  Schmelzwasser 
des  Eises  hat  sicher  einen  gewissen  Einfluss  auf  die  Ober- 


XCI 


flächengestaltung  ausgeübt,  doch  ist  dieselbe  nicht  als  einziger 
geologischer  Factor  hier  in  Betracht  zu  ziehen,  denn  aus  den 
Lagerungsverhältnissen  geht  deutlich  hervor,  dass  viele  der  tieferen 
Seen  älter  sind  als  der  Geschiebemergel  und  auf  Einsenkungen 
zurückgeführt  werden  müssen,  welche  bereits  in  dem  unregel- 
mässig gestalteten  Untergründe  vorhanden  waren.  In  einem  be- 
sonderen in  diesem  Jahrbuche  befindlichen  Aufsatze  !)  bin  ich  näher 
auf  diese  Verhältnisse  eingegangen  und  kann  daher  auf  die  dortigen 
Ausführungen  verweisen. 

Das  Vorkommen  eines  schmalen'  aus  grossen  Blöcken  zu- 
sammengesetzten Walles,  der  mit  nordwestlichem  Streichen  in 
den  östlichen  Theil  des  Blattes  eintritt,  bietet  ein  besonderes 
Interesse.  Er  ist  nach  Nordwesten  zu  unterbrochen,  findet  sich 
jedoch  in  der  Zerweliner  Haide  wieder,  woselbst  er  in  mehrere 
parallele,  die  verschiedenen  Etappen  des  sich  langsam  zurück- 
ziehenden Inlandeises  andeutende  Blockwälle  sich  auflöst. 

Die  geologischen  Verhältnisse  des  Blattes  machen  es  wahr- 
scheinlich, dass  der  an  der  Oberfläche  eine  so  ausgedehnte  Ver- 
breitung besitzende  Geschiebemergel  als  die  Grundmoräne  der 
zweiten  Vereisung  und  der  Geschiebewall  als  die  während  der 
Abschmelzperiode  zurückgebliebene  Endmoräne  anzusehen  sei, 
welche  sich  bildete,  als  das  zurückschmelzende  Eis  der  zweiten 
Vereisung  auf  dem  baltischen  Landrücken  längere  Zeit  hindurch 
stationär  war.  Die  in  unmittelbarer  Umgebung  des  Geschiebe- 
walles sich  findenden  Grande  und  Sande,  welche  oft  zu  kuppigen 
Hügeln  angehäuft  sind,  stellen  die  Aufschüttungsmassen  der  vom 
Eisrande  ausgehenden  Schmelzwasser  dar  und  sind  daher  dem 
Geschiebewalle  in  einer  breiten  Zone  vorgelagert.  Dabei  ist  der 
Geschiebemergel  oft  völlig  von  den  Schmelzwassern  denudirt  oder 
auch  mit  mächtigen  Ablagerungen  von  geschichtetem  Sand  und 
Grand  überschüttet  worden. 

Die  Hauptaufgabe  der  ferneren  Aufnahmen  in  jenem  Gebiete 
wird  es  sein,  den  weiteren  Verlauf  des  Geschiebewalles  zu  ver- 
folgen und  sein  Alter  sowie  seine  Lagerungsverhältnisse  mit  Bezug 

b Zur  Frage  der  Oberflächengestaltung  im  Gebiete  der  baltischen  Seenplatte, 
S.  150  — 163. 


XC.I1 


auf  den  ihn  umgebenden  Geschiebemergel  festzustellen,  da  die 
bisherigen  Beobachtungen  noch  nicht  genügen,  um  darüber  ein 
ganz  bestimmtes  Urtheil  abgeben  zu  können  1). 

Mittheilung  des  Herrn  H.  Grüner  über  Aufnahme  der 
Sectio n Wilsnack  im  Herbst  des  Jahres  1887. 

Das  dem  Westpriegnitzschen  Kreise  zugehörige,  in  seinem 
südwestlichen  Theile  von  der  Elbe  begrenzte,  der  »Seehauser 
Wische«  gegenüber  liegende  Gebiet  der  Section  Wilsnack  bildet 
eine  weite  Niederung,  die  in  ihrer  nordöstlichen  Hälfte  durch- 
schnittlich 30  Meter,  in  der  südwestlichen,  dem  unmittelbaren 
Elbgebiete,  etwa  23  Meter  Meereshöhe  besitzt.  Erstere  besteht 
in  der  Hauptsache  aus  jungdiluvialem,  sehr  feinkörnigem,  voll- 
kommen steinfreiem  Sand  (Thalsand),  der  — wie  Verfasser  dieses 
im  Jahrbuch  für  1886  darlegte  — sich  früher  südlich  bis  zum 
Höhenrand  bei  Hindenburg  verbreitete.  Die  wasserfreien  Höhen 
in  der  Wischa  bei  Berga,  Schönfeld  und  Königsmark,  diejenigen 
dicht  an  der  Elbe  bei  Quitzöbel,  Sandkrug  und  Bälow  (Section 
Wilsnack),  und  die  Höhen,  auf  welchen  die  Städte  Wittenberge 
und  Lenzen  liegen,  sind  nur  stehengebliebene  Reste  dieses  einst 
weit  verbreiteten  Thalsandes.  Letzterer  charakterisirt  sich  auf 
dem  Blatte  dadurch,  dass  er  seinem  sonstigen  Vorkommen  ent- 
gegen humusfrei  erscheint.  Vielfältig  zeigt  er  sich  stark  eisen- 
schüssig, demzufolge  roth  gefärbt,  und  in  trockener  Lage  ganz 
unfruchtbar.  Fast  durchweg  liegt  der  Grundwasserstand  darin 
ziemlich  nahe  der  Oberfläche  und  stellt  sich  Wasser  schon  bei 
dem  zweiten  oder  dritten  Spatenstich  ein,  weshalb  die  Friedhöfe 
vieler  Ortschaften  künstlichen  Auftrag  erhalten  müssen.  Eisen- 
schüssige Thalsandflächen  neigen  daher  auch  zur  Bildung  von 
Raseneisenerz  und  wird  dieses  in  der  gesammten  Wilsnacker 
Feldmark  angetroffen,  verschwindet  jedoch  dui’ch  systematisches 
Rajolen  mehr  und  mehr.  Die  Feinkörnigkeit  des  Thalsandes, 

')  Durch  die  im  Mai  1S88  ausgefiihrten  Untersuchungen  ist  diese  Frage 
bereits  entschieden  worden.  Yergl.  G.  Berkndt  und  F.  Wahnschaffe,  Ergebnisse 
eines  geologischen  Ausfluges  durch  die  Uckermark  und  Mecklenburg- Strelitz. 
Dieses  Jahrb.  für  1887,  S.  363 — 371. 


XCIII 


der  Mangel  eines  Bindemittels  und  seine  der  herrschenden  Wind- 
richtung  ausgesetzte  Lage,  bewirken  leicht  Verwehungen  selbst 
bei  nur  massigen  Winden,  bei  starken  jedoch  kommt  die  gesammte 
Fläche  in  Aufruhr  und  wird  der  Sand  zu  hohen,  mächtigen  und 
weit  sich  hinziehenden  Dünen  aufgethürmt. 

D ie  Oberflächenbeschaffenheit  des  Thalsandes  ist  keine  so 
ebene,  wie  z.  B.  in  den  Haupttliälern  der  Mark,  seine  Flächen 
sind  mehr  coupirt  und  treten  darin  weithin  fortsetzende  Rücken 
auf,  die  aber,  weil  zu  trocken,  von  den  Ackerwirthen  mehr  und 
mehr  planirt  werden.  Die  tiefer  gelegenen  Areale  im  Thalsande, 
wie  auch  die  Rinnen  und  Schluchten  in  den  Dünenterrains,  sind 
theils  mit  Torf,  theils  mit  Moorerde  erfüllt,  wozu  noch  Rasen- 
eisenerz tritt,  so  besonders  in  den  Wiesen  bei  dem  Vorwerk 
Siegröhn,  wo  es  in  erstaunlicher  Verbreitung  und  Mächtigkeit 
vorkommt,  fleissig  gegraben  und  in  der  absolut  steinfreien  Gegend 
als  Bau-  wie  als  Wegematerial  hoch  geschätzt  wird. 

Das  näher  der  Elbe  gelegene  Gebiet  besteht  in  der  Haupt- 
sache aus  Schlick  — mehr  oder  minder  sandigem,  rotliem  Lehm, 
Thon,  humosem  Thon  und  Schlicksand.  Wie  aber  schon  hervor- 
gehoben, schliesst  es  mehrere  aus  Thalsand  bestehende  Höhen  ein, 
von  denen  diejenige  bei  Sandkrug  — unmittelbar  an  der  Elbe  — 
die  bedeutendste  ist;  Verwehungen  bildeten  hier  aber  so  zahlreiche 
Hügel,  dass  die  gesammte  Fläche  auf  dem  Blatte  als  Flugsand 
angegeben  werden  musste.  Westlich  von  Kl. -Lüben  und  Legde 
finden  sich  noch  Sandareale,  welche  erst  in  neuerer  Zeit  bei 
Dammbrüchen  zum  Absatz  kamen  und  unter  denen  in  geringer 
Tiefe  der  frühere  gute  Schlickboden  entsteht. 

Diese  Niederung  ist  im  grossen  Ganzen  zwar  eben  zu  nennen, 
doch  zeigt  sie  vielfach  tiefe  Auskolkungen,  welche  bei  Damm- 
brüchen entstanden  und  die  mit  sogenannten  Qualmdeichen  um- 
geben wurden,  um  das  vorzugsweise  hier  erfolgende  Austreten 
des  Qualmwassers  zu  verhüten.  In  diese  Niederung  ergiesst  sich 
auch  das  Flüsschen  Karthan,  das  aus  der  Gegend  von  Leppin  — 
auf  dem  anstossenden  Blatte  Glöwen  — kommend,  bei  Wilsnack 
das  Elballuvium  erreicht,  nahe  der  Rühstedter  Grenze  sich  Witten- 
berge zuwendet  und  nach  Vereinigung  mit  der  Stepnitz  oberhalb 


XCIV 


dieser  Stadt  in  die  Elbe  fliesst.  Das  im  näheren  Bereiche  des 
Karthau  gelegene  und  ausschliesslich  als  Wiese  benutzte  Sehlick- 
terr.ain  zeigt  eine  mehrere  Decimeter  mächtige  Ueberlagerung  von 
Moorerde,  und  weiterhin  — zwischen  Bälow  und  Kuhblank  — 
bildet  das  Liegende  des  Schlicks  wiederum  Moorerde  oder  Torf 
und  zwar  unweit  Gr.-Liiben  so  mächtig,  dass  der  Torf  unter  dem 
Schlick  mit  Vortheil  gestochen  werden  kann;  hierdurch  ist  von 
Neuem  bewiesen,  dass  die  betreffenden  Areale  -=■-  ehe  die  Elbe 
ihren  Lauf  hierher  richtete  — ursprünglich  Sumpfflächen  dar- 
stellten, welche  später  mit  dem  Schlick  der  Elbe  und  hierauf 
wieder  lange  Zeit  mit  Wasser  bedeckt  waren,  in  dem  sich  eine 
reiche  Sumpfvegetation  entwickelte. 

Hervorgehoben  sei  noch,  dass  sowohl  verhäl'tnissmässig  hoch, 
wie  auch  tief  gelegene,  mit  Moorerde  überlagerte  Schlickterrains 

— wie  z.  B.  südlich  von  Kuhblank  und  Gr.-Liiben  — Nester 
von  Wiesenkalk  enthalten  und  rother  Schlick  auf  der  Rühstädter 
Feldmark  auch  oberflächlich  mit  Säuren  übergossen  braust,  ein 
Vorkommen,  das  Verfasser  Dieses  auch  auf  anderen  sogenannten 
Schlick -Sectionen  — wie  z.  B.  auf  den  Blättern  Jerichow  und 
Tangermünde  — beobachtete  und  welches  beweist,  dass  der  Kalk- 
gehalt des  Elbscldicks  keine  seltene  Erscheinung  ist.  Beispiels- 
weise möge  hier  noch  das  südlich  vom  Tangermünder  Chaussee- 
haus  in  den  grossen  Lehmgruben  zwischen  den  beiden  Tangerarmen 

o o o 

erschlossene  Profil  folgen : 

9 — 17  Dec.  rother  Schlick, 

5 — 7 Dec.  schlickiger  Wiesenkalk  mit  Kalkknauern, 
Flussgrand  u.  -Sand. 

Die  gesammte  Elbniederung  des  Blattes  Wilsnack  zeigt  — 
mit  Ausnahme  der  durch  oesondere  Deiche  geschützten  Feldmark 

— nur  geringe  Sicherheit  gegen  Uebersehwemmungen  und  stehen 
im  Winter  meist  sämmtliche  Wiesen  bis  unmittelbar  vor  Wilsnack, 
Legde  und  Abbendorf  unter  Wasser,  weil  bei  längerem  Hoch- 
wasserstande der  Elbe  der  Rückstau  des  Karthan  bis  an  genannte 
Ortschaften  reicht.  Ganz  besonders  leidet  hierdurch  Kl. -Lüben, 
wesshalb  dort  beinahe  alle  Gehöfte  auf  künstlich  aufgeworfenen 


xcv 


Sandhügeln  angelegt  worden  sind.  Aber  auch  die  eingedeichten 
Ländereien  unterliegen  Ueberschwennnnngen  durch  das  sogenannte 
Qualmwasser,  das  bei  hohem  Elbwasserstande  aus  den  Kolken 
oder  hinter  den  Deichen,  wo  der  Schlick  zum  Auftrag  des 
Dammes  Verwendung  fand,  emporsteigt. 

Mittheiluug  des  Herrn  K.  Keilhack  über  geologische 
Aufnahmen  in  der  Gegend  zwischen  Belzig  und  Branden- 
b u r g. 

Ein  im  vorigen  Bande  dieses  Jahrbuches  aus  dem  Alluvium 
bei  Genthin  beschriebenes  eigenthümliclies  Gebilde,  welches  in 
der  Hauptsache  aus  kohlensaurem  Eisenoxydul,  Eisenhydroxyd 
und  Humus  besteht  , wurde  bei  den  letztjährigen  Aufnahmen  in 
weiter  Verbreitung  gefunden.  Nicht  nur  die  grossen  Moore  des 
Fiener  Bruches,  sondern  auch  ein  Theil  der  sogenannten  Land- 
schaftswiesen im  Baruther  Hauptthale  nördlich  von  Brück  führen 
unter  2 — D/2  Meter  mächtiger  Torfdecke  eine  dünne  Schicht 
jener  grauen  bis  grünlichen,  in  trockenem  Zustande  ausserordent- 
lich leichten  und  dadurch  an  Diatomeenerde  erinnernden  Substanz. 
Der  im  Fiener  Bruch  für  dieselbe  angewendete  Name  »Mergel« 
ist  wegen  des  gänzlichen  Mangels  an  kohlensaurem  Kalke  nicht 
zu  gebrauchen;  ich  nenne  deshalb  diese  verbreitete,  aber  viel 
übersehene  alluviale  Bildung  Eisenmoor.  Wie  so  häutig  der  ersten 
Beobachtung  mehrere  weitere,  bestätigende  folgen,  so  auch  hier: 
im  Rhinluche  bei  Fehrbellin  fand  Klockmann,  in  der  Gegend 
von  Boitzeuburg  Wahnschaffe  und  bei  Ringen  wähle  Wölfer 
Eisenmoor  als  untere  Grenze  der  Torflager. 

Ferner  wurde  durch  die  Specialaufnahmen  das  im  vorigen 
Bande  des  Jahrbuches  über  Schotterdeltas  am  Nordrande  des 
Fläming  Gesagte  bezüglich  der  Deltas  vor  der  Plane,  dem  Beiziger 
Thale  und  dem  von  Verloren  Wasser  durchaus  bestätigt. 

Vor  der  Altersfeststellung  der  Tertiärbildungen  im  nördlichen 
Theile  des  Fläming  bedarf  es  noch  eines  Vergleiches  derselben 
mit  den  ungleich  grossartiger  aufgeschlossenen  Ablagerungen  am 

O o o O OO 

Südrande  des  Gebirges. 

O 


XCVI 


Mittheilung;  des  Herrn  L.  Beushausen  über  die  Ergeb- 

O O 

nisse  seiner  Aufnahmen  auf  den  Sectionen  Gross- 
Wusterwitz  und  Brandenburg  a.  H. 

Die  Aufnahmearbeiten  erstrebten  die  Fertigstellung  der  von 
den  Herren  Landesgeologe  Dr.  Läufer  bezw.  Prof.  Dr.  Scholz 
bereits  theilweise  kartirten  Sectionen  Gross- Wusterwitz  und 
Brandenburg  a.  H.  Erstere  wurde  abgeschlossen,  die  zweite  dem 
Abschlüsse  nahe  gebracht. 

Beide  Blätter  bieten,  was  Oberflächenformen  und  geognostischen 
Aufbau  anbetrifft,  das  gewöhnliche  Bild  der  havelländischen 
Sectionen:  grössere  oder  kleinere  Diluvialplateaus  zwischen  weiten 
Thalflächen,  welche  grossentheils  von  jungalluvialen  Bildungen 
eingenommen  werden.  Auch  die  Ausbildung  der  einzelnen  Dilu- 
vial-  und  Alluvialablagerungen  ist  die  gewöhnliche.  Erwähnens- 
werth  möchte  in  Bezug  auf  Section  Gross -Wusterwitz  vielleicht 
sein,  dass  ihre  ganze  südliche  Partie  — die  östlichen  Endigungen 
des  grossen  Fiener  Bruches  umfassend  - — von  Sand-  und  Grand- 
ablagerungen eingenommen  wird,  welche  die  von  den  nördlichen 
Hängen  des  Fläming  herabströmenden  Gewässer  in  dieser  flachen 
Thalmulde  zu  jungdiluvialer  Zeit  absetzten.  Es  sind  grandige 
Thalsande , zum  Theil  Thalgeschiebesande  mit  oft  gehäuften 
Geschieben  von  Nuss-  bis  über  Kopfgrösse.  Sie  bilden  grossen- 
theils den  Untergrund  des  Fiener  Bruches,  treten  aber  auch  insel- 
förmig  und  im  Osten  zusammenhängend  unter  der  allgemeinen 
Torfbedeckung  heraus.  Das  von  K.  Keilhack  im  Jahrgang  1886 
dieses  Jahrbuches  S.  139  beschriebene  Schotter-Delta  der  Buckau 
liegt  theilweise  im  Bereich  des  Blattes. 

Auf  Blatt  Brandenburg  sind  die  durch  F.  Wahnschaffe  zu- 
erst von  Ketzin  beschriebenen  kalkreichen  Havelthonmergel  in 
weiter  Verbreitung  zur  Beobachtung  gelangt,  besonders  ehemalige 
Seitenbuchten  früherer  Wasserläufe  in  oft  ziemlich  beträchtlicher 
Mächtigkeit  — bei  Radewege  über  5 Meter  - — erfüllend. 

Sie  erreichen  im  Uebrigen  auf  Section  Brandenburg  die  West- 

O O 

grenze  ihrer  Verbreitung;  die  westlich  bezw.  nordwestlich  an- 


XCVII 


stossenden  Sectionen  gehören  bereits  dem  Verbreitungsgebiet  des 
der  Regel  nach  völlig  kalkfreien  Elbschlicks  an. 

Südlich  und  östlich  des  Beetz -Sees  und  nördlich  der  Klein- 
Kreuzer  Berge  dehnt  sich  eine  weite  Thalebene,  welche  bis  auf 
die  stark  abgewaschenen,  aus  Schichten  des  unteren  Diluviums 
bestehenden  Bodenwellen  bei  Mötzow  und  zwischen  Grabow, 
Lünow,  Weseram  fast  völlig  horizontal  ist.  Sie  besteht  zum 
kleineren  Theile  aus  vertorften,  mit  Havelthonmergel  erfüllten 
Seitenbuchten  des  heutigen  Beetz-Sees,  zum  bei  weitem  grössten 
Theile  wird  sie  jedoch  von  feinen,  fast  oder  ganz  steinfreien 
Sanden  eingenommen,  in  welche  häufig  — südwestlich  von  Grabow 
in  ziemlich  bedeutender  Ausdehnung  — mehr  oder  minder  mäch- 
tige Schichten  eines  kalkreichen,  feinsandigen  Thonmergels  einge- 
schaltet sind,  welche  jedoch  in  ihrer  Ausbildung  sehr  wechseln 
und  auf  der  einen  Seite  durch  fast  völliges  Zurücktreten  der 
thonigen  Bestandtheile  zu  einem  kalkreichen  Schleppsande,  auf 
der  anderen  durch  Zurücktreten  der  feinsandigen  Theile  zu  einem 
an  thonigen  Bestandteilen  reichen  Süsswasserkalk  werden  können. 
In  der  letzteren  Ausbildungsweise  gelangten  dieselben  besonders 
südwestlich  Grabow  zur  Beobachtung. 

Ueber  das  Alter  dieser  Ablagerungen  und  ihre  Beziehungen 
zu  den  Havelthonmergeln  konnte  ein  abschliessendes  Urtheil  noch 
nicht  erzielt  werden,  obgleich  Manches  dafür  zu  sprechen  scheint, 
dass  sie  in  früherer  Zeit  als  jene  abgesetzt  wurden.  Die  über- 
lagernden Sande  sind  von  den  echten  Thalsanden,  mit  denen  sie 
z.  B.  nördlich  Klein -Kreuz  unmittelbar  Zusammenhängen,  petro- 
graphisch  absolut  nicht  zu  unterscheiden,  und  es  erscheint  die 
Möglichkeit,  dass  man  es  hier  mit  Aequivalenten  der  im  Gebiete 
des  Elbschlicks  mehrfach  zur  Beobachtung  gelangten  »Thalthone« 
zu  thun  habe,  nicht  ausgeschlossen. 

Mittheilung  des  Herrn  A.  Jentzsch  über  Aufnahmen  in 
W estpreussen. 

Section  Pestlin  wurde  begonnen  und  vollendet.  Dieselbe 
gehört  (zwischen  Stuhm,  Marienwerder  und  Riesenburg  liegend) 
der  sanftwelligen  Diluvialplatte  an,  welche  rechts  des  Weichsel- 


Jahrbuch  1887. 


g 


XCVIII 


thal- Einschnittes  von  dem  die  russische  Grenze  bildenden  Dre- 
wenzthal  bis  zum  Weichseldelta  sich  in  etwa  60  — 120  Meter 
Meereshöhe  hält,  eine  westliche,  bis  50  Kilometer  breite  Vorstufe 
des  ostpreussischen  Haupthöhenrückens  bezeichnend.  Die  Höhe 
der  Section  variirt  von  24 — 105  Meter  und  beträgt  im  Mittel  circa 
75  Meter.  Höhen  unter  dem  für  die  allgemeine  Diluvialplatte  an- 
gegebenen Maass  von  60  Meter  finden  sich  auf  der  Section  nur 
in  einer  thalartigen  Senke,  welche  fast  geradlinig  von  der  Nordost- 
ecke des  Blattes  bis  zu  den  nördlichen  Abbauten  des  Marktfleckens 
Pestlin  hinzieht,  von  wo  sie  sich  verflachend,  anfangs  verbreitert, 
zuletzt  schmal  werdend  nach  Süden  lenkt,  wo  sie  sich  über  Luisen- 
walde und  zuletzt  nur  noch  schwach  angedeutet  bis  zum  Südrande 
der  Section  bei  Dubiel  verfolgen  lässt.  Während  die  Senke  in 
diesem  ganzen  Verlauf  eine  unregelmässig  wellige,  zumeist  mit 
Humusansammlungen  erfüllte  Thalsohle  besitzt,  setzt  sich  ein 
Zweig  derselben  von  Pestlin  nach  Westen  fort  und  ist  durch  die 
darin  fliessende  Bache  zum  Erosionsthal  umgeprägt. 

Inmitten  der  genannten  Senke  liegt  eine  nur  175  Fuss 
(55  Meter)  hohe  Wasserscheide  in  den  Hügeln,  auf  welchen  der 
Weg  Ramsa  - Sadlecken  verläuft.  Der  nördliche  Theil  der  Senke 
wässert  nach  der  von  Stangenberg  kommenden  »Bache«,  welche 
bei  Gr. -Rhodau  beginnt,  bei  Dakau  in  die  Section  und  dann  in 
die  Marien werderer  Weichselniederung  tritt. 

Der  Lauf  dieser  »Pestliner  Bache«,  wie  ich  sie  nennen  möchte, 
besteht  aus  zahlreichen  charakteristischen,  aber  kurzen  Erosions- 
strecken, welche  Torfniederungen  verbinden  — sichtlich  alte  See- 
becken , deren  kettenförmige  Reihe  die  Pestliner  Bache  im  Laufe 
der  Zeit  in  ein  zusammenhängendes  Erosionsthal  umzuwandeln 
bestrebt  ist.  Trotz  der  zahlreichen  fast  horizontalen  Strecken, 
innerhalb  welcher  sie  Torfflächen  durchzieht,  hat  die  Pestliner 
Bache  innerhalb  der  Section  ein  Gefälle  von  188  Fuss  (59  Meter). 

Die  oben  erwähnte  Thalsenke  lässt  sich  ausserhalb  der  Sections- 
grenze  in  der  gleichen  (d.  h.  ungefähr  erzgebirgischen)  Richtung 
meilenweit  nach  ONO.  verfolgen,  in  schönster  Uebereinstimmung 
mit  der  Richtung  des  Kreiderückens  von  Prothen,  Krapen  und 
Kerschitten  bei  Christburg  und  zahlreicher  denselben  benachbarter 


XCIX 


Rücken  und  Thalsenken.  Diese  Richtung  spielt  mithin  in  der 
Tektonik  dieser  Gegend  eine  hervorragende  Rolle.  Die  Epoche 
der  entsprechenden  Terrainfaltung  fiel  mit  dem  Schlüsse  der 
Glacialzeit  zusammen. 

Ungefähr  senkrecht  auf  diese  Richtung  steht  diejenige  einer 
andern  Senke,  welche  sich  von  Michorowo  nach  SSO.  erstreckt 
und  nahe  dem  Südrande  des  Blattes  unweit  Orkusch  plötzlich 
endet.  Sie  wird  in  einem  Theile  ihres  Laufes  von  der  Pestliner 
Bache  durchströmt.  Die  eine  wichtige  tektonische  Linie  West- 
preussens  mai'kirende  Hauptsenke  bezeichnen  wir  als  die  Wap- 
litzer  Senke  x),  jene  zuletzt  erwähnte  secundäre  als  die  Port- 
schweitener  Senke. 

Die  nordwestliche  Ecke  des  Blattes  durchzieht  eine  schmale 
und  weniger  lange,  doch  gleichfalls  unverkennbare  Falte,  die 
»Stuhmsdorfer  Senke«,  welche  der  Waplitzer  Senke  conform  ver- 
läuft und  wie  diese  von  der  Pestliner  Bache  durchbrochen  wird. 
Auch  die  Stuhmsdorfer  Senke  ist  mit  Humusansammlungen  und 
Abschlemm-Massen  erfüllt;  nahe  dem  Nordraude  des  Blattes  gabelt 
sie  sich. 

Durch  genannte  Senken  gliedert  sich  die  Diluvialplatte  der 
Section  in  folgende  Abschnitte: 

1.  Die  Stuhmsdorfer  Welle  (80  Meter)  in  der  NW.-Ecke. 

2.  Die  Gurkener  Welle  zwischen  der  Stuhmsdorfer  und 
Waplitzer  Senke,  innerhalb  der  Section  bis  75  Meter,  nordöstlich 
davon  bei  Gurken  bis  84  Meter  ansteigend. 

3.  Die  Nikolaikener  Platte,  das  Land  südlich  der  Waplitzer 
Senke  bis  zur  Liebe  und  zum  Sorgensee,  vom  Weichselg'ehäno'e 
bei  Rehhof  bis  zu  dem  von  Stangenberg  nach  Waplitz  ziehenden 
Thale  begreifend.  Dieselbe  steigt  auf  Section  Pestlin  bis  108  Meter, 
östlich  derselben  (zwischen  Nikolaiken  und  Gr.  - Rolidau)  auf 
130  Meter. 

Der  Boden  der  Section  besteht  ausschliesslich  aus  Diluvium 
und  Alluvium.  Unter  den  Diluvialgeschieben  bemerkt  man  hin 

l)  Nach  dem  in  ihrer  NO. -Fortsetzung  liegenden  gräflichen  Gute  Gross- 
Waplitz. 


g 


c 


und  wieder  gerollte  Feuersteine,  sogenannte  »Wallsteine«  Meyn’s, 
welche  auch  auf  den  Nachbarsectionen  beobachtet,  und  welche  er 
als  gewöhnliche  Kreidefeuersteine  auffasst,  die  zur  Tertiärzeit  ab- 
gerollt und  wie  die  sie  begleitenden  Phosphorite  später  in  Dilu- 
vialmassen umgelagert  wurden. 


Die  Gliederung  ist  folgende: 

Oberer  Sand  und  Grand  untergeordnet,  besonders  als 
Bestreuung. 

Oberer  Geschiebemergel,  einen  grossen  Theil  der 
Oberfläche  bedeckend. 

Unterdiluvialer  Thonmergel  (besonders  im  Nordwesten 
stark  entwickelt),  Mergelsand,  Unterdiluvialsand 
und  Unterdiluvialgrand  mit  einer  Mischfauna  auf 
secundärer  Lagerstätte.  Dieselbe  besteht  aus 
folgenden  nach  ihrer  Häufigkeit  geordneten  Arten: 
Yoldia  arctica  Gray,  Cardium  edule  L.,  Cyprina 
islandica  L.,  Dreyssena  polymorpha  Pall,  sp.,  Tel- 
lina  solidula  Pult.,  Mactra  subtruncata  Dac.,  Palu- 
dina  diluviana  Kunth,  Nassa  reticulata  L.  sp.,  Ele- 
phas  primigenius  Blumenb. 

Unterer  Geschiebemergel. 


Inter- 

glacial 


Mächtiger  unterdiluvialer  Sand  mit  Cardium  echinatum 
L.,  stellenweise  Unter  diluvialer  Thonmergel. 


Auf  dem  schwer  durchlässigen  Höhenboden  des  Jungglacial 
bei  Stuhmsdorf  zeigt  sich  eine  örtlich  beschränkte  Anreicherung 
mit  Humus,  welche  der  jenseits  der  Weichsel  in  gleichem  Niveau 
auftretenden  »Schwarzerde«  von  Mewe  zu  vergleichen  ist. 

Das  Jungalluvium  bietet,  abgesehen  von  einzelnen  kleinen 
Dünenbildungen,  nichts  bemerkenswerthes. 

Die  Aufnahme  der  südlich  angrenzenden  Sectio n Gr. -Krebs 
wurde  foi'tgesetzt.  Zu  deu  vorjährigen  Mittheilungen  über  die- 
selbe ist  hinzuzufügen,  dass  eine  Nordseefauna  in  dem  inter- 
glacialen  Sande  rechts  der  Liebe  nahe  östlich  von  Brakau  aufge- 

O 0 

funden  wurde.  Zwar  fand  ich  nur  Cardium  edule  L.,  Tapes  vir- 
ginea  L.  sp.  und  Tellina  solidula  Pult.,  aber  schon  der  Gegensatz 


CI 


dieser  kleinen  Fauna  zu  derjenigen  der  auf  Section  Pestlin  an- 
stehenden Diluvialsande  beweist,  im  Verein  mit  den  Lagerungs- 
verhältnissen, ihre  Ursprünglichkeit.  So  schafft  dieser  Fund  ein 
werthvolles  Bindeglied  zwischen  dem  Interglacial  von  Marienwerder 
und  Biesenburg. 

Einen  zweiten,  etwas  reicheren  Fundort  derselben  Nordsee- 
fauna fand  ich  im  interglacialen  Sand  ausserhalb  der  Section,  doch 
dicht  westlich  der  südwestlichsten  Ecke  derselben  auf  Section 
Marienwerder  rechts  der  Cypelle  auf.  Dort  sammelte  ich:  Car- 
dium  edule  L.,  Nassa  reticidata  L.  sp.,  Cyprina  islandica  L.,  Ceri- 
thium  lima  Brug.,  Scrobicularia  piper  ata  Gmel.,  Mactra  subtruncata 
Dac.,  Tapes  virginea  L.  sp.  und  ? Tellina  solidula  Pult.,  also  eine 
ganz  typische  reine  Fauna,  in  welcher  die  wichtigsten  Arten  von 
Jakobsmühle  und  Kleinschlanz  vertreten  sind.  Von  den  dort 
einigermaassen  häufigen  Arten  fehlen  bis  jetzt  nur  Cardium  echi- 
natum  L.  und  Mytilus  edulis  L. 

Mittheilung  des  Herrn  R.  Klebs  über  geologische- Auf- 
nahmen der  Section  Schippenbeil  und  über  Unter- 
suchung des  ost-  und  westpreussischen  Tertiär. 

Section  Schippenbeil  wurde  vollständig  aufgenommen. 
Auf  derselben  treten  flächenbildend  besonders  die  obersten  Schichten 
des  ostpreussischen  Diluviums:  Decksand,  Deckthon  und  Mergel 
in  mannichfachem  Wechsel  zu  Tage.  In  den  Rinnen  und  tiefer 
gelegenen  Districten  ist  der  untere  Thon  verbreitet.  Der  obere 
Mergel  zeichnet  sich  durch  grosse  Armuth  an  Geschieben  und 
durch  geringe  Mächtigkeit  aus.  Der  untere  Sand  ist  meist  sehr 
feinkörnig  und  auch  wenig  mächtig  und  besitzt  vielfach  Einlage- 
rungen von  Thon,  Fayencemergel  und  Mergelsand.  Neu  für  die 
von  mir  in  V25000  kartirten  Blätter  waren  obere  Mergel,  bei  welchen 
ein  auffallender  Gehalt  an  Humus  sich  in  grösserer  Tiefe  (1,5  Meter) 
bemerkbar  machte.  Ein  gewisser  Humusgehalt  ist  zwar  vielfach 
auch  auf  andern  Sectionen  beobachtet  und  in  den  Bohrtabellen 
bezeichnet  worden,  doch  ging  dieser  kaum  über  2 Decimeter  in 
die  Tiefe.  Auf  Section  Schippenbeil  jedoch  finden  wir  schwarze 
humose  Lehme  in  grösseren  Gebieten  gleichmässig  bis  zu  einer 


cn 


Tiefe  von  1,2  Meter.  Es  Hegt  nahe,  diesen  humosen  Lehm  als 
übereinstimmend  mit  der  Schwarzerde  aufzufassen,  welche  in  den 
undurchlässigen  Lehmterrains  bei  Rastenburg,  Rössel  u.  s.  w. 
häufiger  in  Ostpreussen  vorkommt.  Auf  Section  Schippenbeil 
findet  sich  die  Schwarzerde  in  zwei  Gebieten.  Das  eine  liegt 
unterhalb  der  100  Fuss-  Curve  in  dem  Thale  der  Zaine  südlich 
Schlampen,  das  andere  unterhalb  112,5  Fuss  zwischen  Schmirdt- 
keim  und  Horst.  In  beiden  Gebieten  ist  ein  oberer  Mergel 
imprägnirt,  welcher  auf  unterem  Saude  in  kaum  D/2 — 2 Meter 
starker  Decke  lagert.  Die  Ursachen  für  die  Bildung  dieser 
Schicht  sind  namentlich  klar  in  dem  letzteren  Gebiet.  Hier  kann 
entschieden  nur  ein  höherer,  wenn  auch  nur  zeitweilig  wieder- 
kehrender Wasserstand  die  Durchtränkung  des  Bodens  bewirkt 
haben.  Wenn  wir  die  geologischen  Verhältnisse  dieses  alluvialen 
Beckens  näher  betrachten,  so  finden  wir,  dass  an  einer  Stelle, 
genau  in  der  Höhe  dieser  Schwarzerde  eine  entschiedene  Süss- 
wasserbildung, der  Wiesenkalk  unter  alluvialem  Sande  und  dass 
rund  umher  entweder  Moorerde  oder  Wiesenlehm  in  demselben 
Horizonte  auftreten,  und  dass  sonst  Sande  sich  finden,  bei  welchen 
man  nicht  entscheiden  kann,  ob  sie  als  alluvialer  oder  diluvialer 
ehemaliger  Seegrund  aufzufassen  sind.  Die  tieferen  Partieen  dieses 
Beckens  sind  mit  Torf  über  Wiesenkalk  oder  mit  Torf  unter 
Wiesenlehm  erfüllt.  Da  es  nun  wohl  sicher  ist,  dass  auch  in 
dem  Gebiet  der  Schwarzerde  sich  ähnlich,  wie  an  den  anderen 
Stellen  moorige  Ablagerungen  gebildet  haben  würden,  wenn  das- 
selbe beständig  unter  Wasser  gelegen  hätte,  so  ist  nur  anzunehmen, 
dass  das  Lehmterrain  etwas,  wenn  auch  nicht  viel  höher  als  der 
damalige  Wasserspiegel  und  zeitweilig  trocken  gelegen  haben 
muss.  Auf  diesen  Lehm  trat  nun  bei  hohem  Wasserstand  das 
von  dem  Torf  braungefärbte  Moorwasser  und  durchtränkte  ober- 
flächlich den  Boden.  Wenn  dann  im  Sommer  der  Lehm  trocken 
lag,  so  erhielt  er  Risse  und  Sprünge;  durch  diese,  durch  die 
Röhren  von  Würmern  etc.  mag  ein  plötzlicher  Regen  die  humosen 
Schichten  in  die  Tiefe  geführt,  oft  auch  direct  das  Torfwasser 
sich  hineingezogen  haben.  Als  dann  später  bei  Rosenort  der  Ab- 
fluss des  Rosenorter  Fliesses  sich  so  vertieft  hatte,  dass  die 


ein 


Wasser  nicht  mehr  rückwärts  stauen  konnten,  und  sich  durch 
Abtrag  der  Lehmplateaus  eine  Schicht  von  Wiesenlehm  über  den 
Torf  lagerte,  hatte  die  Bildung  der  Schwarzerde  im  Ganzen  ihren 
Abschluss  erlangt.  Die  Annahme,  dass  nur  eine  starke  Vege- 
tationsdecke in  früheren  Zeiten,  die  sich  auf  dem  undurchlässigen 
Untergrund  durch  die  dahin  zusammenfliessende  Feuchtigkeit  be- 
günstigt , gebildet  hätte , wie  Schröder  die  Schwarzerde  von 
Rössel  erklärt  (vergl.  dieses  Jahrbuch  1886,  S.  xl),  halte  ich 
wenigstens  für  diese  Gebiete  auf  Schippenbeil  für  unbegründbar. 

Einer  genauen  Untersuchung  wurden  die  Tertiärgebiete  am 
Nordstrand  des  Samlandes  in  Ostpreussen  und  zwischen  Oxliöft 
und  Rixhöft  in  Westpreussen  unterzogen,  einmal  um  aus  den 
Letten  eine  grössere  Sammlung  der  schön  erhaltenen  Pflanzen- 
reste für  das  Museum  der  Kgl,  geologischen  Landesanstalt  zu- 
sammen zu  bringen,  sodann  aber  auch  um  Vergleiche  mit  dem 
bereits  kartirten  Tertiärgebiet  von  Heilsberg  anzustellen.  Das 
Resultat  war  im  Ganzen  ein  recht  günstiges.  Am  Nordstrande 
des  Samlandes  wurden  circa  600  wohl  erhaltene  Blatt-  und  Frucht- 
abdrücke und  Hölzer  gesammelt.  Von  letzteren  ist  besonders  ein 
2,5  Meter  langes  Stammstück  von  Finites  protolarix  G.  bemerkens- 
werth,  welches  wunderschön  erhalten  und  nach  dem  Urtheil  des 
leider  inzwischen  verstorbenen  Prof.  Dr.  R.  Caspary  für  die 
Pliytopalaeontologie  sehr  interessant  dadurch  ist,  dass  es  bedeutende 
Abweichungen  der  Mikrostructur  in  verschiedener  Höhe  und  an 
der  Aussenseite  und  Innenseite  des  Stammes  zeigt.  Leider  aber 
kamen  diese  vorläufigen  Untersuchungen  nicht  über  eine  münd- 
liche Mittheilung  hinaus.  — In  Westpreussen  wurden  circa  900 
gut  erhaltene' Blattabdrücke  und  Früchte  gesammelt  und  etwa  17 
bestimmbare  Stämme  z.  Th.  blossgelegt  und  davon  grössere  Belag- 
stücke genommen.  Ein  Cupressineenstamm  hatte  einen  Durch- 
messer von  1,2  Meter  und  war  3 Meter  zu  verfolgen.  Leider 
misslang  es  einen  ganzen  Querschnitt  des  Stammes  zu  nehmen, 
da  derselbe  so  mit  Schwefelkies  durchsetzt  war,  dass  die  Zähne 
der  Säge  abbrachen. 

Die  Vergleichung  der  einzelnen  Schichten  mit  den  von 
Zaddach  aufgeführten  ergab  mancherlei  Abweichungen.  Wie 


CIV 


Zaddach  beobachtete  auch  ich  drei  Kohlenflötze  zwischen  Chlapau 
und  Rixliöft.  Nach  Zaddach,  Menge  und  Heer1)  enthält  die 
oberste  dieser  Kohlen  die  Blattabdrücke.  — Ich  habe  dort  Nach- 
grabungen im  grossen  Maassstabe  anstellen  lassen,  weil  es  mir 
sehr  schwer  wurde  von  dieser  Anschauung  ausgehend  die  Pflanzen- 
reste aufzufinden,  und  kann  die  einzelnen  Kohlenflötze  in  folgender 
Weise  charakterisiren: 

1.  Die  obe  rste  Kohle  enthielt  absolut  keine  Blätter  und 
Früchte,  sondern  nur  flach  gedrückte  bituminöse  Stamm-  und 
Asttheile.  Die  grösste  beobachtete  Mächtigkeit  war  1 Meter. 

2.  Die  mittlere  Kohle  enthielt  sehr  viele  runde  Stamm- 
stücke und  ganz  vereinzelt  Blätter.  Bis  zu  1,8  Meter  Stärke 
beobachtet. 

3.  Die  untere  Kohle,  etwa  1,5  Meter  über  dem  Seespiegel 
beginnend  und  2,5 — 3,0  Meter  mächtig,  ist  reich  an  Blättern  und 
Stammtheilen.  Sie  besteht  zu  oberst  aus  einer  steinkohlenähnlichen 
schwarzen,  sehr  rissigen  Kohle,  in  welcher  die  Blätter  zerstört 
waren,  0,15  Meter;  dann  folgte  eine  0,1  Meter  starke  Schicht,  die 
fast  nur  aus  undeutlichem  mulmartigem  Holz-  und  Blattrippen- 
theilen  filzartig  zusammengesetzt  war;  darunter  lagen  0,6  Meter 
senkrecht  zerklüftete  Kohlen  mit  vielen  Blättchen;  darunter  0,5  Meter 
gut  horizontal  geschichtete  Kohlen  mit  wenig  Blättern ; dann  1 Meter 
fast  blattfreie  Kohle.  Beschlossen  wird  das  Flötz  durch  eine  0,3  Meter 
starke,  grobsandige  Kohle,  in  welcher  viele,  aber  meist  kaum 
conservirbare  Blätter  von  Querem- Arten.  — 

Die  Schichten  waren  an  der  ganzen  Küste  von  Chlapau  bis  Rix- 
höft  mannichfach  gestört.  Das  von  mir  untersuchte  untere  Flötz  fiel 
in  der  ganzen  Ausdehnung  des  s.  g.  Habichtsberges  in  einem  Winkel 
von  60°  nach  Südosten  ein  und  wurde  in  demselben  Einfallswinkel  bis 
ö1^  Meter  in  den  Berg  hinein  d.  h.  hier  bereits  mit  seiner  oberen 
Kante  etwa  1 Meter  unter  dem  Seespiegel  verfolgt  und  ausgebeutet. 
Leider  setzte  ein  schnell  auftretender  starker  Sturm  meine  Aus- 
grabungen unter  Wasser  und  zerstörte  die  Abräumungen  in 
wenig  Minuten  bis  auf  die  geringste  Spur.  Durch  diesen  Sturm 


')  Heer,  Miocene  baltische  Flora.  Königsberg  1869. 


cv 


aber  wurden  die  Ufer  zwischen  der  grossen  Schlucht  von  Chlapau 
bis  nach  Rixhöft  fast  vollständig  von  jedem  Abrutsch  rein  gefegt 
und  boten  zahlreiche  äusserst  klare  Profile.  Als  Gesammtresultat 
ergab  sich  aus  diesen,  dass  wir  es  hier  mit  Quarzsanden  zu  thun 
haben,  in  welchen  in  verschiedenen  Höhen  drei  Kohlenflötze  lagern. 
Die  Quarzsande  variiren  von  ganz  feinem  lettenartigen  bis  zu 
gröberem,  sie  sind  rein  weiss,  schwarz  gestreift  und  gefleckt  bis 
chocoladenbraun.  Sie  führen  in  allen  Höhen  Holzreste,  die  an 
einzelnen  Stellen  sehr  reichlich,  an  anderen  ganz  vereinzelt  Vor- 
kommen. Durch  diese  Holzreste  aber  und  auch  durch  die  ganze 
petrographische  Beschaffenheit  erweisen  sich  diese  Schichten  als 
innig  zusammengehörend  und  halte  ich  es  für  unzulänglich,  sie  in 
eine  obere  und  mittlere  Etage  nach  Analogie  des  Samländischen 
Tertiärs  zu  theilen.  Die  ZADDACH’sche  Angabe,  dass  die  Pflanzen 
am  Habichtsberge  in  der  obersten  Kohle  (30  Fuss  über  der  See) 
Vorkommen,  könnte  möglicher  Weise  auf  einem  Irrthum  beruhen. 
ZaddaCH  hat,  wie  er  in  seinen  Arbeiten  *)  mehrfach  sagt,  die 
Stellen  nie  selbst  gesehen,  da  sie  bei  seinen  Besuchen  stets  durch 
Abrutsch  verdeckt  waren,  sondern  nur  nach  Angabe  von  Menge 
gearbeitet.  Ein  Irrthum  meinerseits  ist  unmöglich,  da  ich  auch 
die  ganze  Zusammensetzung  und  das  Aussehen  der  obersten  Kohle 
anders  fand,  wie  der  Kohle,  aus  welcher  ich  die  Pflanzen  sammelte. 
Sollten  aber  wirklich  auch  in  der  obersten  Kohle  damals,  vor 
nunmehr  30  Jahren,  die  Blätter  vorgekommen  sein,  so  lagen  diese 
sicher  nur  in  einem  kleinen  Nest,  dessen  Spuren  durch  Abwässern 
durch  die  See  verwischt  sind.  Dieses  Vorkommen  der  Pflanzen 
aber  würde  für  den  engen  Zusammenhang  der  drei  Kohlenflötze 
und  der  Quarzsande  zu  einem  Ganzen  noch  mehr  sprechen.  Ich 
kann  daher  der  Ansicht  Zaddach’s  über  das  Rixhöfter  Tertiär 
nur  in  so  weit  beistimmen , dass  dasselbe  den  obersten  Lagen 
des  Samländischen  Tertiärs  entspricht,  und  fand  ich  hier  wiederum 
eine  Bestätigung  dafür,  dass  die  ZADDACH’sche  Dreitheilung  der 
Braunkohlenformation  nur  einen  ganz  lokalen  Charakter  für  das 

0 Zaddach,  das  Tertiär -Gebirge  Samlands,  Schriften  der  Ph  ys.-  ökon.  Ges. 
zu  Königsberg  1867  — 1869.  Beobachtungen  über  das  Vorkommen  des  Bern- 
steins etc.  Ebenda, 


cvi 


Samland  hat.  Das  au  dem  Westpreussischen  Strande  zu  Tage 
tretende  Tertiär  entspricht  der  oberen  Abtheilung  der  Heilsberger 
Braunkohle  d.  i.  der  oberen  des  Heilsberger  Tertiär  Q und  somit 
den  ZADDACH  schen  Schichten  vom  unteren  Letten  eingeschlossen 
aufwärts.  Hierbei  will  ich  noch  bemerken,  dass  ich  auch  in  dem 
unteren  Letten  Zaddacii’s  am  Rothen  Sand -Rauschen  und  im 
oberen  der  Wolfskaule-Georgswalde  Taxodium  distichum  miocenum 
Heer  verhältnissmässig  häufig  gefunden  habe.  Aus  dem  unteren 
Letten  waren  auch  Zaddach  (S.  131)  Blattabdrücke  bekannt.  — 
Die  Sammlung  der  Tertiärpflanzen  bei  Kraxtepellen  hat  noch 
nicht  stattgefunden,  weil  ein  bald  in  Aussicht  stehender  sehr 
ausgedehnter  neuer  Tagebau  auf  Bernstein  grössere  Ausbeute  an 
tertiären  Pflanzen-  und  Thierresten  verspricht,  als  ich  sie  je  durch 
eigene  Aufdeckarbeiten  erlangen  könnte. 

Mittheiluug  des  Herrn  H.  Schröder  über  Aufnahme  der 
Section  Heilig  e Linde  (Ostpreussen). 

Die  g;eolo2'ische  Kartiruna:  der  Section  Heilige  Linde  verfolgte 

O O O O o 

zunächst  den  bereits  im  vorjährigen  Jahresbericht  kurz  charakteri- 
sirten  Dur chragungszug  unterdiluvialer  Geröll-  und  Sand- 
massen. Derselbe  ist  bei  dem  Rittergut  Stumplack  durch  einen 
Querriegel  oberdiluvialen  Geschiebemergels  unterbrochen,  setzt 
dann  aber  unter  Beibehaltung  derselben  Nordost-  und  Südwest- 
richtung  S.- Rehstall  weiter  fort  und  ist  sonach  auf  eine  Strecke 
von  ca.  15  Kilometer  kartirt.  Dieser  und  die  ihm  parallelllaufenden 
kürzeren  Durchragungen  (z.  B.  bei  Poswangen)  bedingen  den  Ver- 
lauf einiger  Seen  (Pötschendorfer,  Wolfsbruch  mit  Wiladasee),  die 
als  reine  Faltungsseen  erscheinen.  Ebenfalls  ist  von  ihm  in 
der  nordöstlichen  Ecke  der  Section  die  Richtung  des  Guberthales 
abhängig,  das  ebenso  wie  der  Zainsee  auf  Blatt  Rössel1)  bereits 
unterdiluvial  (rein  geognostisch  gesprochen)  vorgebildet  war,  aber 
dann  unter  dem  Einfluss  einer  starken  Erosion  gestanden  hat. 
Beide  sind  also  durch  die  Combiuation  von  Faltung  und 
Erosion  entstanden. 


b Das  Tertiär  von  Heilsberg,  Jalirb.  der  Kgl.  preuss.  geol.  Landesanst.  1884. 


CVII 


In  spitzem  Winkel  zu  dem  Heilige  Linde  - Durchragungszug, 
also  Nord- Südrichtung  mit  einer  geringen  Abweichung  nach  0. 
resp.  W.  streicht  die  grosse  Sensburger  Seenrinne  — auf  der 
Section  repräsentirt  durch  den  Heilige  Linder- See  und  die  lang- 
gestreckte Alluvion,  den  ehemaligen  Wirbel -See  — und  durch- 
schneidet denselben.  Da  nun  die  NW. -SO.  streichenden  Durch- 
ragungszüge  als  ein«  Faltungserscheinung  von  oberdiluvialem  Alter 
erkannt  und  in  anderer  Richtung  verlaufende  Falten  bisher  nicht 
beobachtet  sind,  so  können  die  SN.- Rinnen  nach  den  bekannten 
Thatsaclien  nur  durch  reine  Erosion  während  der  letzten 
Phase  der  Vergletscherung  entstanden  sein. 

Als  eine  vierte  Art  von  Seen  betrachte  ich  die  Evorsions- 
(durch  stürzende  und  strudelnde  Wasser  entstandene)  Seen  und  als 
einen  Repräsentanten  derselben  in  Ostpreussen  nenne  ich  den 
Mendar-See  auf  Section  Cabienen. 

Eine  sehr  auffallende  Erscheinung  ist  die  Thatsache,  dass  die 
Sensburger  SN. -Rinne  nach  Westen  durch  die  Deine  in  das 
Guberthal  einen  Abfluss  besitzt,  der  sich  durch  retrogressive 
Thalbildung  von  der  alten  Gubersenke  aus  erklärt. 

Bemerkenswerth  auf  der  Section  Heilige  Linde  ist  noch, 
dass  zu  beiden  Seiten  der  Deine  bis  in  die  Gegend  von  Rastenburg 
mächtige  unterdiluviale  Thonmergel  flächenhaft  zu  Tage  treten, 
deren  Abtrennung  gegen  den  oberdiluvialen  Geschiebemergel, 
wenn  beide  Bildungen  nicht  durch  Sand  getrennt  sind,  unmög- 
lich ist. 

In  der  Nähe  des  Gutes  Lindenberg  wurde  in  den  unter- 
diluvialen Sauden  eine  Süsswasserfauna  auf  primärer  Lager- 
stätte aufgefunden.  Dieselbe  ist  in  diesem  Jahrbuch  S.  349 — 362 
näher  beschrieben. 


CVIII 


4. 

Personal  - Nachrichten. 


Der  Königliche  Landesgeologe  Di’.Branco  ist  am  20.  April  1887 
als  ordentlicher  Professor  an  die  Universität  Königsberg  i/P.  be- 
rufen worden.  Der  Königliche  Bezirksgeologe  Dr.  Klockmann 
erhielt  am  1.  November  1887  einen  Kuf  als  Docent  an  die  Berg- 
akademie zu  Clausthal. 

Der  bisherige  Bezirksgeologe  Dr.  Dathe  ist  zum  Landes- 
geologen und  die  bisherigen  Ilülfsgeologen  Dr.  Ebert  und  Dr.  Koch 
sind  zu  Bezirksgeolop-en  ernannt. 

Dr.  G.  Meyer  ist  aus  der  geologischen  Landesanstalt  aus- 
geschieden, dagegen  sind  als  Mitarbeiter  neu  eingetreten  die  Doc- 
toren  Louis  Beushausen,  Georg  Lattermann  und  Gottfried 
Müller. 

Bei  dem  chemischen  Laboratorium  der  Anstalt  sind  die 
Chemiker  Dr.  Herrmann  und  Steffen  ausgeschieden  und  au 
deren  Stelle  die  Chemiker  Dr.  Hölzer  und  Fischer  eingetreten. 

Bei  der  chemisch-technischen  Versuchsanstalt  ist  der  Chemiker 
J.  Schade  wieder  eingetreten. 

In  das  Bureau  der  Anstalt  ist  der  Bureauhülfsarbeiter  Bottmer 
eingetreten. 

Bei  der  geologisch -agronomischen  Aufnahme  im  Flachlande 
ist  der  Culturtechniker  W.  Baldus  ausgeschieden  und  sind  die 
Culturtechniker  Gossner,  Pohlitz,  Herberger  und  P.  Baldus 
eingetreten. 


Lichtdruck  von  A.Frisch, Berlin. 


OIX 


5. 


Albrecht  von  Groddeck. 

Am  18.  Juli  1887  starb  zu  Clausthal  nach  mehrwöchentlichem 
schwerem  Leiden  im  50.  Lebensjahre  Dr.  Albrecht  von  Groddeck, 
Königl.  Bergrath  und  Director  der  vereinigten  Königl.  Berg- 
akademie und  Bergschule  daselbst.  Obwohl  bereits  im  vorauf- 
gegangenen Winter  mehrfach  kränklich  und  demzufolge  häufiger 
an’s  Haus  gefesselt,  hatte  er  doch  wohlgemuth  und  treu  der  ihm 
liebgewordenen  Berufspflicht  in  der  Woche  vor  Pfingsten  eine 
geologische  Studienreise  mit  seinen  Zuhörern  ausgeführt.  Niemand 
aus  seiner  Umgebung,  am  wenigsten  er  selbst,  konnte  eine  Ahnung 
von  der  Gefahr  haben,  welcher  er  sich  dabei  aussetzte.  Eine 
Erkältung  indessen,  die  er  sich  in  den  wie  so  oft  um  diese  Jahres- 
zeit im  Harz  noch  unfreundlichen  rauhen  Reisetagen  zuzog, 
brachte  ein  schmerzliches  organisches  Leiden  zum  Durchbruch. 
Krank  kam  er  nach  Clausthal  zurück  und  legte  sich  Pfingstmontag 
auf  sein  Lager,  von  dem  er  sich  nach  Gottes  unerforsclilichem 
Rathschluss  nicht  wieder  erheben  sollte.  — Tief  erschüttert  ver- 
nahmen seine  Freunde  und  Fachgenossen  die  Nachricht  von  der 
Erkrankung  und  dem  raschen  Hinwegsterben  des  bis  dahin  so 
rüstig  wirkenden,  nur  zu  rastlos  thätigen  Mannes,  allgemein  war 
die  warme  Theilnahme  an  der  Sorge  um  sein  Leben  und  an  dem 
leider  unaufhaltbaren  schmerzlichen  Verlust.  — 

Albrecht  Ludwig  von  Groddeck  ward  geboren  am  25.  Au- 
gust 1837  zu  Danzig  als  Sohn  des  Admiralitätsraths  von  Groddeck. 
Seine  Mutter  war  eine  Schwester  des  um  das  Bergwesen  des 


cx 


preussischen  Staats  hochverdienten  Berghauptmanns  Martins, 
welcher  nach  einander  den  Ober  b ergämtern  Berlin, 
Brieg  und  Halle  vorgestanden  hat.  Seine  Gymnasialbildung 
erhielt  er  in  seiner  Vaterstadt  und  besuchte  nach  Ablegung  der 
Abiturienten -Prüfung  im  Sommersemester  1856  die  Universität 
Berlin,  alsdann  aber  von  Herbst  1856  bis  Herbst  1857  das 
Collegium  Carolinum  zu  Braunschweig.  Hier  entschloss  er  sich, 
Hüttenmann  zu  werden.  Zu  dem  Zweck  arbeitete  er  zunächst 
ein  Jahr  lang  zur  Erlangung  der  praktischen  Fertigkeit  auf  der 
damals  herzoglich  braunschweigischen  Eisenhütte  zu  Zorge  im 
Harz  und  setzte,  nachdem  er  auf  sein  Gesuch  zur  Ausbildung 
für  den  preussischen  Staatsdienst  zugelassen  und  ein  Jahr  später 
zum  Exspectanten  für  das  Hüttenfach  angenommen  worden  war, 
diese  Beschäftigung  auf  der  Königshütte,  der  Eisengiesserei  bei 
Gleiwitz  und  der  Friedrichshütte  bei  Tarnowitz  in  Oberschlesien 
bis  Ostern  1860  fort.  Zwei  Jahre  lang  vervollständigte  er  darauf 
seine  theoretischen  Studien  auf  den  Universitäten  zu  Berlin  und 
Breslau,  während  er  die  Ferienzeit  zur  Befahrung  der  Gruben 
Nieder-  und  Oberschlesiens  ausnutzte.  Im  Sommer  1862  lernte 
er  die  Werke  im  Mansfeldiscken  und  im  Oberharze  kennen  und 
besuchte  in  den  darauffolgenden  zwei  Semestern  die  Bergakademie 
zu  Clausthal,  damals  noch  Bergschule  geheissen.  — Unter  seinen 
akademischen  Lehrern  verehrte  er  besonders  hoch  Ferdinand 
Roemer  in  Breslau  als  denjenigen,  der  es  vor  Allen  verstanden 
hatte,  Lust  und  Liebe  zur  Wissenschaft  in  ihm  zu  wecken  und 
zu  pflegen. 

Nach  Abschluss  seiner  Studienzeit  bekleidete  er  kurze  Zeit 
die  Stelle  eines  Chemikers  bei  der  Actiengesellschaft  für  Bergbau, 
Blei-  und  Zinkfabrikation  in  Stolberg  und  in  Westfalen,  folgte 
aber  schon  ein  Jahr  später  im  Herbst  1864  einem  Ruf  an  die 
Clausthaler  Akademie , der  er  fortan  bis  zu  seinem  frühzeitigen 
Tod  angehören  sollte.  Hier  trug  er,  zunächst  als  Candidat,  seit 
Juli  1865  als  angestellter  Lehrer,  Bergbaukunde  und  die  Lehre 
von  der  Aufbereitung  vor.  Nachdem  aber  im  Herbst  1867 
P.  A.  Roemer  sich  in  den  Ruhestand  zurückgezogen  hatte,  über- 
nahm  von  Groddeck  zu  den  genannten  Lehrfächern  noch  die- 


CXI 


jenigen  der  Mineralogie,  Geognosie  und  Petrefactenkunde.  Zu- 
gleich wurde  er  commissarisch  mit  der  Wahrnehmung  der  Ge- 
schäfte des  Directors  der  Lehranstalt  betraut.  Am  1.  Januar  1871 
erfolgte  alsdann  seine  Ernennung  zum  Director  der  vereinigten 
Bergakademie  und  Bergschule,  und  am  16.  Juni  1872  wurde  ihm 
der  Charakter  eines  königlichen  Bergrathes  zu  Theil. 

Bis  zum  Beginn  des  Sommersemesters  1880  ist  der  Verstorbene 
127a  Jahre  lang  unablässig  diesen  überaus  vielseitigen  Anforde- 
rungen an  seine  Lehrthätigkeit  neben  seinen  Verwaltungsgeschäften 
mit  ebensoviel  Treue  und  Gewissenhaftigkeit,  als  Eifer  und  Erfolg 
nachgekommen.  Erst  dann  trat  mit  der  Anstellung  eines  speciellen 
Lehrers  für  die  obengenannten  bergmännisch -technischen  Fächer 
eine  Erleichterung  für  ihn  ein.  Doch  schon  ein  Jahr  darauf 
unterzog  er  sich  wieder  einer  neuen  Lehraufgabe,  indem  er  von 
da  ab  ausser  den  mineralogisch-geologischen  Disciplinen  auch  die 
von  ihm  mit  Vorliebe  gepflegte  Lehre  von  den  Erzlagerstätten 
vortrug,  deren  Einfügung  in  den  Studienplan  der  Clausthaler 
Akademie  ihm  zum  besonderen  Verdienst  gereicht. 

Aus  solchen  viele  Jahre  hindurch  fortgesetzten  angestrengten 
Leistungen  im  Dienste  der  Lehranstalt  erhellt  schon  sattsam  die 
aussergewöhnliche  Arbeitskraft,  über  welche  der  Verstorbene  gebot. 
Noch  höher  aber  muss  man  dieselbe  veranschlagen,  wenn  man 
zugleich  seine  Thätigkeit  als  wissenschaftlicher  Schriftsteller  und 
als  Mitarbeiter  an  der  geologischen  Detailkarte  des  Harzes  über- 
blickt. 

Die  wissenschaftlichen  Schriften  VON  Groddeck’s  gehören 
vorzugsweise  zweien  Forschungsgebieten  an,  welche  sich  ihm  im 
folgerichtigen  Fortschreiten  auf  der  Bahn  seines  Studienganges 
und  unter  dem  Einfluss  der  örtlichen  und  zeitlichen  Verhältnisse 
in  seiner  Stellung  in  Clausthal  naturgemäss  zum  Arbeitsfeld  dar- 
boten. Gegenüber  seinem  Vorgänger  im  Lehramte,  der  noch  sein 
Lehrer  gewesen  war,  und  überhaupt  gegenüber  seinen  akademischen 
Lehrern  bekundete  er  dabei  in  der  Art  und  Weise,  wie  er  die 
eigene  Arbeit  angriff  und  durchführte,  ein  bemerkenswerthes  Maass 
von  Selbständigkeit.  Friedrich  Adolf  Roemer,  von  Haus  aus 
Jurist,  aber  ausgerüstet  mit  vortrefflichen  naturwissenschaftlichen 


CXII 


Kenntnissen  und  in  hohem  Grade  ausgezeichnet  durch  ein  Fein- 
gefühl für  die  Formunterschiede  der  Naturkörper,  hatte  sich  mit 
Vorliebe  und  rastlosem  Eifer  den  Versteinerungen  des  Harz- 
gebirges und  seiner  Vorlande  zugewandt.  Seine  zahlreichen  scharf- 
sinnigen, beschreibenden  und  vergleichenden  palaeontologischen 
Untersuchungen  hatten  so  viel  Licht  verbreitet,  dass,  als  er  sein 
Amt  niederlegte,  die  Altersfolge  und  Verbreitung  der  Schichten 
im  nördlichen  Oberharze  feststand  und  für  das  ganze  Gebirge, 
unbeschadet  gewisser  wesentlich  irriger  Altersbestimmungen, 
einzelne  wichtige  Festpunkte  gegeben  waren,  von  welchen  die 
nachfolgende  Forschung  ihren  Ausgang  genommen  hat.  Die 
Lagerungsverhältnisse  der  Gebirgsglieder  dagegen  zu  entziffern, 
war  Friedrich  Adolf  Roemer  weniger  gegeben.  Der  verwickelte 
Bau  des  eigentlichen  Harzer  Kerngebirges  blieb  daher  zunächst 
selbst  in  den  Grundzügen  unverstanden.  Erst  dem  Zusammen- 
wirken der  vom  Staate  gesammelten  und  ausgerüsteten  wissen- 
schaftlichen  Kräfte  verschiedener  Begabung  war  es  Vorbehalten, 
diese  schwierige  Aufgabe  zu  bewältigen,  deren  Grösse  an  Umfang 
und  Inhalt  des  einzelnen  Mannes  Mittel  überstieg,  und  deren 
Lösung  nicht  allein  auf  dem  einseitig  eingeschlagenen  Wege  der 

O O O O O 

Versteinerungskunde  gesucht  werden  durfte.  Demgegenüber  fühlte 
sich  von  Groddeck  gerade  vorzugsweise  zur  Erforschung  der 
Lagerungsverhältnisse  hingezogen.  Ihm,  dem  praktisch  geschulten 
Berg-  und  Hüttenmann,  lag  die  Geognosie  der  Erzlagerstätten 
zumeist  am  Herzen ; daneben  beschäftigte  ihn  dann  aber  auch 
noch  besonders  die  Zusammensetzung,  Verbreitung,  Gliederung 
und  Lagerung  der  Formationsglieder  des  nordwestlichen  Harzes. 
In  seinen  beiden  Hauptwerken : »Die  Lehre  von  den  Lagerstätten 
der  Erze.  Ein  Zweig  der  Geologie.  1879«  und  »Abriss  der 
Geognosie  des  Harzes.  Mit  besonderer  Berücksichtigung  des 
nordwestlichen  Theils.  Ein  Leitfäden  zum  Studium  und  zur 
Benutzung  bei  Excursionen.  2.  Aufl.  1883«  hat  er  jene  zwei 
hauptsächlichen  Richtungen  seiner  wissenschaftlichen  Arbeit  so- 
zusagen verkörpert;  weitaus  die  meisten  seiner  Abhandlungen 
ordnen  sich  ungezwungen  um  diese  beiden  Sammelpunkte  seines 
Wissens. 


CXIIt 


Nur  die  allerersten  Schriften  des  Verstorbenen  gehören  der 
berg-  und  hüttenmännischen  Technologie  an.  Das  Hüttenfach 
hatte  er  sich,  wie  oben  berichtet,  ursprünglich  zum  eigensten 
Berufsstudium  ausersehen.  Dem  entsprechend  ist  seine  früheste 
Abhandlung  aus  den  Jahren  1864  und  1865  eine  hüttenmännische, 
aber  indem  er  darin  »die  Mansfelder  Hüttenprocesse  in  ihrer 
Abweichung  von  den  Ober-  und  Unterharzer  Kupfer-  und  Silber- 
gewinnungsarbeiten« beschrieb,  umspannte  er  auf  diesem  Gebiete 
bereits  den  ganzen  Harz.  Dieser  ersten  Frucht  seiner  Harz- 
Studien  folgten  bald  andere  Leistungen,  nachdem  er  in  den  Lehr- 
körper der  Clausthaler  Bergakademie  eingetreten  war,  so  z.  B. 
im  Jahre  1866  die  »Uebersicht  über  die  technischen  Verhältnisse 
des  Blei-  und  Silberbergbaus  auf  dem  nordwestlichen  Oberharz«. 

In  demselben  Jahre  steht  dann  aber  auch  als  ein  Wende- 
punkt und  Hauptmarkstein  seines  Schaffens  jene  classische  Ab- 
handlung »über  die  Erzgänge  des  nordwestlichen  Oberharzes«, 
durch  welche  von  Groddeck  seinen  geologischen  Ruf  begründet 
hat.  Mit  ihr  stellte  er  sich  in  die  Reihen  der  Mitarbeiter  der 
Zeitschrift  der  Deutschen  geologischen  Gesellschaft,  der  er  im 
darauffolgenden  Jahre  als  Mitglied  beigetreten  ist  (4.  Dec.  1867), 
nachdem  ihn  die  philosophische  Facultät  der  Universität  Göttingen 
einige  Monate  vorher  (19.  Juni)  auf  Grund  derselben  Schrift  zum 
Doctor  promovirt  hatte.  Die  grossartige  geologische  Rolle  der 
zusammengesetzten  Gänge  im  Gebirgsbau  des  Oberharzes  als 
Verwerfer  ihres  zerspaltenen  und  unter  der  Verwerfungswirkung 
zum  Theil  zermalmten  Nebengesteins  wurde  von  dem  Autor  zum 
erstenmal  klar  und  bündig  bewiesen  und  zugleich  entgegen  den 
bisher  gehegten  Anschauungen  die  Gleichartigkeit  der  Lagerung 
der  Culm-  und  der  Devon- Schichten  dargethan. 

Den  Faltenbau  der  Schichten  im  Einzelnen  zu  verstehen, 
dazn  reichten  die  in  dem  meilenlangen  tiefen  Ernst- August-Stolln 
und  seinen  Flügelörtern  u.  a.  gemachten  Beobachtungen  damals 
gleichwohl  noch  nicht  aus.  Erst,  als  einem  amtlichen  Aufträge 
zufolge  die  unterirdischen  Profile  dieser  weitläufigen  Grubenbaue 
unter  markscheiderischer  Beihülfe  im  Einzelnen  aufgenommen  und 
die  dabei  gewonnenen  Gesteinsproben  genau  geprüft  waren,  konnte 

h 


Jahrbuch  1887. 


CXIV 


der  Verstorbene  jene  1873  in  der  Zeitschrift  für  das  Berg-,  Hütten- 
und  Salinenwesen  im  Preussischen  Staate  veröffentlichten  und 
erläuterten  »Durchschnitte  durch  den  Oberharz«  entwerfen,  welche 
dem  Bergmann  und  Geologen  den  vollen  Werth  seiner  Unter- 
suchungen  über  das  Verhältniss  der  Oberharzer  Gänge  zu  ihrem 
Nebengestein  und  über  die  Lagerungsweise  dieses  letzteren  ent- 
hüllen.  - — Andere  Kapitel  der  Inauguraldissertation  von  Grod- 
deck’s  beschäftigen  sich  mit  der  Füllmasse  der  Erzgänge.  In 
seinen  Mittheilungen  über  die  Veränderungen,  welche  das  in  den 
Gangspaltenraum  gerathene  Nebengestein  bei  seiner  Umbildung 
zu  Ganggestein  erleidet,  vertrat  er  die  allerdings  in  dieser  Fassung 
nicht  unangefochten  gebliebene  Anschauung,  der  schwarze  Ober- 
harzer Gangthonschiefer  sei  »nichts  Anderes,  als  zerriebenes  und 
»mit  Wasser  in  Schlamm  umgewandeltes  Nebengestein,  welches 
»unter  dem  Druck  des  im  Sinken  begriffenen  Hangenden  der 
»Gänge  sich  zu  schiefrig  abgesonderten  Massen  umbildete«. 

O O '75 

Wichtiger  erscheinen  uns  seine  umfassenden,  auf  nahezu  100  Einzel- 
beobachtungen gestützten  paragenetischen  Studien  über  Textur 
und  räumlich-zeitliche  Aufeinanderfolge  der  Gangmineralien.  Dar- 
nach unterschied  er  in  den  Clausthaler  Erzgängen  eine  nordöstliche 
Kalkspath-  und  eine  südwestliche  Schwerspath-Combination,  indem 
er  zeigte,  wie  bei  sonst  wesentlich  gleichbleibender  Erz-  und 
Mineralführung  die  beiden  genannten  Spathe  in  getrennter 
regionaler  Verbreitung  einander  nahezu  völlig  gegenseitig  aus- 
schliessen. 

Alle  diese  in  seiner  geologischen  Erstlingsarbeit  eingeschlagenen 
Richtungen  des  Forschern  finden  wir  nachmals  in  von  Groddeck’s 
späteren  Schriften  weiter  verfolgt.  Für  den  Fortschritt  seiner 
Untersuchungen  über  die  Zusammensetzung,  Gliederung  und  Lage- 
rung der  Formationen  des  Oberharzes  wurde  alsbald  seine  vom 
Herbst  1872  bis  zu  seinem  Tode  andauernde  Mitwirkung  an  der 
durch  die  geologische  Landesaufnahme  (seit  1873  Landesanstalt) 
zu  Berliu  in  Angriff  genommene  Kartirung  des  Harzes  (1  : 25000) 
maassgebend.  Unter  E.  Beyrich’s  bewährter  Leitung  hatten  diese 
Arbeiten  schon  1862  im  Flötzgebirge  des  mittleren  und  östlichen 
Südharzes  und  seiner  südlichen  Vorlande  begonnen  und  waren 


cxv 


1865  in  den  eigentlichen  Kern  des  Gebirges  vorgerückt.  Die 
beiden  folgenden  Jahre  brachten  wichtige  palaeontologische  Mit- 
theilnngeu  E.  Beyrich’s  aus  diesem  neuen  Aufnahmegebiete, 
darunter  die  wissenschaftliche  Grundlage  der  ein  Jahrzehnt  später 
durch  E.  Kayser  monographisch  bearbeiteten  Hercyn-Formation 
des  Unterharzes,  welche  von  F.  A.  Roemer  theils  dem  Silur, 
theils  dem  Devon  zugetlieilt  worden  war.  Ende  1867  konnte  der 
Verfasser  dieses  Nachrufs  bereits  den  ersten  Entwurf  zur  Gliede- 
rung der  Schichten  des  Unterharzes  und  die  Hauptgrundzüge 
ihres  Faltenbaues  unter  Angabe  der  Sattelaxe  und  der  drei  Haupt- 
mulden in  diesem  Antheil  des  Gebirges,  sowie  die  dreifache  Rolle 
der  Eruptivgesteine  im  Harz  als  sein  Ergebniss  aus  der  gemein- 
samen Aufnahme  veröffentlichen.  Damit  war  die  Culmformation, 
welcher  F.  A.  Roemer  ausgedehnte  Theile  des  Unterharzer  Grau- 
wackengebirges zugewiesen  hatte,  auf  den  nordwestlichen  An- 
theil des  Gebirges  zurückgedrängt;  die  HAUSMANN’sche  Schollen- 
theorie vom  Bau  des  Gebirges  war  definitiv  beseitigt,  die  Einheit 
des  Grundrisses  und  der  formgebende  Einfluss  des  Granits  auf 
den  Faltenbau  betont;  gleichwohl  erschien  nunmehr  der  wenig 
umfangreiche  Oberharz  durch  die  scharfe  Ausprägung  seiner  im 
Gegensatz  zum  Hercyn  normalen  unterdevonischen  Facies  und 
durch  das  einseitige  Vorhandensein  der  ihn  besonders  charak- 
terisirenden  Culmformation,  sowie  schliesslich  durch  seine  relativ 
geraden,  in  ihrer  Richtung  weniger  abgelenkten  Streichlinien  dem 
Unterharze  eher  entfremdet  als  näher  gerückt.  Die  Gegend  der 
im  Jahre  1870  als  erste  Lieferung  der  geologischen  Specialkarte 
von  Preussen  und  den  Thüringischen  Staaten  erschienenen  6 Harz- 
blätter Zorge,  Benneckenstein,  Hasselfelde,  Ellrich,  Nordhausen, 
Stolberg  lag  zu  fern  vom  Clausthaler  Plateau,  als  dass  die  zu- 
gehörigen Erläuterungen  bereits  die  Fühlung  mit  dessen  Sonder- 
stellung hätten  vermitteln  können. 

Dieser  Umstände  muss  man  sich  bewusst  bleiben,  will  man 
von  Groddeck’s  Mitwirkung:  an  der  geologischen  Erforschung 

o o o o 

des  Harzes  richtig  würdigen.  Ihm  war  es  nicht  beschieden,  einen 
so  umfassenden  Einfluss  auf  die  Entwickelung  der  geologischen 
Erkenntuiss  des  Gebirges  auszuüben,  wie  seinem  Vorgänger.  Klar 

li* 


CXVI 


erkannte  er,  dass  mit  dem  Beginn  der  Kartirung  im  Einzelnen 
der  Schwerpunkt  der  Untersuchungen  in  den  Unterharz  als  den 
weitaus  grösseren  und  am  mannichfaltigsten  zusammengesetzten 
Antheil  des  Gebirges  verlegt  war.  Das  geht  aus  der  Einleitung 
zu  seinen  Erläuterungen  zu  den  geognostischen  Durchschnitten 
durch  den  Oberharz  hervor,  in  welchen  er  offen  ausspricht,  der 
Faltenbau  des  Harzes  sei  zuerst  von  E.  Beyrich  und  Iv.  A.  Lossen 
aufgehellt  worden.  Somit  richtete  er  seinen  Forscherblick  nicht 
auf  das  Ganze,  sondern  auf  den  Theil  des  Gebirges,  der  ihm  nach 
seinem  Wohn-  und  Berufsort  naturgemäss  zufiel.  Hier  im  Ober- 
harzer Culm  und  Devon  — letzteres  z.  Th.  durch  A.  Halfar 
kartirt  — war  so  recht  seine  geologische  Heimath,  wozu  nicht 
wenig  beitrug,  dass  er  sich  als  Bergmann  hier  heimisch  fühlte. 
Froh  der  eigenen  Arbeit  und  stets  dankbar  gegen  die  Natur,  auch 
da,  wo  sie  nur  kärglich  sein  Bemühen  lohnte,  hat  er  seit  1872 
den  gi’össten  Theil  seiner  Ferienzeit  darauf  verwendet,  die  palaeo- 
zoischen  Formationen  zwischen  der  Kammlinie  des  Bruch-  und 
Ackerberges,  der  Ocker-Radau- W asserscheide  südlich  des  Granits, 
dem  Rammeisberg -Kahleberger  Sattel,  Hahnenklee  und  Langels- 
heim auf  den  Messtischblättern  Clausthal  (Seesen),  Osterode, 
Riefensbeek,  Harzburg,  Zellerfeld,  Hahausen  zu  kartiren. 

Ungenaues  Kartenmaterial  erleichterte  ihm  die  Arbeit  von 
Anfang  an  nicht  eben,  die  Herausgabe  der  neuen  metrischen 
Aufnahme  des  grossen  Generalstabs  half  späterhin  zwar  diesem 
Uebelstande  ab,  nöthigte  ihn  aber,  den  grössten  Theil  des  bereits 
untersuchten  Gebiets  wiederholt  zu  kartiren.  So  hat  er  leider 
den  Abschluss  und  die  Veröffentlichung  dieser  Specialkartenblätter 
nicht  erlebt.  Doch  ist  sein  Antheil  an  der  geologischen  Kartirung 
des  Gebirges  schon  einigermaassen  aus  der  von  dem  Verfasser  dieses 
Nachrufs  zusammengestellten  geognostischen  Uebersiclitskarte  des 
Harzes  (1  : 100000),  hinsichtlich  der  Gliederung  der  Oberharzer 
Culmschichten  aber  noch  vollständiger  aus  einer  1883  durch 
von  Groddeck  selbst  im  3.  Bande  des  Jahrbuchs  der  Kgl.  Preuss. 
geolog.  Landesanstalt  veröffentlichten  und  erläuterten  Karte  im 
gleichen  Maasstab  zu  ersehen.  Ebendaselbst  ist  auch  eine  Special- 
karte des  von  ihm  verfolgten  und  beschriebenen  Oberharzer  Ker- 


CXVII 


santit-Ganges  mitgetheilt.  Ein  Vergleich  dieser  Karten  mit  Pre- 
diger’s Karte  vom  nordwestlichen  Harzgebirge  mit  geognostischer 
Colorirung  von  F.  A.  Roemer  (1  : 50000)  ermöglicht  zum  wenigsten 
einen  alliremeinen  Uebei’blick  über  die  bedeutenden  Fortschritte, 
welche  wir  dem  Verstorbenen  verdanken.  Das  richtige  Maass 
für  denselben  gewinnt  man  aber  erst  aus  einer  Reihe  von  Ab- 
handlungen, welche  der  Verstorbene  in  dem  Jahrzehnt  von  Ende 
1872  bis  Anfang  1883  in  der  Zeitschrift  der  Deutschen  geologischen 
Gesellschaft  und  in  dem  genannten  Jahrbuche  veröffentlicht  hat. 

Zuerst  beschrieb  er  den  aus  devonischen  Schicht-  und  Eruptiv- 
gesteinen lagrenförmig  zusammengesetzten  Aufbau  des  Oberharzer 
Diabaszuges  zwischen  Osterode  und  Altenau,  den  F.  A.  Roemer 
als  einen  Lagergang  im  Culm  mit  emporgerissenen  Schollen  der 
Devonformation  gedeutet  hatte,  während  von  Groddeck  im  Fort- 
gang seiner  Untersuchungen  eine  zusammengepresste,  einseitig 
gegen  SO.  einfallende  Sattelfalte  mit  nordostwärts  einschiebender 
Axenlinie  darin  erkannt  hat.  Wohl  war  diese  Erkenntniss  noch 
eine  unvollkommene,  zu  wenig  im  Einzelnen  durchgearbeitete: 
ohne  die  zusätzliche  Annahme  von  Schichtenzerreissungen  und 
Wechselüberschiebungen  ist  von  Groddeck’s  profilarische  Dar- 
stellung: mit  dem  thatsächlich  Beobachteten  nicht  in  Einklang  zu 
bringen,  auch  Querbrüche  mit  Verwerfungen  fehlen  nicht  ganz 
in  dem  Sattelbau,  haben  aber  nicht  die  ihnen  übertriebener  Weise 
beigelegte  allgemeine  Bedeutung.  Solchen  Vernachlässigungen 
der  für  das  Verständniss  des  Ganzen  schliesslich  oft  nicht  un- 
wichtigen, aber  im  Beginn  der  Untersuchung  wenig  hervortreten- 
den  und  dann  wohl  von  Anderen  nachträglich  bemerkten  Neben- 
umstände begegnen  wir  bei  dem  Verstorbenen  mehrfach;  er  ver- 
schloss sich  Verbesserungen,  welche  er  als  solche  erkannt  hatte, 
nicht,  aber  von  vornherein  liebte  er  vor  Allem  eine  einfache  klare 
Darlegung  des  Hauptresultats,  das  er  in  ebenso  einfacher  Weise 
zum  Ausgangspunkt  erneuter  Forschung  nahm.  So  hat  ihn  das 
einmal  gewonnene  Verständniss  jener  in  dem  langgestreckten 
Diabaszuge  hervortretenden  Sattelaxe  alsbald  zu  dem  Nachweise 
geführt,  dass  die  südöstlich  derselben  im  Söse- Wassergebiet  bis 
gegen  den  Bruch-  und  Ackerberg  hin  anstehenden  Schichten  trotz 


CXVIII 


mancher  abweichenden  Faciesverhältnisse  und  trotz  ihrer  Armutli 
an  charakteristischen  Leitfossilien  gleichwohl  dieselbe  Culmformation 
darstellen,  welche  auf  der  Nord  Westseite  dieser  Axe  in  typischer  Weise 
das  Clausthaler  Plateau  zusammensetzt.  Daran  reihten  sich  dann 
Untersuchungen  über  den  Iberg,  sowie  namentlich  Studien  über 
die  Verbreitung  und  petrographische  Zusammensetzung  einzelner 
Formationsglieder  des  Culms:  so  die  Studie  über  die  Oberharzer 
Adinolschichten , jene  merkwürdigen,  vorzugsweise  aus  mikrokry- 
stallinischem  Quarz  und  Albit  zusammengesetzten  Culmsedimente, 
welche  in  besonders  auffälliger  Ausbildungsweise  von  Lerbach 
schon  seit  Lasius’  Zeiten  gekannt  waren,  nunmehr  aber  durch 
von  Groddeck  als  normale  Einlagerung  der  Culmkieselschiefer 
im  SO.  aus  der  Umgebung  von  Osterode  bis  über  Altenau  hin- 
aus und  im  NW.  in  der  Lautenthaler  Gegend  nachgewiesen  und 
auf  seine  Veranlassung  nebst  den  damit  zusammenvorkommenden 
Wetz-  und  Kieselschiefern  durch  Wunderlich  chemisch  und  mi- 
kroskopisch analysirt  wurden.  Eine  andere  Studie  betraf  die 
Charakteristik  und  Verbreitung  der  durch  Fr.  IIoffmann  von 
Altenau  her  beschriebenen  conglomeratischen  Grauwacke  mit  Gra- 
nit-, Porphyr-,  Quarz-  und  anderen  Geschieben,  worin  der  Ver- 
storbene wichtige  Leitschichten  eines  besonderen  Culmgrauwacken- 
Horizonts  erkannte,  den  er  später  als  Obere,  posidonomyenfreie 
Gründer  Grauwacke  von  der  Unteren,  posidonomyenhaltigen  Claus- 
thaler Grauwacke  geschieden  hat.  Beide  Grauwacken-Stufen  zu- 
sammen machen  F.  A.  Koemer’s  Culmgrauwacke  im  nordwest- 
lichen Oberharze  aus,  während  die  nächst  tiefere  Stufe  der  Posi- 
donomyenschiefer  nicht  alle  von  demselben  Autor  so  bezeiclmeten 
Schichten  umfasst:  eine  Anzahl  Vorkommen  zählt  nach  von  Grod- 
deck  vielmehr  zur  Clausthaler  Grauwacke;  umgekehrt  hat  der 
Letztere  zahlreiche  Sättel  echter  Posidonomyenschiefer  da  nach- 
gewiesen, wo  man  zu  F.  A.  Roemer’s  Zeiten  nur  Grauwacken 
kannte.  Die  Kieselschiefer,  Wetzschiefer  und  Adinolen,  örtlich 
auch  Culmkalke,  die  indessen  auch  den  Posidonomyenschiefern 
nicht  fehlen,  bilden  überall,  wo  sie  vorhanden  sind,  die  tiefste 
Culm-Stufe. 

Mit  diesen  Fortschritten  in  der  Erkenntniss  der  Einzelgliede- 
rung der  Culmformation,  die,  wie  zumeist  im  Harz,  viel  mehr  auf 


CXIX 


petrographischer  und  stratigraphischer,  als  auf  palaeontologischer 
Grundlage  ruhen,  wuchs  mehr  und  mehr  das  Yerständniss  des 
Faltenbaues  des  Oberharzes  und  des  Zusammenhanges  zwischen 
Falten  und  Spalten.  Den  Antheil  nordwestlich  des  Diabaszuges 
erkannte  der  Verstorbene  zvdetzt  als  einen  »grossen,  durch  nahezu 
querschlägige  Spaltenverwerfungen  nach  SW.  zu  terrassenförmig 
niedergesunkenen  Sattel,  welcher  einen  breiten,  flach  fallenden, 
nordwestlichen  und  einen  schmalen,  steil  fallenden,  südöstlichen 
Flügel  hat«.  Letzterer  ist  in  seinen  jüngsten  Schichten  durch 
das  von  E.  Beyrich  und  A.  IIalfar  als  Unterdevon  nachge- 
wiesene Schichtensystem  der  Wissenbacher  Schiefer  F.  A.  Roemer’s 
am  Liegenden  des  Diabaszuges  längs  einer  Wechselkluft  über- 
schoben. Im  Hangenden  dieses  Zuges  folgt  abermals  Culm  in 
eng  zusammengepressten,  steil  und  tief  gefalteten  Sätteln  und 
Mulden  mit  parallel  gegen  SO.  einfallenden  Flügeln  bis  gegen 
die  Nordwestabdachung  des  Bruch-  und  Ackerberges  hin,  die  trotz 
der  eifrigen  Bemühungen  von  Groddeck’s  in  dieser  einsamen, 
schwer  zu  begehenden  Gegend  noch  der  weiteren  Aufklärung  be- 
darf. Durchweg  zeigt  sich  eine  Abschwächung  der  Faltung  durch 
allmähliches  Verflachen  der  Sättel  und  Midden  in  der  Richtung  von 
SO.  gegen  NW.,  d.  h.  von  jener  mächtigen  Quarzitsandsteinkette 
und  dem  Brockengranit  her  gegen  das  Wassergebiet  der  Innerste. 

Aus  der  Gesetzmässigkeit  dieser  Faltungsweise  zog  dann 
von  Groddeck  den  Schluss,  den  er  zur  Grundlage  seiner  Theorie 
über  die  Entstehung  der  Oberharzer  Gangspalten  gemacht  hat: 
»dass  bei  der  Hebung  des  Gebirges  der  Bruchbergquarzit  und  der 
Brockengranit  sich  in  der  Richtung  von  SO.  nach  NW.  bewegten 
und  dabei  die  vor  ihnen  liegenden  Schichten  zusammenschoben«. 
Voraufgegangen  war  jener  Theorie  die  für  die  Weiterentwicklung 
der  Geognosie  des  Gebirges  wichtige  Entdeckung  der  »Kellwasser- 
spalte«,  des  nördlichen  Endes  der  späterhin  als  Oderspalte  bekannt 
gewordenen  Gang-  und  Verwerfungslinie.  Durch  den  Nachweis 
einer  Anzahl  auf  ein  und  derselben  Flucht  liegender  Seitenver- 
Schiebungen  der  Culm-  und  Devonbildungen  hatte  der  Verstorbene 
einen  bis  dahin  unbekannten  weithin  fortsetzenden  Gang  in  der 
Gegend  östlich  der  Ocker  bei  Altenau  aufgefunden.  Erwies  die 
Aufschürfung  denselben  auch  unbauwürdig,  so  blieb  doch  das 


cxx 


geologische  Interesse  daran  ungernindert.  Zumal  die  von  allen 
übrigen  bedeutenderen  Erzgängen  des  Oberharzes  auffällig  ab- 
weichende nordnordwestliche  Streichrichtung  und  das  ostwärts 
gekehrte  Einfallen  dieses  östlichsten  neuen  Ganges  traten  bemerk- 
bar hervor  und  verliehen  dem  Grundplane  des  ganzen  Spalten- 
netzes in  diesem  Gebirgsantlieil  ein  verändertes  Aussehen.  Der 
einseitig  dem  Oberharze  zugewandte  Blick  von  Groddeck’s  er- 
fasste diesen  Grundplan  nunmehr  dahin,  »dass  alle  Gänge  im 
grossen  Ganzen  strahlenförmig  vom  oberen  Keilwasserthal  aus- 
laufen«,  und  dass  sich  speciell  die  beiden  äusseren  Hauptstrahlen 
dieses  gegen  NW.  geöffneten  Strahlenfächers,  der  südlichste  und 
jener  östlichste,  an  der  Steilen  Wand  da  treffen,  »wo  Brucliberg- 
quarzit  und  Brockengranit  zusammenstossen«.  Darnach  leitete  er 
dann  den  Zerspaltungsvorgang  aus  seinem  oben  mitgetheilten 
Faltungsgesetze  so  ab,  dass  er  das  Ausstrahlen  der  Spalten  von 
jener  Stelle  aus  als  Folge  eines  ungleich  starken  Faltungsdruckes 
bezeichnete,  welchen  Quarzit  und  Granit  rechtwinklig  auf  die 
Streichlinie  der  in  der  Bewegungsrichtung  vor  ihnen  liegenden 
Schichten  gleichzeitig  oder  nacheinander  ausübten. 

Es  war  zum  erstenmal,  dass  von  Groddeck  den  Granit  in 
seine  geologischen  Untersuchungen  und  seine  darauf  begründeten 
Schlussfolgerungen  miteinbezog.  Das  Jahr  1876,  gegen  dessen 
Ende  er  diese  Spaltenbildungstheorie  aufstellte,  hatte  ihn  mehrfach 
mit  den  im  Unterharze  und  im  südöstlichen  Oberharze  kartiren- 
den  Geologen  zusammengeführt.  Im  Frühling  desselben  Jahres 
hatte  der  Verfasser  dieses  Nachrufs  in  kurzen  gedrängten  Worten 
seine  Grundanschauung  über  den  gekreuzten  Faltenbau  des  Gebirges 
und  die  damit  liarmonirende  Lage  und  Neigung  der  mit  ihren 
Hauptdurchmessern  rechtwinklig  auf  einander  gerichteten  Granit- 
stöcke veröffentlicht  und  bei  seinem  zweimaligen  Besuche  im  Ober- 
harz die  Ansicht  geäussert,  dass  das  einseitige  Andrängen  des 
Granits  in  der  hercynischen  Richtung  lediglich  gegen  die  nörd- 
liche Hälfte  des  niederländisch  gefalteten  Oberharzes  jene  Umge- 
staltung und  Spannung  im  Schichtenbaue  erzeugt  habe,  als  deren 
Ausgleichung  das  Gangspaltennetz  aufzufassen  sei.  Solche  Mit- 
theilungen mögen  nicht  ohne  Einfluss  auf  die  Theorie  des  Ver- 


CXXI 


storbenen  geblieben  sein,  der  eine  Anregung  aus  fachgenossen- 
schaftlichen Kreisen  stets  dankbar  anerkannte.  Sie  waren  indessen 
zu  unvermittelt  und  zu  lückenhaft  an  ihn  heraugetreten,  als  dass 
sie  ihn  veranlasst  hätten,  die  geologische  Rolle  des  Granits  im 
Harz,  dieses  einen  Factors  in  seiner  Theorie,  oder  gar  die  niemals 
von  ihm  bestimmt  anerkannte  Einwirkung  des  hercynischen  Systems 
auf  den  Oberharz  eingehender  zu  studiren.  So  entging  ihm  der 
bereits  im  darauffolgenden  Jahre  in  dem  Entwurf  zur  geognosti- 
schen  Uebersichtskarte  des  Harzgebirges  klar  zum  Ausdruck  ge- 
brachte Umstand,  dass  seine  Keilwasserspalte  an  der  Steilen  Wand 
vorüber  südwärts  ins  Oderthal  hinein  bis  zu  den  Andreasberger 
Ruschein  fortsetzt  und  auf  diesem  Wege  auch  den  südwestlichen 
Antheil  des  Brocken  - Granits  im  gleichen  Sinne  verwirft,  wie  die 
ganze  Schichtenreihe  von  der  Tanner  Grauwacke  bis  zur  Culm- 
Grauwacke  einschliesslich.  Die  Differenz  zwischen  von  Groddeck’s 
Auffassung  und  derjenigen  der  Unterharzer  Geologen  ist  aus  dein 
Aufsätze  »über  den  Zusammenhang  zwischen  Falten,  Spalten  und 
Eruptivgesteinen  im  Harz«,  der  die  Spalten  als  Torsionsspalten 
anspricht,  und  aus  E.  Kayser’s  Abhandlung  »über  das  Spalten- 
system am  SW. -Abfall  des  Brockenmassivs,  insbesondere  in  der 
Gegend  von  St.  Andreasberg«  leicht  ersichtlich,  nicht  minder  aber 
auch  die  grosse  Bedeutung,  welche  die  von  dem  Verstorbenen 
entdeckte  Spalte  für  die  Weiterentwickelung  der  Kenntniss  vom 
Bau  des  Harzes  erlangt  hat. 

Es  wäre  indessen  irrig,  wollte  man  aus  dieser  Meinungsver- 
schiedenheit den  Schluss  ziehen,  von  Groddeck  habe  sich  über- 
haupt den  Resultaten  gegenüber,  die  in  den  mittleren  und  öst- 
lichen Gegenden  des  Gebirges  gewonnen  wurden,  ablehnend  oder 
zurückhaltend  gezeigt.  Wenige  haben  so  freudig  diese  Resultate 
und  ihre  Zusammenfassung  in  der  Geognostischen  Uebersichts- 
karte des  Harzes  begrüsst,  wenige  dieser  Freude  öffentlich  einen 
so  warmen  anerkennenden  Ausdruck  verliehen,  als  gerade  er.  Da- 
von giebt  namentlich  die  1883  erschienene  2.  Auflage  seines  »Ab- 
riss der  Geognosie  des  Harzes«  Zeugniss.  Schon  12  Jahre  früher, 
in  der  ersten  Auflage  des  Buches,  das  ausser  seiner  Hauptaufgabe 
noch  die  eines  Führers  auf  Excursionen  durch  den  Nordwestharz 


CXXII 


erfüllt,  hatte  der  Verfasser  neben  der  älteren  Literatur  die  neueste 
aus  der  geologischen  Detailkartirung  hervorgegangene  sorgfältig 
zusammengestellt  und  benutzt.  In  der  zweiten  Ausgabe  tritt  dies 
sein  Bestreben  noch  weit  mehr  und  erfolgreicher  hervor;  darüber 
hinaus  hat  er  aber  die  ganze  Gliederung  des  geologischen  Stoffs 
in  Einklang  gebracht  mit  der  auf  der  Geognostlschen  Uebersichts- 
karte  des  Harzgebirges  durchgeführten  Eintheilung,  so  dass  der 
Abriss  in  der  That  der  Absicht  seines  Verfassers  gemäss  zugleich 
als  ein  aller  subjectiven  Auffassung  möglichst  entkleidetes  kurz- 
gefasstes Textbuch  zu  der  Karte  gelten  kann. 

Aufgabe  der  Zukunft  muss  es  sein,  nach  Abschluss  der  De- 
tailkartirung  diesem  einheitlichen  Bilde  der  geologischen  Gliede- 
rung  des  Harzes  ein  ebenso  kurz  und  klar  umrissenes  einheit- 
liches Bild  vom  Zusammenhänge  der  Falten,  Spalten  und  Eruptiv- 
gesteine des  Gebirges  zur  Seite  zu  stellen,  worin  auch  die  Ab- 
hängigkeit der  Füllmassen  der  Erzgänge  von  der  Stellung  dieser 
letzteren  in  verschiedener  Höhe  über  der  Steil-  oder  Flachseite 
der  Granitstöcke  zu  berücksichtigen  sein  wird. 

Mit  der  zuletzt  ausgesprochenen  Forderung  betreten  wir  jenes 
andere  Forschungsgebiet  von  Groddeck’s,  auf  das  sein  Wirkungs- 
kreis ihn  besonders  hinwies,  und  auf  dem  sein  schaffensfreudiger 
Geist  seine  eigenartigsten  und  tüchtigsten  Leistungen  hervor- 
gebracht hat:  die  Lehre  von  den  Erzlagerstätten.  Hier  ist  vor 

o o 

Allem  seines  — Ferdinand  Roemer  als  Zeichen  seiner  Dank- 
barkeit gewidmeten  — Lehrbuchs  zu  gedenken,  das  er  in  der 
arbeitsreichsten  Zeit  seines  Lebens  geschaffen  hat.  Seit  seiner 
Studienreise  hatte  er  dem  Gegenstände  das  lebhafteste  Interesse 
zugewandt,  die  einschlägige,  gar  sehr  zerstreute  Literatur  in  hohem 
Maass  sich  angeeignet  und  jede  Gelegenheit,  die  sich  darbot,  aus- 
genutzt, um  Lagerstätten  durch  den  Augenschein  kennen  zu  lernen. 
Was  ihm  dabei  abging  an  Breite  der  eigenen  Erfahrungsgrund- 
lage — grössere  Reisen  in  entferntere  Grubendistricte  hat  der 
Verstorbene  erst  nach  der  1879  erfolgten  Herausgabe  seines  Werks 
gemacht  — , das  ersetzte  er  durch  Vertiefung  in  die  geologische 
Natur  des  spröden  Lehrstoffs,  den  er  nach  der  ganzen  Fülle 
seiner  Eigenschaften  begrifflich  gründlicher  erfasst  und  in  knapper 
fasslicher  Ausdrucksweise  klarer  dargestellt  hat,  als  einer  seiner 


CXXIII 


Vorgänger.  An  die  Stelle  der  älteren,  vorzugsweise  auf  die 
äussere  Form  oder  die  mineralisch  - chemische  Zusammensetzung 
der  Lagerstätten  begründeten  Eintheilungsweise  führte  er,  fort- 
bauend  auf  K.  F.  Naumann’s  Grundlagen,  eine  naturgemässere 
Anordnung  ein,  die  nach  den  räumlichen,  structurellen  und  stoff- 
lichen Beziehungen  der  Lagerstätten  zu  den  sie  beherbergenden 
oder  tragenden  geologischen  Formationsgliedern  gebildet  ist  und 
genetisches  Gepräge  zeigt.  Innerhalb  dieser  systematischen  Ueber- 
siclit  unterschied  er  57  Lagerstätten-Typen  vorwiegend  nach  deren 
stofflichem  Inhalt  und  erläuterte  jede  dieser  thunlichst  natürlich 
abgegrenzten  Familien  durch  zahlreiche  um  den  leitenden  Typus 
gruppirte  Beispiele.  Ueberall  erkennt  man  das  Bestreben  des 
Verfassers,  den  Lehrstoff  vom  geologischen  Gesichtspunkte  aus 
dem  Verständniss  näher  zu  bringen.  In  der  möglichst  consequenten 
Anwendung  dieses  allein  richtigen  Princips  nicht  nur  auf  einzelne 
Fälle,  sondern  auf  das  Gesammtgebiet  der  Lagerstättenlehre  liegt 
der  epochemachende  Fortschritt  und  die  in  die  Zukunft  segens- 
reich fortwirkende  Kraft  dieses  Buchs,  das  nach  seines  Autors 
Willen  nur  der  klare  Ausdruck  des  zur  Zeit  Erkannten  als  sichere 
Grundlage  für  den  zielbewussten  Fortschritt  einer  in  der  Haupt- 
sache erst  noch  zu  begründenden  Wissenschaft  sein  sollte. 

In  diesem  Sinn  hat  der  Verstorbene  nicht  nur  sein  Lehrbuch 
ein  Jahr  nach  dessen  Erscheinen  zur  Grundlage  seines  Lehrvor- 
trags über  die  Erzlagerstätten  gemacht,  den  er  an  einer  umfang- 
reichen, wesentlich  durch  sein  Bemühen  erst  geschaffenen  Samm- 
lung von  Belegstücken  aus  allen  Weltgegenden  erläuterte,  sondern 
er  hat  auch  mit  der  ihn  auszeichnenden  Energie  selbst  eifrig  den 
Ausbau  seiner  Lieblingswissenschaft  betrieben,  die  fortan  ganz  im 
Vordergrund  seiner  schriftstellerischen  Thätigkeit  steht.  Schon  im 
darauffolgenden  Jahr  bot  ihm  die  Beschreibung  der  den  Gängen 
des  Oberharzes  ähnlichen  Lintorfer  Erzgänge  die  Gelegenheit,  den 
Begriff  der  Contactgänge  gegen  denjenigen  der  Verwerfungsgänge 
besser  abzugrenzen  und  den  Begriff“  der  Contactlagerstätten  über- 
haupt dem  geologischen  Sprachgebrauche  richtiger  anzupassen. 

Wichtiger  sind  seine  Studien  über  die  chemischen  und  mine- 
ralischen Umbildungsprocesse,  welche  sich  im  Nebengestein  und 
im  Ganggestein  zahlreicher  Erzlagerstätten  zu  erkennen  geben. 


CXXIV 


Neben  der  ihm  aus  seiner  Studienzeit  und  hüttenmännischen  Praxis 
her  geläufigen  quantitativen  chemischen  Analyse  benutzte  er  hier- 
bei mit  nicht  geringem  Erfolg  die  mikroskopische  Untersuchungs- 
methode, deren  Handhabung  er  sich,  unterstützt  dm'ch  den  Ordi- 
narius der  ihm  Freundnachbarlichen  Universität  Göttingen,  mitten 
im  Drange  seiner  maunichfaltigen  Arbeiten  in  schätzenswerthem 
Grade  zu  erringen  verstanden  hat.  Sericitschiefer , welche  der 
Verfasser  dieses  Nachrufs  längs  einiger  Gänge  bei  Stolberg  beob- 
achtet und  in  Beziehung  zu  der  Regionalmetamorphose  des  Süd- 
ostharzes  anfgefasst  hatte,  weckten  in  von  Groddeck  den  Ge- 
danken, die  seit  Bauer’ s mustergiltiger  Abhandlung  unter  dem 
Namen  »Weisses  Gebirge«  in  der  Gangliteratur  eingebürgerten 
Gesteine  aus  der  Umgebung  der  Holzappeler  und  Welmich-Wer- 
lauer  Lagergänge,  sowie  den  Mitterberger  »Lagerschiefer«  und 
den  »Weissen  Schiefer«  von  Agordo  und  ihre  Zusammensetzung 
zu  prüfen  und  mit  den  normalen  Gesteinen  aus  der  Nachbarschaft 
dieser  Erzreviere  zu  vergleichen.  Es  war  ein  glücklicher  Griff 
seines  durch  genetische  Fragen  stets  kräftig  angeregten  Geistes. 
Die  Resultate  der  stets  denkwürdigen  Untersuchung  dieser  Sericit- 
gesteine  haben  nicht  nur  die  Lagerstättenlehre,  die  Petrographie 
und  die  Lehre  vom  Metamorphismus  bereichert,  sie  eröffneten 
überdies  einen  neuen  Weg  der  Forschung,  den  der  Verstorbene 
fortan  um  so  eifriger  verfolgte,  als  er  in  der  Begleitung  der  Lager- 
stätten durch  sericitisches  Neben-  oder  Ganggestein  ein  charakte- 
ristisches Merkmal  der  Lagergänge  im  Gegensatz  zu  den  sedi- 
mentären Erzlagern  und  auch  zu  den  meisten  Quergängen  erkannt 
zu  haben  glaubte.  Seine  Untersuchungen  über  die  Grünen  Schiefer 
von  Mitterberg,  über  die  Gesteine  der  Bindt  in  Ober  - Ungarn, 
über  die  schwarzen  und  bunten  Gangthonschiefer  des  Oberharzes, 
über  Thon-  und  Sericitschiefer  im  Harz  gehören  in  den  Kreis 
dieser  Studien. 

Andere  seiner  mikroskopischen  und  chemischen  Analysen  der 
Ganggesteine  und  Erze  oder  des  zugehörigen  Nebengesteins  be- 
ziehen sich  auf  jene  eigenartig  unter  den  übrigen  Lagerstätten 
hervortretende  Gruppe,  die  sich  durch  die  Anwesenheit  Fluor- 
und  Bor  - haltiger  Silicate  auszeichnet : dahin  gehören  drei  lehr- 


cxxv 


reiche  Beiträge:  »Zur  Kenntniss  der  Zinnerzlagerstätte  des  Mount 
Bischof!’  in  Tasmanien«,  welche  Topasfelse  von  porpliyrischer 
Structur  und  beibrechend  zinusteinhaltige  dichte  Topas-  und  Tur- 
malinmassen u.  a.  beschreiben,  deren  geologische  Bedeutung  durch 
M.  Schröder’ s zwischenzeitlich  erfolgte  Darstellung  der  topasirten 
Quarzporphyre  und  Turmalinschiefer  aus  der  Topaszone  des 
Schneckensteins  in  und  vor  dem  Contacthof  des  Eibenstocker 
Granits  das  richtige  Licht  erhielt.  Dahin  zählt  ferner  ein  Auf- 
satz »über  Turmalin  enthaltende  Kupfererze  von  Tamaya  in  Chile«, 
dessen  Veröffentlichung  der  Verfasser  leider  nicht  mehr  erlebt  hat. 
Neben  einer  Fülle  interessanter  Untersuchungsergebnisse  über  dies 
bislang  in  seiner  Art  einzig  dastehende  Vorkommen  bringt  der- 
selbe eine  »Uebersicht  des  geologischen  Vorkommens  der  Bor- 
mineralien«,  die  ein  ebenso  beredtes  Zeugniss  für  die  umfassende 
Literaturkenntniss,  wie  für  den  mehr  und  mehr  geschärften  geo- 
logischen Blick  des  Verstorbenen  ablegt. 

Besondere  Erwähnung  verlangt  schliesslich  noch  von  Grod- 
deck’s  Abhandlung  »über  das  Vorkommen  von  Quecksilbererzen 
am  Avala  - Berge  bei  Belgrad«.  Der  hierin  vorzüglich  aus  der 
Mikrostructur  der  Gangmasse  erbrachte  Nachweis  der  Umbildung 
des  als  Nebengestein  anstehenden  Serpentins  zu  einem  eisen- 
schüssigen, picotit-,  chromit-  und  milleritführenden , mit  feinzer- 
theiltem  Chromglimmer  untermengten,  braun spathhaltigen  oder 
eisenschüssigen  Quarzgestein,  in  welchem  Zinnober  nebst  Calomel, 
Quecksilber  und  Schwefelkies  zumal  auf  schwerspathhaltigen 
Quarztrümern  einbrechen,  ist  als  einer  der  glücklichsten  Erfolge 
seiner  Anwendung  der  neueren  petrographischen  Untersuchungs- 
methoden auf  die  Ganggesteine  zu  verzeichnen. 

Die  Aneignung  dieser  Methoden,  welcher  wir  auch  die  ein- 
gehendere Untersuchung  des  von  ihm  in  seiner  ganzen  Ausdehnung 
verfolgten  Oberharzer  Kersantitganges  verdanken,  hatte  sein  Urtheil 
über  Erzlagerstätten  binnen  wenigen  Jahren  gewaltig  gefördert. 
So  hoch  er  aber  auch  das  Mikroskop  schätzen  gelernt  hatte,  ver- 
gass  er  doch  nie,  dass  jede  geologische  Untersuchung  wenn  mög- 
lich am  geologischen  Körper,  wie  er  in  der  Erdfeste  ansteht,  zu 
beginnen  habe.  Die  Gänge  von  Holzappel  und  Lintorf  im  Rhein- 


CXXVI 


land,  die  Lagerstätten  der  Bindt  in  Obernngarn,  von  Mitterberg 
in  den  Salzburgischen  Alpen,  die  serbischen  Quecksilbererzvor- 
kommen  n.  a.,  welche  er  beschrieb,  hatte  er  zuvor  an  Ort  und 
Stelle  besucht. 

Solche  geologischen  Reisen,  unter  welchen  besonders  die  im 
Jahre  1884  durch  einen  grossen  Tlieil  der  österreichisch -ungari- 
schen Monarchie  bis  nach  Serbien  unternommene,  weitere  Ausdeh- 
dehnung  besass,  erquickten  den  Menschen  nicht  minder,  als  den 
Fachmann.  Frisch  gestärkt  und  reich  beladen  mit  Ausbeute 
kehrte  er  dann  in  das  stille  Revier  der  Oberharzer  Bergstädte 
heim,  um  auf’s  Neue  seinem  Lehrberufe  und  der  reinen  Freude 
des  Forschens  obzuliegen. 

Er  war  ein  unermüdlicher  Arbeiter;  als  er  im  letzten  Winter 
durch  Kränklichkeit  mehrfach  schon  an’s  Flaus  gefesselt  war,  ist 
das  seiner  wissenschaftlichen  Thätigkeit  nur  zu  gute  gekommen. 
Es  war  ersichtlich,  dass  er  in  der  Fortbildung  der  Lagerstätten- 
lehre seinen  besonderen  Beruf  ergriffen  hatte.  Getragen  von  der 
festen  Ueberzeugung,  dass  das  wachsende  Verständniss  der  geolo- 
gischen Natur  der  Erzlagerstätten,  wenn  auch  nicht  alsobald,  so 
doch  mit  der  Zeit  dahin  führen  werde,  die  Gesetzmässigkeit  ihrer 
Verbreitung  zu  enthüllen,  schöpfte  er  aus  dieser  Ueberzeugung, 
aus  dem  Durst  nach  Wahrheit,  der  mit  jedem  Einzelresultat 
wuchs,  die  Kraft  zur  rastlosen  Arbeit.  Es  war  sein  regster 
Wunsch,  dein  er  stets  wieder  auf’s  Neue  Ausdruck  verlieh,  »dass 
monographische  Arbeiten  erscheinen,  die  sich  nicht  allein  auf  ein- 
zelne Erzlagerstätten  erstrecken,  sondern  auf  Typen  derselben,  damit 
die  charakteristischen  Eigenschaften  derselben  klarer  hervortreten«. 
Wie  wacker  er  selbst  darin  mit  gutem  Beispiel  vorangegangen 
ist,  erhellt  aus  den  Mittheilungen  über  seine  literarische  Thätigkeit. 

In  dem  Streben,  von  der  naturgetreuen  Darstellung  der  Einzel- 
vorkommen zu  allgemeineren  Gesichtspunkten  und  schliesslich  zur 
Erkenntniss  der  Bildungsweise  der  Erzlagerstätten  vorzudringen, 
scheute  er  den  Weg  der  Hypothese  nicht.  Ja  in  seinem  Aufsatze 
über  Lagergänge,  welcher  diese  letzteren  wegen  ihrer  »Niveau- 
beständigkeit innerhalb  der  Zonen  regionalmetamorphischer  Schich- 
ten« wenigstens  in  den  meisten  Fällen  als  »Umwandlungspro- 
ducte  von  Erzlagern  (Metamorphisclie  Erzlager)«  aufzufassen  ver- 


CXXVII 


sucht,  hat  er  den  hypothetischen  Weg  manchem  Fachgenossen 
vielleicht  zu  kühn  beschritten.  Er  schied  aber  stets  sehr  ge- 
wissenhaft das  durch  die  geognostische  Beobachtung  und  die 
daran  geknüpfte  Untersuchung  Festgestellte  von  der  daraus  ent- 
wickelten theoretischen  Speculation  und  hat  in  diesem  besonders 
hervorgehobenen  Falle  ausdrücklich  erklärt:  »Die  Hypothese  soll 
einzig  und  allein  zu  neuen  Untersuchungen  anregen,  sie  soll  nur 
als  neuer  Gesichtspunkt  gelten , von  dem  aus  die  Lagergänge 
betrachtet  und  studirt  werden  können.  — Da  es  dem  Einzelnen 
nicht  möglich  ist,  solche  Studien  durchzuführen,  scheint  es  mir 
gerechtfertigt,  einem  solchen  Gesichtspunkt  öffentlich  Ausdruck  zu 
geben,  damit  derselbe  einer  möglichst  vielseitigen  Prüfung  unter- 
zogen wird.« 

Die  von  F.  v.  Sandberger  zum  Beweis  der  Lateralsecretions- 
theorie  unternommenen  analytischen  Arbeiten  fanden  bei  von  Grod- 
deck,  der  seinem  ganzen  Studiengang  nach  der  chemischen  Unter- 
suchungsmethode stets  sehr  zugethan  war,  von  vornherein  eine 
warme  Aufnahme.  Sein  Lehrbuch  spricht  das  unverhohlen  aus, 
noch  unverhohlener  aber,  dass  der  Verfasser  keiner  der  Gangaus- 
füllungstheorien eine  ausschliessliche  Giltigkeit  zuerkannte,  viel- 
mehr eine  jede  innerhalb  ihrer  geologisch  nachweisbaren  Wirkungs- 
weise zu  schätzen  wusste.  Ausdrücklich  sei  hervorgehoben,  dass 
er  die  vielfach  kurzsichtigerweise  verworfene  Congenerationstlieorie 
für  Contractionsspalten  (Primärtrümer)  anerkannt  hat.  Je  mehr  er 
sich  in  das  geologische  Einzelstudium  der  Lagerstätten  vertiefte,  um 
so  vorsichtiger  wurde  er  in  seinen  genetischen  Schlussfolgerungen. 
Um  so  bedeutungsvoller  erscheint  es,  dass  er  die  Haupterzgänge 
des  Harzes  offen  als  Ascensionsgänge  angesprochen  hat. 

Nach  dem  Wortlaute  eines  vom  28.  April  1887  datirten,  zur 
Veröffentlichung  in  der  Zeitschrift  der  Deutschen  geologischen 
Gesellschaft  bestimmten  Briefes  an  den  Verfasser  dieses  Nachrufs 
ist  er  »in  der  letzten  Zeit  bei  seinen  Studien  über  Erzlagerstätten 
mehrmals  auf  Verhältnisse  gestossen«,  welche  sich  dessen  »Beob- 
achtungen über  die  Abhängigkeit  der  Ausfüllungsmassen  der 
Harzer  Erzgänge  von  der  Lage  der  Spalten  zu  den  Granitstöcken 
und  ihren  Contacthöfen  anschliessen«.  Dafür  giebt  der  Brief 


CXXYIII 


Beispiele  aus  verschiedenen  Weltgegenden  und  geologischen  For- 
mationen an,  darunter  vor  Allem  die  Clausthaler  Gänge.  Ihre 
bereits  in  von  Groddeck  s Inauguraldissertation  topographisch  in 
eine  nordöstliche  Kalkspath-  und  eine  südwestliche  Scliwerspath- 
Combination  geschiedene  Füllmasse  wird  nunmehr  im  Rahmen 
der  auf  jener  Beobachtung  beruhenden  Eintlieilung  der  vier  Harzer 
Gangformationen  als  gesetzmässig  vertheilt  nach  der  erkannten 
inneren  Structur  des  Oberharzes  betrachtet:  »Die  Kalkspatli-Com- 
bination  entspricht  einer  tieferen,  die  Schwerspath - Combination 
einer  höheren  Lage  über  der  Granitoberfläche«.  Ueberhaupt 
scheint  es  auch  ihm  in  hohem  Grade  wahrscheinlich,  »dass  Gang- 
füllungen, welchen  man  ein  jugendliches  Alter  zuschreibt,  höheren, 
solche,  welche  als  älter  bezeichnet  werden,  tieferen  Tiefenzonen 
angehören«.  Der  Brief  schliesst  mit  den  Worten:  »Das  Dunkel, 
welches  uns  die  wahre  Natur  der  Gänge  noch  immer  verhüllt, 
wird  sich  mehr  und  mehr  lichten,  wenn  sie  im  Zusammenhang  mit 
dem  geognostischen  Bau  der  Gegenden,  in  denen  sie  auftreten, 
betrachtet  werden  können.« 

Leider  sollten  diese  Schlussworte  zugleich  auch  die  letzten 
seiner  reichen  und  für  die  Zukunft  noch  viel  mehr  verheissenden 
Autorthätigkeit  sein!  Ihm  blieb  es  versagt,  in  einer  zweiten  Aus- 
gabe seines  Lehrbuchs  der  Erzlagerstätten,  welche  er  sorglich 
vorbereitete,  den  durch  die  eigene  Arbeit  und  durch  die  von  ihr 
ausgehende  Anregung  nicht  am  wenigsten  bewirkten  Fortschritt 
der  Erkenntniss  auf’s  Neue  übersichtlich  darzustellen.  Doppelt 
schwer  wird  das  empfunden  auf  einem  solchen  speciellen  Arbeits- 
felde der  Geologie,  welches  nur  Wenige  unter  den  Fachgenossen 
in  gleichem  oder  annäherndem  Maasse  beherrschten,  wie  der  Ver- 
storbene. Doch  dürfen  wir  fest  vertrauen,  seine  tief  in  der  geo- 
logischen Natur  der  Erzlagerstätten  begründete  Forschungs-  und 
Lehrmethode  werde  stets  ihren  Platz  in  der  Geologie  und  im 
Bergfach  behaupten,  fortvererbt,  geläutert  und  vervollkommnet 
durch  seine  Fachgenossen  und  insbesondere  durch  seine  Freunde 
und  Schüler. 

In  seiner  Stellung  als  Director  der  Bergakademie  zu  Claus- 
thal und  der  damit  vereinigten  Bergschule  bewährte  VON  Groddeck 

o o 


CXXIX 


in  vollem  Maass  jene  Pflichttreue,  die  ihn  überhaupt  auszeichnete, 
und  die  ihm  im  Verein  mit  vielen  anderen  guten  Eigenschaften 
die  hohe  Achtung  seiner  Vorgesetzten  und  Collegen  gewährleistete. 
Zwar  waren  ihm  die  eigentlichen  Verwaltungsgeschäfte,  weil  sie 
seine  Zeit  zu  wissenschaftlichen  Arbeiten  beschränkten , wenig 
sympathisch,  aber  er  hat  stets  nach  bestem  Wissen  und  Können 
Alles,  was  den  guten  Ruf  der  ihm  unterstellten  Anstalten  zu  er- 
halten oder  zu  heben  im  Stande  war,  redlich  gethan.  Wie  er  zu 
dem  Zweck  die  Lehrpflicht  bis  zur  Ueberbürdung  seiner  Kräfte 
auf  sich  genommen  und  den  Lehrplan  sowie  die  Sammlungen  er- 
weitert hat,  wurde  bereits  angegeben,  im  Vordergrund  steht  jedoch 
die  Anziehungskraft,  welche  er  als  akademischer  Lehrer  aus- 
geübt hat. 

Diese  ging  nicht  allein  von  seinen  Schriften  und  den  durch 
sie  begründeten  Ruf  als  Gelehrter,  sondern  ganz  besonders  von 
seiner  Persönlichkeit  aus.  Wirkten  die  Erfahrenheit  seines  Urtheils 
und  die  Klarheit  seines  Vortrags  überzeugend,  so  verstand  er  es 
überdies  vortrefflich,  in  seinen  Zuhörern  jenes  warme  Interesse 
an  der  Wissenschaft  zu  wecken  und  zu  erhalten,  das  ihn  in  so 
hohem  Maasse  beseelte.  Begabte  und  strebsame  Schüler  schob  er 
förmlich  voran  auf  der  Bahn  des  Studiums,  aber  auch  weniger 
fähige  hat  er  stets  nach  Möglichkeit  im  Leimen  unterstützt.  Voll- 
auf kam  seine  Liebenswürdigkeit  im  Verkehr  mit  der  akademischen 
Jugend  auf  den  alljährlich  unter  seiner  Leitung  unternommenen 
geologischen  Excursionen  zum  Ausdruck.  Nicht  dass  er  dieselben 
eben  zu  Vergnügungsfahrten  im  geläufigen  Sinne  des  Worts  ge- 
macht hätte,  wer  mit  ihm  auszog,  hatte  vielmehr  Noth,  es  ihm  an 
Marschtüchtigkeit  und  Ausdauer  in  Erfüllung  der  wissenschaft- 
lichen Aufgabe  gleich  zu  tlnin;  war  dann  aber  nach  des  Tages 
Last  und  Hitze  Schicht  gemacht,  dann  legte  er  den  Lehrer  und 
Vorgesetzten  ab  und  wetteiferte  in  jugendlicher  Frische  und  herz- 
licher Fröhlichkeit  mit  den  Studenten.  Es  war  sein  Stolz,  der 
Jugeud  nahe  zu  stehen,  und  diese  lohnte  ihm  mit  Anhänglichkeit 
und  Dankbarkeit;  noch  auf  seinem  letzten  Schmerzenslager  hat  er 
sich  kindlich  gefreut,  als  einer  seiner  Zuhörer  in  einem  schrift- 
lichen Abschiedswort  ihn  als  »Freund  der  Jugend«  bezeichnete: 


Jahrbuch  1887. 


1 


cxxx 


ein  schlichtes  Wort  und  doch  der  bestverdiente  schönste  Ehren- 
titel aus  des  Schülers  Mund!  — 

Der  tiefere  Grund  dieses  liebenswürdigen  Verhältnisses 
zwischen  Lehrer  und  Schüler  war  in  von  Groddeck’s  harmo- 
nischer Charaktergrundlage  gegeben.  Er  vereinigte  in  sich  den 
Wissensdurst,  den  Arbeitsdrang  und  die  Anspruchslosigkeit  des 
echten  Gelehrten  mit  der  frischen,  kernigen,  schaffensfreudigen 
Natur  des  Bergmannes.  Kalter  wissenschaftlicher  Egoismus, 
schwächliche  Autoreitelkeit  oder  trockene  Stubengelehrsamkeit 
blieben  ihm  daher  gleich  fremd.  Gar  wohl  kleideten  ihn  sein 
offenes  männliches  Wesen  und  jenes  berechtigte  Maass  von  Selbst- 
bewusstsein, das  der  Mann  aus  der  Tüchtigkeit  gewinnt,  mit  der 
er  seine  Stelle  ausfüllt.  Selbstüberhebung  lag  ihm  fern.  Auch 
in  der  wissenschaftlichen  Fehde  strebte  er  aufrichtig  nach  Milde 
des  Urtheils,  unbeschadet  einer  wohlangebrachten  Festigkeit  des- 
selben. Dem  entsprach  der  schöne  Zug  freudiger  Dankbarkeit, 
mit  der  er  alles  Gute  entgegennahm , das  Gott  ihm  gewährt  hat. 
Dieser  Zu  er  der  Herzensheiterkeit  hat  ihn  sein  ganzes  Leben  lang 
begleitet  und  ihn  auch  nicht  in  seinem  schweren  Leiden  verlassen, 
das  er  in  grosser  Geduld  bis  an’s  Ende  ertrug.  Auch  auf  den 
wissenschaftlichen  Verkehr,  welchen  der  Entschlafene  in  reichem 
Maasse  pflegte,  warf  er  seinen  freundlichen  Schein,  denn  wie  der- 
selbe sich  selber  hellleuchtenden  Auges  in  kindlicher  Dankbarkeit 
des  gewonnenen  Resultats  erfreute,  so  war  es  ihm  auch  Bedürfniss, 
Anderen  davon  mitzutheilen,  und  nicht  minder  dankbar  erwies  er 
sich  dann  gegen  die  Anregung,  welche  er  im  collegialischen  Aus- 
tausch von  den  Fachgenossen  empfing.  — 

So  ist  von  Groddeck  Vielen  ein  wohlmeinender  fördernder 
Lehrer  und  Berather  gewesen,  Viele  hat  er  im  wissenschaftlichen 
oder  persönlichen  Umgänge  durch  seine  Tüchtigkeit  und  Liebens- 
würdigkeit angeregt  und  angezogen,  Allen  aber,  welche,  gleich 
dem  Schreiber  dieser  Zeilen,  das  Glück  hatten,  ihm  näher  zu 
treten,  war  er  ein  treuer,  zuverlässiger  Fi’eund!  — Sein  Andenken 
bleibt  ein  gesegnetes,  sein  Name  stets  geehrt  vom  Bergmann  und 
Geologen!  Er  ruhe  in  Frieden! 

Berlin,  December  1887. 


K.  A.  Lossen. 


CXXXI 


Verzeichniss  der  Schriften  von  Groddeck’s. 

1.  Die  Mansfelder  Hüttenprocesse  in  ihrer  Abweichung  von  den  Ober-  und 
Unterharzer  Kupfer-  und  Silbergewinnungsarbeiten.  (Berg-  und  hütten- 
männische Zeitung.  1864  u.  1865,  Jahrg.  XXIII  u.  XXIV.) 

2.  Ueber  die  Bestimmung  von  Sohlenabständen  beim  Bergbau , mit  specieller 
Berücksichtigung  der  Harzer  Verhältnisse.  (Ibidem  1865,  Jahrg.  XXIV.) 

3.  Ueber  das  Zusammenvorkommen  der  wichtigsten  Mineralien  in  den  Ober- 
harzer Gängen  westlich  vom  Bruchberge  und  die  von  Herrn  Cornu  be- 
merkten Beziehungen  ihrer  Aequivalentgewichte.  (Ibidem  1866,  Jahrg.  XXV.) 

4.  Uebersicht  über  die  technischen  Verhältnisse  des  Blei-  und  Silberbergbaues 
auf  dem  nordwestlichen  Oberharz.  (Zeitschr.  f.  Berg-,  Hütten-  u.  Salinen- 
wesen im  preussischen  Staate.  1866,  Bd.  XIV.) 

5.  Ueber  die  Erzgänge  des  nordwestlichen  Oberharzes.  (Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geol.  Ges.  1866.) 

6.  Ueber  ein  neues  Vorkommen  von  sogenanntem  Silbersand  zu  Andreasberg. 
(Neues  Jahrb.  f.  Mineralogie  etc.  1869.) 

7.  Ueber  die  schwarzen  Oberharzer  Gangthonschiefer.  (Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geol.  Ges.  1869.) 

8.  Auffindung  von  Knochen  diluvialer  Thiere  am  Harze.  (Neues  Jahrb.  f.  Mine- 
ralogie etc.  1870.) 

9.  Abriss  der  Geognosie  des  Harzes.  Clausthal.  Verlag  von  Grosse.  1871. 

10.  Mittheilungen  aus  der  Region  des  Oberharzer  Diabaszuges  zwischen  Osterode 
und  Altenau.  (Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1872.) 

11.  Erläuterungen  zu  den  »Geognostischen  Durchschnitten  durch  den  Oberharz«. 
Mit  2 Tafeln.  (Zeitschr.  f.  Berg-,  Hütten-  u.  Salinen  wesen  im  preussischen 
Staate.  1873,  Bd.  21.) 

12.  Ueber  die  Lagerungsverhältnisse  des  Oberharzer  Diabaszuges  und  das  Auf- 
treten von  Posidonomyenschiefern  des  Culm  südöstlich  von  demselben. 
(Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1876.) 

13.  Beiträge  zur  Geognosie  des  Oberharzes.  (Ibidem  1877.) 

14.  Ueber  das  Vorkommen  von  Gold-,  Kupfer-  und  Bleierzen  in  der  Provinz 
Rio  Grande  do  Sul  in  Brasilien.  (Berg-  u.  hüttenmännische  Zeitung.  1877.) 

15.  Die  Lagerungsverhältnisse  am  Iberg  und  Winterberg  bei  Grund  etc.  (Zeitschr. 
d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1878.) 

16.  Die  Lehre  von  den  Lagerstätten  der  Erze.  Leipzig  1879. 

17.  Ueber  Grauwacken-  und  Posidonomyenschichten  des  Oberharzer  Culm. 
(Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1880.) 

18.  Ueber  die  Erzgänge  bei  Lintorf.  (Zeitschr.  f.  Berg-,  Hütten-  und  Salinen- 
wesen im  preussischen  Staate.  1881,  Bd.  29.) 

19.  Zur  Kenntniss  einiger  Sericitgesteine , welche  neben  und  in  Erzlagerstätten 
auftreten.  (Neues  Jahrb.  f.  Mineralogie  etc.  1882,  Beil.-Bd.  II.) 

20.  Zur  Kenntniss  des  Oberharzes.  (Dieses  Jahrb.  1882.) 

21.  Der  Kersantitgang  des  Oberharzes.  (Dieses  Jahrb.  1883.) 

22.  Zur  Kenntniss  der  grünen  Gesteine  (Grünen  Schiefer)  von  Mitterberg  im 
Salzburgischen  (Jahrb.  d.  K.  K.  geol.  Reichsanstalt  1883,  Bd.  33,  Heft  3). 


CXXXII 


23.  Abriss  der  Geognosie  des  Harzes.  2.  Aufl.  1883. 

24.  Zur  Kenntniss  der  Zinnerzlagerstätte  des  Mount  Bischof!  in  Tasmanien. 
(Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1884.) 

25.  Ueber  das  Vorkommen  von  Quecksilbererzen  am  Avala-Berge  bei  Belgrad  in 
Serbien.  (Zeitschr.  f.  Berg-,  Hütten-  u.  Salinenwesen  im  preussischen  Staate. 
XXXIII.  1885. 

26.  Die  geologische  Geschichte  des  Harzgebirges.  (Humboldt  1885.  Bd.  III, 
Heft  5.) 

27.  Bemerkungen  zur  Classification  der  Erzlagerstätten.  (Berg-  und  hütten- 
männische Zeitung  1885,  No.  22  u.  23.) 

28.  Ueber  Lagergänge.  (Ibidem  1885,  No.  28  u.  29.) 

29.  Ueber  die  Gesteine  der  Bindt  in  Ober-Ungarn.  (Jahrb.  d.  K.  K.  geolog. 
Reichsanst.  1885,  S.  663.) 

30.  Studien  über  Thonschiefer,  Gangthonschiefer  und  Sericitschiefer.  (Dieses 
Jahrbuch  1885  u.  1886.) 

31.  Zur  Kenntniss  der  Zinnerzlagerstätte  des  Mount  Bischof!  in  Tasmanien. 
(Forts,  von  S.  652  des  Jahrg.  1884  der  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1886, 
S.  370.) 

32.  Dritter  Beitrag  zur  Kenntniss  der  Zinnerzlagerstätte  des  Mount  Bischof!  in 
Tasmanien.  (Ibidem  1887.) 

33.  Ueber  die  Abhängigkeit  der  Mineralfüllungen  der  Gänge  von  der  Lage  der- 
selben. (Brief  vom  28.  April  1887  abgedruckt  in  der  Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geol.  Ges.  1887.) 

34.  Ueber  Turmalin  enthaltende  Kupfererze  von  Tamaya  in  Chile  nebst  einer 
Uebersicht  des  geologischen  Vorkommens  der  Bormineralien.  (Zeitschr.  d. 
Deutsch,  geol.  Ges.  1887.) 


II. 

Abhandlungen 

von 


Mitarbeitern 

der  Königlichen  geologischen  Landesanstalt. 


Untersuchungen  über  die  Gliederung  des  unteren 
Muschelkalks  in  einem  T heile  von  Thüringen  und 
Hessen  und  über  die  Natur  der  Oolitlikörner  in 
diesen  Gebirgsschicliten. 

Von  Herrn  W.  Frantzen  in  Meiningen. 

(Hierzu  Tafel  I — III.) 


Im  Jahrbuch  der  Königl.  preuss.  geologischen  Landesanstalt 
für  das  Jahr  1885  ist  eine  Abhandlung  des  Herrn  J.  Cr.  Bornemann 
in  Eisenach  ])  veröffentlicht  worden,  welche  sich  mit  dem  in  der 
Ueberschrift  bezeichneten  Gegenstände  beschäftigt.  Die  Resultate, 
zu  welchen  derselbe  bei  seinen  Untersuchungen  gelangt,  stimmen 
in  vielen  Punkten  mit  den  Ansichten  anderer  Geologen  nicht 
überein,  und  sind,  soweit  dies  der  Fall  ist,  unzutreffend. 

Wenn  ich  mich  entschliesse,  dies  hier  näher  nachzuweisen, 
so  werde  ich  dazu  durch  zweierlei  Umstände  veranlasst. 

Erstens  hat  sich  Herr  Bornemann  bewogen  gefunden,  neben 
mehreren  anderen  Geologen,  wie  E.  E.  Schmid  und  Eck,  in  der 
bezeichneten  Abhandlung  besonders  mich  in  heftiger  Weise  an- 
zugreifen. So  erklärt  er  Seite  320  a.  a.  0.  in  Bezug  auf  meine 


*)  J.  G.  Bornemann,  Beiträge  zur  Kenntniss  des  Muschelkalks  etc.  in  Thü- 
ringen, Jahrbuch  der  Königl.  preuss.  geolog.  Landesanstalt  für  1885,  S.  267. 


Jahrbuch  1887. 


1 


2 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Ansicht  über  die  Identität  der  Oolithbänke  a und  ß im  Wellen- 
kalk  bei  Meiningen  mit  den  beiden  untersten  Schaumkalkbänken 
a und  ß in  Thüringen  und  Hessen,  »dass  er  derartige  Behauptungen 
nur  als  willkürliche  Annahme  ansehen  könne,  denen  die  wissen- 
schaftliche Begründung  fehle.«  Diese  durch  mich  in  keiner 
Weise  provocirten  Angriffe  erfordern  eine  Abwehr,  da  es  sonst 
scheinen  könnte,  als  ob  ich  solche  Vorwürfe  stillschweigend  als 
begründet  anerkannte. 

Ein  anderer  Anlass  zur  Veröffentlichung  dieser  Arbeit  liegt 
in  dem  Umstande,  dass  ich  bereits  vor  mehreren  Jahren  in  Folge 
des  Widerspruchs  des  Herrn  J.  G.  Bornemann  gegen  die  An- 
wendbarkeit der  üblichen  Gliederung  des  unteren  Muschelkalks 
auf  die  Sectionen  bei  Eisenach,  namentlich  auf  die  Section  Berka, 
seitens  der  Direction  der  Kgl.  preuss.  geologischen  Landesanstalt 
beauftragt  worden  bin,  die  »Gliederung  des  unteren  Muschelkalks 
innerhalb  eines  Theiles  der  Section  Berka  in  ihrer  Beziehung  zu 
der  Entwickelung  im  Meiningen’sclien  zu  untersuchen.«  Nachdem 
Herr  Bornemann  seinen  Standpunkt  in  dieser  Streitfrage  öffentlich 
dargelegt  hat,  wird  mir  durch  jenen  Auftrag  die  Verpflichtung 
auferlegt,  die  Resultate  meiner  Untersuchungen  in  jenen  Sectionen 
ebenfalls  zu  veröffentlichen. 

Ich  werde  mich  jedoch  bei  diesen  Erörterungen  nicht  auf 
den  engen  Raum  der  Eisenacher  Gegend  beschränken,  sondern 
stelle  mir  die  weitere  Aufgabe,  zu  zeigen,  dass  in  einem  grossen 
Umkreise  rings  um  den  Thüringer  Wald  bis  weit  in  Hessen  die 
Entwickelung  des  unteren  Muschelkalks  eine  fast  ganz  gleich- 
mässige  ist. 


V orbem  erklingen. 

Ehe  ich  auf  das  Thema  selbst  eingehe,  scheint  es  mir  zur 
Vermeidung  von  Missverständnissen  wünschenswerth,  einige  Be- 
zeichnungen, welche  dazu  Veranlassung  geben  könnten,  näher  zu 
definiren. 

Zur  Gliederung  des  Wellenkalks  hat  man  in  Mitteldeutschland 
bekanntlich  oolithische  und  schaumige  Schichten  benützt,  und  nach 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


3 


ihrem  Fehlen  oder  Vorhandensein  zwei  Hauptabtheilungen  im 
Wellenkalk  unterschieden,  den  unteren  Wellenkalk  ohne  solche 
Bänke,  den  oberen  mit  Schaumkalkbänken  und  den  letzteren  nach 
dem  Auftreten  solcher  Bänke  in  mehrere  Unterabtheilungen  zerlegt. 

Es  fragt  sich  nun,  was  man  unter  einer  Oolithbank  und  einer 
Schaumkalkbank  zu  verstehen  hat. 

Herr  Bornemann  hat  der  Beantwortung  dieser  Frage  in 
seiner  Abhandlung  einen  besonderen  Abschnitt  gewidmet  und  be- 
zeichnet als  Oolithe  solche  kugelige  Kalkbildungen,  welche  eine 
concentrisch-schalige  und  eine  radialfaserige  Structur,  oder  eines 
von  beiden  zeigen  und  sich  als  mineralische  Ausscheidungen  aus 
Lösungen  kennzeichnen.  Dagegen  hat  er  solche  Formen,  welche 
eine  unregelmässige  Gestalt  besitzen,  weil  er  sie  für  psammitischer 
Natur,  für  Zerreibungsproducte  von  Kalkstein  und  Mergel  hält, 
als  Pseudooolithe  von  jenen  echten  Oolithen  abgetrennt.  Ich  werde 
weiter  unten  mich  ebenfalls  mit  der  Natur  dieser  Gebilde  näher 
beschäftigen  und  bemerke  vorläufig  darüber,  dass  ich  auch  diese 
Körner  mit  sehr  geringer  Ausnahme  für  echte  Oolithe  halte.  Ich 
vereinige  daher  die  Pseudooolithe  Bornemann’s  mit  den  echten 
Oolithen. 

Den  Schaumkalk  im  petrographischen  Sinne  sehe  ich,  wie 
dies  bisher  stets  von  den  Geologen  geschehen  ist,  als  ein  Gestein 
an,  welches  durch  die  Auslaugung  von  Oolithkörnern  aus  Oolithkalk 
entstanden  ist,  und  so  eine  feinporige  Beschaffenheit  erlangt  hat. 

Es  sind  also  Schaumkalk  und  Oolithkalk  nur  Varietäten  ein 
und  derselben  Gesteinsart,  die  in  der  Natur  keineswegs  scharf 
von  einander  getrennt  sind.  Es  giebt  oolithische  Kalkbänke,  in 
denen  die  Körner  theilweise  erhalten  sind,  während  ein  anderer 
Theil  derselben  ausgelaugt  wurde.  Derselbe  Kalkstein  ist  häufig 
an  einer  Stelle  typischer  Schaumkalk,  während  in  ganz  geringer 
Entfernung  davon,  oft  sogar  an  demselben  Handstück  das  Gestein 
oolithisch  erscheint.  An  manchen  Körnern  ist  die  Substanz  der- 
selben nur  theilweise  zerstört. 

Ob  eine  derartige  Bank  aus  echtem  Schaumkalk  oder  aus 
Oolithkalk  besteht,  ist  daher,  wenn  es  sich  um  die  Gliederung 


1 


4 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


der  Gebirgsschichten  oder  um  den  Namen  einer  Bank  handelt, 
ganz  gleichgültig. 

In  diesem  Sinne  bezeichnet  man  die  einzelnen  schaumigen 
oder  oolithischen  Schichten  im  Wellenkalk  einfach  als  »Schaum- 
kalkbänke« und  unterscheidet  sie  in  den  einzelnen  Etagen  nach 
dem  Vorgänge  von  Moesta  durch  Hinzufügung  der  griechischen 
Buchstaben  a bis  8.  Ich  werde  mich  weiterhin  diesem  Sprach- 
gebrauche  anscbliessen. 

Die  Beantwortung  der  Frage,  in  welchem  Grade  eine  Bank 
oolithisch  oder  schaumig  sein  müsse,  um  den  Namen  Oolitli-  oder 
Schaumkalkbank  zu  verdienen,  hängt  natürlich  von  dem  Er- 
messen des  einzelnen  Beobachters  ab.  Man  findet  nicht  selten, 
dass  eine  Bank,  in  welcher  in  der  einen  Gegend  Oolithkorn  dicht 
an  Oolithkorn  liegt,  im  weiteren  Fortstreichen  weniger  Oolitli- 
körner  enthält  und  auch  wohl  streckenweise  ziemlich  frei  davon 
ist.  Man  hat  dann  ein  und  dieselbe  Bank  vor  sich,  welche  nur 
ihre  petrographische  Beschaffenheit  geändert  hat.  In  letzterem 
Falle  passt  allerdings  der  der  Zusammensetzung  desselben  Objects 
an  dem  einen  Orte  entlehnte  Ausdruck  »Schaumkalk«  an  dem 
anderen  schlecht  zur  Sache,  obwohl  man  ihn  als  Namen  allenfalls 
auch  jetzt  noch  gelten  lassen  kann.  Man  kann  sich  jedoch  in 
diesem  Falle  damit  helfen,  dass  man  die  petrographische  Bezeich- 
nung Schaumkalk  und  Oolitlikalk  weglässt  und  die  Bänke  bloss 
mit  den  Buchstaben  a bis  8 benennt. 

Auch  der  Begriff  »Bank«  bedarf  einer  kurzen  Erörterung. 

Die  Autoren  gehen  in  ihrem  Sprachgebrauch  in  dieser  Hin- 
sicht weit  aus  einander,  so  dass  durch  das  Schwanken  im  Aus- 
druck die  Verständigung  erschwert  wird  und  leicht  Irrthümer 
erregt  werden. 

Beim  Bergbau  bezeichnet  man  als  Bank  bekanntlich  nicht 
jede  Schicht,  sondern  nur  solche  Sedimente,  welche  sich  durch 
ihre  Zusammensetzung  oder  durch  technische  Wichtigkeit  vor 
der  übrigen  Masse  des  Gesteins  in  auffallender  Weise  auszeichnen. 
Es  empfiehlt  sich  die  Anwendung  dieses  Wortes  auch  sonst  in 
ähnlicher  Weise  zu  beschränken,  im  unteren  Muschelkalk  speciell 
auf  die  mächtigen  schaumigen  und  oolithischen  Ablagerungen, 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc.  5 

im  Gegensatz  zu  der  Masse  des  gewöhnlichen,  zu  technischen 
Zwecken  unbrauchbaren  Wellenkalks,  dessen  einzelne  Straten 
ich  Schichten,  Lagen  oder  Platten  nennen  werde.  Nur  wenn 
letztere  mächtiger  sind,  wie  die  blauen,  zu  Bausteinen  brauch- 
baren Kalkplatten,  welche  sehr  gewöhnlich  in  Begleitung  der 
Schaumkalkbänke,  meist  im  Liegenden,  seltener  im  Hangenden 
auftreten,  könnte  man  dickere  Schichten  von  Kalkstein  mit  Rück- 
sicht auf  ihre  technische  Verwendbarkeit  auch  wohl  als  Bänke 
bezeichnen. 

Ebenso  wenig,  wie  über  die  Anwendbarkeit  des  Wortes 
»Bank«,  herrscht  bei  den  Autoren  Uebereinstimmung  in  der  Frage, 
welche  Schichten,  im  Falle  die  Bänke  aus  einer  Anzahl  von 
Schichten  zusammengesetzt  sind,  zu  einer  einzigen  Bank  gezählt 
werden  können. 

Beim  Steinkohlenbergbau  hat  sich  der  Sprachgebrauch  so 
festgestellt,  dass  man  zwei  Lagen  Kohlen  dann  als  zwei  besondere 
Flötze  oder  Bänke  ansieht,  wenn  sie  nicht  mehr  bequem  auf  ein- 
mal abgebaut  werden  können,  was  bei  bis  1 Meter  Entfernung 
der  Fall  ist. 

Es  wäre  recht  wünschenswerth,  wenn  man  sich  eines  ähn- 
lichen Sprachgebrauchs  auch  bei  Beschreibung  der  Schaumkalk- 
bänke bedienen  wollte. 

Bezeichnungen  wie  Doppelbank,  Deckplatte  oder  gar  »con- 
stante  Bank«,  mit  welchem  Ausdrucke  man  seltsamer  Weise  bei 
Jena  ganze  Complexe  von  dickeren  und  dünneren  Schichten,  die 
gesimseartig  an  den  Felswänden  vorspringen,  bezeichnet  hat, 
sollte  man  als  uncorrect  und  selbst  unverständlich  gänzlich  ver- 
meiden. 


A.  Die  Gliederung  des  unteren  Muschelkalks. 

I.  Der  untere  Wellenkalk. 

Die  untere,  schaumkalkfreie  Abtheilung  des  Wellenkalks  mit 
ihren  einförmigen , dünnschiefrigen  und  wulstigen  Kalkschichten 
giebt  mir  nur  zu  wenigen  Bemerkungen  Veranlassung,  welche  sich 


6 


W.  Fkantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


auf  die  Abgrenzung  des  Muschelkalks  gegen  den  Buntsandstein 
beziehen. 

Diese  Grenze  ist  in  der  Umgebung  des  Thüringer  Waldes 
nicht  gleichmässig  gezogen  worden. 

Bei  Meiningen  wird  bekanntlich  der  obere  Theil  des  Röths 
hauptsächlich  aus  lichten  Mergeln  gebildet,  denen  an  manchen 
Orten  splitterige,  zum  Bauen  benutzbare  Kalkbänke  eingelagert 
sind. 

Man  hat  diese  Schichten , die  ich  nach  dem  massenhaften 
Vorkommen  der  bei  Meiningen  anscheinend  auf  diese  Ablagerung 
beschränkten  Alodiola  hirundiniformis  v.  Sciiaur.  als  Mocliola- 
Schichten  bezeichnet  habe  und  welche  von  anderen  Autoren  auch 
wohl  als  Myophorieubänke  angeführt  werdeu,  an  der  Westseite 
des  Thüringer  Waldes  deshalb  zum  Buntsandstein  gestellt,  weil 
über  den  Mergeln  mit  den  festen  Kalkbänken  noch  eine  Zone 
von  rothen,  petrefactenleeren  Tlionen  von  ganz  ähnlicher  Be- 
schaffenheit, wie  die  Thone  des  eigentlichen  Röths  folgt.  Die- 
selben enthalten  zahlreiche  Geoden,  welche,  wie  die  Vergleichung 
ihrer  Formen  mit  den  Gypsknollen  in  den  tieferen  Röthschichten 
ergiebt , ohne  Zweifel  in  Folge  von  Gypsauslaugung  entstanden 
sind.  Auch  die  Einlagerung  einer  schmalen,  etwa  0,3  Meter 
dicken  Zellenkalkschicht,  welche  unter  der  Rohrer  Stirn  bei 
Meiningen  in  den  rothen  Thonen  der  Modiola-Schichten  vorkommt, 
sowie  zahlreiche  in  diesen,  wie  in  den  lichten  Mergeln  vorhandene 
rauhe  Kalkplättchen  weisen  darauf  hin,  dass  diese  Schichten 
gypshaltig  waren,  wie  der  Roth. 

Für  die  Zutheilung  dieser  Schichten  zum  oberen  Buntsand- 
stein spricht  auch  die  Entwickelung  derselben  weiter  nach  Süd- 
westen hin.  Nach  dieser  Seite  verschwinden,  bald  nachdem  man 
das  Werrathal  verlassen  hat,  die  festen,  splitterigen  Kalksteine  im 
unteren  lichten  Mergel,  der  Kalkgehalt  der  Schichten  nimmt  ab 
und  der  rothe  Thon  gewinnt  mehr  und  mehr  die  Oberhand,  so 
dass  bei  Würzburg  im  Mainthal  diese  Schichten  ihr  charakte- 
ristisches Gepräge,  die  grosse  Aehulichkeit  mit  dem  Muschelkalk, 
so  ziemlich  eiugebüsst  haben.  Jedoch  sind  auch  hier  die  einzelnen 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


7 


bei  Meiningen  zu  unterscheidenden  Abtheilungen  dieser  Zone  noch 
kenntlich *  1). 

In  anderem  Lichte  erscheinen  die  Modiola- Schichten  an  der 
Ostseite  des  Thüringer  Waldes. 

An  den  Bergen  bei  Plaue,  am  Ostfusse  des  Gebirges  konnte 
ich  das  Vorhandensein  der  rothen  Thone  in  dieser  Ablagerung: 
noch  feststellen;  dagegen  fehlen  sie  darin  bei  Jena. 

Hier  wird  die  Modiola- Zone  durch  die  »untersten  ebenen 
Kalkschiefer«  Schmid’s  2)  vertreten,  welche  derselbe  jedoch  nicht 
dem  Rüth,  sondern  dem  Muschelkalk  zugetheilt  hat. 

Die  Ablagerung  wird  bei  Jena  in  ihrem  unteren  Theile  von 
ebenflächigen,  lichten,  mergeligen  Kalkplatten  gebildet,  in  ihrem 
oberen  Theile  aber  von  Mergeln,  welche  nach  Art  der  Schiefer- 
tlioue  zu  sehr  feinen  Blättchen  zerfallen.  Erstere  kann  mau  mit 
den  unteren  die  Baubänke  einschliessenden  kalkreicheren  Schichten, 
die  feinschieferige  Ablagerung  mit  dem  oberen  Theile  der  Modiola- 
Zone  der  Meininger  Gegend  vergleichen. 

Bei  Jena  schliessen  sich  also  die  »untersten  ebenen  Kalk- 
schiefer«  viel  enger  an  den  Muschelkalk  an  und  sind  von  Schmid 
daher  auch  zu  dieser  Formation  gestellt  worden.  Jedoch  bemerkt 
er  ausdrücklich,  dass  »sich  dieselben  fast  schärfer  von  dem  darüber 
liegenden  Wellenkalk,  als  vom  Röth  unterscheiden«. 

Auch  R.  Wagner3 4 5 6),  welcher  kürzlich  eine  sehr  bemerkens- 
werthe  Arbeit  über  die  Trias  bei  Jena  veröffentlicht  hat,  hebt 

')  Am  Wege  von  Thüngersheim  nach  Retzstadt  unweit  Würzburg  ist  der 
der  Modiola- Zone  bei  Meiningen  entsprechende  Theil  des  Roths  wie  folgt  zu- 
sammengesetzt und  zwar  von  unten  nach  oben: 

1)  0,80  Meter  hellgrauer  Mergel, 

2)  0,20  » festere,  würfelig  zerfallende  Mergelschicht  mit  Myophoria  vul- 

garis. Sie  steht  den  festen  Kalksteinen  mit  Modiola  hirun- 
diniformis  bei  Meiningen  parallel, 

3)  0,75  » hellgrauer  Mergel, 

4)  3,15  » rother  Thon  mit  einigen  dünnen  Sandsteinlagen.  Es  ist  dies 

der  Geodenthon  von  Meiningen, 

5)  0,60  » grauer  Mergel  mit  Gypsresiduen, 

6)  0,80  » gelber  Kalk.  Darüber  folgt  dann  der  Muschelkalk. 

2)  Erläuterungen  zu  Blatt  Jena,  S.  6. 

3)  Richard  Wagner.  Die  Formationen  des  Buntsandsteins  und  Muschelkalks 
bei  Jena,  Jena  1887. 


8 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


ausdrücklich  die  scharfe  Trennung  dieser  Ablagerung  von  den 
darüber  liegenden  Wellenkalkschichten  hervor. 

Die  Grenze  zwischen  beiden  Formationen  würde  sich  auch 
bei  Jena  ganz  scharf  und  in  völliger  Uebereinstimmung  mit  der 
Lage  derselben  bei  Meiningen  ziehen  lassen;  denn  die  von  Herrn 
Wagner  erwähnten,  an  der  oberen  Grenze  der  Ablagerung  vor- 
kommenden »gelben  Mergel«  sind,  wie  ich  mich  unter  seiner 
Führung  im  Rosenthale  bei  Zwätzen  an  Ort  und  Stelle  überzeugt 
habe,  mit  dem  gelben  Kalk  an  der  oberen  Grenze  des  Röths  bei 
Meiningen  identisch. 

Ich  mache  auf  das  Vorkommen  dieser  gelben  Kalke  bei  Jena 
besonders  aufmerksam,  da  sie  an  der  Ostseite  des  Thüringer 
Waldes  sicher  auch  noch  an  vielen  anderen  Orten  Vorkommen 
und  in  ihrer  Bedeutung  bisher  verkannt  worden  sind. 

Wenn  durch  Herrn  H.  Loretz1)  ein  »ebenschichtiger  Complex 
von  dichten  und  krystallinischen  Kalkbänken  mit  Mergelzwischen- 
lagen«  aus  der  Eisfelder  Gegend  mit  den  »untersten  ebenen  Kalk- 
schiefern«  bei  Jena  verglichen  worden  ist,  so  ist  dies  ein  Irrthum, 
welcher  offenbar  durch  die  Zutheilung  der  Modiola- Schichten 
Jena’s  zum  Muschelkalk  hervorgerufen  worden  ist.  Wie  Herr 
Loretz  selbst  angiebt,  liegt  der  in  Rede  stehende  Schichten- 
Complex  bei  Eisfeld  unmittelbar  über  dem  gelben  Röthkalk  an 
der  Basis  des  Wellenkalks,  während  die  »ebenen  Kalkschiefer« 
Sciimid’s  darunter  liegen. 

In  der  Umgegend  von  Eisenach  habe  ich  bisher  keine  Ge- 
legenheit gehabt,  die  untersten  Schichten  des  Wellenkalks  in  guten 
Aufschlüssen  zu  sehen.  Ich  muss  es  daher  zur  Zeit  dahin  ge- 
stellt lassen,  ob  die  Lage  der  Grenze  dort  mit  derjenigen  in  der 
Meininger  Gegend  übereinstimmt,  oder  ob  hier  die  Verhältnisse 
ähnlich  liegen,  wie  bei  Jena. 

IL.  Die  Gliederung  des  oberen  Wellenkalks. 

Im  oberen  Wellenkalk  hat  man  bei  der  geologischen  Landes- 
aufnahme in  Thüringen  und  Hessen  bekanntlich  4 Schaumkalk' 
zonen  unterschieden  : 

b H.  Loretz.  Notizen  über  Buntsandstein  und  Muschelkalk.  Jahrbuch  d. 
Königl.  preuss.  geol.  Landesanstalt  für  1880,  S.  146. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  vod  Thüringen  etc. 


9 


1)  Die  Schaumkalkbank  a : 

2)  die  Schaumkalkbank  ß ; 

3)  die  Schaumkalkzone  f (Zone  der  Bänke  mit  Terebratula 

vulgaris)  mit  zwei  durch  Wellenkalk  getrennten 

Schaumkalkbänken  und 

4)  die  Schaumkalkzone  6,  welche  drei  Schaumkalkbänke 

enthält. 

Dabei  ist  bisher  angenommen  worden,  dass  diese  in  den 
verschiedenen  Gegenden  beobachteten  Schaumkalklager  im  Zu- 
sammenhang abgesetzte,  also  mit  einander  identische  Bildungen 
seien. 

Herr  Bornemann  bestreitet  die  Richtigkeit  dieser  Ansicht. 
Nach  seinen  eigenen  Worten  sind  nicht  nur  die  von  ihm  speciell 
beschriebenen  Schaumkalkeinlagerungen  des  Wellenkalks  im  Kirch- 
thale  bei  Eichrodt,  sondern  auch  »die  Mehrzahl  der  grossen  Schaum- 
kalklager Thüringens  und  Hessens  locale  und  vielen  Zufälligkeiten 
unterworfene  Einlagerungen  ohne  fortlaufenden  Zusammenhang.« 
»Sie  verändern«,  wie  er  weiter  ausführt,  »ihre  Natur  in  ihrem 
weiteren  Fortstreichen  und  keilen  sich  aus,  während  in  der  Nach- 
barschaft und  in  etwas  verschiedener  Höhe  andere  Lager  statt 
ihrer  sich  ansetzen«  u.  s.  w. 

Ich  muss  diese  Ansicht  des  Herrn  Bornemann  als  eine  irr- 
thümliche  bezeichnen.  Die  Schaumkalkbänke  in  Thüringen  und 
Hessen  sind,  wie  ich  weiterhin  nachweisen  werde,  keine  locale 
Bildungen,  sondern  im  Zusammenhang  abgesetzte  Bänke,  welche 
ein  ganz  bestimmtes  Niveau  einnehmen.  Die  Oolithbildung  ist 
im  Wellcnkalk,  abgesehen  von  vereinzelten  Oolithkörnern,  welche 
man  auch  wohl  in  anderen  dickeren  Petrefacten-Schichten  findet, 
in  Thüringen  und  Hessen  lediglich  auf  die  oben  von  mir  an- 
geführten 7 Bänke  beschränkt.  Diese  7 Bänke  sind  in  diesen 
Ländern  über  einen  sehr  grossen  Raum  verbreitet  und  zeigen  in 
ihren  Abständen  von  einander,  in  ihrer  Beschaffenheit  und  in 
ihren  organischen  Einschlüssen  im  Grossen  und  Ganzen  eine  ganz 
auffallende  Gleichförmigkeit. 

Im  Einzelnen  sind  sie  allerdings  in  ihrem  Verlaufe  manchen 
Schwankungen  unterworfen.  Ihre  Mächtigkeit  ist  zuweilen  schon 


10 


W.  Frantzen,  Untersuch  an  gen  über  die  Gliederung 


auf  kurze  Entfernung  hin  eine  verschiedeue.  Die  Anzahl  der 
Oolithkörner,  oder  wenn  die  Bänke  schaumig  sind,  die  Anzahl 
der  Poren  des  Gesteins  ist  grösser  oder  kleiner.  Es  schieben 
sich  ferner  in  eine  einheitliche  Schaumkalkbank  in  ihrer  weiteren 
Erstreckung  Lagen  von  oolithfreiem  Kalk  ein.  Auch  kommt  es 
in  einzelnen  Gegenden  wohl  vor,  dass  auf  längere  oder  kürzere 
Erstreckung  der  Oolithkalk  ganz  durch  blauen,  oolithfreien  Kalk 
ersetzt  wird,  oder  dass  hie  und  da  die  ganze  Bank  verdrückt  er- 
scheint. Besonders  häufig  wird  der  letztere  Fall  in  solchen  Ge- 
genden beobachtet,  wo  die  Schaumkalkbänke  sich  auszukeilen 
beginnen. 

Neben  diesen  Verschiedenheiten,  welche  in  Aenderungen  der 
Beschaffenheit  der  ursprünglichen  Absätze  bestehen,  beobachtet 
man  in  einigen  Gegenden  auch  solche,  welche  erst  nach  der  Ab- 
lagerung der  oolithischen  Schichten  durch  spätere  Einflüsse  her- 
vorgerufen sind.  Dies  ist  nicht  selten  bei  den  Bänken  der  Schaum- 
kalkzone ö und  den  Orbicularis  - Schichten  der  Fall,  welche  in 
Folge  ihrer  weichen  Beschaffenheit  und  wegen  ihrer  krystallinischen 
Textur  zuweilen  irrthümlich  zum  mittleren  Muschelkalk  gezogen 
worden  sind. 

Aus  diesen  Verhältnissen  oder  aus  einer  nicht  überein- 
stimmenden Ausdruckweise  oder  Zählungsmethode  entspringen 
ganz  allein  die  verschiedenen  Angaben  der  Autoren  über  die  Zahl 
der  Schaumkalkbänke,  nicht  aus  der  von  Herrn  Bornemann  be- 
haupteten localen  Natur  derselben. 

Bei  einer  näheren  Untersuchung  dieser  Verhältnisse  ist  es 
natürlich  ausgeschlossen,  die  Schaumkalkbänke  Schritt  vor  Schritt 
in  einem  so  weiten  Gebiete  zu  untersuchen.  Ich  muss  mich  darauf 
beschränken,  ihr  Verhalten  an  einzelnen  weit  auseinander  liegenden 
Orten  zu  prüfen  und  so  die  Veränderungen,  welche  diese  Schichten 
in  ihrem  Verlaufe  erleiden,  zur  Anschauung  bringen. 

Ich  habe  dazu  die  Gegend  von  Jena,  Meiningen,  Fulda, 
Eisenach  und  Worbis  ausgewählt,  welche  Orte  einen  ansehnlichen 
Raum  umspannen,  und  gerade  diese  einestheils  deshalb,  weil  die 
Schichten  an  den  meisten  von  diesen  Orten  mir  aus  eigener  An- 
schauung bekannt  sind,  anderentheils,  weil  Herr  Bornemann  sich 


les  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


11 

auf  das  Verhalten  der  Schichten  daselbst  zum  Beweise  der  Rich- 
tigkeit seiner  Meinung  berufen  hat. 

1.  Die  Zone  der  Schaumkalkbänke  et  und  ß. 

Ich  fasse  hier  die  beiden  Schaumkalkbänke  a und  ß zusammen, 
da  dieselben  iu  ihrer  Beschaffenheit  wie  in  ihren  organischen  Ein- 
schlüssen einander  so  ähnlich  sind,  dass  sie  zu  einer  einzigen 
Zone  vereinigt  werden  könnten. 

Zu  ihrer  Unterscheidung  von  den  übrigen  gleichartigen  Ab- 
lagerungen ist  man  im  Allgemeinen  lediglich  auf  ihre  relative  Lage 
und  auf  die  eigenthümliche  Beschaffenheit  eines  Theiles  der 
Zwischenschichten  angewiesen.  Für  engere  Bezirke  können  in 
dieser  Beziehung  natürlich  auch  noch  andere  Umstände,  wie  die 
Ausbildung  der  Bänke  als  Oolithe  oder  Schaumkalke,  die  Be- 
schaffenheit der  Oolithkörner,  die  Färbung  und  die  Einschlüsse  an 
Petrefacten  in  Betracht  kommen. 

Ich  beginne  die  Untersuchung  dieser  Schichten  in  den  durch 
die  Herren  Eck,  Giebelhausen  und  v.  Seebacii  aufgenommenen 
Sectionen:  Worbis,  Bleicherode,  Hayn,  N ie der- O rschla, 
Gross-Keula  und  Immenrode  in  der  Nähe  der  Hainleite. 

Aus  persönlicher  Anschauung  kenne  ich  diese  Gegend  nicht, 
so  dass  ich  auf  die  Mittheilungen  der  oben  genannten  Forscher 
angewiesen  bin. 

In  der  nachfolgenden  Tabelle,  welche  nach  den  Angaben  in 
den  zu  den  geologischen  Karten  gehörigen  Erläuterungsheften  ent- 
worfen ist,  finden  sich  die  Zahlen  über  die  Lage  der  Bänke  über 
der  Basis  des  Wellenkalks,  über  ihre  Entfernung  von  einander 
und  von  der  unteren  Terebratelbank  und  endlich  die  Angaben 
über  ihre  Mächtigkeit  zusammengestellt.  Wo  die  betreffenden 
Mittheilungen  seitens  der  Autoren  fehlen,  steht  iu  der  Spalte  ein 
Strich. 

Es  zeigt  sich  hiernach  in  diesem  Gebiete  zwar  ein  erheb- 
liches Schwanken  in  der  Mächtigkeit  der  beiden  Schaumkalkbänke, 
aber  fast  vollkommene  Uebereinstimmung  in  der  Entfernung  der 
Schaumkalkbank  a von  der  unteren  Wellenkalkgrenze,  in  den  Ab- 
ständen der  Bänke  a und  ß von  einander,  sowie  in  der  Entfer- 


12 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


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des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc.  13 

nung  der  letzteren  von  der  Schaumkalkzone  y (Zone  der  Bänke 
mit  Terebratula  vulgaris'). 

Für  die  Identificiruug  der  beiden  Schaumkalkbänke  a und  ß 
ist  es  von  grosser  Wichtigkeit,  dass  in  dem  sie  trennenden 
Wellenkalk  ein  gelb  gefärbter,  dichter,  oder  krystallinischer  Kalk 
lagert,  welcher  in  einem  grossen  Bezirke  sehr  constant  aushält. 
In  den  oben  angegebenen  6 Sectionen  wird  er  von  allen  3 Beob- 
achtern erwähnt  und  von  allen  als  eine  ganz  vorzügliche  Leit- 
Schicht  erklärt.  In  den  Erläuterungen  zu  den  Sectionen  Ilayu 
und  Bleicherode  (S.  8)  hebt  Eck  das  »alleinige  Vorkommen« 
dieses  gelben  Kalks  in  diesem  Niveau  ausdrücklich  hervor  und 
ebenso  geschieht  dies  in  den  Erläuterungen  zur  Section  Worbis 
( S.  3)  und  zu  Nieder-Orsclila  (S.  5)  von  Herrn  v.  Seebach,  der 
ihn  als  »mittleren  Ockerkalk«  von  den  Ockerkalken  an  der  oberen 
und  unteren  Grenze  des  Wellenkalks  unterscheidet. 

Dieser  Horizont  setzt  sich  südlich  bis  nach  Eisenach  fort  und 
lässt  sich  noch  bei  Jena  und  allerdings  nur  in  sehr  geringen 
Spuren  in  einigen  gelben  Straten  unmittelbar  über  der  Oolithbank  a 
auch  noch  bei  Meiningen  nachweisen. 

Ganz  ähnlich  wie  an  der  Hainleite  sind  auch  die  Verhältnisse 
der  Bänke  a und  ß in  den  von  Moesta  bearbeiteten,  etwas  südlich 
liegenden  Sectionen. 

Ich  greife,  um  das  zu  zeigen,  zwei  davon  heraus,  die  Sec- 
tionen Waldkappel  und  Netra. 

Hier  liegen  die  beiden  Schaumkalkbänke  cc  und  ß 15'  = 
4,5  Meter  von  einander  entfernt  und  die  dritte  Schaumkalkzone  y 
folgt  in  der  Section  Waldkappel  in  60’,  in  der  Section  Netra  in 
18  Meter  über  der  Bank  ß.  Es  stimmen  diese  Maasse  mit  den 
vorhin  angegebenen  gut  überein. 

Auch  die  gelben  Kalke  sind  hier  zwischen  den  Bänken  a und  ß 
vorhanden  und  werden  von  Moesta  als  sehr  beständige  Leit- 
scliichten  bezeichnet,  die  gute  Dienste  leisten  könnten,  wenn  die 
eine  oder  andere  Bank  nur  schwach  oder  nicht  in  durchgehendem 
Zusammenhang  entwickelt  sei x). 


’)  Erläuterungeif  zu  Blatt  Waldkappel,  S.  14. 


14 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Am  ganzen  Westrande  des  Thüringer  Waldes,  von  Wasungen 
bis  nach  Eisfeld  ist  die  Ablagerung  des  unteren  Muschelkalks  im 
Grossen  und  Ganzen  eine  so  gleichförmige,  dass  es  völlii»'  genügt, 
die  Schichtenfolge  in  den  Sectionen  Meiningen  und  Wasungen 
zu  untersuchen. 

Die  Schaumkalkbank  a,  von  mir  als  Oolithbank  a bezeichnet, 
liegt  in  diesen  beiden  Sectionen  35  bis  37,3  Meter  über  der  unteren 
Wellenkalkgrenze.  Sie  ist  gewöhnlich  nur  etwa  0,35  Meter  dick, 
schwillt  bis  zu  0,62  Meter  an  und  ist  an  den  meisten  Stellen  nur 
schwach  oolithisch,  so  dass  ihre  Bedeutung  lange  nicht  erkannt 
wurde. 

Es  ist  mir  unverständlich,  in  welcher  Weise  Herr  Bornemann  j), 
der  in  einem  Citat  meiner  Beschreibung  der  Oolithbank  a bei 
Meiningen  die  Worte  »schwach  oolithisch«  mit  einem  (sic)  begleitet, 
aus  dieser  Eigenschaft  für  die  Unrichtigkeit  meiner  Ansicht,  diese 
Bank  sei  die  Oolithbank  a in  Thüringen  und  an  der  llainleite, 
einen  Beweis  herleiten  will.  Ich  finde  darin  nichts  Besonderes, 
dass  eine  Bank  nicht  in  allen  Gegenden  gleich  stark  mit  Oolith- 
körnern  durchsetzt  ist. 

Ueber  der  Bank  a folgt  in  7,5  bis  10,2  Meter  Abstand  die 
Bank  ß,  welche,  weil  sie  wie  die  Bank  a bei  Meiningen  nicht 
schaumig,  sondern  oolithisch  ist  und  weil  der  von  H.  Emmrich 
ihr  gegebene  Name  »Oolithbank«  sich  in  der  Literatur  eingebürgert 
hatte,  von  mir  als  Oolithbank  ß von  der  unteren  Bank,  der  Oolith- 
bank a,  unterschieden  wurde. 

Die  Bank  ß hat  bei  Meiningen  gewöhnlich  eine  Mächtigkeit 
von  etwa  0,75  Meter,  schwillt  bis  zu  0,9  Meter  an  und  ist  im 
Liegenden  gewöhnlich  von  mehreren,  meist  sehr  mächtigen  Bänken 
von  festem,  blauen  Kalk  begleitet. 

Der  Abstand  der  Bank  von  der  unteren  Terebratelbank  (der 
Zone  j)  beträgt  im  Mittel  in  der  Section  Meiningen  25,0  Meter, 
in  der  Section  Wasungen  25,5  Meter. 

Auch  in  der  Umgegend  von  Fulda,  wo  im  Jahre  1886  der 
untere  Muschelkalk  in  einer  grossen  Reihe  von  Schürfen  an  der 


l)  a.  a.  0.,  S.  267. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


15 


Oberbernhardser  Höhe,  im  Mambacli-Grunde  und  in  der  Umgegend 
des  Schackberges  von  mir  untersucht  worden  ist,  fand  ich  den 
untersten  Theil  des  Wellenkalkes  und  die  beiden  Bänke  cc  und  [3 
nicht  viel  anders  zusammengesetzt  wie  bei  Meiningen.  Die  Ent- 
fernung der  untersten  Schaumkalkbank  et  über  der  Basis  des 
Wellenkalkes  bestimmte  ich  an  dem  Steinbruch  an  der  Bahn- 
linie bei  Elters  durch  Rechnung  auf  etwa  34,9  Meter  oder  111 
rhl.  Fuss,  unterscheidet  sich  also  so  gut  wie  gar  nicht  von  der 
Mächtigkeit  dieser  Schichten  bei  Meiningen. 

Die  beiden  Bänke  sind  auch  hier  oolithisch  entwickelt,  jedoch 
ist  die  untere  Bank  hier  reicher  an  gelben  Oolithkörnern  wie  bei 
Meiningen  und  der  oberen  Bank  in  dieser  Beziehung  ganz  ähnlich. 
Beide  Bänke  zerfallen  gewöhnlich  in  mehrere  Lagen,  von  denen 
einzelne,  besonders  die  tieferen,  zuweilen  arm  oder  frei  von  Oolith- 
körnern sind. 

Ich  gebe  als  Beispiel  von  der  Beschaffenheit  dieser  Schichten 
in  dieser  Gegend  einen  Durschschnitt  der  Zone  a und  ß aus  dem 
Steinbruch  bei  Elters  und  zwar  zunächst  das  Profil  der  Oolith- 
bank  a von  oben  nach  unten: 


1)  0,13  Meter  gelber  Oolithkalk; 

2)  0,04  » blauer  fester  Kalk; 

3)  0,15  » oolithischer  Kalk,  der  theil  weise  noch 

blau  gefärbt  ist; 


4)  0,06 

5)  0,07 

6)  0,21 
7)  0,12 


» 

» 

» 

» 


blauer  Kalkstein,  welcher  auch  wohl 
oolithisch  wird; 

gelber  Oolithkalk 


Summa:  0,78  Meter. 


Unter  diesen  Lagen  folgt  bis  zum  gewöhnlichen  Wellenkalk 
noch  eine  harte  Kalklage  von  0,22  Meter  Dicke,  welche  dem  blauen 
Kalk  im  Liegenden  der  Bank  bei  Meiningen  entspricht. 

Die  obere  Bank  ß ist  hier  0,60  Meter  dick  und  besteht  aus 
gelbem  Oolithkalk,  zerfällt  aber  anderswo,  wie  in  dem  zu  Ver- 
messungszwecken über  dem  Milseburg- Tunnel  hergestellten  Ein- 
schnitte auf  der  Oberbernhardser  Höhe,  ebenfalls  in  mehrere,  theils 
oolithisclie,  theils  oolitharme  Lagen. 


16 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Der  Abstand  der  beiden  Bänke  von  einander  beträgt  bei 
Elters  7,58  Meter,  stimmt  also  mit  den  bisher  angegebenen  Zahlen 
fast  genau  überein.  Das  Zwisclienmittel  ist  gewöhnlicher  diiun- 
schieferiger  Wellenkalk,  der  oben  ebenflächig  und  mürbe  wird. 
Der  gelbe  Kalk  fehlt,  wenigstens  an  den  oben  angegebenen  Punkten. 

Weniger  leicht  kenntlich,  wie  in  dem  bisher  untersuchten 
Gebiete,  sind  die  beiden  untersten  Schaumkalkbänke  bei  Jena. 
E.  E.  Schmid  erwähnt  von  solchen  Bänken  nichts  und  will  einige 
dicke  Kalkbänke,  welche  in  dem  mittleren  Theile  seines  unteren 
Wellenkalks,  dessen  obere  Grenze  er  erst  bei  der  unteren  Tere- 
bratelbank zog,  Vorkommen,  lediglich  als  »Flaserknoten« 1)  ange- 
sehen wissen,  »die  selten  bis  zu  2 Fuss  Dicke  anschwellen,  aber 
oft  zu  solcher  Breite,  dass  sie  das  Aussehen  beständiger  Schichten 
annehmen.« 

Die  in  der  letzten  Zeit  erschienenen  Arbeiten  des  Herrn 
R.  Wagner  zu  Zwätzen  bei  Jena: 

1)  R.  Wagner.  Die  Encriniten  des  unteren  Muschelkalks  bei 

Jena.  Jena  1886. 

2)  R.  Wagner.  Die  Formationen  des  Buntsandsteins  und 

des  Muschelkalks  bei  Jena.  Jena  1887. 
veranlassten  mich  im  Frühjahr  1887  zu  einer  Excursion  nach  Jena, 
bei  welcher  Gelegenheit  ich  unter  Führung  des  Herrn  R.  Wagner 
auch  die  Zone  der  Bänke  c*  und  ß am  Jenzig  und  im  Rosenthal 
untersucht  habe. 

Es  ist  nicht  schwierig,  in  der  von  Herrn  Wagner  als 
»unterer  Terebratelkalk  (e)«  bezeichneten  Bank  eine  der  beiden 
Bänke  a oder  ß zu  erkennen.  Sie  liegt  nach  dem  von  ihm  mit- 
getheilten  Profile  42,8  Meter  über  dem  ockergelben  Kalk  der 
obersten  Grenzschicht  des  Buntsandsteins  und  ist  die  einzige  Bank 
in  den  Wellenkalkschichten  unter  der  Zone  mit  Terebratula  vul- 
garis, welche  oolithische  Beschaffenheit  zeigt.  Herr  Wagner  be- 
schreibt sie  als  eine  bis  0,28  Meter  mächtige  Bank  aus  »bläulichem, 
krystallinischem,  festem  Kalk  mit  oolitkischen  Partien«,  welche  bei 
Dornburg  »fast  aussieht,  wie  Schaumkalk«  und  hebt  in  unver- 


')  Erläuterungen  zu  Blatt  Jena  von  E.  E.  Schmid,  S.  7. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


17 


kennbarem  Gegensatz  zur  Anschauung  von  E.  E.  Schmid  aus- 

o O 

drücklich  auch  die  grosse  Beständigkeit  des  Vorkommens  dieser 
Lage  hervor. 

Für  die  weitere  Orientirung  in  diesen  Schichten  ist  es  sehr 
wichtig,  dass  am  Jenzig  bei  Jena  in  derjenigen  Wellenkalkablage- 
rung, welche  Wagner  nach  Schmid  als  »obere  constante  Bank«  be- 
zeichnet, einige  Straten  von  gelbem  Kalk  vorhanden  sind.  Dies 
Vorkommen  beweist  in  Verbindung  mit  den  anderen  Verhältnissen, 
dass  die  eben  erwähnte  oolithische  Bank  mit  der  Schaumkalk- 
bank ß zu  identificiren  ist  und  dass  die  Bank  a unter  jenen  gelben 
Kalken  gesucht  werden  muss.  Man  erkennt  als  solche  an  Ort 
und  Stelle  den  oberen  Rand  der  »mittleren  constanten  Bank«. 
Wagner  beschreibt  sie  in  seinem  Profile  des  Rosenthaies  als  eine 
0,54  Meter  mächtige,  dickwulstige,  feste,  rauchgraue  Kalkschicht, 
mit  Gliedern  von  Encrinus  gracilis  und  mit  Ammonites  Bucki  und 
fügt  ausserdem  die  Bemerkung  hinzu,  »dass  diese  Kalkschicht  sich 
deutlich  von  den  flaserigen  Schiefern  in  seinem  Hangenden  und 
Liegenden  abhebe  und  einen  über  das  ganze  Gebiet  von  Jena 
ausdauernden,  im  Terrain  auffallenden  und  daher  leicht  aufzu- 
findenden Horizont«  bilde. 

Dass  die  Identificirung  dieser  Schichten  bei  Jena  mit  der 
Schaumkalkbank  oc  und  ß richtig  ist,  wird  auch  durch  Vergleichung 
ihrer  Lage  mit  den  gleichen  Bänken  in  anderen  Gegenden,  wie 
bei  Meiningen  bestätigt.  Ich  habe  zu  diesem  Zwecke  die  be- 
treffenden Zahlen  hier  in  einer  Tabelle  neben  einander  gestellt. 


Mächtigkeit 

bei  Jena 
Meter 

bei  Meiningen 
Meter 

des  unteren  Wellenkalks  von  der  oberen 

Grenze  des  Buntsandsteins  bis  zur 

Bank  a 

37,46 

35  - 37,3 

der  Schaumkalkbank  oc 

0,54 

0,35  — 0,62 

der  Schichten  zwischen  den  beiden 

Schaumkalkbänken  oc  und  ß . . . 

4,80 

7,5  — 10,2 

der  Bank  ß 

0,28  — 0,36 

0,75  — 0,9 

der  Schichten  von  derBank  ß bis  zurZone 

der  Bänke  mit  Terebratula  vulgaris 

23,5 

25,0  — 25,5 

Jahrbuch  1887. 


2 


18 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Bei  der  grossen  Entfernung  der  beiden  Orte  von  einander  wird 
man  die  Uebereinstimmung  als  eine  recht  gute  anerkennen.  Nur 
darin  zeigt  sich  in  der  Entwicklung  bei  Jena  und  Meiningen  ein 
Unterschied,  dass  die  Bank  a bei  Jena  gar  nicht,  die  Bank  ß nur 
schwach  oolithisch  ist.  Dies  ist  jedoch  ein  Umstand,  der  die 
Unterscheidung  zwar  sehr  erschwert,  aber  bei  der  Frage  nach  der 
Existenz  der  Bänke  ganz  bedeutungslos  ist. 

Die  Identität  der  erwähnten  beiden  Bänke  mit  den  Oolith- 
bänken  a und  ß bei  Meiningen  lässt  sich  auch  an  der  Ueberein- 
stimmung in  dem  Vorkommen  und  in  der  Lage  der  Spirifer 
fragilis-Bank  nachweisen.  Bei  Jena  ist  dies  diejenige  Bank,  welche 
Wagner  als  eine  Trochitenbank  beschreibt  und  in  welcher  er 
seinen  Encrinus  aculeatus  fand.  Sie  liegt  nach  ihm  an  der  Hummels- 
burg bei  Jena  6,19  Meter  unter  der  »oberen  Terabratelbank« 
Wagner’ s (der  unteren  Schaumkalkbank  der  Zone  7),  also  in 
derselben  Höhe  unter  dieser  Bank,  wie  bei  Meiningen.  Wie  dort 
ist  sie  durch  die  conglomeratische  Beschaffenheit,  das  zahlreiche 
Vorkommen  von  Trochiten  und  von  Spirifer  fragilis,  deren  Haupt- 
horizont am  Thüringer  Walde  diese  Schicht  ist,  charakterisirt 1). 

Auf  die  organischen  Einschlüsse  in  den  Bänken  « und  ß habe 
ich  bisher  keine  Rücksicht  genommen  und  zwar  deshalb,  weil  die 
beiden  Bänke,  abgesehen  von  Terebratula  Ecki , keine  besonders 
charakteristischen  Versteinerungen  enthalten.  Was  man  sonst  an 
Petrefacten  in  diesen  Schichten  findet,  kommt  auch  in  anderen 
gleichartigen  Bänken  des  Wellenkalks  vor  und  kann  für  die 

Ö O 

Identificirung  nicht  verwerthet  werden. 

Die  kleine  Terebratula  Ecki  ist  allerdings  nach  den  bis- 
herigen Erfahrungen  auf  das  Niveau  der  Schaumkalkbänke  a und  ß 
beschränkt,  also  für  dieses  sehr  bezeichnend,  aber  eine  Ver- 
steinerung, die  bisher  nur  an  einigen  Orten  nachgewiesen  worden 
und  nur  selten  häufig  ist. 


9 Das  Citat  des  Herrn  Bornemann  (a.  a.  0.  pag.  318),  die  Spirifer  fragilis- 
Bank  liege  bei  Meiningen  nach  meiner  Angabe  6 — 8 Meter  über  der  Oolithbank  ß, 
ist  falsch.  Ich  habe  gesagt,  sie  liege  6 — 8 Meter  unter  der  unteren  Terebratel- 
bank. Vergl.  W.  Frantzicn:  Uebersicht  der  geologischen  Yerhältnisse  bei 
Meiningen,  Berlin  1S82,  S.  XV111. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


19 


Herr  Bornemann  hat  sich  veranlasst  gesehen,  gegen  die  Ab- 
trennung der  Terebratula  Ecki  von  Terebratula  vulgaris  Wider- 
spruch zu  erheben.  Er  will  sie  nur  als  Varietät,  vielleicht  auch 
nicht  einmal  als  solche  ansehen  und  bestreitet  auch  ihre  strati- 
grapliische  Bedeutung. 

In  Bezug  auf  den  ersten  Punkt  bemerke  ich,  dass  ich  mit 
Niemandem  Streit  darüber  anfangen  werde,  ob  Terebratula  Ecki 
oder  irgend  eine  andere  Muschel  eine  Varietät  oder  Species  sei. 
Ich  lege  auf  diese  Frage  in  diesem  Falle  selbst  kein  erhebliches 
Gewicht,  habe  mich  übrigens  hierüber  bereits  früher  ausgelassen 
und  verweise  auf  die  Publikationen  Eck’s  x)  und  meine  eigene 
Arbeit* 2). 

Es  ist  dort  auch  schon  das  Verhältniss  der  Terebratula  Ecki 
zu  den  Terebrateln  im  oberen  Muschelkalk  erörtert  (a.  a.  O.  S.  159), 
so  dass  es  überflüssig  erscheint,  nochmals  darauf  einzugehen. 

Was  jedoch  die  andere  Behauptung  des  Herrn  Bornemann 
angeht,  die  Terebratula  Ecki  habe  keine  stratigraphische  Bedeutung, 
so  steht  sie  mit  den  Thatsachen  in  vollkommenem  Widerspruch. 
Durch  seine  Behauptung  wird  die  Thatsache  nicht  aus  der  Welt 
geschafft,  dass  in  sehr  weit  auseinander  liegenden  Gegenden,  in 
der  Umgegend  des  Thüringer  Waldes  und  in  Württemberg  in  dem 
Niveau  der  Bänke  a und  ß Terebrateln  Vorkommen,  welche  sich 
durchweg  von  den  Terebrateln  der  Zone  j im  oberen  Wellenkalk 
unterscheiden. 

Ob  man  dem  Unterschiede  zwischen  den  Terebrateln  der 
beiden  Regionen  einen  grösseren  oder  geringeren  Werth  beilegt 
und  ob  die  Terebratula  vulgaris  des  oberen  Muschelkalks  sich  in 
irgend  einem  Stadium  ihres  Lebens  der  Terebratula  Ecki  des 
Wellenkalks  wieder  nähert,  berührt  die  oben  angegebenen  That- 
sachen gar  nicht. 

Gerade  die  Terebratula  Ecki  hat  sich,  ähnlich  wie  die  Tere- 
bratula vulgaris , für  die  Unterscheidung  der  unteren  beiden  Schaum- 

9 H.  Eck:  Zeitschrift  der  Deutsch,  geolog.  Ges.  ßd.  XXXII,  Heft  II.  — 
Geognostische  Karte  von  Lahr,  S.  93. 

2)  W.  Fkantzen  : Terebratula  Ecki  etc.  Jahrb.  der  König!  preuss.  geolog. 
Landesanstalt  und  Bergakademie  für  1881.  S.  157  ff. 


2* 


20 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


kalkbänke  und  ihrer  Aequivalente  als  sehr  nützlich  erwiesen.  Ich 
habe  bereits  früher  auf  Grund  des  Vorkommens  der  Terebratula 
Ecki  im  unteren  Muschelkalk  Württembergs  das  Lager  derselben 
in  jener  Gegend  der  Region  der  Bänke  a und  ß in  Thüringen 
gleich  gestellt,  eine  Auffassung,  welcher  sich  Eck1)  auf  Grund 
anderer  Beobachtungen  angeschlossen  hat. 

Es  gereicht  mir  ferner  jenen  Angriffen  Bornemann’s  gegenüber 
zur  besonderen  Genugthuung,  dass  erst  vor  kurzer  Zeit  durch 
Herrn  Wagner  bei  Jena2)  ein  neuer  Fundpunkt  der  Terebratula 
Ecki  in  der  Bank  ß nachgewiesen  wurde  und  zwar,  nach  seiner 
Mittheilung  am  folgenden  Tage,  nachdem  er  meine  Abhandlung 
über  Terebratula  Ecki  gelesen  und  an  der  betreffenden  Stelle  nach 
dieser  Versteinerung  gesucht  hatte.  Es  war  damit  der  lange 
vermisste  ZENKER’sche  Terebratelhorizont  2 wieder  aufgefunden. 
Hoffentlich  gelingt  den  eifrigen  Bemühungen  des  Herrn  Wagner 
das  Gleiche  auch  mit  der  Terebratula-Schicht  3,  die  in  der  Nähe 
der  Bank  a zu  suchen  sein  dürfte. 

Es  ist  wohl  möglich,  dass  in  Zukunft  Terebratula  Ecki  auch 
neben  der  Terebratula  vulgaris  in  dem  unteren  Wellenkalk  auf- 
gefunden wird.  Mit  den  Angaben  des  Herrn  Bornemann  über 
das  Vorkommen  von  Terebrateln  im  unteren  Wellenkalk  lässt  sich 
jedoch  in  dieser  Hinsicht  nichts  anfangen,  weil  einestheils  die 
beiden  Arten  von  Terebrateln  nicht  auseinander  gehalten  sind, 
anderntheils  auch  meistens  die  Bestimmung  des  Horizonts,  aus  dem 
er  sie  hat,  fehlt. 

Ich  selbst  habe  in  einer  der  beiden  Oolithbänke  a oder  ß an 
der  Oberbernhardser  Höhe  in  der  Section  Kleinsassen  ein  Paar  Tere- 
brateln gefunden,  welche  nach  ihrem  ganzen  Habitus  zur  Tere- 
bratula vulgaris  gehörten ; doch  blieb  die  Sache  etwas  zweifelhaft, 
weil  die  Schale  von  der  Muschel  abgesprengt  war. 

Ein  solches  Nebeneinandervorkommen  der  Terebratula  Ecki 
und  vulgaris  würde  allerdings  den  Werth  der  ersteren  in  strati- 
graphischer Hinsicht  etwas  vermindern,  aber  nicht  zu  sehr.  Es 


*)  H.  Eck,  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  Bd.  XXXVII,  S.  468  ff. 

2)  R.  Wagner,  a.  a.  0.  S.  15. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Tlieile  von  Thüringen  etc. 


21 


kommt  bei  solchen  Fragen  auch  auf  die  Quantität  der  Muscheln 
an.  Terebratula  vulgaris  hört  nicht  auf,  eine  wichtige  Leitmuschel 
für  die  Schaumkalkzone  y zu  sein,  weil  als  Seltenheit  hin  und 
wieder  einmal  im  Schaumkalk  5 oder  in  anderen  Schichten  ein 
derartiges  Petrefact  vorgekommen  ist.  In  den  Terebratelbänken, 
in  der  Zone  7,  liegt  sie  massenhaft,  und  dies,  nicht  das  Vorkommen 
allein,  macht  diese  Muschel  so  werthvoll  für  die  Unterscheidung 
der  Schichten.  Genau  dieselbe  Rolle  spielt  Terebratula  Echi  für  die 
oolithische  Zone;  auch  sie  erscheint  hier  stellenweise  in  Menge. 

7 O 


Bei  so  vollkommener  Uebereinstimmung  der  Verhältnisse  der 
Bänke  der  Zone  a und  ß in  einem  weiten  Umkreise  rings  um 
Eisenach,  wie  ich  sie  eben  nachgewiesen  habe,  würde  es  sehl- 
merkwürdig  sein,  wenn  die  Gliederung  in  der  Umgebung  dieses 
Ortes  eine  ganz  andere  wäre,  wie  dies  Herr  Bornemann  behauptet. 
Dies  ist  jedoch  keineswegs  der  Fall.  Die  Gliederung  ist  auch 
hier  ganz  dieselbe,  wie  an  allen  anderen  Orten  rings  um  den 
Thüringer  Wald;  nur  ist  die  eine  oder  andere  Bank  zuweilen 
etwas  verkümmert  oder  die  Bänke  haben  unter  späteren  Einflüssen 
ein  etwas  anderes  Aussehen,  wie  gewöhnlich,  angenommen. 

Ich  beginne,  um  dies  nachzuweisen,  mit  der  Sectiou  Wutha, 
und  zwar  mit  der  Betrachtung  des  von  Bornemann  veröffentlichten 
Profiles  aus  dem  Kirchthal  bei  Eichrodt. 

Ich  bemerke  über  dasselbe  zunächst  im  Allgemeinen,  dass  ich 
es  bei  einem  Besuche  keineswegs  so  schön  gefunden  habe,  wie 
Herr  Bornemann.  Man  sieht  in  dem  Hohlwege  allerdings  einen 
ansehnlichen  Theil  der  Schichten  des  Wellenkalks  vom  mittleren 
Muschelkalk  bis  ziemlich  tief  unter  der  Oolithbank  a entblösst, 
aber  keineswegs  alle.  Ziemlich  gut  aufgeschlossen  sind  von  den 
Schaumkalkbänken  nur  die  Bänke  der  Zonen  a bis  7.  Ferner  sehen 
die  Schichten  nur  sehr  wenig  aus  dem  Erdboden  heraus,  sodass 
eine  directe  Messung  kaum  ausführbar  ist.  Herr  Bornemann  war 
bei  Ermittelung  der  Entfernungen  der  Bänke  von  einander  ge- 
nöthigt,  zu  »Constructionen«  zu  greifen.  Ich  wundere  mich  da- 
her nicht,  wenn  er  Resultate  erlangt  hat,  welche  mit  meinen 


22 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Messungen  der  Gebirgsmächtigkeit  bei  Eisenach  nicht  überein- 

o o o 

stimmen. 

Ausserdem  leidet  dieses  Profil  an  dem  Mangel,  dass  die 
Schaumkalkbänke  der  Zone  o,  soweit  sich  dies  nach  den  nicht 
ganz  genügenden  Aufschlüssen  beurtheilen  lässt,  hier  stark  ver- 
kümmert sind.  Um  ein  richtiges  Bild  von  der  Beschaffenheit  des 
unteren  Muschelkalks  zu  erhalten,  genügt  es  nicht,  ein  Profil  vor- 
zuführen und  als  typisch  hinzustellen,  in  welchem  die  Bänke  nur 
einen  einzigen  Fuss  hoch  — so  weit  mag  die  oberste  Schaum- 
kalkbank zu  sehen  sein  — oder  höchstens  2 Meter  aufgeschlossen 
sind;  dazu  braucht  man  Felswände,  an  denen  man  das  Verhalten 
der  Schichten  auf  eine  längere  Erstreckung  beobachten  kann. 

Au  solchen  Stellen  fehlt  es  in  der  Umgebung;  von  Eisenach 
auch  keineswegs.  Wer  sich  über  den  Wellenkalk  daselbst  unter- 
richten will,  thut  am  besten,  nach  Kreuzburg  zu  gehen,  das  etwa 
1 1/2  bis  2 Stunden  von  Eisenach  entfernt  liegt.  Dort  findet 
man  zu  beiden  Seiten  der  Werra  den  Wellenkalk  in  horizontaler 
Lagerung  am  rechten  Werraufer  mindestens  1 Stunde  lang  prächtig 
entblösst.  Sind  auch  die  Felsen  zuweilen  so  schroff,  dass  ihre 
Untersuchung  nicht  möglich  ist,  so  bleiben  doch  noch  Stellen 
genug  übi’ig,  wo  man  die  Schichten  ohne  Gefahr  erreichen  kann. 

So  wenig  typisch  das  von  Herrn  Bornemann  zur  Darstellung 
gewählte  Profil  im  Kirchthale  auch  ist,  so  reichen  die  Aufschlüsse 
daselbst  doch  hin,  um  zu  zeigen,  dass  die  Gliederung  des  Wellen- 
kalks hier  nicht  im  Geringsten  von  derjenigen  anderer  Gegenden 
abweicht. 

Untersuchen  wir  zunächst  die  Schichten  unter  der  Schaum- 
kalkzone 0,  so  zählt  Bornemann  daraus  folgende  mächtige  Bänke 
auf,  von  denen  ich  jedoch  einige  von  ihm  getrennte  Schichten  zu 
einer  einzigen  Bank  zusammenfasse: 

1)  Die  Bank  ir  , 

2)  p-v, 

3)  X, 

4) 

5)  £ El. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


23 


Dieselben  stehen  der  Reihe  nach  folgenden  Schichten  anderer 
Gegenden  gleich: 

1)  der  oberen  Terebratelbank; 

2)  der  unteren  Terebratelbank; 

3)  der  Bank  mit  Spirifer  fragilis ; 

4)  der  Schaumkalkbank  ß und 

5)  der  Schaumkalkbank  a. 

Dass  dies  der  Fall  ist,  lässt  sich  an  der  Uebereinstimmung 
der  Bänke  in  der  Reihenfolge,  an  ihrer  Zusammensetzung  und  an 
den  Einschlüssen  an  Petrefacten  überzeugend  nachweisen. 

Nur  die  zuletzt  genannten,  unter  1,  2,  4 und  5 angegebenen 
Ablagerungen  werden  im  Wellenkalk  in  dem  Gebirgstlieil  unter 
der  Zone  8 oolithisch  oder  schaumig,  und  ganz  analog  beobachtet 
man  auch  im  Kirchthal  darin  nur  4 oolithische  oder  schaumige 
Bänke. 

Allerdings  wird  von  den  beiden  untersten  Bänken  e s*  und  Yj 
nur  die  letztere  von  Herrn  Bornemann  als  »pseudooolitkisch«, 
die  andere  aber  als  »braun«  bezeichnet.  Ich  fand  jedoch  an  Ort 
und  Stelle,  dass  auch  e oolithisch  ist. 

Diese  Bank  zeigt  hier  folgende  Zusammensetzung: 

Unten  besteht  sie  aus  mehreren  oolithischen , ockerfarbigen 
Lagen,  welche  zusammen  0,55  Meter  dick  und  stark  zerklüftet 
sind.  Das  Gestein  ist  stellenweise  mit  Oolithkörnern  fast  an- 
gefüllt, während  es  in  anderen  Partieen  hart  daneben  arm  daran 
ist  und  auch  wohl  in  gewöhnlichen  Kalk  übergeht.  Darüber  folgt 
0,22  Meter  harter  Kalkstein,  fast  frei  von  Oolithkörnern;  doch  be- 
merkt man  auch  in  dieser  Lage  schwach  oolithische  Stellen.  Die 
oberste  Lage  der  Bank  wird  von  einer  0,18  Meter  dicken  Kalk- 
schicht gebildet,  welche  zahlreiche  grau  gefärbte  Oolithkörner 
enthält,  die  man  wegen  dieser  Färbung  leicht  übersehen  kann. 

Da  alle  diese  Lagen  mehr  oder  weniger  oolithisch  sind,  be- 
trachte ich  alle  als  zur  Oolithbank  £ sj  gehörig. 

Das  Liegende  der  Bank  besteht  wie  gewöhnlich  aus  festeren,- 
ebenflächigen,  blauen  Kalksteinlagen,  von  denen  die  oberste 
0,3  Meter  mächtig  wird.  Abwärts  nehmen  dieselben  an  Dicke 


24  W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 

ab  und  gehen  so  allmählich  in  den  dünnschieferigen  Wellen- 
kalk über. 

Die  Schaumkalkbank  ß ist  im  Kirchthale  eine  einzige  Schicht 
von  0,43  Meter  Dicke.  Das  Gestein  ist  gänzlich  zerklüftet,  wie 
dies  auch  bei  Meiningen  in  dieser  Bank  der  Fall  ist  und  besteht 
aus  graugelbem  Oolithkalk.  Unter  der  Bank  liegt  ebenfalls  eine 
feste,  blaue  Kalkplatte  mit  gelben  Flecken  und  Streifen. 

Vergleicht  man  die  Entfernungen  der  im  Kirchthal  vorkom- 
menden  oolithischen  und  schaumigen  Schichten  mit  Einschluss 
der  Spirifer  fragilis-Bank  mit  den  Abständen  der  gleichen  Bänke 
bei  Meiningen,  so  ergiebt  sich  unter  Berücksichtigung  der  oben 
erwähnten  Unsicherheit  der  Messung  im  Kirchthal  immerhin  eine 
recht  gute  Uebereinstimmung.  Ich  habe  zu  diesem  Zwecke  die 
betreffenden  Zahlen  hier  in  einer  Tabelle  übersichtlich  neben  ein- 
ander gestellt. 

O 


Entfernung  von 

im  Kirchthal 
nach  Bornemann 

bei  Meiningen 

Meter 

Meter 

ot  bis  ß 

10,5 

7,5  — 10,2 

ß bis  zur  unteren  Terebratelbank  . . 

31 

25  - 25,5 

der  unteren  bis  oberen  Terebratelbank 

6 

3 

der  Spirifer  fragilis  - Bank  von  der 
unteren  Terebratelbank 

11 

6—  8 

Herr  Bornemann  hat  in  seiner  Abhandlung  eine  ähnliche 
Betrachtung  angestellt,  will  aber  von  einer  solchen  Argumentation 

OO?  O 

nichts  wissen  und  erklärt  sie  als  unstatthaft,  sagt  aber  nicht, 
warum  sie  nicht  statthaft  sein  soll.  Er  beschränkt  sich  darauf, 
zum  Beweise  der  Richtigkeit  seiner  Ansicht  eine  Anzahl  einzelner 
Stellen  vorzuführen,  an  denen  die  Schaumkalkbänke  verkümmert 
oder  ganz  verdrückt  sind. 

Wäre  die  Anschauung  des  Herrn  Bornemann  begründet,  so 
müsste  man  doch  statt  der  4 schaumigen  Bänke  in  der  Zone  a 
bis  8 auch  irgendwo  einmal  darin  5 und  6 finden.  Man  würde 
da,  wo  die  Bänke  regelmässig  liegen  und  weithin  verfolgt  werden 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


25 


können,  wie  bei  Treffurt,  am  Heldrastein,  bei  Kreuzburg  abwärts 
im  Werrathal  doch  einmal  irgend  eine  dieser  Bänke  sich  auskeilen 
und  2,  3,  4 Meter  höher  sich  eine  andere  anlegen  sehen.  Davon 
habe  ich  nie  eine  Spur  gefunden  und  auch  Herr  Bornemann  giebt 
keine  Stelle  an,  wo  eine  solche  Erscheinung  zu  linden  wäre. 

Auch  das  Citat *),  welches  Herr  Bornemann  aus  den  Schriften 
von  SeebaCh’s  beibringt  und  welches  nach  dem  ganzen  Zusammen- 
hänge darthun  soll , dass  dieser  Autor  an  ein  Auskeilen  der 
Schaumkalkbänke  und  ein  Wiedererscheinen  derselben  in  einem 
anderen  Niveau  geglaubt  habe,  beweist  für  die  Sache  des  Herrn 
Bornemann  nichts.  Er  hat  Herrn  von  Seebacii  missverstanden. 
Der  Letztere  erklärt  allerdings,  der  Terebratelkalk  und  der  Schaum- 
kalk sei  eine  Zone  und  es  seien  dies  nicht  abgeschlossene  Schich- 
ten, meint  aber  nur,  es  seien  dies  Schaumkalkbänke  und  Wellen- 
kalkschichten, im  Gegensatz  zu  den  Schaumkalkbänken  a und  ß, 
welche  aus  einer  einzigen  abgeschlossenen  Bank  bestehen. 

Ich  habe  weiter  oben  nachgewiesen,  dass  zwischen  den  beiden 
Bänken  a und  ß in  Thüringen  und  Hessen  eine  Ablagerung  gelber 
Kalke  weit  verbreitet  ist,  welche  eine  ausgezeichnete  Leitschicht 
für  die  beiden  Schaumkalkbänke  « und  ß bildet.  Dieser  gelbe 
Kalk  fehlt  auch  in  dem  Profile  im  Kirchthale  nicht  und  liefert 
durch  sein  Vorkommen  zwischen  den  oolithischen  Bänken  sei  und  q 
ein  treffliches  Beweismittel  für  die  Richtigkeit  der  Identificirung 
dieser  Bänke  mit  den  Bänken  a und  ß. 

Herr  Bornemann  legt  zwar  solchen  gelb  gefärbten  Schichten 
für  die  Wiedererkennung  der  Bänke  keinen  Werth  bei* 2),  indem 
er  meint,  solche  Färbungen  kämen  auch  an  anderen  Stellen  des 
Wellenkalks  vor.  Ich  will  letzteres  nicht  bestreiten,  aber  daraus 
folgt  die  Werthlosigkeit  des  Hülfsmittels  noch  nicht. 

Im  Wellenkalk  erscheinen  am  Thüringer  Wald  gelb  gefärbte 

o o ö 

Schichten  in  weitester  Verbreitung  und  in  solcher  Mächtigkeit 
nur  hier.  Was  sonst  von  gelben  Färbungen  im  Wellenkalk  vor- 
kommt, ist  nur  ganz  unbedeutend,  wie  z.  B.  die  schwach  gelb- 


a.  a.  0.  S.  314. 

2)  a.  a.  0.  S.  317. 


26 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


liehen  mergeligen  Straten,  welche  bei  Meiningen  nicht  hoch  über 
der  Basis  des  Wellenkalks  Vorkommen,  oder  es  sind  ganz  locale 
Erscheinungen.  Sie  rühren  dann  in  den  meisten  Fällen  auch  nicht 
von  einem  ursprünglich  in  den  Schichten  vorhanden  gewesenen 
Gehalt  an  Eisen  her,  sondern  sind,  wie  bereits  Herr  v.  Seebach 
in  seinen  im  Archiv  der  geologischen  Landesanstalt  liegenden 
Berichten  über  seine  Aufnahme- Arbeiten  in  der  Umgegend  von 
Kreuzburg  bei  Eisenach  richtig  ausgeführt  hat,  veranlasst  durch 
eisenhaltige  Gewässer , welche  durch  Klüfte  in  die  Gesteine 
eindrangen,  also  secundärer  Entstehung.  Man  findet  daher  der- 
artige gelbe  Schichten  wohl  in  solchen  Gegenden,  in  denen  das 
Gebirge  sehr  zerrüttet  ist.  Sie  erscheinen  daher  in  der  durch 
Verwerfungen  stark  zerrissenen  Gegend  von  Eisenach  und  Kreuz- 
burg ziemlich  häufig  und  sind  nicht  auf  den  Wellenkalk  be- 
schränkt, sondern  kommen  auch  im  oberen  Muschelkalk  vor,  so 
z.  B.  westlich  vom  Dorfe  Mihlberg  unweit  Kreuzburg,  wo  auch 
die  harten  Bänke  des  Trochitenkalks  an  vielen  Stellen  ganz  ocker- 
farbig  werden,  während  sie  unmittelbar  daneben  ihre  ursprüngliche 
Farbe  behalten  haben. 

Es  bleibt  mir  noch  übrig,  auch  die  organischen  Einschlüsse 
der  Bänke  des  Kirchthales  mit  den  Petrefacten  in  den  gleichen 
Bänken  in  anderen  Gegenden  zu  vergleichen. 

D ass  auch  in  dieser  Hinsicht  Uebereinstimmung  herrscht, 
zeigt  am  besten  eine  Vergleichung  der  zu  der  bildlichen  Dar- 
stellung des  Profils  im  Kirchthal  von  Herrn  Bornemann  selbst 
hinzugefügten  Bemerkungen  über  die  in  den  einzelnen  Bänken 
enthaltenen  Petrefacten  mit  meinen  Angaben  in  meiner  »Ueber- 
sicht  über  die  geologischen  Verhältnisse  bei  Meiningen.« 

In  der  eben  bezeiclmeten  Arbeit  habe  ich  als  charakteristisch 
für  beide  Schaumkalkbänke  der  Zone  den  Reichthum  an  Tere- 
bratula  vulgaris  angegeben  und  weiter  bemerkt,  dass  die  obere 
Terebratelbank  reicher  sei  an  Trochiten,  wie  die  untere  und  ferner 
das  nicht  seltene  Vorkommen  von  Spiriferen  in  dieser  Bank  — 
bei  Meiningen  allerdings  vorwiegend  Spirifer  hirsutus  — erwähnt. 
Bei  der  Aufzählung  der  charakteristischen  Merkmale  der  Spirifer- 
fragilis-Bank  ist  der  Reichthum  derselben  an  Spirifer  fragilis  von 
mir  hervorgehoben  worden. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


27 


Fast  ganz  übereinstimmend  hat  Herr  Bornemann  in  dem 
Profile  des  Kirchthals  folgende  Bemerkungen  über  die  Petrefacten 
beidrucken  lassen:  bei  der  oberen  Terebratelbank  (irirx):  Gervittia 
socialis , Spirifer  fragilis,  Terebratula  vulgaris;  bei  der  Spiriferen- 
bank  (X):  Spiriferenbank. 

Aus  den  Bänken  vj  und  sei  wird  von  Herrn  Bornemann 
eine  Reihe  von  Petrefacten,  wie  Astarte , Pecten , Natica,  Gervittia, 
Nucula,  Turritetta,  Myophoria  angeführt.  Sie  fehlen,  abgesehen 
von  Astarte , die  ich  bei  Meiningen  bisher  in  den  Oolithbänken  a 
und  ß nicht  gefunden  habe,  deren  Existenz  auch  hier  ich  jedoch 
keineswegs  bezweifle,  auch  bei  Meiningen  in  den  Oolithbänken 
nicht.  Indessen  sind  dies  lauter  Petrefacten,  welche  auch  in 
anderen  Horizonten  des  Wellenkalks  weit,  verbreitet  sind  und  als 
Leitmuscheln  für  diese  Bänke  nicht  dienen  können. 

W as  das  Vorkommen  von  Astarte  in  der  Oolithbank  ß im 
Kirchthale  angeht,  so  ist  Herr  Bornemann  viel  glücklicher  ge- 
wesen, wie  ich,  da  ich  kein  einziges  Exemplar  darin  entdeckt 
habe. 

Ich  bezweifle  übrigens  nach  meinen  Erfahrungen,  dass  Astarte 
in  der  Zone  der  Bänke  a und  ß bei  Eisenach  so  verbreitet  und 
häufig  ist,  dass  man  eine  dieser  Bänke  als  »Astartenbank«  be- 
zeichnen dürfte. 

Verfolgen  wir  die  beiden  untersten  Schaumkalkbänke  « und  ß 
weiter  in  der  Umgegend  von  Eisenach,  Kreuzburg,  Berka  und 
Treffurt,  so  finden  wir  diese  Bänke  überall  als  durchlaufende 
Idorizonte  entwickelt.  Allerdings  ist  ihre  Beschaffenheit  hier  recht 
veränderlich.  Sie  spalten  sich  häufig  in  viele  einzelne  Lagen,  sind 
liier  aus  Oolithkalk,  dort  aus  Schaumkalk  zusammengesetzt  und 
auf  kurze  Strecken  zuweilen  recht  arm  an  Oolithkörnern;  aber 
ein  wirkliches  Auskeilen  der  Bänke  kommt  in  diesen  Sectionen 
nur  ganz  ausnahmsweise  vor. 

Auch  in  solchen  Fällen,  wo  die  Bänke  sehr  arm  an  Oolith- 
körnern sind,  ist  es  durchaus  nicht  schwer,  sie  zu  erkennen  und 
zu  verfolgen.  Sie  unterscheiden  sich  schon  durch  die  Dicke  und 
Ebenflächigkeit  der  einzelnen  Schichten  leicht  von  dem  gewöhn- 
lichen Wellenkalk.  Auch  sind  die  Bänke  wohl  niemals  völlig  frei 
von  Oolithkörnern.  Es  bleibt  gewöhnlich  irgend  ein  Streifen 

O O 


28 


W.  Fkantzen,  Untersuchungen  über  die  G-liederun, 


oolithisch  und  geht  das  Gestein  in  nicht  grosser  Entfernung  regel- 
massig  wieder  in  typischen  Ool  ithkalk  über. 

In  solcher  wenig  typischen  Gestalt  erscheinen  die  Bänke  a 
und  ß u.  A.  an  der  Michelskuppe  bei  Eisenach,  wo  einer  der 
grössten  Steinbrüche  hart  vor  den  Thoren  der  Stadt  auf  diesen 
Bänken  zur  Gewinnung  von  Bausteinen  und  Strassenmaterial  be- 
trieben wird. 

Diese  Bänke  eignen  sich  zu  ersterem  Zwecke  gerade  dann 
sehr  gut,  wenu  sie  arm  an  Oolithkörnern  sind,  weil  das  Gestern 
dann  geschlossen  zu  seiu  pflegt,  während  sie,  wenn  sie  stark 
oolithisch  sind,  nur  selten  hierzu  benutzt  werden  können,  da  das 
Gestein  dann  gewöhnlich  stark  zerklüftet  ist. 

Die  Schichten  des  Wellenkalks  liegen  au  der  Michelskuppe, 
worauf  man  zu  achten  hat,  überstürzt,  und  werden  an  der  Nord- 
seite des  Berges  von  einer  Verwerfung,  an  welche  sich  nördlich 
der  Keuper  anlegt,  abgeschnitten.  Die  Kluft  läuft  schräg  durch 
die  Schichten  in  der  Weise,  dass  sie  an  der  Ostseite  der  Höhe 
den  Wellenkalk  zwischen  den  Bänken  a und  ß abschneidet,  während 
etwas  weiter  nach  Westen  hin,  an  dem  nördlich  am  Fusse  des 
Felsens  vorbeiführenden  Thalwege,  bereits  ein  ganz  kleiner  Fetzen 
der  imteren  Terebratelbank  sichtbar  wird.  Westlich  von  der 
Michelskuppe  findet  man  an  der  anderen  Seite  der  Kreuzburger 
Strasse  auf  der  Höhe  des  Berges  südlich  vou  der  Verwerfung 
auch  die  Schaumkalkbänke  der  Zone  o und  die  Orbicularis- 
schichten  vor. 

Die  Zusammensetzung  der  beiden  Bänke  a und  ß an  der 
Michelskuppe,  sowie  der  zwischen  ihnen  lagernden  Wellenkalk- 
schichten geht  aus  folgender  Messung  hervor,  welche  ich  an  der 
obersten  Wand  an  der  Ostseite  des  Steinbruchs  vorgenommen 
habe.  Die  Schichten  sind  von  unten  nach  oben  hin  aufgezählt. 

1)  0,50  Meter  fester,  harter,  blauer  Kalk,  das  eigentliche 
Liegende  der  Bank; 


2) 

0,26  » 

fester,  blauer  Kalk; 

3) 

0,03  » 

Mergel ; 

4) 

0,17  » 

schwach  oolithischer  Kalkstein; 

3) 

0,05  » 

mergeliger  W ellenkalk ; 

des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


29 


6)  0,14  Meter  Kalkstein; 

7)  0,01  » Mergel; 

8)  0,29  » feste,  blaue  Kalksteinlage,  unten  auf 

0,03  Meter  etwas  schiefernd; 

9)  0,12  » fester  Kalkstein  in  harten,  dünnen  Lagen 

von  1 — 6 Centimeter  Dicke; 

10)  0,11  » schwach  oolithische  Kalksteinlage; 

11)  0,22  » schwach  oolithische  Kalksteinlage; 

12)  0,55  » Wellenkalk,  ziemlich  ebenflächig,  fest  zu- 

sammenhängend, aber  etwas  schiefrig; 

13)  0,14  » desgl.; 

14)  0,42  » wulstiger,  conglomeratisch  aussehender 

Wellenkalk; 

15)  0,65  » desgleichen,  hier  und  da  etwas  gelb  ge- 

färbt; 

16)  0,80  » dünnschiefriger,  etwas  conglomeratisch  aus- 

sehender blauer  Wellenkalk; 

17)  0,75  » blauer,  conglomeratähnlicher  Wellenkalk; 

18)  1,00  » blauer,  mässig  schieferiger,  ziemlich  eben- 

flächiger Kalkstein; 

19)  0,35  » theils  blau,  theils  gelblich  gefärbter,  mit 

Mergel  wechselnder  Wellenkalk; 

20)  1,15  » dickbänkiger,  gelblicher  Kalkstein; 

21)  0,35  » grauer,  dickbänkiger  Kalkstein; 

22)  Oolithbank  ß,  etwa  1 Meter  dick,  gelb  und  oolithisch. 

Von  diesen  Schichten  betrachte  ich  2 bis  11  als  das  Aequi- 
valent  der  Bank  «,  die  hier,  wie  in  dem  ganzen  Steinbruch,  nur 
wenig  oolithisch  ist. 

Viel  typischer  erscheint  sie  jedoch  schon  wenige  Schritt  von 
dem  Steinbruch  entfernt  an  dem  östlichen  Absturz  des  Felsens 
oberhalb  des  Schiessstandes.  Hier  ist  ihre  Zusammensetzung  von 
unten  nach  oben  folgende: 

1)  0,30  Meter  harter,  blauer  Kalk; 

2)  0,12  » desgleichen; 

3)  0,14  » » 


30 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


4)  0,75  Meter  oolithischer,  gelber  Kalkstein; 

5)  0,22  » schieferiger,  fester,  blauer  Kalkstein; 

6)  0,30  » harter,  ebenflächiger,  blauer  Kalkstein ; 

7)  0,14  » harter,  etwas  oolithischer  Kalkstein; 

8)  0,50  » dickschieferiger  Wellenkalk; 

9)  gewöhnlicher  dünnschieferiger  Wellenkalk. 

In  diesem  Profile  repräsentiren  die  Lagen  1 bis  3 die  Lage  1 
des  ersten  Profils,  die  Lagen  2 bis  7 incl.  die  Lagen  2 bis  1 1 des 
ersten  Profils,  wie  man  leicht  erkennt,  wenn  man  die  Maasse  auf 
metrisch  eingetheiltes  Zeichenpapier  aufträgt. 

Dass  die  eben  beschriebenen  schwach  oolithischen  Bänke  an 
der  Michelskuppe  in  der  That  die  Bänke  oc  und  ß sind,  lässt  sich 
leicht  nacliweisen.  Ihre  Entfernung'  von  einander  beträgt  nach 
obigen  Angaben  7,56  Meter,  welche  Ziffer  mit  den  Abständen  der 
Bänke  oc  und  ß von  einander  in  anderen  Gegenden  gut  überein- 
stimmt. Auch  das  für  die  Orientirung  in  diesen  Schichten  so 
wichtige  gelbe  Kalklager  in  dem  Wellenkalkmittel  zwischen  den 
beiden  Bänken  ist  hier  vorhanden;  endlich  liegen  sie,  wie  der 
Augenschein  lehrt,  in  den  gewöhnlichen  Abständen  von  der  unteren 
Wellenkalkgrenze  und  von  dem  unteren  Terebratelkalk. 

Besser  noch,  wie  an  der  Michelskuppe,  kann  man  sich  von 
der  Identität  dieser  Bänke  mit  den  Bänken  a und  ß anderer 
Gegenden  durch  Untersuchung  eines  anderen  Profils  überzeugen, 
welches  man  ganz  nahe  bei  der  Michelskuppe  nur  wenige  hundert 
Schritt  westlich  von  diesem  Felsen  au  dem  ersten  Separationswege 
vorfindet,  welcher  westlich  von  der  Strasse  nach  Kreuzburg  an 
dem  östlichen  Ausläufer  des  Ramsberges  an  dessen  Südseite  auf- 
wärts führt. 

Ein  Besuch  dieser  Stelle  ist  sehr  zu  empfehlen,  da  man  hier 
das  ganze  Profil  der  oberen  Abtheilung  des  Wellenkalks  recht 
gut  aufgeschlossen  findet  und  sich  davon  überzeugen  kann,  dass 
alle  oben  von  mir  genannten  7 Schaumkalkbänke  auch  bei  Eisenach 
vorhanden  sind,  nicht  mehr  und  nicht  weniger.  Da  die  Bänke 
hier  fast  vollkommen  senkrecht  stehen,  so  lassen  sich  an  dieser 
Stelle  auch  die  Entfernungen  derselben  von  einander  durch  directes 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


31 


Nachmessen  mit  ziemlich  grosser  Genauigkeit  ohne  grosse  Um- 
stände bestimmen. 

In  der  Nähe  einer  W egtheilung  sieht  man  auf  diesem  Wege 
aufwärts  schreitend  beide  Oolithbänke,  die  hier  viel  reicher  an 
Oolithkörnern  sind,  wie  an  der  Michelskuppe  und  in  dem  Wellen- 
kalk zwischen  ihnen  auch  das  für  die  Identificirung  derselben  so 
wichtige  Lager  von  gelbem  Kalk.  Die  Oolithbank  ß ist  0,6  Meter 
dick  und  liegt  in  10  Schritt  Entfernung  oberhalb  der  erwähnten 
W egtheilung. 

Die  Mächtigkeit  des  Wellenkalks  zwischen  der  Oolithbank  ß 
und  der  unteren  Terebratelbank  bestimmte  ich  durch  Nachmessen 
der  einzelnen  Lagen  und  Addition  der  gefundenen  Zahlen  auf 
24,01  Meter. 

Auch  die  dünne  Bank  mit  Spirifer  fragilis  ist  in  diesem  Mittel 
vorhanden,  hier  allerdings  wenig  typisch  entwickelt.  Es  ist  eine 
harte,  feste  Petrefactenbank  von  0,18  Meter  Dicke,  deren  Entfer- 
nung von  der  unteren  Terebratelbank  5,79  Meter,  von  der  Oolith- 
bank ß 18,04  Meter  beträgt. 

Ich  gebe  an  dieser  Stelle  auch  gleich  die  Maasse  der  höheren 
Schichten  bis  zur  unteren  Schaumkalkbank  der  Zone  8. 

Die  untere  Terebratelbank  ist  1,11  Meter  mächtig  und  wird 
an  ihrer  oberen  Seite  von  einer  0,55  Meter  dicken  Bank  von  blauem 
Löcherkalk  begleitet.  Dann  folgt  1,85  Meter  gewöhnlicher  Wellen- 
kalk, worauf  eine  offenbar  nur  sehr  wenig  bedeutende  Störung 
folgt,  an  deren  Nordseite  dann  die  schräg  durchschnittene  obere 
Terebratelbank  erscheint.  In  Folge  des  Durchlaufens  dieses  kleinen 
Bruches  lässt  sich  hier  weder  der  wirkliche  Abstand  der  beiden 
Terebratelbänke  noch  die  Mächtigkeit  der  oberen  Terebratelbank 
genau  bestimmen. 

Dagegen  ist  die  Mächtigkeit  des  Wellenkalkmittels  von  der 

O O O 

oberen  Terebratelbank  bis  zur  unteren  Schaumkalkbank  wieder 
genau  messbar;  sie  beträgt  15,50  Meter. 

Auf  die  Zusammensetzung  der  Zone  o und  der  Orbicularis- 
Schichten  an  dieser  Stelle  werde  ich  weiter  unten  noch  zurück- 
kommen. 


32 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Es  stimmt,  wie  man  sieht,  dieses  Profil  ganz  mit  der  Zu- 
sammensetzung des  Gebirges  in  anderen  Gegenden  überein;  auch 
die  durch  directe  Messung  gefundenen  Zahlen  für  die  Abstände 
der  Schichten  von  einander  weichen  lange  nicht  so  weit  von  den 
in  anderen  Gegenden  ermittelten  Zahlen  ab,  wie  die  im  Kirchthale 
durch  Herrn  Bornemann  durch  Construction  gefundenen  Werthe. 

Zur  Vervollständigung  des  Bildes  von  der  Beschaffenheit  der 
Schaumkalkbänke  und  a und  ß gebe  ich  auch  noch  einige  Profile 
von  solchen  Stellen,  wo  diese  Bänke  ein  normaleres  Aussehen 
haben,  wie  bei  der  Stadt  Eisenach. 

Man  kann  sie  besonders  gut  bei  dem  nicht  weit  von  Eisenach 
entfernten  Hörschel  studiren,  wo  diese  Bänke  früher  beim  Bau 
der  Thüringer  Eisenbahn  zusammen  mit  den  im  Liegenden  vor- 
kommenden dicken,  blauen  Platten  in  nicht  unbedeutendem  Maasse 
zu  Bausteinen  gebrochen  worden  sind  und  wo  auch  jetzt  noch 
ein  Paar  kleine  Steinbrüche  darauf  im  Betriebe  sind. 

Ich  gebe  zunächst  ein  Profil  durch  die  ganze  Zone  von  ß 
bis  ot,  welches  an  der  Kreuzungsstelle  der  Landstrasse  von  Eisenach 
nach  Hörschel  mit  der  Thüringer  Eisenbahn  aufgeschlossen  ist. 

1)  Die  Bank  ß mit  folgenden  Strafen: 

0,30  Meter  Kalkstein  mit  wenig  Oolithkörnern; 

0,12  » oolithischer  Kalkstein; 

0,10  » gewöhnlicher  Wellenkalk; 

0,24  » oolithischer  Kalkstein  mit  wulstiger  Ober- 

fläche ; 

2)  0,70  » blauer,  zerbröckelnder  Wellenkalk; 

3)  1,20  » gelbe  Kalkschichten; 

4)  2,30  » blauer  Wellenkalk; 

5)  die  Schaumkalkbank  a;  deren  Mächtigkeit  man  hier 

nicht  bestimmen  kann. 

Letztere  Bank  erscheint  an  mehreren  Punkten  bei  Hörschel 
als  eine  typische  Schaumkalkbank  und  zwar  in  ansehnlicher 
Mächtigkeit. 

Ich  gebe  hier  Messungen  derselben  von  zwei  Punkten,  in 
welchen  die  einzelnen  Lagen  von  oben  nach  unten  angeführt  sind: 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


33 


Profil  nahe  bei  Bahnkilometerstein  No.  174: 

1)  0,60  Meter  Schaumkalk,  der  unten  angebraten  ist; 

2)  0,55  » meistens  harte,  blaue  Kalkplatten,  von  denen 

die  eine  oder  die  andere  auch  wohl  ein 
wenig  schaumig  wird; 

3)  0,38  » Schaumkalk. 

Das  Liegende  wird  von  harten,  im  Ganzen  0,70  Meter  dicken 
blauen  Kalklagen  gebildet. 

Der  Schaumkalk  dieser  Bank  gleicht  hier  sehr  dem  der  unteren 
Schaumkalkbank  der  Zone  5.  Die  Poren  sind  fein  und  rund  und 
auch  die  Färbung  ist  zuweilen  ganz  licht,  wie  in  jener  Bank,  wird 
jedoch  an  anderen  Stellen  durch  einen  mehr  oder  weniger  grossen 
Gehalt  an  Eisenoxydhydrat  ockerig  gelb. 

Den  anderen  Aufschluss  der  Bank  a tindet  man  am  Wege 
von  Hörschel  nach  Spichra,  gleich  südlich  von  der  Thüringer 
Eisenbahn,  in  einem  kleinen  Steinbruche. 

Profil  der  Bank  « von  oben  nach  unten: 

1)  0,45  Meter  Schaumkalk  in  mehreren  Schichten; 

2)  0,10  » blauer,  harter,  ebenflächiger  Kalkstein; 

3)  0,06  » Schaumkalk,  nur  wenig  porig  und  stellen- 

weise in  gewöhnlichen  Kalk  übergehend ; 

4)  0,21  » blauer  Kalkstein,  oben  schieferig; 

5)  0,34  » ziemlich  gelber  Schaumkalk. 

Der  Schaumkalk  der  Lage  1 ist  lichtgrau  und  feinporig.  In 
der  Lage  5 sind  die  Oolithkörner  zum  Theil  noch  erhalten. 

Das  Liegende  besteht  aus  festem,  blauen  Kalkstein  von  1 Meter 
Gesammtmächtigkeit,  welcher  als  Baustein  mitgewonnen  wird.  Er 
ist  dazu  jedoch  wenig  tauglich,  weil  er  sich  an  den  Schichtflächen 
leicht  aufblättert. 


In  der  Section  Kreuzburg,  in  welcher,  nebenbei  bemerkt, 
auch  schon  das  eben  erwähnte  Hörschel  liegt,  habe  ich  feststellen 
können,  dass  die  beiden  Bänke  a und  ß überall  und  zwar  gewölm- 

3 


Jahrbuch  1887. 


34 


W.  Fkantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


lieh  in  ansehnlicher  Mächtigkeit  Vorkommen.  Sie  sind,  wie  bei 
Hörschel,  bald  schaumig,  bald  oolithisch. 

Ich  beschränke  mich  auf  die  Mittheilung  eines  einzigen  Pro- 
files aus  dieser  Gegend,  welches  man,  ohne  sich  in  irgend  eine 
Gefahr  zu  begeben,  recht  bequem  untersuchen  kann.  Es  liegt  an 
dem  fahrbaren  Wege,  der  von  der  Liboriuskapelle  bei  Kreuzburg 
am  rechten  Ufer  der  Werra  den  steilen  Abhang  des  Brückeubergs 
nördlich  nach  Mihla  hin  aufwärts  führt  und  neben  welchem  die 
Telegraphenleitung  entlang  führt. 

Das  Liegende  der  Bank  a trifft  man  in  192  Schritt  über  der 
Stelle,  wo  dieser  Weg  von  der  Eisenacher  Landstrasse  abzweigt, 
34  Schritt  unterhalb  der  Telegraphenstange  No.  5;  das  Liegende 
der  Bank  ß in  257  Schritt  Entfernung  von  der  Eisenacher  Land- 
strasse, 29  Schritt  unter  der  Telegraphenstange  No.  6. 

Die  Bank  a ist  durch  einige  Schichtflächen  in  3 Hauptpacken 
getheilt.  Der  oberste  von  ihnen  hat  0,39  Meter  Mächtigkeit  und 
besteht  aus  zerklüftetem,  lichtem,  feinporigem  Schaumkalk,  den  man 
in  Handstücken  von  dem  Schaumkalk  der  untersten  hellfarbigen 
Schaumkalkbank  der  Zone  5 nicht  unterscheiden  kann.  Aehnliche 
Beschaffenheit  zeigt  auch  der  zweite  Packen,  welcher  0,27  Meter 
Mächtigkeit  besitzt.  Die  unterste  Lage  von  0,42  Meter  Dicke 
ist  etwas  geschlossener  und  enthält  in  den  Poren  zuweilen  schwache 
Ueberztige  von  etwas  Eisenoxydhydrat,  so  dass  sie  an  einigen 
Stellen  rostig  aussieht. 

Als  Liegendes  der  Bank  folgt,  wie  gewöhnlich,  eine  0,85  Meter 
dicke  Lage  von  blauem,  harten  Kalk,  welcher  einige  Neigung 
zeigt,  sich  in  mehrere  Lagen  zu  zertheilen  und  weiter  abwärts 
eine  zweite  derartige  Lage  von  0,34  Meter  Mächtigkeit,  unter 
welcher  noch  mehrere  dünnere,  ebenflächige  Lagen  von  derselben 
Beschaffenheit  kommen,  ehe  der  gewöhnliche  wellige  Kalk  er- 
scheint. 

Die  Bank  ß wird  durch  eine  von  mir  nicht  ganz  scharf  be- 
stimmte, annähernd  6 Meter  mächtige  Wellenkalkablagerang,  in 
welcher  auch  hier  der  oft  erwähnte,  für  diese  Schichtenreihe  so 
sehr  charakteristische  gelbe  Kalk  vorhanden  ist,  von  der  Bank  a 
getrennt.  Sie  besteht  aus  einer  grossen  Reihe  einzelner,  durch 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


35 


mergelige  und  wulstige  Zwischenmittel  getrennte  Lagen,  die  ich 
von  oben  nach  unten  aufzähle: 

1)  0,09  Meter  Oolithkalk; 

2)  0,06  » Mergel  und  Wulstkalk; 

3)  0,09  » Oolithkalk; 

4)  0,08  » mergeliger  und  wulstiger,  zu  Erde  und 

Grus  zerfallender  Kalk; 

5)  0,07  » Oolithkalk; 

6)  0,14  » Oolithkalk; 

7)  0,01  » Mergelerde; 

8)  0,12  » Oolithkalk; 

9)  0,01  » Mex-gelerde; 

10)  0,16  » Oolithkalk; 

11)  0,09  » blauer  Kalk  und  Mergel  in  mehreren 

Straten ; 

12)  0,03  » Oolithkalk; 

13)  0,03  » Oolithkalk; 

14)  0,01  » Mergel; 

15)  0,12  » Oolithkalk. 

Summa  1,11  Meter  Gesammtmächtigkeit. 

Die  Oberfläche  dieser  Straten,  welche  übrigens  in  ihrer  Zahl 
etwas  veränderlich  sind,  ist  zuweilen  wellig,  eine  Erscheinung, 
welche  ebenso  wie  die  Absonderung  der  Bank  in  so  viele  einzelne 
Schichten  auf  stärkere  Wasserbewegung  bei  der  Ablagerung  der- 
selben hindeutet.  Die  Oolithkörner  sind  in  dieser  Bank  noch  er- 
halten und  von  gelber  Farbe;  doch  sieht  man  beim  Zerschlagen 
oft  noch  einen  unzersetzten  blauen  Kern. 

In  der  Section  Treffurt  habe  ich  den  Wellenkalk  nur  in 
dem  Gebietsteile  südlich  vom  Werrathale  untersucht  und  dort 
ganz  dieselben  Verhältnisse,  wie  bei  Kreuzburg  gefunden. 

Man  kann  an  den  senkrecht  abfallenden  Felswänden,  mit 
welchen  hier  das  Plateau  gegen  das  Werrathal  abfällt,  die  Zone 
der  Bänke  a und  ß schon  aus  der  Ferne  au  dem  zwischengelagerten 
gelben  Kalk  erkennen,  welcher  sich  wie  ein  gelbes  Band  um  die 

3* 


36 


W.  F rantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Felswände  schlingt.  Es  ist  aber  nur  an  wenigen  Punkten  möglich, 
die  Bänke  zu  erreichen,  so  an  dem  collossalen  östlichen  Eckpfeiler 
dieser  Felsmauer,  am  Heldrastein,  wo  sich  die  abgestürzten  Fels- 
massen an  einzelnen  Punkten  bis  zur  Höhe  dieser  Bäuke  aufge- 
thürmt  haben. 

Ich  gebe  zunächst  eine  Messung  der  Bank  a,  welche  ich  an 
der  Ostseite  des  Heldrasteins  an  der  nördlichsten  Stelle,  wo  sie 
zu  erreichen  ist,  vorgenommen  habe,  indem  ich  die  einzelnen  Lagen 
von  oben  nach  unten  aufzähle: 

1)  0,40  Meter  gelber,  oolithischer  Kalk; 

2)  0,20  » harter,  ebenflächiger  Kalk; 

3)  0,15  » harter,  oolithischer  Kalk; 

4)  0,08  » blauer  Kalk; 

5)  0,06  » schwach  oolithische'r  Kalk. 

Summa  0,89  Meter  Gresammtmächtigkeit. 

Das  Liegende  der  Bank  ist  wie  gewöhnlich  harter,  blauer 
Kalk  in  mehreren  Lagen  von  0,48  Meter  Dicke,  unter  denen  dann 
der  gewöhnliche  Wellenkalk  folgt. 

Etwas  von  dieser  Stelle  nach  Süden  hin  kann  man  auch  die 
Bank  ß erreichen  und  messen.  Die  Zusammensetzung  derselben 
ist  von  oben  nach  unten  folgende: 

1)  0,17  Meter  oolithischer  Kalkstein; 

2)  0,15  » blaugrauer,  zerfallender,  mergeliger  Wulstkalk; 

3)  0,20  bis  0,27  Meter  oolithischer  Kalkstein. 

Die  Messung;  der  Schichten  zwischen  den  beiden  Bänken  a 
und  ß liess  sich  bei  der  Steilheit  der  Felswände  von  mir  nur  theil- 
weise  ausführen.  Ich  fand  unter  der  Oolithbank  ß bis  dahin,  wo 
die  abgestürzten  Massen  das  anstehende  Grestein  verdecken,  folgende 
Schichten : 

1)  eine  0,30  Meter  mächtige,  harte  blaue,  ebenflächige 

Kalkschicht ; 

2)  1,55  Meter  ebenflächigen,  dickbänkigen , beim  An- 

schlägen klingenden,  gelben  Kalkstein; 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Tkeile  von  Thüringen  etc. 


37 


3)  0,55  Meter  dickbänkigen,  festen,  eben  flächigen,  blau- 

gefärbten Kalkstein; 

4)  1,25  » feinschieferigen,  blauen,  stellenweise  matt- 

gelblich gefärbten  Wellenkalk. 


In  der  Section  Berka  treten  die  tieferen  Schichten  des 
Wellenkalks  mit  den  Bänken  a und  ß nur  in  zwei  nicht  sehr 
ausgedehnten  Partien  zu  Tage,  nämlich  westlich  von  Bischofsrode 
im  Langen  Thale,  vom  Burgberge  ab  gegen  den  Grossen  Zimmer- 
berg hin  und  ferner  im  Grunde  des  »Thals«  nördlich  vom  Horst- 
berge bei  Mihla,  hier  auf  einem  sehr  beschränkten  Raume. 

Auch  in  dieser  Section  habe  ich  fast  überall,  wo  die  Felsen 
die  nähere  Untersuchung  erlaubten,  die  Bänke  a und  ß nachweisen 
können;  nur  an  zwei  Stellen  fehlte  die  eine  oder  andere  Bank- 
Allerdings  sind  in  dieser  Section  die  Bänke  zuweilen  nur  dünn 
oder  wenig  oolithisch,  wie  dies  auch  anderswo,  namentlich  bei 
Eisenach,  wohl  vorkommt;  doch  lassen  sie  sich  auch  in  dieser 
Section  ganz  gut  verfolgen,  da  sie,  wie  fast  überall  und  wie  fast 
alle  Schaumkalkbänke,  im  Liegenden  von  festeren,  ebenflächigen 
Kalkbänken  begleitet  werden,  welche  sich  an  den  Felswänden 
leicht  auffinden  lassen,  und  auch  hier  die  gelben  Kalke  vorhanden 
sind,  welche  durch  die  auffallende  Färbung  die  Orientirung  sehr 
erleichtern. 

In  dem  auf  dem  Messtischblatt  als  »Thal«  angegebenen  Grunde 
bei  Mihla  findet  man  an  der  nördlichen  Seite  desselben  da,  wo  in 
nicht  grosser  Entfernung  von  den  Mihlaer  Schaumkalkbrüchen  ein 
Separationsweg  mit  einer  kleinen  Brücke  von  dem  Thalwege  auf 
der  Nordseite  quer  durch  das  Thal  zur  Südseite  desselben  nach 
dem  dort  liegenden  Wäldchen  hin  abgeht,  die  Bank  ß in  einem 
nur  2 Meter  über  dem  Wege,  hart  neben  demselben  liegenden 
Steinbruche  aufgeschlossen.  Sie  ist,  wie  am  Wege  von  Kreuzburg 
nach  Mihla,  aus  einer  grösseren  Reihe  von  Schichten  zusammen- 
gesetzt, welche  nur  theilweise  stärker  oolithisch  sind  und  die  ich 
hier  von  oben  nach  unten  aufzähle: 


38 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


1)  0,03  Meter  Oolithkalk; 

2)  0,23  » mehrere  dünne  Lagen  von  blauem  Kalkstein ; 

3)  0,32  » dünne  Platten  Kalkstein,  die  mehr  oder 

weniger  oolithisch  oder  blau  sind; 

4)  0,03  » harter  Kalkstein; 

5)  0,20  » ockerfarbiger  Oolithkalk; 

6)  0,11  » schwach  oolithisclier  Kalkstein. 

Summe : 0,92  Meter  Gesammtmächtigkeit. 

Darunter  lagern,  wie  gewöhnlich,  mehrere  feste,  ebenflächige, 
blaue  Kalksteinplatten,  von  0,08,  0,07  und  0,04  Meter  Dicke. 

Von  der  Identität  dieser  Bank  mit  der  Schaumkalkbank  ß 
kann  man  sich  leicht  überzeugen  , wenn  man  den  Abhang  weiter 
aufwärts  untersucht,  an  welchem  an  der  Westseite  des  kleinen 
Wäldchens  auch  die  beiden  Terebratelbänke  und  über  diesem 
Wäldchen  auch  die  oberste  Schaumkalkbank  der  Zone  a in  den 
gewöhnlichen  Abständen  aufgeschlossen  sind. 

Die  Schaumkalkbank  a liegt  an  dieser  Stelle  schon  unter  der 
Thalsohle.  Man  trifft  sie  jedoch  nicht  weit  von  hier,  wenn  man 
von  dem  kleinen  Steinbruche  über  den  Separationsweg  quer 
durch  das  Thal  nach  der  Südseite  desselben  geht  und  dort  neben 
dem  Abhange  den  südlichen  Thalweg  225  Schritt  weit  verfolgt.  Hier 
hat  man  in  dem  Buchenwalde  eine  Felspartie  neben  sich,  an 
welcher  in  etwa  25  Fuss  Höhe  über  dem  Thal  die  Bank  a her- 
vortritt. Sie  ist  hier  von  unten  nach  oben  aus  folgenden  Lagen 
zusammengesetzt : 

1)  0,15  Meter  hellfarbiger  Schaumkalk; 

2)  0,47  » Strafen  von  festem,  blauem  Kalkstein; 

3)  0,10  » ockeriger,  mässig  oolithischer  Kalkstein. 

Darüber  folgt  aufwärts  noch  eine  harte  0,10  Meter  dicke 
Platte  von  ebenflächigem,  blauem  Kalk,  die  im  Fortstreichen  mög- 
licherweise auch  noch  oolithisch  wird  und  dann  zur  Bank  zu 
nehmen  wäre  und  darüber  der  gewöhnliche  Wellenkalk. 

Wenig  über  der  Bank  sieht  man  an  dem  Felsen  auch  einige 
Spuren  der  hier  nur  wenig  entwickelten  gelben  Kalkschichten  und 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


39 


an  einer  Stelle  auch  ein  Paar  Straten  der  Oolithbank  ß aufge- 
schlossen. 

Sehr  unansehnlich  sind  die  beiden  Bänke  a und  ß durch- 
schnittlich auch  in  der  anderen  Wellenkalkpartie  im  Langen  Thal. 

Man  findet  sie  so  am  Burgberg,  wenn  man  von  Bischofsrode 
kommend  das  Lange  Thal  aufwärts  geht  bis  dahin,  wo  es  sich 
beim  Burgberg  in  zwei  Arme  theilt  und  hier  von  der  westlichen 
Thalseite  über  den  Verbindungsweg  nach  der  östlichen  Thalseite 
geht.  Verfolgt  man  von  diesem  Wege  aus  den  östlichen  Thalweg 

O O O o 

am  Abhange  des  Burgbergs  nach  Nordosten  hin  200  Schritt  weit 
bis  zu  einer  dickeren  Buche,  so  hat  man  etwas  über  der  Thal- 
sohle eine  Felspartie  über  sich,  an  welcher  die  Bank  cc  in  etwa 
3 Meter  Höhe  über  der  Stelle,  wo  der  nackte  Fels  aus  dem  Gei’öll 
hervortritt,  ansteht. 

Es  ist  nur  ein  schmales  Bänkchen  von  0,34  Meter  Dicke, 
speciell  von  oben  nach  unten  zusammengesetzt  aus: 

1)  0,11  Meter  hartem,  blauem  Kalk; 

2)  0,05  » desgleichen; 

3)  0,10  » massig  gelb  gefärbtem  Oolithkalk; 

4)  0,08  » desgleichen. 

In  den  Lagen  3 und  4 sind  die  Oolithkörner  theilweise  blass, 
theilweise  sind  sie  durch  Eisenoxydhydrat  gelb  gefärbt. 

Etwas  typischer  und  auch  mächtiger  sieht  die  Bank  a aus  in 
geringer  Entfernung  von  hier,  nahe  vor  der  auf  dem  Messtisch- 
blatte angegebenen  Waldgrenze.  Sie  tritt  hier  an  einem  Felsen 
in  3 Meter  Höhe  über  seiner  Basis  hervor  und  ist  daselbst  eine 
0,55  Meter  dicke,  oolithische,  intensiv  gelb  gefärbte  Bank. 

Die  Bank  ß trifft  man  au  der  zuerst  erwähnten  Stelle  nach 
einer  rohen  Messung  in  8 Meter  Höhe  über  der  Bank  a.  Sie  ist 
ebenfalls  ein  nur  schwaches,  0,24  Meter  mächtiges,  gelbgefärbtes 
Bänkchen,  dessen  Färbung  hier  jedoch  weniger  von  Oolithkörnern, 
als  von  einem  Eisengehalt  herrührt,  welcher  in  Form  von  Punkten, 
Flecken  und  Strichen  darin  vertheilt  ist. 

Die  Identität  dieser  Bänkchen  mit  den  Schaumkalkbänken  a 
und  ß lässt  sich  auch  hier  leicht  an  dem  Vorkommen  des  gelben 


40 


W.  Fkantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Kalklagers  in  dem  Mittel  zwischen  beiden  Bänken  und  ferner  an 
der  regelmässigen  Folge  der  übrigen  Bänke  in  höherem  Niveau 
nachweisen.  Auch  hier  erscheinen  an  dem  Abhang  über  der 
Oolithbank  « und  ß in  den  gewöhnlichen  Abständen  die  Spirifer 
fragilis-Bank,  die  beiden  Terebratelbänke  und  auf  dem  östlichen 
Kopf  des  kahlen  Burgbergs,  neben  welchem  ein  Waldweg  nach 
Norden  aufwärts  führt,  auch  die  unterste  Schaumkalkbank. 

Man  sieht  an  diesem  Profile,  dass  auch  in  der  Section  Berka 
die  Gliederung  des  Wellenkalks  dieselbe  ist,  wie  überall  in  der 
Umgebung  des  Thüringer  Waldes. 

ü O O 

In  der  Nähe  des  Burgberges  habe  ich  übrigens  etwa  10  bis 
15  Minuten  weiter  aufwärts  an  der  westlichen  Seite  des  Langen 
Thals  an  einer  Felswand  den  ausserordentlich  seltenen  Fall  fest- 
stellen können,  dass  eine  der  beiden  Bänke  a und  ß an  zwei  nahe 
bei  einauderliegenden,  räumlich  sehr  beschränkten  Stellen  wirklich 
vollständig  fehlte. 

2.  Die  Schaumkalkzone  7 oder  die  Zone  der  Bänke  mit 
Terebratula  vulgaris. 

Bekanntlich  haben  diese  Bänke  ihren  Namen  »Terebratelbank« 
nach  dem  Reichthum  an  Terebratula  vulgaris  erhalten,  welche 
Versteinerung  im  Wellenkalk  in  grösster  Menge  und  weitester 
Verbreitung  nur  in  dieser  Region  gefunden  wird. 

Herr  Bornemann  hält  jedoch  die  Gleichstellung  der  Terebrateln- 
führenden Bänke  im  Wellenkalk  für  unstatthaft,  weil  er  auch  in 
anderen  Bänken  des  Wellenkalks,  als  in  denen  der  Zone  y der- 
artige Muscheln  gefunden  hat  und  gestattet  sich  dabei  von  einer 
Schablone  zu  reden1),  nach  welcher  E.  E.  Schmid  in  Thüringen 
seine  Kartenaufnahmen  gemacht  haben  soll,  indem  von  ihm  Tere- 
bratelbänke gezeichnet  worden  seien,  »wenn  auch  manchmal  die 
Terebrateln  ganz  fehlten«. 

Diesen  Angriff  auf  die  Verwendbarkeit  der  Terebratula  vulgaris 
für  die  Gliederung  im  Wellenkalk  halte  ich  für  ebenso  ungerecht- 
fertigt, wie  den  Ausfall  auf  Schmid,  welcher  mit  vollem  Recht 


l)  a.  a.  0.  S.  314. 


des  untereD  Muschelkalks  in  einem  TheHe  von  Thüringen  etc. 


41 


die  Wichtigkeit  dieser  Muschel  für  die  Bestimmung  der  Bänke 
des  Wellenkalks  betont.  Was  Herr  Bornemann  dagegen  vorbringt, 
sind  auch  nur  rein  theoretische  Betrachtungen , da  er  keinen 
einzigen  Fall  anzugeben  weiss,  in  welchem  in  Folge  der  Benutzung 
des  Vorkommens  der  Terebratula  vulgaris,  sei  es  durch  Schmid, 
sei  es  durch  Andere,  ein  Irrthum  in  der  Bestimmung  der  Bänke 
vorgekommen  wäre. 

Die  grosse  Bedeutung  der  Terebratula  vulgaris  für  die  Orien- 
tirung  im  Wellenkalk,  welche  in  dem  fast  ausschliesslichen  Vor- 
kommen derselben  in  der  Schaumkalkzone  7,  in  der  weiten  Ver- 
breitung dieser  Muschel  und  in  der  Massenhaftigkeit  ihres  Vor- 
kommens begründet  ist,  geht  dadurch  nicht  verloren,  dass  hie  und 
da  in  den  Terebratelbänken  diese  Muscheln  selten  werden.  Wenn 
sie  auch  einmal  verschwinden,  so  tauchen  sie  doch  bald  wieder 
in  Menge  darin  auf;  so  auch  in  der  Eisenacher  Gegend,  wo  ich 
am  Wisch  bei  Kreuzburg,  ebenso  wie  an  anderen  Orten  oft  stunden- 
lang in  den  Terebratelbänken  nach  ihnen  vergebens  gesucht  habe, 
während  sie  gegenüber,  am  anderen  Ufer  der  Werra,  am  Brücken- 
berge darin  in  Menge  liegen. 

Ebenso  wenig  kann  es  den  Werth  der  Terebratula  vulgaris 
für  die  Orientirung  wesentlich  beeinträchtigen,  wenn  diese  Muschel 
als  Seltenheit  auch  einmal  in  der  Schaumkalkzone  ö oder  in  der 
Region  unter  den  Terebratelbäuken  auftaucht.  Der  Werth  einer 
Leitmuschel  wird  nicht  lediglich  durch  das  Vorkommen  derselben 
an  sich,  sondern  viel  mehr  durch  ihre  weite  Verbreitung  und  die 
Menge  bestimmt.  Eine  Seltenheit  kann  meines  Erachtens  gar 
nicht  Leitmuschel  sein,  eben  weil  man  sie  fast  nie  zu  sehen  be- 
kommt, und  sie  darum  nicht  leiten  kann.  Terebratula  vulgaris 
ist  aber  eine  Leitmuschel  ersten  Ranges,  weil  man  sie  an  den 
meisten  Orten  in  den  Terebratelbänken  findet  , oft  so  zahlreich, 
dass  sie,  man  kann  fast  sagen,  in  jedem  Handstücke  steckt, 
während  man  sich  Jahre  lang,  Tag  für  Tag,  mit  dem  Wellenkalk 
beschäftigen  kann,  ehe  man  ausserhalb  der  Terebratelzone  auch 
nur  einen  Splitter  von  dieser  Muschel  zu  sehen  bekommt. 

Was  übrigens  die  durch  Herrn  Bornemann  bei  Eisenach  im 
Wellenkalk  angeblich  ausserhalb  der  Zone  7 aufgefundenen  Tere- 


42 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


bräteln  angeht,  so  sind  sie  sehr  wenig  geeignet,  die  Ansichten 
desselben  zu  unterstützen.  Ihre  Zahl  ist  so  gering,  dass  er  sie 
einzeln  herzählen  kann.  Es  steht  ferner  von  einem  Theile  der- 
selben gar  nicht  fest,  aus  welchem  Niveau  sie  herrühren,  ob  sie 
nicht  vielleicht  theilweise  aus  der  Zone  7 selbst  stammen,  oder  ob 
sie,  was  mir  sehr  wahrscheinlich  erscheint,  nicht  grösstentheils  zu 
Terebratula  Ecki  gehören. 

Wie  bereits  oben  angegeben  wurde,  besteht  die  Abtheilung  y 
aus  zwei  durch  gewöhnlichen  blauen  Wellenkalk  getrennten 
Schaumkalkbänken,  welche  so  nahe  bei  einander  liegen,  dass  man 
sie  zu  einer  einzigen  Zone  vereinigt  hat.  Der  Abstand  der  Bänke 
von  einander  ist  erheblich  kleiner,  wie  derjenige  der  Bänke  a 
und  ß,  so  dass  sie  sich  daran  leicht  von  diesen  ähnlich  aussehenden 
Bänken  unterscheiden  lassen.  Beide  Bänke  sind  recht  constant; 
doch  geht  die  obere  Bank  in  manchen  Gegenden  nicht  selten  in 
oolithfreien  oder  oolitharmen,  ebenflächigen  Kalkstein  über. 

Bei  Jena  sind  die  beiden  Terebratelbänke  schaumig;  die 
untere  Bank  ist  nach  Schmid  5 bis  6 Fuss,  die  obere  21/2  bis 
4 Fuss  dick.  Ihre  Entfernung  von  einander  beträgt  hier  nur 
3 bis  4 Fuss  und  wird  an  anderen  Orten  an  der  Ostseite  des 
Thüringer  Waldes  hie  und  da  noch  etwas  geringer. 

An  der  Westseite  dieses  Gebirges,  in  der  Gegend  von 
Mein  in  gen,  ist  die  Entfernung  der  beiden  Bänke  von  einander 
erheblich  grösser,  wie  an  der  Ostseite  desselben.  Sie  beträgt 
ziemlich  constant  21/2  bis  3 Meter. 

Die  untere  Bank  ist  hier  durchschnittlich  dicker,  wie  die 
obere ; meistens  hat  sie  gegen  3/4  bis  1 Meter  Mächtigkeit,  schwillt 
jedoch  bei  Dreissigacker  bis  zu  1,63  Meter  an.  Die  obere  Bank 
hat  bei  Meiningen  gewöhnlich  nur  eine  Mächtigkeit  von  0,4  bis 
0,6  Meter. 

Die  untere  Terebratelbank  ist  in  dieser  Gegend  ein  ziemlich 
gelb  gefärbter  Oolithkalk,  in  welchem  die  Oolithkörner,  die  häufig 
etwas  zerfressen  sind,  gewöhnlich  nur  in  mässiger  Menge  und  lange 
nicht  so  zahlreich  erscheinen,  wie  in  der  Oolithbank  ß.  Die  obere 
Bank  ist  zuweilen  ebenfalls  oolithisch,  aber  an  den  meisten  Stellen 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Tlieile  von  Thüringen  etc. 


43 


bestellt  sie  hier  nur  aus  oolithfreiem , gewöhnlichen  Kalkstein, 
welcher  wie  die  untere  Bank  reich  ist  an  Terebrateln  und  ferner 
auch  sehr  reich  an  grossen,  weissen  Encrinitenstielen,  an  letzteren 
viel  reicher  wie  die  untere. 

In  dieser  Gegend  findet  man  übrigens  Terebratula  vulgaris 
zuweilen  auch  wohl  in  einem  Petrefactenbänkchen,  welches  in  etwa 
1 Meter  Abstand  über  der  oberen  Terebratelbank  vorkommt. 

In  der  Puldaer  Gegend  fand  ich  bei  den  Schürfarbeiten 
in  der  Nähe  des  projectirten  Eisenbahntunnels  an  der  Oberbern- 
hardser  Höhe  im  Mambachgrunde  die  Terebratelzone  genau  so 
zusammengesetzt,  wie  bei  Meiningen. 

Die  untere  Terebratelbank  ist  auch  hier  eine  gelbe,  oolithische 
Bank  mit  zahlreichen  gelben  Oolithköruern.  Ihre  Mächtigkeit  be- 
trägt gegen  3/4  bis  1 Meter. 

Die  obere  Terebratelbank  ist,  wie  bei  Meiningen,  fast  ganz 
frei  von  Oolithkörnern  und  ist  auch  hier  durch  den  Reichthum 
an  Terebrateln  und  an  grossen  weissen  Encrinitenstielen  ausge- 
zeichnet. 

In  einem  dieser  Schürfe  war  die  Bank  in  zwei  Packen  ge- 
theilt.  Die  Unterbank  war  0,68  Meter,  der  Oberpacken  0,12  Meter 
dick.  Das  Liegende  war,  wie  gewöhnlich,  blauer,  ebenflächiger 
Kalkstein  von  0,65  Meter  Mächtigkeit. 

Die  Mächtigkeit  der  ganzen  Terebratelzone  von  der  Unter- 
kante  der  unteren  bis  zur  Oberkante  der  oberen  Terebratelbank 
wurde  hier  an  einer  Stelle  genau  gemessen  und  auf  6,21  Meter 
bestimmt. 


In  den  Sectionen  Eisenach,  Kreuzburg,  Netra,  Treffurt 
und  Berka  sind  ebenfalls  überall  2 Terebratelbänke  vorhanden, 
welche  etwa  in  derselben  Entfernung  aus  einander  liegen,  wie  bei 
Meiningen.  Beide  Bänke  sind  schaumig  oder  oolithisch;  jedoch 
enthalten  sie  in  diesen  Gegenden  gewöhnlich  zahlreiche  Streifen 
und  Lagen  von  oolithfreiem,  blauem  Kalk.  Der  letztere  ist  von 
ähnlicher  Beschaffenheit,  wie  derjenige,  welcher  das  Liegende  der 
Schaumkalkbänke  zu  bilden  pflegt.  Er  zeigt  häufig  eine  zackige, 
rauhe  Oberfläche,  mit  welcher  er  in  die  schaumigen  Lagen  ein- 


44 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


greift,  so  dass  beide  Gesteinsarten  sehr  innig  mit  einander  ver- 
bunden erscheinen. 

Dieser  blaue  Kalk  enthält  besonders  dann,  wenn  die  Lagen 
dicker  werden,  häufig  eigenthümliche,  etwa  fingerdicke  Löcher, 
welche  das  Gestein  unregelmässig,  aber  doch  meistens  senkrecht, 
durchziehen  und  welche  theils  leer,  theils  mit  ockerfarbigem  Kalk 
ausgefüllt  sind  (Löcherkalk). 

Besonders  häufig  und  charakteristisch  findet  man  diese  Löcher 
in  der  Umgegend  von  Eisenach  in  einer  dicken  Lage  von  blauem 
Kalk,  welche  das  Hangende  der  unteren  Terebratelbank  bildet. 
Sie  pflegt  mit  ihr  so  fest  verwachsen  zu  sein,  dass  man  diesen 
Löcherkalk  von  der  Bank  hier  nicht  trennen  kann. 

Dieser  Löcherkalk  kommt  besonders  dann  zur  Geltung,  wenn 
sich  die  Terebratelbänke  über  grössere  Flächen  ausbreiten,  wie 
dieses  z.  B.  auf  dem  Plateau  östlich  von  Wolfmannsgehau  in  der 
Section  Kreuzburg  der  Fall  ist.  Man  sieht  dann  das  wunderlich 
aussehende,  von  den  Bauern  aus  den  Feldern  gehobene  Gestein 
zuweilen  in  zahlreichen  Haufen  auf  den  Feldern  und  in  den 
Wegen. 

Bei  Meiningen  kommt  derartiger  Kalk  nur  in  geringen  Spuren 
vor.  Es  finden  sich  dort  zuweilen  derartige,  aber  meist  viel 
engere  Löcher  in  dem  blauen  Kalk  unter  der  unteren  Terebratel- 
bank und  unter  der  Oolithbank  ß.  In  der  Umgegend  von  Eise- 
nach aber  tritt  derselbe  so  beständig  in  den  Terebratelbänken, 
namentlich  in  den  unteren,  auf,  dass  man  ihn  zum  Wiedererkennen 
derselben  benutzen  kann.  Allerdings  darf  dies  nur  mit  Vorsicht 
geschehen,  indem  er  dort  auch  wohl  in  Verbindung  mit  anderen 
schaumigen  Bänken  vorkommt,  so  in  der  Schaumkalkzone  o unter 
der  unteren  Bank.  Man  beobachtet  ihn  an  dieser  Stelle  z.  B.  auf 
dem  Plateau  östlich  von  Wolfmannsgehau.  Indessen  ist  sein  Vor- 
kommen ausserhalb  der  Terebratelzone  viel  seltener;  auch  pflegt 
ausserhalb  derselben  der  Löcherkalk  weniger  charakteristisch  aus- 
gebildet zu  sein,  so  dass  ich  im  Allgemeinen  dem  Urtheile 
Sciimid’s  über  die  grosse  Bedeutung  dieses  Löcherkalks  für  die 
Identificirung  der  Terebratelbänke,  allerdings  mit  obiger  Ein- 
schränkung, beistimme. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


45 


Wenn  Herr  Bornemann  j),  der  demselben  diese  Bedeutung 
abspricht,  in  seiner  Abhandlung  sagt,  dass  man  den  Löcherkalk 
in  jedem  grösseren  Steinbruche  finden  könne,  so  ist  das  sicher 
eine  viel  grössere  Uebertreibung,  wie  die,  welche  er  an  dem  Aus- 
spruche Sciimid’s  tadelt. 

Als  Beispiel  von  der  Zusammensetzung  der  Terebratelzone 
in  dieser  Gegend  gebe  ich,  da  in  anderen  Orten  die  Verhältnisse 
ganz  ähnliche  zu  sein  pflegen,  lediglich  eine  Messung  vom  Zickels- 
berge bei  Hörschel  unweit  Eisenach,  wo  alte  Steinbrüche  auf  der 
Höhe  des  Berges  gute  Aufschlüsse  gewähren. 

Die  obere  Terebratelbank  besteht  daselbst  von  oben  nach 
unten  aus  folgenden  Schichten: 

1)  0,20  Meter  Schaumkalk;  die  Oberfläche  desselben  ist 

sehr  uneben; 

2)  0,01  » Mergel; 

3)  0,13  » Schaumkalk; 

4)  0,01  » Mergel; 

5)  0,12  » Schaumkalk; 

6)  0,18  » blauer  Kalk  in  6 Lagen,  jede  mehrere 

Centimeter  dick; 

7)  0,15  » blauer  Kalk,  unten  wulstig,  nach  oben  hin 

an  einigen  Stellen  oolithisch; 

8)  0,03  » mergeliger  Kalk; 

9)  0,16  » blauer  Kalk,  der  stellenweise  unten  mässig 

schaumig  wird.  In  diese  schaumigen 
Partien  greift  der  übrige  blaue  Kalk  von 
oben  her  zackig  ein; 

10)  0,03  » Mergelstreifen; 

11)  0,20  » Schaumkalk , welcher  hier  und  da  kleine, 

parallel  mit  der  Schichtung  liegende, 
platte,  Flussgeröllen  ähnliche,  blaue  Kalk- 
steinchen  einschliesst; 


*)  a.  a.  O.  S.  318. 


46 


W.  Feantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


12)  0,09  Meter  blauer,  etwas  conglomeratischer  Kalk  mit 

zackigen  Schichtflächen.  Er  ist  nach 
oben  zackig  mit  dem  Schaumkalk  ver- 
wachsen ; 

13)  0,23  » feste,  blaue  Kalklage,  die  ebenfalls  mit 

No.  12  zackig  verbunden  ist; 

14)  0,06  » fester,  blauer  Kalk,  oben  zackig  und  rauh; 

15)  0,06  » Schaumkalk; 

16)  0,10  » blauer  Kalk,  oben  und  unten  zackig; 

17)  0,18  » Schaumkalk; 

18)  0,36  » fester,  nach  oben  mit  dem  Schaumkalk 

zackig  verwachsener,  blauer  Kalk,  der  hier  und  da  von  Löchern 
durchzogen  ist  (Löcherkalk). 

Die  Addition  dieser  grossen  Menge  von  einzelnen  Lagen, 
deren  Zahl  und  Mächtigkeit  übrigens  schon  in  dem  Steinbruche 
selbst  stark  variiren,  ergiebt  eine  Mächtigkeit  der  oberen  Tere- 
bratelbank von  2,30  Meter.  Der  Schaumkalk  der  Bank  ist  mehr 
oder  weniger  stark  porig  und  durch  Ausscheidung  von  etwas 
Eisenoxydhydrat  an  den  Wandungen  mancher  Poren  ein  wenig 
gelblich  gefärbt. 

An  Versteinerungen  fand  ich  bei  längerem  Suchen  viele  Stiele 
von  Encrinus , auch  von  Pentacrinus , sparsam  Dentalium  laeve , von 
Terebratula  vulgaris  bloss  2 Exemplare,  1 Exemplar  von  Spirifer 
hirsutus , mehrere  Exemplare  von  Nucula  Goldfussi  und  einige 
Gastropoden.  Bemerkenswerth  ist  es,  dass  sich  auch  ein  recht 
schönes  Exemplar  von  Myophoria  orbicularis  vorfand. 

Unter  der  oberen  Terebratelbank  folgt  bis  zur  obersten  Lage 
Schaumkalk  in  der  unteren  Terebratelbank  eine  3,40  Meter  mächtige 
Ablagerung,  welche  im  Einzelnen,  von  oben  an,  wie  folgt  zu- 
sammengesetzt ist: 

1)  1,50  Meter  Wellenkalk,  welcher  nur  wenig  wellig  ist 

und  in  0,4  Meter  unter  der  oberen  Tere- 
bratelbank einige  Strafen  mit  Neigung 

o o o 

zu  schräger  Schieferung  enthält; 

2)  0,18  » Wellenkalk,  welcher  stellenweise  schräge 

Absonderung  zeigt; 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


47 


3)  0,34  Meter  conglomeratischer  Wellenkalk; 

4)  0,80  » schwach  wulstiger  Wellenkalk; 

5)  0,58  » harte,  blaue,  etwas  knollig  und  wulstig 

erscheinende  Kalklage.  Es  ist  dies  die  in  der  Eisenacher  Gegend 
weit  verbreitete  an  anderen  Orten  als  Löcherkalk  ausgebildete 
Lage,  die  mit  der  unteren  Terebratelbank  gewöhnlich  fest  ver- 
wachsen ist  und  daher  auch  zu  dieser  gerechnet  werden  kann. 

Die  unter  diesen  Schichten  liegende  untere  Terebratelbank 
besteht  am  Zickelsberge  von  oben  nach  unten  aus  folgenden 
Schichten  : 


1)  0,30  Meter  Schaumkalk; 

2)  0,40  » blauer,  fester  Löcherkalk; 

3)  0,24  » Schaumkalk; 

4)  0,02  » blauer,  fester  Kalk; 

5)  0,08  » Schaumkalk; 

6)  0,04  » blauer,  fester  Kalk; 

7)  0,04  » Schaumkalk; 

8)  0,03  » blauer,  fester  Kalk; 

9)  0,40  » Schaumkalk  mit  Schnüren  von  blauem, 

zackig  mit  dem  Schaumkalk  verbundenem 
Kalk; 

10)  0,05  » blauer  Kalk; 

11)  0,07  » desgleichen; 

12)  0,55  » gelber  Schaumkalk. 


Die  Gesammtmächtigkeit  der  unteren  Bank  beträgt  also 
2,22  Meter,  die  Gesammtmächtigkeit  der  ganzen  Terebratelzone 
nach  obigen  Angaben  7,92  Meter. 


In  dem  Profile  des  Kirchthals  bei  Eichrodt  wird  die 
untere  Terebratelbank  durch  die  von  Herrn  Bornemann  mit  u. 
und  v,  die  obere  durch  die  mit  tt  und  iri  bezeichneten  Schichten 
vertreten. 


48 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Beide  Bänke  sind,  ähnlich  wie  am  Zickelsberge,  aus  ver- 
schiedenen Lagen  Schaumkalk  oder  Oolithkalk  und  aus  blauem, 
oolithfreiem  oder  oolitharmem  Kalkstein  zusammengesetzt,  die  so 
innig  mit  einander  verwachsen  sind,  dass  man  sie  garnicht  von 
einander  trennen  kann.  Es  ist  lediglich  Willkür,  wenn  Herr 
Bornemann,  wie  es  scheint,  seiner  Theorie  von  der  verschiedenen 
Entstehung  der  Schaumkalke  und  der  Pseudooolithe  zu  lieb,  die 
schaumigen  und  oolithischen  Lagen  |x  und  v von  einander  trennt; 
wenn  er  ferner  die  obere  Terebratelbank  als  eine  durch  Verwit- 
terung »braun«  gewordene  Bank  bezeichnet,  obwohl  sie,  ebenso 
wie  die  untere  Bank,  ganz  deutlich  eine  oolithische  oder  schaumige 
Beschaffenheit  erkennen  lässt  und  wenn  er  nur  einem  Streifen  der 
unteren  Bank  ganz  einseitig  den  Namen  »Terebratelbank«  beilegt, 
der  oberen  Bank  tt  -j  aber  nicht,  obwohl  er  selbst  die  für  diese 
Bank  so  bezeichnenden  Spiriferen  und  auch  die  Terebratula  vul- 
garis als  Versteinerungen  daraus  anfuhrt. 

Die  Angabe  des  Herrn  Bornemann  l),  seine  Bank  p des 
Kirchthals,  die  untere  Terebratelbank,  sei  erfüllt  von  den  in 
anderen  Gegenden  weit  höher  liegenden  Schaumkalk  - Petrefacten, 
lasse  ich  zunächst  auf  sich  beruhen  Ich  werde  weiter  unten  bei 
der  Untersuchung  der  Schaumkalkzone  b darauf  zurückkommen. 


In  seiner  Abhandlung  hat  sich  Herr  Bornemann  mehrfach 
auch  auf  Verschiedenheiten  in  der  Zahl  der  Schaumkalkbänke  in 
der  Zone  in  den  von  den  Herren  Eck,  Giebelhausen  und 
v.  Seebacii  bearbeiteten  Blättern  Worbis,  Bleicherode,  Hayn, 
Nieder-Orschla,  Gr.  Keula  und  Immenrode  berufen.  Die 
Gliederung  der  Terebratelzone  ist  aber  auch  in  diesen  Sectionen 
keine  andere,  wie  bei  Eichrodt.  Wenn  der  eine  dieser  Schrift- 
steller eine  grössere  Anzahl  von  Schaumkalkbänken  in  der  Zone  7 
angiebt,  als  der  andere,  so  liegt  dies  zum  Theil  nur  an  der  Ver- 
schiedenheit in  der  Ausdrucksweise,  nicht  an  einer  wesentlichen 
Verschiedenheit  in  der  Zahl  der  Bänke.  Die  Abweichungen  in 
der  Zählung  rühren  daher,  dass  in  jenen  Sectionen  zuweilen  die 


!)  a.  a.  0.  S.  303. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


49 


oben  aus  der  Eisenacher  Gegend  von  mir  beschriebenen  Mittel  von 
blauem  Kalk  in  der  unteren  Terebratelbank  einige  Fuss  mächtig 
werden.  In  solchen  Fällen  haben  die  Autoren  aus  der  einen 
Bank  wohl  2 oder  3 Bänke  gemacht. 

Durch  derartige  Veränderungen  in  der  Zusammensetzung 
wird  aber  eine  Ablagerung  keine  andere,  als  sie  früher  war.  Die 
verschiedenen  »Bänke«  haben  sich  in  derselben  Zeit  gebildet,  in 
welcher  anderswo  die  einheitliche  Bank  entstand  und  sind  also 
geologisch  mit  ihr  vollkommen  identisch. 

Am  klarsten  lässt  sich  die  Uebereinstimmung  der  Terebratel- 
zone der  Meininger  und  Eisenacher  Gegend  mit  den  Bänken  der 
dritten  Schaumkalkzone  in  den  Mittheiluugen  des  Herrn  Giebel- 
Hausen  in  dem  Erläuterungshefte  zu  Blatt  Gr.  Keula  erkennen. 

Er  beschreibt  die  untere  Terebratelbank  als  eine  6 Fuss 
mächtige,  schaumige  Ablagerung  mit  unregelmässigen,  knotigen 
Wellenkalkplatten,  welche  röhrenförmige  Löcher  zeigen,  gerade 
so,  wie  sie  auch  bei  Eisenach  in  der  unteren  Bank  gefunden 
werden.  Die  obere  Bank  ist  2^2  Fuss  dick  und  von  der  unteren 
Bank  durch  ein  Wellenkalkmittel  von  8 Fuss  Mächtigkeit  ge- 
schieden.  Die  Lage  der  Bänke  in  fast  genau  demselben  Abstande 
von  der  zweiten  Schaumkalkbank  und  der  vierten  Schaumkalk- 
zone, die  Uebereinstimmung  in  der  Beschaffenheit  und  dem  Ab- 
stande der  beiden  Bänke,  alles  dies  stimmt  so  genau  mit  den 
Verhältnissen  der  Zone  *(  bei  Meiningen  und  Eisenach  überein, 
dass  über  die  Identität  dieser  beiden  von  Giebelhausen  beschrie- 
benen Bänke  mit  der  unteren  und  oberen  Terebratelbank  kein 
Zweifel  bleiben  kann. 

Die  untere  Bank  schwillt  nun,  indem  sie  Einlagerungen  von 
blauem  Kalk  aufnimmt,  in  den  benachbarten  Sectionen  stellen- 
weise zu  ungemein  grosser  Mächtigkeit  an,  nach  den  Mittheiluugen 
Eck’s  a)  bis  zu  lU/2  Fuss. 

Dass  die  drei  von  Eck  angeführten  Schaumkalkbänke  in  der 
That  nichts  sind,  wie  die  Repräsentanten  der  unteren  Bank,  lässt 
sich  ganz  klar  aus  den  genauen  Mittheiluugen  dieses  Schrift- 


Ei.  Eck,  Erläuterungen  zu  Blatt  Immenrode. 


Jahrbuch  1887. 


4 


50 


W.  Fran'tzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


stellers  über  die  Beschaffenheit  der  Zwischenmittel  erkennen.  Er 
beschreibt  sie  sämmtlich  als  Löcherkalk,  der  nach  meinen  Er- 
fahrungen nur  in  Verbindung  mit  den  Schaumkalkbänken  vor- 
kommt, nicht  aber  selbstständige  Lager  bildet,  die  etwa  hier  den 
Wellenkalk  zwischen  diesen  Bänken  vertreten  könnten. 

Uebrigens  beweist,  nebenbei  bemerkt,  das  Vorkommen  dieser 
Löcherkalke,  welche  von  allen  drei  genannten  Autoren  aus  der 
Terebratelzone  angeführt  werden,  dass  sie  für  die  Identificirung 
der  Zone  7 doch  nicht  so  unwichtig  sind,  wie  Herr  Bornemann 
glauben  machen  will.  Sie  kommen  nach  E.  Cartiiaus  *)  sogar 
noch  an  der  östlichen  Grenze  Westfalens  in  denselben  Bänken 
vor  und  »fehlen  dort  durchaus  in  den  höher  gelegenen  echten 
Schaumkalkbänken«. 

Die  obere  Terebratelbank  wird  von  TI.  Eck  in  den  Erläute- 
rungen zu  Blatt  Immenrode  allerdings  nicht  erwähnt.  Daraus 
folgt  noch  nicht,  dass  sie  dort  nicht  vorhanden  ist;  es  ist  vielmehr 
wahrscheinlich,  dass  sie  auch  dort  vorkommt  und  nur  deshalb  von 
ihm  nicht  unter  den  Schaumkalkbänken  aufgeführt  worden  ist, 
weil  sie  daselbst  vielleicht  nicht  aus  Schaumkalk,  sondern  wie  bei 
Meiningen  aus  blauem  Kalk  besteht.  Jedenfalls  ist  die  obere 
Terebratelbank  wie  in  der  Section  Gross -Keula,  auch  in  der 
benachbarten  Section  Worbis  vorhanden,  wo  sie  von  Herrn 
v.  Seebach *  2)  als  Deckplatte«  der  unteren  Bank,  die  durch  6Fuss 
Wellenkalk  von  den  übrigen  Schichten  getrennt  ist,  erwähnt  wird. 

Seltsam  berührt  es,  dass  Herr  Bornemann  3)  ein  Steinbruch- 
profil aus  dem  Ohmgebirge  bei  Worbis  veröffentlicht,  aus  welchem 
deutlich  genug  die  Liebereinstimmung  der  Verhältnisse  in  der 

ö O O 

Zone  7 dort  und  bei  Meiningen  hervorgeht  und  doch  diese  Ueber- 
einstimmung  in  Abrede  stellt. 

Die  Lage  von  0,34  Meter,  deren  Schaumkalknatur  Herr 
Bornemann  selbst  erwähnt,  ist  augenscheinlich  die  obere  Tere- 
bratelbank, unter  der  eine  1,25  Meter  dicke  Ablagerung  von 

')  E.  Carthaus  : Mittheilungen  über  die  Triasformation  im  nördlichen  West- 
falen und  in  einigen  angrenzenden  Gebieten.  1886,  S.  28  ff. 

2)  Erläuterungen  zu  Blatt  Worbis,  S.  8. 

3)  a.  a.  0.  S.  311. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


51 


blauem  Kalk  liegt,  ganz  so,  wie  man  dies  auch  anderswo  findet. 
Dann  kommt  abwärts  eine  Wellenkalkablagerung  von  5,20  Meter 
Mächtigkeit  und  endlich  die  2,20  Meter  mächtige  untere  Tere- 
bratelbanlc,  deren  Liegendes  von  einer  0,7  Meter  dicken  blauen 
Kalkschicht  gebildet  wird. 

Unrichtig  ist  es,  wenn  Herr  Bornemann  angiebt,  die  von 
mir  oben  mit  der  Terebratelbank  identificirte  0,34  Meter  mächtige, 
schaumige  Bank  sei  die  von  v.  8eebach  in  den  Erläuterungen 
zu  Blatt  Worbis  als  vierte  Schaumkalkzone  angegebene  Schicht. 
Letztere  liegt-  in  jener  Gegend  nach  den  übereinstimmenden  An- 
gaben aller  Schriftsteller  50  Fuss  über  der  Zone  y und  nicht  bloss 
ein  Paar  Meter.  Die  durch  Herrn  Bornemann  erwähnte  Bank 
ist  die  »Deckplatte«  des  Herrn  v.  Seebach,  von  deren  Zuziehung 
zur  Schaumkalkzone  o derselbe  ausdrücklich  warnt  J). 

3.  Die  Schaumkalkzone  o und  die  Orbicularis-Schichten. 

Die  oberste  Abtheilung  des  Wellenkalks  ist  diejenige,  über 
welche  die  Mittheilungen  der  Schriftsteller  am  meisten  von  ein- 
ander abweichen,  sowohl  in  Bezug  auf  die  Anzahl  der  Schaum- 
kalkbänke, als  auch  in  Hinsicht  auf  die  Mächtigkeit  der  Orbicu- 
laris-Schichten. 

Ich  habe  jedoch  die  Erfahrung  gemacht,  dass  auch  in  dieser 
Abtheilung  des  unteren  Muschelkalks  weithin  in  Thüringen  eine 
viel  grössere  Uebereinstimmung  herrscht,  als  man  nach  den  Mit- 
theilungen der  Autoren  annehmen  sollte  und  gefunden,  dass  die 
angeblichen  Abweichungen  nicht  selten  auf  irrthümlicher  Auf- 
fassung  der  Verhältnisse  beruhen. 

Eine  sehr  gewöhnliche  Veranlassung  zu  Verwechselungen  liegt 
darin,  dass  man  sich  in  der  Umgebung  des  Thüringer  Waldes  zu 
sehr  daran  gewöhnt  hat,  den  unteren  und  mittleren  Muschelkalk 
in  einem  und  demselben  Gewände  zu  sehen,  jenen  als  eine  Ab- 
lagerung harter,  blauer,  schieferiger  und  wulstiger  Wellenkalke, 
diesen  als  lichte  Mergel  mit  Einlagerung  von  Zellenkalken  und 
krystallinischen  »Dolomiten«.  In  manchen  Gegenden  Thüringens 


*)  Erläuterungen  zu  Blatt  Worbis,  S.  8. 


4* 


52 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


und  Hessens  nehmen  jedoch  die  obersten  Schichten  des  unteren 
Muschelkalks  ebenfalls  lichte  Färbung  an,  werden  mergelig  oder 
gelb  und  zugleich  mehr  oder  weniger  krystallinisch,  nach  Art  der 
Dolomite,  so  dass  sie  in  ihrem  äusseren  Aussehen  den  Gesteinen 
des  mittleren  Muschelkalks  sehr  ähnlich  werden. 

Bei  der  Abgrenzung  der  obersten  Schichten  des  Wellenkalks 
gehe  ich  von  den  Verhältnissen  bei  Meiningen  aus,  um  hei  der 
Vergleichung  einen  ganz  bestimmten  Maassstab  zu  haben.  Es  ist 
dies  um  so  mehr  thunlich,  als  die  Lage  der  Grenze,  wie  sie  von 
anderen  Autoren,  wie  von  Eck  bei  Rüdersdorf  und  von  Sandberger 
hei  Würzburg,  also  in  weit  entfernten  Gegenden  gezogen  ist,  mit  der 
Lage  der  oberen  Grenze  des  unteren  Muschelkalks  gut  übereinstimmt. 

In  der  Umgegend  von  Meiningen  gliedert  sich  die  oberste 
Abtheilung  des  Wellenkalks  in  die  Schaumkalkzone  5 hier,  wie 
in  einem  grossen  Theile  Thüringens,  der  Schaumkalk  xcct  äcoyyjv 
und  in  die  kleine  Abtheilung  der  Orbicularis-Schichten. 

Die  Schaumkalkzone  o enthält  bei  Meiningen  3 Schaumkalk- 
bänke, die  untere,  mittlere  und  obere  Schaumkalkbank.  Sie  sind 
bei  Dreissigacker  durch  Wellenkalkmittel  von  3,52  und  2,40  Meter 
Mächtigkeit  von  einander  getrennt. 

Die  untere  Bank  hat  bei  Meiningen  durchschnittlich  eine 
Dicke  von  1,5  bis  2 Meter,  die  mittlere  von  0,4  bis  0,6  Meter, 
die  obere  von  0,5  bis  0,7  Meter. 

Petrographisch  unterscheiden  sich  die  Bänke  dadurch,  dass 
die  unterste  Bank  gewöhnlich  sehr  licht  gefärbt  ist,  während  die 
obere  eine  viel  dunklere,  bräunliche,  bräunlich-gelbliche  bis  dunkel- 
braune Färbung  zeigt. 

O O 

Die  mittlere  Bank  ist  gewöhnlich  aus  vielen  Lagen  zusammen- 

o o 

gesetzt,  die  theils  aus  Schaumkalk,  theils  aus  gewöhnlichem  Kalk 
bestehen.  Es  ist.  für  dieselbe  recht  bezeichnend,  dass  sie  häufig 
zahlreiche  kleine  Rollsteinchen  einschliesst,  welche  zwar  viel  kleiner, 
aber  sonst  den  Rollsteinen  der  Flüsse  recht  ähnlich  sind.  Der- 
artige Gerolle  kommen  zwar  auch  wohl  in  anderen  Schaumkalk- 
bänken vor,  namentlich  auch  in  der  oberen  Schaumkalkbank  der 
Zone  6,  aber  doch  gewöhnlich  nicht  in  solcher  Zahl  und  nicht  so 
häutig.  In  der  mittleren  Bank  fand  ich  sie  auch  in  anderen 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  ctc. 


53 


Gegenden  weit  verbreitet,  so  dass  man  diese  Eigentümlichkeit 
zur  Unterscheidung  der  Bänke  mit  verwerten  kann. 

In  gleicherweise  kann  man  auch  das  Vorkommen  von  dünnen 
Wellenkalklagen  mit  eigentümlicher  schräger  Schieferung  be- 
nutzen. Derartige  Schichten  fehlen  zwar  in  keiner  Abteilung 
des  Wellenkalks,  sind  aber  nirgends  so  häufig  und  beständig,  wie 
in  dem  Mittel  zwischen  der  mittleren  und  oberen  Schaumkalkbank 
und  in  den  Orbicularis-Schichten. 

In  letzteren  sind  bei  Meiningen  in  verschiedener  Höhe  an 
vielen  Orten  2 bis  3 derartige  Lagen  vorhanden,  die  hier  bis 
0,24  Meter  Dicke  erreichen  und  dickschieferige  Structur  besitzen, 
während  sehr  häufig  hart  über  der  mittleren  Schaumkalkbank  eine 
ganze  Reihe,  bis  zu  8 derartige  Schichten  Vorkommen.  In  diesem 
Niveau  sind  sie  gewöhnlich  viel  dünner  wie  in  den  Orbicularis- 
Schichten,  und  der  geringeren  Dicke  entsprechend  feinschieferiger. 

Bei  den  Petrefacten  macht  sich  von  der  untersten  Schaum- 
kalkbank nach  oben  hin  eine  allmähliche  Verarmung  der  Schichten 
an  Versteinerungen  bemerkbar,  welche  ich  der  allmählichen  Zu- 
nahme des  Salzgehaltes  des  Meeres  zuschreibe. 

Die  unterste  Schaumkalkbank  in  der  Zone  o ist  eine  der 
petrefactenreichsten  Bänke  des  ganzen  Wellenkalks,  sowohl  was 
die  Arten,  als  was  die  Individuen  anlangt.  Unter  allen  am  häu- 
figsten sind  Stiele  von  Encriniten,  die  bei  Meiningen  in  der  oberen 
Bank  fehlen.  Ausserdem  stellen  sich  in  dieser  Bank  zuerst  zwei 
Arten  von  Petrefacten  in  grosser  Menge  ein,  welche  für  die  ganze 
Schaumkalkzone  o in  Thüringen  sehr  charakteristisch  sind,  die 
häufig  mit  der  Gervillia  costata  zusammen  geworfene  Gervillia 
Goldfussi  und  die  Myophoria  orbicularis. 

Beide  Arten  zählt  auch  Sandberger  ’)  unter  den  für  die 
Schaumkalkzone  o bei  Würzburg  charakteristischen  Versteinerungen 
auf  und  bezeichnet  derselbe  erstere  als  häufig.  Von  letzterer  wird 
ausdrücklich  hervorgehoben,  dass  sie  bei  Würzburg  erst  in  dieser 
Region  auftrete. 


L)  F.  Sandberger:  Die  Gliederung  der  Würzburger  Trias  und  ihrer  Aequi- 
valente. 


54 


W.  Fkantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Bei  Meiningen  und  Eisenach  geht  die  Myophoria  orbicularis 
allerdings  etwas  tiefer  abwärts,  da  sie  in  der  erstgenannten  Gegend 
von  mir  bereits  in  der  Petrefactenbank  mit  Spiri/er  liirsutus , etwa 
1 Meter  über  der  oberen  Terebratelbank  gefunden  wurde,  während 
sie  bei  Eisenach  auch  schou  in  der  Terebratelzone  vorkommt.  In- 
dessen ist  sie  hier  wie  dort  in  dieser  Region  nur  selten  und  keines- 
wegs ein  Leitfossil. 

In  der  oberen  Schaumkalkbank  haben  die  Petrefacten  an 
Arten  sehr  abgenommen.  Sehr  oft  findet  man  in  ihr  fast  nichts 
anderes,  als  Myophoria  orbicularis  und  Gervillia  Goldfussi , diese 
beiden  Arten  jedoch  in  grösster  Menge  bei  einander.  Zuweilen 
treten  auch  wohl  noch  andere  Myophorien,  besonders  Myophoria 
vulgaris  und  laevigata  und  ausserdem  einige  kleine  Gasteropoden 
hinzu. 

In  der  Orbiculariszone  verschwinden  die  Muscheln  bis  auf 
eine  einzige  Art,  die  Myophoria  orbicularis,  die  dicht  gedrängt 
neben  einander  liegend,  hier  dünne  Schichten  gänzlich  anfüllt. 
Neben  diesen  Muscheln  finden  sich  sonst  nur  noch  Reste  von 
Sauriern,  wie  Rippen,  aber  nicht  häufig. 

Die  obere  Grenze  des  Wellenkalks  «■egen  den  mittleren 
Muschelkalk  ist  bei  Meiningen  gewöhnlich  leicht  zu  ziehen,  da  an 
den  meisten  Orten  die  Orbicularis-Schichten  an  ihrer  allerdings  nur 
schwach  welligen  Beschaffenheit,  an  der  blauen  Färbung  des  Ge- 
steins und  an  der  Härte,  durch  welche  Eigenschaften  sie  sich 
ganz  an  den  Wellenkalk  anschliessen,  sich  leicht  von  den  darüber 
liegenden  ebenflächigen,  weichen,  lichten  und  bei  Meiningen  gänz- 
lich petrefactenleeren  Mergeln  des  mittleren  Muschelkalks  unter- 
scheiden lassen.  Die  Trennung  wird  überdies  dadurch  sehr  er- 
leichtert, dass  sich  sein'  häufig  an  der  Grenze  eine  etwa  1 Meter 
mächtige  Ablagerung  von  intensiv  gelb  gefärbtem  Kalk,  der  obere 
Ockerkalk  v.  Seebach  s,  einstellt,  welcher  als  unterste  Schicht  des 
mittleren  Muschelkalks  betrachtet  wird. 

Au  einzelnen  Stellen  fehlt  aber  der  gelbe  Kalk  und  es  er- 
scheinen über  der  oberen  Schaumkalkbank  statt  der  blauen  Schichten 
dickplattige,  mergelige  Gesteine,  welche  petrographisch  denen  des 
mittleren  Muschelkalks  ganz  ähnlich  sind. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


55 


Eine  derartige  Stelle  findet  sich  z.  B.  in  dem  Steinbruche 
auf  dem  Plateau  des  Still  an  der  Ostseite  des  Berges.  Hier  lagert 
unmittelbar  über  der  0,60  Meter  dicken  oberen  Schaumkalkbank 
0,3  Meter  hoch  gelber  Mergel,  der  an  anderen  Stellen  in  festeren 
gelben  Kalk  übergeht  und  auch  wohl  Streifen  von  blauem  Kalk 
einschliesst.  Diese  Ablagerung  enthält  wenige  Centimeter  über 
der  oberen  Schaumkalkbank  einen  Streifen  mit  schräger  Schieferung. 
Ueber  dieser  Schicht  lagert  bis  zur  Erdoberfläche,  noch  etwa 
2 Meter  hoch  lichter  Mergel,  der  etwa  auf  D/2  Meter  Höhe  diclc- 
bänkig  ist  und  Lagen  bis  zu  0,10  und  0,15  Meter  bildet.  Auch 
in  diesen  dickbänkigen  Mergeln  bemerkt  man  hier  und  da  in 
0,7  Meter  Höhe  über  der  Schaumkalkbank  einen  etwas  breiteren 
Streifen,  der  ebenfalls,  jedoch  in  geringerem  Grade,  schräge 
Schieferung  zeigt.  Die  mergeligen  Platten  zeigen  beim  Durch- 
schlagen den  erdigen  Bruch  der  Mergel,  lassen  aber  auf  den  von 
den  Sickerwassern  benagten  Klüften  zuweilen  die  wellige  Structur 
des  Wellen kalks  erkennen. 

Wie  hier,  liegen  die  Verhältnisse  auch  an  einigen  anderen 
Stellen  bei  Meiningen,  so  auf  dem  Dreissigackerer  Plateau. 

Ich  sehe  diese  mergeligen  dickeren  Platten  unmittelbar  über 
der  oberen  Schaumkalkbank  als  ein  Aequivalent  der  Orbicularis- 
Schichten  an  und  werde  dazu  hauptsächlich  dadurch  veranlasst, 
dass  die  darin  vorkommenden  Lagen  mit  schräger  Schichtung  an 
derselben  Stelle  erscheinen,  an  denen  sie  auch  in  den  typischen 
Orbicularis -Schichten  Vorkommen  und  dass  sie  zuweilen  ebenfalls 
Mijoplioria  orbicularis  enthalten,  wie  auf  dem  Dreissigackerer 
Plateau. 

Die  Orbicularis- Schichten  haben  bei  Meiningen  durchschnitt- 
lich eine  Mächtigkeit  von  2 — 4 Meter. 

Um  weiterhin  eine  genaue  Vergleichung  der  Gebirgsglieder 
in  der  Nähe  der  Grenze  zwischen  dem  unteren  und  mittleren 
Muschelkalk  durchführen  und  die  Grenze  überall  gleichmässig 
ziehen  zu  können,  gebe  ich  hier  auch  noch  das  Profil  der  untersten 
Schichten  des  mittleren  Muschelkalks  an. 

Ueber  dem  etwa  1 Meter  mächtigen  gelben  Kalk  an  der 
Basis  der  mittleren  Abtheilung,  oder  wenn  er  fehlt,  über  den 


56 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederun; 


dicken  Mergelplatten,  folgt  eine  Ablagerung  gelber  und  lichtgrauer, 
gewöhnlich  leicht  zu  Erde  zerfallender  Mergel  bis  zu  6 oder  7 Meter 
Dicke.  Dann  kommt  an  vielen  Orten  ein  Zellenkalklager,  welches 
etwa  1 Meter  Mächtigkeit  erreicht  und  auch  anderswo  am  Thüringer 
Walde  an  dieser  Stelle  erscheint  und  ohne  Zweifel  der  Auslaugung 
von  Gypslagern  seine  Entstehung  verdankt.  Ueber  dem  Zellen- 
kalk liegt  entweder  unmittelbar  oder  durch  eine  bis  zu  4 Meter 
Mächtigkeit  auschwellende  Ablagerung  von  Mergel  davon  getrennt, 
eine  Reihenfolge  von  dicken,  festen,  grauen  oder  blauen,  eben- 
flächigen Kalkplatten.  Sie  erreichen  bei  Meiningen  mindestens 
4 Meter  Mächtigkeit  und  sind  in  der  Umgebung  des  Thüringer 
Waldes  allgemein  verbreitet,  an  manchen  Orten  aber  zuckerig 
krystallisirt.  Sie  werden  dann  häufig  als  »Dolomite«  angeführt, 
obwohl  sie  dies  nach  ihrer  chemischen  Zusammensetzung  oft 
nicht  sind. 


(ranz  so  wie  bei  Meiningen  fand  ich  auch  bei  Jena  in  der 
Schaumkalkzone  3 3 Schaumkalkbänke,  welche  mit  den  3 Bänken 
bei  Meiningen  identisch  sind. 

Die  von  Wagner1)  als  untere  Schaumkalkbank  bezeichnete 
1,24  Meter  dicke  Bank  ist  die  untere  Schaumkalkbank  bei  Mei- 
ningen, während  die  3,52  Meter  höher  liegende,  von  Wagner  als 
obere  Schaumkalkbank  bezeichnete,  0,20  Meter  dicke  Bank  mit  der 
mittleren  Schaumkalkbank  bei  Meiningen  identisch  ist.  Der  oberen 
Schaumkalkbank  der  Meininger  Gegend  entspricht  bei  Jena  die 
von  Wagner  als  Grenzschicht  aufgeführte  0,54  Meter  über  der 
oberen  Schaumkalkbank  Wagner  s liegende  0,17  Meter  mächtige 
Bank,  mit  welcher  derselbe  den  unteren  Muschelkalk  schliesst. 

Dass  dies  richtig  ist,  lässt  sich  leicht  durch  eine  Vergleichung 
der  sehr  genauen  Beschreibung  der  genannten  Bänke  durch 
Wagner  mit  meinen  obigen  Mittheilungen  über  die  Beschaffenheit 

o o 

der  Schaumkalkbänke  bei  Meiningen  feststellen. 

Wagner  giebt  ausdrücklich  an,  dass  die  Grenzschicht  etwas 
schaumig  sei  und  nennt  als  bestimmbare  Reste  daraus  die  Myophoria 
orbicularis  und  die  Gervillia  costata , unter  welcher  Bezeichnung  er 


0 a.  a.  0.  S.  17. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Tkeile  von  Thüringen  etc. 


57 


die  GcrvilHa  Goldfussi  aufführt,  also  ganz  dieselben  Versteinerungen, 
welche  auch  in  Meiningen  unter  Ausschluss  fast  aller  anderen 
Petrefacten  massenhaft  in  der  oberen  Bank  vorhanden  sind. 

Auch  die  Beschreibung  der  »oberen  Schaumkalkbanke  des 
WAGNER’schen  Profils  passt  genau  zur  Beschreibung  der  mittleren 
Schaumkalkbank  von  Meiningen.  Sie  ist  bei  Jena,  ebenso  wie  bei 
Meiningen,  eine  theils  aus  Schaumkalk,  theils  aus  dichtem  Kalk 
zusammengesetzte  Bank,  in  welcher  auch  bei  Jena  zahlreiche 
flache  Scherben  dunkleren  Kalkes«  Vorkommen. 

Nach  der  Zutheilung  der  , Grenzschicht  zum  unteren  Muschel- 
kalk würden  in  dem  Wagner  sehen  Profile  die  Orbicularis-Sehichten 
ganz  ausfallen,  was  bei  der  sonstigen  Uebereinstimmung  des 
Muschelkalks  bei  Jena  mit  demjenigen  bei  Meiningen  Bedenken 
erregen  muss. 

Es  ist  auch  bereits  von  Herrn  Wagner  selbst  ein  Zweifel 
gegen  die  Richtigkeit  der  Grenze  zwischen  dem  unteren  und  mitt- 
leren Muschelkalk  bei  Jena  ausgesprochen  und  von  ihm  angegeben 
worden,  dass  man  die  Grenze  auch  höher  legen  könne  und  zwar 
über  den  bekannten  Saurierkalk  des  Rauhthaies  bei  Jena. 

Ich  bin  in  der  That  der  Meinung,  dass  letzteres  geschehen 
muss  und  dass  nur  das  abweichende  Aussehen  des  Saurierkalks 
dazu  verleitet  hat,  ihn  vom  unteren  Muschelkalk  abzutrennen. 
Denn  abgesehen  von  der  etwas  mergeligen  Beschaffenheit  dieser 
Schichten  und  ihrer  lichten  Färbung’,  welche  man  übrigens  auch 
anderswo  in  diesen  Schichten  beobachtet  und  welche,  wie  ich  oben 
ausgeführt  habe,  auch  wohl  bei  Meiningen  vorkommt,  stimmen 
die  Verhältnisse  derselben  mit  denen  in  anderen  Gegenden  sehr 
gut  überein. 

An  Versteinerungen  enthält  der  Saurierkalk  bei  Jena  die  für 
die  Orbicularis-Schichten  charakteristische  Myophoria  orbiculans  in 
grosser  Menge.  Sonst  sind  an  Petrefacten  hier  ebenfalls  nur  noch 
die  Saurierknochen  zu  finden,  die  auch  in  anderen  Gegenden  in 
diesen  Schichten  Vorkommen,  allerdings  lange  nicht  so  zahlreich 
wie  bei  Jena. 

Auch  die  Schichtenfolge  stimmt  bei  Jena,  wenn  man  diese 
Saurierkalke  zum  unteren  Muschelkalk  stellt,  genau  überein  mit 


58 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


der  Gliederung  in  anderen  Gegenden,  besonders  auch  bei  Meiningen 
und  Eisenach. 

lieber  den  lichten  Saurierkalken  sieht  man  in  dem  Stein- 
bruche beim  Jägerhaus  weiche,  zu  Erde  zerfallende  Mergel,  die 
oben  eigentümlich  geknickt  und  gebogen  erscheinen,  während  der 
unmittelbar  darunter  liegende  Saurierkalk  sich  in  horizontaler  Lage 
befindet.  Das  Vorkommen  dieser  Knickungen  beweist,  dass  hier 
über  den  Mergeln  mächtigere  Gypslager  vorhanden  waren,  welche 
durch  Umwandlung  des  ursprünglich  abgesetzten  Anhydrits  in 
Gyps  Druckerscheinungen  hervorgerufen  haben. 

In  etwas  höherem  Niveau  tritt  in  dem  Graben  westlich  von 
dem  Steinbruch  ein  mächtiges  Lager  von  lichten,  grauen  Kalk- 
platten  hervor,  welches  von  dem  unteren  Plattenkalklager  im 
mittleren  Muschelkalk  bei  Meiningen  sich  nicht  im  geringsten 
unterscheidet. 

In  den  Sectionen  bei  Eisenach  habe  ich  in  der  Schaumkalk- 
zone 8 ebenfalls  ganz  die  gleiche  Gliederung  und  annähernd  die- 
selben Abstände  der  Schaumkalkbänke  von  einander  gefunden,  wie 
bei  Meiningen.  Auch  die  Mächtigkeit  der  Orbicularis- Schichten 
ist  hier  keine  andere,  wie  anderswo  in  Thüringen  und  schwillt 
keineswegs  so  ungeheuer  an,  wie  Herr  Bornemann1)  behauptet. 
Nur  dadurch  unterscheiden  sich  die  Schichten  der  Zone  8 und 
die  Orbicularis- Schichten  in  diesen  Gegenden  von  den  gleichen 
Ablagerungen  südlich  von  Eisenach,  dass  nördlich  vom  Thüringer 
Walde  dieselben  häufig  in  einem  etwas  anderen  Gewände  erscheinen 
und  sich  in  ihrem  Habitus  den  Schichten  des  mittleren  Muschel- 
kalks nähern. 


In  der  Section  Eisenach  kann  man  sich  von  der  vollständigen 
Uebereinstimmung  der  Schaumkalkzone  o und  der  Orbicularis- 
Schichten  bei  Eisenach  mit  den  gleichen  Schichten  bei  Meiningen 
am  besten  an  dem  bereits  früher  von  mir  näher  bezeichneten  W ege 


»)  a.  a.  0.  S.  317. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


59 


am  östlichen  Abhang  des  Ramsberges  neben  der  Strasse  nach 
Kreuzburg  überzeugen. 

Die  untere  Schaumkalkbank  tritt  in  diesem  Wege  2 Schritt 
nördlich  von  der  östlich  neben  dem  Wege  stehenden  Kirschbaum- 
reihe als  eine  0,55  Meter  mächtige  Bank  hervor.  Das  Gestein  ist 
hier  oolithisch  und  in  Folge  eines  geringen  Eisengehaltes  an  dieser 
Stelle  ausnahmsweise  etwas  gelblich  gefärbt,  ähnlich  wie  die 
Oolithbänke  a und  ß.  Mit  der  gewöhnlichen  lichten  Farbe  trifft 
man  sie  in  34  Schritt  vom  WTege  nach  der  Strasse  hin,  wo  sie 
bei  dem  siebenten  Kirschbaum  in  einem  kleinen  Schürf  aus  dem 
Boden  hervortritt.  Sie  ist  hier  0,63  Meter  dick,  aber  nicht  ganz 
aufgeschlossen.  Das  Gestein  ist  theilweise  schaumig,  theilweise 
sind  die  Oolithkörner,  die  dicht  gedrängt  an  einander  liegen,  noch 
erhalten. 

Ueber  dieser  Bank  folgen  bis  zur  mittleren  Schaumkalkbank 


die  nachstehend  verzeichneten  Schichten: 

1)  0,14  Meter  hartes,  blaues  Kalksteinbänkchen; 

2)  0,38  » desgl. ; 

3)  0,51  » desgl.; 

4)  0,33  » desgl.; 

5)  0,43  » zerbröckelnder  Wellenkalk; 

6)  1,00  » Wellenkalk,  der  etwas  überrollt  ist; 

7)  0,60  grauer,  etwas  mürber  Kalkstein  in  dickeren 

Lagen  von  etwa  0,04  Meter  Dicke. 


Summa  3,39  Meter. 

Die  mittlere  Schaumkalkbank,  welche  nun  folgt,  trifft  man 
da,  wo  sich  der  Weg  nach  Westen  hin  umbiegt.  Sie  ist  ebenso 
wie  die  oben  erwähnten  Lagen  6 und  7 nicht  scharf  messbar  und 
mag  etwa  1 Meter  mächtig  sein.  Das  Gestein  der  Bank  enthält 
zahlreiche  Exemplare  von  Myophoria  orbicularis , ist  etwas  mürbe, 
gelblichgrau  gefärbt  und  steckt  ebenso,  wie  an  vielen  Orten  bei 
Meiningen,  voll  von  kleinen  platten  Rollstein  eben.  Es  ist  mässig 
oolithisch  oder  schaumig-porös;  doch  ist  die  Textur  etwas  verwischt, 
indem  das  Gestein  etwas  zuckerig-krystallinisch  verändert  ist. 

Die  Wellenkalkschichten  zwischen  der  mittleren  und  oberen 
Schaumkalkbank  sind  fast  ganz  durch  Gras  und  Schutt  verdeckt. 


60 


W.  Fbantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Letztere  tritt  hinreichend  deutlich  in  zahlreichen  grösseren  Stein- 
brocken in  2 bis  3 Meter  Höhe  über  der  mittleren  Bank  hervor. 
Das  Gestein  ist  grau  - gelblich  gefärbt,  ebenfalls  etwas  conglo- 
meratiscli  und  tlieils  oolithisch,  theils  feinporös. 

Die  Orbicularis- Schichten  sind  ziemlich  gut  aufgeschlossen. 
Sie  sehen  hier  ziemlich  normal  aus,  sind  blaugrau  gefärbt,  schwach 
zuckerig  und  bestehen  aus  wenige  Centimeter  dicken  Lagen.  Ihre 
Mächtigkeit  beträgt  etwa  5 Meter.  Nach  oben  werden  sie  dünn- 
schieferig, mürbe  und  gehen  allmählich  in  die  weichen  Mergel  des 
mittleren  Muschelkalk’ s über. 


In  der  Section  Kreuzburg  ist  die  Uebereinstiinmung  der 
Schaumkalkzone  o und  der  Orbicularis-Schichten  mit  den  gleichen 
Ablagerungen  bei  Meiningen  und  Jena  an  manchen  Orten  so  gross, 
dass  ihre  Unterscheidung  keine  Schwierigkeiten  macht,  während 
sie  anderswo  so  verändert  erscheinen,  dass  man  sie  leicht  mit 
Gesteinen  des  mittleren  Muschelkalks  verwechseln  kann. 

Für  solche  hat  sie  Herr  v.  Seebach  bei  seiner  Aufnahme  des 
Blattes  auch  mitunter  gehalten.  Die  grünliche  obere  Schaumkalk- 
bank wurde  von  ihm  als  Grenzschicht  zwischen  dem  unteren  und 
mittleren  Muschelkalk  angesehen  und  zu  der  zuletzt  genannten 
Abtheilung  gezogen. 

Die  Veränderungen,  welche  diese  Schichten  aufweisen,  bestehen 
darin,  dass  sie  die  gewöhnliche  blaue  Färbung  verlieren  und  dafür 
eine  lichte  oder  gelbliche  Farbe  annehmen.  Die  Festigkeit  des 
Gesteins  nimmt  ab  und  die  Structur  desselben  wird  oft  krystal- 
linisch,  ähnlich  wie  bei  den  zuckerigen  Dolomiten,  so  dass  diese 
Gesteine  in  der  Sonne  etwas  funkeln.  Die  krystalliuische  Be- 
schaffenheit tritt  besonders  deutlich  an  den  mächtigen  Schaum- 
kalkbänken hervor,  während  sie  bei  den  weicheren,  dünneren 
Zwischenlagen  weniger  scharf  ausgeprägt  ist  oder  ganz  zurücktritt. 

Ich  zweifle  nicht  daran,  dass  ein  Theil  dieser  Veränderungen, 
namentlich  die  mergelige  Beschaffenheit  mancher  Strafen,  in  einer 
Aenderung  der  ursprünglichen  Absätze  seinen  Grund  hat;  dagegen 
halte  ich  die  Bleichung  der  Gesteine  zu  einem  grossen  Theile 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


61 


und  ferner  ihre  krystallinische  Structur  für  die  Folge  einer 
Schichtenmetamorphose,  welche  die  obere  Abtheilung  des  unteren 
Muschelkalks  in  Folge  des  Eindringens  von  Schlottenwasser  aus 
dem  mittleren  Muschelkalk  bis  zu  mehr  oder  weniger  grosser  Tiefe 
betroffen  hat. 

Man  wird  diese  Wirkung  sehr  erklärlich  finden,  wenn  man 
die  grossartigen  Auslaugungsprocesse  betrachtet,  welche  nördlich 
vom  Thüringer  Walde,  besonders  in  den  Sectionen  Kreuzburg, 
Netra  und  Eisenach  in  den  Schichten  des  mittleren  Muschelkalks 
stattgefunden  haben. 

Man  erkennt  dieselben  sowohl  an  dem  eigentümlichen  Ver- 
halten der  Schichten  des  mittleren  Muschelkalks  in  diesen  Gegen- 
den, als  an  der  zerstörenden  Wirkung,  welche  sie  auf  die  Schichten 
über  dem  mittleren  Muschelkalk  ausgeübt  und  welche  früher  Herrn 
v.  Seebach  zu  seiner  Theorie  von  der  Entstehung  der  Verwerfungen 
und  zum  Theil  auch  der  Erdbeben  durch  Auslaugung  Veranlassung 

O O O 

gegeben  haben. 

Während  gewöhnlich  der  mittlere  Muschelkalk  eine  gleich- 
mässige  Mächtigkeit  zeigt,  schwillt  diese  Schichtenreihe  in  den 
genannten  Sectionen  stellenweise  auf  100  und  mehr  Meter  an, 
schrumpft  aber  nicht  weit  davon  auf  die  Mächtigkeit  von  wenigen 
Metern  zusammen.  Dabei  ändert  sich  jedoch  die  Zusammensetzung 
und  Mächtigkeit  der  darüberliegenden  Schichten,  namentlich  des 
Trochitenkalks,  nicht  im  geringsten. 

Eine  derartige  Erscheinung  lässt  sich  nur  dadurch  erklären, 
dass  man  annimmt,  dass  die  Mergel  des  mittleren  Muschelkalks 
an  manchen  Stellen  durch  sehr  mächtige  Salz-  und  Gypslager 
ersetzt  wurden,  welche  in  Folge  von  Auslaugung  durch  das  Wasser 
grösstentheils  wieder  verschwunden  sind. 

Reste  solcher  Lager  sind  noch  heute  an  vielen  Orten  in  diesen 
Gegenden  vorhanden.  Sie  schwellen  bis  zu  etwa  25  Meter  Mäch- 
tigkeit an  und  haben  durch  Umwandlung  des  Anhydrits  in  Gyps 
dieselben  Druckerscheinuugen  hervorgerufen,  welche  man  auch  in 
den  Mergeln  über  dem  Saurierkalk  bei  Jena  beobachtet.  Besonders 
schön  sieht  man  sie  in  dem  Steinbruch  bei  Hörschel  neben  der 
Kreuzungsstelle  der  Eisenbahn  mit  der  Landstrasse.  . Hier  ist 


62 


W.  Frantzes,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


bei  steiler  Aufrichtung  der  Schichten  durch  den  aufquellenden 
Gyps  fast  die  ganze  Schaumkalkzone  o bei  Seite  geschoben  und 
zerquetscht  worden.  Ein  anderer  bereits  von  Herrn  v.  Seebach 
erwähnter  Fundpunkt  dieser  Art  ist  der  Gypsbruch  anr  »Spanischen 
Reiter«  bei  Kreuzburg,  in  welchem  man  die  in  Folge  der  Pres- 
sungen im  Gypse  entstandenen  Zickzackbiegungen  besonders  schön 
beobachten  kann. 

Dass  diese  Lager  nur  geringe  Reste  der  ursprünglichen 
Absätze  sind,  folgt  aus  der  colossalen  Zerrüttung,  welche  das 
Deckgebirge,  besonders  in  den  Sectionen  Netra  und  Kreuzburg 
zeigt.  Dasselbe  ist  oft  gänzlich  zusammengebrochen.  Grosse 

O ö O 

Theile  der  hangenden  Formationen  und  selbst  Fetzen  der  Proto- 
cardien- Schichten  sind  in  die  Schlotten  eingesunken  und  werden 
jetzt  vom  mittleren  Muschelkalk  umgeben  nahe  über  dem  ungestört 
darunter  liegenden  Wellenkalk  gefunden. 

Es  ist  begreiflich,  dass  bei  der  langen  Dauer  dieses  Aus- 
laugungsprocesses  auch  die  Unterlage,  der  Wellenkalk,  in  Mit- 
leidenschaft gezogen  werden  musste.  Die  zunächstliegenden 
Schichten  wurden  gebleicht  und  zum  Theil  in  zuckerigen  Kalk 
verwandelt,  Erscheinungen,  welche  man  unter  ganz  ähnlichen 
Verhältnissen  auch  im  Zechsteiu  und  in  der  Nähe  aufsteigender 
Quellen  vielfach  beobachtet. 

Ob  auch  Veränderungen  in  der  chemischen  Zusammensetzung 
der  Gesteine  des  unteren  Wellenkalks  etwa  durch  Zuführung  von 
kohlensaurer  Magnesia  bei  diesem  Processe  vor  sich  gegangen 
sind,  muss  ich  dahin  gestellt  sein  lassen,  da  ich  dieselben  in  dieser 
Richtung  nicht  untersucht  habe. 

Es  ist  natürlich,  dass  da,  wo  der  mittlere  Muschelkalk  fast 
ganz  aus  Gyps  und  Salz  zusammengesetzt  war,  die  Reaction  gegen 
das  Deckgebirge  und  gegen  die  Unterlage  intensiver  sein  musste, 
als  da,  wo  der  Gyps  durch  Mergel  mehr  zurückgedrängt  wurde. 
Daraus  erklärt  sich  zum  Theil  der  Wechsel  in  der  Beschaffenheit 
der  obersten  Schichten  des  unteren  Wellenkalks  bei  Kreuzburg 
und  Eisenach,  die  an  dem  einen  Orte  ziemlich  typisch  erscheinen, 
an  einer  andern,  nicht  weit  entfernten  Stelle  dagegen  krystallinisch 
geworden  sind. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


63 


Ein  ziemlich  normales  Aussehen  haben  in  der  Section  Kreuz- 
burg die  Schichten  der  Schaumkalkzone  3 und  die  Orbicularis- 
Schichten  in  den  Steinbrüchen , welche  am  oberen  Rande  des 
Brückenberges  über  der  Liboriuskapelle  am  rechten  Werraufer  liegen. 

Geht  man  von  dieser  Kapelle  ab  den  Weg  nach  Mihla,  an 
dem  die  Telegraphenleitung  entlang  führt,  aufwärts  und  auf  der 
Höhe  des  steilen  Abhangs  bald  hinter  der  Wegbiegung  den  ersten 
Feldweg  nach  Süden,  so  trifft  man  links  am  Abhange  etwas  unter 
dem  oberen  Rande  desselben  in  einem  kleinen  Steinbruche  die 
untere  Schaumkalkbank. 

Sie  ist  in  der  südlichen  Ecke  des  Bruchs  vollständig  auf- 
geschlossen. Die  Bank  ist  hier  0,90  Meter  dick  und  enthält  einige 
Streifen  von  dichtem,  blauen  Kalk,  welcher  zackig  in  den  Schaum- 
kalk eingreift;  ferner  zahlreiche  Stylolithen,  welche  auch  anderswo 
in  derselben  sehr  gewöhnlich  sind  und  im  oberen  Theile  auch 
zahlreiche  grosse,  runde  Encrinitenstiele.  Der  Schaumkalk  hat 
hier  die  gewöhnliche  lichte  Färbung,  ist  nicht  zuckerig  und  sehr 
feinporig. 

Nur  wenige  Schritt  von  dieser  Stelle,  ganz  auf  der  Höhe, 
trifft  man  hart  neben  der  steilen  Felswand  des  Werrathaies  die 
mittlere  Schaumkalkbank  in  einem  kleinen  auf  ihr  betriebenen 
Steinbruch.  Sie  ist  hart  daneben  auch  in  einem  kleinen  Stein- 
bruche an  der  Felswand  aufgeschlossen. 

Die  Bank  besteht  hier  aus  einer  einzigen,  0,48  Meter  mächtigen 
Lage.  Das  Gestein  ist  ein  Gemenge  von  dunklem,  nicht  zuckerigem 
Schaumkalk  und  von  dichtem  Kalk,  welcher  auch  hier,  wie  bei 
Jena  und  Meiningen,  die  charakteristischen  Rollsteinchen  enthält. 
Auch  die  bei  Meiningen  unmittelbar  über  der  mittleren  Schaum- 
kalkbank so  häufig  vorkommenden  dünnen  Wellenkalklagen  mit 
der  eigenthümliclien  schrägen  Schieferung  findet  man  hier  wieder. 
Es  wurden  von  mir  4 derartige  Streifen  nahe  übereinander  beob- 
achtet, jeder  von  etwa  5 Centimeter  Dicke. 

An  Petrefacten  fand  ich  in  dem  Bänkchen  nur  solche,  die 
auch  in  der  unteren  Schaumkalkbank  häufig  sind : Encrinitenstiele, 
Myophoria  vulgaris , orbicularis,  laevigata  und  in  grösserer  Zahl 
Gervillia  socialis. 


64 


W.  Frantzes,  Untersuchungen  über  die  Gliederun. 


Die  oberste,  dritte  Schaumkalkbank  der  Zone  o ist  weiter 
nach  Süden  am  oberen  Rande  der  sich  allmählich  senkenden  Thal- 
wand in  einer  Reihe  fortlaufender  Steinbrüche  aufgeschlossen.  Das 
Gestein  der  Bank  ist  hier  ziemlich  dunkel  gefärbt,  glitzert  etwas 
in  der  Sonne  und  enthält  an  Petrefacten  wie  die  gleiche  Bank  bei 
Meiningen,  fast  nur  die  Gervillia  Goldfussi  und  die  Myophoria 
orbicularis,  diese  auch  hier  in  sehr  grosser  Menge.  Die  Mächtigkeit 
der  Bank  konnte  ich  trotz  der  bedeutenden  Länge  der  Steinbrüche 
nicht  bestimmen,  da  ich  die  Bank  nirgends  völlig  entblösst  fand. 

In  denselben  Steinbrüchen  trifft  man  auch  die  Orbicularis- 
Scliichten  fast  vollständig;  au  Geschlossen.  Ich  beobachtete  hier 
von  unten  nach  oben  folgendes  Profil: 

1)  0,8  Meter  ebenflächigen,  dünnschieferigen,  grauen  oder 

dunkel  gefärbten  Kalkstein; 

2)  0,8  » gelblichen  Kalkstein,  ähnlich  dem  gelben  Kalk 

an  der  Basis  des  Wellenkalks  bei  Meiningen 
und 

3)  3,0  » dickere  und  dünnere,  durch  etwas  Mergel 

getrennte,  blaue,  aussen  oft  etwas  gebleichte 
Kalkplatten,  auf  denen  man  häufig  Myoplioria 
orbicularis  findet. 

Damit  scliliesst  der  Aufschluss  ab  und  es  folgen  in  ganz  geringer 
Höhe  die  weissen  Mergel  des  mittleren  Muschelkalks. 

Die  Beschaffenheit  der  Schaumkalkzone  o ist  also  hier  eine 
ganz  ähnliche,  wie  bei  Meiningen,  ebenso  auch  die  Mächtigkeit 
und  sonstige  Beschaffenheit  der  Orbicularis- Schichten.  Nur  der 
gelbe  Kalk  unter  No.  2 des  Profils  ist  an  dieser  Stelle  eine  nicht 
ganz  gewöhnliche  Erscheinung. 

Andere  gute  Aufschlüsse  über  die  Verhältnisse  der  obersten 
Schichten  des  Wellenkalks  trifft  man  auch,  ganz  in  der  Nähe,  in 
den  Gräben  neben  der  von  der  Strasse  Kreuzburg-Uetteroda  ab- 
gehenden Fahrstrasse  nach  Mihla  und  in  den  von  ihnen  abzwei- 
genden Seitengräben. 

Die  untere  Schaumkalkbank  ist  daselbst  auf  längere  Strecken 
entblösst.  Das  Gestein  ist  feinporiger  Schaumkalk,  gewöhnlich  von 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


65 


lichter  Färbung,  doch  wird  es  in  Folge  eines  kleinen  Gehaltes  an 
Ocker,  der  sich  an  den  Wandungen  der  Poren  ans  den  ausgelaugten 
Oolithkörneru  abgesetzt  hat,  auch  wohl  etwas  gelblich.  Die  Bank 
schwillt  am  Wege  an  einer  Stelle  bis  zu  2,32  Meter  Mächtigkeit 
an  und  enthält  an  Petrefacten  zahlreiche  grosse  Encrinitenstiele, 
ferner  ziemlich  häufig  Dentalium  laeve,  und  vereinzelt  grosse  Exem- 
plare von  Turbonilla  scalata , also  lauter  Versteinerungen,  welche 
auch  bei  Meiningen  in  dieser  Bank  Vorkommen  und  in  dieser 

O 

Zusammenstellung  für  dieselbe  recht  charakteristisch  sind. 

Man  kann  in  dem  nach  Osten  ganz  unten  von  dem  Graben 
neben  der  Mihlaer  Strasse  abzweigenden  Seitengraben  auch  einen 
Aufschluss  in  den  Schichten  unmittelbar  unter  der  unteren  Schaum- 
kalkbank beobachten,  welcher  in  sofern  einiges  Interesse  in  An- 
spruch nimmt,  als  man  in  diesen  Schichten  eine  Petrefactenlage 
antrifft,  welche  mit  solcher  Beständigkeit  in  den  Sectionen  Kreuz- 
burg und  Netra  wiederkehrt,  dass  sie  zur  Orientirung  dienen  kann. 

Es  ist  eine  harte,  blaue  Platte,  auf  deren  Oberfläche  kleine 
Petrefacten,  worunter  Myophoria  vulgaris  und  Gervillia  socialis 
vorwiegen,  dicht  gedrängt,  eine  hart  au  der  anderen  neben  ein- 
ander liea;en.  Zuweilen  erscheinen  statt  der  einen  bis  drei  derartige 
Platten  nahe  über  einander.  Ueber  ihre  Lage  unter  der  unteren 
Schaumkalkbank  giebt  nachfolgendes  Profil,  in  welchem  die  Schichten 
von  der  unteren  Schaumkalkbank  von  oben  nach  unten  angegeben 
sind,  Auskunft: 

1)  0,40  Meter  harter,  blauer  Kalk  in  mehreren  Lagen; 

2)  0,35  » desgleichen,  eine  einzige  Schicht  bildend 

und  oben  zackig  in  1)  eingreifend; 

3)  1,57  » mergelige  Kalkschichten,  oben  von  lichter, 

unten  von  gelber  Farbe; 

4)  Die  blaue  Kalkplatte  mit  Myoplioria  vulgaris  und  Ger- 

villia socialis. 

Der  unter  3)  erwähnte  gelbe  Kalk  wird  auch  wohl  an  anderen 
Stellen  in  der  Section  Kreuzburg  unter  der  unteren  Schaumkalk- 
bank beobachtet.  Er  ist  dem  gelben  Kalk  zwischen  den  Schaum- 
kalkbänken a und  ß ganz  ähnlich,  aber  nur  von  localer  Bedeutung. 


Jahrbuch  1887. 


0 


66 


W.  Fraxtzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Sehr  beachtenswerth  ist  in  diesem  Graben  das  Verhalten  der 
Orbicularis-Schiehten.  Während  sie  an  der  vorhin  untersuchten 
Stelle  am  Brückenberge  in  typischer  Form  als  blaue  Platten  auf- 
treten,  zeigen  sie  hier  in  einer  Entfernung  von  nur  7 — 8 Minuten 
ganz  dieselbe  Beschaffenheit  wie  am  Jägerhaus  in  der  Sectiou 
Jena  und  wie  am  Still  bei  Meiningen. 

Ueber  der  oberen  Schaumkalkbank,  welche  dunkel  und  bräun- 
lich gefärbt  ist  und  hier  genau  so,  wie  die  gleiche  Bank  bei 
Meiningen  aussieht , erscheinen  zunächst  einige  Centimeter  hoch 
Straten  von  gewöhnlichem  blauen,  splitterigen  Wellenkalk  und 
dann  über  einer  durch  Graswuchs  verdeckten  Stelle  in  1 Meter 
Höhe  über  dem  Schaumkalk  lichte,  schwach  gelbliche  Platten  in 
einer  Mächtigkeit  von  etwa  3 Meter.  Sie  sind  ebenflächig,  ziem- 
lich fest  und  enthalten  vereinzelt  kleine,  an  den  Wänden  mit 
Kalkspathkrystallen  überzogene  Drusenräume,  welche  sich  auch 
an  anderen  Orten  in  diesen  Schichten  vorfinden,  so  an  der  Galgen- 
leite in  der  Sectiou  Kreuzburg  in  ungewöhnlich  grosser  Menge. 
Man  hat  diese  Platten,  welche  bis  8 Centimeter  dick  werden,  wie 
die  Saurierkalke  von  Jena  gelegentlich  auch  in  dieser  Gegend 
wohl  zu  Bauzwecken  benutzt,  so  zur  Anfertigung  von  Platten 
zum  Belegen  der  Flure  im  Innern  der  Häuser;  doch  sind  sie 
wegen  ihrer  geringen  Härte  dazu  nur  wenig  geeignet.  An  Ver- 
steinerungen  findet  man  darin  die  Myophoria  orbicularis  in  zahl- 
reichen Abdrücken. 

Nach  oben  werden  die  Orbicularis-Platten  allmählich  dünner 
und  thonreicher,  so  dass  sie  an  der  Luft  leicht  zerfallen.  Sie 
gehen  ohne  scharfe  Grenze  in  dünn  geschichtete,  feinschieferige 
Mergel  über,  welche  leer  an  Versteinerungen  sind.  Sie  sind  als 
die  untersten  Schichten  des  mittleren  Muschelkalks  zu  betrachten 
und  stehen  den  Mergeln  über  dem  gelben  Kalk  bei  Meiningen 
gleich.  Ihre  Mächtigkeit  lässt  sich  an  dieser  Stelle  nicht  be- 
stimmen; an  der  Strasse  von  Kreuzburg  nach  Mihla  mag  sie 
etwa  3 Meter  betragen.  Sie  enthalten  an  dieser  Stelle  zahlreiche 
Knollen  und  Streifen  von  Zellenkalk. 

Ueber  ihnen  liegen  Schichten,  die  in  Folge  von  Gypsaus- 
laugungen  zerbrochen  sind,  so  dass  es  nicht  möglich  ist,  die 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


67 


Schichtenfolge  genau  zu  erkennen.  Mau  bemerkt  jedoch  auch 
hier  eine  Ablagerung  von  Zellenkalk  und  von  Plattenkalk,  von 
denen  der  erstere  mindestens  2 Meter,  der  letztere  etwa  Meter 
Mächtigkeit  hat. 

Es  geht  aus  diesen  Angaben  hervor,  dass  die  Zusammen- 
setzung der  Schichten  an  den  bisher  untersuchten  Punkten  ganz 
die  gleiche  ist,  wie  bei  Meiningen  und  Jena:  in  der  Schaumkalk- 
zone liefen  die  3 Schaumkalkbänke  mit  denselben  Versteinerungen 
wie  dort  und  auch  in  fast  den  gleichen,  hier  von  mir  jedoch  nicht 
genau  nachgemessenen  Abständen  von  einander ; darüber  die 
blauen,  splitterigen  oder  weichen,  hellfarbigen  Orbicularis- Schichten 
und  höher  an  der  Basis  des  mittleren  Muschelkalks  zerfallende 
dünngeschichtete  Mergel,  über  welchen  sich  in  kurzer  Entfernung 
Zellenkalke  und  feste  Kalklager  ausscheiden. 

In  ganz  derselben  Weise  ist  das  Gebirge  auch  da  gegliedert, 
wo  die  Schaumkalkzone  ö lichte  Färbung  und  krystallinische  Be- 
schaffenheit zeigt. 

Die  Erkennung  der  Schaumkalkbänke  ist  an  solchen  Stellen 
allerdings  zuweilen  mit  Schwierigkeiten  verknüpft,  namentlich  wenn 
es  sich  um  eine  einzelne  Bank  handelt;  doch  unterscheidet  man 
sie  gewöhnlich  leicht  da,  wo  man  das  ganze  Profil  vor  sich  hat. 

Die  Tiefe,  bis  zu  welcher  die  bereits  oben  in  allgemeinen 
Zügen  geschilderten  Aenderuugen  des  Gesteins  vor  sich  gegangen 
sind,  ist  verschieden.  Sie  reichen  mitunter  bis  nahe  an  die  oben 
erwähnten  Petrefactenplatten  mit  Mjophoria  vulgaris , etwas  unter 
der  unteren  Schaumkalkbank,  während  in  anderen  Fällen  letztere 
noch  ziemlich  typisch  aussieht.  Es  kommt  auch  vor,  jedoch  nur 
selten,  dass  einige  Wellenkalklagen  ihre  blaue  Farbe  bewahrt 
haben,  während  die  übrigen  Schichten  gebleicht  erscheinen. 

Die  3 Schaumkalkbänke  lassen  sich  an  den  meisten  Stellen 
schon  an  ihrer  Dicke  sofort  von  den  übrigen  Schichten  unter- 
scheiden. Gewöhnlich  sind  sie  auch  etwas  anders  gefärbt  wie  der 
gewöhnliche  Kalk;  die  beiden  unteren  Bänke  zeigen  häufig  ein 
etwas  satteres  Gelb,  wie  die  nur  blassgelb  gefärbten  Zwischen- 
schichten. Am  leichtesten  erkennt  man  die  obere  Schaumkalk- 
bank,  da  sie  auch  dort,  wo  sie  zuckerig  geworden  ist,  häufig  ihre 

5* 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


68 

dunkele  Farbe  behalten  hat.  Sie  zeigt  dann  nicht  selten  einen 
auffallend  grünlichen  Ton. 

Die  Oolithkörner  sind  in  den  zuckerigen  Sehaumkalkbänken 
in  Folge  des  Krystallisationsprocesses  mehr  oder  weniger  undeut- 
lich geworden.  In  den  beiden  unteren  Bänken  lassen  sie  sich 
zuweilen  nur  noch  schwer  nachweisen,  dagegen  sind  sie  an  der 
dunklen  Farbe  vieler  Körner  in  der  oberen  Bank  leichter  zu  er- 
kennen, doch  haben  sie  auch  hier  gewöhnlich  ihre  scharfen  Um- 
risse verloren. 

Abgesehen  von  den  Aenderungen  in  der  Farbe,  Härte  und 
Struc-tur  sind  im  Uebrigen  die  Verhältnisse  dieser  Schichten  keine 
anderen,  als  da,  wo  sie  typisch  aussehen.  Sie  liegen  in  denselben 
Abständen  von  einander  und  enthalten  auch  dieselben  Petrefacten. 

Es  würde  dies  sicher  nicht  der  Fall  sein,  wenn  die  Aende- 
rungen  in  der  Farbe  und  Härte  lediglich  auf  einen  Faciesweclisel 
zurückzuführen  wären.  Es  soll  jedoch,  wie  ich  bereits  oben  er- 
wähnt habe,  von  mir  nicht  bestritten  werden,  dass  in  einigen 
Schichten  und  bis  zu  einem  gewissen  Grade  die  weiche,  mergelige 
Beschaffenheit  derselben  eine  ursprüngliche  sein  mag;  doch  schreibe 
ich  sie  zu  einem  grossen  Theile  der  Einwirkung  der  eingedrungenen 
Sickerwässer  zu. 

Einen  sehr  überzeugenden  Beweis,  dass  in  der  That  eine 
Metamorphose  vorliegt  , liefert  die  Beschaffenheit  der  oft  von  mir 
erwähnten  Rollsteine  in  der  mittleren  und  oberen  Schaumkalkbank. 
Wo  dieselben  zuckerig  und  gebleicht  sind,  zeigen  sie  ganz  die- 
selbe Beschaffenheit  wie  das  übrige  Gestein. 

Einen  vortrefflichen  Aufschluss  solcher  krystallinisch  ge- 
wordenen Schichten  trifft  man  an  dem  ersten  Kopfe  ein  wenig 
nördlich  von  den  Steinbruchshäusern,  neben  den  Gypsbrüclien,  an 
der. Strasse  von  Kreuzburg  nach  Mihla.  Die  Schichtenumwandlung 

ist  hier  bis  etwas  unter  die  untere  Schaumkalkbank  vorgedrungen 

© © 

und  hat  auch  die  festen  Platten  zunächst  unter  dieser  Bank  ge- 
bleicht und  in  zuckerigen  Kalk  verwandelt. 

Die  untere  Schaumkalkbank  ist  an  dieser  Stelle  eine  feste 

0,76  Meter  dicke  Bank  mit  wenigen  Schichtungsflächen.  Das 

© © 

Gestern  ist  feiuzuckerig,  nicht  porös,  licht  bis  gelblich  gefärbt  und 


cles  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


69 


enthält,  besonders  im  oberen  Tbeil  zahlreiche  grosse  Encriniten- 
stiele. 

Ueber  der  unteren  Schaumkalkbank  folgt  bis  zur  mittleren 
Bank  eine  3,40  Meter  mächtige  Ablagerung  von  dünnen,  lichten, 
bis  schwach  gelblichen,  weichen  Kalkschichten,  welche  oben  mit 
einer  dickeren,  0,35  Meter  mächtigen  Platte,  der  Vertreterin  der 
festen  blauen  Kalke  schliessen. 

Die  mittlere  Bank  ist  0,65  Meter  dick,  feinzuckerig  krystalli- 
liiseli  und  massig  fest.  Die  oolithische  Structur  des  Gesteins 
ist  verschwunden.  Auf  den  angewitterten  Flächen  der  Bank  er- 
kennt man  einige  Encrinitenstiele. 

Ueber  ihr  folgt  von  unten  nach  oben  weiter: 

1)  0,95  Meter  ziemlich  fester,  ebenflächiger,  fein  krystalli- 

nischer,  in  der  Sonne  etwas  glitzernder, 

lichtgrauer  Kalk  in  dickeren  oder  dünneren 

Platten ; 

2)  0,11  » leicht  zerfallender,  lichter,  mergeliger  Kalk- 

stein ; 

3)  0,30  » festere  und  dickere,  lichtgefärbte  Kalkstein- 

platten mit  einigen  Kalkspathdrusen ; 

4)  0,55  » licht  gelblichgrauer , leicht  zerfallender 

Mergel. 

Summa:  1,91  Meter. 

Darüber  liegt  die  obere  Schaumkalkbank,  welche  etwa  1 Meter 
Mächtigkeit  hat.  Das  Gestein  der  Bank  ist  krystallinisch  ge- 
wordener,  gelblich  oder  grünlich  gefärbter  Oolitlikalk  und  enthält 
Drusen.  Es  besitzt  hier  so  geringe  Festigkeit,  dass  dasselbe  theil- 
weise  zu  Grus  auseinander  fällt;  doch  erkennt  man  darin  noch 
deutlich  die  Leitmuscheln  dieser  Bank,  die  Gervillia  Gold/ussi  und 
die  Myophoria  orbicularis. 

Die  Orbicularis-Schichten  sind  hier  nicht  aufgeschlossen. 

Sehr  interessante  Durchschnitte  von  solchen  metamorphosirten 
Schichten  sind  vielfach  in  den  Gräben  westlich  vom  Wisch  bei 
Kreuzburg,  besonders  in  den  Gräben  nördlich  von  der  Spillings- 
koppe (Spindelkoppe  der  Generalstabskarte),  deren  Besuch  ich 


70 


W.  Frantzbn,  UntersuchuDgen  über  die  Gliederung 


sehr  empfehle,  aufgeschlossen.  Die  Bänke  sind  hier  viel  weniger 
leicht  zu  erkennen,  wie  bei  den  Steinbruchhäusern.  Man  orientirt 
sich  jedoch  auch  hier  bald,  wenn  man  auf  die  Myophorienplatteu 
unter  der  unteren  Schaumkalkbank  achtet.  Es  sind  hier  drei  der- 
artige Lagen  vorhanden,  die  oberste  2,1  Meter  unter  der  unteren 
Schaumkalkbank,  die  beiden  anderen  0,6  und  0,9  Meter  tiefer. 

Die  Metamorphose  geht  hier  bis  nahe  zur  obersten  Myo- 
phorienplatte  abwärts. 

Die  untere  Schaumkalkbank  liegt  bei  der  Spillingskoppe  in 
75  Schritt  über  der  Grabentheilung  in  dem  nach  Westen  ver- 
laufenden Arm  über  einem  steilen  Absätze.  Sie  ist  1 Meter 
mächtig  und  in  gelblichen,  krystallinischen  Kalkstein  verwandelt. 

In  3,58  Meter  Entfernung  über  dieser  Bank  tritt  hier  an  dem 
Abhang  auch  die  mittlere  Bank  hervor.  Die  obere  Bank  findet 
sich  weiter  aufwärts  im  Graben,  ist  aber  hier  kaum  von  dem 
übrigen  Gestein  zu  unterscheiden. 

In  der  westlich  an  die  Section  Kreuzburg  anstossenden  Section 
Netra  sind  die  Verhältnisse  des  Muschelkalks  die  gleichen  wie 
bei  Kreuzburg. 

H.  Moesta  giebt  zwar  in  den  Erläuterungen  zu  Blatt  Netra1) 
an,  dass  die  oberste  »Schaumkalkschicht«  in  ihrem  Verlaufe  sich 
vielfach  unterbrochen  zeige.  Sie  scheine  auf  längere  Erstreckung 
hin  zuweilen  gänzlich  zu  fehlen  oder  sei  in  kaum  bemerkbarer 
Stärke  entwickelt. 

Ich  habe  mich  jedoch  an  Ort  und  Stelle  überzeugt,  dass  auch 
Moesta  sich  durch  das  veränderte  Aussehen  der  obersten  Schaum- 
kalkzone hat  täuschen  lassen  und  dass  von  ihm  zuweilen  die 
ganze  Schaumkalkzone  ö zum  mittleren  Muschelkalk  gezogen 
worden  ist. 

Es  ist  dies  z.  B.  in  dem  Thale  geschehen,  welches  sich  west- 
lich vom  Hachen-Berge  von  der  Oelbach-Mühle  nach  Norden  hin 
zieht. 

Dort  ist  unter  den  zerbrochenen  Schichten  des  mittleren  und 
oberen  Muschelkalks  die  Schaumkalkzone  ö metamorphosirt ; doch 

9 H.  Moesta,  Erläuterungen  zu  Blatt  Netra,  S.  12. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


71 


kann  man  die  Schaumkalkbänke  noch  gut  erkennen  und  an  den 
Petrefacten  unterscheiden.  In  derselben  Entfernung,  wie  bei 
Kreuzbu  rg,  trifft  man  auch  hier  unter  der  unteren  Schaumkalk- 
bank die  für  die  Orientirung  wichtige  Myophorienplatte. 

Die  Wellenkalkschichten,  welche  Moesta  liier  als  Wellen- 
kalk in  die  Karte  eingetragen  hat,  sind  nicht,  wie  man  nach  der 
Zeichnung  annehmen  muss,  die  Orbicularis-Schichten,  sondern  die 
Bänke  zunächst  unter  der  unteren  Schaumkalkbank  der  Zone  ö. 


Ueber  die  Beschaffenheit  der  Schaumkalkzone  b und  der  Orbi- 
cularis-Schichten in  den  mehrfach  zur  Vergleichung;  herangezogenen 
Sectionen  Worbis,  Bleicherode,  Ilayn,  Nieder-Orschla, 
Gross-Keula  und  Immenrode  gehen  die  Angaben  derjenigen 
Geologen,  welche  dort  kartirt  haben,  weit  aus  einander.  Ich  bin 
jedoch  der  Ansicht,  dass  auch  hier  diese  Differenzen,  wenigstens 
theilweise,  auf  einer  falschen  Deutung  der  Schichten  beruhen,  und 
dass  auch  hier  die  Gliederung  in  der  Hauptsache  keine  andere 
ist,  wie  bei  Kreuzburg. 

Es  lässt  sich  dies  recht  gut  aus  den  ausführlichen  Mittheilungen 
© © 

nachweisen,  welche  Id.  Eck  über  diese  Gebirgsschichten  in  dem 

Erläuterungshefte  zu  Blatt  Immenrode  gemacht  hat. 

Nach  seinen  Angaben  liegt  in  50  Fuss  Höhe  über  der  Zone  7 

eine  weiss  gefärbte  Schaumkalkbank. 

© 

Höher  folgt  in  einem  Steinbruche  bei  Straussberg: 

1)  eine  Abtheilung  (Wellenkalk?)  von  16 ^2  Fuss  Mächtig- 

keit, welche  anderswo  weniger  dick  ist  und  viele 
Exemplare  von  Myophoriu  orbicularis  enthält; 

2)  eine  D/g  Fuss  dicke  Conglomeratbauk , welche  eben- 

falls als  Baustein  gewonnen  wird; 

3)  eine  Abtheilung  von  7 Fuss  Mächtigkeit  (Wellenkalk?); 

4)  eine  conglomeratische  Lage,  welche  in  »einem  grün- 

lichen, dolomitischen  Kalk  Rollstücke  von  grauem 
Dolomit  enthält«. 

Mit  dieser  Lage  lässt  Eck  den  mittleren  Muschelkalk  be- 
ginnen, welcher  nach  seinen  Mittheilungen  unten  aus  einer  Ab- 


72 


W.  Frantzkn,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


theilung  von  gelblichem,  dolomitischen  Kalkstein  besteht,  über 
welchem  eine  mittlere  Abtheilung  mit  Zellenkalken  folgt. 

Aus  dieser  unteren  Abtheilung  des  mittleren  Muschelkalks 
hat  Eck  ein  specielles  Schichten -Profil  mitgetheilt.  Zu  unterst 
liegen  verschieden  gefärbte,  lichte,  gelbliche  oder  graue  und  bräun- 
liche, mergelige  oder  feinkörnige  Dolomite,  insgesammt  von  12  Fuss 
11  Zoll  Mächtigkeit,  welche  gegen  ihre  obere  Grenze  hin  eine 
1 Fuss  3 Zoll  dicke  Ablagerung  von  grauem,  dichtem  Kalkstein 
eiuschliessen.  Derselbe  ist  nach  Eck  von  Wellenkalk  ununter- 
scheidbar und  enthält  Pentacrinus  dubius  und  Anm'nws-Stielglieder. 
An  Petrefacten  enthält  diese  Abtheilung  sonst  nur  noch  Myophoria 
orbicularis. 

Die  Uebereinstimmung  dieser  Schichten  mit  denen  der  Schaum- 
kalkzone 6 und  mit  den  Orbicularis  - Schichten  tritt  in  dieser  Be- 
schreibung so  auffallend  hervor,  dass  man  nicht  daran  zweifeln 
kann,  dass  der  weisse  Schaumkalk  in  50  Fuss  Höhe  über  der  Zone  y 
mit  der  untersten,  die  Bank  unter  2 mit  der  mittleren  und  die  Bank 
unter  4 mit  der  obersten  Schaumkalkbank  in  Thüringen  zu  iden- 
tificiren  ist,  und  dass  erst  die  über  dieser  Bank  liegenden  gelblichen 
Dolomite  mit  Myophoria  orbicularis , welche  Eck  als  unterste  Schich- 
ten des  mittleren  Muschelkalks  ansieht,  den  Orbicularis-Schichten 
anderer  Gegenden  gleich  stehen. 

Man  darf  nur  die  ganz  ähnliche  Beschreibung  dieser  Schichten 
in  der  Section  Worbis  durch  Herrn  v.  Seebach  nachlesen,  um 
zu  sehen,  dass  auch  dort  die  Grenze  zwischen  dem  mittleren  und 
unteren  Muschelkalk  höher,  als  wie  es  geschehen  ist,  gezogen 
werden  muss. 


Es  bleibt  mir  am  Schlüsse  dieser  Untersuchungen  über  die 
obersten  Schichten  des  unteren  Muschelkalks  noch  übrig,  mich  über 
die  Differenzen  zu  erklären,  welche  dieselben  in  den  Sectionen 
Berka  und  Wutha,  namentlich  auch  in  dem  Profil  im  Kirch- 
thal  bei  Eichrodt,  nach  den  Angaben  des  Herrn  Bornemann 
zeigen  sollen. 

Nach  der  Darstellung  dieses  Autors  erreichen  im  Kirchthale 
die  Orbicularis-Platten  die  ganz  ausserordentliche  Mächtigkeit  von 
23  Meter  und  ähnlich  soll  dies  auch  in  der  Section  Berka  sein. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


73 


Er  stellt  seine  Orbicularis- Schichten  auf  Seite  317  a.  a.  O. 
ausdrücklich  mit  den  Orbicularis  - Schichten  anderer  Gegenden  in 
eine  Reihe  und  sagt  S.  319  wörtlich:  > d i e verschiedene  Mächtigkeit 
der  Orbicularis -Schichten  in  verschiedenen  Gegenden  zeigt,  dass 
die  oberen  Schaumkalkgrenzen  nicht  ein  und  dasselbe  Niveau 
einhalten«  . 

Diese  Schlussfolgerung  ist  jedoch  irrig,  weil  die  Voraussetzung 
falsch  ist;  denn  diejenigen  Schichten  des  Kirchthals,  die  Herr 
Bornemann  als  Orbicularis  - Schichten  bezeichnet  hat,  sind  nicht 
identisch  mit  den  Orbicularis-Schichten  anderer  Autoren. 

Mit  dem  Ausdrucke  »Orbicularis-Schichten«  bezeichnet  man 
nach  Eck’s  Vorgang  und  feststehendem  Sprachgebrauch  eine  ganz 
bestimmte  Schichtenreihe,  welche  unten  von  der  obersten  Schaum- 
kalkbank der  Zone  o und  oben  von  den  untersten  Schichten  des 
mittleren  Muschelkalks  begrenzt  wird  und  die  sich  paläontologisch 
dadurch  auszeichnet,  dass  sie  gewöhnlich  an  Versteinerungen  aus- 
schliesslich die  Myophoria  orbicularis  enthält. 

Myophoria  orbicularis  kommt  jedoch  auch  in  tieferen  Schichten 
vor.  Sie  ist,  wie  ich  bereits  oben  angegeben  habe,  mit  der  Gervillia 
Goldfussi  eine  der  beiden  Hauptleitmuscheln  für  die  Scliaumkalk- 
zone  o,  geht  aber  in  einzelnen  Exemplaren  bis  in  die  Terebratel- 
zone 7 abwärts,  aus  der  Herr  Bornemann  diese  Versteinerung 
(a.  a.  O.  S.  300),  sie  vor  allen  anderen  an  die  Spitze  stellend, 
anführt,  ohne  dass  er  jedoch  in  diesem  Falle  daran  gedacht  hätte, 
auch  diese  Bänke  zu  den  Orbicularis-Schichten  zu  ziehen. 

Was  Herr  Bornemann  im  Kirchthale  als  Orbicularis-Platten 
bezeichnet,  umfasst  die  ganze  Schaumkalkzone  o und  die  Orbi- 
cularis-Schichten anderer  Autoren  und  zwar  beginnen  letztere  erst 
bei  der  Bank  y,  der  obersten  Mehlsteinbank  des  Kirchthaler  Profils. 

Diese  Bank  ist  ein  dunkler,  grünlichgrauer  Schaumkalk  und 
wie  Herr  Bornemann  selbst  angiebt,  ganz  gleich  dem  grünlichen 
Schaumkalk  im  Gemeindebruch  bei  Mihla  und  sowohl  nach  ihrer 
Lage,  wie  nach  ihrer  Beschaffenheit,  wie  auch  nach  den  in  ihr 
vorkommenden  Petrefacten  identisch  mit  der  obersten  Schaumkalk- 
bank der  Zone  o bei  Meiningen,  Jena  und  Eisenach. 


*)  H.  Eck,  Rüdersdorf  und  Umgegend,  S.  99. 


74 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Warum  es  Herr  Bornemann  für  ein  grosses  Wagniss  hält, 
diese  Bank  des  Kirchthals  mit  der  ganz  gleich  aussehenden  Bank 
bei  Mihla  und  mit  der  oberen  Schaumkalkbank  in  anderen  Gegenden 
zu  identificiren,  ist  mir  unverständlich. 

Es  ist  wohl  übrigens  nur  ein  lapsus  calarni  wenn  derselbe 
ihre  Mächtigkeit  zu  nur  3 Centimeter  angiebt.  Sie  sieht  0,18  Meter 
dick  aus  dem  Boden  hervor,  ist  aber  ungenügend  aufgeschlossen, 
so  dass  ihre  Mächtigkeit  vielleicht  noch  grösser  ist. 

Die  beiden  anderen  Schaumkalkbänke  der  Zone  o sind  im 
Kirchthale  ebenfalls  vorhanden,  allerdings  in  nicht  besonders 
typischer  Entwickelung  und  nicht  genügend  aufgeschlossen. 

Da  ich  an  Ort  und  Stelle  mit  Sicherheit  nicht  feststellen 
konnte,  welche  Lagen  den  von  Herrn  Bornemann  in  seiner  Zeich- 
nung mit  den  Buchstaben  p,  cs,  t,  u und  ca  bezeichneten  Schichten 
entsprechen,  so  gebe  ich  das  Profil,  welches  ich  lediglich  abge- 
schritten habe,  nach  meinen  eigenen  Aufzeichnungen. 

Vom  Liegenden  der  leicht  kenntlichen  oberen  Terebratelbank 
an  trifft  man  in  dem  Wege  in  einer  Entfernung  von  47  Schritt 
östlich  einen  kleinen  Wasserriss  mit  einer  Reihe  von  Kirschbäumen. 
Von  dieser  Stelle  an  liegt  19  Schritt  weit  gut  aufgeschlossen 
Wellenkalk,  weiterhin  tritt  solches  Gestein  1 1 Schritt  breit  nur 
hier  und  da  hervor. 

An  diesem  Punkte  sieht  man  westlich  hart  am  Wege  gran- 
gelbliche, durch  ihre  abweichende  Färbung  leicht  kenntliche 
Schichten.  Diese  sind  die  untere  Schaumkalkbank  der  Zone  o. 

Das  Gestein  dieser  Bank  ist  mit  der  Lupe  betrachtet  fein- 
krystallinisch,  dicht  und  enthält  Oolithkörner,  die  man  allerdings 
erst  unter  dem  Mikroskop  im  Dünnschliff  erkennt.  Die  Bank 
sieht  hier  ganz  ähnlich  aus,  wie  die  dichten  Partieen  der  unteren 
Schaumkalkbank  im  Steinbruch  am  Brückenberge  bei  Kreuzburg, 
mit  dem  Unterschiede,  dass  das  Gestein  an  letzterer  Stelle  nicht 
gelblich,  sondern  weiss  ist. 

Wie  dick  die  Bank  ist,  konnte  ich  nicht  genau  bestimmen, 
da.  sie  nicht  ganz  aufgeschlossen  ist.  So  weit  sie  sichtbar  ist, 
hat  sie  0,3  bis  0,4  Meter  Mächtigkeit. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


75 


Ueber  diesem  etwas  weichen  Gestein  folgen  wieder  blaue, 
feste,  fast  ebenflächige  Kalkschichten  von  etwa  3 Meter  Mächtig- 
keit, welche  gut  aufgeschlossen  sind  und  am  Wege  eine  Breite 
von  22  Schritt  einnehmen.  Sie  beginnen  über  der  unteren  Schaum- 
kalkbank mit  einer  festen,  blauen,  0,5  Meter  dicken  Gage,  welche 
oben  mit  einem  Petrefactenstreifen  abschliesst.  Derartige  feste 
Platten  trifft  man  in  der  Umgegend  von  Eisenach  öfters  als 
Hangendes  der  unteren  Schaumkalkbank  und  können  local  zur 
Erkennung  derselben  benutzt  werden.  Ich  habe  bereits  weiter 
oben  ein  solches  Vorkommen  vom  Ramsberge  beschrieben. 

In  dem  untersten  Theile  dieses  blauen  Wellenkalks  stehen 
wenig  höher,  wie  die  untere  Schaumkalkbank,  östlich  am  Berg- 
abhang, schräg  mit  der  Schichtenneigung  sich  aufwärts  ziehend 
einige  kleine  Steinbrüche,  in  denen  man  diese  festen  Straten  in 
Ermangelung  besseren  Materials  gelegentlich  ausgebeutet  hat. 

Ueber  diesem  blauen  Wellenkalk  tritt  westlich  am  Wege 
mürbes  graues  Gestein  hervor,  in  welchem  ein  Streifen  von  etwa 
0,12  Meter  Mächtigkeit  den  mittleren  Schaumkalk  repräsentirt. 
Wie  dick  die  Bank  hier  in  Wirklichkeit  ist,  konnte  ich  bei  der 
mangelhaften  Entblössung  des  Gesteins  hier  ebenso  wenig  fest- 

O O c5 

stellen,  wie  bei  der  unteren  und  oberen  Schaumkalkbank.  Das 
Gestein  ist  gelblichgrau  gefärbt,  voll  von  Petrefacten,  die  in  Kalk- 
spath  verwandelt  sind  und  zeigt  deutlich  schaumige  Structur. 

Die  Schichten  zwischen  der  mittleren  und  oberen  Schaum- 
kalkbank sind  nicht  aufgeschlossen.  Die  Entfernung  der  Bänke 
von  einander  beträgt  9 Schritt. 

Es  sind  also  im  Kirchthale  ebenfalls  alle  3 Schaumkalkbänke 
in  der  Zone  8 vorhanden  und  zwar,  wie  der  Augenschein  lehrt, 
in  annähernd  denselben  Abständen  von  einander,  wie  überall  bei 
Eisenach.  Allerdings  sehen  hier  die  Bänke  nicht  sonderlich  typisch 
aus.  Dies  ist  jedoch  ein  rein  zufälliger  Umstand;  anderswo  er- 
scheinen sie  auch  an  den  Hörselbergen  in  ansehnlicher  Mächtig- 
keit und  in  typischer  Beschaffenheit,  wofür  Herr  Bornemann 
selbst  Material  beigebracht  hat. 

Die  Orbicularis- Schichten  über  der  dunklen  oberen  Schaum- 
kalkbank sind  im  Kirchthale  nur  ganz  unvollständig  aufgeschlossen. 


76 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Man  sieht  über  der  oberen  Schaumkalkbank  3 Schritt  breit  zuerst 
graue,  mergelige  Kalkschichten  von  0,6  Meter  Mächtigkeit,  über 
welchen  nach  einer  Lücke  von  3 Schritt  Breite  einige  Kalk- 
schichten von  fast  normaler  blauer  Färbung  sichtbar  sind.  Gleiches 
Gestein  tritt  auch  weiterhin  auf  14  Schritt  Weglänge  noch  hier 
und  da  zu  Tage. 

An  dieser  Stelle  etwa  kann  man  die  Grenze  zwischen  dem 
unteren  und  mittleren  Muschelkalk  ziehen. 

Die  untersten  Schichten  der  letzteren  Abtheilung,  die  auch 
hier  ohne  Zweifel  aus  weichen  Mergeln  bestehen,  sind  nicht  sicht- 
bar. In  16  Schritt  über  der  inuthmaasslichen  Grenze  liegen  im 
Felde  Zellenkalkstücke  umher  und  16  Schritt  weiter  steht  Zellen- 
kalk in  einer  Mächtigkeit  von  2 Meter  an. 

Berücksichtigt  man,  dass  der  Fallwinkel  der  Schichten  etwa 
15  Grad  beträgt,  so  ergiebt  sich  aus  diesen  Angaben  wenigstens 
so  viel,  dass  auch  im  Kirchthal  die  Orbicularis-Schichten  nur  die 
gewöhnliche  Mächtigkeit  von  gegen  4 oder  5 Meter  haben. 

In  der  Section  Berka,  in  welcher  nach  der  Angabe  des 
H errn  Bornemann  die  Orbicularis-Schichten  ebenfalls  eine  ganz 
ungewöhnliche  Mächtigkeit  erreichen  sollen,  habe  ich  feststellen 
können,  dass  auch  hier  diese  Schichten  ihre  gewöhnliche  Mächtig- 
keit nicht  überschreiten ; auch  sind  alle  3 Schaumkalkbänke  in  der 
Schaumkalkzone  8 vorhanden. 

Unter  ihnen  pflegt  die  oberste  Bank  die  mächtigste  zu  sein, 
während  die  untere  an  manchen  Stellen  etwas  verkümmert. 

Diejenige  Bank,  welche  im  Mihlaer  Gemeindesteinbruch  ab- 
gebaut und  auch  von  Herrn  Bornemann  mehrfach  erwähnt  wird, 
ist  die  obere  Schaumkalkbank  der  Zone  8.  Sie  schwillt  hier  zu 
ungewöhnlicher  Mächtigkeit  an,  nach  meinen  Messungen  bis  zu 
2,22  Meter. 

Ihre  Identität  mit  der  oberen  Schaumkalkbank  lässt  sich 
leicht  an  ihrem  ganzen  Habitus,  an  ihren  Petrefacten  und  an 
ihrer  Lage  feststellen. 

Das  Gestein  ist  gelblich  oder  dunkel  gefärbt  und  nimmt  in 
letzterem  Falle  auch  hier  oft  einen  grünlichen  Ton  an.  Es  ist 
zuckerig  gewordener  Oolithkalk,  dessen  Structur  erst  im  Dünn- 
schliffe deutlich  erkennbar  wird. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


77 


An  Petrefacten  enthält  die  Bank  wie  gewöhnlich  fast  nur  die 
Myophoria  orbicularis  und  die  Gervittia  Goldfussi , diese  beiden 
jedoch  in  Menge.  Eine  ungewöhnliche  Erscheinung  sind  in  dieser 
Bank  Encrinitenstiele,  welche  ich  nördlich  vom  »Thal«  im  Walde 
darin  nicht  selten  fand. 

Die  Orbicularis-Schichten  bedecken  in  der  Nähe  des  Mihlaer 
Gemeindebruchs  allerdings  eine  recht  ausgedehnte  Fläche,  haben 
aber,  wie  ich  in  den  Steinbrüchen  an  einzelnen  Stellen  feststellen 
konnte,  doch  nur  wenige  Meter  Mächtigkeit.  Es  sind  auch  hier 
dickere,  etwas  mergelige,  lichtgefärbte  Kalkplatten. 

Die  beiden  anderen  Schaumkalkbänke  sind  in  der  Nähe  des 
Mihi  aer  Steinbruchs  etwas  verkümmert,  so  dass  es  einiger  Auf- 
merksamkeit bedarf,  um  sie  nicht  zu  übersehen. 

Man  trifft  die  untere  Bank,  wenn  man  von  Mihla  den  Weg 
im  »Thal«  zur  Harstallswiese  geht,  in  143  Schritt  nördlich  von 
der  Stelle,  wo  der  Weg  das  in  dem  Grunde  fliessende  Wässerchen 
kreuzt,  an  dem  östlichen  Abhange  nahe  am  Wege,  in  etwa  4 Meter 
Höhe  über  dem  Acker. 

Die  Bank  ist  hier  0,3  — 0,5  Meter  dick,  mehr  oder  weniger 
oolithisch  und  schwach  gelblich  gefärbt.  Sie  hat  grosse  Aehnlich- 
keit  mit  der  gleichen  Bank  im  Kirchthale.  Auch  hier  wird  sie 
von  einer  dickeren,  blauen  Kalkplatte  bedeckt,  die  auch  unten  im 
Bette  des  Wässerchens,  in  87  Schritt  hinter  der  oben  bezeichneten 
Kreuzung,  zu  sehen  ist  und  dort  viele  grosse  Encrinitenstiele  führt. 

Ueber  dieser  festen  Kalkschicht  treten  am  Abhange  zunächst 
auf  etwa  2,8  Meter  Höhe  gewöhnliche  blaue  Wellenkalkschichten 
hervor.  Weiter  aufwärts  ist  der  Abhang  bis  zur  mittleren  Schaum- 
kalkbank, die  etwa  2,8  Meter  höher  sichtbar  ist,  mit  gelblichem 
Kalksteinschutt  überrollt. 

Die  mittlere  Schaumkalkbank  ist  nicht  ganz  entblösst.  Sie 
steht  an  einer  Stelle  0,28  Meter  hoch  aus  dem  Boden  hervor  und 
besteht  hier,  wie  so  häufig,  nicht  aus  Schaumkalk,  sondern  aus 
festem,  conglomeratischem  Kalk. 

Die  Schichten  zwischen  der  mittleren  und  oberen  Schaum- 
kalkbank sind  hier  nicht  aufgeschlossen.  Ich  schätze  den  Abstand 
dieser  beiden  Bänke  von  einander  auf  etwa  3 — 3 Meter. 


78 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


In  grösserer  Mächtigkeit,  wie  am  Horstberg,  und  ganz  typisch 
ist  die  untere  Schaumkalkbank  u.  a.  am  Burgberg  an  der  bereits 
früher  angegebenen  Stelle  entwickelt.  Sie  besteht  dort  aus 
weissem,  porösem  Schaumkalk,  iu  welchem  ein  Theil  der  Oolith- 
körner  noch  erhalten  ist.  Das  Gestein  sieht  hier  ganz  so  aus, 
wie  das  der  gleichen  Bank  bei  Meiningen.  Die  untere  Schaum- 
kalkbank  hat  am  Burgberge  eine  Mächtigkeit  von  etwa  1 Meter. 

Ganz  in  der  Nähe  findet  man  unten  im  Grunde  des  vom 
Burgberg  nach  Südosten  hin  verlaufenden  Seitenthals  an  dem 
neuen  Separationswege,  auf  der  Südseite  desselben  auch  die  beiden 
anderen  Schaumkalkbänke  aufgeschlossen.  Sie  erscheinen  hier  in 
Folge  vou  Gebirgsstör ungen  in  viel  tieferem  Niveau.  Die  obere 
Schaumkalkbank  hat  hier  eiue  dunkele,  bräunliche  Färbung  und 
ist  vou  dem  Gestein  der  oberen  Schaumkalkbank  bei  Meiningen 
nicht  zu  unterscheiden.  Die  mittlere  Bank  besteht  auch  an  dieser 
Stelle  aus  gewöhnlichem,  festem,  conglomeratischem  Kalkstein. 


B.  Untersuchungen  über  die  Natur  der  oolithischen 
Gesteine  im  unteren  Muschelkalk. 

Die  herrschende  Ansicht  über  die  Natur  der  Schaumkalke  und 
oolithischen  Gesteine  ist  bekanntlich  die,  dass  man  die  Oolitlikörner 
für  Ausscheidungen  von  kohlensaurem  Kalk  iu  Form  kleiner 
Kügelchen  aus  dem  Meerwasser  hält,  den  Schaumkalk  aber  für 
Oolithkalk,  aus  welchem  die  Oolitlikörner  durch  Auslaugung  ver- 
schwunden sind. 

Herr  Bornemann  ist  auch  in  Bezug  auf  diese  Materie  bei 
seinen  Untersuchungen  der  Gesteine  des  unteren  Muschelkalks  zu 
ganz  anderen  Resultaten  gelangt.  Er  unterscheidet  zwei  Haupt- 
typen im  Schaumkalk,  den  typischen  porösen  Schaumkalk  und 
den  Mehlstein.  Letzteren  gliedert  er  weiter  iu  gemeinen  Mehlstein, 
der  unter  dem  Mikroskop  keine  Oolitlikörner,  sondern  eine  fein- 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


79 


körnige,  krystallinische  Structur  zeigt  und  in  pliytogenen  Mehlstein, 
welchen  er  als  ein  Product  einer  üppigen  Vegetation  von  Kalkalgen, 
die  er  Calcinema  triasinum  nennt,  betrachtet.  Die  Oolithe  des 
Wellenkalks  hält  er  nur  theilweise  für  echte  Oolithe,  theil weise 
aber  für  durch  Friction  im  bewegten  Wasser  abgeschliffene  Frag- 

o o o 

mente  krystallinischen  Kalksteins. 

Ich  kann  auch  in  Bezug  auf  diese  Fragen  mich  mit  den 
Ansichten  des  Herrn  Bornemann  nicht  einverstanden  erklären, 
sondern  scliliesse  mich  im  Allgemeinen  der  herrschenden  Anschau- 
ung über  die  Natur  dieser  Gesteine  an.  Jedoch  halte  ich  die  von 
mehreren  Autoren  ausgesprochene  Meinung,  dass  die  Oolithkörner 
des  unteren  Muschelkalks  auf  chemischem  Wege  ausgeschieden 
seien,  für  eine  sehr  zweifelhafte,  unerwiesene  Annahme  und  neige 
mich  zu  der  Ansicht,  dass  der  kohlensaure  Kalk  in  diesen  Körnern 
ähnlich  wie  bei  Petrefacten  mit  Hülfe  des  Organismus  ausgeschieden 

o o 

worden  und  zoogener  Herkunft  sei. 

O 

D ie  ideale  Form  der  Oolithkörner  ist  die  Kugel.  In  Wirk- 
lichkeit weicht  aber  ihre  Gestalt  häufig  davon  ab.  Diese  Er- 
scheinung  beruht  auf  zufälligen  Umständen.  Sehr  häufig  ist  für 
die  äussere  Form  der  Oolithkörner  die  Gestalt  von  zufällig  in 
denselben  eingeschlossenen  fremden  Gegenständen,  welche  der 
oolithischeu  Substanz  als  Ansatzpunkte  gedient  haben , be- 
stimmend gewesen.  Eine  andere  Ursache  der  Unregelmässigkeit 
der  Formen  liegt  in  der  Bewegung  des  Meerwassers.  Durch 
Druck  und  Reibung  ist  die  regelmässige  Ausbildung  der  Körner 
zuweilen  bereits  bei  ihrer  Bildung  gestört  worden;  zuweilen  sind 
sie  durch  die  mechanische  Gewalt  des  Wassers  sogar  gänzlich 
zerdrückt. 

Auch  in  der  Textur  der  Oolithkörner  zeigen  sich  grosse 
Unterschiede.  Es  kommen  Formen  vor,  welche  mehr  oder  weniger 
deutlich  Anwachsringe  zeigen,  ähnlich  wie  die  Oolithkörner  im 
oberen  Muschelkalk.  Die  grosse  Mehrzahl  lässt  jedoch  von  einer 
solchen  Structur  nichts  wahrnehmen  und  zeigt  eine  feinkörnige 
oder  grobkörnige,  krystallinische  Beschaffenheit, 

Alle  diese  Formen  sind  zwar  in  den  Oolithbänken  nicht  schart 
von  einander  geschieden,  aber  es  zeigt  sich  in  denselben  in  dieser 


80 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Hinsicht  doch  eine  gewisse  Gleichförmigkeit,  welche  nicht  nur  in 

derselben  Gegend,  sondern  selbst  auf  grosse  Entfernungen  hin 

erkennbar  ist,  so  dass  man  mit  einiger  Vorsicht  die  Beschaffenheit 

der  Oolithkörner  zur  Unterscheidung  der  verschiedenen  Abtheilungen 

des  Wellenkalks  von  einander  benutzen  kann. 

Ich  beginne  die  Untersuchung  der  Oolithe  des  unteren 
© © 

Muschelkalks  mit  den  Gesteinen  der  Schaumkalkzone  3 bei  Mei- 
ningen. 

Alle  drei  Bänke  bestehen  hier  gewöhnlich  aus  typischem 

Schaumkalk;  doch  trifft  man  in  der  oberen  und  unteren  Bank 

zuweilen  noch  Partieen,  in  welchen  die  Oolithkörner  erhalten  sind. 

In  der  oberen  Bank  kommt  derartiges  Material  in  grosser 

Menge  in  einem  Steinbruche  am  oberen  Ende  des  Joachimthals  vor. 
© 

Die  oolithisclien  Partieen  sind  hier  sehr  dunkelfarbig  und 

© 

sehen  nicht  anders  aus,  wie  gewöhnlicher  dunkler  Kalkstein. 

Dünnschliffe  dieses  Gesteins  sind  in  den  Figuren  1 bis  5 
auf  Tafel  I in  etwa  50  facher  linearer  Vergrösserung  dargestellt. 

W as  bei  der  Betrachtung  derselben  auf  den  ersten  Blick  auf- 
fällt, ist  die  sehr  regelmässige  Form  der  Durchschnitte.  Sie  sind 
meistens  ganz  regelmässig  oval  und  gehen  durch  verschiedene 
Abstufungen  in  dem  Verhältniss  der  Länge  zur  Breite  in  kreis- 

förmige  Formen  über.  Letztere  sind  wenigstens  theilweise  nicht 
© © 

Durchschnitte  von  Kugeln,  sondern  ebenfalls  Querschnitte  von 
ovalen  Körnern. 

Die  Grösse  der  Körner  mag  im  Durchschnitt  etwa  0,2  Milli- 
meter betragen,  doch  weichen  einzelne  Körner  ziemlich  weit  von 
diesem  Mittel  ab.  Eins  der  grössten  Körner,  welches  ich  gemessen 
habe,  hatte  eine  Länge  0,41  Millimeter  bei  einer  Breite  von 
0,22  Millimeter;  eins  der  kleinsten  war  0,06  Millimeter  laug  und 
0,04  Millimeter  breit. 

Im  Centrum  sind  in  diesen  Oolithkörneru  sehr  häufig  Fora- 
miniferen eingeschlossen,  auf  deren  Vorkommen  in  solchen  Ge- 
steinen  bereits  Herr  Bornemann  aufmerksam  gemacht  hat.  Ein- 
zelne sind  in  den  vorliegenden  Präparaten  recht  gut  erhalten.  Im 
Längsschnitt  erscheinen  dieselben  als  aufgerollte  Spiralen,  welche 
sich  in  ihrem  Verlauf  jedoch  nur  selten  gut  verfolgen  lassen. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


81 


Deutlicher  erkennt  man  sie  an  den  Querschnitten,  welche  aus- 
sehen,  wie  gerade  Perlenschnüre,  an  denen  die  einzelnen  Perlen 
vom  Centrum  nach  beiden  Seiten  hin  an  Dicke  allmählich  zunehmen. 

Ein  sehr  schönes  Exemplar,  nach  der  Bestimmung  des  Herrn 
Professor  Gr.  Steinmann  zu  Freiburg  eine  Cornuspira , ist  in  Figur  1 
Tafel  I zu  sehen.  Man  zählt  14  einzelne  Perlen,  welche  7 Um- 
gängen der  Schale  entsprechen.  Die  Durchschnitte  der  Windungen 
sind  oval;  die  letzte  äussere  Windung  hat  bei  0,037  Millimeter 
Höhe  eine  Breite  von  0,056  Millimeter. 

Die 'Ausfüllung  der  Schale  ist  an  dem  grossen  Exemplare  in 
Fig.  1 theilweise  recht  klar,  während  die  Masse  an  der  Schalen- 
wandung getrübt  erscheint,  offenbar  durch  Thon  und  anderen 
Schmutz,  welcher  an  der  Schale  Ansatzpunkte  gefunden  hat.  Tn 
anderen  Fällen  ist  die  ganze  Ausfüllung  der  Schale  getrübt,  wie 
in  dem  grossen  Korn  in  Fig.  2 Tafel  I. 

In  Folge  dieses  Ansatzes  von  Schmutz  müssen  alle  Längs- 
schnitte durch  derartige  Körner,  welche  die  Schale  der  Foramini- 
feren nicht  durclischneiden,  also  mehr  oder  weniger  parallel  mit 
ihr  gehen,  trüb  erscheinen. 

Sind  die  Foraminiferenschalen  weniger  gut  erhalten  und  zer- 
brochen, so  sieht  man  in  den  Durchschnitten  quer  zur  Schale 
häufig  nur  eine  stabförmige  Trübung  im  Centrum,  an  welcher 
sich  die  Zunahme  der  Weite  der  Windung  von  innen  nach  aussen 
oft  noch  durch  die  grössere  Breite  der  trüben  Masse  gegen  die 
äusseren  Ränder  hin  bemerklich  macht. 

Die  Durchmusterung  der  Figuren  lehrt,  dass  ein  sehr  grosser 
Theil  der  Oolithkörner,  namentlich  in  den  Figuren  1,  3 und  4 
Foraminiferen  enthält. 

Der  Aufbau  des  Oolithkornes  um  diese  Foraminiferenschalen 
ist  in  den  abgebildeten  Schliffen  ein  sehr  symmetrischer.  Als 
nächste  Umhüllung  erscheint  an  dem  grössten  Theile  der  Oolith- 
körner  ein  lichter,  regelmässig  begrenzter,  je  nach  der  Lage  des 
Schnittes  ovaler  bis  kreisförmiger  Kern,  welcher  von  einer  dunkelen, 
offenbar  durch  Thon  verunreinigten,  breiteren  oder  schmäleren 
Hülle  umgeben  ist.  An  manchen  Körnern  verdrängt  letztere  den 


Jahrbuch  1887. 


6 


82 


W.  Frantzen.  Untersuchungen  über  die  Gliederurij 


lichten  Kern  auch  ganz,  so  dass  die  Kügelchen  trübe  und  dunkel 
erscheinen,  wie  die  »Mergelkörner«  in  den  Abbildungen  des  Herrn 
Bornemann  (Fig.  5,  Taf.  I).  An  einigen  Körnern  wechseln  um 
einen  centralen,  klaren  Kern  Ringe  von  klarer  und  trüber  Kalk- 
masse ganz  symmetrisch  mit  einander  ab,  so  an  einem  Kern  in 
Fig.  4,  Taf.  I , an  welchem  drei  trübe  und  zwei  helle  Ringe  um 
einen  centralen,  hellen  Kern  erscheinen.  Selten  kommt  es  vor, 
dass  zwei  Oolithkörner  in  unregelmässiger  Lage  zu  einander  von 
einer  gemeinsamen  Hülle  umgeben  werden,  wie  an  einem  Korn 
in  Fig.  3,  Taf.  I. 

Man  erkennt  an  diesen  Körnern  also  deutlich  einen  zonalen 
Bau,  der  allerdings  au  ihnen  viel  weniger  deutlich  entwickelt  ist, 
wie  an  den  Oolithkörnern  im  oberen  Muschelkalk.  Die  Fora- 
miniferen waren  die  Ansatzpunkte,  um  welche  sich  der  kohlen- 
sauere Kalk  schichtweise  aus  dem  Wasser  abgesetzt,  hat.  Die 
ovale  Gestalt  der  Oolithkörner  ist  hier  augenscheinlich  durch  die 
ungleiche  Ausdehnung  der  eingeschlossenen  Foraminiferen  nach 
den  verschiedenen  Seiten  hin  bedingt. 

Der  ganze  Bau  dieser  Körner  zwingt  zu  der  Annahme,  dass 
sie  durch  Ausscheidung  des  kohlensauren  Kalks  aus  dem  Meer- 
wasser entstanden  sind. 

Von  einer  radialen  Stellung  der  Kalkspathkrystalle  ist  an 
diesen  Körnern  nichts  wahrzunehmen.  Sie  liegen  regellos  neben 
einander  und  sind  im  Allgemeinen  um  so  grösser,  je  reiner  der 
Kalkspath  ist.  An  dem  grosseu  Oolithkorn  in  Fig.  1,  Taf.  I be- 
steht die  klare  Masse  aus  nur  wenigen  grösseren  Krystallen, 
während  die  Krystalle  an  den  getrübten  Stellen  oft  zu  sehr  geringer 
Gi  •össe  herabsinken. 

An  Stelle  der  Foraminiferen  erscheinen  in  manchen  Dünn- 
schliffen auch  andere  Gegenstände  in  den  Oolithkörnern  einge- 
schlossen, wie  Brut  von  Gasteropoden,  Encrinitenglieder  und  sehr 
häufig  Bruchstücke  von  Muscheln.  Ein  derartiger  Dünnschliff 
mit  zahlreichen  Muscheltrümmern,  welche  mit  oolithischer  Substanz 
überzogen  sind,  ist  in  Fig.  1,  Taf.  II  abgebildet.  Auch  wurde 
von  mir  in  dieser  Bank  nicht  selten  Glauconit  als  Kern  in  den 
Oolithkörnern  aug-etroffeu. 

O 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


83 


Es  sind  dies  lauter  Dinge,  welche  auch  in  allen  anderen 
oolithischen  Bänken  Vorkommen;  nur  die  Glauconitkörner  habe 
ich  bisher  in  der  unteren  Schaumkalkbank  der  Zone  8 nicht  beob- 
achtet. 

In  allen  diesen  Fällen  passt  sich  die  Hülle  von  kohlensaurem 
Kalk  der  Form  des  eingeschlossenen  Körpers  an.  Solche  Oolith- 
körner  sind  daher  mehr  oder  weniger  unregelmässig  gestaltet. 

Neben  diesen  Körnern  mit  Einschlüssen  verschiedener  Art 
kommen  in  dem  Oolithkalk  des  Joachimsthals  auch  solche  vor, 
die  frei  davon  sind.  Wie  dies  von  vorn  herein  erwartet  werden 
darf,  zeigen  sie  häufig  ziemlich  rein  die  Kugelgestalt  (Fig.  1,  Taf.  I). 

Diese  Untersuchungen  lehren,  dass  an  echten  Oolithkörnern 
der  kohlensaure  Kalk  in  regellos  zu  einander  gestellten,  grossen 
oder  kleinen,  getrübten  oder  ungetrübten  Krystallen  vorkommt 
und  dass  es  nicht  richtig  ist,  den  Begriff'  Oolithkorn  auf  concen- 
trisch-schalige  und  radialfaserige  Körner  zu  beschränken,  wie  dies 
Herr  Bornemann  gethan  hat. 

Ueber  das  Aussehen  der  Oolithkörner  in  der  unteren  Schaum- 
kalkbank der  Zone  8 in  der  Meininger  Gegend  giebt  die  Fig.  2, 
Taf.  II  Auskunft,  in  welcher  ein  Dünnschliff’  aus  solchem  Gestein 
in  etwa  50  facher  Vergrösserung  abgebildet  ist.  Das  Gestein 
stammt  aus  einem  Steinbruch  in  den  Herpfer  Bergen,  in  welchen, 
wie  auch  an  einigen  anderen  Stellen  bei  Meiningen , hier  und  da 
oolithische  Partieen  im  Schaumkalk  Vorkommen. 

Die  Körner  in  dieser  Bank  sind  bei  Meiningen  im  Allge- 
meinen  durch  die  Regelmässigkeit  der  Gestalt  vor  allen  anderen 
ausgezeichnet.  Sie  bilden  zum  grossen  Theil  regelmässige  Kugeln 

o o o ö o 

oder  weichen  nur  wenig  von  dieser  Form  ab.  Sie  sind  zum  Theil 
recht  klar,  theilweise  sind  sie  etwas  getrübt,  aber  in  viel  geringerem 
Grade,  wie  in  der  oberen  Bank.  Die  Trübung  macht  bei  den 
meisten  Körnern  den  Eindruck,  als  wären  sie  mit  einem  dünnen 
Nebelschleier  überzogen. 

Zonale  Structur  ist  an  diesen  Körnern  gewöhnlich  nicht  wahr- 
nehmbar. Sie  bestehen  aus  einem  Haufwerk  von  Kalkspath- 
krystallen,  welche  im  Allgemeinen  nur  geringe  Dimensionen  er- 
reichen. Am  grössten  werden  die  Krystalle  in  den  klaren  Oolith- 

6* 


8-1 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


körnern , während  sie  in  den  schwach  getrübten  kleiner  sind. 
Foraminiferen  kommen  bei  Meiningen  in  dieser  Bank  zwar  eben- 
falls vor,  aber  verhältnissmässig  selten. 

Die  regelmässige  Kugelgestalt  des  grössten  Theils  dieser 
Körner  hängt  offenbar  mit  dem  Fehlen  der  fremden  Einschlüsse 
zusammen.  Sie  beweist,  dass  diese  Körner  sich  unmittelbar  aus 
dem  Wasser  ausgeschieden  haben  müssen,  da  ihre  regelmässige 
Kugelgestalt  unerklärlich  wäre,  wenn  dieselben  weiter  nichts,  wie 
Kalksand  wären. 

Es  folgt  dies  übrigens  auch  aus  den  Störungen,  welche  auch 
diese  Körner  im  bewegten  Wasser  zuweilen  erlitten  haben  und 
von  denen  unten,  bei  der  Untersuchung  der  »Pseudooolithe«  weiter 
die  Rede  sein  wird. 


Bei  der  Untersuchung  der  Schaumkalkbänke  der  Zone  o bei 
Eisenach  habe  ich  im  Vergleich  zur  Entwickelung  derselben  bei 
Meiningen  wesentliche  Unterschiede  in  der  Zusammensetzung 
dieser  Gesteine  nicht  auffinden  können.  Wenn  Herr  Bobnemann 
zu  einem  anderen  Resultate  gekommen  ist,  so  liegt  dies  nur  daran, 
dass  derselbe  die  Veränderungen , welche  diese  Gesteine  durch 
die  Umwandlung  in  zuckerige  Kalke  erlitten  haben,  nicht  genügend 

o o o o 

in  Rechnung  gezogen  hat. 

Wo  die  untere  Schaumkalkbank  ihr  typisches  Aussehen  hat 
und  die  Oolithkörner  nicht  ausgelaugt  sind,  findet  man,  dass  die- 
selben auch  bei  Eisenach  aus  Oolithkalk  besteht.  Die  Formen 
der  Oolithkörner  sind  theilweise  dieselben,  welche  auch  bei  Mei- 
ningen darin  Vorkommen.  So  findet  man  in  dem  Gestein  der 
unteren  Schaumkalkbank  vom  Ramsberg  bei  Eisenach,  von  dem 
ein  Dünnschliff'  in  Fig.  1,  Taf.  III  abgebildet  ist,  ganz  dieselben 
schwach  getrübten,  regelmässig  kugeligen  Oolithkörner,  wie  ich 
sie  oben  aus  der  gleichen  Bank  bei  Meiningen  beschrieben  habe 
und  neben  ihnen  in  grosser  Menge  diejenigen  Körner,  welche 
Herr  Bornemann  als  Pseudooolithe  bezeichnet  hat. 

Wo  jedoch  die  Schaumkalkbänke  zuckerig  geworden  sind, 
wird  die  oolithische  Structur  des  Gesteins  mehr  und  mehr  un- 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


85 


deutlich  und  kann  in  einzelnen  Handstücken  zuweilen  kaum  noch 
nachgewiesen  werden. 

Es  ist  ganz  klar,  dass  ein  solches  Resultat  bei  langer  Berüh- 
rung von  oolithischen  Gesteinen  mit  Sickerwasser  endlich  eintreten 
muss,  bei  dem  einen  früher,  bei  dem  andern  später.  Am  frühesten 
wird  dies  natürlich  in  solchen  Bänken  geschehen,  welche  freier 
von  färbenden  Substanzen  sind. 

Daher  kommt  es,  dass  vorzugsweise  die  untere,  auch  bei 
Eisenach  gewöhnlich  recht  hellfarbige,  aus  reinerem  Kalk  bestehende 
untere  Schaumkalkbank  der  Zone  3 in  der  Form  des  »Mehlsteins« 
erscheint,  ein  Ausdruck,  welcher  am  Thüringer  Walde  übrigens 
für  alle  weissen  Schaumkalkbänke,  auch  für  die  typischen,  porösen 
Schaumkalke  und  nicht  bloss  für  dichte  Gesteine  gebräuchlich  ist. 

Derartige  Gesteine  haben  gewöhnlich  ein  etwas  lockeres  Ge- 
füge, dessen  Entstehung  durch  Fortführung  eines  Theils  des 
kohlensauren  Kalks  aus  dem  Gestein  durch  das  Wasser  leicht 
erklärlich  ist.  Sie  siud  mitunter  ziemlich  weich,  so  dass  sie  zum 
Bauen  oft  nicht  benutzt  werden  können. 

Die  Umwandlung  des  gewöhnlichen  Kalksteins  in  zuckerigen 
Kalk  wurde  durch  die  eigentümliche  Beschaffenheit  der  Schaum- 
kalke besonders  begünstigt.  Daher  kommt  es,  dass  bei  diesen 
Gesteinen  die  krystallinische  Structur  überall  viel  deutlicher  hervor- 
tritt, als  bei  den  zwischen  ihnen  liegenden  Wellenkalkschichten 
und  dass  die  untere  Schaumkalkbank  zuweilen  feinzuckerig  ist, 
während  darüber  und  darunter  gewöhnlicher  blauer  Wellenkalk 
liegt. 

Zu  den  Gesteinen  dieser  Art  gehört  auch  die  untere  Schaum- 
kalkbank an  der  Spillingskuppe  bei  Kreuzburg  und  ebenso  die 
gleiche  Bank  im  Kirchthal  bei  Eichrodt. 

In  den  Dünnschliffen  aus  letzterem  Gestein  sind  die  Oolitli- 
körner  zwar  noch  teilweise  erkennbar,  aber  meistens  etwas  un- 
deutlich geworden.  Besser  treten  sie  hier  in  der  mittleren  Schaum- 
kalkbank hervor;  doch  haben  sie  auch  in  dieser  Bank  ihre  scharfen 
Umrisse  verloren. 

In  ganz  ähnlicher  Weise  sind  auch  wohl  die  oolithischen 
Bänke  in  den  tieferen  Horizonten  des  unteren  Muschelkalks  in 


86 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


der  Nähe  von  Verwerfungsklüften  verändert.  So  besteht  das  Ge- 
stein der  Oolithbank  ß an  der  Nordseite  der  Michelskuppe  bei 
Eisenach  hart  neben  der  dort  durchlaufenden  Verwerfungsspalte 
aus  gelb  gefärbtem,  krystallinisch  gewordenem  Kalkstein.  Das 
Gleiche  beobachtet  man  auch  an  dem  Gestein  der  beiden  Oolith- 
bänke  a und  ß an  dem  mitten  im  Keuper  aufragenden  Muschel- 
kalkfelsen der  Galgenleite  bei  Madelungen  unweit  Eisenach.  An 
letzterem  Punkte  wird  der  Oolithkalk  ungewöhnlich  grob -kry- 
stallinisch. Die  Oolithkörner  haben  ihre  Umrisse  gänzlich  ver- 
loren und  sind  nur  durch  trübe  Flecken  in  den  Krystallen  an- 
gedeutet. 

Auch  die  zweite  Art  von  »Mehlsteiu«,  der  »phytogene  Mehl- 
stein« Bornemann’s,  ist  ebenfalls  nichts  Anderes,  als  gewöhnlicher 
Oolithkalk,  der  mehr  oder  weniger  durch  Krystallisation  verändert 
ist.  Ich  habe  eine  grössere  Anzahl  von  Dünnschliffen  von  dem 
Gestein  der  oberen  Schaumkalkbank  sowohl  aus  dem  Gemeinde- 
bruch bei  Mihla,  als  von  anderen  Orten  jener  Gegend  hergestellt, 
in  welchen  ganz  übereinstimmend  dieselben  regelmässig  runden 
oder  ovalen  Formen  von  Oolithkörnern  enthalten  sind,  welche 
auch  bei  Meiningen  in  dieser  Bank  Vorkommen. 

In  Fig.  4,  Taf.  II  ist  ein  Dünnschliff  aus  dem  Gestein  des 
Mihlaer  Steinbruchs  abgebildet,  in  welchem  man  die  Oolithkörner 
recht  deutlich  erkennt. 

Wenn  Herr  Bornemann  die  in  der  Fiff.  2 Taf.  XI  im  Jahr- 
buch  der  Königl.  preuss.  geol.  Landesanstalt  für  1885  erscheinenden 
runden  und  ovalen  Schnitte  für  Querschnitte  von  langen  cylin- 
drischen  Körpern,  für  Kalkalgen  erklärt,  so  kann  ich  diese  Deutung 
nicht  als  richtig  anerkennen.  Wäre  diese  Ansicht  begründet,  so 
müssten  neben  den  in  grosser  Zahl  vorhandenen  runden  und  ovalen 
Schnitten  lang  gestreckte  Körper  in  viel  grösserer  Menge  in  der 
Abbildung  erscheinen,  als  es  der  Fall  ist.  Es  sind  in  der  Figur 
nur  ein  Paar  davon  zu  sehen.  Ich  kann  in  ihnen  nichts  als 
Muschelbruchstücke  erkennen. 


In  den  tieferen  Schaumkalkbänken,  in  den  oolithischen  Schich- 
ten der  Zone  a bis  y zeigt  bei  Meiningen  ein  Theil  der  Oolithkörner 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


87 


ganz  dieselbe  Beschaffenheit,  wie  diejenigen,  welche  ich  oben  aus 
der  Schaumkalkzone  3 beschrieben  habe.  Bei  einem  anderen  und 
zwar  sehr  bedeutenden  Theil  aber  weicht  die  Form  der  Körner 
mehr  oder  weniger  von  der  Kugelgestalt  ab.  Sie  werden  ab- 
gerundet-eckig, oft  verhältnissmässig  lang,  oder  sind  gebogen  und 
gekrümmt. 

In  ihrer  Textur  unterscheiden  sich  diese  Körner  dadurch  von 
den  bisher  betrachteten  Oolithkörnern,  dass  der  grösste  Theil  der- 
selben eine  ziemlich  grob-krystallinische  Beschaffenheit  hat.  Dabei 
beobachtet  man  an  den  verschiedenen  Orten  oft  eine  gewisse 
Gleichförmigkeit  in  der  Grösse  der  Kalkspathkörner.  Manchmal 
sind  die  Oolithkörner  nur  aus  wenigen  grossen  Kalkspathkrystallen 
zusammengesetzt  und  es  kommt  gar  nicht  selten  vor,  dass  sie  nur 
aus  einem  einzigen  Individuum  bestehen.  In  anderen  Fällen 
gruppirt  sich  eine  grössere  Anzahl  etwas  kleinerer  Krystalle  zu 
einem  Korn.  Sie  zeigen  dann  zuweilen  eine  auffallende  Gleichheit 
der  Grösse.  Derartige  Formen  fand  ich  besonders  schön  in  dem 
Gesteine  der  Oolithbänke  a und  ß bei  Elters  in  der  Ivhön.  Sie 
bilden  in  demselben  auch  wohl  längere  Streifen  und  ungewöhn- 
lieh  grosse  Körner. 

Es  ist  sehr  bemerkenswert!),  dass  diese  grob-krystallinischen, 
etwas  unregelmässig  gestalteten  Oolithe  gewöhnlich  eine  grosse 
Anzahl  von  winzigen,  unregelmässig  begrenzten,  undurchsichtigen, 
schwarzen  Körnchen  einschliessen,  welche  sich  besonders  nach  dem 
Umfange  hin  anhäufen.  Aus  ihrer  schwarzen  Färbung  und  aus 
der  Beschaffenheit  ihres  Verwitterungsrückstandes  schliesse  ich, 
dass  sie  wahrscheinlich  eine  Mangan-Eisen- Verbindung  sind,  nicht 
aber  Schwefeleisen,  wofür  sie  Herr  Bornemann  erklärt.  Er  will 
sogar  aus  der  Zersetzung  derselben  zu  Eisenvitriol  und  durch 
Einwirkung  der  entstandenen  Schwefelsäure  die  poröse  Beschaffen- 
heit der  rostigen  Schaumkalkbänke  ableiten.  Sie  sind  vermuthlich 
ganz  ähnlich  zusammengesetzt,  wie  die  von  Gümbel  *)  beschriebenen 
hauptsächlich  aus  Eisenoxyd,  Mangansuperoxyd,  Kieselsäure  und 
Thonerde  bestehenden  Halosiderite  der  heutigen  Meere.  Bei  der 


b K.  W.  Gümbel,  Grundzüge  der  Geologie,  S.  330, 


88 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


Verwitterung  lassen  sie  einen  Auslaugungsrückstand  von  Eisen- 
oxydhydrat zurück  und  veranlassen  dadurch  die  ockerige  Färbung 
dieser  Gesteine. 

Bei  dieser  Beschaffenheit  liegt  allerdings  der  Gedanke,  dass 
diese  krystallinischen  Körner  aus  Zerstörung  von  Kalksteinfrag- 
menten hervorgegangen  seien,  sehr  nahe.  Herr  Bornemann  hat 
in  der  That  diese  Erklärung  für  die  Entstehung  derselben  gegeben 
und  sie  daher  als  Pseudooolithe  bezeichnet. 

Ich  selbst  habe  sie,  wie  Herr  Bornemann  in  seiner  Ab- 
handlung (a.  a.  O.  S.  277)  ganz  richtig  angiebt,  in  meiner  Arbeit 
»Ueber  Terebratula  Ecki « a)  allerdings  ebenfalls  mit  vom  Wellen- 
schlag abgerundeten  Gesteinsfragmenten  verglichen,  aber  ich  habe 
keineswegs  gesagt,  dass  sie  das  wirklich  seien.  Als  ich  jene 
Worte  schrieb,  war  mir  die  Natur  dieser  Körner  noch  nicht  klar, 
so  dass  ich  mich  darauf  beschränken  musste,  ihre  Gestalt  zu  be- 
schreiben. Heute  kann  ich  jedoch  auch  diese  Körner  fast  ohne 
Ausnahme  mit  Bestimmtheit  für  echte  Oolithe  erklären  und  bin 
in  der  Lage  diesen  Ausspruch  auch  beweisen  zu  können. 

Die  Annahme,  die  Pseudooolithe  Bornemann’s  seien  psarn- 
mitischer  Natur,  scheitert  von  vorn  herein  an  der  Schwierigkeit, 
zu  erklären,  woher  das  zu  Kalksand  zerriebene  Kalkgestein  stamme. 

Man  könnte  sich  hierbei  allenfalls  auf  die  Congdomeratbildungen 

O O 

im  Wellenkalk  berufen. 

Letztere  bestehen  jedoch  aus  Gesteinen,  welche  mit  denen 
in  den  tieferen  Schichten  gar  keine  Aehnliehkeit  haben,  nament- 
lich nicht  mit  dem  Zechstein,  an  welchen  man  in  der  Umgebung 
des  Thüringer  Waldes  allenfalls  als  Ursprungsgestein  denken 
könnte.  Da  ein  anderes  Festland  gar  nicht  in  der  Nähe  war, 
der  Thüringer  Wald  aber  aus  ganz  anderen  Gesteinen  besteht, 
so  bleibt  nur  die  Annahme  übrig,  dass  die  Gerolle  im  unteren 
Muschelkalk  aus  Material  gebildet  worden  sind,  welches  die 
Strömungen  vom  Untergründe  des  Meeres  losgerissen  und  eine 
kürzere  oder  längere  Strecke  weit  fortgeführt  haben.  Sie  würden 


')  Jahrbuch  der  Königl.  preuss.  geol.  Landesanstalt  für  1881,  S.  157. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


89 


also  im  Wellenkalk  eine  ganz  ähnliche  Rolle  spielen,  wie  die  be- 
kannten Thongallen  in  den  Sandsteinbänken  des  Buntsandsteins. 

Mit  dieser  Auffassung  stimmt  das  Aussehen  der  Gerolle  im 
Wellenkalk  ganz  überein.  Es  sind  theils  recht  eckige  Bruchstücke, 
denen  man  es  ansieht,  dass  sie  aus  nächster  Nähe  stammen,  theils 
sind  es  flache  Steinchen,  in  ihrer  Form  ganz  ähnlich  den  Thon- 
gallen des  Buntsandsteins. 

Es  mag  wohl  sein,  dass  ausnahmsweise  derartige  Gerolle  auch 
wohl  zu  feinem  Kalksand  zerrieben  worden  sind.  Im  Allgemeinen 
erfordern  aber  die  Verhältnisse  der  oolithischen  Bänke  eine  andere 
Erklärung  für  die  Entstehung  der  beschriebenen  unregelmässigen, 
grobkristallinischen  Oolithkörnern. 

Gerade  diejenige  Bank,  in  welcher  die  Rollsteine  am  zahl- 
reichsten Vorkommen  und  am  weitesten  verbreitet  sind,  die  Bank 
mit  Spirifer  fragilis , ist  frei  von  Oolithkörnern,  während  umge- 
kehrt diejenigen  Bänke,  in  welchen  die  Oolithkörner  am  häufigsten 
die  Form  der  »Pseudooolithe«  haben,  die  Bänke  a und  ß,  frei  von 
Gerollen  sind.  Es  existirt  also  zwischen  den  Gerollen  und  den 
Oolithkörnern  kein  Zusammenhang. 

Nirgends  beobachtet  man  ferner  unregelmässige,  grössere  An- 
häufungen von  Oolithkörnern,  wie  man  doch  erwarten  müsste, 
wenn  dieselben  in  einem  sturmdurchwühlten,  seichten  Meere  durch 
Reibung  gebildet  worden  wären.  Im  Gegentheil  setzen,  wie  ich 
oben  gezeigt  habe,  die  dünnen  Oolithbänke  mit  ganz  überraschender 
Gleichförmigkeit  über  ganze  Länder  fort,  so  dass  man  deutlich 
erkennt,  dass  sie  sich  in  einem  sehr  ruhigen  Wasser  gebildet 
haben  müssen.  Endlich  ist  es  auch  bei  der  Annahme,  die  »Pseudo- 
oolithe« seien  lediglich  Reibungsproducte,  nicht  zu  erklären,  warum 
diese  Körner  sich  nicht  in  allen  Schichten  des  Wellenkalks  finden 
und  warum  sie  an  wenige  mächtige  Lagen  gebunden  sind. 

Es  lässt  sich  auch  durch  directe  Beobachtungen  an  diesen 
Körnern  nachweisen,  dass  die  »Pseudooolithe«  sich  ebenso  aus 
dem  Wasser  zur  Zeit  der  Bildung  der  oolithischen  Schichten  aus- 
geschieden haben,  wie  die  concentrisch-schaligen  und  radialfaserigen 
Oolithkörner.  Sie  waren,  als  sie  ausgeschieden  wurden,  noch  ganz 
weich,  so  dass  sie  bei  der  Bewegung  im  Wasser  mitunter  zer- 


90 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


brochen  sind  und  selbst  geringem  Druck  des  Wassers  nachgegeben 

O o o O 

haben. 

Man  kann  solche  Veränderungen  ganz  vorzüglich  an  einem 
Dünnschliffe  vorfolgen,  den  ich  aus  dem  Grestein  der  Oolithbank  ß 
vom  Heldrastein  bei  Treffurt  hergestellt  habe.  Es  sind  von  diesem 
Dünnschliff  an  vier  verschiedenen,  nahe  bei  einander  liegenden 
Stellen  Abbildungen  bei  etwa  50  facher  Vergrösseruug  gemacht. 
(Fig.  3,  Taf.  II  und  Fig.  2,  3 und  4,  Taf.  III.) 

In  der  Fig.  3,  Taf.  II  haben  die  Oolithkörner  ihre  normale 
Gestalt.  Sie  sind  theils  regelmässig  rund,  theils  etwas  unregel- 
mässig geformt  und  grobkrystallinisch. 

In  der  Fig.  2,  Taf.  III  sieht  man  links  ebenfalls  normal  ge- 
staltete Körner,  rechts  aber  solche,  welche  durch  die  Bewegung 
des  Wassers  Veränderungen  erlitten  haben.  Sie  sind  verbogen, 
zerquetscht,  und  zuweilen  mit  ganz  scharfen  Rändern  in  zwei 
Theile  zerbrochen.  Es  kommen  in  dem  Dünnschliffe  auch  Kügelchen 

vor,  deren  zerbrochene  Theile  noch  hart  neben  einander  liegen. 

© 

Die  aus  trüber  Masse  bestehenden  Oolithkörner  und  die  aus 
klarem  Kalkspath  zusammengesetzten  zeigen  sämmtlich  derartige 
V eränder  ungen. 

Fig.  3,  Taf.  III  giebt  eine  andere  Stelle  des  Schliffes  mit 
© " © 

solchen  durch  den  Wasserdruck  verzerrten  Oolithkügelchen  wieder. 

In  Fig.  4,  Taf.  III  sind  die  Oolithkörner  noch  weiter  zu- 
sammengedrückt. Sie  sind  so  zerquetscht,  dass,  wenn  man  die 

Uebergänge  vom  runden  Oolithkorn  der  Reihe  nach  nicht  vor 
© © 

Augen  hätte,  mau  in  diesen  Schlieren  und  Fetzen  nicht  oolithische 
Substanz  vermuthen  würde. 

Hat  man  diese  zerbrochenen  und  zerquetschten  Körner  einmal 
in  einem  guten  Dünnschliff  gesehen,  so  ist  es  leicht,  auch  solche 
Dinge,  wie  Herr  Bornemann  sie  in  Fig.  1,  Taf.  VII  im  Jahrbuch 
für  das  Jahr  1885  abgebildet  hat,  zu  verstehen.  Man  sieht  unten 
in  diesem  Bilde  ziemlich  regelmässige,  runde,  aus  kleinen  Kalk- 
spathkrystallen  zusammengesetzte,  aussen  von  einer  trüben  Zone 
umgebene  Oolithkörner;  oben  im  Bilde  aber  solche,  welche  in 
Folge  der  Wasserbewegung  in  mehrere,  durch  Schweife  noch  mit- 
einander verbundene  Theile  auseinander  gezogen  sind. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Tkeile  von  Thüringen  etc. 


91 


Auch  in  diesem  Falle  waren  also  die  Körner  bei  ihrer  Bildung 
noch  ganz  weich,  weicher  noch,  als  in  dem  Präparate  vom  Heldra- 
steiu,  in  welchem  die  Bruchstücke  zuweilen  scharfkantig  erschienen. 

Zuweilen  beobachtet  man  in  dem, Grundteig  der  Schaumkalk- 
bänke kleine,  unregelmässige  Flitter  in  grosser  Menge.  Sie  sind 
nichts  Anderes,  als  verdrückte,  durch  die  Bewegung  des  Wassers 
zerstreute  Fetzen  von  Oolithkörnern. 

Solche  Beobachtungen,  die  mau  in  den  oolithischen  Bänken 
gar  nicht  so  selten  machen  kann,  beweisen  ganz  augenscheinlich, 
dass  diese  Körner  sowohl  die  regelmässig  runden,  wie  die  unregel- 
mässig gestalteten  grobkrystallinischen,  zuweilen  noch  ganz  weich 
waren,  als  sie  sich  absetzten.  Sie  müssen  sich  offenbar  aus  dem 
Wasser  als  rundliche  Kügelchen  abgeschieden  haben. 

In  ihrer  Form  spiegelt  sich  der  Zustand  des  Wassers  ab. 
Die  regelmässigen,  typischen  Körner  sind  die  Formen  des  ruhigen, 
die  verunstalteten,  unregelmässigen  die  Formen  des  stärker  be- 
wegten  Wassers. 

Es  unterliegt  wohl  keinem  Zweifel,  dass  diejenige.  Textur  der 
Kalksteine,  welche  Gümbel  *)  als  eine  oolithähuliche  bezeichnet 
hat,  dieselbe  ist,  welche  man  an  den  Oolithkörnern  der  unteren 
oolithischen  Bänke  des  Wellenkalks  so  häufig  beobachtet.  Er  be- 
schreibt solche  Körner  als  den  »Oolithkügelchen  entsprechende 
Absondei’ungen«,  die  eine  »von  der  Kugelform  sehr  abweichende 
Gestalt  zeigen  und  walzenförmig,  wurstartig  gekrümmt,  gebogen, 
seitlich  ausgebuchtet  und  oft  nach  der  Form  eiugeschlossener 
Theile  gebildet  sind«.  An  einer  anderen  Stelle  seines  Handbuch’s *  2) 
werden  von  ihm  ganz  ähnlich  aussehende  Dinge  aus  dem  Jura 
als  »Halboolithe«  bezeichnet. 

Beide  Namen  scheinen  mir  jedoch  für  die  von  mir  beschrie- 
benen unregelmässigen  Oolithkörner  nicht  zu  passen,  der  erstere 
Name  nicht,  weil  diese  Bildungen  echte  Oolithe  sind.  Auch  das 
Wort  »Halboolith«  kann  zu  einer  schiefen  Auffassung  Veranlassung 
geben.  Ich  schlage  daher  für  die  von  Gümbel  ganz  treffend  be- 
schriebenen, in  ihrer  regelmässigen  Ausbildung  gestörten  Formen 


‘)  a.  a.  0.  S.  80. 

2)  a.  a.  0.  S.  173, 


92 


W.  Frantzen,  Untersuchungen  über  die  Gliederung 


die  Bezeichnung  »gestörte  Oolithe«,  oder  wenn  man  sich  eines  dem 
Griechischen  entlehnten  Wortes  bedienen  will,  »Empodoolithe«  vor. 


Ueber  die  Art  und  Weise,  wie  die  Abscheidung  der  Oolith- 
körner  aus  dem  Wasser  erfolgte,  haben  meine  Untersuchungen 
keine  neuen  Aufschlüsse  ergeben.  Wenn  ich  oben  erklärt  habe, 
dass  ich  geneigt  sei,  anzunehmen,  dass  sie  nicht  auf  chemischem 
Wege  erfolgt  sei,  sondern  mit  Hülfe  des  Organismus,  so  gründet 
sich  diese  Ansicht  auf  das  Vorkommen  der  Oolithkörner  und  auf 
allgemeine  Erwägungen. 

Die  Annahme  einiger  Forscher,  dass  die  Oolithkörner  in  ähn- 
licher Weise,  wie  die  Pisolithe  sich  gebildet  hätten,  stösst  auf 
die  Schwierigkeit,  zu  erklären,  durch  welchen  chemischen  Process 
aus  einer  so  sehr  verdünnten  Lösung,  wie  es  das  Meerwasser  ist, 
der  kohlensaure  Kalk  abgeschieden  worden  sein  könnte.  Wenn 
Gümbel  *)  dieses  Hinderniss  durch  die  Annahme  zu  beseitigen 
sucht,  dass  aus  der  Erde  aufsteigende  Quellen  das  Material  für 
diesen  Process  geliefert  haben  könnten,  so  steht  dieser  Theorie  in 
ihrer  Anwendung  auf  die  Oolithe  des  Muschelkalks  das  Vorkommen 
dieser  Bildungen  im  Wege. 

Wäre  diese  Ansicht  richtig,  so  müsste  man  die  Oolithkörner 
in  allen  Schichten  des  Wellenkalks  zerstreut  linden.  Man  beob- 
achtet aber,  dass  sie  iu  Wirklichkeit  an  ganz  bestimmte  Horizonte 
gebunden  sind. 

Diese  Bänke  sind  stets  durch  ihre  Ebenflächigkeit,  ihre  grosse 
Mächtigkeit  und  ihren  Reichthum  an  Petrefacten  ausgezeichnet. 

Die  innige  Verknüpfung  der  Oolithbildungen  im  Muschel- 
kalk mit  den  ebenflächigen,  mächtigen,  petrefactenreichen  Bänken 
schliesst  es  auch  aus,  an  eine  Bildung  der  Oolithe  auf  chemischem 
Wege  zu  glauben  und  zwingt  zu  der  Annahme,  dass  sie  ähnlich, 
wie  die  Petrefacten , mit  Hülfe  des  Organismus  entstanden  seien. 

Forscht  man  nach  analogen  Bildungen  in  den  heutigen  Meeren, 
so  liegt  es  sehr  nahe,  die  Oolithe  der  Trias  mit  den  Coccolithen 
der  Jetztzeit  zu  vergleichen.  Es  wäre  wohl  möglich,  dass  sich 


')  a.  a.  0.  S,  389. 


des  unteren  Muschelkalks  in  einem  Theile  von  Thüringen  etc. 


1)3 


derartige  Formen  zu  grösseren  Kugeln  vereinigt  hätten.  Durch 
die  Y erschiedenartigkeit  derselben  würde  alsdann  die  Verschieden- 
artigkeit der  Oolithkörner  ihre  einfache  Erklärung  finden. 

Diese  Annahme  wird  durch  die  ganz  überraschende  Aehnlich- 
keit  der  heutigen  Gflobigerinenschlämme  mit  den  oolithischen 
Bänken  des  Wellenkalks  sehr  unterstützt. 

Nach  Gümbel1)  bestehen  erstere  vorzugsweise  aus  den  Schalen 
von  Foraminiferen,  Coccolithen  und  pulverigen  Kalktheilchen, 
daneben  aus  Fragmenten  von  Korallen  und  anderen  Hartg  ebilden, 
Flocken  von  Thon,  feinsten  Sandkörnchen  und  Beimengungen  von 
Eisen-  und  Manganoxyden.  Es  sind  dies,  wenn  man  die  Oolith- 
körner als  geballte  Coccolithe  auffasst,  lauter  Dinge,  welche  sich 
auch  in  den  oolithischen  Bänken  des  Wellenkalks  nachweisen 
lassen.  Sie  sind  die  Globigerinenschlämme  dieser  Zeitperiode. 

Ganz  die  gleiche  Entstehung  schreibe  ich  auch  den  radial- 
faserigen  Oolithen  des  oberen  Muschelkalks  zu,  deren  radialfaserige 
Zusammensetzung  zum  Theil  in  einer  etwas  anderen  Beschaffenheit 
der  dieselben  bildenden  Coccolithe  ihre  Ursache  haben  mag,  die 
aber  zum  Theil  sicher  eine  Folge  der  grösseren  Dimensionen  dieser 
Körner  ist,  in  denen  das  Bestreben  des  Kalkspaths,  sich  bei  der 
Krystallisation  in  kugelförmigen  Gebilden  rechtwinklig  gegen  die 
Oberfläche  zu  stellen,  an  den  grossen  Körnern  deutlicher  zum 
Ausdruck  kam,  als  an  den  winzigen  Körnern  der  Oolithe  des 
Wellenkalks. 


l)  a.  a.  0.  S.  333. 


Ueber  Fayolia  Sterzeliana  n.  $p. 

Von  Herrn  Cb.  E.  Weiss  in  Berlin. 


(Hierzu  Tafel  IV.) 


Die  nachfolgenden  Zeilen  liefern  einen  neuen  Beitrag  zur 
Kenntniss  der  Gattung  Fayolia , welche  in  der  Abhandlung  des 
Verfassers  über  Calamarien  (II.  Theil,  1884)  eine  provisorische 
Stelle  gefunden  hatte.  Ein  solcher  Fund  ergab  sich  nämlich  bei 
einem  Besuche  der  Umgegend  von  Chemnitz  in  Sachsen,  der  den 
Verfasser  unter  der  freundlichen  Führung  des  Herrn  Prof.  Siegert 
in  Kötschenbroda  bei  Dresden  mit  den  dortigen  geologischen 
Formationen  näher  bekannt  machen  sollte.  Wir  gelangten  dabei 
auch  in  eine  Gräberei  nahe  bei  Borna,  wo  aus  einem  sehr  lockeren 
grauen  bis  bräunlichen  Sandstein  durch  Zerklopfen  mit  Dresch- 
flegeln Sand  gewonnen  wird , in  deren  westlichem  Theile  eine 
Schicht  mit  Pflanzenresten  auftritt,  welche  über  die  Stellung  der 
Schichten  Aufschluss  ertheilt.  Die  Beschaffenheit  des  Sandsteins 
hatte  denselben  zuerst  als  Bothliegendes  deuten  lassen,  als  welches 
er  auch  auf  der  Section  Chemnitz  der  geologischen  Specialkarte 
des  Königreichs  Sachsen  eingetragen  ist;  jedoch  die  erwähnten 
Pflanzenreste,  welche  von  Dr.  Sterzel  x)  darin  entdeckt  wurden, 
haben  gelehrt,  dass  man  es  mit  Hainichen -Ebersdorfer  Schichten 
zu  thun  hat,  welche  bekanntlich  von  den  sächsischen  Geologen 

')  Nachträge  und  Berichtigungen  zur  2.  Auü.  des  Kartenblattes  96a,  Section 
Chemnitz  1880.  — Ueber  die  Flora  und  das  geologische  Alter  der  Kulmformation 
von  Chemnitz-Hainichen.  IX.  Ber.  d.  Nat.  Ges.  zu  Chemnitz,  1884,  S.  201. 


Ch.  E.  Weiss,  Ueber  Fayolia  Sterzeliana  n.  sp. 


95 


zum  Culm  gezählt  werden  und  welche  nahezu  mit  den  Walden- 
burger  oder  Ostrauer  Schichten  der  Steinkohlenformation  zu- 
sammenfallen. An  dem  angegebenen  Punkte  der  Müller’schen 
Grube  sind  die  Reste  nicht  selten  und  unter  den  Abdrücken  fand 
ich  an  Ort  und  Stelle  ein  Stück,  das  ich  als  einen  Vertreter  der 
neuerdings  von  Renault  und  Zeiller  aufgestellten  Gattung 
Fayolia  erkannte.  Das  besondere  Interesse,  welches  dieser  Fund 
trotz  der  problematischen  Natur  desselben  hat,  wird  aus  dem 
Folgenden  hervorgehen.  Herr  Dr.  Sterzel  in  Chemnitz  hatte 
aber  Stücke  derselben  Art  schon  längst  gefunden,  ehe  noch  die 
Gattung  bekannt  geworden  war,  uud  daher  auch  nicht  als  Fayolia 
bestimmt.  Er  hat  seine  Exemplare  mir  freundlichst  zur  Benutzung 
geliehen;  das  beste  davon  ist  in  Fig.  2 abgebildet  und  weicht  am 
meisten  von  dem  meinigen  (Fig.  1)  ab;  es  ist  mit  Gegendruck  vor- 
handen. Vier  andere  kleinere  Bruchstücke  stehen  zwischen  diesen 
beiden,  so  dass  man  Grund  hat,  alle  als  dieselbe  Art  zu  betrachten. 
Die  letzteren  sind  theils  der  städtischen  Sammlung  in  Chemnitz, 
theils  der  geologischen  Landessammlung  in  Leipzig  einverleibt 
worden.  Das  von  mir  gesammelte  gehört  der  geologischen  Landes- 
anstalt in  Berlin  an. 

Es  sind  4 Vorkommnisse,  welche  in  der  Litteratur  als  mehr 
oder  weniger  wahrscheinlich  zu  Fayolia  gehörig  zu  finden  sind 
oder  in  Betracht  kommen.  Am  vollständigsten  erhalten  sind  Reste 
aus  der  Steinkohlenformation  von  Commentry,  welche  Renault 
und  Zeiller  unter  obigem  Namen  in  2 Arten  ( dentata  und  grandis) 
unterschieden  und  in  einer  vorläufigen  Mittheilung  (Compt.  rend. 
liebd.  1884,  2.  Juni)  beschrieben  haben.  In  einer  restaurirten  Figur 
fassen  sie  ihre  Beobachtungen  an  den  einzelnen  Stücken  zu- 
sammen. Ich  selbst  hatte  fast  gleichzeitig  einen  Rest  aus  dem 
Rothliegenden  der  Pfalz  (Steinkohlen - Calamarien  II , Abhand],  z. 
geol.  Specialkarte  v.  Preussen,  V.  Bd.,  2.  Heft,  1884,  S.  152  und 
Nachtrag  S.  202)  zuerst  als  Gyrocalamus  palatinus , dann  als 
Fayolia  palatina  beschrieben,  letzteres  weil  der  letztere  Gattungsname 
vor  beendigtem  Druck  meiner  Abhandlung  publicirt  wurde.  An  der 
angegebenen  Stelle  ist  die  Zusammengehörigkeit  der  Reste  zur 
nämlichen  Gattung  besprochen,  auch  die  Renault-Zeiller  sehen 


96 


Ch.  E.  Weiss,  Ueber  Fayolia  Sterzeliana  n.  sp. 


Figuren  *)  wiedergegeben  worden.  Noch  früher,  jedoch  noch  un- 
vollkommenere Reste,  deren  Zugehörigkeit  zur  Gattung  auch  am 
ehesten  angezweifelt  werden  kann,  hat  Newberry  (Descr.  of 
some  peculiar  screw-like  fossils  from  the  Chemung  rocks.  Aun. 
of  the  New -York  Acad.  of  Sciences  vol.  III,  No.  7,  p.  217;  — 
erschienen  1885,  gelesen  10.  Dec.  1883)  als  Spiraxis  major  und 
Randalli  beschrieben  und  abgebildet.  Endlich  ist  auch  ein  Körper 
als  Spiraxis  bivalvis  durch  Lester  F.  Ward  (Types  of  the  Laramie 
Hora.  Unit.  St.  Geol.  Surv.  Washington  1887,  p.  14,  t.  I,  f'.  3) 
von  Head  of  Clear  Creek,  Montana,  beschrieben  worden. 

Die  als  lang  spindelförmige,  fruchtähnliche  Reste  dargestellten 
Stücke  von  Commentry  sind  als  verschieden  von  Palaeoxyris  oder 
Spirangium  anzusehen,  alle  übrigen  erscheinen  mehr  als  Stamm- 
stücke, cylindrisch,  nur  die  als  Spiraxis  beschriebenen  Körper 
sind  wenigstens  an  einem  Ende  verschmälert.  Um  die  spindel- 
förmige oder  cylindrische  Oberfläche  verlaufen  in  2 Spiralen  er- 
habene Kantenlinien,  welche  bei  den  Commentry -Vorkommen  in 
bandartige  Fortsätze  sich  verlängern,  wovon  in  den  anderen  Vor- 
kommen nichts  erhalten  geblieben  ist.  Dagegen  zeigen  die  fran- 
zösischen Stücke  und  das  aus  der  Pfalz  über  der  Spiralkante  je 
eine  fortlaufende  Reihe  runder  Narben  auf  mehr  erhabenem  Felde, 
woran  nur  bei  den  ersteren  Stücken  mitunter  stachelähnliche  An- 
hängsel befestigt  gefunden  worden  sind.  Diese  Narben  sind  an 
den  Stücken  aus  der  Chemunggruppe  nicht  zu  sehen,  aber  es  ist 
möglich,  dass  sie  hier  nur  nicht  erhalten  sind,  statt  ihrer  giebt 
die  Zeichnung  je  2 erhabene  parallele  Spiralkanten,  welche  ein 
erhabenes  Band  einschliessen,  worauf  die  Narben  gesessen  haben 
müssten.  Sollten  sie  bei  diesen  Resten  wirklich  fehlen,  so  würde 
darin  wohl  besser  ein  generischer  Unterschied  zu  finden  und  es 
würden  diese  Reste  abzutrennen  sein.  Die  Spiraxis  bivalvis  der 
Laramieflora  zeigt  überhaupt  nur  eingedrückte  Spirallinien  und 
deshalb  nur  mehr  entfernte  Aehulichkeit  mit  den  übrigen  Vor- 
kommen; sie  würde  fernerhin  ausser  Betracht  bleiben  können.  Die 
übrigen  Merkmale,  welche  die  Commentry-Stücke  erkennen  Hessen, 

x)  Eine  Copie  dieser  Figuren  siehe  auch  in  N.  Jahrb.  für  Min.  1885,  I.  Bd., 
Ref.  S.  344. 


Ch.  E.  Weiss,  Ueber  Fayolia  Sterzeliana  n.  sp. 


97 


wie  die  gehörnte  Spitze  und  der  Stiel  der  Körper,  fallen  bei  der 
Vergleichung  nicht  in’s  Gewicht,  weil  diese  Theile  eben  bei  den 
anderen  nicht  erhalten  sind  J). 

Die  Chemnitzer  neuen  Funde  schliessen  sich  am  nächsten 
dem  Pfälzer  Vorkommen  an  und  bilden  mit  ihm  zusammen  sicher 
ein  und  dieselbe  Gattung.  Dass  man  diese  aber  von  der  Fayolia 
von  Commentry  trennen  sollte,  wie  Solms-Laubach  geneigt  scheint 
(Einleitung  in  die  Palaeophytologie , Leipzig  1887,  S.  378),  ist 
zur  Zeit  wohl  nicht  räthlich,  da  zu  wenig  positive  Merkmale  hier- 
zu gegeben  sind.  Lässt  man  auch  die  devonischen  Funde  bei 
der  Gattung,  so  kennt  man  jetzt  zwei  Arten  aus  Oberdevon,  eine 
Art  aus  unterer,  zwei  Arten  aus  oberer  Steinkohlenformation  und 
eine  aus  Rothliegendem.  Wenn  die  genauere  Vergleichung  mit 
Spirangium  ermöglicht  sein  wird , wird  man  ein  weiteres  Urtheil 
über  diese  ähnlich  aussehenden  Körper  und  ihre  Vertheilung  er- 
langen. Für  jetzt  genügt  es,  nur  diejenigen  Merkmale  zu  be- 
rücksichtigen, welche  an  dem  Pfälzer  und  Chemnitzer  Vorkommen 
sichtbar  sind;  danach  hat  man  bei 

Fayolia  cylindrische  oder  spindelförmige  Körper,  welche  von 
zwei  gegenüber  stehenden  Spiralkanten  umzogen  werden,  an 
welche  sich  oberwärts  ein  bandförmiges,  vor  springen  des 
Feld  anschliesst,  das  zahlreiche  dicht  stehende  Narben  trägt, 
welche  selbst  etwas  vortreten,  rundlich  oder  elliptisch  und  im 
Centrum  durch  einen  Punkt  markirt  sind.  Der  übrige  grössere 
Theil  der  Oberfläche  zwischen  Narbenreihe  und  nächst  höherer 
Spiralkante  ist  etwas  vertieft,  concav. 

Nach  den  Mittheilungen  von  Renault  und  Zeiller  an  den 
Exemplaren  von  Commentry  trägt  die  Spiralkante  ein  halskrausen- 
förmiges abstehendes  Spiralband,  die  Narben  dagegen  Stacheln. 
Der  centrale  Punkt  in  den  Narben  der  Exemplare  von  Chemnitz 
würde  eher  abgefallene  Blätter  als  Stacheln  erwarten  lassen. 


9 Wenn  die  Herren  Renault  und  Zeiller  als  Analoga  für  Fayolia,  Früchte 
von  Medicago  und  Orchis  citiren,  so  konnte  man  sich  auch  an  die  von  Chara 
erinnern  lassen,  um  so  mehr  als  diese  ähnliche  Bekrönung  zeigen. 

Jahrbuch  1887.  7 


98 


Ch.  E.  Weiss,  Ueber  Fayolia  Sterzeliana  u.  sp. 


Die  von  Chemnitz  vorliegenden  Stücke  x)  zeigen  speciell 
Folgendes. 

Das  längste  Bruchstück  ist  das  in  Fig.  1 gezeichnete  von 
72  Millimeter  Länge  bei  nur  24  Millimeter  unvollständiger  Breite, 
während  das  von  Fig.  2 62  Millimeter  Länge  auf  33  Millimeter 
ebenfalls  noch  unvollständiger  Breite  besitzt.  Die  übrigen  Stücke 
sind  noch  unvollständiger  und  kleiner. 

Die  scheinbaren  Glieder  oder  die  Entfernung  zweier  über 
einander  liegender  Spiralen,  von  Mittelpunkt  zu  Mittelpunkt  der 
rundlichen  Narben  oder  auch  von  kantiger  Linie  darunter  zur 
nächstfolgenden  gemessen,  beträgt  bei  dem  Stück  Fig.  1 unten 
J 1 , oben  9,5  Millimeter  bei  dem  Fig.  2 6 — 7 Millimeter,  bei  den 
übrigen  zwischen  diesen  Grenzen. 

Die  beiden  Spiralen  werden  durch  je  eine  hervorragende 
kantige  Linie  bezeichnet,  über  welcher  in  geringer  Entfernung 
je  eine  Reihe  dicht  gedrängter,  kleiner,  rundlicher  Narben  stehen, 
die  parallel  der  Spiralkante  verlaufen.  Bei  Fig.  1 ist  die  Kante 
schwächer  als  bei  Fig.  2,  die  übrigen  Stücke,  welche  Hohldrücke 
sind,  lassen  sie  als  eingedrückte,  verschieden  stark  ausgeprägte 
Linie  erscheinen.  In  Fig.  2 bemerkt  man  dicht  über  der  Kante 
einige  feine  schwach  ausgeprägte  parallele  Linien,  dicht  unter  ihr 
ist  ebenfalls  eine  solche  erkennbar.  Es  kommt  auch  vor,  dass 
diese  Linien  und  die  Kante  wellig  verlaufen,  aber  dies  ist  wohl 
nur  durch  Druck  hervorgerufen.  Durch  die  Narbenreihen  über 
der  Spiralkaute,  welche  auf  convexem  Boden  stehen,  erhält  das 
anstossende  Feld  das  Ansehen  eines  gewölbten  Bandes  über  der 
Kante,  doch  liegt  zwischen  letzterer  und  der  Narbenreihe  noch 
ein  schmales  concaves  Feld.  Der  Abstand  der  unteren  Ränder 
der  Narben  von  der  Spiralkaute  beträgt  1 — 1,5  Millimeter,  der 
Durchmesser  der  Narben  ist  kaum  über  1 Millimeter,  gewöhnlich 
in  der  Höhe  etwas  mehr  als  in  der  Breite.  Die  Narben  sind 
demnach  kreisrund  bis  etwas  elliptisch,  springen  stets  merklich 
vor,  sind  aber  in  der  Mitte  ein  wenig  eingesenkt,  mit  vortretendem 

9 Siehe  auch  Zeitschr.  der  Deutsch,  geol.  Gesellsch.  1887,  Sitzungsber.  vom 
7.  December  1887. 


Ch.  E.  Weiss,  TJeber  Fayolia  Sterzeliana  n.  sp. 


99 


Pünktchen.  Dies  Alles  natürlich  in  umgekehrter  Weise,  vertieft 
statt  erhaben,  bei  den  Abdrücken.  Diese  Narben  stehen  sehr 
dicht,  mit  ihren  Centren  etwa  2 Millimeter  auseinander,  sie  be- 
rühren sich  jedoch  wohl  nie  völlig.  Ueber  ihrem  Oberrande  senkt 
sich  die  Oberfläche  ziemlich  plötzlich  ein,  so  dass  hier  ein  stumpfer 
kantiger  Abfall  entsteht,  besonders  an  Fig.  1 , weniger  an  Fig.  2, 
der  ganze  übrige  Tlieil  der  übrigens  glatten  Oberfläche  ist  etwas 
vertieft,  flacher  bei  Fig.  1 , stärker  concav  bei  Fig.  2;  bei  den 
anderen  Stücken,  als  Hohldrücken,  sind  es  zum  Theil  stark  con- 
vexe Spiralbänder. 

Dass  der  ganze  Axentheil  spiralförmig  gedreht  ist,  kann  nur 
an  dem  Stück  Fig.  1 wahrgenommen  werden,  wo  es  möglich  ge- 
wesen ist,  eine  Seite  (links)  so  blosszulegen,  dass  die  spiralige 
Krümmung  der  Kantenlinie  und  Narbenreihen  zum  Vorschein  kommt. 
Die  übrigen  Bruchstücke  könnten  auch  für  quergegliederte  gehalten 
werden. 

Wenn  man  die  Bornaer  Stücke  mit  der  Fayolia  palatina 
aus  der  Pfalz  vergleicht,  so  ist  der  auffälligste  Unterschied  nur 
der  in  der  Grösse.  Der  Durchmesser  einer  Narbe  beträgt  bei 
jener  bis  4 Millimeter,  hier  nur  1 Millimeter,  allerdings  constant; 
dementsprechend  sind  auch  die  übrigen  Maasse  der  sächsischen 
Art  geringer.  Die  feine  schwache  Streifung  neben  der  Spiral- 
kante, welche  die  sächsischen  Exemplare  zeigen,  fehlt  an  der 
F.  palatina;  indessen  könnte  dies  an  der  Erhaltung  liegen.  Da- 
gegen dürften  die  Narben  bei  ihnen  verhältnissmässig  noch  enger 
stehen  als  bei  der  palatina.  Es  kommen  nämlich  bei  der  säch- 
sischen Art  10 — 11  Narben  auf  eine  Länge  von  17,5  Millimeter, 
bei  der  Pfälzer  10  Narben  auf  ungefähr  62  Millimeter. 

So  fein  diese  Unterschiede  auch  sind,  so  wird  man  doch  einen 
specifischen  Unterschied  in  ihnen  festlialten  müssen  und  ich  be- 
nenne daher  die  Art  von  Borna  Fayolia  Sterzeliana,  nicht  blos 
mit  dem  Namen  des  ersten  Finders  derselben,  sondern  auch  des- 
jenigen, der  sich  in  neuerer  Zeit  so  vielfache  Verdienste  um  die 
Kenntniss  der  sächsischen  Steinkohlen-  und  llothliegendfloren  er- 
worben hat. 


7 


Heber  das  Vorkommen  von  Kersantit  und  Glimmer- 
porphyrit  in  derselben  Gangspalte,  bei  Unterneu- 
brunn im  Thüringer  Walde. 

Von  Herrn  H.  Loretz  in  Berlin. 


Die  Aufnahmen  für  die  Königliche  geologische  Landesanstalt, 
welche  dem  Verfasser  übertragen  sind,  haben  sich  in  den  letzten 
Jahren  besonders  in  demjenigen  Abschnitte  des  Thüringer  Waldes 
bewegt,  welcher  das  Grenzgebiet  des  nach  Osten  und  Südosten 
folgenden  Schiefergebirges  und  der  nach  Westen  und  Nordwesten 
sich  anschliessenden  Eruptivmassen  des  Rothliegenden  enthält. 
Diese  Arbeiten,  besonders  die  im  Bereiche  der  Section  Masser- 
berg  ausgeführten,  haben  die  geologischen  Erscheinungsformen 
einer  Anzahl  Ei’uptivgesteine  kennen  gelehrt,  welche  sich  zum 
Schiefergebirge  entweder  als  durchsetzende  Gänge  oder  als  auf- 
gelagerte  deckenartige  Massen  verhalten,  daher  jüngeren  Alters 
als  jenes  sind  und  in  der  Hauptsache  der  Periode  des  Rothliegenden 
angehören.  Kurze  Andeutungen  über  diese  Verhältnisse  sind  seitens 
des  Verfassers  bereits  in  den  Aufnahmeberichten  in  den  letzten 
Bänden  dieses  Jahrbuchs  J)  gegeben  worden;  die  ausführlichere 
Darlegung  soll  später  in  den  Erläuterungen  zu  den  betreffenden 
Blättern  (wie  bereits  bei  Blatt  Eisfeld  geschehen)  folgen,  womög- 
lich auch  in  einem  weiteren  Artikel  in  diesem  Jahrbuch  besprochen 
werden.  Die  folgenden  Seiten  dagegen  werden  sich  mit  einem 


b Jahrgang  1883,  S.  xlii;  1884,  S.  lxi;  1885,  S.  xl. 


H.  Loretz,  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit  etc. 


101 


besonderen  Falle  beschäftigen  und  seine  geo- 
logische Bedeutung  zu  erörtern  suchen,  welcher 
bei  den  Eruptivgesteinen  des  aufgenommenen 
Gebietes  an  verschiedenen  Stellen  beobachtet 
wurde,  und  auch  aus  anderen  Gebieten  wieder- 
holt in  der  Fachlitteratur  beschrieben  worden 
ist,  nämlich  mit  dem  Nebeneinandererscheinen 
von  zweierlei  Eruptivgestein  in  demselben  Gange, 
wofür  sich  auf  dem  Blatte  Masserberg  ein  be- 
sonders gut  zu  beobachtendes  Beispiel  bietet 1). 

An  der  Vereinigungsstelle  des  von  Nord- 
osten her  kommenden  Neubrunnthaies  mit  dem 
von  Norden  her  kommenden  Schleusethale  liegt 
der  Ort  Unterneubrunn,  und  kaum  eine  Viertel- 
stunde Weges  aufwärts  im  Neubrunnthale  der 
Ort  Oberneubrunn.  Etwa  halbwegs  beider  Orte 
schneidet  die  Strasse  ein  Protil  an,  welches  in 
der  beigezeichneten  Figur  schematisch  wieder- 
gegeben  ist.  In  derselben  bedeutet  p phyllitischen 
Schiefer,  G Glimmerporphyrit  und  K Kersantit. 
In  der  Richtung  thalaufwärts  oder  von  Südwest 
nach  Nordost  folgen  aufeinander:  Phyllit;  21 
bis  22  Meter  (29  Schritt)  Glimmerporphyrit; 
1 Meter  Kersantit;  10,5  Meter  (14  Schritt)  Phyl- 
lit; 7,5  Meter  (10  Schritt)  Kersantit;  9 Meter 
(12 Schritt)  Phyllit;  1 Meter  Kersantit ; 13,5  Meter 
(18  Schritt)  Phyllit;  0,6  Meter  Kersantit;  21 
bis  22  Meter  (28 — 29  Schritt)  Glimmerporphyrit; 
2,4  Meter  (3  Schritt)  Kersantit;  Phyllit.  Durch 
die  Verwitterung,  welche  besonders  den  Ker- 
santit, aber  auch  Theile  des  Glimmerporphyrits 
stark  zersetzt  hat,  sowie  durch  Schutt  ist  das 
Profil  nicht  in  der  Deutlichkeit  zu  sehen,  wie 
es  hier  dargestellt  ist,  doch  unterscheiden  sich 

')  Kurz  erwähnt  bereits  in  diesem  Jahrbuch,  1S83. 
S.  XLVJ. 


102 


H.  Loretz,  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit 


die  Gesteine  auch  noch  im  zersetzten  Zustande  hinlänglich  von 
einander,  um  das  Profil  sicher  aufzunehmen.  Das  Auftreten  der 
beiderlei  Eruptivgesteine  ist  also  derart,  dass  der  thalaufwärts  oder 
nordöstlich  gelegene  Gang ' von  Glimmerporphyrit  beiderseits  ein 
schmales  Salband  von  Kersantit  hat,  was  bei  dem  anderen  nur 
auf  der  rechten  Seite  der  Fall  zu  sein  scheint;  doch  ist  die  Mög- 
lichkeit  nicht  ausgeschlossen,  dass  an  der  linken  Seite  ein  ent- 
sprechendes Salband  bei  sehr  mangelhaft  werdendem  Aufschluss 
durch  starke  Verwitterung  und  Verschüttung  verborgen  bleibt. 
Ausserdem  tritt  der  Kersantit  noch  für  sich,  ohne  Glimmerporphyrit, 
in  der  Mitte  des  Profils  auf,  wo  er  in  einem  stärkeren  und  einem 
schwächeren  Gange  (die  möglicherweise  in  der  Tiefe  mit  den  Ker- 
santit-Salbändern  der  Gänge  rechts  und  links  Zusammenhängen 
könnten)  den  phyllitischen  Schiefer  durchsetzt.  Das  nordöstliche 
Einfallen  der  Gänge  in  dem  ganzen  Anschnitt  ist  deutlich  zu  sehen. 
Eine  metamorpliische  Umwandlung  des  Schiefers  durch  die  Eruptiv- 
gesteine wurde  nicht  beobachtet,  doch  ist  derselbe  in  der  Nähe 
der  Gangwände  mechanisch  gestaucht  und  gebrochen  und  zum 
Theil  breccienartig  geworden. 

Das  Nebeneinandervorkommen  der  beiden  Eruptivgesteine 
macht  sich  auch  im  weiteren  Verlaufe  derselben  Gangspalte  be- 
merklich.  Zunächst  kann  man  die  beiden  Glimmerporphyritgänge 
in  nordwestlicher  Richtung  eine  Strecke  weit  auf  ebendemselben 
Rücken,  welchen  die  Strasse  in  unserem  Profile  anschneidet,  ver- 
folgen, den  weiter  thalaufwärts  befindlichen  in  einer  Länge,  deren 
Horizontalp rojection  etwa  Kilometer  beträgt,  den  anderen  etwa 
halb  so  weit 1).  Auch  die  Begleitung  des  Glimmerporphyrits  durch 
Kersantit,  entweder  einseitig  oder  an  beiden  Salbändern  ist  zu 
verfolgen;  aber  auch  die  Fortsetzung  des  in  der  Mitte  unseres 
Profils  für  sich  erscheinenden  Kersantits  kann  weiterhin  in  nord- 
westlicher Richtung  zwischen  dem  Schiefer  deutlich  erkannt  werden. 
Nicht  minder  setzen  beide  Eruptivgesteine  in  entgegengesetzter 

*)  Wollte  man  einen  in  derselben  Richtung  verlaufenden,  nur  durch  eine 
kurze  Zwischenstrecke  davon  getrennten  Gang  hinzurechnen,  so  würde  die  Ge- 
sammtlänge  dieses  letzteren  Glimmerporpkyritgangs  sogar  noch  grösser  sein  als 
die  des  anderen. 


und  Glimmerporphyrit  in  derselben  Gangspalte  etc. 


103 


Richtung  auf  der  südlichen  Thalseite  nach  Südosten  resp.  Süd- 
südosten gangförmig  im  Schiefer  fort,  zunächst  am  nördlichen 
Abfall  des  Schnetter  Berges  und  dann  weiterhin  über  die  Höhe 
dieses  Berges  hinweg,  in  einer  Längenerstrecküng,  deren  Horizontal- 
projektion mindestens  la/2  Kilometer  beträgt,  nur  dass  hier  der 
Zusammenhang'  des  Gangvorkommens  mehrfach  kürzere  Unter- 
brechungen  zeigt  und  auch  nicht  mehr,  wie  an  der  anderen  Thal- 
Seite , deutlich  zwei  Glimmerporphyritgänge  zu  erkennen  sind  x) ; 
diese  Verschiedenheiten  können  aber  zum  Theil  in  mangelhaftem 
Aufschluss  begründet  sein,  da  man  in  dem  Waldbestande  an  der 
südlichen  Thalseite  den  Eruptivgesteinszug  nur  durch  die  Lage 
der  losen  Blöcke  verfolgen  kann.  Diese  zeigen  wenigstens  soviel, 
dass  auch  hier  der  Glimmerporphyritgang  von  Kersantit  theils  auf 
der  einen,  theils  auf  der  anderen  Seite  begleitet  wird.  Die  Ver- 
zeichnung des  Gangverlaufes  ergiebt  eine  Curve,  aus  deren  Lage, 
in  Uebereinstimmung  mit  dem  Profil  an  der  Strasse,  ein  nordöst- 
liches Einfallen  des  Ganges,  beziehungsweise  der  beiden  Gänge, 
zu  erschlossen  ist.  In  der  weiteren  Verlängerung  derselben 
Richtung  nach  Südosten  liegen  noch  Gangstücke  von  quarzarmem 
Porphyr  (Orthophyr),  sodass  die  Länge  der  eigentlichen  Gang- 
spalte mit  ihren  Ausfüllungsmassen  die  angegebenen  1 lj-2  Kilometer 
jedenfalls  noch  übertrifft  und  auf  wenigstens  2 Kilometer  an- 
zugeben wäre.  Das  Streichen  des  durchsetzten  Schiefers  ist  hier 
im  Mittel  nordöstlich,  so  dass  also  der  Gang  quer  dazu  steht. 

Die  Begehung  der  weiterhin  sich  anschliessenden  Berge  und 
Thäler  im  Einzelnen  zeigte,  dass  in  diesem  Gebiete  das  Neben- 
einander von  zwei  oder  auch  drei  Eruptivgesteinen  in  derselben 
Gangspalte,  oder  doch  in  nahe  benachbarten  Spalten  eine  öfters  sich 
wiederholende  Erscheinung  ist.  Allerdings  lässt  sich  diese  Er- 
kenntniss  in  den  meisten  Fällen  nur  aus  dem  gemeinschaftlichen 
Vorkommen  der  Verwitterungsblöcke  der  betreffenden  Eruptiv- 
gesteine in  unmittelbarer  Nachbarschaft  und  in  derselben  Richtung 


l)  Man  kann  wegen  des  Thalalluviums  und  Schuttes  an  der  südlichen  Thal- 
seite nicht  entscheiden,  welcher  der  beiden  Glimmerporphyritgänge  hier  fort- 
setzt, oder  ob  sich  vielleicht  beide  vereinigen, 


104 


H.  Loretz,  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit 


entnehmen,  während  Anschnitte  an  Wegen,  oder  ähnliche,  bessere 
Aufschlüsse  sehr  selten  sind.  Doch  genügt  das,  was  zu  beobachten 
ist,  um  sich  von  der  häufigen  Wiederkehr  der  in  Rede  stehenden 
Erscheinung  zu  überzeugen.  Das  sogenannte  Köpfle  und  die 
weiterhin  sich  anschliessende  Tannenleite  nördlich  von  Unter- 
neubrunn, die  Abhänge  der  nördlichen  Seite  des  Neubrunnthaies 
zwischen  dem  genannten  Ort  und  Giessübel,  der  Holzberg  und 
Schnetterberg  an  der  Südseite  desselben  Thaies,  die  südöstliche 
Seite  der  Hohen  Warth  u.  s.  w.  bieten  Beispiele  für  das  Mit- 
einandervorkommen von  Quarzarmem  Porphyr  (Orthophyr) 
und  Glimmerporphyrit,  Quarzarmem  Porphyr  und  Kersantit, 
Glimmerporphyrit  und  Kersantit.  Das  letztere  wiederholt  sich  be- 
sonders an  der  Siidost-Seite  der  Hohen  Warth  in  mehreren  parallel 
streichenden  Gängen.  Wir  können  daher  in  dem  beschriebenen 
Profil  nur  einen  besonders  gut  aufgeschlossenen  Fall  einer  all- 
gemeiner verbreiteten  Erscheinung  sehen. 

Prüfen  wir  die  beiden  Eruptivgesteine  unseres  Profils  etwas 
näher,  so  finden  wir,  dass  sie  die  bekannten  Eigenschaften  von 
Kersantit  und  Glimmerporphyrit  in  recht  typischer  Weise  besitzen. 
Was  zunächst  den  Kersantit  betrifft,  so  ist  seine  Structur  in- 
soweit als  porphyrisch  zu  bezeichnen,  als  grössere  Blättchen  von 
dunklem  Magnesiaglimmer  in  Menge  ausgeschieden  sind,  welche 
hier  und  da  regelmässig  verlaufende  Kanten  zeigen  und  bis  zu 
5 oder  6 Millimeter  und  mehr  breit  werden,  und  als  auch  hier 
und  da  einzelne  grosse  Feldspäthe  mit  polysynthetischer  Zwillings- 
streifung: hervortreten.  Die  Grundmasse  erscheint  etwa  zu  gleichen 
Tlieilen  aus  feinen  Feldspathpartikeln  und  Magnesiaglimmer- 
blättchen gemischt,  unter  der  Lupe  feinkörnig,  mit  blossem  Auge 
gesehen  oft  fast  dicht,  von  dunkelgrauer  Farbe,  mit  einem  Stich 
in’s  bläuliche  oder  röthliche.  Im  mikroskopischen  Präparate  er- 
scheint die  Structur  der  Grundmasse  strahligkörnig , durch  die 
Anordnung  der  Feldspathleistchen , welche  übrigens  nicht  mehr 
frisch  und  zum  Theil  durch  Zersetzungsprodukte  so  getrübt  sind 
dass  sie  ihre  muthmaassliche  Plagioklasnatur  nicht  sicher  mehr 
erkennen  lassen.  Dazwischen  ist  vielleicht  noch  etwas  ungestreifter 
Feldspath  (?  Orthoklas)  und  etwas  Quarz  stellenweise  vorhanden. 


und  Glimm erporphyrit  in  derselben  Gangspalte  etc. 


105 


Magneteisen  (nach  dem  Titangehalt  der  Analyse  auch  wohl  etwas 
Titaneisen),  und  feine  Magnesiaglimmerblättchen  sind  durch  das 
Ganze  der  Grundmasse  ziemlich  gleichmässig  zerstreut.  Gewisse, 
mit  Zersetzungsprodukten  erfüllte  Umrisse  lassen  sich  ausser  auf 
Glimmer  vielleicht  auch  auf  verschwundenen  Augit  deuten.  Die 
Umwandlungsprodukte  sind  besonders  chloritiseher  und  eisen- 
oxydischer  Natur,  dazu  tritt  Kalkspath  und  secundärer  Quarz. 
Apatit  ist  unter  dem  Mikroskop  recht  deutlich  wahrzunehmen. 

Die  Verwitterung  umzieht  die  Gesteinsstücke  mit  einer  braunen 
Rinde,  in  welcher  Grundmasse  und  Glimmereinsprenglinge  sich 
verfärbt  zeigen,  die  letzteren  halten  etwas  länger  Stand  als  die 
erstere;  beim  weiteren  Vorschreiten  lockert  die  Verwitterung  das 
Ganze  zu  einer  ockerigen  Masse,  was  in  unserem  Profile  bei  dem 
grössten  Theile  des  anstehenden  Gesteins  bereits  eingetreten  ist. 

Die  Structur  des  Gesteins  bleibt  indess  in  ein  und  derselben 
Gangmasse  nicht  durchweg  deutlich  porphyrisch;  durch  Ver- 
schwinden der  grösseren  Glimmertäfelchen  und  der  an  sich  schon 
nicht  allzuhäufigen  grösseren  Feldspäthe  wird  die  Structur  so,  dass 
sie,  wenigstens  für  das  Auge  und  die  Lupe,  feinköi’nig  krystalli- 
nisch  erscheint.  Die  dunkle  Färbung  des  Gesteins  im  Gegen- 
sätze zu  der  des  Glimmerporphyrits  liegt  im  Gehalte  an  Magnet- 
eisen, welcher  allerdings  nur  im  mikroskopischen  Bilde,  oft  in 
regelmässigen  Umrissen,  zum  Vorschein  kommt. 

Die  chemische  Zusammensetzling  unseres  Kersantits  von  Un- 
terneubrunn ergab  sich  in  zwei,  im  Laboratorium  der  Königlichen 
geologischen  Landesanstalt  und  Bergakademie  angestellten  Ana- 
lysen, wie  folgt: 


I. 

11. 

Si02  • 

54,81 

52,12 

Ti02  . 

0,75 

1,20 

Al2  O3 

17,80 

13,52 

Fe2  O3 

2,69 

2,56 

FeO  . 

4,46 

4,53 

MgO  . 

5,03 

6,36 

CaO  . 

1,78 

5,78 

Transport  87,32 


86,07 


106 


H.  Loretz,  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit 


Transport 

87,32 

86,07 

k2o 



3,86 

5,36 

Na20 

4,06 

2,34 

S03 



Spur 

0,22 

P2Oö 

. 

0,45 

0,92 

co2 

0,44 

3,59 

h2o 

3,56 

1,86 

99,69 

100,36 

Spec. 

Gewicht  . 

2,712 

2,72 

W.  Hampe  G.  F.  Steffen. 

Probe  I ist  dem  oberen  Ende  des  Profils  entnommen,  sie 
stammt  aus  dem  am  meisten  rechts  verzeichneten  Kersantit  nahe 
an  der  Strasse.  Probe  II  ist  etwas  weiter  aufwärts  am  Abhang 
entnommen. 

Nach  dem  Gehalte  an  Kohlensäure  sind  beide  Gesteine  nicht 
mehr  frisch,  am  wenigsten  II.  Zieht  man  von  dem  Kalkerde- 
gehalte der  Analysen  den  entsprechenden  Betrag  ab,  welcher  auf 
Kohlensäure  und  Phosphorsäure  entfällt,  um  Kalkspath  und  Apatit 
zu  bilden,  so  bleibt  weniger  als  1 pCt.  übrig.  Es  ergiebt  sich 
auch  hieraus,  so  wie  aus  dem  Aussehen  im  mikroskopischen  Bilde, 
der  zersetzte  Zustand  des  Plagioklas.  Im  Uebrigen  wird  zu  dem 
vorhandenen  Kalkcarbonat  auch  die  Zersetzung  des  muthmaass- 
lichen  augitischen  Gemengtheils  beigetragen  haben.  Soweit  die 
Höhe  des  Kaligehaltes  nicht  durch  den  Glimmer  und  vielleicht 
etwas  Kalifeldspath  bedingt  wird,  ist  dabei  auch  an  eine  relative 
Anreicherung  gegenüber  dem  Natrongehalt  durch  die  Zersetzungs- 
Vorgänge  im  Plagioklas  zu  denken.  Der  Wassergehalt  ruht  ab- 
gesehen von  gewissen  Zersetzungsproducten  zum  Theil  auch  schon 
im  Glimmer. 

Was  nun  den  Glim merp orphyrit  unseres  Profils  betrifft, 
so  ist  er  von  ausgezeichnet  porphyrischer  Structur.  In  dichter, 
braunrother,  mit  dem  Auge  und  der  Lupe  nicht  aufzulösender 
Grundmasse  liegen  als  Einsprenglinge  dem  Anschein  nach  noch 
ziemlich  frische,  durchsichtige  oder  doch  durchscheinende  Feld- 
späthe,  tafelförmig  nach  der  M. -Fläche  ausgebildet,  oder  mehr 


und  Glimmerporphyrit  in  derselben  Gangspalte  etc. 


107 


kurz  leistenförmig;  sie  zeigen  die  polysynthetische  Zwillingsstreifung 
der  Plagioklase,  in  Verbindung  mit  Verwachsung  nach  dem 
Karlsbader  Gesetz  und  scheinen  von  einerlei  Art  zu  sein.  Ebenso 
reichlich  wohl,  oder  noch  zahlreicher  als  die  Feldspäthe,  doch 
meist  von  geringerer  Grösse,  sind  die  ebenso  frisch  aussehenden, 
schwarzen,  oft  mit  deutlichen  Kanten  und  Seitenflächen  aus- 
gebildeten Magnesiaglimmertäfelchen  in  die  Grundmasse  ein- 
gestreut. Als  dritter  Einsprengling  macht  sich  ein  in  etwas 
grösseren,  verschwommenen  Umrissen,  weniger  reichlich  als  der 
Feldspath  und  Glimmer  vorhandenes  Mineral  von  dunkler,  un- 
bestimmter Färbung  geltend,  in  welchem  wohl  zersetzter  Augit 
zu  vermuthen  ist.  Im  mikroskopischen  Präparate  sieht  man,  dass 
die  Grundmasse  im  Wesentlichen  aus  einem  feinen  Gewebe  kleiner 
Plagioklasnadeln  besteht,  in  deren  Anordnung  und  Vertheilung 
um  die  grösseren  Einsprenglinge  sich  eine  gewisse  Fluidalstructur 
ausspricht,  wenn  auch  nicht  so  in  die  Augen  fallend  wie  bei  an- 
deren Glimmerporphyritproben  aus  unserer  Gegend.  Die  ganze 
Grundmasse  ist  von  rothbraunen,  eisenoxydischen  Punkten  (Ferrit) 
durchstäubt.  Weniger  reichlich  ist  dunkles  Erz  (Magneteisen, 
Titaneisen)  vorhanden.  Wie  weit  neben  Plagioklas  auch  Ortho- 
klas in  der  Grundmasse  steckt  bleibt  dahingestellt.  Hier  und  da 
treten  die  Durchschnitte  unregelmässiger  Quarzkörnchen  zwischen 
der  feldspathigen  Grundmasse  hervor.  In  anderer  Weise  erscheint 
auch  etwas  Quarz,  nebst  Kalkspath,  Chlorit  und  Eisenoxydations- 
stufen, als  Zersetzungsproduct  des  muthmaasslichen  Augits.  Aehnlich 
wie  dieser  erscheint  auch  bereits  ein  Theil  des  Glimmers  zer- 
setzt; auch  die  Plagioklaseinsprenglinge  sind  bereits  etwas  an- 
gegriffen. Solche  Feldspath -Individuen,  welche  in  ihrer  Grösse 
zwischen  den  Mikrolithen  der  Grundmasse  und  den  porphyrisch 
ausgeschiedenen  vermittelten,  fehlen  bei  unserem  Glimmerpor- 
phyrit, dessen  Structur  aus  diesem  Grunde  einen  viel  entschiedener 
porphyrischen  Habitus  besitzt  als  die  des  benachbarten  Ker- 
santits. 

Mit  beginnender  Verwitterung  trüben  sich  die  porphyrisch 
ausgeschiedenen  Feldspäthe  unseres  Glimmerporphyrits  und  werden 
weiss,  während  die  Glimmertäfelchen  das  glänzende  Schwarz  ver- 


108 


H.  Loretz,  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantitf 


liereu,  sich  aufblättern  und  einen  bräunlichen  oder  grünlichen 
Schiller,  durch  die  Zersetzungsproducte  bedingt,  annehmen.  Bei 
weiter  fortschreitender  Verwitterung  lockert  sich  das  Gestein  und 
zerfällt  zu  Grus.  In  unserem  Profil  ist  das  Gestein  nur  theil- 
weise  noch  anscheinend  frisch.  In  der  weiteren  Erstreckung  des 
Ganges  nach  Nordwesten  und  nach  Südosten  ändert  sich  dasselbe 
in  keinem  wesentlichen  Punkte,  höchstens  in  der  Färbung  der 
Grundmasse. 

Die  Analyse  eines  frisch  aussehenden  Stückes  Glimmer- 


porphyrit  von 

unserem 

Profil  an  der  Strasse  oberhalb  Unterneu 

brunn  ergab: 

SiOo 

58,40 

Ti02 

0,38 

A1203 

15,61 

F e2  03 

2,72 

FeO 

2,94 

MgO 

3,50 

CaO 

3,97 

k2o 

5,37 

Na2  0 

3,13 

SO, 

SPur 

p205 

0,40 

co2 

2,56 

h2o 

1,72 

Spec. 

100,70 

Gewicht  . . . 2,6740 

G.  F.  Steffen. 


Der  Gehalt  an  Kieselsäure  ist  höher  als  bei  den  oben  an- 
gegebenen Kersantit-  Analysen , was  mit  einer  Anzahl  weiterer 
Analysen  derselben  Gesteine  von  anderen  Punkten  unseres  Ge- 
bietes stimmt;  bei  etwa  12  Glimmerporphyrit-Proben  ergaben  sich 
Kieselsäuregehalte  von  ca.  65  bis  58  pCt.,  nur  bei  einer  von  etwas 
über  56pCt.;  bei  4 Kersantit-Proben  waren  die  Kieselsäuregehalte 
von  etwa  56  bis  52  pCt.  Der  etwas  grössere  Eisengehalt  der  Ker- 
santit-Analysen  im  Vergleich  zu  dem  des  Glimmerporphyrits  wird 
am  reichlicher  beigemengten  Magneteisen,  zum  Theil  vielleicht  auch 


und  Glimmerporphyrit  in  derselben  Gangspalte  etc. 


109 


am  grösseren  Glimmergehalte  liegen,  der  letztere  dürfte  auch  den 
grösseren  Magnesiagehalt  bewirken.  Im  Kalkerde-  und  Alkalien- 
gehalte  unterscheiden  sich  beiderlei  Gesteine  nicht  auffällig.  In 
Bezug  auf  diese  Bestandtheile  gilt  dasselbe,  was  oben  beim  Ker- 
santit  bemerkt  wurde.  Der  Gehalt  unseres  Glimmerporphyrits 
an  Kohlensäure  ist  höher  als  man  beim  Ansehen  des  Gesteins 
erwarten  möchte. 

Das  specifische  Gewicht  des  Glimmerporphyrits  ist  etwas 
geringer  als  das  des  Kersantits;  von  acht  daraufhin  untersuchten 
Glimmerporphyriten  überstieg  nur  einer  das  specifische  Gewicht  2,7 ; 
vier  ebenso  untersuchte  Kersantite  hatten  alle  etwas  mehr  als  2,7 
aufzuweisen.  Hiernach  und  nach  dem  Kieselsäuregehalte  steht 
unser  Kersantit  an  der  Grenze  zu  den  basischen  Eruptivgesteinen, 
der  Glimmerporphyrit  entfernt  sich  von  diesen  schon  etwas  mehr. 
Im  Uebrigen  liegt  der  Unterschied  dieser  beiden  Gesteine  weniger 
in  der  Art  ihrer  Gemengtheile  als  in  der  relativen  Menge  und 
Grösse  dieser  letzteren,  und  in  ihrer  Anordnung,  also  der  Structur1). 

Wenden  wir  uns  nunmehr  zur  Frage  nach  der  geologischen 
Bedeutung  des  Nebeneinandererscheinens  beider  Eruptivgesteine 
in  demselben  Gange;  ob  wir  nämlich  dieselben  als  unabhhängig 
von  einander  auffassen  sollen,  so  dass  das  beiden  Gemeinschaft- 
liche nur  der  Weg  wäre,  auf  welchem  sie  emporgedrungen  sind, 
oder  ob  wir  dieselben  als  zusammengehörig,  als  durch  Spaltung- 
getrennte  Theile  von  einem  und  demselben  Magma,  resp.  als 
Schlieren  eines  solchen  anzusehen  haben.  Zur  Beantwortung 
dieser  Frage  wird  es  gut  sein  zunächst  die  gesammte  Erscheinungs- 
weise dieser  Eruptivgesteine  in  unserem  Gebirge  und  den  Nach- 
bargebieten in  Betracht  zu  ziehen. 

o 


’)  In  den  meisten  Fällen  war  in  unserem  Aufnahmegebiete  die  Entscheidung 
darüber,  ob  ein  Glimmerporphyrit  oder  ein  Kersantit  vorliegt,  nicht  schwierig; 
einzelne  Fälle  jedoch  schienen  zweifelhaft.  Solches  zwischen  beiden  Typen 
schwankendes  Gestein  entsteht,  wie  nähere  Untersuchung  zeigte,  besonders  da- 
durch, dass  der  Gegensatz  in  der  Grösse  zwischen  den  Feldspathmikrolithen  der 
Grundmasse  und  den  in  grösseren  Individuen  ausgeschiedenen  Feldspäthen  sich 
vermindert  oder  schwindet,  und  dass  die  Zahl  der  Magnesiaglimmerblättchen 
zwischen  den  Feldspathleistchen  zunimmt. 


110 


H.  Loretz.  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit 


Den  Kersantit  finden  wir  in  dem  in  Rede  stehenden  engeren 
Gebiete  und  im  südöstlichen  Thüringer  Walde  überhaupt  in  Form 
von  Gängen,  welche  die  aufgerichteten  und  gefalteten  Schichten 
des  Alten  Schiefergebirges,  von  dem  ältesten  Cambrium  bis  zum 
Culm,  durchschneiden ; so  insbesondere  im  Gebiete  der  bis  jetzt 
nur  zum  Theil  veröffentlichten  Sectionen  Masserberg,  Gross-Breiten- 
bach, Gräfenthal,  Eisfeld,  Steinheid,  Spechtsbrunn  der  geologischen 
Specialkarte  von  Preussen  und  den  Thüringischen  Staaten.  In 
Ostthüriugen  (Vogtland)  verhält  es  sich  damit  ebenso,  nach  den 
Beschreibungen,  welche  Liebe  und  Zimmermann  *)  von  dem  ent- 
sprechenden , dort  als  Lamprophyr  bezeichneten  Eruptivgesteine 
geben.  Wie  dort  sind  auch  in  unserer  Gegend  die  betreffenden 
Gänge,  bezw.  Gangstücke,  meistens  wenig  mächtig  und  horizontal 
gemessen  von  nicht  langer  Erstreckung,  dazu  nach  sehr  verschiedenen 
Richtungen  orientirt,  was  selbst  an  recht  nahe  benachbarten  Stellen 
Vorkommen  kann.  Eine  Erweiterung  eines  Ganges  zu  einem  mäch- 
tigen Stock,  wie  sie  von  Liebe  und  Zimmermann  beobachtet  ist, 
findet  sich  in  unserem  Gebiete  nicht *  2).  Auch  in  Bezug  auf  die 
Uebereinstimmung  des  Gesteins  der  verschiedenen  Gänge  und 
auf  die  lokale  Umwandlung  des  Nebengesteins  durch  die  eruptive 
Gangausfüllung;  stimmt  unsere  Erfahrung;  mit  der  von  Liebe. 
Denn  während  für  gewöhnlich,  und  so  auch  in  dem  oben  be- 
schriebenen Strassenprofil  am  Schiefer  keine  chemisch  -meta- 
morphisehe  Aenderung  auffällig  ist,  kommt  etwas  weiter  süd- 
östlich, an  der  Südost-Seite  der  Hohen  Warth  auf  engbegrenzter 
Stelle  eine  deutliche  derartige  Umwandlung  vor;  der  betreffende 
Kersantitgang  wird  hier  an  der  einen  Seite  von  an  Masse  zurück- 
tretendem Glimmerporphyrit  begleitet  und  ist  an  der  anderen 
Seite  mit  einem  Salband  von  hornfelsartig  verändertem,  pliylli- 
tischen  Schiefer  verwachsen,  während  nur  kleine  Theile  von 


b Abhand],  zur  Geolog.  Special-Karte  von  Preussen  u.  d.  Thüring.  Staaten, 
Bd.  V,  Heft  4.  (Uebersicht  über  den  Schichtenaufbau  Ostthüringens.)  S.  77  ff. 
Ferner  dieses  Jahrbuch  für  1885.  (Die  jüngeren  Eruptivgebilde  im  Südwesten 
Ostthüringens.)  S.  183. 

2)  Dagegen  beschreibt  auch  Dathe  einen  stockförmigeu  Gang  von  Kersantit 
von  Wüstewaltersdorf  in  Schlesien;  dieses  Jahrbuch  für  1884,  S.  567. 


und  Glimmerporphyrit  in  derselben  Gangspalte  ete. 


1 1 1 

Glimmerporphyrit  (deutlich  vom  Kersantit  verschieden)  auch  au 
dieser  Seite  in  Verwachsung  mit  Kersantit  und  verändertem 
Schiefer  sich  finden. 

Während  somit  der  Kersantit  in  unserem  Aufnahmegebiete, 
wie  in  den  weiter  ab  liegenden  Nachbargebirgen , sehr  häufig  als 
Gangformation  wiederkehrt , für  deren  Altersstellung  man  den 
wiederholten  Ausführungen  Lossen’ s x)  beipflichten  muss,  fehlt  er, 
soweit  wenigstens  unsere  Erfahrungen  reichen,  als  eigentlicher 
Deckenerguss,  und  nimmt  insofern  den  anderen,  mit  ihm  vor- 
kommenden Eruptivgesteinen  (Glimmerporphyrit,  quarzarmer  Por- 
phyr und  auch  Quarzporphyr)  gegenüber  eine  besondere  Stellung 
ein.  Es  ist  mir  nämlich  in  meinem  Aufnahmegebiet  bis  jetzt  kein 
Fall  bekannt  geworden,  wo  Kersantit  in  irgendwie  bedeuten- 
derer Ala ss e eine  deckenartige  Ausbreitung  oder  einen  Theil 
derselben  bildete,  so  wie  das  bei  jenen  anderen  Gesteinen  der  Fall 
ist,  welche  die  Ergussmassen  unseres  Rothliegenden  geliefert  haben. 
Wohl  aber  kommt  ein  Gestein,  Avelches  mit  Kersantit  in  allen 
wesentlichen  Eigenschaften  übereinstimmt,  und  welches  ich  un- 
bedenklich mit  diesem  Namen  belegen  möchte,  innerhalb  der  vou 
jenen  anderen  Gesteinen  gebildeten  Ergüsse  des  Rothliegenden  in 
verhältnissmässig  ganz  geringer  Masse  und  nur  an  vereinzelten 
Stellen  vor*  2).  Obgleich  das  hierüber  Anzuführende  uns  etw'as 
von  unserem  Thema  ablenkt,  möge  es  doch,  des  Interesses  des 
Gegenstandes  wegen,  hier  eine  Stelle  finden. 

Die  von  mir  beobachteten  hierhergehörigen  Punkte  befinden 

© © 

sich  in  dem  grösstentheils  von  Porphyr  und  Porphyrit  einge- 
nommenen Gebirgsabschnitte  zwischen  dem  Schleusethal  und  Nahe- 
thal, im  Hinternaher  Forst,  und  zwar  im  Querbachthal  und  Glas- 
bachthal ( Seiten thäleru  des  Nahethals).  Im  erstgenannten  Thale 
fielen  mir  besonders  zwei  Stellen  auf,  beide  am  Fahrweg  im  Tbal- 
grunde  selbst  gelegen;  die  eine  am  »Breiten  Brunnen«  des  Mess- 
tischblattes Masserberg  (1:25000),  wo  innerhalb  einer  grösseren, 
von  Quarzporphyr  und  nächstverwandtem  saurem  Porphyr  einge- 
nommenen Strecke  anscheinend  gangartig  (?  schlierenartig;  der 

')  Siehe  besonders  dieses  Jahrbuch  für  1885,  S.  192  Anmerkung. 

2)  Wie  bereits  in  diesem  Jahrbuch  für  1885,  S.  xlv  angegeben. 


112 


Ii.  Loretz,  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit 


Aufschluss  ist  ungenügend)  Kersantit  in  Verbindung  mit  Glimmer- 
porpbyrit  erscheint.  Die  Uebereinstimmung  des  fraglichen  Ge- 
steines dieser  Stelle  mit  Kersantit  scheint  mir  im  mikroskopischen 
Bilde  wie  im  Handstück  vollständig  zu  sein.  Die  Stücke  zeigen 
die  abgerundeten  Formen,  die  starke,  schalig  sich  ablösende,  zer- 
setzte Verwitterungsrinde,  die  Zähigkeit  und  schwere  Zerspreng- 
barkeit,  wie  man  dies  von  den  sonstigen,  sicheren  Kersantitvor- 
kommnissen  her  kennt;  das  Gestein  umschliesst  ohne  scharfe  Um- 
grenzung einzelne  kleine  Theile,  welche  das  Aussehen  von  Glimmer- 
porphyrit  haben  uud  deu  Eindruck  abweichend  gearteter  Aus- 
scheidungen aus  demselben  Magma  machen.  Weiter  abwärts  im 
Querbachthal  ist  an  demselben  Fahrweg,  an  der  südlichen  Thal- 
seite, abermals  eine  Stelle,  wo  sehr  glimmerreicher  Kersantit  vor- 
kommt, welcher  hier  anscheinend  gangartig  zwischen  felsitischem 
Porphyr  ansteht.  Im  Glasbachthal  wurde  Kersantit  an  einer 
Stelle  mit  Glimmerporphyrit  zusammen  beobachtet,  innerhalb  eines 
sonst  von  Quarzporphyr  und  nächstverwandtem  sauren  Porphyr 
eingenommenen  Bereiches. 

Das  Gestein  von  der  erstgenannten  Stelle,  also  der  Kersantit 
vom  »Breiten  Brunnen«  im  Querbachthal,  wurde  einer  Analyse 
unterworfen,  welche  ergab: 


Si02  .... 

. . 52,25 

Ti  02  . . . . 

. . 0,62 

Al2  O3  .... 

. . 14,93 

Fe2Ü3  . 

. . 3,50 

Fe  0 . . . . 

. . 3,70 

Mg  O . 

. . 5,84 

CaO  .... 

. . 6,33 

K20  .... 

. . 3,76 

Na20  .... 

. . 2,86 

S03  .... 

. . 0,21 

P2Oö  .... 

. . 0,62 

co2  . . . . 

. . 2,62 

h20  .... 

. . 2,68 

99,92 

Spec.  Gewicht  . 

. . 2,7250 

G.  F.  Steppen. 

und  Glimmerporphyrit  in  derselben  Gangspalte  etc. 


313 


Die  nahe  Uebereinstimmung  mit  den  weiter  oben  angegebenen 
Kersantit -Analysen  ist  ersichtlich. 

Von  dem  Kersantit  aus  dem  Glasbachthale  wurde  nur  der 
Gehalt  an  Kieselsäure  und  Kohlensäure,  und  das  specifische  Ge- 
wicht bestimmt  und  gefunden:  SiOo  56,21  pCt. ; COj  1,19  pCt. ; 
Specifisches  Gewicht  2,7047  (Steffen). 

Wir  sehen  also,  dass  eine  eruptive  Gesteinsmischung,  welche 
petrographisch  auf  den  Kersantit-Typus  hinauskommt,  wenn  auch 
nur  in  ganz  geringer  Menge  innerhalb  der  deckenartigen  Ergüsse 

O O O O o Ö 

des  Rotliliegenden  erscheint,  ihrem  Alter  nach  also  auch  der 
Rotliliegendeu  Periode  angehört.  Will  man  die  genannten  Vor- 
kommnisse nicht  als  der  Kersantit -Gangformation  gleichstehend, 
sondern  nur  als  basischere  Ausscheidungen  aus  demselben 
Magma  auffassen,  welches  als  Glimmerporphyrit  erstarrte,  so 
sind  dieselben  doch  bei  der  Frage  nach  dem  Alter  unserer 
Kersantit  - Formation  überhaupt  von  Interesse , insofern  sie 
zeigen,  dass  jedenfalls  noch  zur  eigentlichen  Rotliliegenden  Zeit 
ebendieselbe  Gesteinsmischung  auf  eruptivem  Wege  zu  Stande 
kam  , welche  die , zum  Theil  vielleicht  etwas  älteren  (doch 
wohl  nicht  älter  als  spätcarbonischen)  Gänge  im  Schiefergebirge 
erfüllt  1). 

Abgesehen  von  diesen  an  Masse  geringfügigen  Vorkommnissen 
kommt  wie  gesagt  unserem  Kersantit  in  keiner  Weise  die  Rolle 
eines  Deckenergussgesteins  zu. 

Im  Gegensatz  zum  Kersantit  ist  nun  das  geologische  Auftreten 
des  Glimmerporphyrits  nicht  nur  das  eines  Ganggesteius,  sondern 
auch  das  eines  Erguss-  oder  Deckengesteins;  er  durchsetzt  einer- 
seits in  zahlreichen  Gängen  das  Grundgebirge  (Schiefergebirge), 
breitet  sich  aber  auch  andererseits  in  ansehnlichen  Massen  über  dem- 
selben aus;  wiederholt  kommt  er  auch  innerhalb  der  vom  Quarz- 
porphyr und  felsitischen  Porphyr  gebildeten  Decken,  wie  es  scheint 


')  Es  steht  dies  in  Uebereinstimmung  mit  den  Ergebnissen,  zu  welchen 
Liebe  und  Lossen  gelangt  sind. 


Jahrbuch  1887. 


8 


114 


H.  Lohk'iz.  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit 


gangartig  durchsetzend  vor  1).  Er  gehört  also  in  der  Hauptsache 
der  Periode  des  Rothliegenden  an,  wenn  auch  die  Möglichkeit 
besteht,  dass  einzelne  Gänge  desselben  im  Schiefergebirge  bereits 
etwas  älter,  nämlich  spätoarbonisch  sind.  Die  Zeit  der  Entstehung 
der  Glimmerporphyritmassen,  welche  wir  in  unserem  Gebirge  an- 
treffen, kann  nicht  sehr  verschieden  sein  von  der  Zeit  der  Ent- 
stehung der  Kersantitmassen;  beide  Zeiträume  werden  sich  nicht 
ganz  decken,  derjenige  des  Kersantits  dürfte  früher  begonnen 
haben.  An  Gesammtmasse  wird  der  Glimmerporphyrit  den  Ker- 
santit übertreffen,  wegen  der  bedeutenden,  ihm  zukommenden  Er- 
güsse, welche  dem  letzteren  fehlen. 

Das  Zi  isa nunen Vorkommen  der  beiderlei  Gesteine  in  derselben 
Gangspalte  ist  wie  wir  gesehen  haben  nicht  selten,  doch  ist  es 
keineswegs  Regel.  Es  giebt  Gänge  genug,  welche  nur  das  eine 
oder  nur  das  andere  Gestein  enthalten;  auch  scheint  das  Vor- 
kommen dieser  Gesteine  nach  den  aus  dem  südöstlichen  Thüringer 
W aide  und  weiterhin  ostwärts  vorliegenden  Aufnahmen  regionen- 
weise verschieden  zu  sein,  in  der  Art,  dass  sie  in  gewissen  Ge- 
birgstheilen  überhaupt  nicht  beide  zusammen  erscheinen , oder 
doch  ganz  vorwiegend  nur  das  eine  von  ihnen,  was  besonders 
vom  Kersantit  gilt.  Das  gemeinschaftliche  Vorkommen  und  nament- 
lich das  in  ein  und  derselben  Gangspalte  scheint  sich  überdies 
besonders  in  denjenigen  Gebirgstheilen  einzustellen,  wo  der  Glimmer- 
porphyrit auch  deckenförmig  vorkommt,  oder  vielleicht  in  früherer 
Zeit  Decken  desselben  vorhanden  waren,  wie  dies  eben  in  der 
Gegend,  welcher  wir  unser  Profil  entnommen  haben,  der  Fall  ist. 

Ziehen  wir  die  Summe  obiger  Ausführungen  über  das  Auf- 
treten des  Kersantits  und  Glimmerporphyrits,  so  ergiebt  sich,  dass 
beiderlei  Gesteinen  nicht  nur  petrographisch  sondern  auch  namentlich 
nach  ihrem  Vorkommen  im  Gebirge,  also  geologisch,  das  gleiche 
Maass  von  Selbständigkeit  zukommt,  sodass  sie  sich  nicht  gegen- 
seitig bedingen.  Somit  können  auch  in  unserem  besonderen  Falle, 
nämlich  im  Gangprofil  bei  Unterneubrunn,  zwei  selbständige 

b Der  Habitus  des  in  Gängen  und  des  in  Decken  erstarrten  Glimmerpor- 
phyrits ist  zum  Theil  etwas  verschieden,  doch  bleibt  das  Gestein  in  den  wesent- 
lichen Punkten  dasselbe. 


und  Glimmerporphyrit  in  derselben  Gangspalte  etc. 


115 


Eruptivgesteine  vorliegen,  welchen  nur  der  Weg,  den  sie  zum 
Aufdringen  benutzt  haben,  gemeinsam  ist.  Dass  dieselben  sonst 
nichts  mit  einander  zu  thun  haben,  in  keinem  engen  genetischen 
Zusammenhang  stehen,  ist  damit  noch  nicht  streng  bewiesen,  aber  es 
ist  wahrscheinlich;  denn  wäre  ein  solcher  Zusammenhang  vorhanden, 
so  könnte  es  doch  wohl  nur  der  sein,  dass  der  Kersantit  ein 
basischeres  Ausscheidungsproduct  des  beiden  Gesteinen  gemein- 
schaftlichen Magmas  darstellte,  und  dann  müsste  man  doch  er- 
warten, in  den  an  zahllosen  Stellen  freigelegten  Decken  und  Gang- 
massen des  Glimmerporphyrits  häufig  derartige  basische  Ein- 
schlüsse und  Schlieren  von  Kersantitnatur  zu  sehen,  was  eben 
keineswegs  der  Fall  ist  x). 

Wie  bereits  erwähnt,  beschränkt  sich  das  Zusammenvorkommen 
von  zwei , auch  wohl  drei  Eruptivgesteinen  in  derselben  Gang- 
spalte, oder  in  einem  kleinen  System  sehr  nahe  benachbarter 
Spalten  nicht  auf  Glimmerporphyrit  und  Kersantit,  sondern  ist 
eine  allgemeinere  Erscheinung,  welche  auch  bei  einer  anderen 
Combination  unserer  Eruptivgesteine  stattfinden  kann,  so  zwischen 
Glimmerporphyrit  und  quarzarmem  Porphyr  (Orthophyr),  und 
zwischen  Kersantit  und  quarzarmem  Porphyr;  in  diesem  letzteren 
Falle  stehen  die  beiden  Gesteine  in  der  petrographischen  Reihe 

b Was  ich  an  derartigen  Vorkommnissen  glimmerreicher  Ausscheidungen 
oder  Einschlüsse,  die  kersantitähnlich  aussehen,  im  Glimmerporphyrit  beobachtet 
habe,  ist  sehr  vereinzelt  und  an  Masse  unbedeutend  geblieben.  Ebendesshalb 
scheinen  sie  mir  für  die  genetischen  Beziehungen  von  Glimmerporphyrit  und 
Kersantit  von  keiner  grösseren  Bedeutung,  als  z.  B.  die  örtlich  vorkommende 
Verwachsung  von  Glimmerporphyrit  mit  kleinen  Massen  (?  Schlieren)  von  felsi- 
tischem,  quarz-  und  orthoklasreichem  Porphyr  für  die  Beziehungen  zwischen 
Glimmerporphyrit  und  Felsitporphyr  sein  können  ; den  letzteren  Fall  beobachtete 
ich  in  einem  Glimmerporphyritgang  am  linken  Schleuseufer , eine  Strecke  ober- 
halb Unterneubrunn. 

Mögen  auch  die  verschiedenen  Typen  unserer  eruptiven  Gang-  und  Decken- 
formationen des  Rothliegenden  und  der  nächst  vorhergehenden  Zeit,  vom  Quarz- 
porphyr bis  zum  Augitporphyr , als  durch  Spaltung  aus  noch  älterem,  einheit- 
licherem Magma  entstanden  gedacht  werden  können,  so  spricht  die  Art  ihres 
Auftretens  in  jenen  Formationen  doch  für  eine  geologische  Selbständigkeit  der 
einzelnen  Typen.  Wir  mögen  uns  dann  vorstellen,  dass  ihre  Scheidung  in  den 
unterirdischen  Heerden,  mit  welchen  sie  durch  die  Eruptionsspalten  zunächst 
zusammenhingen,  bereits  vollzogen  war;  und  der  Kersantit  würde  in  dieser  Hin- 
sicht, nach  den  obigen  Ausführungen,  mit  den  anderen  Typen  gleichstehen. 

8* 


H.  Loretz.  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit 


116 

um  eine  Stufe  weiter  auseinander  als  in  dem  Falle  unseres  Profils. 
Beispiele  hierfür  finden  sich,  wie  gesagt,  wiederholt  in  der  Um- 
gebung von  Unterneubr  unn. 

Fasst  man  nun  die  zweierlei  neben  einander,  in  durchgreifender 
Lagerung  erscheinenden  Eruptivgesteine  als  von  einander  unab- 
hängig auf,  so  wird  weiter  wahrscheinlich,  dass  die  Erfüllung  der 
Orangspalte  mit  denselben  in  getrennten  eruptiven  Acten  vor  sich 
gegangen  ist,  so  dass  dem  einen  Gestein  ein  etwas  höheres  Alter 
zukommt  als  dem  anderen.  Diese  Annahme  ist  ja  nicht  neu, 
sondern  ist  in  den  Beschreibungen  verschiedener  derartiger  Vor- 
kommnisse aus  verschiedenen  Gebieten  wiederholt  ausgesprochen 
worden.  E.  Weiss  beschreibt  ])  solche  Fälle  aus  der  Gegend  von 
Friedrichroda  im  nördlichen  Thüringer  Walde;  es  kommt  hier 
vor,  dass  ein  und  dasselbe  Gestein  einmal  als  Randgestein,  in 
einem  anderen  Falle  dagegen  als  Gestein  der  Gangmitte,  als  Kern- 
gestein, erscheint;  das  Randgestein  wird  als  in  der  Eruption  vor- 
ausgehend angesehen.  Früher  schon  sind  von  demselben  Verfasser 
verwandte  Erscheinungen  von  den  Gesteinsgängen  des  krystalli- 
nischen  Grundgebirges  bei  Liebenstein  u.  s.  w.  beschrieben  worden2). 
Wir  möchten  uns  der  von  Weiss  ausgesprochenen  Auffassung  des 
Randgestein.s  als  desjenigen,  welches  in  der  Eruption  und  Gang- 
erfüllung vorausging,  für  unser  Profil  von  Unterneubrunn  durch- 
aus anschliessen.  Nach  dem  Aufreissen  der  Gangspalte  wäre  die- 
selbe also  zunächst  mit  Kersantit  erfüllt  worden.  Dass  es  übrigens 
weniger  eine  einheitliche  Spalte  ist  als  zwei  Parallelspalten,  oder 
eine  kleine  Gruppe  von  Rissen,  welche  untereinander  parallel  sein, 
vielleicht  auch  Zusammenhängen  mögen,  zeigt  das  Profil;  zudem 
hat  es  in  dem  weiteren  Verlaufe  des  Ganges  nach  Süden  und 
Südosten  den  Anschein , dass  der  Kersantit  die  Spalte  nicht  zu- 

')  Petrograph.  Beiträge  aus  dem  nördl.  Thüringer  Walde.  Dieses  Jahrbuch 
für  1883. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  Bd.  XXXIV,  1882,  S.  677.  — Vgl.  dazu 
PfflsGSHtui , a.  a.  0.  Bd.  XXXII,  18S0.  — Bei  diesem  Vorkommen  spielen  die 
Einschlüsse  des  Randgesteins  im  Gestein  der  Mitte  eine  grosse  Rolle.  In  unserem 
Falle  ist  dies  nicht  so:  Einschlüsse  vom  Kersantit  des  Randes  im  Glimmerpor- 
phyrit  der  Mitte  machen  sich  im  Ganzen  so  wenig  bemerklich,  dass  wir  sie  für 
die  Deutung  der  Erscheinung  nicht  in  Betracht  ziehen. 


und  Glimmerporphyrit  in  derselben  Gangspalte  etc. 


117 


sammenhängend,  sondern  stückweise  erfüllte,  je  nachdem  sie  mehr 
oder  minder  völlig  aufgerissen  war.  Später  erfolgte  dann  die  Aus- 
füllung mit  Glimmerporphyrit,  wozu  eiu  wiederholtes  Aufreisseu  der 
Spalte,  mit  anderen  Worten  eine  wiederholte  gegenseitige  Verschie- 
bung' der  beiderseits  angrenzenden  Gebirgstheile  nöthig  war.  Ein 
solches  abermaliges  Verschieben  der  Massen  in  derselben  Richtung 
ist  mechanisch  sehr  wohl  denkbar,  und  steht  ganz  in  Einklang  oder 
ist  nur  ein  besonderer  Fall  der  geodyuamischen  Erfahrung,  dass 
in  derselben  Linie  oder  Richtung  zu  verschiedenen  Zeiten  Bewe- 
gungen sich  wiederholen.  Ein  Hauptgrund  davon  liegt  gewiss 
in  der  Versehwächung,  welche  durch  die  erste  verschiebende  Be- 
wegung in  dieser  Richtung  eingetreten  ist,  da  diese  Versehwächung 
nach  der  ganzen  Art  des  Beweguugsvorgangs  sich  nicht  immer 
streng  in  einer  Linie  halten,  sondern  meistens  einen  Streifen  von 
einer  gewissen  Breite  betreffen  wird,  und  da  durch  die  blosse 
Anwesenheit  der  erstarrten  Eruptivmasse  die  ursprüngliche  Festig- 
keit, wie  sie  dem  noch  zusammenhängenden  und  nicht  zerrütteten 
Nebengestein  vor  Entstehung  der  Spalte  zukam,  nicht  ganz  wieder 
hergestellt  sein  wird.  Die  zweite  Verschiebung  und  Aufspaltung 
muss  auch  nicht  genau,  sondern  nur  ungefähr  in  die  Lage  der 
ersten  fallen,  und  so  mag  es  bewirkt  werden,  dass  das  in  Folge 
dieses  zweiten  Bewegungsvorganges  ei ud  ringende,  zweite  Eruptiv- 
gestein auf  eine  gewisse  Strecke  als  Gang  innerhalb  des  ersten 
zu  liegen  kommt,  auf  andere  Strecken  seitwärts  davon,  auf  wieder 
andere  in  der  Verlängerung,  indem  es  nämlich  solche  Stücke  des 
Spaltenverlaufes  erfüllt  , welche  wegen  nicht  völliger  Aufreissung 
bei  der  ersten  Bewegung,  von  dem  ersten  Eruptivgestein  noch 
nicht  erfüllt  waren.  Auf  derartige  Vorgänge  lässt  wenigstens  das 
Verhalten  der  von  uns  in  der  bezeichueten  Gegend  aufgenommenen 
Gänge  sohliessen. 

Eigentümlich  bleibt  es  immerhin,  dass  der  Kersantit,  wenig- 
stens nach  den  Erfahrungen  in  unserem  Gebiete  und  den  Nach- 
bargebieten, nicht  deckenbildend  auftritt,  wodurch  er  eben  eine 
gewisse  Sonderstellung  einnimmt  in  der  Reihe  der  ihm  im  Alter 
nahestehenden  Eruptivgesteine,  welche,  wie  er,  das  Grundgebirge 
in  durchgreifender  Lagerung  durchsetzen,  ausserdem  aber  auch  in 


118 


H.  Loretz,  Ueber  das  Vorkommen  von  Kersantit  etc. 


deckenförmigen  Ausbreitungen  Vorkommen,  nämlich  Quarzporphyr 
(Felsitporphyr  etc.),  Quarzarmer  Porphyr  (Orthophyr  zum  Thei.1), 
Glimmerporphyrit,  Augitporphyrit  (?  Melaphyr).  Man  könnte  aut 
die  Vorstellung  kommen,  dass  die  Gesammtmasse  des  den  Ker- 
santit liefernden  Magmas  für  Deckenergüsse  nicht  bedeutend  ge- 
nug  war,  sondern  in  ihrer  horizontalen  Verbreitung  in  der  Tiefen- 
region, welcher  sie  entstammt,  überall  nur  in  solcher  Menge  vor- 
handen war,  dass  sie  nur  zur  Ausfüllung  der  Gangspalten  aus- 
i’eiclite;  wir  wollen  indess  dieser  Vorstellung  nicht  den  Werth 
einer  Erklärung  beimessen. 


Mitteilungen  über  die  Eruptivgesteine  der 
Seetion  Schmalkalden  (Thüringen). 

Von  II  errn  H.  Bücking  in  Strassburg  i.  Eisass. 

(Hierzu  Tafel  V.) 


Im  Herbst  1887  wurde  das  im  Norden  der  Seetion  Schmal- 
kalden gelegene  Gebiet,  welches  früher  von  Herrn  von  Seebach 
für  eine  detaillirte  Aufnahme  vorbereitet  worden  war,  einer  ein- 
gehenderen geognostischen  Bearbeitung  meinerseits  unterzogen  und 
damit  die  im  Jahre  1879  von  mir  begonnene  Detailaufnahme  der 
Seetion  Schmalkalden  zum  Abschluss  gebracht-  Besondere  Auf- 
merksamkeit wurde  diesmal,  ebenso  wie  früher,  den  Eruptiv- 
gesteinen gewidmet,  welche  deckenartig  im  Rothliegenden 
und  gangförmig  sowohl  in  dieser  Formation,  als  in  dem  unter-* 
liegenden  Gneiss  und  Granit  auftreten. 

A.  Deckengesteine. 

Die  Lagerung  der  Deckeilgesteilie  ist  aus  den  beigegebenen  Pro- 
filen 1 — 3 (Taf.  V)  zu  ersehen.  Das  erste  Profil  ist  durch  die  Hohe 
Warte  östlich  von  Kleinschmalkalden  gelegt  und  zeigt  über  dem 
Granit,  gegen  welchen  der  westlich  von  einer  Verwerfung  auf- 
tretende Glimmerschiefer  mit  einer  Neigung  von  40°  östlich  ein- 
fällt, die  gleichfalls  östlich  einschiessenden  Sedimente  des  Unter- 
Rothliegenden,  graue  dünnplattige  Sandsteine,  graue  und  schwarze 
Schieferthone  und  wenig  mächtige  Conglomeratbänke.  Diesen 
Schichten  eingeschaltet,  und  zwar  nahe  an  ihrer  unteren  Grenze, 
sind  eine  Decke  von  dunkelen,  stark  zersetzten  melaphyrartigen  Ge- 


120 


H.  Bücking,  Mittheilungen  über  die  Eruptivgesteine 


steinen  (a)  und  ein  Lager  von  einsprenglingsarmem , zuweilen 
etwas  plattig  abgesondertem  und  deutlich  fluidalstruirtem  Quarz- 
porphyr (b),  welches,  im  Hangenden  der  Decke  (a)  befindlich,  von 
jener  gewöhnlich  durch  eine  schwache  Lage  von  Sedimenten 
(Melaphyrconglomeraten  z.  Th.)  getrennt,  und  von  einem  wenig 
ausgedehnten  Lager  von  graugrünem,  z.  Th.  mandelsteinartig 
entwickeltem  Melaphyr  (c)  bedeckt  ist. 

Das  zweite  Profil  schliesst  sich  an  das  erste  an.  Ls  benannt 

Ö 

am  Kirchberg  bei  Floh,  wo  die  gleichen  Schichten  zu  Tage  traten, 
wie  an  der  Hohen  Warte  bei  Kleinschmalkalden  im  Hangenden 
des  Melaphyrlagers  c,  und  folgt,  einer  über  den  Kohlberg  und 
Hachelstein  bei  Asbach  nach  dem  Heftenberg  und  Arzberg  bei 
Steinbach-Hallenberg  im  Allgemeinen  senkrecht  zur  Streichrichtunsr 
der  Rothliegenden  - Sedimente  verlaufenden  Linie.  Am  Kirchberg; 
bei  Floh  lagern  über  Unter-Rothliegendem,  welches  aus 
grauen  Sandsteinen  und  Schieferthonen , auch  Arkosen,  besteht, 
rothgefärbte  Sandsteine  und  Arkosen,  mit  welchen  das  Mittel- 
Roth  liegende  beginnt.  Fs  folgen  nach  oben  bis  zum  Kohlberg 
rothe  Sandsteine  und  Schieferthone,  blaugraue  tuffartige  Gesteine 
und  dünnplattige  Quarzite,  rothe  Arkosen,  Sandsteine  und  Schiefer- 
thoue  mit  eingelagerten  Kalklinsen,  Porphyrcouglomerate,  und  von 
da  bis  zur  Grenze  des  Ober-Rothliegenden  rothe  Schieferthone  mit 
untergeordneten  Lagen  von  rothem  Sandstein,  Arkosen  und  Tuffen. 

Von  Eruptivgesteinen  erscheinen , von  unten  nach  oben  ge- 
zählt, zunächst  nur  vereinzelte,  wenig  ausgedehnte,  linsenförmige 
Einlagerungen  von  stark  zersetztem  Melaphyr  (d),  dann  Ausläufer 
des  mächtigen  Lagers  von  Hühnberggestein  (e),  ferner  eine  Decke 
eines  einsprenglingsreichen  Quarzporphyrs  (f)  und  über  diesem 
das  am  Kohlberg  und  am  Hachelstein  mächtig  entwickelte  Lager 
des  bekannten  dünnplattig  abgesonderten,  deutlich  fluidalstruirten 
Quarz -Porphyrs  von  Asbach  (g),  welchem  als  jüngste,  ebenfalls 
mächtige  Porphyrdecke,  von  dem  tieferen  Lager  nur  durch  eine 
schmale  Zone  von  Sedimenten  getrennt,  wieder  ein  im  Allgemeinen 
einsprenglingsreicher,  massig  (nicht  plattig)  abgesonderter  Quarz- 
Porphyr,  der  Porphyr  des  Heftebergs  (h)  folgt. 

Zwischen  Hefteberg  und  Steinbach-Hallenberg  ändert  sich  das 
Einfällen  der  Schichten.  Es  bildet  sich  eine  Mulde  heraus,  welche 


der  Seetion  Schmalkalden  (Thüringen). 


121 


über  dem  mittleren  Rothliegenden  noch  Oberes  Rothliegendes 
enthält,  d.  i.  ein  Porphyrconglomerat  mit  vereinzelten  Granit-, 
Gueiss-  und  Quarzgeschieben,  welchem  an  einzelnen  Stellen  wenig 
mächtige  Lagen  von  Schieferthon  eingeschaltet  sind.  Das  unter 
dem  Ober- Rothliegeudeu  bei  Altersbach  und  am  Arzberg  hervor- 
tretende Mittel  -Rothliegeude  zeigt  eine  etwas  andere  petrogra- 
phische  Entwickelung  als  in  dem  nördlichen  Muldenflügel;  es  folgen 
nämlich  unter  rothem  Schieferthon  und  Sandstein,  der  nach  Be- 
obachtungen des  Herrn  von  Fritsch  bei  Rotterode  Kieselhölzer 
führt  und  noch  zum  Mittel-Rothliegenden  zu  rechnen  ist,  in  der 
Thalsohle  bei  Altersbach  violette,  mürbe,  kaolinhaltige  Sandsteine 
und  graudige,  feldspathführende  Schichten,  in  Wechsellagerung 
mit  rothen  Sandsteinen,  Schieferthonen  und  Porphyrconglomeraten. 
Frei  von  diesen  brandigen  und  conglomeratischen  Zwischenlagen 
sind  erst  wieder  die  tieferen  Sedimente,  rothe  Schieferthone  und 
Sandsteine,  welche  unter  der  Decke  des  einsprenglingsreichen 
Porphyrs  von  Arzberg  (hm)  liegen  und  das  Hangende  des  ein- 
sprenglingsarmen , zuweilen  plattig  abgesonderten  und  fluidal 
struirten  Porphyrs  von  Steinbach-Hallenberg  (g")  bilden. 

Auch  das  dritte  Profil,  welches,  dem  zweiten  nahezu  parallel, 
das  Gebirge  weiter  südwestlich  schneidet,  zeigt  ähnliche  Verhält- 
nisse, wie  sie  eben  besprochen  wurden.  Es  bedarf  daher  keiner 
weiteren  Erläuterung.  Nur,  was  den  Porphyr  des  Dörnbergs  (h) 
anlangt , so  sei  bemerkt,  dass  er  petrographisch  dem  Porphyr  des 
Stiller-Steins  (h”),  und  mit  dem  letzteren  dem  des  Heftebergs  (10 
gleich  ausgebildet  erscheint.  Auch  der  Porphyr  des  Arzbergs  (h'") 
ist  diesen  vergleichbar,  während  der  Porphyr  von  Steinbach- 
H alienberg  (g")  eine  gewisse  Aehnlichkeit  mit  dem  etwa  gleich- 
alterigen  Porphyr  vom  Kohlberg  (g)  besitzt,  wenn  er  auch  die  für 
den  letzteren  charakteristische  plattige  Absonderung  und  Fluidal- 
structur  nicht  so  deutlich  erkennen  lässt. 

G 1 i m m e r m e 1 a p h y r e. 

Die  Gesteine  der  mit  (a)  bezeichneten  weitverbreiteten  Decke 
entsprechen  sicherlich  nicht  einer  einzigen  Eruption,  sondern  viel- 
mehr mehreren  über-  und  nebeneinander  ausgebreiteten  Ergüssen. 
Sie  zeigen  fast  durchgängig  in  ihrer  Structur  eine  grosse  Aehn- 

Ö Ö Ö O O 


122 


H.  Bücking,  Mittheilungen  über  die  Eruptivgesteine 


lichkeit  mit  echten  Angitporphyriten,  insofern  als  ihre  Grundmasse 
(eine  hyalopilitische  im  Sinne  Rosenbusch  s ist,  d.  h.)  wesentlich 
aus  kleinen  schmalen,  gewöhnlich  unregelmässig  angeordneten 
Feldspathleisten  und  Augitkörnchen  neben  Resten  einer  amorphen, 
fast  immer  zersetzten  Basis  besteht.  Zuweilen  befolgen  die  Plagio- 
klasleistchen,  welche  sich  gewöhnlich  erst  bei  gekreuzten  Nicols 
von  der  zersetzten  Basis  gut  unterscheiden  lassen,  eine  parallele 
Anordnung,  und  entsteht  dadurch  eine  deutliche  Fluidalstructur. 
Aus  der  Grundmasse  treten  einsprenglingsartig  einzelne  grössere 
Krystalle  von  Biotit,  Augit  und  Olivin  hervor.  Die  letzten  beiden 
Mineralien  sind  aber  durchgehends  zersetzt  und  umgewandelt  in 
ein  Gemenge  von  Quarz  (resp.  Chalcedon),  Chlorit  und  Kalkspatb. 
Häufig  ist  auch  der  in  frischem  Zustande  braune  Biotit  gebleicht 
und  metamorphosirt:  doch  scheint  ihn  im  Allgemeinen  der  charak- 
teristische schwarze  Eisenerzrand  gegen  die  Zersetzung  widerstands- 
fähiger  zu  machen.  Apatit  kommt  in  etwas  grösseren,  durch 
staubähnliche  Interpositionen  grauen  Krystallen  mit  pyramidaler 
Endigung  in  der  Grundmasse  ziemlich  reichlich  vor.  Neben  den 
herrschenden  compacten  Varietäten  finden  sich  auch  Mandelsteine 
mit  länglichen,  meist  von  Calcit  und  Chalcedon  erfüllten  Mandeln. 

Der  Kieselsäuregehalt  dieser  Gesteine  schwankt  nach  Analysen, 
welche  ich  an  verhältuissmässig  frischem  Material  habe  anstellen 
lassen,  zwischen  51  und  55  pCt. ; der  Gehalt  an  Alkalien  ist  ge- 
ringer als  der  an  alkalischen  Erden;  unter  den  letzteren  scheint 
Magnesia  über  Kalk  zu  überwiegen.  Wolff  (Zeitsehr.  für  die  ges. 
Naturwiss. , Halle  1878)  fand  in  dem  Gestein  vom  Reisigenstein 
bei  Kleinschmalkalden  sogar  nur  43,5  Si02;  jedenfalls  hat  ihm 
nur  zersetztes  Material  zu  Gebote  gestanden,  zumal  da  am  Reisigen- 
stein kaum  hinlänglich  frische  Gesteine,  wie  sie  für  eine  ent- 
scheidende Analyse  wünschenswert!»  wären,  zu  erhalten  sind. 

Auf  Grund  der  gefundenen  Zusammensetzung  und  mit  Rück- 
sicht  auf  die  Ergebnisse  der  mikroskopischen  Untersuchung  sind 
die  eben  besprochenen,  die  Hauptmasse  des  Eruptivlagers  (a)  zu- 
sammensetzenden Gesteine  als  saure  Melaphyre  oder  als  basische 
Augitporphyrite  zu  bezeichnen ; ich  möchte  den  bisher  für  diese 
Gesteine  gebräuchlichen  Namen  Glimmermelaphyr  beizube- 
halten Vorschlägen. 


der  Section  Schmalkalden  (Thüringen). 


123 


Eine  charakteristische  Melaphyrstructur  zeigen  unter  den  zur 
Untersuchung  gelangten  Gesteinen  dieses  Lagers  nur  die  von  der 
»Floher  Gemeinde«  (seil.  = Wald)  nordöstlich  von  Seligenthal,  in 
welchen  zwischen  divergent-strahlig  angeordneten  Plagioklasleisten 
eingeschlossen  eine  stark  zersetzte,  reichlich  Plagioklas  in  kleinen 
Kryställchen  führende  Grundmasse  beobachtet  wird  (lntersertal- 
resp.  Tholeiitstructur  Rosenbusch’s). 

Sehr  glimmerreiche  Gesteine  desselben  Zuges  herrschen  süd- 
lich von  den  eben  erwähnten,  am  Masskopf  und  am  Kaiserskopf 
bei  Floh,  und  kommen  in  nahezu  gleicher  Ausbildung  auch  in  den 
Grubenbauen  des  Stahlbergs  vor.  Sie  sind  wegen  ihres  an  Minette 
erinnernden  Aeusseren  früher  von  Moehl  als  solche  beschrieben 
worden  (Neues  Jahrbuch  für  Mineralogie  1875).  In  ihrer  Structur 
schliessen  sie  sich  an  die  ersterwähnte  Gesteinsgruppe  dieses  Lagers 
an;  nur  besitzen  sie  ausser  den  grösseren  Biotitkrystallen,  welche 
oft  Rutilnadeln  in  regelmässiger  Anordnung  enthalten,  auch  in 
der  Grundmasse  neben  divergent  gelagerten  Plagioklasen  und  Zer- 
setzungsproducten,  welche  vielleicht  von  einer  vorhanden  gewesenen 
Basis  herrühren,  noch  Biotit  in  kleinen  Blättchen.  Darnach  würden 
diese  Gesteine  den  Glimmerporphyriten  näher  stehen  als  den 
eigentlichen  Augitporphyriten.  Die  ähnlichen  Gesteine  vom  Stahl- 
berg zeigen  an  den  grösseren  Biotitkrystallen  unverkennbare  Druck- 
einwirkungen; auch  erscheinen  in  der  Grundmasse  gelegene,  etwas 
grössere,  chloritische  Blättchen  gebogen  und  zwischen  den  herr- 
schenden ungestreiften  Feldspathen  untereinander  parallel  ange- 
ordnet. Zersetzte  Gesteins- Varietäten  von  Floh  lassen  häufig  eine 
Mandelsteinbildung  erkennen. 

Gesteine,  welche  bezüglich  ihrer  Structur  den  zuletzt  be- 
sprochenen ähnlich  sind,  zum  Theil  aber  auch  als  veränderte  Tuffe 
angesehen  werden  können,  stehen  am  Masskopf  bei  Floh  in  mäch- 
tigen Felsen  an.  Sie  werden  hier  nach  allen  Richtungen  von 
Quarzadern  durchsetzt  und  sind  durch  und  durch  silificirt,  der 
Art,  dass  sie  bei  reichlichem  Gehalt  an  Eisenoxyd  und  Braun- 
eisen an  Fisenkiesel  erinnern. 

Die  mangelhaften  Aufschlüsse  und  der  schlechte  Erhaltungs- 
zustand der  eben  besprochenen  Gesteine,  welche  das  Lager  (a) 
zusammensetzen,  lassen  eine  Trennung:  in  die  genannten  verschie- 


] 24 


H.  Bücking,  Mittheilungen  über  die  Eruptivgesteine 


denen  Arten  nicht  durchführbar  erscheinen.  Man  wird  deshalb 
mit  Rücksicht  auf  die  kartographische  Darstellung  (im  Maass- 
stabe ]/25ooo)  einen  Gesammtnamen  für  sie  wählen  müssen.  Dem 
Namen  » Gli  mmerm  elaphy  r « möchte  ich  vor  »Augitporphyrit« 
den  Vorzug  geben,  einmal,  weil  die  Bezeichnung  »Augitporphyrit« 
den  zuletzt  erwähnten  Gesteinen,  welche  durchgehends  keinen 
Augit  zu  enthalten  scheinen,  nicht  wohl  beigelegt  werden  kann, 
und  dann,  weil  unter  Porphyr it  schlechtweg  im  Allgemeinen 
kieselsäurereichere  Gesteine  verstanden  werden,  als  sie  hier  vor- 
liegen, nämlich  Gesteine  mit  55  pCt.  Kieselsäure  und  darüber 
(vergl.  Lossen,  Jahrb.  d.  geol.  Landesanstalt  für  1883,  »S.  xxix, 
und  Zeitsehr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  35,  1883,  S.  212). 

Typische  Melaphyre. 

Die  mit  dem  Buchstaben  (c)  bezeichuete  wenig  ausgedehnte 
Gesteinsdecke  besteht  aus  typischem  Melaphyrgestein,  welches  con- 
verecent-strahliff  angeordnete  Plagioklasleisten  und  zwischen  diesen 
eingeklemmt  eine  meist  veränderte  Grundmasse  enthält.  Dieselbe 
hat  in  frischem  Zustande  anscheinend  eine  amorphe  Basis  besessen ; 
jetzt  führt  sie  reichlich  Calcit  und  Chaleedon.  Neben  den  ge- 
wöhnlich noch  ziemlich  frischen  Plagioklasleisten  finden  sich  als 
Einsprenglinge  grössere,  vollständig  in  Calcit  und  Chaleedon  um- 
gewandelte Krystalle,  vielleicht  von  Olivin  und  einem  Augitmineral. 
Auch  Mandelsteinstructur  wurde  beobachtet. 

Aehnlich  diesem  Vorkommen  ist  dasjenige,  welches  sich  etwa 
600  Schritt  nördlich  von  Schnellbach  im  Unter-Rothliegenden  be- 
findet. 

Auch  die  kleinen  linsenförmigen  Einlagerungen  von  stark  zer- 
setztem Melaphyr  (d)  im  mittleren  Rothliegenden  südlich  von  Floh 
schliessen  sich  hinsichtlich  der  Structur  und  der  Zusammensetzung 
an  die  eben  erwähnten  Melaphyre  des  unteren  Rothliegenden  an. 

Das  Ilüh  nberggestein  (e)  ist,  soweit  es  für  die  Section 
Schmalkalden  in  Betracht  kommt,  nach  seiner  Structur  und  seinem 
Mineralbestand  ein  Palatin  it  im  Sinne  von  Lossen  und  Rosen- 
busch, enthält  also  in  holokrystallinischer  Grundmasse  Leisten 
von  Plagioklas  und  einen  sehr  gut  prismatisch  spaltenden,  bräun- 


der  Seetion  Schmalkalden  (Thüringen). 


125 


liehen  Augit,  Apatit  und  Eisenerze.  Ein  in  dem  Gestein  sehr 
verbreitetes,  ziemlich  scharf  gegen  die  Zersetzungsproducte  der  ge- 
nannten Gesteinsbestandtheile  abgegrenztes  serpentinartiges  Mineral 
dürfte  wohl  als  veränderter  Enstatit  oder  Olivin  anzusehen  sein. 

Da,  wo  das  mächtige  Lager  im  Westen  sich  auskeilt,  wird 
das  sonst  ziemlich  grobe  Korn  des  Gesteins  ein  feines;  auch  ist 
die  Zersetzung  weiter  vorgeschritten  und  frischer  Augit  nicht  mehr 
aufzufinden.  Vollkommen  dichte  Gesteine  von  dieser  Stelle,  von 
welchen  bei  den  hier  sehr  mangelhaften  Aufschlüssen  nicht  nach- 
gewiesen werden  konnte,  in  welcher  Beziehung  zum  Palatinit  sie 
stehen,  besitzen  Porphyrit-Structur,  und  sind  demnach  als  Augit- 
porphyrit  oder  Melaphyr  von  porpliyritischem  Habitus  zu  be- 
zeichnen. 

B.  Ganggesteine. 

Die  Eruptivgesteinsgäuge  auf  der  Seetion  Schmalkalden  (und 
ebenso  in  dem  angrenzenden  Gebiet  der  Seetion  Brotterode)  bieten 
sehr  eigenthümliche  und  interessante  Verhältnisse  dar.  Neben 
Gängen,  auf  welchen  nur  eins  der  im  Folgenden  unter  A,  B und  C 
erwähnten  Gesteine  auftritt,  allerdings  zuweilen  in  mehreren  sowohl 
structurell  als  mineralogisch  und  chemisch  etwas  verschiedenen 
Abarten,  sind  auch  sogenannte  gemischte  Gänge  zu  unterscheiden, 
auf  welchen  2 oder  3 dieser  Gesteine  neben  einander  Vorkommen, 
nicht  ohne  in  ihrem  Verbände  eine  gewisse  Regelmässigkeit  er- 
kennen  zu  lassen. 

1.  Einfache  Gänge. 

Die  Gesteine  der  einfachen  hänge  lassen  sich  in  3 Haupt- 
gruppen eintheilen,  welche  leicht  von  einander  zu  unterscheiden 
sind.  Es  sind  folgende: 

A.  Basische  Gesteinsgänge,  namentlich  im  Gebiet  des 
Glimmergneisses  verbreitet,  ausgezeichnet  durch  eine  dunkele  Farbe 
und  ein  mittleres  Korn.  Man  kann  folgende  Gesteins -Varietäten 
unterscheiden  : 

a)  In  Structur  und  mineralogischem  Bestand  dem  Hühnberg- 
gesteiu  durchaus  entsprechende  Gesteine  (Palatinite).  Ihr  speci- 


126 


H.  Bücking,  Mittheilungen  über  die  Eruptivgesteine 


fisohes  Gewicht  beträgt  2,8 — 2,9  (resp.  3,0  nach  Pringsheim);  ihr 
Kieselsäuregehalt  47  — 49  pCt.  (vergl.  WEISS,  Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geol.  Ges.  XXX11I,  1881,  S.  488).  Die  Plagioklase  haben  in  diesem 
Gestein  gewöhnlich  eine  convergeut  stralilige  Anordnung  wie  bei 
den  körnigen  Diabasen,  und  werden  zum  Theil  umhüllt  von  den 
.oft  gross  ausgebildeten  Augiten.  Ausser  einem  bräunlichen  Augit 
( Diabasaugit)  ist  zuweilen  auch  noch  ein  ganz  wasserheller,  in 
der  Farbe  mit  dem  Olivin  leicht  zu  verwechselnder  Augit  vor- 
handen, welcher  randlich , auch  in  den  frischesten  Gesteinen,  in 
Serpentin  zersetzt  erscheint  (vergl.  die  Beschreibung  des  Plühnberg- 
gesteins  (e)  auf  der  vorigen  Seite).  Der  bräunliche  Augit  ist  in  den 
der  Umwandlung  stärker  anheimgefallenen  Gesteinen  sehr  ge- 
wöhnlich am  Rande  oder  durchaus  in  Uralit  verändert,  wobei  in 
einzelnen  Fällen  auch  etwas  Biotit  als  Neubildung  entsteht.  Mehr 
untergeordnet  erscheint  zuweilen  ein  zweiter  Feldspath.  Die  Ge- 
steine sind  entweder  gleichmässig  körnig  oder  auch  wohl  por- 
phyrisch  durch  einzelne  grössere  Einsprenglinge  von  Plagioklas 
und  von  Augit.  Die  Einsprenglinge  von  Plagioklas,  deren  Zer- 
setzung immer  im  Centrum  beginnt  und  allmählich  nach  aussen 
fortschreitet,  so  dass  also  die  rundlichen  Theile  am  längsten  frisch 
bleiben,  lassen  nicht  selten  Biegungen  (bis  zu  25°),  Brüche  und 
andere  auf  Druckkräfte  zurückzuführende  Erscheinungen  erkennen. 

b)  In  Gesteinen,  welche  den  unter  a)  erwähnten  im  Allge- 
meinen ganz  ähnlich  sind,  kann  auch  noch  Quarz,  entweder  in 
ganz  geringer  Menge  oder  etwas  häufiger,  in  Form  von  kleinen 
Körnern  zwischen  den  anderen  Gemengtheilen  auftreten. 

c)  In  manchen  dieser  Gesteine  erscheint  neben  dem  Augit 
noch  brauner  Biotit  und  etwas  Quarz,  auch  wohl  etwas  bräun- 
liche, von  dem  Uralit  leicht  zu  unterscheidende,  anscheinend  pri- 
märe Hornblende.  Ist  in  diesen  Kersantit-  und  Proterobas- ähn- 
lichen Gesteinen  — Lossen  hat  für  sie  den  Namen  »Hysterobas« 
in  Vorschlag  gebracht  — der  Quarz  etwas  reichlicher  vorhanden, 
so  zeigt  er  wohl  auch  eine  regelmässige,  schriftgranitartige  (grano- 
phyrische)  Verwachsung  mit  dem  Feldspath. 

d)  Es  kann  der  Augit  ganz  zurücktreten  oder  fehlen,  und 
neben  den  Feldspäthen  kann  vorhanden  sein  Hornblende,  sowohl 


der  Section  Schmalkalden  (Thüringen). 


1'27 


von  uralitiscliem  Aussehen  (faserig,  schilfig)  und  von  grünlicher 
Färbung,  als  von  dichterer,  mehr  compakter  Beschaffenheit  und 
von  brauner  Färbung,  Biotit  und  reichlicher  Quarz.  Auch  diese 
Gesteine  sind  Proterobas  - ähnlich  (Hysterobase  Lossen’ s),  nähern 
sich  aber  bei  zunehmendem  Biotitgehalt  dem  Kersantit. 

An  einzelnen  Stellen,  wie  bei  Reichenbach,  verfeinert  sich 
das  Korn  der  Gesteine,  und  es  entstehen  sehr  feinkörnige  bis 
dichte  Varietäten,  bei  welchen  in  einer  anscheinend  etwas  Basis 
führenden,  sehr  dichten  Grundmasse  einzelne  oder  sein’  viele 
grössere  Plagioklasleisten  convergentstrahlig  angeordnet  gelegen 
sind  (Tholeiitstructur  Rosenbusch’s). 

Gesteine,  welche  den  hier  erwähnten  im  A I Gemeinen  sehr 
ähnlich  sind,  treten  auch  gangförmig  im  Unter -Roth  liegen  den 
an  der  Hausmaas  und  im  Porphyr  (b)  des  Haderholzsteins,  an 
diesen  beiden  Orten  ausgezeichnet  durch  deutliche  Tholeiitstructur, 
aber  ohne  frischen  Augit,  sowie  im  Granit  des  Haderholzgrundes, 
hier  als  typischer  Palatinit  entwickelt,  auf. 

Aus  dem  ersteren  Vorkommen,  im  Unter  - Rothliegenden 
und  in  dem  Porphyr  (b),  kann  man  schliessen,  dass  wohl  alle  oder 
wenigstens  die  meisten  dieser  basischen  Ganggesteine  ihrer  Erup- 
tionszeit nach  dem  Rothliegenden  angehören  und  demnach  mit 
den  analog  zusammengesetzten  und  struirten  Deckengesteinen  des 
Rothliegenden  zu  vergleichen  sind.  Die  verschiedenen  Varietäten 
entsprechen  dann  ihrer  Structur  und  ihrer  mineralogischen  und 
chemischen  Zusammensetzung  zufolge  den  Melaphyren  (und  Pala- 
tiniten)  und  sind  deshalb  als  Gangmelaphyre  (Gangpalatinite) 
oder  wohl  auch,  sofern  sie  porphyrisch  ausgebildet  sind,  nach  der 
Rosenbuscii  sehen  Nomenclatur  als  Diabasporphyrite  (bezw.  auch 
als  Gangdiabase)  zu  bezeichnen.  Nur  sehr  wenige  von  den  oben 
genannten  Gesteinen,  die  sauersten  unter  ihnen,  könnten  den  Por- 
phyriten  als  Gangporphyrite  (oder  zum  Theil  als  Dioritporphyrite) 
zur  Seite  gestellt  werden.  Eine  scharfe  Abgrenzung  zwischen  den 
verschiedenen  mehr  basischen  und  mehr  sauren,  oben  erwähnten 
Varietäten  ist  aber  kartographisch  nicht  durchführbar;  sie  gehen 
vielmehr,  wie  meine  Untersuchungen  ergeben,  sogar  innerhalb  des- 
selben Ganges  in  einander  über.  Deshalb  möchte  ich  sämmtliche, 


128 


H.  Bücking,  Mittheilungen  über  die  Eruptivgesteine 


oben  unter  a)  bis  d)  aufgeführten  Gesteine  unter  einem  gemein- 
schaftlichen Namen  zusammenfassen  und  sie  als  Gangmelaphyr 
(oder  Gangdiabas,  Diabasporphyr it  z.  Th.)  bezeichnen. 

Anmerkung.  Im  Haderholzgrund  bei  Seligenthal  treten  im 
Granit  Eruptivgesteinsgänge  auf,  welche  ihn  nicht  ganz  bis  oben 
durchsetzen,  sondern  sich  in  ihm  verästeln  und  zerschlagen.  Die 
Gesteine  dieser  Gänge  enthalten  als  grössere  Einsprenglinge  etwas 
Feldspath,  besonders  aber  Quarz,  in  welchen  hier  und  da  buchten- 
artig die  Grundmasse  eindringt.  Letztere  besteht  wesentlich  aus 
leistenförmigen  Feldspäthen,  welche,  nach  ihrem  optischen  Ver- 
halten zu  scliliessen,  ziemlich  sauer  sind,  und  Zersetzungsproducten, 
besonders  Eisenoxyd.  Andere  Varietäten  dieser  Gesteine  sind  frei 
von  Einsprenglingen  und  lassen  eine  deutliche  Mikrofluidalstructur, 
bedingt  durch  parallele  Anordnung  der  Feldspathleisten,  erkennen. 
Ich  möchte  die  Gesteine  dieser  Gänge  als  Gangporpliyrit  (bezw. 
Dioritporphyrit)  bezeichnen,  und  sie  den  vorher  besprochenen 
Gangmelaphyren , mit  welchen  sie  durch  Uebergänge  nicht  vex-- 
bunden  zu  sein  scheinen,  gegenüberstellen. 

B.  Gänge,  deren  Gesteine,  unveränderte  normale  Glieder  vor- 
ausgesetzt, einen  Kieselsäuregehalt  von  56  pCt.  und  darüber  besitzen 
bei  einem  spec.  Gew.  von  2,71—2,75.  Es  lassen  sich  naturgemäss 
zweierlei  Arten  unter  diesen  Gesteinen  unterscheiden,  nämlich 
folgende : 

a)  Dunkele  Gesteine  mit  einer  feinkörnigen  bis  dichten  Gruud- 
inasse,  aus  welcher  hin  und  wieder  gi’össere,  zuweilen  glasig  aus- 
gebildete Feldspäthe  hervortreten,  die  neben  Kalium  fast  immer, 
und  zuweilen  in  beträchtlicher  Menge,  Natrium  und  Calcium  ent- 
halten. Die  Grundmasse  ist,  wie  die  miki'oskopische  Untersuchung 
lehrt,  vollkommen  kristallinisch  ausgebildet.  Sie  besteht  vox- 
wiegend  aus  Orthoklas  (bezw.  ixugestreiftem  Feldspath);  neben 
diesem  ist  in  zurücktretender  Menge  vorhanden  Quarz,  ferner 
Eisexxerz  und  entweder  noch  etwas  Biotit  oder  Augit  in  kleinen 
Kryställchen,  auch  wohl  Hoxmblende,  welche,  wenigstens  zum 
Theil,  aus  dem  Augit  durch  Zersetzuxxg  hei'vorgegangen  ist.  Der 
Quarz  ist  gar  nicht  selten  mit  dem  Oi'thoklas  schriftgranitartig 


der  Section  Schmalkalden  (Thüringen). 


1-29 


und  granophyrisch  verwachsen.  Augit  und  Biotit  vertreten  sich 
gegenseitig,  zuweilen  auf  demselben  Gang. 

Uebergänge  in  die  auf  Seite  126  unter  A.  c),  und  auch  d), 
erwähnten  Gesteine  können  dadurch  entstehen,  dass  der  im  All- 
gemeinen stets  neben  dem  Orthoklas  vorhandene  Plagioklas  reich- 
licher wird;  doch  gehören  solche  Uebergangsgesteine,  welche 
sich  in  ihrer  chemischen  Zusammensetzung  dem  Palaeophyr 
Gümbel’s  nähern,  zu  den  Seltenheiten  und  treten  nur  unter- 
geordnet auf. 

b)  Röth  lieh  graue  und  rothe  Gesteine  enthalten  in  einer  kör- 
nigen bis  dichten  Grundmasse  braunrotlie  Feldspäthe  eingewachsen 
und  führen  in  seltenen  Fällen  auch  Quarz,  der  aber  dann  von 
einer  dunkelgrauen  Hülle  von  basischen  Mineralien  (Biotit  und 
Plornblende)  umgeben  ist  und  daran  leicht  als  fremder  Einschluss 
erkannt  werden  kann.  Viele  der  Feldspatheinsprenglinge  besitzen 
einen  zonaren  Aufbau;  ein  hellerer  Kern  wird  häufig  umsäumt 
von  einer  röthlichen , weniger  durchscheinenden  Randzone.  Kern 
und  Hülle  unterscheiden  sich  durch  einen  verschiedenen  Gehalt 
an  Natrium  und  Calcium.  In  einzelnen  Fällen  scheint,  nach 
Kieselfluorpräparaten  zu  urtheilen,  das  Natrium  nicht  nur  im 
Kern,  sondern  auch  in  der  natriumärmeren  Hülle  das  Kalium  zu 
überwiegen;  dadurch  entstehen  dann  Abarten  des  Gesteins,  welche 
dem  allerdings  viel  älteren  Keratophyr  Gümbel’s  vergleichbar 
sind.  Die  Grundmasse  besteht  in  allen  den  hierher  gezählten 
Gesteinen  aus  Orthoklas  (bezw.  ungestreiftem  Feldspath)  und  Quarz, 
die  gewöhnlich  mit  einander  regelmässig  verwachsen  sind.  Die 
Granophyrstructur  ist  zwar  sehr  häufig,  aber  nicht  immer  vorhanden. 

Durch  reichlicheres  Auftreten  von  Quarz,  der  dann  auch  wohl 
in  Einsprenglingen  erscheint,  entstehen  Uebergänge  in  die  dritte 
Gruppe  von  Gauggesteinen.  Diese  Uebergänge  sind  nicht  sein- 
häufig  und  mehr  auf  locale  abweichende  Ausbildungsformen  zurück- 
zuführen. 

Die  unter  a)  und  b)  beschriebenen  Gesteine  werden  als 
Gangorthoklasporphyre  oder  Syenitporphyre  zu  bezeichnen 
sein.  Ich  gebe,  mit  Rücksicht  auf  die  holokrystallinische  Aus- 
bildung der  Grundmasse,  dem  letzteren  Namen  den  Vorzug,  be- 

9 


Jahrbuch  1887. 


130 


H.  Bückixo,  Mittheilungen  über  die  Eruptivgesteine 


merke  aber  dabei,  dass  manche  der  hierher  gehörigen,  durch  einen 
sehr  hohen  Natrongehalt  ausgezeichneten  Abarten  vielleicht  besser 
durch  die  von  Lossen  in  Vorschlag  gebrachte  Bezeichnung  »Meso- 
Keratophyr«  und  'Meso-Augit-Keratophyr«  charakterisirt  werden. 
(Vergh  Jahrbuch  der  geolog.  Landesanst.  für  1883,  S.  xxxiv.) 

C.  G r an i tische  Gänge,  deren  Gesteine  einen  Kieselsäure- 
gehalt von  67  pCt.  und  mehr  aufweisen  und  das  spec.  Gew.  2,62 
bis  2,66  (nach  Pringsheim)  besitzen.  Die  Ausbildung  der  Gesteine 
ist  stets  eine  deutlich  porphyrartige  (porphyrische  im  Sinne  Rosen- 
busch’s). 

In  einer  körnigen,  gewöhnlich  mit  dem  blossen  Auge  oder 
der  Lupe  auflösbaren  Grundmasse  liegen  fast  regelmässig  grössere 
Krystalle  von  Orthoklas,  Quarz  und  Biotit,  bald  reichlicher  bald 
gegen  die  Grundmasse  an  Menge  zurücktretend.  Zuweilen  ist 
durch  parallele  Anordnung  der  oft  leistenförmig  ausgebildeten 
Orthoklaskrystalle  eine  Fluidalstructur  bedingt.  Die  Grundmasse 
ist  entweder  ein  regellos  körniges  Gemenge  von  Orthoklas  und 
Quarz,  dem  sich  zuweilen  etwas,  wohl  secundär  gebildeter,  Musko- 
wit  zugesellt,  ist  also  mikrogranitisch  entwickelt  (und  zwar  allo- 
triomorph- körnig),  oder  sie  zeigt  eine  oft  sehr  ausgesprochene 
Granophyrstructur;  selten  sind  die  Feldspäthe  in  der  Grundmasse 
ebenflächig'  begrenzt. 

O O 

In  schmalen  Gängen  und  in  schmalen  Apophysen  mächtiger 
Gänge  ist  die  Grundmasse  der  hierher  zu  stellenden  Gesteine  ge- 
wohnlich  so  dicht  ausgebildet,  wie  bei  den  dichtesten  Mikrograniten, 
sodass  sich  oft  nicht  mit  voller  Sicherheit  entscheiden  lässt,  ob 
sich  nicht  zwischen  den  Mineralbestandtheilen  derselben  noch  eine 
amorphe  Basis  befindet.  Die  Gesteine  machen  dann  ganz  den 
Eindruck  von  felsitischen  Quarzporphyren. 

Die  Einsprenglinge,  zumal  von  Quarz  und  Biotit,  zeigen  fast 
durchgängig  Einwirkungen  eines  starken  Druckes.  Bei  dem  Biotit 
sind  dieselben  am  auffälligsten  und  im  Dünnschliff  schon  im  ge- 
wöhnlichen Lichte  sichtbar,  bei  dem  Quarz  erkennt  man  gewöhn- 
lich erst  im  polarisirten  Licht  die  vielen  unregelmässig  verlaufen- 
den Biegungen,  Knickungen  und  Brüche,  bei  deren  Betrachtung 


der’  Section  Schmalkalden  (Thüringen). 


131 


man  unwillkürlich  an  einen  Vergleich  mit  stark  zerknittertem  und 
dann  wieder  schlecht  geglättetem  Papier  denken  muss. 

Die  Gesteine  dieser  Gruppe  C.  werden  jetzt  allgemein  mit 
dem  Namen  Granitporphyr  bezeichnet;  es  liegt  kein  Grund 
vor,  von  dieser  Bezeichnungsweise  abzugehen. 


2.  Gemischte  Gänge. 

Auf  dem  von  mir  im  vergangenen  Herbste  kartirten  Gebiet 
der  Section  Schmalkalden  giebt  es  unter  den  gemischten  (dingen 
alle  Arten,  welche  bei  Betheiligung  von  3 Gesteinen  überhaupt 
nur  denkbar  sind.  Es  können  also  auf  demselben  Gang  zusammen 
auftreten  — und  hierbei  bediene  ich  mich  der  Kürze  halber  der 
oben  in  Vorschlag  gebrachten  Bezeichnungsweise  der  Gesteine: 

1 . Syenitporphyr  und  Gangmelaphyr, 

2.  Granitporphyr  und  Gangmelaphyr, 

3.  Granitporphyr  und  Syenitporphyr. 

4.  Granitporphyr,  Syenitporphyr  und  Gangmelaphyr  1). 

Stets  besteht  dann  die  Gesetzmässigkeit,  dass  das 
kieselsäurereichste  Gestein  in  der  Mitte,  das  kiesel- 
säureärmste Gestein  am  Salband  des  Ganges  gelegen 
ist.  In  der  Regel  ist  die  Anordnung  und  Aufeinanderfolge  der 
Gesteine  von  der  Mitte  aus  nach  beiden  Salbändern  hin  die  gleiche, 
auch  die  Mächtigkeit  der  gewöhnlich  scharf  von  einander  geschie- 
denen Gesteine  an  beiden  Seiten  des  Ganges  ist  nahezu  dieselbe. 
(Vei’gl.  Profil  4 und  5;  sowie  Weiss,  Zeitschr.  der  Deutsch,  geol. 
Ges.  xxxiii,  1881,  S.  483  etc.  und  Pringsiieim,  ebenda,  xxxn, 
1880,  S.  111  etc.  In  der  letzteren  Arbeit  (S.  182)  werden  die 
Erscheinungen  als  auf  den  Gang  am  Korällchen  bei  Lieben- 
stein beschränkt  hingestellt.  Doch  hat  schon  i.  J.  1 858  (ebenda,  x, 

S.  315)  Senft  auf  den  am  südlichen  Abhang  des  Thüringer 


J)  Es  liegt  nahe,  auch  an  gemischte  Gänge,  an  welchen  sich  Dioritporphyrit 
betheiligt,  zu  denken.  Indessen  habe  ich  gemischte  Gänge  mit  typischem 
Dioritporphjrit,  wie  er  oben  auf  S.  128  aus  dem  Haderholzgrund  erwähnt 
worden  ist,  bis  jetzt  noch  nicht  aufgefunden. 


9 


132 


H.  Bücking,  Mittbeilungen  über  die  Eruptivgesteine 


Waldes  an  mehreren  Stellen  zu  beobachtenden  »eigenthüm- 
lichen  Zusammenhang  der  Melaphyre«  mit  den  >Dioriten«<  hin- 
gewiesen. Auch  C.  F.  Danz,  Topographie  des  Kreises  Schmal- 
kalden, 1848,  S.  58  u.  und  J.  L.  Heim,  Geolog.  Beschreibung 
des  Thüringer  Waldgebirges,  Meiningen  1798,  II.  Theil,  1 (S.  111 
u.  138  etc.)  gedenken  dieses  Zusammenhangs  als  eines  »gewöhn- 
lichen« Falles.) 

Die  durchaus  ge  setz  massige  Lagerung  der  genannten 
Gesteine  innerhalb  der  gleichen  Gangspalte  schliesst  von  vornherein 
die  Annahme  aus,  dass  das  Gestein  der  Gangmitte  bei  einer 
späteren  Eruption  in  die  mit  bereits  verfestigtem  Gestein  erfüllte 
Gangspalte  eingepresst  worden  sei.  Solche  Vorgänge  könnten  nur 
angenommen  werden  bei  denjenigen  gemischten  Gängen,  welche 
an  beiden  Salbändern  ein  verschiedenes  Verhalten  zeigen,  also 
unsymmetrisch  gestaltet  sind,  und  auch  noch  gewisse  andere, 
hier  nicht  näher  zu  besprechende  Unregelmässigkeiten  erkennen 
lassen ; solche  Gänge  gehören  aber  auf  der  Section  Schmalkalden 
zu  den  Seltenheiten.  Bei  allen  übrigen  gemischten  Gängen  wird 
man  die  gesetzmässige  Aufeinanderfolge  der  Gesteine  kaum  anders 
erklären  können,  als  durch  die  Annahme,  dass  das  in  die  Gans-- 
spalte  eingepresste  Magma  sich  unter  gewissen  Bedingungen,  viel- 
leicht unter  dem  Einfluss  eines  sich  allmählich  oder  plötzlich  oder 
ruckweise  verringernden,  oder  mehrmals  wechselnden  Druckes,  in 
verschiedene  Gesteine  gespalten  hat,  der  Art,  dass  die  basischen 
Spaltungsproducte  die  randlichen,  die  saueren  die  mittleren  Theile 
des  Ganges  einnehmen. 

Soweit  die  chemische  Zusammensetzung  der  verschiedenen 
hier  in  Betracht  kommenden  Gesteine  bekannt  ist  — und  von 
den  wichtigsten  Typen  liegen  bereits  mehrere  Analysen  vor  — , 
spricht  sie  nicht  gegen  eine  solche  Auffassung;  und  was  die  Mine- 
ralien der  verschiedenen  auf  demselben  Gang  auftretenden  Gesteine 
anlangt,  so  würden  sie  in  derselben  Reihenfolge,  in  welcher  sie 
sich  auf  dem  Gange  (also  in  den  verschiedenen  zwischen  Salband 
und  Gangmitte  gelegenen  und  somit  nach  einander  erstarrten  Ge- 
steinen) gebildet  haben,  auch  unter  gewissen  Umständen  in  einem 
und  demselben  Gestein  in  verschiedenen  aufeinander  folgenden 


der  Section  Schmalkalden  (Thüringen). 


133 


Generationen  haben  zur  Ausscheidung  kommen  können.  Die  Er- 
fahrungen, welche  man  bezüglich  der  Reihenfolge  der  Mineralaus- 
scheidungen aus  Schmelzflüssen  und  speciell  aus  Gesteinsmagmen 
gesammelt  hat,  sprechen  dafür,  dass  sich  im  Allgemeinen  zuerst 
die  Erze  und  die  Eisen-,  Magnesia-,  Kalk-  und  Natronsilikate 
ausscheiden,  während  die  Kalisilikate,  ebenso  wie  die  Kieselsäure, 
länger  gelöst  bleiben  *),  ferner  dass  unter  gewissen  Bedingungen 
in  einer  späteren  Epoche  der  Gesteinsbildung  bezw.  -festwerdung 
die  gleichen  Gemengtheile  sich  noch  einmal  ausscheiden,  ja  dass 
sogar  unter  ganz  besonderen  Verhältnissen  mehrmals  ihre  Bildung 
sich  wiederholt  und  somit  mehrere  Generationen  derselben  Mine- 
ralien in  dem  Gestein  vorhanden  sein  können.  So  lassen  z.  B., 
wie  das  Rosenbusci-i  (1.  c.  S.  291)  bestätigt,  die  Elvane  vieler 
Fundorte  drei  verschiedene  Quarz-  und  Feldspath-  Generationen 
unterscheiden. 

Aehnliche,  wenn  auch  nicht  so  auffallende  Erscheinungen,  wie 
sie  die  Gänge  auf  Section  Schmalkalden  darbieten,  sind  übrigens 
mehrfach  auch  in  anderen  Gegenden  beobachtet  worden.  Diebisch 
berichtet  in  der  Zeitschr.  der  Deutsch,  geol.  Ges.  xxix,  1877, 
S.  719  über  Ergebnisse,  zu  welchen  die  Untersuchung  der  von 
Kunth  gesammelten  »Syenitporpbyre«  vom  Hof  Ris  nördlich 
von  Christiania  geführt  hat;  sie  deuten  auf  ähnliche  Verhältnisse 
hin,  wie  sie  auf  Section  Schmalkalden  vorliegen.  Auch  BröGGEr 
erwähnt  von  Ganggesteinen  der  Gegend  von  Christiania,  welche 
er  als  »porphyrartigen  Glimmersyenit«  bezeichnet,  dass  sie  an 
den  Salbändern  eine  porphyritische,  plagioklasreiche  Ausbildung 
besitzen  (BröGGER,  Silur.  Etagen  2 und  3:  1882,  S.  286).  Noch 
mehr  erinnern  an  die  hier  beschriebenen  die  von  Holst  und 
Eichstädt  in  Smäland  beobachteten  Gänge , welche  in  den 
centralen  Theilen  Quarzporphyr  , 6 — 30  Meter  mächtig,  an 
den  Salbändern  »Uralitdiabas«,  also  Gangmelaphyr  bezw.  Diabas- 
porphyrit,  etwa  1 Meter  mächtig,  enthalten.  (Geolog.  Foren,  i 
Stockholm  Förli.  1883,  Bd.  VI,  S.  709  etc.,  sowie  Neues  Jahrb.  f. 

l)  Yergl.  Lagokio,  über  die  Krystallisationsvoi  gange  im  eruptiven  Magma,  in 
Tschebmak’s  Mineralog.  u.  petrograph.  Mittli.  1887,  VIII,  S.  520  etc.;  ferner 
Rosenbusch,  massige  Gesteine,  2.  Aufl.  1887,  an  vielen  Stellen. 


134 


H.  Bücking,  Mittheilungen  über  die  Eruptivgesteine 


Min.  1884,  II,  S.  209).  Auch  auf  Section  Nassau  im  Königreich 
Sachsen  (Specialkarte  des  Königr.  Sachsens,  Erl.  1887,  S.  35)  hat 
R.  Beck  einen  Augitsyenitgang  beobachtet,  welcher  an  beiden  Sal- 
bändern ein  scharf  gegen  das  saure  Gestein  der  Gangmitte  sich  ab- 
setzendes basisches  Gestein  (mit  gleichen  Gemengtheilen  wie  jenes) 
zeigte.  Ferner  hat  M.  Koch  einen  Gang  von  grauem  Porphyr 
des  Harzes  von  Blatt  Wernigerode  besprochen  (Jahrbuch  d.  geol. 
Landesanstalt  für  1885,  S.  xxvii),  bei  welchem  das  saure  Gestein 
der  Gangmitte  einen  »allmählichen«  Uebergang  in  basisches  diabas- 
artiges  Gestein  des  Salbandes  erkennen  lässt. 

Ein  solcher  allmählicher  Uebergang  des  basischen  Salband- 
gesteins in  das  saure  Gestein  der  Gangmitte  findet  bei  den  ge- 
mischten Gängen  auf  Section  Schmalkalden  im  Allgemeinen  nicht 
statt;  nur  an  wenigen,  deren  Untersuchung  noch  nicht  als  abge- 
schlossen betrachtet  werden  kann,  ist  der  Uebergang  ein  schritt- 
weiser. In  der  Regel  lässt  sich  eine  scharfe  Grenze  zwischen 
den  verschiedenen  Ganggesteinen  nachweisen. 

Zur  Erklärung  dieser  Verhältnisse  müsste  man  etwa  Folgendes 
annehmen. 

Aus  dem  Magma  bildet  sich  am  Salband  des  Ganges,  wo  in 
Folge  der  Wärmeabgabe  an  das  Nebengestein  zuerst  eine  Ab- 
kühlung und  deshalb  eine  Mineralausscheidung  aus  dem  Magma 
eintreteu  muss,  zunächst  ein  aus  vorwiegend  basischen  Mineralien 
bestehendes  Gestein,  so  lange,  bis  bei  dem  Aufhören  oder  Nach- 
lassen der  das  Magma  in  die  Gangspalte  pressenden  Druckkräfte 
die  Auskrystallisation  des  Magmas  unterbrochen  wird.  Erst  nach 
einer  gewissen  Pause,  nämlich  dann,  wenn  die  Temperatur  des 
noch  flüssigen  Magmas  bis  zu  einem  bestimmten  Grade  ge- 
sunken oder  der  von  unten  wirkende  Druck  *)  wieder  eine  be- 
stimmte Höhe  erreicht  hat,  beginnt  von  Neuem  eine  Mineralaus- 
scheidung, welche  nunmehr,  im  Falle  dass  das  früher  gebildete 
basischere  Randgestein  nicht  wieder  vollständig  eingeschmolzen 

*)  Bezüglich  des  Einflusses  eines  starken  Drucks  auf  die  Krystallisations- 
vorgänge  im  Magma  muss  ich  auf  die  oben  citirte  Abhandlung  Lagorio’s  und 
die  dort  angeführte  umfangreiche  Litteratur  verweisen. 


der  Section  Schmalkalden  (Thüringen). 


135 


ist,  bei  der  von  der  ursprünglichen  abweichenden  chemischen 
Zusammensetzung  des  Magmas  zur  Bildung  eines  anderen,  saureren 
und  von  dem  erstgebildeten  Salbandgestein  ziemlich  scharf  getrennten 
Gesteins  führen  muss. 

Die  Annahme,  dass  die  Schwankungen  in  der  Grösse  des 
von  unten,  vom  Eruptionsherd,  her  wirkenden  Druckes  von  Ein- 
fluss auf  die  Art  der  Erstarrung  des  Gesteinsmagmas  in  den  Gang- 
spalten sein  können,  ist  allerdings  nur  dann  zulässig,  wenn  es 
sich  um  Theile  von  Gängen  handelt,  welche  dem  Eruptionsherd 
nicht  allzu  entfernt  liegen,  um  Theile  von  Gängen,  in  welchen 
solche  Schwankungen  auch  wirklich  noch  in  hervorragendem 
Maasse  fühlbar  werden.  Solche  Gänge  scheinen  in  dem  be- 
sprochenen Gebiet  nun  wirklich  vorzuliegen.  Die  ausserordentliche 
Menge  von  Gängen,  und  zwar  gerade  von  gemischten  Gängen, 
zwischen  Elmenthal  und  Kleinschmalkalden  und  besonders  im 
Trusenthal,  muss  Jeden,  der  die  Gegend  einmal  besucht,  über- 
raschen; sie  scheint  unwiderleglich  daraufhinzudeuten,  dass  in  dieser 
Gegend  der  Eruptionsherd  nicht  allzu  tief  unter  der  jetzigen  Ober- 
fläche gelegen  hat.  Jedenfalls  hat  — und  diese  Ueberzeugung 
drängt  sich  jedem  unbefangenen  Beobachter  auf  — die  eruptive 
Thätigkeit,  welcher  die  erwähnten  Gänge  ihre  Entstehung  ver- 
danken, in  dieser  Gegend  — gegenüber  allen  anderen  im  nörd- 
lichen Thüringer  Wald  — ihren  grössten  Umfang  erreicht.  Kreuzt 
man  doch  im  Trusenthal  zwischen  der  Stahlbergverwerfung  in 
Hei  ges  und  der  Nordgrenze  der  Section  Schmalkalden,  auf  einer 
nicht  ganz  2 Kilometer  langen  Strecke  18  durchschnittlich  je 
10  Meter  mächtige  Eruptivgesteinsgänge.  Zwischen  der  Restau- 
ration Ittershagen  und  dem  Wasserfall  folgt  Gang  auf  Gang; 

O O O Ö 7 

8 meist  mehr  als  10  Meter  mächtige  Gänge  sind  auf  dieser  nicht 
ganz  500  Meter  betragenden  Strecke  anstehend  beobachtet;  zum 
Theil  springen  sie  zwischen  den  abgerundeten  Granitfelsen  in 
Form  scharfkantiger  Klippen  koulisseuartig  in  das  Waldthal  vor 
und  verleihen  demselben,  es  mehrfach  einengend,  seinen  eigen- 
artigen Charakter.  (Vergl.  die  Skizze  6 vom  unteren  Trusen- 
thal auf  der  Tafel  V.) 


136 


H.  Bücking,  Mitteilungen  über  die  Eruptivgesteine 


Für  die  Annahme  nur  eines  einzigen  Eruptivmagmas,  welches 
in  der  Gangspalte  selbst  eine  Spaltung  in  verschiedene  Gesteine 
erlitten  hat,  sprechen  namentlich  diejenigen  gemischten  Gänge, 
welche  sich  aus  drei  verschiedenen  Gesteinen  symmetrisch  auf- 
bauen (vergl.  Profil  5).  Auch  folgende  Beobachtung  ist  ge- 
eignet, diese  Annahme  zu  unterstützen.  Es  tritt  nämlich  bei 
mehreren  Gängen1)  der  Fall  ein,  dass  sie  in  einer  gewissen  Er- 
streckung, und  zwar  besonders  in  den  höher  gelegenen,  offenbar 
von  dem  Eruptionsherd  weiter  entfernten  Theilen  der  Gangspalte, 
nur  aus  Syenitporphyr  bestehen,  während  in  anderen  Theilen  der- 
selben Gangspalte  und  zwar  in  tieferen,  dem  Eruptionsherd  näher 
gelegenen  Theilen,  Granitporphyr  mitten  zwischen  dem  Syenit- 
porphyr erscheint,  gleichzeitig  aber  auch  an  den  Flanken  des  Syenit- 
porphyrs, an  den  beiden  Salbändern  des  Ganges,  Gangmelaphyr. 
Man  möchte  aus  diesen  Beobachtungen  fast  den  Schluss  ziehen, 
dass  manche  der  einfachen  Syenitporphyrgänge,  ebenso  wie  sie 
im  Fortstreichen  in  gemischte  Gänge  übergehen  können,  auch  weiter 
nach  der  Tiefe  hin,  näher  an  ihrem  Eruptionsherd,  sich  als  ge- 
mischte Gänge  darstelleu. 

Eine  weitere,  sehr  wichtige  Stütze  für  die  Annahme  einer 
Entstehung  der  gemischten  Gänge  aus  einem  einzigen  Eruptiv- 
magma erblicke  ich  ferner  in  einer  an  mehreren  Stellen,  in  guten 
Aufschlüssen,  beobachteten  Erscheinung,  die  darin  besteht,  dass 
auch  da,  wo  die  gemischten  Gänge  nach  oben  hin  sich  auskeilen, 
das  sauere  Gestein  der  Gangmitte  von  dem  Nebengestein  des 
Ganges  durch  das  basische  Salbandgestein  getrennt  ist.  Das 
letztere  schliesst  also  wie  eine  Hülle  — (Heim  spricht  in  dem 
oben  citirten  Werke  von  1798,  auf  S.  111  u.  S.  182,  mehr  divi- 
natorisch  als  auf  Grund  wirklicher  Beobachtungen,  von  einem 
Ueberzug«,  einer  »Schale«)  — den  Gang  ein,  trennt  den  Kern 
des  Ganges  von  dem  Salband. 


!)  Z.  B.  bei  dem  Gang  »Elmenthal-Süd,  welcher  bei  Elmenthal,  am  südwest- 
lichen Ende  des  Dorfes  das  im  Profil  5 angegebene  Verhalten  zeigt,  weiter 
östlich  dagegen  im  Trusenthal,  wie  die  Kartenskizze  6 ( i.  M.  1 : 5000)  angiebt,  nur 
als  einfacher  Gang  entwickelt  ist. 


der  Section  Schmalkalden  (Thüringen). 


137 


Das  Vorhandensein  von  einfachen,  entweder  nur  mit  dem 
basischen  Gangmelaphyr  oder  nur  mit  dem  sauren  Granitporphyr 
gefüllten  Gängen  würde  dafür  sprechen,  dass  solche  Gesteine,  wie 
sie  sonst  als  Spaltungsproducte  eines  in  seiner  Zusammensetzung 
zwischen  beiden  stehenden  Magmas  auf  den  Gängen  entstanden, 
auch  bereits  in  grösserer  Tiefe,  etwa  innerhalb  des  Eruptionsherdes, 
durch  Differenzirungen  aus  ähnlichen  Magmen  erzeugt  und  von 
Zeit  zu  Zeit,  von  einander  getrennt,  in  Spalten  injicirt  werden 
konnten.  Es  ist  auch  leicht  möglich,  dass  das  in  dem  Eruptions- 
herd gebildete  Magma  an  verschiedenen  Stellen  des  Herdes  zu 
verschiedenen  Zeiten  der  eruptiven  Thätigkeit  eine  etwas  andere 
Zusammensetzung  hatte,  und  würden  sich  hieraus  die  oben  er- 
wähnten Schwankungen , welche  die  Ganggesteine  in  ihrer  che- 
mischen und  mineralogischen  Zusammensetzung  zeigen,  recht  wohl 
erklären  lassen. 

Diese  eben  versuchte  Erklärung  hat  viele  Vorzüge  vor  der 
Annahme  mehrerer  von  einander  getrennter  Eruptionsherde. 
Immerhin  aber  könnte  man,  nach  dem  Vorgänge  von  Bunsen, 
auch  an  einen  (vielleicht  tiefer  gelegenen)  basischen  (Mela- 
phyrherd)  und  an  einen  (etwa  höher  gelegenen)  sauren  (Granit- 
porphyr-) Eruptionsherd  denken , und  die  Syenitporphyrgänge 
ebenso  wie  die  gemischten  Gänge,  auf  zwei  sich  mit  einander 
mischende  Magmen,  ein  basisches  (Gangmelaphyr-)  und  ein  saures 
(Granitporphyr-Magma),  zurückführen.  Was  speziell  die  gemischten 
Gänge  anlangt,  so  würde  man  dann  für  diese  annehmen  müssen, 
dass  sie  zuerst  mit  den  basischen  Magmen  gefüllt  wurden  und 
noch,  ehe  dieses  sich  vollständig  verfestigt  hatte,  das  sauere  ein- 
drang. War  das  letztere  im  Staude,  das  erste  vollständig  einzu- 
schmelzen  (was  z.  B.  bei  Voraussetzung  eines  sehr  weit  nach  oben 
sich  erstreckenden  Ganges  nicht  gerade  leicht  erklärlich  und  wahr- 
scheinlich  ist),  so  konnte  diese  Mischung  beider  Magmen  Syenit- 
porphyr liefern;  wurde  das  basische  Magma  nur  theilweise  ein- 
geschmolzen, so  konnten  beim  Erstarren,  unter  gewissen,  oben 
näher  angedeuteten  Bedingungen,  gemischte  Gänge  entstehen. 

Dass  die  Eruptionen,  welche  die  Gänge  gefüllt  haben,  nicht 

gleichzeitig  stattfanden,  sondern  lange  Zeit  hindurch  sich  öfter 
© © © 


138 


H.  Bücking,  Mitteilungen  über  die  Eruptivgesteine 


wiederholt  haben,  wird  durch  die  Thatsache  bewiesen,  dass  die 
einfachen  und  gemischten  Gänge,  wenngleich  sie  im  Allgemeinen 
dasselbe  Streichen,  ein  vorherrschend  westnordwestliches,  beob- 
achten, sich  doch  an  einzelnen  Stellen  gegenseitig  durchsetzen. 
So  wird  im  Trusenthal  ein  gemischter,  von  Granitporphyr  und 
Melaphyr  erfüllter  Gang  (»Buchenberg-Süd«),  von  einem  anderen 
gemischten,  von  Syenitporphyr  und  Melaphyr  gebildeten  Gang 
(dem  Trusenthaler  Hauptgang)1),  und  an  den  Pulverköpfen  bei 
Hohleborn  ein  von  Granitporphyr  und  Syenitporphyr  erfüllter 
gemischt  er  Gang  von  einem  Granitporphyr  - Melaphyrgang  durch- 
setzt. 

Jedenfalls  besitzen  — das  folgt  unzweideutig  aus  den  geo- 
logischen Aufnahmen  der  Section  Schmalkalden  — die  gemischten 
Gänge  nahezu  das  gleiche  Alter  wie  die  einfachen  Melaphyrgänge, 
von  welchen  ich  oben  erwähnt  habe,  dass  sie  noch  bis  in  das 
Unter-Rothliegende  hineinsetzen.  Es  gehören  demnach  nicht  nur 
die  gemischten,  sondern  auch  die  einfachen,  mit  Granitporphyr 
oder  mit  Syenitporphyr  gefüllten  Gänge,  wenigstens  zum  grossen 
Theil,  dem  Rothliegenden  an,  und  haben  wir  in  den  in  dieser  For- 
mation auftretenden  Eruptivlagern  die  zu  den  erwähnten  Gang- 
gesteinen zugehörigen  Deckengesteine  zu  erblicken.  Der  Quarz- 
porphyr ist  demnach  das  Aequivalent  des  Granitporphyrs,  der 
quarzfreie  Orthoklasporphyr  das  Aequivalent  des  Syenitporphyrs, 
der  Melaphyr  (Palatinit)  das  Aequivalent  des  Gangmelaphyrs 
(bezw.  Diabasporphyrits),  der  Porphyrit  das  Aequivalent  des  Diorit- 
porphyrits  (Gangporphyrits).  Auch  diese  Beziehungen  sollten 
durch  die  oben  in  Vorschlag  gebrachten  Benennungen  angedeutet 
werden. 

Es  erübrigt  noch  darauf  aufmerksam  zu  machen,  dass  die  im 
Granit  und  Gneiss  bezw.  Glimmerschiefer,  Quarzitschiefer,  Plorn- 
blendeschiefer  etc.  aufsetzenden  Gänge  keinerlei  auffallende  Con- 
tactwirkungen  im  Nebengestein  hervorgerufen  haben;  ich  betone 


')  Vergl.  die  Kartenskizze  6 vom  unteren  Trusenthal  auf  der  Tafel  Y. 
Die  Gänge  sind  im  Yerhältniss  zum  Maassstab  der  Karte  (1:5000)  zu  breit 
gezeichnet. 


der  Section  Schmalkalden  (Thüringen).  139 

dasselbe  ganz  besonders,  weil  mehrfache  Angaben  in  der  Litteratur 
vorhanden  sind,  denen  zufolge  man  sehr  bemerkenswerthe  Ver- 
änderungen im  Nebengestein  erwarten  sollte. 

Die  hier  nur  angedeuteten,  zum  grössten  Theil  nicht  näher 
erörterten  Verhältnisse  hoffe  ich  demnächst  in  einer  umfangreicheren 
Bearbeitung  aller  von  mir  untersuchten  Gänge  der  Section  Schmal- 
kalden, deren  Zahl  mehr  als  70  beträgt,  genauer  darlegen  zu 
können. 

Strassburg,  den  12.  Februar  1888. 


Bemerkungen  zu  dein  Funde  eines  Geschiebes 
mit  Pentamerus  borealis  bei  Havelberg. 


Von  Herrn  F.  WahnschafFe  in  Berlin. 


Bei  der  geologischen  Aufnahme  des  Blattes  Havel b erg  fand 
ich  ein  Geschiebe,  welches  aus  mehreren  Gründeu  von  Interesse 
sein  dürfte.  Erstens  gehört  dasselbe  in  dem  mittleren  Gebiete 
des  norddeutschen  Flachlandes  zu  den  verhältuissmässig  seltenen 
Vorkommnissen,  sodanu  ist  sein  Heimathsgebiet  ein  so  eng  be- 
grenztes, dass  die  daraus  herzuleitenden  Findlinge  als  treffliche 
Leitblöcke«  für  die  eiszeitliche  Transportrichtung  angesehen  wer- 
den können  und  drittens  gewinnt  es  dadurch  an  Bedeutung,  dass 
es  einem  Geschiebemergel  entstammt,  dessen  Lagerung  sich  genau 
feststellen  liess. 

Dur  ’ch  das  Vorkommen  zahlreicher  zusammengehäufter  Schalen 
von  Pentamerus  borealis  Eicihw.  erweist  sich  das  in  Frage  stehende 
Geschiebe  als  zur  obersilurischen  Borealis -Zone  gehörig,  welche 
nach  Friedrich  Schmidt  über  der  Jörden’sclien  Schicht  liegt 
und  von  ihm  als  G 2 bezeichnet  worden  ist.  Es  besteht  aus 
einem  grobkrystall inischen,  weissgrauen  Kalk,  in  welchem  die  durch 
eiue  beinerkenswerthe  Dicke  sich  auszeichnenden  Schalen  einge- 
bettet sind.  Ihre  Oberfläche  ist  gleichmässig  gewölbt  und  glatt; 
bei  einigen  Exemplaren  sieht  man  eine  schwache  schmale  Ein- 
senkung längs  der  Mittellinie  der  grösseren  Klappe  sich  hinab- 
ziehen. Das  Geschiebe  stimmt  sowohl  in  seiner  petrographischen 


F.  Wahnschaffe,  Bemerkungen  zu  dem  Funde  eines  Geschiebes  etc.  141 

Beschaffenheit,  als  auch  hinsichtlich  der  Ausbildung  der  Schalen 
ganz  und  gar  mit  den  Handstücken  überein,  welche  ich  im  Früh- 
jahr 1887  in  Estland  in  einem  Steinbruche  des  Pentameruskalkes 
bei  K ammarika  unweit  der  Station  Rakke  sammelte. 

Zum  Verständniss  für  den  Fundort  des  Geschiebes  ist  eine 
kurze  Darlegung  der  geologischen  Verhältnisse  bei  Havelberg 
erforderlich.  Die  dortige  Diluvialhochfläche  bricht  sowohl  nach 
Süden  gegen  das  vereinigte  Oder-Weichselthal  als  auch 
nach  Westen  gegen  die  breite  Thalebene  des  alten  Elbthales 
in  steilen  Gehängen  ab,  an  deren  Fusse  die  Havel  unmittelbar 
entlang  fliesst. 

Diese  Gehänge  bestehen  in  der  Umgebung  von  Havelberg 
zu  unterst  aus  einem  blaugrauen,  thonigen  und  nicht  sehr  block- 
reichen Geschiebemergel,  welcher  mehrfach  in  den  Gruben 
nördlich  von  Havelberg  aufgeschlossen  ist.  Zufolge  einer  in 
Havelberg  in  der  Lehmgrube  des  Herrn  Otto  Kirchner  ausge- 
führten Tiefbohrung  ruht  dieser  untere  Geschiebemergel  auf  einem 
blaugrauen  Tertiärthon,  der  bei  126  Meter  noch  nicht  durch- 
sunken wurde  und  nach  meiner  Auffassung  zum  Septarienthon  zu 
rechnen  sein  dürfte.  Ueber  dem  blaugrauen  Geschiebemergel  fble't 
meist  ohne  Zwischenlagerung  ein  gelbrother  Geschiebe- 
mergel, welcher  viel  blockreicher  ist,  als  der  darunter  liegende 
und  hinsichtlich  seiner  Färbung  mit  dem  rothen  Geschiebemergel  der 
Altmark  übereinstimmt.  Oestlich  der  Elbe  war  letzterer  bisher 
noch  nicht  in  grösserer  Ausdehnung  bekannt.  Berendt1)  hat  ihn  als 
ein  »vielfach  durch  eine  gewisse  Steiuarmuth  sich  auszeichnendes 
Gebilde«  gekennzeichnet.  Dies  gilt,  wie  gesagt,  nicht  für  den  rothen 
Geschiebemergel  von  Havelberg  und  auch  nur  theilweis  für  den- 
jenigen der  Altmark.  Es  geht  dies  aus  den  Mittheilungen 
Grüner1  s 2)  hervor,  welcher  von  dem  rothen  altmärker  Geschiebe- 
mergel des  Blattes  Schinne  folgendes  schreibt:  Die  von  ihm  eiu- 

o-eschlossenen  Geschiebe  erreichen  bisweilen  erstaunliche  Zahl  und 

*)  G.  Berendt,  Zur  Geognosie  der  Altmark.  Unterschiede  in  den  geognosti- 
sehen  Verhältnissen  derselben  gegenüber  denen  der  Mark  Brandenburg.  (Jahrb. 
d.  Königl.  geol.  Landesanstalt  für  1886.  Berlin  1887.  S.  106.) 

2)  H.  Grüner,  Erläuterungen  zu  Blatt  Schinne  S.  23. 


142  F.  Wahnschaffe.  Bemerkungen  zu  dem  Funde  eines  Geschiebes 


Grösse  und  sind  besonders  die  Höhen  der  vom  Woltersberg  und 
den  Ortschaften  Grünwulsch,  Darnewitz  und  Steinfeld  eiuo-e- 

Ö 

schlossenen  Gebiete  damit  wie  besät;  sie  bilden  hier  ein  förm- 
liches Riesenpflaster,  das  man  aber  seit  Jahren  im  Interesse  der 
Bodencultur  mehr  und  mehr  zu  zerstören  eifrig  bemüht  ist.  Von 
der  Art  und  dem  Umfang  dieser  Geschiebe  erlangt  man  am 
besten  durch  Besuch  der  in  der  Nachbarschaft  von  Kläden  und 
Steinfeld  noch  intact  erhaltenen  zahlreichen  sogenannten  Hühnen- 
gräber  Aufschluss«.  In  ähnlicher  Weise  ist  von  demselben  Autor1) 
der  rothe  Geschiebemergel  des  Blattes  Lüderitz  folgendermaassen 
beschrieben  worden : 

Die  in  ihm  und  seinen  Verwitterungsproducten , dem  Lehm 
und  lehmigen  Sande  auftretenden  Geschiebe,  mit  denen  sie  bis- 
weilen wie  bespickt  erscheinen,  oder  die  auch  vereinzelt,  aber  oft 
von  über  Kubikmeter  Grösse  auftreten,  sind  im  Laufe  der  Zeit, 
je  näher  an  den  Dörfern,  desto  mehr  ausgegraben  und  zum  Funda- 
ment der  Wohnhäuser  oder  auch  zum  Oberbau  der  Wirthschafts- 
gebäude  benutzt  worden,  wodurch  oftmals  eine  wahre  Musterkarte 
der  aus  dem  Norden  stammenden  Abarten  krystallinischer  Gesteine 
entstand«.  Auch  Scholz  2)  sagt  von  Blatt  Gardelegen  und 
Klinke : »Der  Geschiebemergel  des  unteren  Diluviums  führt  seinen 
Namen  nach  den  zahlreich  in  ihm  vorkommenden  Geschieben  der 
verschiedensten  Grösse,  sodass  man  der  gewöhnlich  vorkommenden 
Art  desselben  auch  den  Namen  Blocklehm  beigelegt  hat.  Er  be- 
sitzt  eine  eigenthümlich  röthliche  Färbung  und  wird  desshalb  zum 

o o 

Unterschiede  vom  gemeinen  auch  roth er  altmärkischer  Geschiebe- 
mergel  genannt«.  Dagegen  hebt  er  allerdings  mehrfach  hervor, 
dass  der  stellenweise  den  rothen  Geschiebemergel  unterlagernde 
graue  meist  sandiger  und  steinreicher  ist  als  der  erstere,  während 
nach  Grüner  auf  den  Blättern  Lüderitz  und  Schinne  das  um- 
gekehrte Verhältniss  stattfindet. 

Was  nun  die  Gegend  von  Havelberg  anlangt,  so  finden  sich 
an  einigen  Stellen  des  Gehänges,  besonders  in  der  Nähe  des 

1)  H.  Grüner,  Erläuterungen  zu  Blatt  Lüderitz  S.  18  u.  19. 

2)  M.  Scholz,  Erläuterungen  zu  Blatt  Gardelegen  S.  18,  desgl.  zu  Blatt 
Bismark  S.  16. 


143 


mit  Pentamerus  boreatis  bei  Havelberg. 

nördlich  von  der  Stadt  gelegenen  Dorfes  Toppein  einige  Punkte, 
wo  die  zuoberst  liegende  Geschiebemergelbank  eine  sehr  ausge- 
prägt rothe  Farbe  besitzt.  Der  Umstand,  dass  der  graue  und 
der  rothe  Mergel  oft  in  einer  geraden  Linie  und  unter  deutlicher 
Wahrnehmbarkeit  einer  Ablösungskluft  von  einander  getrennt  sind, 
sowie  auch  der  soeben  hervorgehobene  deutliche  Unterschied  im 
Geschiebereichthum  bestimmt  mich  dazu,  hier  nicht  anzunehmen, 
dass  die  obere  Bank  durch  Oxydation  der  unteren  blaugrauen 
entstanden  sei,  sondern  dass  hier,  ebenso  wie  westlich  der  Elbe, 
zwei  dem  Alter  nach  verschiedene  Grundmoränen  vorliegen.  Die- 
jenigen der  Altmark  sind  von  Berendt  beide  dem  Unterdiluvium 
zugewiesen  worden,  worauf  ich  noch  später  zurückkommen  werde. 
Meine  Annahme  wird  ferner  unterstützt  durch  den  ungleichen 
Kalkgehalt,  welchen  die  Mergel  besitzen , obgleich  man  aller- 
dings auf  die  eine  vorliegende  Untersuchung  nicht  zuviel  Gewicht 
legen  darf.  Die  mit  dem  ScHElBLER’schen  Apparate  ausgeführten 
Kohlensäurebestimmungen  gaben  auf  Calciumcarbonat  berechnet 
folgendes  Resultat : 

Rothe  obere  Schicht  aus  der  Wolf’schen  Grube 
am  Steilgehänge  bei  Schmokenberg. 

Erste  Bestimmung 18,36  CaCOj* 

Zweite  Bestimmung 18,34  » 

Durchschnitt  18,35  GaCO^. 

Graue  untere  Schicht  aus  der  Wolf’schen  Grube 
am  Steilgeliänge  bei  Schmokenberg. 

Erste  Bestimmung 23,43  Ca  CO?, 

Zweite  Bestimmung 23,12  » 

Durchschnitt  23,27  CaCOs- 

Für  die  Trennung  spricht  ausserdem  noch  der  Umstand,  dass 
sich  in  dem  Einschnitt  am  Havelberger  Dom,  sowie  in  der  weiteren 
Fortsetzung  des  Gehänges  nach  Osten  zu  zwischen  die  beiden 
Geschiebemergel  geschichtete  Bänke  von  Grand  und  Sand 
einschieben. 


144  F.  Wahnschaffe,  Bemerkungen  zu  dem  Funde  eines  Geschiebes 


Vom  Rande  aus  senkt  sich  die  Hochfläche  allmählich  nach 
Nordosten  zu  und  die  obere  Bank  des  Geschiebemergels,  welche 
mit  ihren  V erwitterungsproducten  bei  Havelberg  in  einer  ungefähr 
2 Kilometer  breiten  Zone  die  Oberfläche  bildet,  verschwindet  unter 
z.  Th.  mächtigen  Ablagerungen  von  geschichteten  Sauden  und 
Granden,  welche  unter  Berücksichtigung  der  Auffassung  über  die 
Lagerungsverhältnisse  am  linken  Elbufer  bei  der  Kartirung  von 
mir  zum  unteren  Diluvium  gestellt  worden  sind. 

Was  nun  das  Vorkommen  des  Geschiebes  mit  Pentamerus 
borealis  betrifft,  so  stammt  dasselbe  aus  einem  Steinhaufen,  der 
am  Rande  der  Ziegeleigrube  zwischen  Havelberg  und  Toppein 
sich  nahe  bei  der  am  nördlichsten  gelegenen  Ziegelei  befand.  Die 
Geschiebe  sind  aus  den  beiden  in  der  Grube  aufgeschlossenen 
Geschiebemergeln  ausgelesen,  doch  war  nach  den  dem  Borealis- 
kalk  anhaftenden  Mergelresten  zu  schliessen , dass  derselbe  in 
der  oberen  rothen  Bank  gelegen  haben  muss. 

Bekanntlich  bildet  der  Borealiskalk  nach  Schmidts2)  Unter- 
suchungen eine  schmale,  nicht  mehr  als  15  Friss  Mächtigkeit  be- 
sitzende' Zone,  welche  sich  durch  ganz  Estland  aus  der  Gegend 
nördlich  vom  Peipus-See  bis  nach  Hapsal  hinzieht  und  auch  auf 
der  benachbarten  Iusel  Dagö  noch  ihre  weitere  Fortsetzung  findet. 
Sehr  wahrscheinlich  war  das  Vorkommen  dieser  Zone  nicht  nur 
auf  dieses  Gebiet  beschränkt , sondern  sie  setzte  sich  weiter  nach 
Westen  in  die  Ostsee  hinein  fort. 

Ueber  die  Verbreitung  des  Borealiskalkes  als  Geschiebe 
giebt  Ferd  Roemer  3)  in  seiner  Lethaea  erratica  eine  umfassende 
Zusammenstellung.  Darnach  ist  er  durch  die  Untersuchungen 
von  Roemer,  Jentzsch  und  Noetling  in  Ost-  und  Westpreussen 
mehrfach  nachgewiesen.  Auch  in  der  Provinz  Posen  wurde  er 
bei  Meseritz  und  Bromberg  gefunden,  während  er  in  der  bereits 

0 Vergl.  das  von  G.  Berendt  gegebene  Profil  vom  hohen  Steilufer  südlich 
des  Städtchens  Arnebnrg.  Jahrb.  d.  geol.  Landesanstalt  für  1886,  S.  105. 

2)  Friedr.  Schmidt,  Revision  der  ostbaltischen  sibirischen  Trilobiten  nebst 
geognostischer  Uebersicht.  des  ostbaltischen  Silurgebietes.  St.  Petersburg  1881. 

3)  Palaeontologische  Abhandlungen,  herausgegeben  von  Dames  und  Kayseb. 
Bd.  II,  Heft  5,  S.  322  u.  323. 


mit  Pentamerus  borealis  bei  Havelberg. 


145 


genauer  durchforschten  Provinz  Schlesien  an  verschiedenen  Orten 
vorkommt.  Weiter  nach  Westen  zu  in  der  Provinz  Brandenburg 
gehören  Geschiebe  von  Borealiskalk  entschieden  zu  den  Selten- 
heiten. Poeme R erwähnt  ein  solches  von  Sorau  im  Regierungs- 
bezirk  Frankfurt  a.  d.  O. , welches  sich  im  Breslauer  Museum 
befindet,  sowie  auf  Grund  einer  Mittheilung  Beyrich’s  ein  hand- 
grosses Stück,  das  bei  Rixdorf  gefunden  ist.  Ferner  machte  mich 
Herr  Schröder  auf  ein  ebenfalls  handgrosses,  in  der  Sammlung 
der  Königlichen  geologischen  Landesanstalt  befindliches  Stück  auf- 
merksam, welches  die  Bezeichnung  »Berlin,  Milecki’sche  Sammlung« 
führt.  Schliesslich  erwähnt  Dames  zwei  bei  Bei’lin,  im  Grune- 
wald  und  bei  Rüdersdorf,  durch  A.  Krause  gefundene  Exem- 
plare. Dieselben  befinden  sich  in  der  Sammlung  des  Letzteren 
und  wurden  mir  freundlichst  zur  Untersuchung  überlassen.  Es 
sind  Stücke  von  der  ungefähren  Grösse  eines  PXühnereies,  die  in 
ihrer  petrographischen  Beschaffenheit  vollkommen  mit  dem  Havel- 
berger Funde  übereinstimmen.  Von  besonderer  Wichtigkeit  war 
mir  die  Mittheilung  des  Herrn  Krause,  dass  das  Rüdersdorfer 
Geschiebe  von  ihm  in  einem  Haufen  von  Steinen  gefunden  wurde, 
die  aus  dem  im  Alvenslebenbruche  den  Schaumkalk  direct  über- 
lagernden Oberen  Gesell iebemergel  ausgelesen  waren.  Das 
Stück  aus  dem  Grunewald  lag  an  der  Oberfläche;  seine  Herkunft 
aus  dem  Oberen  Geschiebemergel  ist  hier  ebenfalls  sehr  wahr- 
scheinlich, da  derselbe  mit  seinen  Verwitterungsresten  bis  in  den 
Grunewald  hineinreicht.  Die  dort  auf  dem  Unteren  Diluvialsande 
vereinzelt  vorkommenden  Blöcke  sind  als  die  Residua  des  in  der  Ab- 
sclnnelzperiode  zerstörten  Geschiebemergels  anzusehen.  Die  Fund- 
orte in  Holstein  sind  nach  Meyn  Schulau  und  nach  Gottsche’s *  2) 
Angabe  Seegeberg,  Tarbeck,  Bornhoeved  und  wahrscheinlich  auch 
Lauenburg.  Ferner  wurde  das  Geschiebe  bei  Lüneburg  in  Hannover 


x)  W.  Dames,  Uebersicht  über  die  in  der  Umgebung  Berlins  beobachteten 
Sedimentärgeschiebe.  (Erläuterungen  zur  geolog.  Uebersichtskarte  der  Umgegend 
von  Berlin  im  Maassstabe  1 : 100,000.  Berlin  1885,  S.  106  Anmerkung.) 

2)  G-ottsche,  Die  Sedimentär  - Geschiebe  der  Provinz  Schleswig- Holstein. 
Yokohama  1883,  S.  23. 


Jahrbuch  18S7. 


io 


146  F.  Wahnschaffe,  Bemerkungen  zu  dem  Funde  eines  Geschiebes 


und  nach  Martin’s  Angabe  bei  Jever  und  Essen  in  Oldenburo- 
gefunden.  Das  westlichste  Vorkommen  findet  sich  in  Holland, 
wo  bei  Groningen  zuerst  durch  Ferd.  Roemer  1)  und  später 
durch  Martin2)  mehrere  Stücke  nachgewiesen  wurden,  sodass 
Letzterer  sogar  vier  verschiedene  Modificationen  unter  den  Bore- 
aliskalken  der  dortigen  Gegend  aufgestellt  hat.  In  dem  ganzen 
Gebiet  zwischen  Berlin  und  Lauen  bürg- Lüneburg  war  das 
Geschiebe  bisher  nicht  bekannt,  sodass  der  Fund  bei  Havelberg 
eine  ziemlich  grosse  Lücke  ausfüllt  und  den  Zusammenhang 
zwischen  den  Fundpunkten  bei  Berlin  und  in  Holstein  herstellt. 

Bei  keinem  der  bisher  im  westlichen  Theile  Norddeutschlands 
gefundenen  Borealisgeschiebe  ist  das  Alter  der  Schicht,  aus  der 
es  stammt,  aus  der  Literatur  bekannt  geworden,  ja  in  den  meisten 
Fällen  ist  es  sogar  nicht  einmal  möglich  gewesen,  zu  bestimmen, 
aus  welcher  Schicht  das  betreffende  Stück  herrührt.  Bei  dem 
Havelberger  Fund  liess  sich  zwar  die  Diluvialschicht  mit  Sicher- 
heit feststellen,  aber  das  Alter  derselben  ist  nach  meiner  Auf- 
fassung noch  immer  fraglich. 

Die  über  dem  rothen  Geschiebemergel  bei  Havelberg  und 
der  entsprechenden  Bildung  der  Altmark  vorkommenden  ge- 
schichteten Sande  und  Tlione  bieten  nach  meiner  Ansicht 
an  sich  keine  zwingende  Nothwendigkeit  dar  für  ihre  Zurech- 
nung zum  Unterdiluvium,  welche  durch  Berendt,  Klockmann3) 
und  Scholz  3)  vertreten  wird.  Die  Entstehung  derartiger  ge- 
schichteter Absätze  über  dem  oberen  Geschiebemergel  während 
der  Ab  Schmelzperiode  der  zweiten  Vereisung  ist  keineswegs 
undenkbar.  Dazu  kommt  noch,  dass  der  rotlie  Geschiebemergel  der 
Altmark  ebenso  wie  der  obere  der  Mark  eine  ausgedehnte  Ver- 
breitung an  der  Oberfläche  besitzt  und  in  zusammenhängender 
Decke  grosse  Flächen  beispielsweise  von  den  Blättern  Bismark, 


1)  F.  Roemer,  Die  Versteinerungen  der  silurisclien  Diluvialgeschiebe  von 
Groningen  in  Holland.  N.  Jahrb.  f.  Min.  etc.  Jahrg.  1858,  S.  269  u.  Zeitschr. 
d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1862,  S.  596. 

2)  K.  Martin,  Niederländische  u.  Nordwestdeutsche  Sedimentärgeschiebe  etc. 
Leiden  187S,  S.  21  u.  22. 

3)  Jahrbuch  d.  König!,  geol.  Landesanstalt  für  1882.  Berlin  1883,  S.  lii  u.  l. 


mit  Pentamerus  borealis  bei  Havelberg.- 


147 


Schinne,  Lüderitz  und  zum  Tlieil  auch  von  Klinke  bedeckt, 
während  ein  blaugrauer  durch  die  Kartirung  unterschiedener 
Geschiebemergel  in  tieferem  Niveau  darunter  sich  findet. 

Das  vereinzelte  Auftreten  von  Geschieben  des  Borealiskalkes  im 
westlichen  Glacialgebiete  beweist,  dass  ein  Transport  sicher 
auf  Estland  zurückzuführender  Gesteine  im  norddeutschen  Flach- 
lande in  ost-westlicher  Richtung  stattgefunden  haben  muss. 
Ist  nun  bereits  während  der  ersten  Vereisung  eine  solche  Trans- 
portbewegung in  ost-westlicher  Richtung  anzunehmen?  Diese  An- 
nahme wird  in  gewisser  Hinsicht  ausser  durch  die  Borealisgeschiebe 
noch  durch  das  häufige  Vorkommen  von  Alandsgeschieben  im 
westlichen  Deutschland  auf  dem  Hümmling  bei  Borges  und  bei 
Haselünne1),  sowie  in  Holland  bei  Groningen  und  Neu- Amster- 
dam 2)  unterstützt.  Auch  erwähnt  Gottsche  3)  einen  Alands- 
rapakiwi  aus  dem  Unteren  Geschiebemergel  von  Kiel.  Da  es 
nun  nach  den  Untersuchungen  DE  Geer’s  4)  im  südlichen  Schonen 
den  Anschein  hat,  dass  die  Älandsgeschiebe  in  den  unteren 
Moränen  Südschonens  gänzlich  fehlen,  also  zur  Zeit  der 
ersten  Vereisung  ihren  Weg  nicht  über  Schweden  genommen 
haben  können,  so  sind  hinsichtlich  ihres  Vorkommens  im  nord- 
westlichen Deutschland  und  in  Holland  zwei  Möglichkeiten  zu 
erwägen.  Entweder  fand  schon  zur  Zeit  der  ersten  Vereisung 
ein  ost- westlicher  Geschiebetransport  in  Norddeutschland  statt, 
während  zu  gleicher  Zeit  ganz  Schonen  bis  zu  Meereshöhen  von 
225  Meter  von  einem  älteren  baltischen  Eisstrome 5)  in  Südost- 


')  Nach  einer  freundlichen  Mittheilung  F.  Iylockmann’s,  welcher  Älandsge- 
schiebe einmal  auf  dem  Hümmling  bei  Borges  und  dann  auch  noch  bei  Haselünne 
(2  Meilen  östlich  von  Meppen),  eingebettet  in  entschieden  unterem  Mergel,  auffand. 

2)  van  Calker,  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1884,  S.  718  u.  1885,  S.  796. 

3)  1.  c.  Tab.  I.  Transport-Richtungen  von  Geschieben  des  unteren  Geschiebe- 
mergels von  Kiel  (incl.  Bülk,  Labö,  Ellerbeck).  No.  5. 

4)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1885,  S.  205  und  G.  de  Geer,  Beskrif- 
ning  tili  Kartbladet  Lund  (S.  G.  U.  Ser.  Aa,  No.  92).  S.  41  u.  55  — 57. 

5)  Der  zuerst  von  A.  G.  Nathorst  auf  Blatt  Trolleholm  (Sv.  Geol.  Und. 
Ser.  Aa,  No.  87)  durch  die  Auffindung  von  Glacialschrammen  in  der  Richtung 
S.  25 — 80°  0.,  sowie  durch  das  Vorkommen  von  baltischen  Geschieben  vermuthete 

10* 


148  £\  Wahnschaffe,  Bemerkungen  zu  dem  Funde  eines  Geschiebes 


Nord  west -Richtung  überschritten  wurde,  oder  die  betreffenden 
Diluvialablagerungen  im  westlichsten  Norddeutschland  gehören 
nicht  dem  unteren,  sondern  dem  oberen  Diluvium  an. 

Diese  letztere  Annahme  dürfte  jedoch  bis  auf  Weiteres  auf 
grösseren  Widerstand  stossen,  als  die  erstere,  denn  in  letzter  Zeit 
ist  auf  Grund  der  Arbeiten  Klockmann’s  die  Anschauung  immer 
mehr  herrschend  geworden,  dass  die  Ablagerungen  der  ersten 
Vereisung  eine  beträchtlich  grössere  Ausdehnung  nach  Westen  zu 
besitzen,  als  die  der  zweiten,  und  jüngst  hat  Lorie  *)  gestützt  auf 
seine  sorgfältigen  Untersuchungen  in  den  Niederlanden  ausgeführt, 
dass  dort  nur  Ablagerungen  der  ersten  Vereisung,  also  nur 
unterdiluviale  vertreten  seien.  Aus  diesem  Grunde  bekämpft 
er  auch  die  Ansicht  de  Geer’s,  dass  sich  die  zweite  Vereisung 
ursprünglich  nach  Groningen  erstreckt  haben  könnte,  was  Letzterer 
aus  dem  Vorkommen  estländiseher  Geschiebe  im  Hondsruar  ne- 
folgert  hatte *  2). 

Klarheit  kann  in  die  Auffassungen  über  die  Transportrich- 
tungen nur  durch  fortgesetzte  vergleichende  Untersuchungen  der 
Geschiebeführung  der  verschiedenaltrigen  Geschiebemergel  im  nord- 
westlichen Deutschland  gebracht  werden,  denn  im  östlichen  und 
mittleren  Theile  Norddeutschlands  zeinen  wahrscheinlich  die 

O 

Grundmoränen  der  beiden  Glacialperioden  keinen  Unterschied  hin- 
sichtlich der  Herkunft  ihrer  Geschiebe,  worauf  schon  de  Geer 
hingewiesen  hat. 

Bei  dem  engbegrenzten  Heimathsgebiete  des  Borealiskalkes 
und  der  leichten  und  sicheren  Bestimmbarkeit  des  Geschiebes 
wäre  es  von  grosser  Wichtigkeit,  immer  genau  das  Alter  der  Ab- 
lagerung festzustellen,  welche  dasselbe  einschloss.  Aus  einer 
grossen  Anzahl  solcher  Beobachtungen  lassen  sich  dann  vielleicht 


ältere  baltische  Eisstrom  ist  neuerdings  namentlich  durch  die  Arbeiten  H.  Lund- 
bohm’s  und  G.  de  Geer’s  mit  ziemlicher  Sicherheit  nachgewiesen  worden.  Ver- 
gleiche H.  Lundbohm,  Om  den  äldre  baltiska  isströmmen  i södra  Sverige.  (Geol. 
Foren.  Förhandl.  No.  115,  Bd.  X,  1888,  S.  157 — 189.) 

*)  J.  Lorie,  Contributions  ä la  geologie  des  Pays-Bas  II,  III.  Haarlem  1887, 
S.  102. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1885,  S.  195. 


mit  Pentamerus  borealis  bei  Havelberg. 


149 


interessante  Schlüsse  ableiten  über  die  Transportrichtungen  der 
Geschiebe  während  der  einzelnen  Abschnitte  der  Eiszeit. 

Es  ist  möglich,  dass  man  für  Norddeutschland  zur  Zeit  der 
ersten  Vereisung  bei  grösster  Mächtigkeit  des  Landeises  im 
Allgemeinen  eine  nord-südliche  radial  sich  ausbreitende  Rich- 
tung des  Geschiebetransportes  annehmen  kann,  jedoch  mit  Ab- 
lenkungen nach  West  bei  Beginn  dieser  Periode,  als  das  Eis  noch 
nicht  die  Mächtigkeit  besass,  um  den  von  den  deutschen  und 
russischen  Küstengebieten  ausgeübten  Widerstand  überwinden  zu 
können.  Dagegen  spricht  vieles  dafür,  dass  das  Eis  in  der 
Periode  der  zweiten  Vereisung,  in  welcher  es  nicht  die 
Mächtigkeit  und  Ausdehnung  wie  in  der  ersten  erlangte,  vor- 
herrschend eine  ost- westliche  Bewegungsrichtung  besessen  haben 
mag.  Es  ist  jedoch  auch  möglich,  dass  die  Verhältnisse  für  Nord- 
deutschland viel  verwickelter  liegen  als  für  Schweden,  wo  die 
Geschiebeführung  der  oberen  und  unteren  Moränen  deutliche 
Unterschiede  in  Betreff  der  Herkunft  des  Materials  zeigt. 


Zur  Frage  der  Oberflächengestaltung  im 
Gebiete  der  baltischen  Seenplatte. 

Von  Herrn  Felix  Wahn  schaffe  in  Berlin. 


Die  mit  der  Oberflächengestaltnng  des  baltischen  Landrückens 
im  engsten  Zusammenhang  stehende  Seenfrage  ist  in  den  letzten 
Jahren  vielfach  Gegenstand  eingehender  Erörterung  gewesen.  Die 
Versuche,  die  Entstehung  dieser  Seen  zu  erklären,  gehen  fast  alle 
von  der  erodirenden  Thätigkeit  des  Wassers  aus  und  knüpfen 
meist  an  die  Abschmelzperiode  des  Inlandeises  an.  Zu- 
erst hat  G.  Berendt  diesen  Weg1)  beschritten,  indem  er  die 
Pfuhle  als  Riesenkessel  deutete  und  ferner  ausführte,  dass  die 
Seenbildung  2)  der  Berliner  Gegend,  in  Uebereinstimmung  mit  den 
ebenso  hoch  und  höher  gelegenen  Gegenden  Mecklenburgs  und 
Pommerns,  stets  und  ausnahmslos  in  engster  Verbindung  mit  der 
Rinnenbildung  stehe.  Er  sieht  in  den  Seen  jene  Theile  der  nord- 
südlichen Schmelzwasserrinnen,  welche  durch  allmähliche  Senkung, 
bezw.  durch  Zurückbleiben  bei  allgemeiner  Hebung  des  Gesammt- 
plateaus  in  diese  relativ  tiefere  Lage  gekommen  sind. 


')  G.  Berendt,  lieber  Riesentöpfe  und  ihre  allgemeine  Verbreitung  in  Nord- 
deutschland. Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1880,  S.  56. 

2)  G.  Bereindt  u.  W.  Dames,  Geognostische  Beschreibung  der  Umgegend 
von  BerÜD.  Zur  Erläuterung  d.  geol.  Uebersichtskarte  d.  Umgegend  von  Berlin 
im  Maassstabe  1 : 100,000.  1880,  S.  27  u.  28.  1885,  S.  24  u.  26. 


Felix  Wahnschaffe,  Zur  Frage  der  Oberfläch engestaltung  etc.  151 


Klockmann1)  schloss  sich  diesen  Ansichten  an,  indem  er 
Solle,  Rinnen  und  Seen  als  nur  dem  Grade  nach  unterschieden 
auffasste  und  ihre  Entstehung  der  Abschmelzung  der  zweiten 
Vereisung  zuschrieb.  Hiervon  nimmt  er  jedoch  diejenigen  Seen 
aus,  welche  eine  nordwestliche  Längserstreckung  besitzen  und 
desshalb  Aon  ihm  mit  Rücksicht  auf  die  gleiche  Erstreckung  des 
mecklenburgischen  Landrückens  für  F altenseen  gehalten  werden, 
d.  h.  für  Wasserausfüllungen  der  Thäler  und  tiefsten  Einsenkungen 
der  Diluvialdecke,  deren  Entstehung  durch  die  orographische 
Beschaffenheit  des  Untergrundes  bedingt  sei. 

Nach  Jentzsch  2)  wirkte  der  abhobelnden,  ausgleichenden 
Thätigkeit  des  sich  auf  fester  Unterlage  fortschiebenden  Eises 
gleichzeitig  die  erodirende  Kraft  subglacial er  Wasser  entgegen. 
Durch  das  wechselseitige  Ineinandergreifen  beider  Ursachen  ent- 
stand angeblich  jenes  charakteristische  vielgestaltige  Relief,  welches 
wir  als  Moränenlandschaft  bezeichnen  und  dessen  integrirenden 
Bestandtheil  die  Seen  bilden.  Die  subglacialen  Schmelzwasser 
vermochten,  wenn  das  Eis  bis  auf  den  Wasserspiegel  herabreichte, 
nach  dem  Princip  des  Fliessens  in  geschlossenen  Röhren  unter 
mehr  oder  minder  hohem  Druck  streckenweise  »bergauf«  zu  laufen, 
konnten  demnach  auch  Sand  und  Schlamm,  selbst  grössere  Ge- 
schiebe »bergauf«  transportiren  und  Wannen  aushöhlen,  die  uns 
als  Seen  erscheinen.  Diese  Ansicht  ist  jedoch  von  Jentzsch3) 
neuerdings  wieder  wesentlich  modificirt  worden,  sodass  er  jetzt  Seen 
und  Seenthäler  auf  tektonische  Linien  zurückführt,  die  einer  Erosion 

h F.  Klockmann,  Die  geognostischen  Verhältnisse  der  Gegend  von  Schwerin. 
(Archiv  d.  Vereins  der  Freunde  der  Naturgesch.  in  Mecklenburg,  Heft  XXXVI, 
1883,  S.  22  — 25.)  — Die  südliche  Verbreitungsgrenze  des  ' oberen  Geschiebe- 
mergels  und  deren  Beziehung  zu  dem  Vorkommen  der  Seen  und  des  Lösses  in 
Norddeutschland.  Jahrb.  d.  Kgl.  Pr.  geol.  Landesanstalt  für  1883.  Berlin  1884, 
S.  256. 

2)  A.  Jentzsch,  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1884,  S.  699  — 702.  — Das 
Profil  der  Eisenbahn  Konitz-Tuchel-Laskowitz  (Jahrb.  d.  Kgl.  Preuss.  geol.  Landes- 
anstalt für  1883.  Berlin  1884,  S.  563 — 564).  — Beiträge  zum  Ausbau  d.  Glacial- 
hypothese  (ibid.  für  1884.  Berlin  1885,  S.  519). 

3)  A.  Jentzsch,  Ueber  die  neueren  Fortschritte  der  Geologie  Westpreussens. 
Schriften  d.  naturforsch.  Gesellsch.  zu  Danzig.  N.  F.  Bd.  VII,  Heft  1 , 18S8, 
S.  23-  25. 


152 


Felix  Wahnschapfe,  Zur  Frage  der  Oberfläcliengestalturig 


unterworfen  waren.  Früher  sah  auch  er  in  den  Seen  einen  Ueber- 
gang  zwischen  Pfuhlen  und  Rinnen. 

Am  ausführlichsten  ist  dieser  Gegenstand  bisher  von  F.  E. 
Geinitz1)  behandelt  worden,  welcher  die  Entstehung  der  Haupt- 
masse der  Seen,  sowie  der  Teiche,  Sümpfe,  Torfmoore,  Kessel 
und  Solle  Mecklenburgs  auf  die  postglaciale  Abschmelz- 
periode zurückführt.  Das  durch  das  Abschmelzen  des  Diluvial- 
gletschers in  ungeheuren  Massen  gelieferte  Wasser  soll  bei  seiner 
Bewegung  und  seinem  Abfluss  in  sehr  kurzer  Zeit  die  Bodenum- 
formungen im  norddeutschen  Diluvialgebiete  verursacht  haben. 
Diese  verhältnissmässig  plötzlichen  Erosions-  und  Denudations- 
wirkungen machten  sich  im  Gebiete  der  Seenplatte  nicht  durch 
horizontal  strömende  Gewässer,  sondern  hauptsächlich  durch  ver- 
tikal wirkende  Stromschnellen  und  Wasserfälle  geltend, 
deren  erodirende  Thätigkeit  Geinitz  mit  dem  Namen  »Evorsion« 
belegt  hat. 

Penck  2)  wollte  die  gesammte  Oberflächengestaltung  des 
preussisch-pommerschen  Landrückens  als  Ausdruck  receuter  Ver- 
änderungen in  den  Gefällsverhältnissen  der  Flüsse  ansehen,  welche 
am  Schluss  der  Eiszeit  dem  nördlich  von  der  Seenplatte  gelegenen 
Eisrande  zuströmten,  bei  dem  gänzlichen  Verschwinden  desselben 
aber  in  Folge  der  dadurch  bewirkten  Veränderung  der  Geoid- 
fläche in  ihren  völlig  ausser  Betrieb  ersetzten  Thälern  zu  Seen 
wurden.  Er  hat  jedoch  in  seinem  neuesten  Werke  3)  diese  Hypo- 
these zu  Gunsten  der  GEiNiTz’schen  Ansicht  aufgegeben. 

Da  die  geologische  Kartirung  eines  Theiles  der  uckermär- 
kischen Seenplatte  mir  die  Ueberzeugung  verschafft  hat,  dass  die 
Entstehung  der  Dberflächenformen  nicht  einzig  und  allein  auf  die 
erodirende  Wirkung  der  postglacialen  Abschmelzwässer  zurück- 


b F.  E.  Geinitz,  Ueber  die  Entstehung  der  mecklenburgischen  Seen.  (Archiv 
des  Vereins  der  Freunde  d.  Naturgeschichte  Mecklenburgs.)  — Die  Seen,  Moore 
und  Flussläufe  Mecklenburgs.  Güstrow  1S86. 

2)  A.  Pencic,  Ueber  Periodicität  der  Thalbildung.  (Verhandl.  d.  Ges.  für 
Erdkunde.  Berlin  1884,  S.  1 9.) 

3)  A.  Penck,  Das  deutsche  Reich,  S.  508  — 509.  (Unser  Wissen  von  der 
Erde.  Länderkunde  des  Erdtheils  Europa.  I.  Theil.  Erste  Hälfte.  Herausgeg. 
von  A.  Kirchhofe.) 


im  Gebiete  der  baltischen  Seenplatte. 


153 


geführt  werden  darf,  so  werde  ich  im  Nachstehenden  die  Resultate 
meiner  Untersuchungen  über  diesen  Gegenstand  mittheilen. 

Die  westlich  von  Prenzlan  gelegene  Gegend  von  Boitzenburg 

O O o o 

in  der  Uckermark  stellt  durch  ihren  eigen thiimlichen  Landschafts- 
charakter einen  Typus  für  die  Oberflächengestalt  der  baltischen 
Seenplatte  dar.  Bezeichnend  für  dieses  Gebiet  ist  einmal  eine 
bedeutende  Erhebung  über  den  Ostseespiegel,  welche  hier  im 
Durchschnitt  80  — 90  Meter  beträgt,  in  einzelnen  Punkten  jedoch 
Höhen  von  120  Meter  erreicht;  ferner  eine  ausgedehnte  Ober- 
flächenverbreitung des  Geschiebemergels,  sowie  ein 
rascher  Wechsel  der  Höhenunterschiede  innerhalb  der 
Diluvialhochfläche,  hervorgerufen  durch  das  Auftreten  zahlreicher 
Solle  oder  Pfuhle  und  grösserer  Bodeneinsenkungen. 

O O 

Hierzu  kommt  als  wesentliches  Merkmal  das  Vorhandensein  vieler, 
theils  grösserer,  theils  kleinerer  Seen,  welche  entweder  durch 
Rinnen  mit  einander  in  Verbindung  stehen  oder  auch  als  abfluss- 
lose Becken  in  die  Hochfläche  eingesenkt  sind.  Endlich  erhält 
dieses  Gebiet  durch  das  Auftreten  scharf  markirter  G e schieb e- 
wälle  ein  ganz  besonderes  Interesse.  Alb  die  angeführten  Er- 
scheinungen  verleihen  der  Gegend  den  typischen  Charakter  einer 
Moränenlandschaft  von  grösster  Mannigfaltigkeit  der  Formen, 
wie  sie  uns  Desor,  Zittel  und  Andere  so  trefflich  geschildert  haben. 

Die  eigenthümliche  Oberflächengestalt  der  Uckermark  erregte 
bereits  im  vorigen  Jahrhundert  die  Aufmerksamkeit  Silber- 
SCHLAG’s  x),  welcher  die  Pfuhle  und  Kessel  für  Kratere  hielt,  aus 
denen  Sand  und  Feldsteine  hervorgeschleudert  worden  seien.  Er 
schreibt  darüber  folgendes : 

»Von  Boitzenburg  aus  mochte  ich  hingehen  und  hinschauen, 
wohio  ich  wollte,  lauter  Kraters  mit  Heerlagern  von  Steinen  um- 
ringet und  endlich  fand  gar,  dass  die  ganze  Uckermark  aus  lauter 
Kratern  bestehe.  Da  erblickt  man  Reviere  von  ganzen  Meilen 
im  Umfange,  wo  Kraters  in  Menge  anzutreffen  sind.« 

Die  ganze  Gegend  von  Boitzenburg  zeigt  allerdings  innerhalb 
der  aus  Geschiebemergel  gebildeten  Hochfläche  einen  Reichthum 

')  J.E.  Silbers ch lag,  Geogenie  oder  Erklärung  der  mosaischen  Erderschaffung 
nach  physikalischen  und  mathematischen  Grundsätzen.  Berlin  1780.  Erster 
Theil.  S.  10. 


154 


Felix  Wahnschaffe,  Zur  Frage  der  Oberflächengestaltung 


an  cisternenartigen  Pfuhlen  und  mehr  noch  an  unresrel- 
massig  gestalteten  Bo  den  de  pressionen,  der  geradezu  er- 
staunlich ist.  In  den  meisten  Fällen  sind  die  letzteren  hier  nicht 
in  eine  gleichmässig  ebene  Platte  eingesenkt,  sodass  man  ihr  Vor- 
handensein erst  wahrnimmt , wenn  man  unmittelbar  an  dieselben 
herantritt,  vielmehr  ist  der  grösste  Theil  der  Hochfläche  derartig 
wellig  und  kuppig  modellirt,  dass  derselbe  ganz  den  Eindruck 
eines  wogenden  Meeres  macht.  Dies  hat  Silberschlag  auf 
einer  dem  erwähnten  Buche  beigegebenen  Tafel  nicht  richtig  zur 
Darstellung  gebracht.  Er  umgiebt  seine  »Krater«  mit  ringförmigen 
Wällen,  welche  einer  ebenen  Fläche  aufgesetzt  sind,  während  in 
Wirklichkeit  die  grosse  Mehrzahl  der  uckermärkischen  Pfuhle  jene 
zahllosen  Bodeneinsenkungen  zwischen  den  eng  zusammentretenden, 
regellos  angeordneten  kurzen  Bodenwellen  und  isolirten  Kuppen 
der  Hochfläche  darstellen.  Sie  sind  zum  Theil  mit  Wasser,  am 
häufigsten  jedoch  mit  Torfablagerungen  von  meist  über  2 Meter 
Mächtigkeit  erfüllt  und  haben  dort,  wo  mehrere  solcher  mulden- 
und  wannenförmigen  Depressionen  mit  einander  verschmelzen, 
sehr  unregelmässige  und  verzerrte  Formen. 

Obwohl  der  bedeutende  Einfluss  der  postglacialen  Schmelz- 
wasser des  Eises  auf  die  Oberflächengestaltung  der  Seenplatte 
keineswegs  in  Abrede  gestellt  werden  soll,  so  ist  hier  doch  noch 
ein  anderer  Umstand  in  Betracht  zu  ziehen,  von  welchem  das 
Relief  der  Geschiebemergelplateaus  in  hervorragender  Weise  ab- 
hängig ist,  nämlich  die  mannigfach  gegliederte  Oberfläche  der 
diluvialen  Basis  des  Geschiebemergels  1). 

fl  Die  Streichungsrichtung  des  baltischen  Höhenrückens  wird  in  ihren  Haupt- 
zügen durch  den  älteren  Flötzgebirgskern  bedingt  sein,  dagegen  sind  die  Einzelheiten 
der  Oberflächenformen  im  Grossen  und  Ganzen  davon  unabhängig.  Es  ist  allerdings 
nicht  unwahrscheinlich,  dass  die  orographische  Beschaffenheit  des  tieferen  Unter- 
grundes, wie  Klockmann  annimmt,  für  das  Vorkommen  einzelner  Seen  maassgebend 
gewesen  ist.  Bei  dieser  Gelegenheit  möchte  ich  noch  einen  Irrthum  von  E.  Geinitz 
(Die  mecklenburgischen  Höhenrücken  [Geschiebestreifen]  und  ihre  Beziehungen  zur 
Eiszeit , 'S.  65  Anmerk.  4)  in  Betreff  meiner  Auffassung  über  die  Entstehung 
des  baltischen  Landrückens  berichtigen.  Geinitz  führt  mich  als  Vertreter  der 
BEEENDx’schen  Ansicht  an,  dass  der  Rand  des  zurückweichenden  abschmelzenden 
Landeises  den  Landrücken  wallartig  emporgepresst  habe.  Ich  habe  jedoch  in 
meiner  Arbeit:  Ueber  einige  glaciale  Druckerscheinungen  im  norddeutschen 
Diluvium,  S.  579  die  BERENDi’sche  Auffassung  nur  citirt,  im  Uebrigen  jedoch 


im  Gebiete  der  baltischen  Seenplatte. 


155 


Die  Begründung  dieser  Annahme  führt  uns  zu  der  Betrach- 
tung der  Seen,  welche  durch  ihr  Verbältniss  zu  den  sie  um- 
gebenden Ablagerungen  Anhaltspunkte  für  ihre  Entstehung  geben. 

Der  in  ausgedehnten  Flächen  auftretende  Geschiebemergel  hat 
nach  den  vorhandenen  Aufschlüssen  und  Bohrungen  zu  urtheilen 
eine  durchschnittliche  Mächtigkeit  von  3 — 5 Meter.  Das  Liegende 
bildet  überall  ein  meist  grandig  ausgebildeter  geschichteter  Diluvial- 
sand, dessen  Oberfläche  sehr  unregelmässig  gestaltet  sein  muss, 
da  er  zuweilen  in  hohen  Kuppen  den  Geschiebemergel  durchragt. 
Da  sich  nun  der  letztere  von  120  Meter  Meereshöhe  auf  der  Hoch- 
fläche ohne  Unterbrechung  bis  zu  70  Meter  an  die  Bänder  der 
Seen  hinabzieht,  so  deutet  dies  darauf  hin,  dass  er  sich  bereits 
vorhandenen  Vertiefungen  bei  seiner  Ablagerung  angeschmiegt 
hat.  Wären  alle  die  Seen,  welche  Geinitz  als  »Evorsionsseen«  zu- 
sammenfasst, einzig  und  allein  durch  die  vertikale  Erosion  der 
Abschmelzwasser  entstanden,  so  würde  bei  der  verhältnissmässig 
geringen  Mächtigkeit  des  Geschiebemergels  die  Denudation  des- 
selben eine  so  vollständige  gewesen  sein,  dass  der  darunter  liegende 
Diluvialsand  überall  an  den  Seerändern  zu  Tage  treten  müsste. 
Wo  das  Letztere  der  Fall  ist,  wie  z.  B.  am  Haus-See  und 
schmalen  Lucin-See  bei  Feldberg  haben  wir  es  allerdings  mit 
einer  am  Ende  der  Eiszeit  stattgehabten  Erosion  der  Schmelz- 
wasser zu  thun. 

Unter  den  Seen  des  Blattes  Boitzenburg  ist  eine  langgestreckte 
gewundene  Form  nicht  selten,  woraus  mir  hervorzugehen  scheint, 
dass  dieselben  als  die  zum  Theil  erhaltenen  Reste  alter  Rinnen 
anzusehen  sind,  welche  in  dem  mit  Grand  und  Sand  beschütteten 
Vorlande  des  vorrückenden  Landeises  als  Wasserläufe  glacialen 
Alters  vorhanden  waren.  Hierher  rechne  ich  vor  allen  Dingen 
den  Haus- See  bei  Hardenbeck,  der  eine  ostwestliche  Längs- 
erstreckung besitzt  und  sich  aus  einem  tief  nach  Süd  und  einem 
flach  nach  Nord  gewölbten  Bogen  zusammensetzt.  Die  den  Ge- 

diejenigen  Störungen  des  Untergrundes,  welche  ich  durch  Glacialdruck  erkläre, 
auf  das  vorr iick ende  Inlandeis  zurückgeführt,  da  ich  der  Ansicht  bin,  dass 
dasselbe  in  Folge  seiner  grösseren  Mächtigkeit  und  seines  steileren  Randes  weit 
eher  dazu  befähigt  war,  als  das  abschmelzende.  Auf  die  Entstehung  des  bal- 
tischen Landrückens  bin  ich  damals  überhaupt  nicht  eingegangen. 


156 


Felix  Wahnschaffe,  Zur  Frage  der  Oberflächengestaltung 


schiebemergel  unterlagernden  grandigen  und  gerölleführenden 
Sande  sind  die  Absätze  der  dem  Inlandeise  entströmenden  Gletscher- 
flüsse, welche,  wie  dies  von  Keilhack  x)  bei  den  isländischen 
»Sandr«  beschrieben  wurde,  wegen  der  wechselnden  Menge  des 
Schmelzwassers  und  wegen  ihrer  grossen  aufschüttenden  Thätig- 
keit  immerfort  bestrebt  sind,  ihre  Betten  zu  verlegen,  sodass  durch 
tief  eingeschnittene  Rinnen  und  beträchtliche  Aufschüttungen  die 
Landschaft  einen  hügeligen  Charakter  erhält.  Dieses  Hügelland 
überschritt  das  Eis,  indem  es  seine  Grundmoräne  den  Ober- 
flächenformen anpasste,  die  Rinnen  zum  Theil  durch  Erosion  ver- 
tiefte oder  auch  in  anderen  Fällen  durch  Zuschüttung  zum  Ver- 
schwinden brachte.  Dass  die  vorrückenden  Eismassen  einen  be- 
deutenden Druck  auszuüben  vermochten,  zeigt  sehr  deutlich  eine 
nördlich  von  Boitzenburg  gelegene  Grandgrube,  deren  östliche  Wand 
ganz  aus  Geschiebemergel  besteht,  während  die  Sohle  der  Grube  den 
unterlagernden  Sand  erkennen  lässt  und  die  Westwand  ebenfalls 
durchweg  aus  demselben  gebildet  wird.  Diese  Lagerung  lässt 
sich  nur  durch  eine  starke  Aufpressung  der  Sandschichten  erklären, 
welche  sich  auch  dadurch  zu  erkennen  giebt,  dass  der  Geschiebe- 
mergel keilförmig  in  den  Sand  hineinragt. 

Andere  Seen  der  Boitzenburger  Gegend  haben  eine  mehr 
oder  weniger  ovale  Gestalt  und  sind  entweder  ganz  abflusslos, 
wie  der  Haus- See  bei  Wichmannsdorf,  oder  werden  durch  theils 
breitere,  theils  schmalere  Rinnen  mit  anderen  verbunden.  Dass 
diese  Rinnen  jünger  sein  können  als  die  Seebecken,  ist  schon 
früher  von  mir* 2)  hervorgehoben  worden;  sie  gehören  zum  Theil 
der  Absclunelzperiode  an  und  wurden  in  diesem  Falle  durch 
Schmelzwasser  verursacht,  welche  den  schon  vorhandenen  Boden- 
einsenkungen folgten.  Dadurch  wurde  auch  wahrscheinlich  das 
lokale  Hervortreten  unterdiluvialer  Sande  an  den  Rändern  sonst 
ganz  im  Geschiebemergel  liegender  Seen  veranlasst. 

x)  K.  Keilhack,  Vergleichende  Beobachtungen  an  isländischen  Gletscher-  und 
norddeutschen  Diluvial- Ablagerungen.  (Jahrb.  d.  Kgl.  Pr.  geolog.  Landesanstalt 
für  1883.  Berlin  1884,  S.  164.) 

2)  F.  Wahnschaffe,  Ueber  einige  glaciale  Druck erscheinungen  im  nord- 
deutschen Diluvium.  (Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1882,  S.  600  und  601.) 


im  -Gebiete  der  baltischen  Seenplatte.  157 


Tiefenlothungen  einiger  Seen  auf  Blatt  Boitzenburg. 


Maassstab  1 : 25000. 


158 


Felix  Wahnschaffe,  Zur  Frage  der  Oberflächengestaltung 


Was  die  Tiefe  der  Seen  anlangt,  so  habe  ich  einige  Lotlmngen 
ausgeführt,  deren  Resultate  die  beigefügte  Abbildung  S.  1 57  enthält. 
Die  nachgenannten  Seen  zeigten  folgende  Maximal-Tiefen: 

Haus -See  südlich  von  Hardenbeck  22  Meter 


Schumellen- See 15,5  » 

Haus -See  bei  Wichmannsdorf  23  » 

Kleiner  Suckow -See 3 » 

Mittlerer  Suckow -See 8 » 

Grosser  Suckow -See 8 » 

Kuhzer  See a) 10  » 

Trebow-See  x) 5,5  » 

Grosser  Warthe-See1) 32  » 

Kleiner  Warthe -See  x) 3,8  » 


Dass  diese  Seen  nicht  ausgestrudelte,  lochartige  Vertiefungen 
darstellen,  zeigt  am  besten  ein  Profil  durch  eins  der  tieferen  See- 
becken. 

Profil  durch  den  Haus-See  bei  Wichmannsdorf. 

90  m.  90m 

w: " “ o. 

Maassstab  = 1 : 12  500.  Höhe  : Länge  =1:1. 

Der  Haus -See  bei  Wichmannsdorf,  durch  welchen  dasselbe 
gelegt  ist,  besitzt  keineswegs  vom  Rande  aus  nach  dem  tiefsten 
Punkte  zu  steil-abgeböschte  Kesselwände,  sondern  erscheint,  im 
gleichen  Längen-  und  Höhen verhältniss  dargestellt,  als  eine  ganz 
flache  Mulde.  Als  solche  würden  auch  zum  grossen  Theil  die 
von  Geinitz  gegebenen  Seeprofile  erscheinen,  wenn  nicht  ihr 
Höhenmaass  zehnfach  übertrieben  worden  wäre. 

Dieselben  Oberflächenverhältnisse,  wie  sie  die  Uckermark 
zeigt,  sind  auch  durch  H.  Schröder  2)  vom  masurischen  Höhen- 


0 Diese  Lothungen  wurden  auf  meine  Veranlassung  von  Herrn  Culturtechniker 
Töllnek  ausgefiihrt.  — Der  Grosse  und  Kleine  Warthe- See  liegen  in  einem  Sand- 
gebiete. 

2)  H.  Schröder,  Jahrb.  d.  Kgl.  Pr.  geol.  Landesanstalt  für  das  Jahr  1885. 
Berlin  1886,  S.  xciv. 


im  Gebiete  der  baltischen  Seenplatte. 


159 


rücken  geschildert.  Er  schreibt  in  einer  Mittheilung  über  die 
Aufnahme  des  südlichen  Theiles  der  Section  Krekollen  und  der 
Sectiou  Siegfriedswalde  in  Ostpreussen:  »Die  »Durchragung«  ist 
die  über  das  Bereich  der  genannten  Sectionen  hinaus  charakte- 
ristische Lagerungsform.  Sie  bedingt  wesentlich  das  eigentüm- 
lich zerrissene  Bild  der  »Moränenlandschaft«,  die  nicht  durch 
Erosion  einer  gleichmässig  ebenen  Geschiebemergelfläche  nach 
Ablagerung  derselben  entstanden  ist,  sondern  zum  grossen  Theil 
schon  durch  die  Oberkante  der  unterdiluvialen  Sande  und  Grande 
angedeutet  wird.  Die  ungleichmässige  Anhäufung  der  durch  die 
Gletscherwässer  abgelagerten  Sande  und  die  gleichzeitig  wirkende 
Erosion  sind  die  primären  Ursachen  für  die  Entstehung  von 
Höhendifferenzen , welche  die  Veranlassung  zu  Durchragungen 
gaben;  die  darüber  gleitende  Moräne  hat  nur  die  specielle  Aus- 
führung der  schon  in  allgemeinen  Grundzügen  gegebenen  Ge- 
staltung  des  Terrains  übernommen,  namentlich  insofern,  als  ihr 
Eigengewicht  und  das  der  ehemals  über  ihr  ruhenden  Eismassen 
durch  Druck  und  Schub  die  Oberfläche  noch  complicirter  ge- 
staltete, als  sie  ohnehin  schon  war.« 

Vom  Zainsee  auf  Blatt  Bössel  t h eilt  derselbe  Autor  *)  mit, 
dass  die  jetzige  Senke  desselben  in  grossen  Zügen  unterdiluvial 
vorgebildet  sei,  dass  sie  dann  nach  Ablagerung  des  Oberen  Ge- 
schiebemergels stark  erodirt  und  durch  alluviale  Thonmergel  zum 
grossen  Theil  wieder  ausgefüllt  wurde.  Auch  berichtet  er  über 
Aufpressungen  von  Diluvialschichten. 

Es  liegt  mir  fern,  die  Bildung  der  Seen  einseitig  beurtheilen 
zu  wollen;  alle  diejenigen,  welche  Abschnittsprofile  an  ihren  Steil- 
rändern zeigen,  werden  den  postglacialen  Abschmelzwassern  ihre 
Entstehung  verdanken  oder  durch  dieselben  vertieft  und  erweitert 
sein.  Es  kommen  sicher  auch  »Evorsionsseen«  im  Sinne  von 
Geinitz  vor.  Viele  Seen  dagegen  der  näheren  Umgebung  von 
Boitzenburg,  wie  der  Mellen-See,  Krewitzer  See,  Haus-See  süd- 
lich von  Hardenbeck,  Schumellen-,  Krienkow-,  Suckow-See,  der 
Haus -See  bei  Wichmannsdorf,  Trebow-  und  Kuhzer  See,  sowie 


*)  Jahrb.  d.  Kgl.  Pr.  geol.  Landesanstalt  für  1886.  Berlin  1887,  S.  xc. 


160 


Felix  Wahn'schafpe,  Zur  Frage  der  Oberflächengestaltnng 


der  Fürstenauer  See  und  Wootzen-See  bei  Fürstenhagen  zeigen 
jenes  Hinabgehen  des  Geschiebemergels  bis  an  ihre  Ränder  und 
deuten  dadurch  an,  dass  die  erste  Anlage  zu  ihrer  Entstehung 
älter  ist  als  der  Geschiebemergel.  Sie  können  demnach  nicht  zu 
den  »Evorsions-Seen«  gerechnet  werden,  welche  nach  Geinitz  als 
Kessel-Seen  sehr  verschiedener  Grösse  die  Hauptmasse  der 
mecklenburgischen  Seen  ausmachen  sollen.  Nach  ihm  kommen 
in  Mecklenburg  ausser  den  Evorsionsseen  noch  einige  Senkungs- 
und  Stau-  (Fluss-)  Seen  vor,  dagegen  sollen  Moränen  - Seen , bei 
welchen  er  allerdings  nur  au  solche  denkt,  die  durch  Endmoränen- 
absperrung entstanden  sind,  hier  nicht  nachweisbar  sein.  Auch 
Penck  *)  sagt  von  den  Seen  der  Seenplatte,  dass  sie  nicht  als 
Moränen -Seen  gelten  könnten,  »denn  anstatt  sich  zwischen  die 
einzelnen  Endmoränen  zu  drängen,  zerschneiden  sie  dieselben; 
anstatt  sich  von  Ost  nach  West  zu  erstrecken,  besitzen  sie  eine 
deutlich  ausgesprochene  Nord -Süd -Richtung«.  Trotzdem  können 
wir  einen,  wie  ich  glaube,  nicht  unbeträchtlichen  Theil  der  Seen 
des  baltischen  Landrückens  als  echte  Moränen-Seen  bezeichnen. 
Durch  die  unregelmässige  Lagerungsform  der  unter- 
diluvialen  Sande  und  Grande  und  die  darüber  gebreitete 
Grundmoräne,  welche  den  Höhen  undTiefen  folgte  und 
das  vielgestaltige  Relief  noch  mannigfach  beeinflusst 
hat,  wurde  eine  für  die  Ansammlung-  grosser  Wasser- 
massen  günstige  Oberflächengestalt  dargeboten  und  so 
Veranlassung  zur  Bildung  zahlreicher  Seen  gegeben. 
Viele  mit  Torf  erfüllte  Einsenkungen,  welche  die  tieferen  Tlieile 
der  Geschiebemergelhochfläche  einnehmen,  sind  ursprüngliche  De- 
pressionen der  Grundmoräne  und  als  solche  kleine  erloschene 
Moränen-Seen  oder  -Weiher. 

Lüddecke *  2)  hat  bereits  bei  der  Aufzählung  der  Gebiete, 
welche  eine  auffallende  Seen -Häufung  im  Verein  mit  Moränen- 
landschaft zeigen,  den  östlichen  Theil  der  norddeutschen  Niederung 
erwähnt  und  damit  ihre  Seen  den  Moränen-Seen  zugerechnet.  Er 


')  A.  Penck,  Ueber  Periodieität  der  Thalbildung. 

2)  R.  Lüddecke,  Ueber  Moränenseen.  Halle  1881,  S.  12  u.  41. 


im  Gebiete  der  baltischen  Seenplatte. 


161 


hielt  jedoch  eine  endgültige  Erklärung  ihrer  Entstehung  noch 
nicht  für  möglich,  während  er  hei  dem  Eingehen  auf  die  lokalen 
Verhältnisse  der  lombardischen  Tiefebene,  der  schweizerischen  Ebene 
und  der  schwäbisch-bayerischen  Hochebene  zeigte,  dass  in  diesen 
Gebieten  die  Endmoränen  auf  das  Vorkommen  und  die  Verthei- 
lu  112:  der  Moränen-Seen  von  wesentlichem  Einfluss  gewesen  sind. 
Die  Endmoränen-Seen  der  ober-bayerischen  Hochebene  sind  auch 
kürzlich  von  Geistbeck  1)  in  ihrem  Verhältnis  zu  den  concen- 
trisch  geordneten  Moränenzügen  eingehend  geschildert  worden. 
Die  von  mir  beschriebenen  uckermärkischen  Seen  dagegen  ge- 
hören einer  Grundmoränenlandschaft  an  und  müssen  daher  als 
Grundmoränen- Seen  unterschieden  werden. 

Die  von  Dames  2)  geäusserte  Ansicht,  dass  sich  ein  Theil 
der  Schmelzwasser  in  Bodenvertiefungen  ansammelte  und  nach 
dem  gänzlichen  Verschwinden  des  Eises  als  Seen  zurückgeblieben 
ist,  trifft  auf  die  von  mir  geschilderten  Seen  zu.  Für  die  Ver- 
muthung  von  Koenen’s  3),  der  auch  ganz  kürzlich  Jentzscii4) 
beigetreten  ist  und  nach  welcher  die  Bildung  der  heutigen  nord- 
deutschen  Elussläufe  und  Seen  mit  Rücksicht  auf  die  vorherr- 
schende Nordwest-  und  Südnord -Richtung  in  ursächlichen  Zu- 
sammenhang mit  postglacialen  Dislokationen  und  Einstürzen 
zu  bringen  sei,  habe  ich  bisher  bei  den  von  mir  näher  untersuchten 
Seen  keine  Anhaltspunkte  in  den  Lagerungsverhältnissen  gefunden. 

Der  Charakter  der  Moränenlandschaft  wird  noch  vervoll- 
ständigt durch  das  Vorkommen  einer  Endmoräne  und  der  mit 
ihr  im  engsten  Zusammenhänge  auftretenden  Ablagerungen. 

O O OO 


')  A.  Geistbeck,  Die  Seen  der  deutschen  Alpen.  (Mittheilungen  d.  Vereins 
für  Erdkunde  zu  Leipzig  1884.) 

2)  W.  Dames,  Die  Glacialbildungen  der  norddeutschen  Tiefebene.  (Samm- 
lung gemeinverständlicher  Vortrage,  herausgeg.  v.  Vikchow  u.  Fr.  von  Holtzen- 
dorff,  Heft  479,  S.  39.) 

3)  A.  von  Koenen  , Ueber  das  Verhalten  von  Dislokationen  im  nordwest- 
lichen Deutschland.  (Jahrb.  d.  Kgl.  Pr.  geol.  Landesanstalt  für  1885.  Berlin 
1886,  S.  83.) 

4)  A.  Jentzsch,  Ueber  die  neueren  Fortschritte  der  Geologie  Westpreussens. 

(Schriften  d.  naturf.  Ges.  zu  Danzig.  N.  F.  Bd.  VII,  Heft  1.  1888.  S.  23 

und  24.) 


Jahrbuch  1887. 


11 


162 


Felix  Wahnschaffe,  Zur  Frage  der  Oberflächengestaltun: 


Ganz  entsprechend  dem  Joachimsthaler  Geschiebewall  tritt  in  den 
östlichen  Theil  des  Blattes  Boitzenbnrg  eine  schmale,  wall- 
artige,  4 — 5 Meter  betragende  Erhebung  ein,  deren  weitere 
Fortsetzung  auf  den  Nachbarblättern  bereits  festgestellt  ist;  jedoch 
ist  die  Kartirung  noch  nicht  soweit  fortgeschritten,  um  den  näheren 
Verlauf  angeben  zu  können.  Auf  Blatt  Boitzenburg  hat  dieser  Ge- 
schiebewall ein  südost- nordwestliches  Streichen.  Er  besteht  aus 
einer  Packung  von  theilweis  grossen  Blöcken,  von  denen  mehrere 
einen  Durchmesser  von  einem  Meter  und  darüber  besitzen.  Sein 
Zusammenhang  ist  kein  völlig  lückenloser.  Zuerst  wird  er  von  der 
tiefen  Rinne  im  Boitzenburger  Thiergarten  unterbrochen,  setzt 
sich  jedoch  noch  in  einigen  kleineren  Kuppen  jenseit  derselben 
fort.  Hier  fand  sich  ein  graues  Granitgeschiebe  von  bedeutendem 
Umfange,  dessen  über  der  Erde  befindlicher  Theil  5,6  Meter  Länge, 
4,3  Meter  Breite  und  2 Meter  Höhe  besitzt.  Nordwestlich  von 
diesen  Kuppen  ist  der  Geschiebewall  auf  eine  grössere  Erstreckung 
unterbrochen,  findet  sich  jedoch  in  der  Zerweliner  Haide  wieder, 
woselbst  er  in  mehrere  parallele  schmale  Hügelrücken  aufgelöst 
ist.  Grosse  Blöcke  treten  überall  auf  der  Spitze  oder  am  Ab- 
hange dieser  Kämme  hervor.  Ein  auf  der  Grenze  zwischen 
Jagen  3 und  4 auf  dem  Kamme  liegendes  Geschiebe  von  rothem, 
grobflaserigen  Gneiss  war  2,5  Meter  breit,  2,3  Meter  lang  und 
ragte  1,3  Meter  aus  der  Erde  hervor. 

Die  Blöcke  sind  namentlich  in  der  Zerweliner  Haide  vielfach 
mit  Moos  überkleidet  und  geben  der  Gegend  oft  ganz  und  gar  den 
Charakter  einer  Granitregion,  in  welcher  das  anstehende  Gestein 
wollsackähnliche  Verwitterungsformen  zeigt.  Schon  Silberschlag 
hat  die  Steinpackung  der  Wälle,  die  er,  da  sie  zuweilen  pfuhlartige 
Vertiefungen  einschliessen,  für  Ringwälle  von  Kratern  hielt,  richtig 
beobachtet  und  in  einem  Profil  der  Gegend  von  Naugarten  zur 
Darstellung  gebracht.  In  der  Umgebung  des  Geschieh  ewalies  treten 
kuppige  Karnes -artige  Grandhügel  als  Umrandung  desselben  auf, 
welche  in  einem  Aufschlüsse  deutliche  Schichtung  zeigten  und  als 
das  durch  die  Schmelzwasser  ausgespülte  und  zu  Kegeln  aufge- 
schüttete Endmoränenmaterial  anzusehen  sein  dürften.  Hieran 
schliesst  sich  eine  breite  Zone  grundiger  geröllführender  Sande. 


im  Gebiete  der  baltischen  Seenplatte. 


163 


Als  Abflussrinne  der  bei  ihrem  Absatz  thätigen  Schmelzwasser 
ist  die  mit  Sand  und  Grand  erfüllte  Einsenkung:  anzusehen, 
welche  sich  in  nordost-südwestlicher  Richtung  von  der  Sandzone 
bei  Zerwelin  abzweigt  und  in  einem  Bogen  westlich  von  Harden- 
beclc  in  das  Becken  des  Haus -Sees  einmündet.  Dass  wir  es  bei 
dem  Geschiebewall  mit  einer  Endmoräne  zu  thun  haben,  welche 
gebildet  wurde,  als  das  Eis  in  jener  Gegend  längere  Zeit  stationär 
war,  können  wir  mit  Sicherheit  annehmen,  besonders  da  das  Vor- 
kommen im  Zusammenhänge  mit  den  von  Berendt  untersuchten 
endmoränenartigen  Wällen  der  Liepe- Joachimsthaler  Gegend  zu 

stehen  scheint.  Diese  Wälle  unterscheiden  sich  deutlich  von  den  ge- 

© 

schiebereichen  Partieen  des  Geschiebemergels,  die  auch  in  der 
Boitzenburger  Gegend  mehrfach  Vorkommen,  und  sind  daher  nicht 
als  GEiNiTz’sche  »Geschiebestreifen«  aufzufassen.  Wir  haben  in  der 
Boitzenburger  Gegend  eine  Grund-  und  eine  Endmoränenlandschaft 
als  neben  einander  vorkommende  getrennte  Typen;  die  erstere  ist 
durch  die  stark  wellige  Geschiebemergeldecke  und  zahlreiche 
Pfuhle  und  Seen,  die  zweite  durch  scharf  markirte  Geschiebewälle, 
Grandkuppen  und  Grandflächen  cliarakterisirt. 

Auf  das  Alter  des  Geschiebewalles  und  sein  Verhältniss  zum 
Geschiebemergel  will  ich  hier  noch  nicht  näher  eingehen,  da  es 
dazu  noch  weiterer  Forschungen  in  jener  Gegend  bedarf.  Ich 
bemerke  jedoch,  wie  ich  dies  auch  in  den  Mittheilungen  über  die 
Aufnahmen  im  uckermärkischen  Arbeitsgebiete  ausgesprochen  habe, 
dass  ich  der  Ansicht  zuneige,  die  Bildung  des  Geschiebemergels 
und  des  Geschiebewalles  in  die  Periode  der  zweiten  Vereisung 
zu  verlegen.  Die  Frage  konnte  vorläufig  ausser  Acht  gelassen 
werden,  da  es  sich  in  obigen  Ausführungen  darum  handelte,  die 
verschiedenen  geologischen  Factoren  festzustellen,  welche  die  Ober- 
flächengestaltung der  baltischen  Seenplatte  beeinflusst  haben. 


11 


Pseudoseptale  Bildungen  in  den  Kammern 
fossiler  Ceplialopoden. 

Von  Herrn  Henry  Schröder  in  Berlin. 

(Hierzu  Tafel  VI — VIII.) 


Secundäre  Pseudosepta,  d.  h.  zwischen  den  normalen  Kamraer- 
scheidewänden  befindliche  septenähnliclie  Membranen  und  damit 
zusammenhängende  Erscheinungen,  sind  unter  allerdings  sehr 
verschiedenartiger  Benennung  und  Deutung  von  Woodward  j), 
Barrande *  2),  Dewitz  3),  Holm4)  und  Anderen  mehrfach  bei  Ortho- 
ceren  und  auch  theilweise  gewundenen  Nautiliden  beschrieben. 
Faltungen  derselben  hat  zuerst  Barrande  und  alsdann  unter  dem 
Terminus  »Längswände«  Mascke  5)  bei  Lituites  lituus  Monte,  und 
Orthoceras  cf.  dimidiatum  angegeben,  später  wies  sie  dann  Dewitz  6) 
an  seinem  Orth.  Berendti  nach.  Beide  letztere  Autoren  haben  jedoch 
die  tiefere  Bedeutung;  dieser  Erscheinung;  nicht  näher  untersucht  oder 
wenigstens  nichts  Genaueres  darüber  veröffentlicht.  Noetling  7) 
beschrieb  dann  die  »Verticallamellen«  bei  Lit.  lituus  näher,  ohne  sich 
auf  eine  Deutung  einzulassen , und  Holm  8)  brachte  eine  ähnliche 

b Quart.  Journ.  geol.  Soc.  XII,  1856  p.  378. 

2)  Syst.  sil.  du  ceutre  de  la  Boli.  II,  4,  p.  264  sqcp 

3)  Zeitschr.  f.  d.  ges.  Naturw.  Halle  III,  3,  1878,  S.  295  u.  Zeitschr.  d. 
Deutsch,  geol.  Ges.  xxxii,  1880,  S.  386. 

4)  Palaeontol.  Abhandl.  kerausgegeb.  von  Dames  und  Rayser  III,  1,  S.  17  ff. 

5)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  xxvm,  1876,  S.  51. 

6)  Ibid.  xxxii,  1880,  S.  389. 

7)  Ibid.  xxxiv,  1882,  S.  184. 

8)  1.  c.  S.  22. 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen  etc. 


165 


Erscheinung  unter  der  Bezeichnung  » Pseudoseptalfalten « bei 
Lituiten  aus  der  Gruppe  des  Ancistroceras  undulatum  Boll  zu 
unserer  Kenntniss.  Das  Auftreten  der  V erticallamellen  auf  den  Stein- 
kernen von  Orth.  Berendti  wird  von  Noetling  und  Holm  als  eine 
ähnliche  Erscheinung  kurz  berührt,  aber  nicht  näher  in  Erwägung 
gezogen.  Diese  Lücke  auszufüllen  war  ursprünglich  der  Zweck 
vorliegenden  Aufsatzes;  um  jedoch  für  eine  Deutung  eine  möglichst 
breite  Basis  zu  schaffen  und  um  allgemeinere  Gesichtspunkte  zu 
gewinnen,  stellte  sich  die  Notwendigkeit  heraus,  die  in  der 
Literatur  beschriebenen  Erscheinungen  einer  nochmaligen  Betrach- 
tung resp.  Untersuchung  zu  unterwerfen. 

Das  mir  zu  diesem  Zwecke  zu  Gebote  stehende  Material  sind 
grösstentheils  ost-  und  westpreussisehe  Geschiebe,  die  mir  durch 
die  Güte  der  Herren  Proff.  Drr.  Liebiscii  und  Branuo  und  des 
Herrn  Dr.  Jentzscii  zur  Bearbeitung  überlassen  wurden,  wofür 
ich  meinen  verbindlichsten  Dank  auszudrücken,  an  dieser  Stelle 
mir  erlaube.  Aus  der  alten  KLÖDEN’schen , in  dem  Besitz  des 
Preussischen  geologischen  Landesmuseums  befindlichen  Sammlung 
liegen  mit  dem  Eticpiette  »Tempelhof«  einige  Sternkerne  vor, 
welche  die  für  die  Gruppe  des  Orth.  Berendti  charakteristische 
Verticalfurche  tragen,  im  Uebrigen  aber  sehr  abgerieben  und 
schlecht  erhalten  sind.  Einige  neuere  Funde  von  Lituiten  mit 
den  genannten  Eigentümlichkeiten , welche  auch  dem  Landes- 
museum angehören,  sind  ebenfalls  benutzt. 

Herr  Dr.  Beusiiausen,  dem  ich  meine  Beobachtungen  an 
Orth.  Berendti  mittheilte , machte  mich  darauf  aufmerksam , dass 
ähnliche  Erscheinungen  an  Orthoceren  des  Spiriferensandsteins  be- 
schrieben, aber  bisher  nicht  gedeutet  sind.  Das  hierher  gehörige, 
in  der  geologischen  Landesanstalt  und  dem  Universitätsmuseum 
vorhandene  Material,  welch’  letzteres  mir  von  Herrn  Prof.  Dames 
bereitwilligst  zur  Verfügung  gestellt  wurde,  habe  ich  gleichfalls 
verwerten  können. 

Aus  den  über  die  Bildung  der  Pseudosepta  gemachten  Beob- 
achtungen schien  mir  der  Schluss  hervorzugehen,  dass  die  von 
Barrande  beschriebene  »Troncature  normale  ou  periodique  de 
la  coquille«  in  die  gleiche  Reihe  der  Erscheinungen  gehöre.  Um 


166 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungei 


nicht  auf  Barrande’s  Beschreibungen  und  Abbildungen  allein 
angewiesen  zu  sein,  wandte  ich  mich  durch  die  gütige  Vermittlung 
von  Herrn  Geheimrath  Hauchecorne  an  Herrn  Prof.  0.  Noväk 
in  Prag  mit  der  Bitte,  mir  die  BARRANDE’schen  Originale  zur  An- 
sicht zu  senden.  Meiner  Bitte  wurde  mit  grosser  Liberalität  gewill- 
fahrt und  fühle  ich  mich  genanntem  Plerrn  zu  ausserordentlichem 
Danke  verpflichtet. 


A.  Beobachtungen  über  Pseudosepta. 

Lituites  litnns  Montf.  , Lituites  (Ancistroceras)  undulatus  Boll., 
Lit.  (Aucistr.)  Torelli  Remele,  Lit.  (Ancistr.)  Bolli  Rem.,  Orthoceras 
(Rhynchoceras)  Damesi  Dewitz,  Orth.  (Rhynchoc.)  tenuistriatum 
Rem.,  Orth,  coiiicum  His. 

Obwohl  das  mir  vorliegende  Material  eine  namhafte  Erwei- 
terung des  von  meinen  Vorgängern  thatsächlich  Beobachteten  nicht 
ermöglicht,  halte  ich  es  dennoch,  schon  um  die  angewandte  Nomen- 
clatur  zu  erläutern,  für  angemessen,  mit  den  in  der  Ueberschrift 
genannten  Formen  zu  beginnen,  sehe  jedoch  von  jeder  speciellen 
Beschreibung  ab  und  verweise  deshalb  auf  die  Ausführungen 
Dewitz’1),  Noetling’s  2)  und  IIolm’s  3).  Bei  einem  Vergleich 
meiner  Darstellung  mit  den  genannten  Autoren  wird  man  auf 
Differenzen  in  der  Bezeichnungsweise  stossen,  die  sich  im  Verlauf 
des  Aufsatzes  erklären  werden. 

Secundäre  Wandbildungen  treten  im  Lumen  der  Luftkammer 
hier  in  zwiefacher  Weise  auf. 

1)  Am  häufigsten  findet  sich  namentlich  bei  Lituites  lituus 
Monte,  die  von  Mascke  zuerst  beobachtete,  dann  von  Noetling 
näher  beschriebene  Pseudoseptenbildung.  Man  kann  hier  (Taf.  VIII, 
Fig.  2)  in  jeder  Luftkammer  eine  hintere,  den  Ansatzring  der 
Septa  und  der  concaven  Fläche  des  hinteren  Septums  (sp)  von 

')  Zeitschr.  f.  d.  ges.  Naturw.  Halle  III,  3,  1878,  S.  295  und  Zeitsebr.  d. 
Deutsch,  geol.  Ges.  xxxu,  1880,  S.  386. 

2)  1.  c.  S.  184. 

3)  1.  c.  S.  17, 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


167 


einer  vorderen,  der  convexen  Fläche  des  vorderen  Septums  (sa) 
auflagernde  Kalkspathlamelle  unterscheiden;  die  erstere  bezeichne 
ich  als  die  hintere  (xtc),  welche  eigentlich  aus  einem  ring- 
förmigen und  einem  horizontalen  Theil  besteht,  die  letztere  als  die 
vordere  (xa)  Horizontallamelle.  Beide  sind  nach  innen  von 
dem  mit  Gesteinsmasse  ausgefüllten  Lumen  der  Kammer  durch 
Membranen  getrennt,  die  zwar  in  dem  Anschliff  als  solche  nicht 
hervortreten,  aber  sich  bei  Exemplaren,  an  denen  die  Kalkspath- 
lamellen  von  der  Ausfüllungsmasse  abgesprungen  sind,  als  feine 
erdige  Häutchen  deutlich  abheben.  Diese  Membranen  sind  die 
Pseudosepta  (cnr  und  er«).  Sie  convergiren  nach  den  vorderen 
Ecken  jeder  Luftkammer  und  spitzen  sich  dort  zwischen  den  an 
einander  tretenden  Horizontallamellen  aus.  Auf  der  Siphonalseite, 
bei  Lit.  lituus  genau  in  der  Mediane,  sind  diese  Membranen  in 
einer  schmalen,  radiären  Zone  unterbrochen,  von  welcher  aus 
sie  sich,  die  hintere  nach  vorne  und  innen,  die  vordere  nach 
hinten  zu  einer  parallelwandigen  Falte  bis  zum  Sipho  einstülpen 
und  denselben,  soweit  er  häutig  war,  zangenartig,  soweit  er 
verkalkt  war , ringförmig  umgeben.  Dadurch , dass  der  Raum 
zwischen  den  eingestülpten  Membranen  durch  Kalkspath  von 
bräunlicher  Farbe  ausgefüllt  ist,  entsteht  die  Verticallamelle  (u)1), 
die  die  vordere  und  hintere  Horizontallamelle  mit  einander  ver- 
bindet und  von  dem  ringförmigen  Theil  der  hinteren  Lamelle 
bis  zum  Sipho  (allerdings  nur  auf  der  Siphonalseite)  durch- 
geht. Die  innere  Wandung  jeder  Kammer  erscheint  so  mit  einer 
krystallinischen  Schicht  ausgekleidet,  von  der  aus  einseitig  eine 
von  vorne  nach  hinten  durchgehende  Lamelle  das  Lumen  der 
Kammer  bis  zum  Sipho  durchsetzt.  Hat  es  der  Zufall  gefügt, 
dass  die  Kalkspathlamellen  abgesprungen  sindT  so  zeigt  die  Aus- 
füllungsmasse eine  runzelige  und  buckelige  Oberfläche;  ausserdem 
treten  mehr  oder  minder  starke,  anastomosirende,  erhabene  Linien 
auf,  die  nur  als  die  Spuren  von  Gefässen  gedeutet  werden  können. 

*)  Man  vergleiche,  um  sich  diese  Verhältnisse  klar  zu  machen,  die  auf 
Taf.  VII,  Fig.  2 u.  8 gegebenen  Querschnitte  von  Orth.  Berendti,  wo  die  Vertical- 
lamelle in  ähnlicher  Weise  entwickelt  ist,  und  namentlich  Noetling,  1.  c.  Taf.  XI, 
Fig.  6 — 8. 


168 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


Auf  Kosten  der  Gesteins-Ausfüllung  werden  die  Kalkspathlamellen 
nach  hinten  zu  allmählich  dicker,  bis  sie  fast  das  ganze  Lumen 
der  Kammer  einnehmen,  so  dass  die  Gesteinsmasse  ganz  ver- 
schwindet und  beide  Pseudosepten,  welche  die  Lamellen  nach 
innen  begrenzen,  aufeinander  liegen. 

2)  Bei  der  zweiten  Ausbildungsweise  der  pseudoseptalen 
Mantelausscheidungen,  wie  sie  namentlich  an  den  brevicouen  Formen 
der  Untergattung  Ancistroceras , aber  auch  an  dem  longiconen 
Lit.  lituus t)  beschrieben  ist,  sind  ebenfalls  zwei  pseudoseptale, 
deutlich  als  solche  beobachtbare  Membranen  und  Kalkspathlamellen 
vorhanden , die  entweder  direct  aufeinander  liegen  oder  durch 
einen  Spalt,  der  mit  dem  Lumen  des  Sipho  in  Zusammenhang  zu 
stehen  scheint,  von  einander  getrennt  sind.  Der  mit  Gesteinsmasse 
erfüllte  Spalt  wird  nach  dem  Centrum  weiter  und  keilt  sich  nach  aussen 
zu  spitz  aus;  je  weiter  nach  vorne,  um  so  weiter  treten  die  Membranen 
von  einander,  bis  sie  zuletzt  in  nur  geringer  Entfernung  von  den 
normalen  Septen  der  inneren  Begrenzung  der  Kammer  parallel 
laufen  und  so  wie  bei  der  ersten  Ausbildungsweise  als  zwei  deut- 
lich getrennte  Pseudosepta  erscheinen.  Das  eigentlich  Abweichende 
besteht  bei  dieser  Entwicklung  darin,  dass,  wenn  beide  Membranen 
im  Uebrigen  einander  berühren,  auf  der  Siphonalseite  doch  eine 
theilweise  Spaltung  stattgefunden  hat.  Denn  von  dem  scheinbar 
einheitlichen  Pseudoseptum,  welches  sich  von  der  vorderen  Ecke 
in  circa  halber  Kammerhöhe  ausspannt,  ist  die  hintere  Membran 
nach  hinten,  die  vordere  nach  vorne  gefaltet;  die  hintere  Falte 
ist  an  die  concave  Fläche  des  hinteren  normalen  Septum  und  an 
den  Ansatzring  desselben,  die  vordere  an  die  convexe  Fläche  des 
vorderen  in  einer  radiären  Linie  angeheftet.  Der  Gegensatz  beider 
Entwicklungen  besteht  also  darin,  dass  sich  in  ersterem  Falle  die 
hintere  pseudoseptale  Membran  nach  vorne  und  die  vordere  nach 
hinten,  im  zweiten  Falle  die  hintere  Membran  nach  hinten  und 
die  vordere  nach  vorne  faltet;  ausserdem  sind  im  zweiten  die 
Faltenmembranen  nicht  parallel,  sondern  schliessen  einen  Kaum 
von  rhomboidischem  Querschnitt  ein. 


Holm,  1.  c.  Taf.  Y,  Fig.  3. 


in  den  Kammern  fossiler  Cepbalopoden. 


169 


Beide  Erscheinungsweisen  der  pseudoseptalen  Faltung  treten 
an  verschiedenen  Individuen  derselben  Species  und,  wie  es  beob- 
achtet ist,  an  verschiedenen  Luftkammern  derselben  Individuen 
zugleich  auf,  worauf  ich  hier  noch  näher  eingehen  muss. 

Bei  Lit.  lituus  und  Torelli  haben  Mascke  und  Noetling  die 
V erti callamellen  beobachtet  und  Holm  erwähnt  sie  auch  bei  Lit. 
(. Ancistroc .)  unchilatus;  alle  drei  Species  zeigen  in  anderen  Indi- 
viduen auch  die  mit  firstartigen  Falten  versehene  Form  der  Pseudo- 
septenbildung. 

Holm  hat  offenbar  auch  an  einem  Individuum  zugleich 
Pseudoseptalfalten  und  Verticallamellen  beobachtet,  denn 
er  sagt1):  »Bei  einigen  Exemplaren  von  Ancistroceras  undulatum 
habe  ich  in  einigen  der  letzten  Luftkammern,  die  wie  oft  mit 
Steinmasse  erfüllt  sind,  eine  mehr  oder  weniger  dicke,  aus  Kalk- 
spatli  bestehende,  einseitige  Verticallamelle  beobachtet.  Dieselbe 
erstreckt  sich  die  ganze  Kammerhöhe  vom  Sipho  bis  zur  Aussen- 
wand  entlang  und  nimmt  ungefähr  dieselbe  Lage  ein,  wie  die 
Pseudoseptalfalte  in  den  angrenzenden  Luftkammern.« 

Nach  der  Beschreibung  der  Verticallamelle  des  Lit.  ( Ancistroc .) 
Torelli  fährt  Noetling2)  fort:  »ln  engem  Zusammenhang  mit  der 
krystallinischeu  Auskleidungsschicht  (d.  li.  den  beiden  Horizontal- 
lamellen) scheint  die  von  Dewitz  zuerst  (?)  und  bis  jetzt  nur  (?)  bei 
diesem  Genus  beobachtete  »Doppelkammerung«  zu  stehen.  Bei 
obigem  Exemplar  zeigen  nämlich  zwei  mit  gelblich  weissem,  grob- 
krystallinischem  Kalkspath  erfüllte  Kammern  zwei  dunklere  Streifen, 
welche  jederseits  von  der  oberen  (nach  meiner  Bezeichnungsweise 
vorderen)  Kammerecke  beginnend,  in  schräger  Richtung  nach  rück- 
wärts gegen  die  Mitte  laufen,  wo  sie  aber  nicht  mehr  zu  verfolgen 
sind.  In  der  Nähe  dieser  Streifen  konnte  ich  mit  Hülfe  der  Nadel  die 
Ausfüllungsmasse  entfernen  und  hierbei  ergab  sich,  dass  die  dunklen 
Streifen  Querschnitte  einer  dünnen  convexen  (ringförmigen?)  Lamelle 
(Membran?)  darstellen,  welche  von  der  Seitenwand  ausgehend,  an- 
scheinend nicht  den  ganzen  Querschnitt  überspannt,  sondern  in 


1.  c.  S.  26. 

2)  Jabrb.  d.  Königl.  geol.  Landesanst.  für  1883  S.  132. 


170 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungei 


der  Mitte  durchbrochen  bleibt.  An  der  Seitenwand  verschmilzt 
diese  Lamelle  mit  der  krystallinischen  Auskleidungsschicht  der 
Kammern.«  Diese  Beobachtung  kann  ich  an  dem  mir  vorliegenden 
Original  bis  auf  den  letzten  Passus  bestätigen;  betreffs  desselben 
bemerke  ich,  dass  sich  die  Lamelle,  welche  ich  mit  Holm  pseudo- 
septale Membran  nenne,  vielmehr  wie  andere  Pseudosepta  bis  an 
den  äussersten  Punkt  der  Kammerecke  in  vollständiger  Unab- 
hängigkeit von  der  krystallinischen  Schicht  verfolgen  lässt.  Ausser- 
dem ist  auf  das  Pseudoseptum  einer  der  Kammern  eine  deutliche, 
firstartige  Pseudoseptalfalte  nach  hinten  aufgesetzt;  derselben  ent- 
spricht jedoch  keine  vordere  Falte  von  gleichem  Bau,  denn  von 
beiden  Seiten  der  hinteren  Pseudoseptalfalte  gehen  zwei  parallele 
Linien  senkrecht  nach  der  vorderen  normalen  Kammerwand  ab. 
Wir  haben  also  an  diesem  Exemplare  von  Lit.  Torelli  typische 
Verticallamellen  und  deutliche  HoLM’sche  Pseudoseptalfalten ; in 
der  Kammer,  welche  zum  grossen  Theil  mit  Gesteinsmasse  erfüllt 
ist  und  die  nur  dünne  Horizontallamellen  besitzt,  findet  sich  eine 
Verticallamelle,  in  der  Kammer  dagegen,  die  fast  vollständig  von 
den  Horizontallamellen  eingenommen  wird,  eine  Pseudoseptalfalte. 
Es  bestätigt  sich  also  auch  hier  der  Satz  Holm’s1):  »Wenn  die 
Luftkammern  bei  Lit.  lituus  in  dem  Theile  des  Gehäuses,  wo  die 
Pseudosepta  und  Pseudoseptalfalten  vorzukommen  pflegen,  ganz 
oder  zum  Theil  mit  Gesteinsmasse  erfüllt  sind,  so  fehlen,  ganz 
wie  bei  Ancistroceras,  die  Pseudosepta  (in  der  Form,  wie  sie  mit 
der  Bildung  der  Pseudoseptalfalten  verbunden  ist),  und  es  treten 
meist  Verticallamellen  auf.«  Hieraus  folgt  der  Schluss,  dass  ein 
Causalnexus  zwischen  Pseudoseptalfalten  und  späthiger  Ausfüllung 
einerseits  und  zwischen  Verticallamellen  und  dichter  Ausfüllungs- 
masse andrerseits  existirt.  Derselbe  erklärt  sich  einfach  folgender- 
maassen:  Die  Pseudosepta  mit  ihren  Vertical-  und  Horizontal- 
lamellen waren,  wie  weiter  unten  ausgeführt  werden  wird,  schon 
vorhanden,  als  das  Thier  starb,  die  Schale  auf  den  Meeresboden 
sank  und  mit  Schlamm  erfüllt  wurde,  der  nur  durch  den  Siplio 
in  die  Luftkammern  eindringen  konnte;  das  Eindringen  war  auch 


')  1.  e.  S.  27. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


171 


nur  dann  möglich,  wenn  der  hornigkalkige  Theil  des  Sipho  durch- 
brochen wurde  und  so  eine  directe  Communication  zwischen  der 
umgebenden  Schlammmasse  und  dem  Kammer-Inneren  liergestellt 
war.  Wo  nun  Pseudosepta  mit  HoLM’schen  Falten  entwickelt 
sind,  treten  dieselben  meist  ganz  dicht  aneinander  und  an  den 
Sipho  heran,  wesshalb  gar  keine  oder  nur  wenig  Schlammmasse 
zwischen  die  pseudoseptalen  Membranen  eindringen  konnte;  wo 
dagegen  Verticallam eilen  vorhanden  sind,  ist  die  Entfernung  der 
pseudoseptalen  Membranen  bedeutend  und  die  Verbindung  mit 
dem  Sipho -Lumen  offener,  wodurch  hinreichender  Kalkschlamm 
Zutritt  hatte. 

Aus  der  Thatsache,  dass  die  beiden  oben  beschriebenen  Aus- 
bildungsweisen der  Pseudosepta  sowohl  an  gleichen  Species 
und  auch,  was  mehr  sagen  will,  an  demselben  Individuum  in 
hintereinander  liegenden  Luftkammern  auftreten,  folgt  unzweifel- 
haft, dass  sie  beide  nur  als  Modifikationen  desselben  Vorganges  zu 
betrachten  sind.  Jedoch  darf  man  diese  Abhängigkeit  nicht  so 
deuten  wie  Holm,  der  sagt1):  »Sie  (nämlich  die  Verticallamellen  bei 
Lit.  lituus ) erscheinen  mir  jedoch  eine  den  Pseudoseptalfalten  ent- 
sprechende Bildung  zu  sein,  da  bei  Zerstörung  der  das  Pseudo- 
septum bildenden  Membran  Ueberreste  derselben  zwischen  den 
Verwachsungslinien  erhalten  blieben.  An  und  zwischen  den  hier 
befindlichen  Membranen  konnte  Kalkspath  sich  absetzen«.  Der 
in  zahlreichen  Kammern  und  zahlreichen  Individuen  in  gleicher 
Weise  beobachtete,  ununterbrochene  Zusammenhang  der  Mem- 
branen, welche  die  Verticallamelle  einschliessen,  mit  den  vorderen 
und  hinteren  Pseudosepten  und  die  scharfen  Linien  und  Winkel 
derselben,  schliessen  eine  derartige  Ableitung  der  Verticallamellen 
aus  zerbrochenen  Pseudoseptalfalten  vollkommen  aus. 

Betreffs  der  mikroskopischen  Beschaffenheit  der  Pseudosepta 
kann  ich  mich  vollständig  Holm1)  anschliessen:  »Weder  die  Septa 
noch  die  Begrenzungsschichten  der  Pseudosepta  sind  an  meinen 
Dünnschliffen  von  bräunlicher  organischer  Substanz  durchdrungen, 
wie  es  Dewitz  beschreibt,  sondern  ganz  hell  durchleuchtend. 


»)  I.  c.  S.  27. 


172 


Henky  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


Die  innere,  von  den  Begrenzungsschichten  eingeschlossene  Schicht 

ist  sehr  unregelmässig Bald  fehlt  sie  ganz,  bald  ist  sie 

unregelmässig,  abwechselnd  angeschwollen  und  wieder  einge- 
schnürt. Ihre  Beschaffenheit  ist  ebenso  wechselnd.  Sie  besteht 
selten  aus  Kalkspath,  ist  vielmehr  meist  aus  einer  bräunlichen, 
undurchsichtigen  Kalkmasse  gebildet,  welche  wahrscheinlich  nur 
von  aussen  eingedrungener  Schlamm,  mitunter  vielleicht  auch 

von  organischer  Substanz  durchdrungene  Kalkausscheidung  ist 

Die  Wände  der  Pseudoseptalfalte  werden  nur  von  einer  einzigen 
sehr  dünnen  Schicht  gebildet,  welche  den  Begrenzungsschichten 
des  Pseudoseptum  entspricht.  In  ein  paar  Fällen  habe  ich  den 
Zusammenhang  zwischen  den  Begrenzungsschichten  und  der  Wand 
der  Pseudoseptalfalte  verfolgen  können«.  Meine  eigenen  Beob- 
achtungen haben  mich  überzeugt,  dass  die  »innere  Schicht  der 
Hilfskammerwand  Dewitz’«  nichts  als  anorganische  Ausfüllungs- 
masse ist  und  nichts  mit  den  beiden  »Begrenzungsschichten«  der- 
selben  zu  tlmn  hat.  Vielmehr  sind  letztere  das  Wesentliche  und 
spreche  ich  daher  auch  dort,  wo  beide  auf  einander  liegen,  von  zwei 
pseudoseptalen  Membranen  oder  kurz  von  zwei  Pseudosepten. 

Orthoceras  Berendti  Dewitz. 

Unsere  durch  Dewitz  *)  erlangte  Kenntniss  der  Species  Orth. 
Berendti  beschränkt  sich  nur  auf  einige  Steinkerne,  die  keinen 
genügenden  Aufschluss  über  den  Querschnitt,  die  Dickenzunahme 
und  den  normalen  Verlauf  der  Nahtlinien  geben;  ferner  war  die 
Schale  als  »nur  an  einem  Stück  auf  einem  kleinen  Theil  erhalten 
und  quergerieft«  beobachtet.  In  allen  diesen  Punkten  gestattet 
mir  mein  Material,  unsere  Kenntniss  zu  erweitern. 

Das  grösste  Exemplar  der  vorstehenden  Art  ist  bei  Wehlau 
am  Pregel  gefunden  und  gehört  dem  Provinzial- Museum  zu 
Königsberg  i.  Pr.  an.  Zwar  zeigt  es  nicht  die  dem  Orth.  Berendti 
von  Dewitz  für  specifiscli  eigenthümlich  gehaltene  Form  der  Kammer 
und  auch  nicht  das  Längsseptum,  jedoch  stimmt  es  in  sonstigen 


‘)  Zeitsclir.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  xxxii,  1880,  S.  389. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


173 


Beziehungen  vorzüglich  mit  anderen  überein,  welche  die  genannten 
Eigentümlichkeiten  tragen. 

Der  Querschnitt  ist  elliptisch  mit  einem  Verhältniss  der 
Durchmesser  von  4 : 5.  Die  Convergenz  beträgt  1/6,25.  Der 
Sipho  liegt  im  grösseren  Durchmesser  der  Ellipse  und  zwar  der 
einen  Seite  etwas  genähert,  so  dass  sein  Mittelpunkt  von  der 
Siphonalseite  12  Millimeter,  von  der  Antisiphonalseite  17  Millimeter 
entfernt  ist;  sein  Durchmesser  beträgt  in  demselben  Querschnitt 
fast  5 Millimeter,  ist  also  immerhin  im  Vergleich  mit  anderen  Ortlio- 
ceren  sehr  bedeutend.  Ein  Längsschnitt  durch  den  Sipho  zeigt 
deutlich,  dass  Orth.  Berendti  echte  Siphonalduten  wie  Orth,  reguläre 
besessen  hat.  Die  Höhe  der  Kammern  schwankt  und  zwar  sind 
die  hinteren  höher  als  die  vorderen,  wie  es  schon  mehrfach  be- 
obachtet ist,  worauf  ich  aber  hier  noch  besonders  aufmerksam 
mache,  da  es  für  die  Erklärung  einzelner  BARRANDE’scher  Beobach- 
tungen an  Orth,  truncatum  von  Wichtigkeit  erscheint. 

Grösster  Kammerdurchmesser  Kammerhöhe 

34  Millimeter  9,5  Millimeter 

43.5  » 8 » 

46.5  » 6 » 

Die  Kammernahtlinien  sind  nicht  grade,  sondern  beschreiben 
auf  den  Seiten,  wenn  man  die  durch  Sipho  und  Siphonalseite 
gelegte  Ebene  als  Symmetrieebene  nimmt,  einen  flachen  nach 
hinten  gewandten  Bogen  und  treten  dementsprechend  in  der 
Mediane  nach  vorne.  Der  undulirende  Verlauf  der  Nahtlinien 
tritt  an  beiden  Seiten  nicht  in  gleich  starker  Weise  auf,  ebenso 
sind  am  anderen  Ende  auf  der  Antisiphonalseite  die  Nahtlinien 
abnormal  nach  der  Flanke  und  vorne  gezogen.  Jedenfalls  ist 
ein  Theil  der  Sinusbildung  der  Nahtlinien  und  auch  ein  Theil  der 
Ellipticität  des  Schalenquerdurchmessers  auf  Verdrückung  zu 

schieben,  zumal  über  die  Siphonalseite  deutliche  Bruchlinien 
laufen. 

Obwohl  die  Schale,  welche  auf  der  einen  Seite  anhaftet, 
stark  abgerieben  ist,  lässt  sich  doch  constatiren,  dass  die  Ober- 
fläche mit  dichten,  erhabenen  Querlinien  geziert  war,  von  denen 


174 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


5 auf  einen  Raum  von  3 Millimeter  vertheilt  sind.  Ihr  Verlauf 
ist  undulirend,  aber  gegen  den  Verlauf  der  Nahtlinien  gerichtet 
und  auf  der  Antisiphonalseite  deutlich  nach  vorne  vortretend. 

Ein  mit  dem  Etiquette  »Ostpreussen«  versehenes  Exemplar 
(Taf.  VI,  Fig.  1)  des  Königsberger  Mineralogischen  Universitäts- 
Museum  zeigt  die  Oberflächensculptur  besser.  Scharf  zugehende 
Rippen  sind  durch  flache  Furchen  von  einander  getrennt;  beide 
bilden  auf  der  nicht  abgeriebenen  Seite  eine  Hervor  Wölbung;  nach 
vorn  und  treten  auf  den  Flanken  zurück.  Auf  den  Raum  von 
5 Millimetern  kommen  bei  einem  Schalendurchmesser  von  22  Milli- 
metern etwa  12  Rippen.  (Taf.  VI,  Fig.  lb  u.  c.)  Bei  einer  auf  den 
Verlauf  der  Rippen  gegründeten  Reconstruction  des  Mündungrandes 
würde  die  Siphonalseite  einen  Sinus  aufweisen,  der  sich  seinem  wahr- 
scheinlichen Zweck  für  die  Aufnahme  des  Athmungstrichters  ent- 
sprechend, auf  der  Bauchseite  des  Thieres  befindet.  Das  abge- 
bildete Exemplar  lag  mit  einer  Hälfte  im  Gestein,  das  ein  bläu- 
licher Kalk  mit  zahlreichen  Primitien  ist,  während  die  andere  Hälfte 
stark  abgerieben  war.  Aus  diesem  und  anderen  Stücken  geht  her- 
vor,  dass  Ortli.  Berenclti  eine  obersilurische  Form  ist. 

Von  Maassen  lässt  sich  nur  die  Convergenz  1/6,27,  also  fast 
genau  so  gross  wie  bei  dem  vorher  beschriebenen  Individuum, 
augeben. 

Die  Frage,  ob  der  Orthocere  mit  den  vorbeschriebenen  Merk- 
malen wirklich  einer  neuen  Speciesbezeichnung  als  Orth.  Berenclti 
bedurfte,  will  ich  nicht  entscheiden,  da  es  mir  hier  nur  auf  die 
Eigentümlichkeit  der  Verticalfurchen  ankommt,  welche  Dewitz  als 
für  seine  Species  characteristisch  angiebt.  Möglich  ist  es  immerhin, 
dass  unter  der  jetzigen  Bezeichnung,  soweit  sie  sich  auf  Steinkerne 
erstreckt,  eine  schon  früher  benannte  oder  gar  mehrere  Species 
begriffen  werden. 

Die  Steinkerne  sämmtlicher  normalen  Exemplare  und  die 
vorderen  Kammern  aller  Individuen  von  Orth.  Berenclti  zeigen 
eine  glatte  Rundung,  an  der  nur  die  Kammernahtlinien  als  mehr 
oder  minder  ausgeprägte  rinnenartige  Linien  hervortreten.  Die 
Oberfläche  der  Steinkerne  der  hinteren  Kammern  erscheint  jedoch 
eigenartig  verändert.  Die  Ausfüllungsmassen  der  einzelnen  noch 

ö ö Ö 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


175 


zusammenhängenden  Luftkammern  sind  nämlich  durch  tiefe  Furchen 
von  einander  getrennt,  und  das  Orthoceras  - Hinterende  ist  dazu 
stärker  convergent ; ausserdem  erscheint  fast  regelmässig  auf 
der  Siphonalseite  eine  deutliche  Längsfurche,  welche  über  alle 
Kammern  hinweg'o'eht.  Die  Abbildungen  Dewitz  geben  gute 

oo  O s o o 

Ansichten  dieser  Erscheinung.  Man  vergleiche  auch  die  zu  dieser 
Arbeit  gegebenen  Figuren  Taf.  VI,  Fig.  2 a u.  b und  Taf.  VII, 
Fig.  1 a u.  b. 

Mehrere  Exemplare  von  Orth.  Berendti  gestatten  durch  ihre 
vorzügliche  Erhaltung  einen  tieferen  Einblick  in  die  Natur  dieser 
scheinbaren  Deformation . 

Das  ausgezeichnetste  Individuum,  Taf.  VI,  Fig.  2,  stammt  aus 
einer  Grandgrube  von  Kalthof  bei  Pr.-Holland  (Ostpreusseu).  Es 
ist  ebenfalls  nur  ein  Steinkern,  dessen  Querschnitt  nahezu  dreh- 
rund (28  — ■ 29  Millimeter)  ist  und  aus  9 Kammern  besteht,  von 
denen  4,  obwohl  es  die  hinteren  sind,  sich  schon  durch  grössere 
Kammerhöhe  (7  — 9 gegen  4,5  • — 6 Millimeter)  von  den  vorderen 
unterscheiden.  Die  einzelnen  Kammern  sind  durch  starke  King- 
furchen von  einander  getrennt  ; sie  zeigen  auch  die  Furche  auf 
der  Siphonalseite  sehr  deutlich,  von  der  der  Sipho  12  Millimeter 
entfernt  ist. 

Die  Furche  durchsetzt  die  ganze  Höhe  der  Kammerausfüllung; 
in  der  hintersten  Kammer  ist  sie  circa  3 Millimeter  breit,  an  der 
dritten  1,5  Millimeter  und  an  der  vierten  nur  noch  eine  ganz 
schmale  linienartige  Rille.  Auf  der  Antisiphonalseite  zeigt  sich  der 
vordere  Rand  der  drei  hinteren  Kammern  zu  einer  kurzen  Einbuch- 
tung zurückgezogen,  während  die  vierte  Kammer  auf  dieser  Seite 
bereits  normal  beschaffen  ist,  was  beweist,  dass  die  Organisations- 
verhältnisse, denen  die  Verticalfurchen  ihre  Entstehung  verdanken, 
auf  der  Antisiphonalseite  nur  unvollkommen  entwickelt  waren. 
Die  von  siphonalen  und  antisiphonalen  Furchen  gebildeten  Verti- 
calreihen  fallen  im  Allgemeinen  in  die  Mediane  des  Orthoceras, 
die  sich  nicht  nur  durch  die  Lage  des  Sipho,  sondern  auch  durch 
das  Zurücktreten  der  Kammernahtlinien  auf  den  beiderseitigen 


x)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  xxxii,  1880.  Taf.  XVIII,  fig.  9 — 11. 


176 


Henry  Schröder,  Pseudosoplale  Bildungen 


Flanken  kennzeichnet.  Dagegen  bemerkt  man,  dass  die  einzelnen 
Furchen  in  ihrer  Lage  gegen  einander  etwas  von  der  Mediane 
nach  rechts  und  links  schwenken. 

Die  Convergenz  der  vier  hinteren  Kammern  ist  stärker  als 
die  der  fünf  vorderen,  die  sich  ausserdem  noch  durch  ihre  voll- 
ständige Glätte  auszeichnen. 

Lieber  die  Oberfläche  der  rauhen  hinteren  Kammerausfüllungen 
verläuft  ein  System  erhabener  Linien,  die  sich  durch  die  Regel- 
mässigkeit ihrer  Anordnung  als  entschieden  organischen  Ursprungs 
erweisen.  Auf  der  Siphonalseite,  wo  die  Längsfurchen  vollständig 
entwickelt  sind,  erscheinen  sie  stärker  und  zusammenhängend;  auf 
den  Flanken  werden  sie  schwächer,  bis  sie  auf  der  Antisiphonal- 
seite  auf  undeutliche,  unzusammenhängende,  linienartige  Erhaben- 
heiten reducirt  sind.  An  zwei  Kammern  ist  ihr  Verlauf  deutlich 
zu  verfolgen.  Zu  jeder  Seite  der  Längsfurche  treten  bis  zur 
Mitte  der  Seitentheile  mehrere  Hauptstämme  von  der  hinteren 
Begrenzung  der  Kammerausfüllung  hervor;  sie  divergiren  von 
hinten  nach  vorne,  bilden  jederseits  einen  Bogen  und  verlaufen 
dann  auf  den  Flanken  in  schräger  Richtung  über  den  Stein- 
kern. Vor  diesen  Stämmen  treten  auf  der  äusseren  Begrenzung: 
der  Kammerausfüllungsmasse  jederseits  schwächere  auf,  die  in 
ebenfalls  bogigem  Verlauf  nach  vorne  und  seitlich  ziehend  gegen 
die  Längsfurche  absetzen.  Von  den  Hauptstämmen  gehen  dann 
noch  schwächere  Nebenstämme  ab,  die  zum  Theil  auch  eine  Ana- 
stomose  zwischen  den  Hauptstämmen  bewirken.  Ausserdem  ist 
die  Oberfläche  zwischen  den  erhabenen  Linien  der  vier  hinteren 
Kammern  (Taf.  VI,  Fig.  2d)  vollständig  mit  einer  Sculptur  bedeckt, 
die  dem  unbewaffneten  Auge  als  eine  dichte,  äusserst  zarte  Kör- 
nelung  erscheint,  auf  den  hinteren  Kammern  am  stärksten  auftritt 
und  nach  vorne  zu  allmählich  undeutlicher  wird;  unter  der  Lupe 
bemerkt  man,  dass  die  Körnchen  kleine,  nur  zum  Theil  rundliche, 
viel  häufiger  längliche  und  unregelmässig  verzweigte  Erhaben- 
heiten sind,  die  auch  mit  den  erhabenen  Linien  in  Verbindung 
treten  können , so  dass  das  Ganze  netzartig  gezeichnet  erscheint. 
Der  vordere  Rand  jeder  Kammer  ist  ein  wenig  nach  aussen  auf- 
gebogen  und  zeichnet  sich  dadurch  aus , dass  auf  ihm  die 
Sculptur  nicht  so  stark  hervortritt. 


in  den  Kammern  fossiler  Ceplialopoden. 


177 


Die  Regelmässigkeit  der  Anordnung  und  die  Art  der  Ver- 
zweigung der  erhabenen  Linien  lässt  wohl  keine  andere  Deutung 
zu  als  diejenige,  dass  das  innere  Lumen  der  Luftkammer  nach 
hinten  und  den  Seiten  von  einer  Membran  resp.  festen  Lamelle 
abgeschlossen  war,  die  auf  ihrer  Concavseite  Gefässe  indrücke 
tru«f , welche  nun  auf  der  Ausfällungsmasse  der  Luftkammer  als 
Erhabenheiten  erscheinen  müssen.  Aelinlich  wie  man  häufig  auf 
der  concaven  Fläche  der  Septen  des  Nautilus  deutlich  Gefässein- 
drücke  x)  wahrnimmt,  drückten  sich  die  Gefässstämme  des  Mantel- 
hinterendes  auf  der  Lamelle  ab,  die  sich  vor  dem  normalen  Septum 
befand,  aber  mit  ihm  im  Allgemeinen  concentriscli  angeordnet  war. 
Dewitz  nannte  die  Membran,  welche  sich  vor  dieser  Lamelle  be- 
findet, bei  Vertretern  der  Untergattung  Ancistroceras  Hilfskammer- 
wand, Holm  bezeichnete  sie  als  Pseudoseptum,  ohne  dass  beide 
Autoren  jedoch  die  Spuren  von  GefäSsen  nachweisen  konnten. 
NoetlinG  2)  beschreibt  Gefässeindrücke  auf  den  Horizontallamellen 
bei  Lit.  lituus  und  habe  ich  dieselben  bei  dieser  Species  mehr- 
fach beobachtet;  sie  sind  aber  hier  nicht  im  entferntesten  so 
deutlich  und  regelmässig  angeordnet,  wie  an  dem  vorliegenden 
Exemplar  von  Orth.  Berendti.  In  ähnlicher,  wenn  auch  nicht  so 
scharfer  Weise  habe  ich  die  Spuren  von  Gefässen  mehrfach  auf 
den  Steinkernen  genannter  Species  gesehen;  es  gehört  diese  Er- 
scheinung nicht  zu  den  grossen  Seltenheiten. 

O O 

Es  wurde  oben  erwähnt,  dass  an  dem  Exemplar  von  Pr. 
Holland  der  siphonalen  Hauptfurche  diametral  gegenüber  die 
undeutlichen  Anzeichen  einer  antisiplionalen  Furche  sichtbar  sind. 
Am  schärfsten  sind  zwei  einander  gegenüberstehende  Längsfurchen 
an  einem  grossen  aus  Westpreussen  stammenden  Individuum 
(Taf.  VII,  Fig.  1)  des  Mineralogischen  Uuiversitäts -Museums  zu 
Königsberg  entwickelt.  Obwohl  die  grössten  Durchmesser,  der 
hintere  26  Millimeter,  der  vordere  38  Millimeter  betragen,  führen 
sämmtliclie  Luftkammern  die  verticalen  Furchen.  Während  sonst 
bereits  Steinkerne  mit  einem  Durchmesser  von  28  Millimeter  die 

x)  Waagen,  Palaeontigraphiea  XVII,  S.  189. 

2)  Zeitsclir.  cl.  Deutsch,  geol.  Ges.  xxxiv,  1882,  S.  180. 


Jahrbuch  18S7. 


12 


178 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


V erticalfurclien  vermissen  lassen,  sind  das  erwähnte  Exemplar  nnd 
ein  zweites  von  Königsberg  (Provinzial -Museum)  die  einzigen, 
welche  auch  bei  weiter  fortgeschrittenem  Wachsthum  mit  Längs- 
furchen  versehen  sind.  Hieraus  lässt  sich  der  Schluss  ziehen, 
dass  das  Verschwinden  derselben  nicht  an  eine  bestimmte  Grösse 
gebunden  war. 

Das  Aeussere  der  Luftkammerausfüllung  ist  das  für  die 
mit  Längsfurchen  versehenen  Exemplare  von  Orth.  Berendti  ge- 
wöhnliche. Starke  Furchen  trennen  die  nach  hinten  gerundeten 
Ausfüllungen  der  einzelnen  Kammern  von  einander,  deren  Höhe  im 
Verhältuiss  zu  dem  kleineren  Exemplar  von  Pr.  Holland  gering  ist. 
Legt  man  die  Symmetrieebene  durch  den  Sipho  und  den  Punkt 
der  äusseren  Begrenzung,  welcher  demselben  am  nächsten  liegt, 
so  befinden  sich  die  beiden  Verticalfurchen  seitlich  von  derselben, 
jedoch  insofern  einander  diametral  gegenüber,  als  sie  auf  ver- 
schiedenen Seiten  der  Symmetrieebene  liegen.  Dieselben  sind 
aussergewöhnlich  breit;  an  einzelnen,  wo  eine  etwaige  nachträgliche 
Beschädigung  ausgeschlossen  ist,  mass  ich  4 Millimeter.  Wie 
auch  sonst  liegen  die  Furchen  nicht  in  einer  Verticalreihe,  sondern 
schwanken  nach  rechts  und  links  von -ihrer  mittleren  Richtung; 
auch  sind  diese  Schwankungen  nicht  insofern  gesetzmässig,  dass 
eiue  Abweichung  nach  liuks  auf  der  Siphonalseite  eine  gleiche 
Ablenkung  nach  rechts  der  Gegenfurche  derselben  Kammer 
verursacht. 

Zu  beiden  Seiten  beider  Verticalfurchen  ist  die  Oberflächen- 
zeichnung der  Kammerausfüllung  erhalten.  (Taf.  VII,  Fig.  1 c.) 
Sie  erscheint  in  anderer  Weise  als  an  dem  Exemplar  von  Pr.  Holland. 
Feine,  dicht  an  einander  liegende,  stellenweise  knotig  anschwellende, 
erhabene  Linien,  von  denen  nur  selten  eine  oder  die  andere  etwas 
stärker  hervortritt,  kommen  von  der  convexen  Fläche  der  Kammer- 
ausfüllung hervor  und  convergiren  in  der  Nähe  der  siphonalen 
und  antisiphonalen  Verticalfurche  nach  derselben.  Diese  radialen 
Linien  machen  den  Eindruck  von  Runzeln  eines  gefalteten  Membran, 
wie  sie  in  ähnlicher  Weise  Holm  ])  auf  den  Pseudosepten  von 


l)  1.  c.  S.  2-2. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


170 


Ancistroceras  undulatum  beschrieb.  Jedenfalls  sind  sie  nicht  als 
von  Gefässen  herrührend  zu  deuten,  da  sie  sämmtlich  nahezu 
parallel  laufen,  ohne  sich  zu  verzweigen  oder  zu  anastomosiren. 
Jedoch  dürfte  es  kaum  zweifelhaft  sein,  dass  sie  organischen  Ur- 
sprungs und  als  Product  des  Mantelhinterendes  zu  betrachten  sind. 
Spuren  von  Gefässen  sind  an  diesem  Exemplar  nicht  vorhanden. 

Zwei  nahezu  diametrale  Yerticalfurchen  sind  an  mehreren  der 
mir  vorliegenden  Exemplare  von  Orth.  Berendti  vorhanden,  die 
zweite  auf  der  Antisiphonälseite  befindliche  ist  aber  bei  allen  bis 
auf  das  eben  beschriebene  Exemplar  wesentlich  schwächer  und 
prägt  sich  häufig  nur  in  einer  mehr  oder  minder  scharfen  Ein- 
kerbung des  Vorderrandes  der  Luftkammerausfüllung  aus. 

An  mehreren  Steinkernen  von  Orth.  Berendti  lässt  sich  noch 
eine  andere  Art  von  Furchen  beobachten.  Mehrfach  bemerkt  man 
nämlich  zu  beiden  Seiten  der  siphonalen  resp.  antisiphonalen 
Hauptfurche  Nebenfurchen,  die  jedoch,  da  sie  oben  an  der  Haupt- 
furche beginnend,  in  schräger  Richtung  divergirend  nach  dem 
Vorderrande  der  Kammerausfüllung  laufen,  keine  über  die  Kammern 
fortlaufende  Verticalreihe  bilden:  ihre  Anfänge  und  Endigungen 
stehen  vielmehr  über  einander  senkrecht,  während  sie  unter  sich 
parallel  sind.  An  vier  Exemplaren  stehen  diese  Nebenfurchen 
weiter  von  der  Hauptfurche  ab,  ja  sie  können  aus  der  Mediane 
ganz  auf  die  Flanken  rücken.  An  einem  sehr  schönen  Individuum 
von  Steinbeck  bei  Königsberg  sind  diese  Verhältnisse  am  besten 
erhalten.  Es  besitzt  starke  Siphonal-  und  schwache  Antisiphonal- 
furchen  und  seine  Oberfläche  trägt  deutliche  Spuren  von  Gefässen. 
Ueber  die  Flanken  von  acht  der  erhaltenen  Kammern  sieht  man 
jederseits  schräge  einander  parallele,  feine  Furchen  verlaufen,  die 
ebenso  wie  die  Hauptfurchen  in  engen  Grenzen  einer  im  Allge- 
meinen eingehaltenen  Richtung  schwanken.  Die  Nebenfurchen 
entsprechen  in  ihrer  Stärke  etwa  den  Autisiphonalfurchen,  jedoch 
liegt  mir  auch  ein  Exemplar  von  Pr.  Holland  vor,  welches  die 
Nebenfurchen  auf  den  Flanken  in  sehr  kräftiger  Entwicklung  trägt. 

Es  dürfte  vielleicht  gewagt  erscheinen,  die  eben  berührte 
Erscheinung  der  Nebenfurchen  mit  den  verticalen  Hauptfurchen 
in  eine  Linie  zu  stellen,  da  ja  eine  Furche  auf  einem  Steinkern 


180 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungei 


durch  Entfernung  einer  lamellenartig  auftretenden  Substanz,  die 
sich,  ohne  organischen  Ursprungs  zu  sein,  nur  durch  leichte  Ver- 
witterbarkeit vor  der  umgebenden  Kammerausfüllung  auszeichnet. 
Das  Auftreten  der  Nebenfurchen  als  ein  zufälliges  zu  betrachten, 
verbietet  jedoch  die  Thatsache,  dass  sie  an  vier  Exemplaren  und 
hierselbst  in  mehreren  Luftkammern  hintereinander  in  vollständig 

O 

gleicher  Weise  und  Regelmässigkeit  auftreten.  Dazu  kommt  noch, 
dass  Blake1)  an  Orth.  Etheridgii  ausser  den  beiden  Hauptfurchen 
mehrere  radiäre  Nebenfurchen  beobachtet  hat.  — 

Nach  dieser  Beschreibung  der  äusseren  Erscheinung  von 
Ortli.  Berendti  wenden  wir  uns  zur  Untersuchung  der  Frage: 
auf  welchen  Eigenthümlichkeiten  der  inneren  Organisation  beruht 
das  Vorhandensein  der  Vertical-  und  Horizontalfurchen  auf  den 
Steinkernen? 

Aus  den  Querschnitten  Taf.  VII,  Eig  2,  3 und  4a  erhellt  zu- 
nächst, dass  die  Verticalfurche  ihr  Erscheinen  einer  in  das  Innere  des 
Orthoceras  vordringenden  Kalkspathlamelle  (o,  dj,  u2)  verdankt,  die 
sich  von  der  äusseren  Wandung  in  radialer  Richtung  nach  dem 
Sipho  spannt  und  Septum  mit  Septum  verbindet.  Je  nach  der 
Höhe  der  Luftkammern,  der  Wölbung  der  Septen  und  Lage  des 
Querschnittes  wird  eine  solche  Verti callamelle,  die  in  sich  einheit- 
lich erscheint,  ein,  zwei  auch  drei  Luftkammern  angehören.  Sie 
endigt  frei  im  Lumen  der  Kammer  entweder  spitz  und  dann  zu- 
weilen peitschenartig  ausgezogen  (Fig.  2 a u.  b)  resp.  gespalten 
(Fig\  2b)  oder  stumpf  (Fig.  2d  u.  Fig.  3a  — c).  Sie  schärft  sich, 
in  die  Nähe  der  Siphonaldute  gekommen,  zu  (Fig.  3d)  und 
heftet  sich  an  einen  Kalkspathring,  der  das  Lumen  des  Sipho 
umgieht  (Fig.  4a).  Berücksichtigt  man,  dass  Orth.  Berendti  kurze 
Siphonalduten  besessen  hat  und  zieht  man  dazu  den  Schliff  Fig.  4c, 
der  nahezu  in  die  Verticalebene  der  Lamelle  gefallen  ist,  so  lässt 
sich  dieses  Verhalten  dahin  deuten,  dass  die  Kalkspathlamelle  nur 
mit  der  Siphonaldute  und  nicht  mit  dem  häutigen  Sipho  in  Verbin- 
dung trat  oder  vielmehr,  dass  letztere  Verbindung  nicht  beobachtet 


')  Brit.  foss.  Cephalopoda  p.  104. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


181 


werden  kann,  da  der  häutige  Sipho  nicht  erhalten  ist.  Uebrigens 
tritt  dieser  Kalkspathring  nicht  nur  als  Ersatz  für  die  Siphonaldute, 
sondern  auch  vor  den  siphonalen  Durchbruchstellen  an  der  concaven 
Fläche  der  Kammerwand  als  eine  Art  Prosipho  auf,  wie  aus  dein 
Längsschnitt  Fi".  4c  hervorgeht. 

o o 

Die  Kalkspathlamelle  geht  vertical  von  Kammerwand  zu 
Kammerwand  und  in  allen  Kammern  liegen  die  Lamellen  entweder 
in  einer  Ebene,  wodurch  sich  die  gradlinigen  Furchen  der  Stein- 
oberfläche (Taf.  VI,  Fig.  2)  erklären  oder  die  Lamellen  fallen  in  zwei 
auf  einanderfolgende  Kammern  in  verschiedene  Ebenen  (Taf.  VII, 
Fig.  2c  und  e),  was  die  Schwankungen  der  Verticalfurche  an  dem 
auf  Taf.  VII,  Fig.  1 abgebildeten  Individuum  erläutert. 

In  dem  Querschnitt  Taf.  VII,  Fig.  4a  springt  gegenüber  der 
Hauptlamelle  von  dem  siphonalen  Kalkspathring  ein  kleiner  Dorn 
hervor,  die  erste  Andeutung  einer  Gegenlamelle,  die  in  Fig.  2 
('(,  Yi,  Y2)  in  voller  Entwicklung  bis  zur  Aussenwand  des  Ortho- 
ceras  sichtbar  wird. 

Wie  der  Tangentialschnitt  Fig.  4 b lehrt,  setzen  sich  die 
Lamellen  in  bedeutender  Breite  an  die  Concavfläche  des  Septum; 
sie  verschmälern  sich  nach  vorne  und  sind  in  der  Mitte  der 
Luftkammerhöhe  vou  parallelen  Begrenzungsflächen  eingeschlossen, 
bis  sie  sich  an  die  Convexfläche  des  folgenden  Septums  ohne 
oder  mit  Erweiterung  anheften.  Die  Kalkspathmasse,  welche  die 
Verticallamellen  bildet,  breitet  sich  nach  allen  Seiten  als  Plorizontal- 
lamelle  über  die  Concavfläche  des  Septum  in  einer  dünnen  Lage 
aus,  die  nach  der  äusseren  Begrenzung  zu  immer  etwas  mächtiger 
wird.  Auf  Kosten  der  Kammerausfüllung  nehmen  sowohl  die 
Vertical-  als  Horizontallamellen  allmählich  von  hinten  nach  vorne 
an  Dicke  ab.  Die  hintere  Begrenzung  der  horizontalen  Kalkspath- 
lage  ist  fast  stets  glatt,  nur  einzelne  Schuitte  zeigten,  dass  sie  am 
äusseren  Rande  von  dem  normalen  bogigen  Verlauf  abweichend 
sich  nach  hinten  aufbog.  Bis  auf  diese  Ausnahme  entspricht  die 
hintere  Begrenzung  genau  der  Gestalt  eines  normalen  Kammer- 
septum; die  vordere  Grenze  der  Kalkspathlage  ist  dagegen  stärker 
gekrümmt  lind  sehr  unregelmässig  zackig , indem  feine  Spitzen 
(die  Durchschnitte  der  Radialsculptur  an  Taf.  VII,  Fig.  la  — c) 


182 


Henry  Schröder,  Pseudoseptalo  Bildungen 


der  dichten  Ausfüllungsmasse  in  den  Kalkspath  eindringen.  Im 
Bereich  der  Verticallamellen  ist  dieses  zackige  Aussehen  namentlich 
an  der  Ansatzstelle  derselben  an  die  Concavflache  einer  Kammer- 
wand am  schärfsten  ausgeprägt.  (Taf.  VII,  Fig.  4a  u.  b.) 

Die  directe  Beobachtung  an  einzelnen  noch  mit  Schale  ver- 
sehenen Individuen,  deren  Inneres  jedoch  mit  den  eigenthümlichen 
horizontalen  und  verticalen  Kalkspathlamellen  versehen  war,  lehrt, 
dass  die  abnorme  äussere  Erscheinung  der  Steinkerne  von  Orth. 
Berendti  secundären  Ursprungs  ist  und  dass  die  Schale  an  den- 
selben nicht  deformirt  war,  wie  es  Dewitz1)  für  möglich  hält. 
Die  ringförmigen  Furchen  sind  vielmehr  durch  randliehe  Aus- 
Witterung  der  die  vordere  Fläche  des  Septums  bekleidenden  Kalk- 
spatblage (der  Horizontallamelle),  die  Längsfurchen  durch  Aus- 
witterung von  radial  in  das  Lumen  der  Luftkammer  eindringenden 
Verticallamellen  entstanden.  Die  Grenze  zwischen  den  Kalkspath- 
lamellen und  der  inneren  Kammerausfüllnng  muss,  da  sie  in  ihrer 
ganzen  Anordnung  eine  bedeutende  Regelmässigkeit  aufweist  und 
da  in  ihr  die  Gefässspuren  und  die  oben  beschriebenen  Ober- 
flächenzeichnungen auftreten,  organischen  Ursprungs  sein;  sie 
entspricht  dem  hinteren  Pseudoseptum  bei  Lit.  lituus.  Ueber  die 
Herkunft  der  späthigen  Lamellen  wird  sich  dagegen  erst  in 
weiterem  Verfolg  der  Untersuchung  ein  Urtheil  gewinnen  lassen. 

Die  umstehende  Zeichnung  (Fig.  1)  möge  die  Deutung  veran- 
schaulichen. c bezeichnet  die  äussere  Schale,  as  den  Ansatzring 
der  Kammerwände,  s die  Kammerwand,  p die  Siphonaldute,  x- 
die  Kalkspathlamellen,  u die  Verticallamelle  und  a - das  Pseudo- 
septum, k die  Kammerausfüllung.  Man  denke  sich  längs  der 
punktirten  Linie  x die  Schale  und  die  Kalkspath masse  bis  zur 
Kammerausfüllung  fort,  so  erhält  man  einen  Steinkern  von  dem 
Aussehen  der  als  Orthoceras  Berendti  bezeichneten. 

Betreffs  der  Ausbildung  der  pseudoseptalen  Membranen  und 
der  Verticallamelle  bemerke  ich,  dass  sie  bei  Orth.  Berendti  der 
an  den  Ehstländischen  Exemplaren  von  Lituites  lituus  am  häufigsten 
vorhandenen  ersten  Ausbildungsweise  am  meisten  entspricht.  Ein 


')  Zeitschrift  der  Deutsch,  geol.  Ges.  xxxu,  1880,  S.  385. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


183 


Fig.  1. 


Unterschied  ist  nur  in  sofern  vorhanden,  als  bei  Orth.  Berendti 
kein  vorderes  Pseudoseptum  entwickelt,  oder  vielmehr  in  Aus- 
buchtungen der  Convexfläche  einzelner  Septen  nur  angedeutet  ist. 

Ortlioceras  discors  Eiciiwald. 

D iese  von  Eiciiwald  ( Trematoceras  discors , Bulletin  de  la 
societe  des  naturalistes  de  Moscou  1857,  S.  182  und  Lethaea  Ilossica 
],  2,  S.  1259,  PI.  48,  Fig.  8 a— c)  in  ihren  verwandtschaftlichen  Be- 
ziehungen vollständig  verkannte1)  Orthocerenspecies  liegt  mir  in 
5 allerdings  nur  als  Steinkerne  erhaltenen  Exemplaren  vor.  Drei 
derselben  zeigen  denselben  Erhaltungszustand,  wie  das  Eiciiwald- 
sehe  Original,  indem  nur  die  eine  Hälfte  an  ihnen  erhalten,  die 
andere  dagegen  wie  durch  einen  Längsschnitt  in  der  Symmetrie- 
ebene  verschwunden  ist, 

')  Sandberger,  Versteiner.  d.  rhein.  Schichten  syst.  S.  141  und  Barkande,  1.  c. 
11,  3,  S.  771. 


184 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


Diese  Stücke  sind  so  sehr  platt  elliptisch,  dass  sich  an  zweien 
die  Durchmesser  wie  1 : 3 verhalten.  Das  beste  Exemplar,  ein 
Geschiebe  von  Allenstein,  dessen  Convergenz  nicht  gross  ist,  hat 
niedrige  Luftkammern  von  nur  4,5  Millimeter  Höhe  bei  einem 
Durchmesser  der  Kammern  von  27  Millimeter.  Die  Nahtlinien 
beschreiben  einen  flachen,  aber  constanten  Bogen  nach  hinten  und 
treten  auf  Siphonal-  und  Antisiphonalseite  nach  vorne  vor  und 
zwar  ein  wenig  mehr  auf  ersterer.  Der  Sipho  liegt  in  der 
grösseren  Axe  des  Querschnittes  und  zwar  der  einen  Seite  näher 
gerückt  als  der  anderen.  Bei  einem  Durchmesser  der  Schale  von 
24  Millimeter  ist  der  Sipho  2,5  Millimeter  dick  und  sein  Centrum 
steht  von  den  beiden  Endpunkten  der  Querschnittsaxe  10  und 
14  Millimeter  ab. 

Ein  Längsschnitt  beweist  das  Vorhandensein  echter  Siphonal- 
duten  bei  Orth,  discors , nur  zeichnen  sich  dieselben  dadurch  aus, 
dass  sie  scheinbar  kräftiger  sind  wie  die  Septen,  deren  nach  hinten 
aufgebogene  Fortsetzung  sie  darstellen.  An  einer  Siplionaldute  ver- 
bindet eine  nach  hinten  bogige  Linie  die  beiden  Uebergangspunkte 
von  Kammerwand  zur  Siplionaldute  und  schliesst  so  den  hinteren 
Theil  der  Luftkammern  von  den  vorderen  ab.  Die  Verstärkung  der 
Siplionaldute  und  die  oben  bezeichnete  Linie  gehören  in  die  Reihe 
der  Erscheinungen,  die  Barrande1)  als  »anneaux  obstructeurs«  be- 
zeichnet hat.  Das  Gleiche  Mit  von  den  Eigenthümlichkeiten  der 
EiCHWALDschen  Gattung  Trematoceras , deren  Sipho  folgender- 
maassen  beschrieben  wird:  »Le  siphon  ne  se  distingue  pas  bien, 
mais  chaque  löge  se  prolonge  au-dessus  du  lobe  dorsal  en  une 
pointe  cpii  simule  un  cornet  siphonal  presque  globuleux,  ä petite 
pointe  terminale  et  separe  du  globe  suivant  et  precedent.« 

Die  Characteristik  des  Orthoceras  discors  ist  noch  immer  eine 
sehr  unvollständige,  da  bis  jetzt  nur  Steinkerne  ohne  Schale  be- 
kannt geworden  sind,  woraus  es  auch  erklärlich  ist,  dass  das 
Wesenberger  Exemplar  mit  den  Geschieben  betreffs  der  Quer- 
schnitte nicht  zu  stimmen  scheint. 

Interessant  sind  nun  für  uns  zwei  der  mir  vorliegenden 
Stücke,  eines  von  Allenstein,  das  andere  von  Rastenburg  dadurch, 


»)  1.  c.  II,  5 S.  1058. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


185 


dass  sich  an  ihnen  das  Vorhandensein  von  pseudoseptalen  Bildungen 
nachweisen  lässt.  Das  erste  Exemplar  deutet  dieselbe  allerdings 
nur  in  sofern  an,  als  die  Convexität  der  letzten  Kammer  mit  einem 
seitlich  scharf  begrenzten,  durch  seine  dunkle  Farbe  hervortretenden, 
dünnen  Polster  bedeckt  ist.  Die  dunkle  Färbung  der  Kalkspath- 
lage,  wie  sie  zuweilen  auch  an  Orth.  Derendti , in  ganz  ausge- 
zeichneter Weise  aber  an  böhmischen  Orthoceren  (siehe  weiter 
unten)  beobachtet  ist,  weist  auf  das  Vorhandensein  der  Horizontal- 
lind  eventuell  auch  der  Verticallamellen  hin.  Und  wirklich  ist  an 
der  letzten  Kammer  des  anderen  Stückes  das  Vorhandensein  der 
Verticallamelle  durch  das  Auftreten  einer  nahezu  in  der  Mediane 
liegenden,  schmalen  Furche  nachgewiesen,  zu  deren  Seiten  auch 
die  oharacteristische  radial  - runzelige  Seulptur  der  Kammerober- 
fläche sichtbar  ist. 

Ortlioceras  sevorum  Barr.,  Orth,  patronus  Barr.,  Orth.  Agassizi 
Barr.,  Orth.  Jonesi  Barr.,  Orth,  probum  Barr.,  Orth,  bouum  Barr., 
Orth,  palma  Barr.  ])  etc. 

Aus  mehreren  der  von  Barrande  abgebildeten  Orthoceren- 
längsschnitte  kann  maii  mit  Bestimmtheit  den  Schluss  ziehen,  dass 
sie  die  Pseudosepta  in  ähnlicher  Weise  aufweisen,  wie  die  im 
Vorhergehenden  beschriebenen  Orthoceren  und  Lituiten.  Barrande 
behandelt  dieselben  gelegentlich  seiner  Auseinandersetzung  über 
das  »depöt  organique.« 

In  zahlreichen  Kammern  der  oben  genannten  Orthoceren 
(■ Ortlioceras  severum  Barr.,  Taf.  VIII,  Fig.  la  Copie)  bemerkt  man 
nämlich  zwei  Linien,  welche  scheinbar  nur  die  Grenze  zwischen 
centraler  Gesteinsmasse  und  dunkler  Randzone  darstellen;  die 
hintere  läuft  der  concaven  Fläche  des  hinteren  Septum  und  der 
inneren  Fläche  der  äusseren  Schale  nahezu  parallel,  während  die 
vordere  sich  in  ihrem  Verlauf  der  convexen  Fläche  des  vorderen 
Septum  anschliesst.  Wie  bei  Orth.  Berendti  ist  die  Kalkspathzone 

*)  Barrande,  Bull,  de  la  soc.-geol.  de  France,  ser.  2.  XVI,  p.  828:  — Neues 
Jahrb.  f.  Mineralogie  etc.  VII,  1859,  S.  780;  — Syst.  sil.  II,  4,  p.  264.  Aus  der 
grossen  Zalil  von  Orthoceren,  an  welchen  Baurande  das  »depöt  organique«  be- 
obachtet hat,  nenne  ich  nur  diese;  vollständig  sind  sie  aufgezählt  in  Syst.  sil. 
II,  4 p.  286. 


186 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


(depöt  organique)  häufig  ausgewittert  oder  beim  Zerschlagen  ab- 
gesprungen  und  kann  man  so  auf  der  inneren  Ausfüllung  die  Ge- 
staltung des  Pseudoseptum  bequem  studiren.  Dieselbe  erscheint 
mit  rundlichen  Buckeln  besetzt;  genau  in  der  Mediane  zieht  auf 
der  Siphonalseite  der  hinteren  Begrenzung  der  Ausfüllungsmasse 
(nach  Barrande  = der  Rückenseite)  radial  nach  dem  äusseren 
Rande  ein  firstartiger  Wulst  (Fig.  1 b uu)  der  an  einzelnen  Exem- 
plaren gerundet  ist,  an  anderen  scharf  zugeht  und  mehrfach  eine 
feine  Furche  trägt;  seine  Oberfläche  ist  im  Gegensatz  zu  der 
sonst  höckrigen  Ausfüllungsmasse  glatt.  Auf  der  concaven  vor- 
deren Begrenzung  derselben  erscheinen  die  gleichen  Buckeln  und 
ebenfalls  ein  radialer  Wulst.  Taf.  VIII,  Fig.  1 c giebt  diese  Fläche 
im  Gegendruck  wieder,  und  es  erscheinen  auf  derselben  daher  die 
Buckel  als  durch  scharfe  Kanten  getrennte,  rundliche  Vertiefungen 
und  statt  des  Wulstes  eine  breite  Furche  (u  a).  Nach  dem  in 
Fig.  1 d gegebenen  idealen  Tangentialschnitt,  der  senkrecht  zur 
Mediane  gelegt  ist,  kann  man  sich  am  leichtesten  über  diese  Ver- 
hältnisse orientiren.  Ich  bemerke,  dass  entgegengesetzt  der  Natur 
hier  die  centrale  Ausfüllungsmasse  dunkel,  die  Kalkspathamellen 
hell  gezeichnet  sind,  um  eiuen  Vergleich  mit  den  auf  Taf.  VII 
und  VIII  gegebenen  Schnitten  zu  erleichtern,  sp  und  sa  sind 
die  Septa,  air  und  sa  die  Pseudosepta,  uu  und  oa  die  Pseudo- 
sep talfalten  und  z-  und  za  die  Horizontallamellen. 

Ich  glaube,  es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  wir  hier  mit 
einigen  nebensächlichen  Modificationen  dieselbe  Erscheinung  vor 
uns  haben,  wie  sie  Holm  als  Pseudosepta  und  Pseudoseptalfalten 
an  Ancistroceras  undulatum  etc.  beschrieben  hat.  Barrande  giebt 
allerdings  nicht  an,  dass  zwischen  innerer  Ausfüllungsmasse  und 
dunkler  Randzone  eine  wirkliche  Membran  vorhanden  war;  je- 
doch darf  uns  dies  nicht  Wunder  nehmen,  da  dieselbe  bei  Orth. 
Derendti  auch  nicht  beobachtet  ist  und  dort,  wo  sie  noch  vor- 
handen ist,  leicht  übersehen  werden  kann.  Hierzu  kommt  noch, 
dass  die  Horizontallamelle  häufig  sammt  Septum  und  Pseudo- 
septum wie  bei  Orth.  Berendti  einen  Umkrystallisationsprocess 
durchgemacht  haben,  so  dass  alle  drei  zusammen  eine  einheitliche 
Kalkspathmasse  bilden.  An  den  böhmischen  Orthocereu  scheint 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


187 


das  Septum  in  der  Mehrzahl  der  Fälle  daran  nicht  Theil  genommen 
zu  haben.  Ein  Unterschied  von  der  ,an  Lit.  (Ancistr.')  undulatus 
am  häufigsten  Entwicklungsweise  der  Pseudosepta  besteht  darin, 
dass  dieselben  in  den  Böhmischen  Orthoceren  weiter  von  einander 
entfernt  liegen  und  dass  die  Pseudoseptalfalten  nicht  direct  an  die 
normalen  Septa  angeheftet  erscheinen. 

Das  Vorhandensein  eines  Radialwulstes  auf  dem  Ausfüllungs- 
kern scheint  nicht  constant  für  alle  Individuen  einer  Species,  welche 
die  Pseudosepta  aufweisen , auch  nicht  für  alle  Kammern  eines 
Individuums  zu  sein.  Orth,  patronus  (Barrande  PI.  228,  fig.  5 — 6), 
Orth.  Agassizi  (Barrande  PI.  228,  fig.  7 — 8)  und  Orth.  Jonesi 
(Barrande  PI.  404,  fig.  10  — 11)  zeigen  keine  Spur  einer  Pseudo- 
septalfalte. 

Mehrere  Exemplare  des  Orth.  Agassizi  (Barrande,  PI.  227, 
282,  446)  und  Orth.  Vibrayei  weisen  im  Gegensatz  zu  der  höckerigen 
Oberfläche  der  inneren  Ausfüllungsmasse  grubige  Vertiefungen  von 
grosser  Regelmässigkeit,  die  mit  einem  feinen  Netz  kleinerer  Ver- 
tiefungen geziert  sind,  auf. 

Einen  dritten  Typus  vertritt  Orth,  honum  (Barrande,  PI.  228, 
fig.  9);  hier  erscheint  auf  der  Ausfüllungsmasse  jeder  Kammer 
einseitig  ein  glattes  radiales  Band,  das  circa  1/^  der  Kammerbreite 
einnimmt  und  von  dem  nach  hinten  divergirend  Querrillen  aus- 
gehen. 

Orth,  palma  (Barrande,  Pl.  518,  fig.  1 — 3)  zeigt  auf  der 
hinteren  Fläche  der  Ausfüllung  neben  den  charakteristischen  Ver- 
tiefungen ein  erhabenes  Band,  das  vom  Sipho  ausgehend  in  radialer 
Richtung  elliptisch  gestreckt  und  concentrisch  gefurcht  ist,  jedoch 
die  äussere  Fläche  der  Ausfüllung  nicht  erreicht. 

Ausserordentlich  deutlich  vom  Sipho  ausstrahlende  Furchen 
zeigt  die  Ausfüllungsmasse  einer  mit  depöt  organicjue  ausgeklei- 
deten Kammern  von  Orthoceras  sp.  Barrande,  Pl.  239,  fig.  19. 
Wenig  ausgeprägt  sind  sie  an  Orth,  sarcinatum , Pl.  341,  fig.  19 — 20, 
wo  man  jedoch  ein  Stück  einer  Verticallamelle  in  die  Siphonalseite 
eindringen  sieht. 

Die  Stärke  der  jedes  Septum  einsch liessenden  Kalkspathlagen 
(depöt  organique)  variirt  in  auffallender  Weise,  wenn  man  diese 


188 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungei 


Verhältnisse  in  einem  Ortlioceraslängsschnitte  verfolgt.  Sie  ist  sehr 
viel  bedeutender  in  den  hinteren  Kammern  und  nimmt  ab,  je 
weiter  nach  vorne  die  Kammern  liegen.  An  verschiedenen  Indi- 
viduen kann  man  beobachten,  dass  die  Kalkspathlamellen  in  einem 
gewissen  Altersstadium  der  Schale  auf  der  convexen  Fläche 
des  Septum  vollständig  verschwinden,  während  sie  noch  auf  ihrer 
concaven  Fläche  persistiren,  bis  sie  auch  dort  durch  allmähliche 
Abnahme  der  Dicke  reducirt  werden  (Orth,  decipiens  Barrande, 
PI.  325,  fig.  12).  Einzelne  Ausnahmen  abgerechnet,  kann  man 
behaupten,  dass  die  Stärke  der  Lamellen  im  umgekehrten  Ver- 
hältnis zum  Dickenwachsthum  der  Schale  steht,  eine  Beobachtung, 
die  auch  an  den  Lituiten  und  an  Orth  Berendti  gemacht  wurde. 

Die  Farbe  der  Kalkspathlamelle  ist  ein  dunkles  Grau,  das 
gegen  die  weisse  Färbung  der  inneren  Ausfüllung,  die  allerdings 
auch  meist  Kalkspath  ist,  scharf  constratirt.  Auf  die  durch 
diese  und  andere  Eigenthümlichkeiten  begründete  Anschauung 
Barrande’s,  dass  die  Lamellen  organischen  Ursprungs  sind, 
komme  ich  weiter  unten  zurück. 

Ich  glaube,  es  wird  aus  diesem  Auszug  der  BARRANDE  schen 
genauen  Beschreibung  zur  Genüge  klar  geworden  sein,  dass  die 
in  Betracht  gezogenen  Erscheinungen  der  böhmischen  Cepha- 
lopoden  in  eine  Kategorie  mit  den  pseudoseptalen  Bildungen  der 
Lituiten  und  des  Orth.  Berendti  fallen. 

Orthoceras  imbricatum  Wahlbg.  und  Orth,  semipartitum  Sow. 

Blake  x)  beschreibt  unter  Orth,  imbricatum,  aus  dem  Upper 
Ludlow  und  aus  Schichten  unbestimmter  obersilurischen  Alters 
häutig  vereinzelt  gefundene  Kammersteinkerne,  deren  Convex- 
seiten radiär  vom  Sipho  nach  dem  Rande  laufende,  linienartige  Ein- 
drücke zeigten,  die  er  als  Gefäfsemdrücke  deutet  und  mit  den  bei 
Nautilus  auf  den  Scheidewänden  beobachteten  Gefässeindrücken 
parallelisirt.  Hier  erscheinen  dieselben  jedoch  auf  der  concaven 
Kammerwand  als  Vertiefungen,  müssten  also  auf  dem  convexen 
Theil  der  Ausfüllungsmasse  der  Luftkammern,  auf  der  sie  Blake 


')  British  foss.  Cephalopoda.  p.  153,  PL  XIV,  fig.  I und  3 — 6. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopodon. 


189 


beobachtet  hat,  als  Erhebungen  auftreten.  Die  beiden  Erschei- 
nungen lassen  sich  also  direct  nicht  gleichstellen.  Hält  man  daran 
fest,  dass  die  vertieften  Linien  (impressions)  wirklich  Gefässein- 
drücke  sind,  so  muss  man,  um  das  Verhalten  zu  deuten,  annehmen, 
dass  hier  eine  mit  dem  Septum  conceutrische  Membran  existirt 
hat,  auf  deren  Concavseite  die  Gefässe  als  erhabene  Linien  standen, 
wogegen  die  bei  Nautilus  und  Orth.  Berendti  beschriebene  Erschei- 
nuugsweise  der  Gefässspuren  spricht,  oder  man  muss  von  der 
Deutung  der  »impressions«  als  Gefässeindriicke  Abstand  nehmen 
und  dieselbe  für  die  Folge  von  radiärer  Faltung  einer  pseudo- 
septalen  Membran  halten,  wie  sie  von  Dewitz  und  Holm  an 
Anc.  undulatum  und  von  mir  bei  Orth.  Berendti  beobachtet  ist. 
Es  würde  alsdann  bei  Orth,  imbricatum  nach  der  Beschreibung 
Blake’s  neben  dieser  radiären  Faltung  noch  eine  ringförmige  zu 
constatiren  sein , die  allerdings  nur  auf  eine  schmale  randliche 
Zone  beschränkt  ist.  Ferner  erwähnt  Blake  auf  der  nach  meiner 
Deutung  als  pseudoseptale  Fläche  zu  betrachtenden  Convexseite 
der  »casts«  ein  »band  passing  from  the  siphuncle  to  some  point 
in  the  siele,  not  always  to  either  encl  of  the  diameter,  but  varying 
in  its  position ; this  is  elevated  on  the  cast,  indicating  a depression 
on  the  sliell  itself«.  Mit  diesem  radialen  Band  vergleicht  Blake 
gelegentlich  der  Beschreibung  von  Orth,  semipartitum  eine  Platte, 
die  auf  der  Siphonalseite  von  der  Aussenfläche  des  Steinkerns  bis 
zum  Siplio  geht,  aber  nicht  die  ganze  Höhe  der  Kammer  durch- 
setzt. Dieses  »band«  und  »plate«  entsprechen  dem  Radialwulst 
Barrande’s  und  den  Pseudoseptalfalten  Holm’s. 

Orthoceras  Etliei  idgii  Blake. 

Blake* 2)  beschreibt  aus  fraglichem  Ober -Silur  Englands  als 
Orth.  Etheridgii  eine  Anzahl  mit  eigentümlichen  Furchen  versehener 
Orthoceras -Endigungen.  »The  remarkable  feature  of  this  species 
is  that,  taking  the  place  of  the  septal  surface,  there  is  a peculiar 
inflated  surface  which  is  more  or  less  oontiuous  witli  the  outside 


9 1.  c.  p.  125,  PI.  XIV,  fig.  9 — 12. 

2)  Brit.  foss.  Cephalopoda  p.  104  PI.  VI,  fig.  3 — G. 


190 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


of  the  shell;  over  the  siphuncle  and  leading  down  to  it  is  an  elon- 
gated  deep  hollow  in  the  direction  of  the  longer  diaineter;  from 
this , radiating  impressed  lines  or  furrows  proceed  to  the  eircum- 
ference,  having  the  aspect  of  heilig  produced  by  folds  . . . The 
section  shows  that  the  siphuncle  narrows  at  the  junction  of  the 
septa  and  expands  cylindrically  in  the  chanibers;  the  septal  distance 
and  convexity  is  confirmed,  and  it  is  seen  that  the  surface  which 
is  exposed  at  the  ends  is  not  the  septal  surface;  the  latter  are 
apparently  smooth  and  the  tliickness  small,  and  the  short  necks 
are  seen  so  turn  rapidly  outwards  from  the  siphuncle;  above  these 
is  the  dark  deposit,  whose  exterior  is  exposed  when  the  fossil  be- 
comes  broken;  this  has  a greater  convexity  then  the  septum,  and 
is  continous  in  appearance  with  the  exterior  of  the  shell.  Its  occu- 
rence  in  two  or  three  chanibers  proves  that  it  is  not  a deposit 
formed  after  the  smaller  end  of  the  shell  is  broken  oft’.  The 
nmnber  of  small  fragments  which  occur,  consisting  of  one  or  more 
chanibers  with  cliaracteristic  ends,  shows  that  the  breaking  off  was 
not  an  uncommon  circumstauce,  and  very  possibly  took  place  du- 
ring  the  life.  On  the  surface  of  these  caps  the  deeper  furrows  lie 
on  the  side  uearest  to  the  siphuncle;  they  are  generally  median, 
but  occasionally  paired ; on  the  other  side  are  three  or  more  lighter 
furrows,  which  occasionally  bifurcate.  It  is  difficult  to  conjecture 
the  cause  of  these  phenomena,  which  must  have  had  their  origin 
between  the  formation  of  one  septum  and  the.  next.  I can  only 
suggest  a shriukage  of  the  mantle  during  the  iuterval,  by  which 
it  was  thrown  into  folds,  which  were  perpetuated  by  an  abnor- 
mal deposit  on  their  surface  ...  A fragment,  figured  by  Barrande 
under  the  title  Orth,  sarcinatum , shows  very  similar  features  on 
a pseudoseptal  surface.« 

Bei  einem  Vergleich  dieser  Beschreibung  mit  der  oben  von 
Orth.  Berendti  gegebenen  unter  Hinzuziehung  der  beiderseitigen 
Abbildungen  wird  man  ohne  Weiteres  zugeben,  dass  bei  beiden 
sogar  bis  in  die  Einzelheiten  ähnliche  Erscheinungen  vorliegen. 
Interessant  ist  namentlich  die  grosse  Anzahl  der  radiären,  aber 
doch  symmetrisch  angeordneten  Furchen;  an  Orth.  Berendti  sind 
nur  vier  beobachtet,  während  das  abgebildete  Exemplar 


von 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


191 


Orth.  Etheridgii  deren  elf  zeigt,  von  denen  die  der  Siphonalseite 
angehörigen,  wie  in  der  Regel  auch  bei  ersterer  Species,  die  stärkeren 
sind.  Eine  Verschiedenheit  existirt  insoweit,  als  an  den  Englischen 
Orthoceren  die  Furchen  auf  den  Convextheil  der  Kammer  be- 
schränkt und  auf  dem  Aeussern  des  Steinkernes  nicht  vorhanden 
sind,  so  dass  dieselben  hier  jedenfalls  nur  wenig  in  das  Kammer- 
lumen eindraugen. 

Blake’s  »dark  deposit«  ist  die  »Horizontallamelle«,  das  »depöt 
organique«  Barrande's. 

Orthoceras  planiseptatum  Sandb.  und  Ortli.  midatolineolatum  Sandb. 

Sandberger  ])  erwähnt  bei  Orthoc.  planiseptatum  und  unda- 
tolineolatum  auf  den  Steinkernen  der  hinteren  Kammern  ähnliche 
Sculpturen l  2),  wie  ich  sie  an  Orth.  Berendti  beobachtet  habe.  Nach 
Beschreibung  der  Wirtellamellen  im  Sipho  sagt  er:  »Man  darf 
das  mineralisch  - krystallinische  Gefüge  des  strahligen  Kalkspaths, 
welcher  oft  ganze  Orthoceras-Kammern  ausfüllt  und  von  dem  an 
und  für  sich  sehr  wohlbekannten  Sipho  aus  radial,  auch  sogar 
unregelmässige  Lamellen  darstellend,  zur  Innenfläche  der  Röhre 
sich  hinzieht,  nicht  mit  der  Wirtellamellenstructur  von  Siphonen 
verwechseln.  Umsowenig’er  würde  eine  solche  Herleitung  dieser 
zufälligen  Structurverhältnisse  einer  infiltrirten  Mineralsubstanz 
haltbar  sein,  als  uns  kein  einziges  Beispiel  bekannt  ist,  wo  eine 
solche  Ausfüllungsmasse  einer  Kammer  sich  um  einen  deutlich 
mit  Wirtellamellen  versehenen  dickeren  Sipho  anlegte.  Vielmehr 
umlagert  dieselbe,  wie  an  unseren  Figuren  von  Orthoceras  plani- 
septatum und  undatolineolatum  ersichtlich  ist,  meist  einen  dünneren, 
einfachen  walzigen  Sipho.« 

Dass  die  hier  beschriebene  Erscheinung  keinen  zufälligen 
Structurverhältnissen  einer  infiltrirten  Mineralsubstanz  ihren  Ur- 

ly  Versteiner.  d.  Rhein.  Schichtensyst.  S.  141,  Taf.  XVII,  Fig.  4c  — f und 
Taf.  XVIII,  Fig.  6,  Gb  u.  d. 

2)  F.  A.  Roemer,  Harzgebirge,  Taf.  X,  Fig.  10  bildet  dieselbe  Erscheinung 
ab.  Beyrich,  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1850,  ii,  S.  10  gründete  darauf  das 
Genus  Arthrophyllum. 


192 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


sprang  verdankt,  geht  aus  der  Regelmässigkeit  und  dem  immer 
gleichen  Auftreten  an  zahlreichen  Individuen  genugsam  hervor. 

Mir  liegen  mehrere  Stücke  vom  Kahleberg  hei  Zellerfeld  und 
von  der  Schalke  aus  der  geologischen  Sammlung  der  Universität, 
vom  Kronsfeld,  Sect.  Goslar,  durch  Herrn  Halfar  gesammelt, 
vom  Fahnenberg  bei  Ems  und  Niederlahnstein,  beide  letztere  aus 
der  KoCH’schen  Sammlung  vor.  Sämmtliche  Stücke  gehören  dem 
Spiriferensandstein  resp.  seinen  Aequivalenten  an. 

Vier  Exemplare  zeigen  die  Zusammengehörigkeit  der  von 
Roemer  und  Sandberger  abgebildeten  Erscheinung  mit  unzwei- 

O ö 

felhaften  Orthoceren  auf  das  Deutlichste. 

Während  die  Oberfläche  der  Steinkerne  an  den  vorderen 
Kammern  nur  durch  die  regelmässigen  Nahtlinien  gegliedert  er- 

o o Ö O 

scheint,  zerfällt  der  hintere  Theil  des  Orthoceras  (Taf.  VIII, 
Fig.  6 a u.  b)  in  mehrere  äusserlich  von  einander  getrennte 
Segmente,  die  nur  durch  die  Ausfüllungsmasse  des  Sipho 
central  verbunden  werden.  Die  Ringfurchen  zwischen  den 
schwachgewölbten  Segmenten  werden  von  vorne  nach  hinten 
tiefer  und  die  Segmente  selbst  dadurch  niedriger,  oder  die 
Furchen  bleiben  gleich  breit,  und  nur  der  Umfang  der  einzelnen 
Segmente  verringert  sich,  jedoch  in  viel  stärkerem  Grade,  als  der 
Schalendurchmesser  von  vorne  nach  hinten  abnimmt.  Sowohl  die 
convexe  als  die  concave  Fläche  jedes  Gliedes  ist  nun  mit  einer 
eigenthümlichen  Radialsculptur  geziert;  feine,  erhabene,  dicht  ge- 
drängte Streifen  gehen  vom  Sipho  zum  Rande,  allmählich  stärker 
werdend;  einzelne  keilen  sich  in  ihrem  Verlaufe  und  andere  schieben 
sich  dazwischen.  So  zierlich  sie  an  einem  Stück  vom  Kahleberg, 
so  grob  sind  sie  an  einem  anderen  von  der  Schalke;  an  den  Exem- 
plaren vom  Fahnenberg  bei  Ems  sind  die  Streifen  vollständig 
scharfkantig  und  durch  breitere,  tief  eingesenkte  Furchen  von  ein- 
ander getrennt.  Die  Stärke  der  Sculptur  nimmt  von  hinten  nach 
vorne  ab. 

Bei  oberflächlicher  Betrachtung  scheinen  diese  Streifen  lamellen- 
artig das  ganze  Segment  von  vorne  nach  hinten  zu  durchsetzen . 
an  solchen  Exemplaren  jedoch,  wo  die  einzelnen  Segmente  Bruch- 
flächen aufweisen,  beobachtet  man,  dass  die  radiale  Streifung 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


193 


eben  nur  auf  die  convexen  und  concaven  Fachen  der  Segmente 
beschränkt  ist.  Die  ganze  Art  des  Auftretens  dieser  Radialsculptur 
und  ihre  kleinen  Modificationen , namentlich  ihre  Abhängigkeit 
vom  Alter  der  Kammern  erinnern  vollkommen  an  die  bei  Orth. 
Berendti  und  imhricatum  (cf.  Taf.  VII,  Fig.  1)  beschriebene  und 
abgebildete  Oberflächenzeichmmg  der  Kammerausfüllungen. 

Die  oben  beschriebenen  Segmente  sind  also  nichts  Anderes  als 
solche  Kammerausfüllungen,  die  auf  ihrer  vorderen  und  hinteren 
Fläche  den  Abdruck  einer  radialen  Faltung  der  Pseudosepta  tragen. 
Die  Pseudoseptallamellen  und  normalen  Septa  ebenso  wie  die 
Schale,  aus  Kalkspath  bestehend,  sind  ausgelaugt,  und  daher  scheint 
das  Orthocerashinterende  in  einzelne  Segmente  zu  zerfallen,  wie 
es  ähnlich  an  den  hintersten  Kammern  von  Orth.  Berendti  und 
anderen  beobachtet  ist. 

Die  Uebereinstimmung  geht  jedoch  noch  weiter.  An  Exem- 
plaren aus  dem  Rheinischen  Devon  (Taf.  VIII,  Fig.  6 a)  sind  die 
Segmente  durch  eine  mehr  oder  minder  breite  Furche  (u)  auf  der 
Siphonalseite  unterbrochen,  so  dass  hier  die  Ausfüllungsmasse 
des  Sipho  als  ein  cylindrischer  Strang  (p)  sichtbar  wird.  Diese 
Furche  ist  die  Verticalfurche  bei  Orth.  Berendti  und  verdankt  ihr 
Dasein  der  Auslaugung  einer  Pseudoseptallamelle  mit  Pseudo- 
septallamelle  verbindenden  Verticallamelle.  Die  anderen  Exem- 
plare deuten  die  Furche  nur  an,  indem  die  Radialstreifen  an 
einer  Stelle  (wohl  Siphonalseite)  gegen  einander  convergiren,  wie 
es  ja  auch  bei  Orth.  Berendti , Taf.  VII,  Fig.  1 c,  beobachtet  ist. 

Bei  Orth,  planiseptaturn  waren  also  zwei  Pseudosepta  und  zwei 
Pseudoseptallamellen  entwickelt.  Der  Uebergang  zu  der  normalen 
Septenbildung  geschah  wie  bei  Lituites  lituus , indem  die  Horizontal- 
lamellen nach  vorne  zu  immer  dünner  wurden,  bis  zuerst  die 
vordere  und  dann  die  hintere  in  jeder  Kammer  ganz  fortfiel  und 
so  nur  das  normale  Septum  gebildet  wurde. 

Orthoceras  elegans  Münster  und  Orth,  politum  Klipst. 

An  vier  Individuen  des  aus  den  St.  Cassian- Schichten  stam- 
menden Orth,  elegans  bildet  Barrande  *)  auf  den  Convexflächen 

9 1.  c.  PI.  483,  fig.  5 — 15. 


Jahrbuch  1867. 


13 


194 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


den  hinteren  Endigungen  auffallend  regelmässige  Zeichnungen  ab. 
Dieselben  sind  um  den  Sipho  entweder  radialstrahlig  und  orden- 
sternartig angeordnet,  oder  mit  zahlreichen,  einfach  radialen  Linien 
von  verschiedener  Stärke,  die  von  eoncentrischen  Linien  geschnitten 
werden,  geziert. 

Quenstedt * 2 3  4)  und  Laube  2)  schliessen  aus  dem  Umstande, 
dass  diese  Zeichnungen  bedeutend  unter  einander  abweichen  und 
fast  bei  jedem  Exemplar  ein  anderes  Aussehen  zeigen,  auf  einen 
unorganischen  Ursprung.  MOJSISOVICS  3)  scheint  dagegen  zu  der 
entgegengesetzten  Ansicht  zu  neigen. 

Dass  diese  Sculptur  Membranen  angehört  hat,  die  sich  inner- 
halb des  Orthoceras  septenartig  ausspannten,  ist  zweifellos,  da  die 
äussere  Schale  über  die  convexen  Endigungen  ein  Stück  hinaus- 
reicht. Ausserdem  siebt  Barrande  an,  dass  diese  Zeichnungen 
der  Kammerwand  selbst  angehören,  und  MOJSISOVICS  hat  über  noch 
denselben  noch  ein  durchscheinendes,  glattes  Häutchen  beobachtet. 

An  Orth. politum  Klipstein  erwähnt  Laube4)  »auf  der  Unter- 
seite der  sehr  convexen  Kammerwand  ein  kleines  Depot  organischer 
Materie«.  Nimmt  man  noch  hierzu,  dass  MOJSISOVICS  5)  bei  Orth, 
dubium  v.  Hauer  etwas  Aehnliches  beschreibt,  so  scheinen  die 
pseudoseptalen  Bildungen  auch  bei  den  letzten  Vertretern  der 
Orthoceren  eine  weitere  Verbreitung  zu  besitzen. 

Der  Vergleich  mit  Orth.  Berendti  und  planiseptatum  etc.  führt 
zu  der  Annahme,  dass  die  regelmässig  sculpturirten  Endigungen 
bei  Orth,  elegans  ebenfalls  auf  pseudoseptale  Bildungen  zurück- 
zuführen sind. 

Nautilus  pompilius  L. 

An  einem  der  zur  Sammlung  der  Königlichen  geologischen 
Landesanstalt  gehörigen  Exemplare  von  Nautilus  pompilius  beob- 
achtete ich  ein  Gebilde,  das  der  Pseudoseptallamelle  bei  fossilen 
Cephalopoden,  wenn  nicht  vollständig  gleichwerthig,  so  doch 
wenigstens  analog  ist. 

9 Cephalopoden  S.  478,  Tat.  31,  Fig.  3 — 5. 

2)  Denkschr.  d.  Wiener  Akad.  XXX,  S.  59. 

3)  Cephalopoden  der  mediterr.  Triasprovinz  S.  292,  Tat.  92,  Fig.  12, 

4)  1.  c.  S.  60. 

5)  Gebirge  um  Hallstatt  I,  S.  4,  Tat.  I,  Fig.  5. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


195 


Kg.  2. 


Sämmtliche  Kammerwände  (s)  mit  Ausnahme  nämlich  der 
letzten  sind  normal  entwickelt  und  haben  eine  ungefähre  Dicke 
von  fast  1 Millimeter;  diese  jedoch  über  trifft  ihre  Vorgänger  um 
das  Dreifache  an  Stärke  und  lässt  sich  in  zwei  durch  eine  scharfe 
Linie  deutlich  getrennte  Lagen  zerlegen,  von  denen  die  hintere  (s), 
circa  1 Millimeter  dicke  das  normale  Septum  darstellt,  die  vordere 
dickere  (x),  circa  2 Millimeter  stark,  dasselbe  in  seiner  ganzen 
Fläche  nach  vorne  bekleidet.  Diese  Lamelle  besteht  aus  Perl- 
muttersubstanz, wie  das  normale  Septum;  der  Sipho  durchbohrt 
sie  wie  jede  Kammerwand,  nur  die  Gefässeindrücke  und  die  Nor- 
mallinie scheinen  etwas  stärker,  als  auf  der  vorderen  Fläche  der 
normalen  Septa  entwickelt.  Das  Verwachsungsband  zieht  sich 
über  die  Convexseite  der  vorhergehenden  Windung  in  der  ge- 
wöhnlichen Breite  hin,  ein  Beweis  dafür,  dass  bei  der  Entstehung 
dieser  Lamelle  das  Thier  den  Mantel  nebst  Annulus  vorwärts  ge- 
schoben hat.  Aus  dieser,  soweit  ich  die  Literatur  kenne,  bisher  nicht 
beobachteten  Erscheinung  geht  hervor:  Bei  Nautilus  war  der 
Mantel  bei  allmählichem  Vorrücken  auch  nach  Abson- 
derung des  normalen  Septums  befähigt,  in  Zusammen- 
hang mit  demselben  eine  dicke  Perlinutterlaa’e  abzu- 
sondern.  Mag  diese  Fähigkeit  nun  an  den  Schluss  des  Wachsthums 
des  Thieres  überhaupt  gebunden  sein  und  die  Perlmutterlage  nur 
vor  der  letzten  Kammerwand  auftreten  oder  nicht,  die  Analogie 
zwischen  derselben  und  der  hinteren  Pseudoseptallamelle  in  den 
Luftkammern  fossiler  Cephalopoden  wird  man  nicht  verkennen. 

13* 


196 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


Ein  Septalhäutchen,  welches  dem  Pseudoseptum  der  Orthoceren 
entsprechen  würde,  ist  vor  der  accessorischen  Lamelle  bei  Nautilus 
nicht  vorhanden,  ebensowenig  wie  es  je  vor  dem  normalen  letzten 
Septum  entwickelt  ist,  von  dem  das  Thier  durch  den  Tod  entfernt 
wurde. 

Die  Normallinie,  wie  H.  v.  Meyer  und  Sandberger* 2)  so- 
wohl linienartige  Eindrücke  als  Erhabenheiten  3)  auf  den  Steinkernen 
von  Orthoceren  bezeichnet  haben,  wird  bei  Nautilus  durch  eine 
kleine  Erhabenheit  auf  der  inneren  dorsalen  Fläche  des  Septal- 
ringes  repräsentirt  und  ist  ausserordentlich  deutlich  auf  der  acces- 
sorischen Lamelle  des  obengenannten  Nautilus -Individuums  ent- 
wickelt; (Taf.  VIII,  Fig.  7 a — b).  Sie  stellt  sich  hier  als  ein  feiner, 
vorne  spitzer  und  scharf  begrenzter,  nach  hinten  zu  sich  allmählich 
verbreiternder  und  in  die  Septalfläche  verfliessender  Kiel  dar. 
Sein  längerer  und  breiterer  Theil  erstreckt  sich  von  dem  gerundet- 
spitzigen  Dorsalsinus  des  Vorderrandes  des  Septalringes  nach 
hinten,  sein  kürzerer  und  feinerer,  vorderer  Theil,  dringt  von 
demselben  Sinus  aus  in  den  Hinterrand  des  Annulus  ein. 

Dieser  kleine  der  Innenfläche  der  Septen  aufgesetzte  Kiel 
muss  einer  feinen  nach  innen  geschlagenen  Falte  des  Mantelhinter- 
endes  entsprechen,  die  ich  als  Analogon  der  Pseudoseptalfalte 
anselaen  möchte.  Mascke4),  der  zuerst  auf  die  Normallinie  bei  Nau- 
tilus aufmerksam  gemacht  hat,  nennt  dieselbe  und  die  Verticallamellen 
sogar  »vicariirende  Organreste«.  Beide  kämen  nicht  nebeneinander 
vor.  Ausserdem  benutzte  er  dieselben,  um  über  die  Lage  des 
Bauches  resp.  Rückens  des  Thieres  zur  Schale  und  somit  auch 
über  die  Art  der  Aufrollung  zu  entscheiden.  Nach  ihm  wäre  die 
Seite,  welche  diese  Gebilde  trägt,  stets,  wie  bei  Nautilus,  die 
Rückenseite.  Durch  die  Thatsache,  dass  nach  Sandberger  5)  und 
Keferstein  6)  zwei  Normallinien  einander  diametral  gegenüber- 

9 Nova  Acta  Acad.  Leop.  Car.  XY,  2 p.  70  sqq. 

2)  Versteiner.  d.  Rhein.  Schichtensyst.  S.  125f. 

3)  Es  ist  wohl  möglich,  dass  in  der  Literatur  verschiedenartige  Dinge  unter 
der  Bezeichnung  Normallinie  gehen. 

4)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXVIII,  1876,  S.  51. 

5)  1.  c.  p.  126. 

G)  Bronn,  Klassen  und  Ordnungen  III,  S.  1426. 


in  den  Kammern  fossiler  Ceplialopoden. 


197 


stehend  auftreten  können  und  dass  an  mehreren  Exemplaren  von 
Orth.  Berendti  nach  meinen  Beobachtungen1)  zwei  diametral  gegen- 
überstehende  Yerticallamellen  in  einer  Kammer  Vorkommen,  wird 
die  Bedeutung  dieses  Kriterium  für  Bauch-  und  Rückenseite  natür- 
lich abgeschwächt,  obwohl  zugegeben  werden  muss,  dass  in  diesen 
Fällen  eine  von  beiden  Normallinien  resp.  Yerticallamellen  stärker 
entwickelt  ist  als  die  andere. 

An  den  im  Vorhergehenden  behandelten  Ceplialopoden  konnten 
nach  eigenen  Beobachtungen  und  nach  der  vorhandenen  Literatur 
pseudoseptale  Bildungen  nachgewiesen  werden.  In  anderen  Fällen 
Hessen  mich  die  Beschreibungen  und  Abbildungen  nicht  zu  einer 
bestimmten  Entscheidung  kommen  und  sind  dieselben  hier  nicht 
berücksichtigt. 


B.  Deutung  der  Pseudosepta. 

Da  jede  Erklärung  von  Organisationsverhältnissen  ausgestor- 
bener Thiere  sich  selbstverständlich  auf  das  Innigste  an  die  Kennt- 
niss  der  jetzt  lebenden  Vertreter  der  Gruppe  anschliessen  muss 
und  um  so  mehr  Vertrauen  verdient,  je  mehr  sie  auf  die  recenten 
Verwandten  zurückgreifen  kann,  so  sind  wir  bei  der  geringen  Zahl 
von  Anhaltspunkten,  welche  die  Mollusken  sch  ade  für  eine  Recon- 
struction der  morphologischen  und  physiologischen  Verhältnisse 
der  Weichtheile  bietet,  angewiesen,  jede  Deutung,  die  nicht 
vollständig  auf  der  Basis  der  an  recenten  Thieren  beobachteten 
Thatsachen  steht  resp.  in  Folge  wirklicher  Abweichungen  im 
Schalenbau  nicht  stehen  kann,  mit  der  grössten  Vorsicht  zu  prüfen. 

Dieser  Gedanke  leitet  mich,  wenn  ich  in  Folgendem  eine 
Erklärung  der  oben  beschriebenen  Erscheinungen  versuche,  und 
ist  maassgebend  für  die  Kritik  der  Deutungen,  welche  meine 
Vorgänger  versucht  haben. 

Trotz  der  jedenfalls  riesigen  zeitlichen  Kluft,  welche  einen 
Lituiten  oder  Orthoceratiten  von  einem  Nautilus  trennt,  ist  dennoch 
eine  auffallende  Gleichheit  im  Bau  der  Schale  zu  constatiren. 


!)  Schröder,  Schriften  d.  phys.  ökon.  Ges.  Königsberg  XXII,  1881,  I,  S.  61. 


198 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


Die  äussere  Schale  der  fossilen  Cephalopoden  besteht  aus 
zwei  *)  häufig  auch  der  Sculptur  nach  verschiedenen  Schichten, 
von  denen  die  äussere,  dünnere  der  Porcellanschicht,  die  innere, 
dickere  und  blättrige  der  Perlmutterschicht  des  Nautilus  entspricht. 

Jedes  Septum  setzt  sich  bei  Nautilus  aus  einer  Perlmutter- 
schicht,  welche  den  grössten  Theil  seiner  Dicke  ausmacht,  und 
zwei  dünneren  Lagen  zusammen,  von  denen  die  eine  die  concave, 
die  andere  die  convexe  Oberfläche  bedecken.  Diese  feinen  Septal- 
häutchen  unterscheiden  sich  leicht  durch  ihre  gelbliche  oder  ein 
wenig  bräunliche  Farbe  von  der  inneren  hellen  Perlmutterlage, 
welche  sie  bedecken.  Die  Beobachtungen  Barranre’s  2)  an  sibiri- 
schen Orthoceren  haben  die  vollständige  Uebereinstimmung  des 
Baues  des  Septum  mit  dem  an  Nautilus  Beobachteten  ergehen1 
Ebenso  kann  ich  selbst  bestätigen,  dass  an  vielen  Orthoceren  und 
Lituiten  jede  Kammerscheidewand  vorne  und  hinten  mit  einem 
feinen  staubartigen  Ueberzuge  bekleidet  ist,  welcher  den  beiden  3) 
obengenannten  Häutchen  entspricht. 

1)  In  einem  PostScript  zu  dem  vierten  » Beitrag  zur  Kenntniss  der  in  ost- 
und  westpreussischen  Diluvialgeschieben  gefundenen  Silurcephalopoden«  Schrift, 
d.  physik -Ökonom.  GesellschaÜ,  Bd.  XXIII,  1S82,  S.  10G  schrieb  ich:  »Sowohl 
Remele  als  Noetling  sprechen  von  einer  dritten  Schalschicht  bei  TJtuites  lituus. 
Dieselbe  ist  nach  Ersterem  punctirt,  nach  Letzterem  glatt.  Diese  Differenz  er- 
klärt, sich  einfach  daraus,  dass  Beide  etwas  Verschiedenes  gesehen  haben.  Remele’s 
punctirte  dritte  Schicht  ist  eine  innere  Lage  der  zweiten,  welche  der  Perlmutter- 
schicht des  Nautilus  entsprechend,  auch  bei  anderen  Cephalopoden,  zuweilen  in 
zwei  oder  mehr  Lagen  spaltet.  Noetling’s  glatte  dritte  Schicht  ist,  wie  er  selbst 
sagt,  die  Fortsetzung  der  Scheidewände  auf  die  äussere  Schale,  welche  ich  in 
meinem  Beitrag  II,  p.  67  den  »Ansatzring  der  Kammerscheidewände«  genannt 
habe.  Ein  integrirender  Theil  der  äusseren  Schale  ist  sie  in  den  Luftkammern, 
die  Wohnkammer  zeigt  sie  nur  vor  der  letzten  Nahtlinie.  Ich  selbst  spreche  da- 
her von  zwei  Schalenmerabranen.«  Eine  andere  Möglichkeit  wäre  die,  dass  Remele’s 
dritte  Schalenschicht  der  »Runzelschicht«  Sandberger’s  und  Barrandk’s  1.  c.  II, 
5 p.  1181  cqq.  Hiermit  fällt  natürlich  auch  die  Homologisirung  der  »inneren 
glatten  Schicht«  mit  der  Perlmutterschicht  des  Nautilus,  die  Noetling  zu  ver- 
muthen  scheint.  Die  zweite  punctirte  Schicht  parallelisirt  Noetling  mit  der 
schwarzen  Schicht  bei  Nautilus,  sie  entspricht  jedoch  jedenfalls  der  Perlmutterschicht. 

2)  1.  c.  H,  4 p.  208. 

3)  Keferstein,  1.  c.  S.  1342,  behauptet  zwar,  dass  sich  auf  der  Vorderseite 
der  Septa  keine  Spur  einer  unverkalkten  Membran  findet.  Dem  muss  ich  ent- 
schieden widersprechen;  sämmtliche  Exemplare  des  Nautilus  zeigen  deutlich  zwei 
Septalhäutchen  von  der  angegebenen  hornig-kalkigen  Beschaffenheit  und  gelblichen 
F arbe. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


199 


Der  Bau  des  Sipho  lässt  sich  namentlich  an  solchen  In- 
dividuen, wo  die  Luftkammern  mit  krystallinischem  Kalk  und 
das  Sipho- Lumen  mit  dichter  Kalkmasse  erfüllt  sind,  stndiren. 
Der  Sipho  ist  in  diesem  Falle  mit  seiner  Hülle  in  so  vollstän- 
digem Zusammenhänge  erhalten,  dass  er  als  vollständiger  Cy- 
linder,  wie  bei  vaginaten  Orthoceren,  aus  der  Schale  beim  Zer- 
schlagen herausfällt.  Die  Siphonalduten  sind  sehr  kurz  und  häufig 
nur  dadurch  angedeutet,  dass  sich  die  Kammerwand  ein  wenig 
nach  hinten  umbiegt.  Als  Fortsetzung  der  Siphonaldute  bemerkt  man 
in  Längsschliffen  zwei  feine  Linien  nach  der  nächstvorhergehenden 
siphonalen  Durchbohrung  gehen;  diese  Linien  sind  die  Längs- 
schnitte desjenigen  Theiles  des  Sipho,  der  dem  hornigen  Abschnitt 
bei  Nautilus  entspricht.  Bei  den  vaginaten  Orthoceren  und  den  mit 
geschlossenem  Sipho  versehenen,  gekrümmten  Cephalopoden  (IIolo- 
choanoiden  Hyatt’s1))  ist  die  Structur  der  Wand,  welche  das  Innere 
des  Sipho  von  den  Luftkammern  trennt,  ganz  dieselbe,  wie  die 
der  Kammerwand.  Der  hintere  Theil  der  Siphonalumhüllung  bei 
regulären  und  cochleaten  Orthoceren  (Ellipochoanoiden  Hyatt’s) 
sticht  dagegen  vollständig  gegen  die  Kammerwand  der  Structur  nach 
ab;  während  diese  aus  bräunlichem,  krystallinischem  Kalk  besteht, 
hat  der  hintere  Theil  des  Sipho  ein  mehr  erdiges  Aussehen  und  eine 
gelbliche  oder  dunkle  Farbe.  Derselbe  ist  gegen  Säuren  wider- 
standsfähiger, was  uns  zu  dem  Schlüsse  berechtigt,  dass  er  aus 
einer  mit  organischer  Substanz  stark  durchtränkten  Masse  bestand, 
wie  die  Verhältnisse  ja  auch  bei  Nautilus  sind. 

Dass  ferner  die  Verwachsung  des  Mantelhinterendes  mit  der 
Schale  an  den  palaeozoischen  Nautiliden  eine  in  den  allgemeinen 
Zügen  und  in  manchen  Fällen  sogar  bis  in  die  Einzelheiten  gleiche 
wie  bei  Nautilus  gewesen  ist,  glaube  ich,  geht  mit  Bestimmtheit 
aus  den  Untersuchungen  hervor,  die  Dames  2),  Dewitz,  Noetling 
und  der  Verfasser  3)  über  diesen  Punkt  veröffentlicht  haben. 

Ich  bin  auf  die  nachweisbare  morphologische  Uebereinstimmung 
der  Schale  der  palaeozoischen  Cephalopoden  und  des  Nautilus 
hier  etwas  näher  eingegangen,  um  daraus  den  Schluss  ziehen 


9 Proc.  of  the  Boston  Soc.  of  Natural  History  Yol.  XXII,  1884,  p.  260. 

2;  Sitzungsber.  d.  Ges.  natnrf.  Freunde.  Berlin  1879,  S.  2. 

3)  Schrift,  d.  phys.  Ök.  Gesell.  XXII,  1881,  I,  S.  55  ff. 


200 


Henry  Schröder,  Pscudoseptale  Bildungen 


zu  können,  dass  auch  der  physiologische  Vorgang  der  Septen- 
und  Siphobildung  ein  ähnlicher  gewesen  ist.  Derselbe  wird  von 
Keferstein  *)  sehr  anschaulich  geschildert:  »Der  hinter  dem 

Annulus  liegende  Theil  der  Körperoberfläche  wird  die  Luft,  die 
wir  in  den  Kammern  finden,  absondern  und  der  Annulus  verhindert 
es,  dass  die  Luft  zwischen  Mantel  und  Schale  nach  vorn  entweicht. 
Beständig  wird  durch  diese  abgesonderte  Luft  das  Thier  nach  vorne 
gedrängt  und  rückt  darin  ebenso  fort,  wie  die  Schnecke  in  der 
Schale,  indem  sich  dabei  an  der  Mündung  die  Schale  beständig 
verlängert  ....  So  sieht  man  an  der  Nautilusschale  am  Muskel- 
und  Ring-Ansatz  deutlich  dem  vordersten  Rande  parallele  Streifen, 
als  Zeichen  des  beständigen  Fortrückens.  In  dieser  Weise  entfernt 
sich  der  Nautilus  mit  der  Absonderung  der  Luft  ständig  von  dem 
letzten  Septum  und  wächst  dabei  bedeutend,  wie  die  meisten 
Schnecken,  indem  sich  die  Schale  nach  vorne  entsprechend  dem 
Thier  beträchtlich  erweitert.  Wie  aber  fast  alle  Concliylien  Zeiten 
des  Wachsthums  mit  denen  der  Ruhe  wechseln  lassen,  wie  bei 
den  Schnecken  z.  B.  sofort  die  in  bestimmten  Abständen  wieder- 
kehrenden Mündungswülste  zeigen,  so  ist  es  auch  mit  dem  Nautilus. 
Und  wenn  er  im  Wachsthum  stille  steht,  keine  Luft  mehr  ab- 
sondert und  in  der  Schale  nicht  mehr  vorritckt,  so  entsteht  auf 
dem  sonst  Luft  ausscheidenden  Hinterende  des  Thieres,  hinter 
dem  Annulus  eine  vertikale  Cuticularbildung , Perlmutterschicht, 
das  Septum,  wie  sie  im  vor  dem  Annulus  liegenden  Bereiche  des 
Alanteis  beständig  gebildet  wird.«  Der  Sipho,  als  die  diiecte  Ver- 
längerung des  Mantelhinterendes,  wird  durch  ein  allmähliches  Aus- 
ziehen desselben  während  des  Wachsthums  gebildet. 

Diese  Beschreibung  können  wir  kurz  dahin  zusammenfassen: 
Der  Mantelrand,  der  Annulus  und  Sipho  wachsen  bei  Nautilus 
gleichmässig  fort  und  ruhen  periodisch  während  der  Abscheidung  der 
Kammerwand.  Dieselbe  Anschauung  vertritt  Woodward *  2),  wenn 
er  sagt:  » the  septa  indicate  perodic  rests«.  Auch  Waagen3), 


b Bronn,  Klassen  und  Ordnungen  des  Thierreiches  III,  2,  S.  1343. 

2)  Manual  of  Mollusca  p.  184. 

3)  Palaeontographica  XVIII,  S.  186. 


in  den  Kammern  fossiler  Ceplialopoden. 


201 


Barbande  t)  und  Dewitz *  2)  treten  den  Auseinandersetzungen 
Keferstein’s  bei.  In  der  Lebensthätigkeit  des  Mantels  wechselt 
also  bei  Nautilus  ein  Stadium  des  fortschreitenden,  die  Körperfläche 
vergrössernden  Wachthiuns  mit  einem  Stadium  der  septenbildenden 
Ruhe  ab.  Kalkabsonderung  und  Ruhe,  Luftabsonderung  und  W achs- 
thum  sind  aneinander  gebunden.  Die  jedes  Septum  einfassenden, 
erdigen  Membranen,  die  Septalhäutchen,  zeigen  den  Anfang 
und  das  Ende  des  Ruhezustandes  und  d er  Kalkab so  nd e- 
riing  an. 

Drücken  wir  dies  schematisch  aus: 

Anfang  hinteres  \ 

(Sp)  Ruhe Septum  Septalliiiutehen  (sp) 

Endo  vorderes  ' 

(K)  Wachsthum Kammerlumen  (k) 

Anfang  hinteres  \ 

(Sa)  Kühe Septum  Septalhii utclien  (sa) 

Ende  vorderes  > 

Auf  einen  ähnlichen  Wechsel  der  Lebensfunctionen  des  Mantel- 
hinterendes  führe  ich  ebenfalls  die  Bildung  der  Pseudosepta  und 
Pseudoseptallamellen  zurück,  nur  mit  dem  Unterschiede,  dass  die 
Kalkabsonderung  vor  und  nach  dem  Stadium  der  absoluten  Ruhe 
in  das  Wachsthumsstadium  hinübergriff. 

Bevor  ich  jedoch  diese  Deutung  auseinandersetze,  will  ich  die 
Gründe  hervorheben,  welche  zu  der  Annahme  zwingen,  dass  die 
pseudoseptalen  Membranen  und  auch  die  zwischen  ihnen  und  den 
normalen  Septen  abgelagerten  Kalklamellen  organischen  Ursprungs 
und  zu  Lebzeiten  des  Thieres  entstanden  sind.  Betreffs  der 
Pseudosepta  dürften  auch  dem  scrupulösesten  Skeptiker  folgende 
Thatsachen  genügen: 

1)  Die  Pseudosepta  sind  an  vielen  Individuen  und  von  meh- 
reren Forschern  als  distincte  Membranen  oder  Häutchen  beobachtet 
worden. 

2)  Im  Bereich  der  Pseudosepta  sind  deutliche  Spuren  von 
Gelassen  vorhanden. 


')  1.  c.  11,5,  p.  1237. 

2)  Zeitschr.  f.  d.  ges.  Naturw.  Halle  III,  3,  1878,  S.  293. 


202 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


3)  Die  Oberflächenzeichnung  mehrerer  Pseudosepta  ist  der- 
artig, wie  wir  sie  nur  an  organischen  Gebilden  zu  sehen  ge- 
wohnt sind. 

4)  Die  Pseudosepta  sind  in  den  Kammern  vollständig  sym- 
metrisch angeordnet  und  legen  sich  in  Falten,  die,  abgesehen  von 
geringen  Schwankungen,  zweifellose  Beziehungen  zur  Mediane 
der  Schale  haben. 

5)  Die  Entfernung  der  Pseudosepta  von  den  normalen  Septen 
steht  im  umgekehrten  Verhältnis  zu  dem  Alter  des  Thieres  und 
weist  somit  auf  eine  Abhängigkeit  von  den  Lebensfunctionen  hin. 

Ist  die  organische  Natur  der  Pseudosepta  hiernach  gesichert, 
so  können  dieselben  entsprechend  den  normalen  Septen  nur  als 
eine  Cuticularbildung  betrachtet  werden  und  verlangen,  wie  die 
Septa  als  Hauptbedingung  für  ihre  Entstehung,  dass  das  Mantel- 
hinteren  de  an  der  Stelle,  wo  sie  jetzt  vorhanden  sind,  eine  Zeit 
lang  verharrt  hat.  Das  Mantelhinterende  ruhte  also  momentan 
während  der  unter  normalen  Verhältnissen  geforderten  Wachsthums- 
periode und  erhielt  dadurch  die  Fähigkeit,  eine  kalkige  Membran 
abzusondern. 

Schwieriger  wird  die  Deutung  der  Entstehung  der  Hori- 
zontallamellen , deren  organische  Natur  man  jedoch  ebenfalls 
kaum  bestreiten  kann.  Da  dieselben  durch  die  Gestalt  der 
Pseudosepta  bedingt  sind,  so  können  dieselben  Gründe  für  ihre 
organische  Natur  angeführt  werden.  Doch  wäre  hiergegen  fol- 
gender Ein  wand  möglich : Zugegeben,  die  Pseudosepta  sind  orga- 
nischen Ursprungs  und  waren  bereits  beim  Absterben  des  Thieres 
vorhanden,  so  könnten  die  Kalkspathmassen  zwischen  ihnen  und 
den  normalen  Septa  immerhin  noch  rein  anorganische  Infiltration 
sein.  Dieselbe  war  jedoch  nur  auf  zwei  Wegen  möglich:  durch 
die  äussere  Schale  und  durch  den  Sipho.  Der  letztere  Weg  ist 
der  leichtere,  da  hier  nur  die  dünne  kalkige  und  bei  manchen 
Formen  zum  grossen  Theil  aus  nur  hornig -kalkiger  Masse  be- 
stehende Wandung  an  dem  mit  kohlensaurem  Kalk  gesättigten 
Wasser  zu  durchdringen  war.  Um  so  auffallender  und  vollständig 
gegen  eine  derartige  Infiltration  sprechend  ist  die  Thatsaehe,  dass 
die  siphonale  Wand  nicht  und  nur  dann  einseitig  mit  Kalkspath 


ia  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


203 


umhüllt  ist,  wenn  die  pseudoseptalen  Falten  mit  dem  Sipho  in 
Verbindung  treten.  Die  sämmtlichen  von  mir  untersuchten  Indi- 
viduen  von  Lit.  lituus , deren  Zahl  nicht  gering  ist,  zeigen  in  allen 
Kammern  im  Bereich  des  ehemals  hornigen  Sipho  nur  die  zangen- 
artige mit  der  Verticallamelle  verbundene  Umfassung  durch  Kalk- 
spath  auf  der  Siphoualseite,  während  die  Antisiphonalseite  davon 
frei  ist.  In  gleicher  Weise  hat  Barrande  *)  bei  den  obengenannten 
Formen  Orth,  seoerum  etc.  nie  beobachtet,  dass  sich  sein  soge- 
nanntes depöt  organique  auf  der  Aussenseite  der  Wandung  des 
Sipho  vorfand. 

Bei  einer  supponirten  Infiltration  durch  die  äussere  Schale  ist  es 
erstens  unverständlich,  wesshalb  sie  sich  grade  zwischen  den  Pseudo- 
septen  und  Septen  ihren  Weg  suchen  musste  und  alle  anderen 
Räume  der  Luftkammern,  zu  denen  sie  ebenso  leicht  oder  noch 
leichter  Zutritt  hatte,  verschonte,  ferner  wesshalb  man  nur  in  den 
hinteren,  jedoch  nie  in  den  vorderen  Kammern,  in  denen  die 
Pseudosepta  fehlen,  Kalkspathlagen  von  gleicher  Beschaffenheit  an- 
trifft, ferner  weshalb  z.  B.  in  den  Luftkammern  von  Orth.  Berendti 
nur  hintere  und  nicht  auch  vordere  Horizontallamellen  entwickelt 
sind.  Pseudosepta  und  Horizontal-  resp.  Vertical- 
lam eilen  sind  au  einander  gebunden. 

Ebenso  wenig  kann  man  bei  der  Annahme  einer  rein  anor- 
ganischen Infiltration  erklären,  wie  die  so  äusserst  zarten  Mem- 
branen der  Pseudosepta,  wenn  sie  allein  vorhanden  waren,  bei  der 
Verwesung  und  während  des  Eindringens  der  Versteinerungsmasse 
sich  in  der  so  vielfach  beobachteten  Regelmässigkeit  erhalten  haben, 
ohne  dass  sie  bereits  auf  einer  festen  Lamelle  auflagen. 

Ein  anderer  Grund,  die  Horizontal-  und  Verticallamellen  für 
ein  bereits  zu  Lebzeiten  des  Thieres  vorhanden  gewesenes  Kalk- 
gerüst zu  erklären,  ist  die  Beobachtung  Barrande’s,  dass  bei  deu 
zahl  reichen  Orthoceren  des  böhmischen  Silur,  die  eine  Pseudo- 
septenbildung  aufweisen,  ein  scharfer  Gegensatz  zwischen  Kalk- 
spath  als  Ausfüllung  des  inneren  Kammerlumens  und  Kalkspath 
als  innere  Bekleidung  der  Kammerwandung  existirt ; ersterer  ist 


■)  Vergl.  S.  185  ff. 


204 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


weiss  imcl  grobkrystallinisch,  letzterer  dunkel  und  kryptokrystalli- 
nisch.  Bei  einzelnen  Exemplaren  von  Orth.  Berendti  und  discors 
habe  ich  ebenfalls  in  den  entsprechenden  Gebilden  eine  derartige 
Färbung  beobachtet.  Die  Horizontallamellen  der  nordeuropäischen 
Lituiten  sind  in  ähnlicher  Weise  durch  ihr  milchiges  und  wolkiges, 
undeutlich  krystallines  Aussehen  vor  den  Kalkspathmassen,  wenn  sie 
als  Kammerausfüllung  auftreten,  ausgezeichnet.  Kommen  im  ersteren 
Hohlräume  vor,  so  sind  dieselben,  mit  Kalkschlamm  erfüllt,  von 
glatten  Grenzlinien  eingeschlossen,  und  gewähren  selten  das  Aus- 
sehen von  Drusenräumen. 

Ein  Bestehen  der  Horizontallamellen  aus  einzelnen,  dünnen 
Lagen  hat  sich  bis  jetzt  nicht  nacliweisen  lassen,  ebenso  wie  ja  auch 
an  den  Septen,  die  doch  ohne  Zweifel  aus  Perlmuttersubstanz 
bestanden  haben,  fast  nie  eine  Spur  der  ursprünglichen  Structur 
nachweisbar  ist.  Vielmehr  haben  dieselben  ebenso  wie  die  Septa  und 
Pseudosepta  eine  Umkrystallisation  erfahren,  so  dass  häufig  z.  B. 
stets  bei  Orth.  Berendti  diese  drei  ursprünglich  getrennten  Gebilde 
eine  einheitliche  Kalkspathmasse  bilden1);  in  anderen  Fällen  sind 
die  Septa  und  Pseudosepta  abtrennbar,  während  jedoch  die  eigent- 
liche Masse  des  Septum  und  die  Horizontallamelle  ihre  organische 
Structur  vollständig  eingebüsst  haben.  Es  ist  dies  Verhalten  das 
Gleiche,  wie  in  den  »anneaux  obstructeurs«  Barrande’s  und  den 
Kalkspathmassen,  welche  die  »dards  siphonaux«  der  vaginaten 
Orthoceren  umkleiden.  Hiermit  muss  der  Einwand,  den  man 
gegen  die  organische  Natur  Vorbringen  könnte,  dass  alle  diese 
Gebilde  aus  deutlich  krystallinem  Kalkspath  bestehen,  naturgemäss 
fallen. 

Sind  die  Beweisgründe  für  die  organische  Entstehung  der 
Horizontallamellen  auch  fast  lediglich  negativer  Natur,  so  erscheint 

!)  Da  die  schlammige  Kammerausfüllung  der.  Metamorphose  einen  bedeu- 
tenderen Widerstand  entgegensetzte  als  die  schon  an  sich  balbkrystallinische  Perl- 
muttersubstanz, so  erklärt  sich  auf  diesem  Wege  einfach  die  auffallende  Beobach- 
tung Dewitz’  (Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.xxxu,  1880,  S.  88G),  dass  die  nor- 
malen, relativ  dicken  Septa  häufig  resorbirt,  die  Hilfskammerwände  (d.  h.  die  Grenzen 
von  späthiger  zur  schlammiger  Kammerausfüllung)  dagegen  wohl  erhalten  in 
ihrer  ganzen  Ausdehnung  zu  verfolgen  sind. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


205 


dieselbe  jedoeli  gesichert.  Im  Gegensatz  zu  den  durch  Kalkab- 
sonderung währen d m omentaner  Ruhe  entstandenen  Pseudo- 
septeu,  müssen  die  Horizontallamellen  während  lang- 
samen Vorrückens  des  Thieres  entstanden  sein. 

Die  sich  aus  der  ganzen  vorstehenden  Erörterung  ergebende 
Deutung  der  Pseudosepta  und  der  Lamellen  ist  die  folgende. 
Nehmen  wir  zunächst  den  gewöhnlichen  Fall  und  diejenige  Er- 
scheinungsweise an,  welche  in  den  mittleren  Stadien  ihrer  Ent- 
wicklung die  verbreitetste  ist,  nämlich  dass  in  jeder  Kammer  zwei 


Fig.  3. 


von  einander  deutlich  getrennte  Pseudosepta  o~  und  acx  vorhanden 
sind,  so  verdankt  die  hintere  Horizontallamelle  (xtt)  und  das  hintere 
Pseudoseptum  (ait)  seine  Entstehung  dem  Umstande,  dass  die 
Fähigkeit  der  Kalkabsonderung  nicht  gleich  beim  Verlassen  des  Sep- 
tum (sp)  aufhörte,  sondern  über  die  Periode  der  absoluten  Ruhe,  in 
welcher  dasselbe  gebildet  war,  hinaus  eine  Zeit  lang  auch  während 
langsamen  Vorrückens  des  Mantels  dauerte,  bis  sie  nach  Absonderung 
des  Pseudoseptum  (atr)  ganz  erlosch.  Ebenso  wie  auf  diese  Weise 
die  hintere  Horizontallamelle  (xu)  und  das  hintere  Pseudoseptum 
der  Luftkammer  eine  Fortdauer  der  Kalkabsonderung  andeuten, 
weist  die  vordere  Kalkspathlage  (xa)  und  das  vordere  Pseudo- 
septum (oa)  der  Luftkammer  den  vorzeitigen  Beginn  der  Kalk- 
absonderung bei  noch  nicht  vollständig  eingetretenem  Ruhestadium, 

o O O 7 

dem  das  vordere  Septum  (sa)  seine  Entstehung  verdankt,  hin. 
Das  mit  Luft  erfüllte  Lumen  der  Kammer  entspricht 
einem  Vorrücken  des  Thieres  bei  fehlender  Kalkab- 
sonderung, die  jedes  Septum  einscli  Hessen  den  Hori- 
zontallamellen dagegen  einem  Waclisthum  des  Thieres 


206 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


bei  fortdauernder  resp.  frühzeitig  eintretender  Kalk- 
absonderung. Die  Pseudosepta  bezeichnen  das  Ende 
und  den  Beginn  der  Kalkabsonderung.  Sie  dürfen  nicht 
als  Analoga  der  normalen  betrachtet  werden,  sondern  sind  den 
begleitenden  erdigen  Septalhäutchen  derselben  analog. 

Drücken  wir  den  iu  jeder  Kammer  stattfindenden  Vorgang 
schematisch  aus : 


hinteres  ) 

(Sp)  Ruhe Septum  / Septalhäutchen  (sp) 

vorderes  ) 

(Ktc)  Langsames  Wachsthum1).  Hintere  Pseudoseptallamelle  (xtt) 
(1  -)  Ende.  Hinteres  Pseudoseptum  (stt) 


(K)  Waclisthum  . . . Kammerlumen  (k) 


(2 a)  Anfang.  Vorderes  Pseudoseptum  (atz) 

(Ka)  Langsames  Wachsthum1).  Vordere  Pseudoseptallamelle  (xa) 

hinteres  j 

(Sa)  Ruhe Septum  > Septalhäutchen  (sa) 

vorderes  ) 


W ie  bekannt  ist  das  Nautilusthier  durch  ein  ringförmig  um 
das  hintere  Körperende  laufendes  Band,  als  dessen  Erweiterung 
die  beiden  seitlich  symmetrisch  liegenden  Muskelplatten  anzusehen 
sind,  an  die  Schale  geheftet2).  Diese  Verwachsungsstelle,  der 
Annulus,  liegt  mit  ihrem  hinteren  Rande  auf  der  Bauchseite  um 
ein  beträchtliches  Stück,  auf  der  Rückenseite  jedoch  unbedeutend 
von  dem  Vorderrande  des  Ansatzringes  der  Kammerwände  ent- 
fernt. Dass  die  Verhältnisse  an  fossilen  Cephalopoden,  wenn  auch 
im  Einzelnen  vielfach  abweichend,  im  Grundpriucip  ähnliche 
waren,  haben  Dewitz3)  und  ich4)  nachgewiesen.  Auch  hier  blieb 
die  Verbindung  des  hinter  dem  Annulus  befindlichen  Stückes  des 
Mantels  weniger  fest,  als  sie  im  Bereich  desselben  war. 


0 Das  Vorriicken  des  Thieres  in  der  Schale  während  dieser  Periode  dürfte 
man  vielleicht  besser  als  ein  Abdrängen  des  Mantelhinterendes  von  dem  Septum, 
hervorgerufen  durch  die  Kalkabsonderung,  bezeichnen. 

2)  Vergl.  über  diese  Verhältnisse  Schroeder,  Schrift,  d.  phys.  ökon.  Ges. 
Königsberg  XXII,  1S81,  I S.  55. 

3)  Schrift,  d.  phys.  ök.  Ges.  1880,  S.  1G8. 

4)  1.  c.  S.  57  ff. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


207 


Begann  nun  die  Wachthumsperiode , so  rückte  der  Annulus 
jedenfalls  wie  der  Spindelmuskel  der  Gastropoden  durch  Resorp- 
tion des  Hinter-  und  Wachsen  des  Vorder -Randes  in  der  Schale 
um  eine  Kammerhöhe  vor,  während  das  dahinter  befindliche  Mantel- 
stück sich  mit  seiner  hinteren  Fläche  von  dem  Septum  loslöste, 
mit  seineu  seitlichen  Theilen  jedoch  auf  der  inneren  Fläche 
der  Ansatz  ringe  und  der  Schale  nach  vorne  gleitend 
nachgezogen  wurde,  und  machte  Halt,  um  ein  neues  Septum 
abzuscheiden.  Dies  der  normale  Vorgang. 

Bei  Bildung  der  Pseudosepta  erfolgte  dagegen  das  Vorrücken 
in  drei  Absätzen.  Im  ersten  secundären  Wachsthumstadium  (Kit) 
rückte  der  Annulus  und  ebenfalls  das  hinter  ihm  befindliche  Mantel- 
stück etwa  um  die  Entfernung  des  alten  Ansatzringes  der  Kammer- 
wand  von  dem  neu  zu  bildenden  normalen  Septum  vor;  während 
dessen  hatte  die  Kalkabsonderung  den  Mantel  um  ein  nahezu  gleich 
grosses  Stück  von  dem  alten  Septum  gewissermaassen  abgedrängt 
und  denselben  auch  seitlich  beengt,  so  dass  während  des  Haupt- 
wachsthumstadiums (K),  in  welchem  der  hauptsächliche  Fortschritt 
des  Thieres  in  der  Schale  stattfand,  sich  nur  ein  Theil  der  hinteren 
Fläche  des  Mantels  von  dem  Pseudoseptum  loslösen  konnte,  die 
seitlichen,  äusseren  Theile  desselben  dagegen  in  Berührung  mit 
der  inneren  Fläche  der  bereits  vorhandenen  hinteren 
Horizontallamelle  und  des  Pseudoseptum  nach  vorne 
glitten;  ja  sie  blieben  sogar  auch  während  der  Bildung  des 
vorderen  Pseudoseptum  mit  derselben  innerhalb  einer  randlichen 
Zone  in  Connex.  Flieraus  erklärt  sich  die  Erscheinung,  welche 
Dewitz  die  »Gabelung  der  Hilfskammerwände«  genannt  hat  und 
der  Umstand,  dass  beide  Pseudosepta  sich  ständig  in  demselben 
Punkt  an  die  äussere  Schale  anlegen.  Dieselbe  Stelle  hat  sich 
in  der  Mehrzahl  der  Fälle1)  das  am  Schluss  des  zweiten  seenn- 
dären  Stadiums  (K  a)  entstehende  normale  Septum  gewählt. 

Ich  habe  bisher  nur  diejenige  Erscheinungsweise  der  Pseudo- 
septa behandelt,  welche  in  den  mittleren  Lebensstadien  des 
Individuums  die  verbreitetste  ist.  In  älteren  und  jüngeren  Kammern 


b Eine  Ausnahme  bietet  Orth,  truncatum  Baku,  siehe  weiter  unten. 


208 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


verschieben  sich  die  drei  oben  getrennt  gehaltenen  Wachsthums- 
perioden gegen  einander.  Im  Alter  erscheint  das  Hauptwachs- 
thumstadium (K),  dessen  Product  das  Kammerlumen  ist,  gegen 
die  beiden  secundären  Stadien  soweit  reducirt,  dass  beide  Pseudo- 
septa  in  einem  grossen  Theil  ihrer  Fläche  auf  einander  ruhen  und 
so  Ende  und  Anfang  der  Kalkabsonderung  (2tt  und  2 a)  fast  zu- 
sammen zufallen  scheinen;  in  jüngeren  Kammern  dagegen  über- 
wiegt das  Hauptwachsthumstadium  immer  mehr,  die  secundären 
kommen  immer  weniger  zur  Geltung,  bis  dann  zuerst  das  vordere, 
dann  das  hintere  s;anz  erlischt  und  so  der  Uebergang;  in  die  normale 
Septenbildung,  wie  sie  in  den  der  Wohnkammer  zunächst  liegen- 
den Kammern  vor  sich  geht,  geschaffen  ist.  Bei  Lit.  lituus  und 
den  böhmischen  Orthoceren  ist  die  Entwicklung'  dieser  Verhält- 
nisse allmählich  und  continuirlich;  in  den  Kammern  der  breviconen 
Lituiten  scheint  sie  jedoch  mehrfach  sprungweise  vor  sich  gegangen 
zu  sein,  indem  hier  eine  Kammer  mit  weit  von  einander  stehenden 
Pseudosepten  auf  eine  solche  mit  dicht  auf  einander  liegenden 
folgen  kann  (cf.  Dewitz,  Zeitschr.  f.  ges.  Naturw.  1878,  Taf.  XIII, 
Fig.  2 u.  3;  Holm,  1.  c.,  Taf.  IV,  Fig.  3;  Noetling,  Jahrbuch  der 
geol.  Landesanstalt  für  1883,  Taf.  XVIII,  Fig.  6).  Bei  Orth. 
Berendti  erscheint  das  zweite  secundäre  Stadium  sehr  frühzeitig 
unterdrückt,  da  bis  jetzt  noch  kein  vorderes  Pseudoseptum  in 
deutlicher  Entwicklung  beobachtet  ist. 

Ich  komme  nun  zu  der  Deutung  der  HoLM’schen  dachförmigen 
und  der  MAsCKE’schen  verticalen  Pseudoseptalfalten. 

Erstere  erklären  sich  folgendermaassen : 

Nach  der  Bildung  eines  normalen  Septum  rückte  das  Mantel- 
hinterende  in  einer  radiären  Linie  auf  der  Siphonalseite  garnicht 
von  dem  Septum  ab,  so  dass  das  Pseudoseptum  hier  an  die  Con- 
cavfläche  des  Septum  befestigt  erscheint  (Septale  Verwachsuugs- 
linie  Holms  bei  Ancistroceras  undulaium ).  In  anderem  Falle  löste 
sich  der  Mantel  zwar  los , blieb  aber  auf  der  siphonalen  Seite 
hinter  der  übrigen  Mantelfläche  entweder  in  einer  anfangs 
linienartigen,  dann  sich  allmählich  zu  einer  radialen  Zone  ver- 
breiternden Fläche  oder  in  einer  ursprünglich  breitangelegten 
Zone  im  Vorrücken  zurück,  so  dass  in  ersterem  Falle  die  dachartige 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


209 


(Orth,  severum ),  in  letzterem  die  mehr  bandartige  (Orth,  bonum) 
Falte  entstand.  Der  geschilderte  Vorgang  dürfte  auf  ein  Stocken 
der  Kalkabsonderung,  welche  die  hintere  Horizontallamelle  bildete, 
zurückzuführen  sein.  Entspricht  der  hinteren  Falte  eine  vordere, 
so  unterblieb,  wenn  der  Mantel  in  der  Höhe  des  vorderen  Pseudo- 
septum angelangt  war,  in  einer  der  hinteren  Falte  entsprechenden 
Breite  die  Kalkabsonderung  innerhalb  der  vorderen  Horizontal- 
lamelle, der  Mantel  zog  sich  jedoch  in  dieser  Zone  nach  vorne 
aus;  diese  Faltung  ging  entweder  soweit,  bis  sich  das  Pseudo- 
septum in  einer  radiären  Linie  an  die  Convexfläche  des  vorderen 
Septum  anlegte  (Änc.  vndulatum ) oder  sie  hörte  früher  auf 
(Orth,  severum ).  Die  Bildung  und  Verkalkung  der  eigentlich 

pseudoseptalen  Membranen  erfolgte  am  Anfang  resp.  Ende  des 
Hauptwachsthumsstadium,  in  welchem  das  Kammerlumen  gebildet 
wurde;  die  Falten  dagegen  entstanden  während  der  Entstehung 
der  Pseudoseptallamellen. 

Schwieriger  ist  die  Deutung  der  verticalen  Pseudoseptalfalten 
bei  Orth.  Berendti,  planiseptatum  und  Lit.  lituus.  Nur  dem  Grade 
der  Entwicklung  nach  von  der  feinen  Faltung  der  Pseudoseptal- 
membranen  (cf.  Orth.  Berendti  Taf.  VII,  Fig.  1 und  planiseptatum 
Taf.  VIII,  Fig.  6),  verschieden  finden  sie  darin  ihre  physiologische 
Erklärung,  dass  sich  das  Mantelhinterende  während  des  Vor- 
rückens von  einem  Septum  zum  anderen  in  einem  Zustand  der 
Wucherung  befand.  Einen  Beweis  dafür  sehe  ich  in  der  Beobach- 
tung eines  ausserordentlichen  Gefässreichthums  des  Mantels 
während  der  secundären  Wachsthumsstadien,  denn  nicht  nur  ver- 
einzelte, sondern  zahlreiche  Individuen  des  Lit.  lituus  und  Orth. 
Berendti  tragen  die  Spuren  von  sehr  kräftig  entwickelten  Gefässen, 
wie  sie  auf  den  normalen  Septen  nie  vorhanden  sind.  Eine  Folge 
des  abnormen  Gefässreichthums  war  eine  über  das  nothwendige 
Maass  hinausgehende  Flächenvergrösserung  des  Mantelhinterendes. 
Denkt  man  sich  nämlich  die  eigenthümlich  buckligen  und  wulstigen 
Pseudosepta  von  Lit.  lituus,  Orth,  severum  etc.  zu  einer  septen- 
älinlichen  Membran  geglättet,  so  stellen  dieselben  eine  viel  grössere 
Oberfläche  dar,  als  für  die  Bildung  eines  neuen  normalen  Septum 
erforderlich.  Da  sich  aber  der  vollständigen  glatten  Ausbreitung 


Jahrbuch  1887. 


14 


210 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


dieser  hypertrophen  Membranen  die  bereits  vorhandene  und  z.  Th. 
mit  der  Horizontallamelle  innerlich  bekleidete  Schale  und  der  noch 
nicht  genügend  weit  vorgerückte  Annulus  entgegensetzte,  mussten 
sich  die  Pseudosepta  in  Buckeln,  Wülste  und  Falten  legen,  die 
entweder  radiär  oder  concentrisch  angeordnet  und  so  die  Veran- 
lassung zu  den  ihnen  eigenthümlichen  Oberflächenzeichnungen 
wurden. 

Wo  durch  die  ganze  Luftkammer  hindurchsetzende  Vertical- 
lamellen  entwickelt  sind,  hörte  die  Kalkabsonderung  auf  der  Sipho- 
ualseite  (resp.  wenn  zwei  Lamellen  vorhanden  sind  auf  Siphonal- 
und  Antisiphonalseite)  auch  während  des  Hauptwachsthumstadiums 
innerhalb  einer  schmalen  radiären  Zone  überhaupt  nicht  auf,  und 
das  Mantelhinterende  schlug  ich  in  Folge  dessen  zu  einer  Falte 
nach  vorne  bis  zum  vorderen  Pseudoseptum  resp.  Septum  und 
nach  innen,  wo  sie  entweder  am  Sipho  endete  (Orth.  Berendti ) 
oder  denselben  zangenartig  umfasste  (Bit.  lituus ).  Bei  Orth. 
Berendti  legte  sich  die  Falte,  soweit  beobachtet,  direct  an  die 
Convexfläche  des  vorderen  Septum  an,  während  sie  bei  Lit.  lituus 
an  dem  vorderen  Pseudoseptum  endigt,  das  hier  eine  dem  nor- 
malen Septum  ähnliche  Gestalt  annimmt,  ein  Vorgang,  der  sich 
während  des  Vorrückens  des  Mantels  von  dem  hinteren  nach  dem 
vorderen  Pseudoseptum  abgespielt  haben  mag.  Ebenso  wie  auf 
dem  hinteren  setzte  sich  auch  während  der  Bildung  des  vorderen 
Pseudoseptum  die  Kalkabsonderung  in  einer  entsprechenden 
radiären  Zone  fort.  Der  Raum  zwischen  den  Membranen  der  Falte 
füllte  sich  mix  organischer  Kalkmasse  (Perlmuttersubstanz?)  und 
trat  dadurch,  dass  er  nach  hinten  und  vorne  von  keiner  Membran 
abgeschlossen  war,  mit  der  vorderen  und  hinteren  Horizontallamelle 
in  Verbindung. 

Ausser  der  oben  berührten  Hypertrophie  und  der  dadurch 
veranlassten  Faltung  des  Mantels  war  die  Gestalt  der  Pseudosepta 
ferner  durch  die  ungleichmässige  Stärke  ])  der  Kalkabsonderung 

l)  Namentlich  hierauf  muss  die  Unregelmässigkeit  zurückgeführt  werden, 
dass  die  Pseudosepta  häufig  nicht  direct  vom  Sipho  abgehen,  sondern  scheinbar 
auf  der  concaven  Fläche  des  Septum  beginnen  und  ebenso,  dass  sie  nach  dem 
Sipho  stärker  konisch  zugehen  (Dewitz). 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


211 


innerhalb  der  Horizontal-  und  Verticallamellen  und  durch  die 
Spannung,  in  welcher  der  Mantel  durch  die  in  seinem  Innern 
befindlichen  Organe  und  die  Körperflüssigkeit  gehalten  wurde, 
bedingt. 

Die  Analoga  der  Pseudoseptallamellen  und  Falten  sehe  ich  bei 
der  lebenden  Gattung  Nautilus,  wie  bereits  oben  bemerkt,  in  der 
accessorischen  Perlmutterlage  vor  dem  letzten  Septum  und  in  der 
Normallinie. 

Die  eigentliche  Ursache  der  Pseudosepta  und  der  Lamellen 
ist  uns  verschlossen;  die  Frage,  was  veranlasste  das  Thier  diese 
interseptalen  Gebilde  hinter  sich  zu  schaffen,  was  war  die  Ursache 
der  augenscheinlichen  Hypertrophie  des  Mantelhinterendes,  vermag 
ich  nicht  zu  beantworten.  Momentan  abnorme  Ernährungsver- 
hältnisse sind  die  Ursache  nicht  gewesen,  da  der  Grad  der  Ent- 
wicklung dieser  Erscheinungen  eine  Abhängigkeit  von  dem  Alter 
des  Individuums  verräth. 

Dagegen  darf  man  als  sicher  annehmen,  dass  das  Vorhanden- 
sein der  Pseudoseptallamellen  einen  Einfluss  auf  die  Lebensthätig- 
keit  des  Thieres  insofern  gehabt  hat,  als  es  das  Gewicht  der  Schale 
erhöhte1).  Berücksichtigt  man  ausserdem,  dass  die  Vertical- 
lamellen und  Falten  entweder  genau  in  die  Mediane  fallen  oder 
doch  nur  wenig  in  ihrer  Lage  um  dieselbe  sckwanken,  so  kann 
man  behaupten,  durch  die  Erhöhung  des  Schalengewichtes  erlangte 
das  Thier  eine  grössere  Gewalt  über  die  Schale  und  erzielte 
hierdurch  eine  sicherere  Lenkbarkeit  des  Schalenendes. 

Mehrfach  scheint  eine  Folge  der  mit  der  Pseudoseptenbildung 
verbundenen  Ablagerung  des  »depöt  organique«  ein  Abstossen  ein- 
zelner damit  erfüllten  Kammern  gewesen  zu  sein;  so  werden  z.  B. 
sehr  häufig  im  Ober -Silur  Englands  die  Steinkerne  einzelner 
Kammern  gefunden,  die  Blake2)  zu  Orth,  imbricatum  zieht  und 
von  denen  ich  oben  wahrscheinlich  gemacht  habe,  dass  sie  Ausfül- 
lungen von  Luftkammern  gewesen  sind,  die  mit  den  pseudoseptalen 
Horizontallamellen  ausgekleidet  waren.  Da  ich  diese  Erscheinung 

o o 

')  Barrande  1.  c.  II,  4,  p.  280  u.  Zittel,  Handb.  d.  Palaeontologie  I,  2,  S.  359. 

3)  Siehe  oben  S.  188. 


14* 


212 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


der  Abstossung,  die  au  bestimmten  Böhmischen  Orthoceren  Regel 
ist,  weiter  unten  behandeln  werde,  verweise  ich  auf  meine  Seite  226 
gegebenen  Ausführungen. 

Ich  habe  bisher  absichtlich,  um  die  Sache  nicht  noch  weiter 
zu  compliciren,  vermieden,  auf  die  von  meinen  Vorgängern  über 
die  Entstehung  der  Pseudosepta  geäusserten  Ansichten  einzugehen. 
Gelegentlich  der  folgenden  Kritik  der  früheren  Deutungen  wird 
es  sich  heraussteilen,  dass  die  meinige  sich  in  mehrfachen  Punkten 
an  die  älteren  anlehnt,  wenn  sie  auch,  als  Ganzes  betrachtet, 
durchaus  selbstständig  ist. 

Bei  S.  P.  Woodward  x)  linden  wir  die  erste  Deutung  der 
Pseudoseptenbildung.  Nach  ihm  löste  sich  eine  die  inneren  Wände 
der  Luftkammern  auskleidende  Membren  ab  und  zog  sich  zu- 
sammen, so  dass  zwischen  ihr  und  den  Wänden  ein  Zwischenraum, 
in  welchen  der  Schlamm  nicht  eindringen  konnte,  blieb.  Der 
Schlamm  nahm  seinen  Weg  bei  Actinoceras  vom  Sipho  aus  durch 
Blutgefässe , worunter  die  eigenthümlich  radial  angeordneten 
Zwischenräume  zwischen  den  »anneaux  obstructeurs«  Barrande’s 
zu  verstehen  sind.  In  anderen  Fällen *  2)  drang  der  Schlamm  durch 
den  in  den  hinteren  Kammern  unvollständigen  (indem  sein  »tube« 
nur  ein  Drittel  der  Kammerhöhe  einnahm)  Sipho  in  den  von  den 
»lining  membranes«  übrig  gelassenen  Raum  ein.  Wir  haben  also 
bereits  hier  die  von  allen  (ausser  Barrande)  Forschern,  welche 
sich  mit  dem  Gegenstände  befasst  haben,  festgehaltene  Behauptung, 
dass  die  Pseudosepta  wirkliche  Membranen  seien.  Ich  muss  ge- 
stehen, das  Grundprincip  der  WoODWARD’schen  Deutung  erschien 
mir  am  Anfang  meiner  Untersuchungen  sehr  einleuchtend,  zumal 
ja  eine  die  inneren  Wände  der  Luftkammern  auskleidende  Mem- 
bran wirklich  später  entdeckt  wurde.  Jedoch  hat  mich  nach 
vielen  Bemühungen,  den  von  dem  englischen  Forscher  nicht  ge- 
gebenen Beweis  zu  liefern  — ich  habe  versucht,  das  Fehlen  der 
erdigen  Septalhäutchen  auf  den  normalen  Septen  zu  beweisen, 


')  Manual  of  Mollusca  1851  p.  82. 

2)  Wood  ward,  Quart.  Journ.  geol.  Soc.  185G,  XII,  p.  378. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


213 


wann  die  Pseudosepta  entwickelt  sind  — die  Erwägung,  dass  die 
WooDWARü’sche  Deutung  für  die  begleitenden  Erscheinungen  der 
Faltung  etc.  unzureichend  ist,  bewogen,  dieselbe  aufzugeben. 

Barrande  *)  bestreitet  1857  die  Möglichkeit  einer  sieb  ab- 
lösenden und  zusammenziehenden  Haut,  da  dergleichen  an  Nau- 
tilus nie  beobachtet  wäre.  Er  erklärt  die  von  Woodward  beob- 
achteten Erscheinungen  als  »eigentbümliche  Fälle  von  Ausfüllung, 
entweder  durch  Krystallisation  im  Innern  oder  durch  mechanische 
Eintreibung  von  Schlamm  von  aussen  her.«  Jedoch  bereits  zwei 
Jahre  später  beschreibt  Barrande *  2)  eine  ganze  Reibe  von  Er- 
scheinungen, die  in  eine  Kategorie  mit  der  Pseudoseptenbildung 
fallen,  wie  ich  oben  nachgewiesen  habe.  Im  Jahre  1877  führte3) 
er  seine  früheren  Beschreibungen  weiter  aus  und  kommt  zu  fol- 
gender Theorie  über  die  Entstehung  des  »depöt  organique«:  »Au 
moment  oü  la  cloison  est  terminee,  la  faculte  de  secretion  est 
suspendue  sur  une  grande  partie  de  la  surface  du  fond  du  man- 
teau,  tandisqu’elle  persiste  sur  l’autre.  D’apres  la  position  ci-des- 
sus  etablie  du  depöt  organique,  c’est  la  region  ventrale  qui  con- 
serve  la  faculte  de  secretion,  mais  non  plus  avec  la  meme  uniformite, 
car  le  produit  qui  en  resulte  est  irregulier,  et  contraste  avec  la 
regularite  du  cloison.  A mesure  que  ce  produit  recouvre  la 
moitie  ventrale,  en  s’etendant  meine  peu  ä peu  sur  la  moitie  dor- 
sale, avec  une  epaisseur  reduite,  le  fond  du  sac  se  trouve  gra- 
duellement  bossele  et  souleve,  de  sorte  qu’une  partie  de  sa  sur- 
face ne  repose  plus  immediatement  sur  la  cloison,  mais  sur  le 
depöt  qui  se  forme.  Cette  accumulation  de  la  substance  secretee 
se  continue  jusq'au  retour  de  l’epoque  periodique  de  la  progression 
du  mollusque  vers  le  haut.  Alors,  le  manteau  se  detache  ä la  fois, 
mais  lentement,  de  toute  la  surface  sur  la  quelle  il  reposait  et  se 
trouvant  libre,  il  reprend  sa  forme  arrondie.  Des  ce  moment,  au- 
cune  secretion  ne  peut  s’ajouter  ä la  masse  deposee  sur  la  cloison, 
qui  vient  d’etre  abandonne.  Mais  comme  la  secretion  continue, 

’)  Neues  Jahrb.  f.  Mineralogie  1857,  S.  679  ff. 

2)  Bull.  soc.  geol.  de  France  ser.  2,  XVI,  p.  828  und  Neues  Jahrb.  f. 
Mineralogie  etc.  1859,  p.  780. 

3)  Syst.  sil.  II,  4 p.  264  sqcj. 


214 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


le  produit  solide  qui  en  resulte  reste  fixe  ä la  calotte  eile  meine 
du  manteau,  pendant  la  progression.  Seulement,  comme  le  bord 
de  la  surface  reste  en  contact  avec  la  paroi  ventrale  du  test  de  la 
coquille,  cette  paroi  continue  a recevoir  la  matiere  exsudee,  jus- 
qu’ä  ce  que  le  mollusque  s’arrete  dans  sa  prochaine  Station.« 
Barrande’s  Theorie  von  einem  Ilinübergreifen  der  Kalksecretion 
in  das  Wachsthumstadium  ist  die  Grundlage  meiner  eben  ausein- 
andergesetzten Deutung  der  Pseudoseptallamellen.  Barrande 
nimmt  allerdings  an,  dass,  wenn  vorderes  und  hinteres  depot  or- 
ganique  entwickelt  sind,  die  Absonderung  während  der  ganzen 
Wachsthumperiode  persistirt  habe;  die  Beobachtung  jedoch,  dass 
an  nordeuropäischen  Silurcephalopoden  beide  nach  vorne  resp. 
hinten  von  einer  distincten  Begrenzungsschicht,  dem  Pseudoseptum, 
gegen  das  Kammerlumen  abgeschlossen  sind,  führt  zur  Annahme  eines 
Intermittirens  der  Kalksecretion  während  der  Wachsthumsperiode. 

Mascke  a)  erwähnt  gelegentlich  seiner  Beschreibung  des  Genus 
Clinoceras  bei  perfecten  Lituiten  und  einer  Gruppe  der  regulären 
Orthoceratiten  (cfr.  Orth,  dimidiatum ) das  Auftreten  von  Längs- 
wänden, welche  bis  zum  Sipho  reichen.  Es  sind  dies  unsere  Ver- 
ticallamellen.  Ferner  bespricht  er  die  Bildung  des  depot  organique 
und  kommt  dabei  zu  einer  anderen  Erklärungsweise  wie  Barrande. 
»Nach  diesem  ist  das  »depot  organique«  ein  spontanes  Erzeugniss 
des  Organismus,  müsste  also  in  gleich  grossen  Gehäusen  der 
gleichen  Species  vorschreiten  und  dürfte  in  keinem  Gehäuse 
ganz  fehlen.  Es  giebt  nun  aber  Orthocerengehäuse  ohne  depot 
organique.  . . . Da  nun  Barrande  für  keines  der  von  ihm  dieser- 
halb  besprochenen  Gehäuse  die  Unverletztheit  testirt  und  unter 
circa  300  Nautilidengehäusen,  welche  vorliegen,  auch  keins  befind- 
lich ist,  in  welchem  das  »depot  organique«  bei  unverletztem 
Hinterende  vorkommt,  so  steht  der  Annahme  nichts  entgegen,  dass 
seine  Bildung  erst  begann,  nachdem  und  weil  eine  Verletzung  des 
Nucleus  und  der  Anheftestelle  des  Sipho  in  demselben  oder  den 
hinteren  Kammern  überhaupt  stattgefunden  hatte  ...  War  auf 


!)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1876,  xxviii,  S.  53. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


215 


irgend  eine  Weise  eine  Verletzung  des  Nucleus  vorgekommen,  so 
füllten  sich  zuerst  die  hinteren  und  allmählich  mehr  und  mehr 
Kammern  durch  Infiltration  von  dem  freiliegenden  Septum  aus 
mit  Wasser,  an  welches  dann  der  Sipho,  vielleicht  in  erhöhtem  Maasse, 
die  Ausscheidung  abgab,  welche  sonst  zur  Siphonalscheide  ver- 
wandt wurde.  Aus  der  so  entstandenen  Lösung  setzten  sich  die 
festen  Bestandtheile  an  den  gleichartigen  Kammerwänden  und  der 
Siphonalscheide  ab  und  bildeten  eine  allmählich  an  Dicke  zu- 
nehmende, hornig  - kalkige  Incrustation,  an  deren  Bildung  die 
Lebensthätigkeit  nur  in  direct  betheiligt  war.« 

Zunächst  bemerke  ich,  dass  es  mir,  nach  der  Abbildung 
Mascke’s  (Taf.  I,  Fig.  1 c)  zu  urtheilen,  gewagt  erscheint,  die 
Kalkincrustation  der  Kammern  bei  Clinoceras  für  depot  organique 
zu  erklären,  da  Barrande  ausdrücklich  bemerkt,  dass  dasselbe 
sich  nie  um  den  Sipho  in  ganzer  Rundung  ablagere.  Eine  der- 
artige von  Mascke  abgebildete  Erscheinung  mag  vielleicht  durch 
Eindringen  kalkhaltiger  Wässer  in  verletzte  Schalen  entstanden 
sein ; dagegen  muss  ich  mich  gegen  seine  Theorie  der  Entstehung 
des  wirklichen  depot  organique  auf  das  entschiedenste  erklären, 
da  dieselbe  einen  vom  Nautilus  wesentlich  abweichenden  Bau  der 
Siphonalscheide  involvirt.  Auch  in  den  jüngsten  Kammern  ist  hier 
das  Sipholumen  durch  theils  vollständig  verkalkte,  theils  hornig- 
kalkige Wände,  innerhalb  welcher  sich  der  häutige  Sipho  befindet, 
von  dem  Kammerlumen  getrennt  und  alle  Beobachtungen  sprechen 
dafür,  dass  diese  Verhältnisse  die  gleichen  bei  palaeozoischen  Ortho- 
ceren,  wenn  ihre  Luftkammern  auch  mit  den  Horizontallamellen  aus- 
gekleidet waren,  gewesen  sind.  Ausserdem  ist  gegen  die  MASCKFÄche 
Deutung  zu  erinnern,  dass  jede  Kalkabsonderung  bei  den  Mollusken 
als  Substrat  ein  organisches  Gewebe  verlangt,  wesshalb  sie  in  der 
Form  von  Membranen  auftritt,  und  dass  eine  Abgabe  von  kohlen- 
saurem Kalk  an  die  äussere  Umgebung  erst  zu  beweisen  ist. 

Ferner  ist  die  MASCKE’sche  Theorie  unvereinbar  mit  den 
Erscheinungen  der  Faltung  und  erklärt  ganz  und  garniclit  das 
Auftreten  pseudoseptaler  Membranen,  wie  sie  mit  dem  depot  or- 
ganique verbunden  sind. 


216 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


Dewitz  1)  hat  sich  in  verschiedenen  Publicationen  mit  der 
Entstehung  der  von  ihm  »Hilfskamm erwände«  genannten  Gebilde 
beschäftigt.  Die  Erscheinung  selbst  bezeichnet  er  als  »Doppel- 
kammerung«  und  giebt  folgende  Erklärung:  »Diese  Doppelkam- 
kamerung  wurde  von  dem  Thier  wohl  folgendermaassen  zu  Stande 
gebracht.  Nehmen  wir  an,  es  hat  eine  Kammerwand  ausgeschieden; 
es  rückte  dann  mit  seinem  Ringmuskel  in  der  Wohnkammer,  welche 
inzwischen  durch  die  Ausscheidung  des  vorderen  Mantelrandes 
nach  vorne  verlängert  war,  um  eine  Kammerlänge  vor;  der  Sipho 
verlängerte  sich  jedoch  nicht.  Das  auf  der  Kammerwand  einen 
Kugeltheil  (wenigstens  annähernd)  darstellende  hintere  Körperende 
musste  sich  natürlich,  da  der  Annulus  um  eine  Kammerlänge  vor- 
gerückt, der  Sipho  jedoch  um  nichts  verlängert  war,  mehr  kegel- 
förmig ausziehen  und  in  Falten  schlagen,  welche  vom  Sipho  nach 
dem  Annulus  liefen.  In  dieser  Form  schied  das  hintere  Körper- 
ende die  Hilfskammerwand  ab.  Jetzt  erst  verlängerte  sich  der 
Sipho  um  eine  Kammerlänge,  das  hintere  Körperende  zog  sich 
wieder  zu  einem  Kugeltheile  zusammen  und  schied  die  neue 
Kammerwand  aus,  welche  dieselbe  Nahtlinie  hat  wie  die  Hilfs- 
kammerwand, da  der  Annulus  inzwischen  nicht  weiter  rückte. 
Bei  der  Verlängerung  des  Sipho  wurden  zunächst  die  in  der  Nähe 
desselben  liegenden,  mittleren  Partieen  der  hinteren  Körperenden 
nach  vorne  gehoben,  während  die  vom  Sipho  entfernter,  dem  An- 
nulus zunächst  liegenden  Theile  noch  auf  der  Hilfskammerwand 
verblieben.  Die  abgehobenen  centralen  Theile  schieden  dann 
eine  von  der  alten  Hilfskammerwand  sich  abzweigende  neue  aus, 
und  so  sehen  wir  die  Hilfskammerwände  im  Durchschnitt  dicho- 
tomisch  gegabelt.« 

Gegen  diese  Ausführungen  Dewitz'  habe  ich  mehrfach  Be- 
denken zu  erheben.  Erstens  bemerke  ich,  dass  ich  in  den  von 
mir  angefertigten  Längsschnitten  von  stark  - konischen  Lituiten, 
an  denen  Dewitz  seine  Beobachtungen  gemacht  hat,  nur  als  Aus- 
nahme die  Gestalt  seiner  Hilfskammerwände  so  gefunden  habe, 

')  Zeitschr.  f.  d.  ges.  Naturw.  Halle  1878,  Bd.  51,  S.  295  ff.  — Schrift,  d. 
physik. - oekon.  Gesellscli.  Königsberg  1879,  Bd.  20,  S 1 80 ff.  — Zeitschr.  d. 
Deutsch,  geol.  Ges.  1880,  Bd.  32,  S.  384  ff. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


217 


wie  er  sie  in  seiner  Figur  1,  Tafel  XIII  abbildet  und  wie  es  seine 
Deutung;  verlangt.  Nach  seiner  Abbildung  erscheint  nämlich  das 
Pseudoseptum  als  eine  nur  wenig  gekrümmte  Linie,  die  sich  fast 
in  der  Diagonale  der  Kammerhälfte  von  der  vorderen  Oeffnuug 
der  siphonalen  Durchbohrung  nach  der  vorderen  Kammerecke 
erstreckt.  Die  mir  vorliegenden  Präparate  ergeben  dagegen  im 
grossen  Ganzen  ein  Bild,  wie  es  Holm  1.  c.  Taf.  IV,  Fig.  3 und 
Taf.  V,  Fig.  2 darstellt,  wo  die  Pseudosepta  sich  in  halber 
Kammerhöhe  an  den  Sipho  in  einem  stumpfen  bis  rechten1) 
Winkel  anlegen,  und  nur  als  Ausnahme  erscheint  der  Fall,  dass 
sich  das  Pseudoseptum  direct  nach  der  siphonalen  Durchbohrung 
des  Septum  heraufzieht.  Hieraus  folgt,  bei  Bildung  der  Hilfs- 
kammerwand hatte  sich  meistens  auch  der  Sipho  bereits  um  ein  Stück 
verlängert  und  war  ebenso  wie  der  Annulus  vorgerückt.  Die  Beob- 
achtungen, welche  zu  der  Annahme  von  Wachsthumsdifferenzen 
zwischen  Sipho  und  Annulus  zu  führen  scheinen , erklären  sich 
vielmehr  auf  anderem  Wege,  nämlich  dadurch,  dass  die  hintere 
Körperfläche  nebst  der  siphonalen  Hülle  als  deren  directer  Ver- 
längerung den  Spannungen,  welche  durch  die  ungleichmässige 
Abscheidung  der  Horizontallamelle  und  die  Bildung  der  Pseudo- 
septalfalte,  die  Dewitz  an  Ancistroceras  nicht  bekannt,  aber 
jedenfalls  an  seinen  Stücken  auch  vorhanden  war,  verursacht  wurden, 
nachgeben  musste  und  so  gezwungen  war,  die  ursprüngliche  Ka- 
lottenform aufzugeben. 

Als  ganz  unzureichend  erweist  sich  die  DEWiTz’sche  Deutung 
der  Pseudosepta,  wenn  man  sie  auf  die  Erscheinungsweise  der- 
selben in  den  vorderen  Kammern  der  Lituiten,  wie  sie  auf  Taf.  VIII, 
Fig.  2 dargestellt  ist,  anzuwenden  versucht.  Falls  man  hier  an- 
nehmen wollte,  dass  der  Mantel  sofort  um  eine  ganze  Kammer- 
höhe vorgerückt  wäre,  so  müsste  das  hintere  Pseudoseptum  nur 
der  eigentlich  septalen  Fläche  des  normalen  Septum  entsprechen, 
während  es  jedoch  augenscheinlich  dieser  Fläche  und  dem  Ansatz- 
ring des  Septum  an  die  äussere  Schale  gleichwertig  ist.  Der 


b Sehr  selten  ist  dieser  Winkel  ein  spitzer,  so  dass  sich  das  hintere 
Pseudoseptum  statt  nach  hinten  herauf,  nach  vorne  herabzieht. 


218 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


Mantel  kann  daher  hier  nur  um  die  Entfernung  von  dem  Vorder- 
rande des  Ansatzringes  bis  zur  nächsten  Kammernahtlinie  vor- 
gerückt sein,  eine  Entfernung,  die  durchschnittlich  ebenso  gross, 
wie  die  zwischen  Pseudoseptum  und  Septum  in  der  Nähe  des 
Sipho,  ist;  Annulus  und  Sipho  haben  sich  hier  um  das  gleiche 
Stück  vorgeschoben. 

Gegen  die  Ansicht  Dewitz’,  dass  die  Septa  schon  bei  Leb- 
zeiten des  Thieres  aufgelöst  und  durch  die  Hilfskammerwände 
ersetzt  wurden,  habe  ich  mich  oben  x)  gewandt. 

Dewitz  erwähnt  auch  das  Auftreten  von  Leisten,  die  in  die 
Luftkammern  hineinragen,  bei  Orth.  Berendti  Dewitz  und  schreibt 
sie  der  Bildung  einer  Mantelfalte  zu,  auf  deren  Entstehung  er 
jedoch  nicht  eingeht. 

Die  MASCKE’schen  und  DEWU'z’schen  Beobachtungen  sind 
von  Noetling  und  Holm  wiederholt  und  erweitert  worden. 
Ersterer*  2)  hat  jedoch  keine  zusammenhängende  Erörterung  der 
Entstehung  der  Pseudosepta  gegeben.  Aus  seinen  kurzen  An- 
deutungen geht  hervor,  dass  seine  Ansichten  wesentlich  den 
meinigen  entsprechen.  So  sagt  er  nach  Beschreibung  der 

Gefässspuren  bei  Lit.  lituus : »Zieht  man  in  Erwägung,  was 
Waagen  über  die  Beschaffenheit  mancher  Septa  bei  Nautilus 
ne  sagt  hat,  so  muss  man  die  Ueberzeugung  gewinnen,  dass  hier 
die  Eindrücke  von  Gefässen  vorliegen.  . . . Giebt  man  dies  zu, 
so  ist  die  kristallinische  Schicht  als  eine  secundäre  Ausscheidung 
des  zur  Zeit  ungemein  blutreichen  Mantels  aufzufassen«.  Wes- 
halb sich  Noetling  trotz  dieser  Auffassung  gegen  die  Behauptung 
Mascke’s  wendet,  dass  die  Verticallamellen  depöt  organique  seien, 
ist  nicht  einzusehen.  Die  von  ihm  angeführten  Gründe,  Barrande 
habe  niemals  Gefässeindrüeke  und  eine  Umhüllung  des  Sipho 
durch  das  depöt  gesehen,  beweisen  nur,  dass  die  von  Barrande 
untersuchten  Stücke  dergleichen  Erscheinungen  vielleicht  wegen 
der  ungeeigneten  Erhaltung  nicht  aufweisen,  wie  er  ja  auch  in 
der  an  Arten  und  Individuen  so  reichen  Fauna  des  Böhmischen 

')  Seite  204  Anm.  ')• 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  XXXIV,  1882,  S.  184  und  Jakrb.  d.  Kgl. 
Preuss.  geolog.  Landesanstalt  für  18S3,  S.  132. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


219 


Silurbeckens  nie  ein  Verwachsungsband  gesehen  hat,  dessen  Spuren 
bei  nordeuropäischen  Silurcephalopoden  nicht  selten  beobachtet 
werden. 

Holm  1)  ist  auf  Grund  seiner  Untersuchungen  zu  einer  voll- 
ständig originellen  Theorie  über  die  Entstehung  der  Pseudosepta 
gelangt:  »Die  Verlängerung  des  Gehäuses  an  der  Mündung  er- 
folgte ununterbrochen  und  langsam,  das  Vorrücken  und  die  Aus- 
scheidung eines  Septum  dagegen  periodisch  und  schneller.  Es  ist 
nicht  wahrscheinlich,  dass  sich  der  Siphonaistrang  bei  Formen 
mit  engem  Sipho  beim  Vorrücken  des  Thieres  ganz  loslöste  und 
in  seiner  ganzen  Länge  mit  vorgeschoben  wurde;  man  darf  viel- 
mehr annehmen,  dass  seine  Verlängerung  nur  am  Ausgange  des 
Mantels  und  in  dem  dem  Mantel  zunächst  liegenden  Theil  statt- 
fand. Der  Zuwachs,  welcher  eine  solche  Verlängerung  und  Vor- 
Schiebung  ermöglichte,  ging  wahrscheinlich,  wie  der  Zuwachs  des 
Körpers  allmählich  und  ununterbrochen  vor  sich.  Bei  dem  perio- 
dischen Vorrücken  schob  sich  das  Thier  in  der  Wohnkammer  um 
die  Höhe  der  neuen  Luftkammern  vor.  Die  Hautschicht  des 
Mantels,  welche  das  hintere,  gewölbte  Körperende  bekleidete  .... 
löste  sich  vom  Septum  und  der  Aussenwand  des  Gehäuses«. 
Ich  glaube,  Holm  richtig  verstanden  zu  haben,  wenn  ich  seine 
Auseinandersetzung  in  folgender  Weise  etwas  schärfer  ausdrticke: 
Die  Verlängerung  des  Gehäuses  an  der  Mündung  und  die  Ver- 
längerung  des  Sipho  erfolgten  allmählich  und  ununterbrochen,  das 
Losrücken  des  Mantelhinterendes  von  dem  alten  Septum  und  Ab- 
sonderung eines  neuen  dagegen  periodisch.  Es  wäre  wohl  denk- 
bar, dass  zwischen  dem  vorderen  und  hinteren  Theil  des  Mantels 
insofern  ein  Unterschied  in  den  Wachsthumsverhältnissen  statt 
hätte,  dass  während  der  Mantelrand  ständig  fortwuchs,  Mantel- 
hinterende  und  Sipho  in  der  alten  Stellung  verharrten  und  dass 
in  Folge  der  dadurch  eingetretenen  Spannung  letztere  zu  einem 
periodischen  Loslösen  resp.  periodischen  Fortwachsen  gezwungen 
waren,  aber  dass  eine  derartige  Differenz  am  hinteren  Körper- 
ende selbst  vorhanden  war,  dass  der  Sipho  sich  verlängerte, 


9 Paläontolog.  Abhandlungen,  herausgeg.  von  Dames  u.  Kayser  III,  1,  S.  26. 


220 


Henry  Schröder,  Psoudoseptale  Bildungen 


während  das  Mantelhinterende  noch  in  seiner  alten  Lage  blieb, 
ist  unverständlich  und  widerspricht  vollkommen  den  Ansichten, 
die  Woodward,  Keferstein,  Waagen,  Barrande  und  Andere 
über  das  Vorschreiten  des  Nautilusthieres  in  seinem  Gehäuse 
geäussert  haben.  Diametral  entgegengesetzt  ist  die  HoLM’sche 
Annahme  der  DEWiTz'schen , dass  das  Wachsthum  des  Sipho 
bei  Bildung  der  Pseudosepta  hinter  dem  Vorrücken  des  Körper- 
endes zurückgeblieben  sei. 

Die  Pseudosepta  erklärt  Holm  folgendermaassen : Die  Haut- 
schicht des  Mantelhinterendes  bestand  bei  der  Ablösung  von  dem 
Septum  aus  einer  Doppelmembran;  der  Sipho  verlängerte  sich 
an  zwei  Stellen,  erstens,  wo  er  dem  alten  Septum  und  zweitens,  wo 
er  dem  Mantel  eingefügt  war;  durch  ersteren  Vorgang  wurde  die 
Doppelmembran  von  dem  alten  Septum,  durch  letzteren  von  dem 
Mantel  abgehoben  und  war  so  etwa  in  halber  Höhe  der  in 
Bildung  begi'iffenen  Luftkammer  an  dem  Sipho  befestigt.  Dadurch 
dass  sich  der  Sipho  auch  in  dieser  Befestigungsebene  verlängerte, 
wurden  die  beiden  Blätter  der  Doppelmembran  oft  ein  wenig  aus- 
einandergezogen. — Die  Existenz  einer  Doppelmembran  am 
Mantelhinterende,  das  Abstossen  derselben  und  das  Wachsthum 
des  Sipho  an  drei  verschiedenen  Stellen  erscheint  so  gezwungen  und 
entbehrt  so  aller  Analogieen  mit  Mollusken  überhaupt  und  speciell 
mit  Nautilus,  auf  welchen  uns  sämmtliche  Beobachtungen  an  paläo- 
zoischen Cephalopoden  hinweisen,  dass  jede  andere  Deutung  vor 
ihr  den  Vorzug  der  Natürlichkeit  und  grösseren  Wahrscheinlichkeit 
besitzt. 

Gegen  die  Deutung,  die  IIolm  für  die  Verticallamellen  in 
Anwendung  bringen  will,  habe  ich  mich  oben  S.  171  gewandt. 

C.  Ueber  Barrande's  Reparation  de  la  troncature  normale 
gu  periodique  de  la  coquille  . 

Die  an  Orth.  Berendti  gewonnenen  Erfahrungen  führten  mich 

O O 

zu  der  Vermuthung,  dass  die  von  Barrande  als  »reparation  de  la 
troncature  normale  ou  periodique«  an  Orthoceras  truncatum  und 
anderen  Cephalopoden  gedeutete  Erscheinung  auf  die  gleichen 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


221 


Eigentümlichkeiten  der  Pseudoseptenbildung  zurückzuführen  sei. 
Fest  davon  überzeugt,  dass  meine  der  BARRANDE’schen  Erklärung 
entgegengesetzte  Vermutung  lediglich  auf  einer  verschiedenen 
Deutung  der  Thatsachen  beruhen  würde,  war  ich  nicht  wenig  er- 
staunt, als  sich  bei  genauer  Betrachtung  der  Originalstücke  auch 
eine  Differenz  in  der  Beobachtung  herausstellt. 

Barrande  x)  beobachtete  nämlich,  dass  das  Hinterende  vieler 
Exemplare  von  Orthoceren  und  auch  einiger  gekrümmten  Cepha- 
lopoden calottenartig  abgestumpft  sei  und  dass  die  Oberfläche 
dieser  stumpfen  Endigungen  vollständig  in  die  äussere  Schalen- 
membran übergehe,  so  dass  beide  von  einer  zusammenhängenden 
Membran  bekleidet  zu  sein  scheinen.  In  den  Endigungen  gibt  er 
drei  resp.  vier  von  einander  getrennte  Lagen  an , deren  Sculptur 
in  vielen  Fällen  sich  durch  grosse  Regelmässigkeit  auszeichnet. 
Der  Umstand,  dass  er  diese  Erscheinungen  nie  in  mehreren 
Kammern  hintereinander,  sondern  nur  in  den  eigenthümlich  stumpfen 
Endigungen  beobachtete,  veraulasste  ilm  zu  folgender  Deutung: 
Das  Orthoceras  - Individuum  stiess  zufällig  oder  absichtlich  eine 
oder  mehrere  Luftkammern  des  Hinterendes  ab;  der  hierdurch 
verursachte  Bruchrand  wurde  alsdann,  um  das  Thier  vor  etwa 
eindringendem  Wasser  zu  schützen,  verheilt,  indem  sich  von  der 
Wohnkammeröffnung  her  zwei  Arme  nach  hinten  herumsch lugen 
und  dort  von  einer  ringförmigen  Linie  (ligne  de  soudure)  ab  die 
schützenden  Membranen  absonderten. 

Meine  Beobachtungen,  die  ich  an  den  von  Herrn  Prof.  Noväk 
mir  giitigst  übersandten  Originalexemplaren  machen  konnte,  haben 
mich  nun  gelehrt,  dass  die  Oberfläche  der  äusseren  Schale  und 
der  abgestumpften  Endigungen  durchaus  nicht  völlig  in  einander 
übergehen,  sondern  vielmehr  häufig  durch  deutliche  Bruchlinien 
von  einander  getrennt  sind. 

Orth,  truncatum  gehört  unter  die  regulären  Orthoceratiten 
mit  schwach  elliptischem  Querschnitt.  Der  Sipho  liegt  etwas  ex- 
centrisch  in  der  grösseren  Axe.  Die  Wölbung  jeder  Kammerwand 


')  Syst.  sil.  IT,  4,  p.  291.  — Bull.  Soc.  geol.  France,  ser.  2,  XVII,  p.  573.  — 
Neues  Jalirb.  f.  Mineralogie  etc.  1860  S.  641. 


222 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


ist  sehr  bedeutend  und  Schwankungen  unterworfen,  die  jedoch  in 
sofern  gesetzmässig  sind,  als  die  hinteren  Septen  stärker  gewölbt 
erscheinen  und  der  Uebergang  in  die  schwächere  Wölbung  der 
vorderen  Septa  ein  allmählicher  ist.  Der  von  Barrande  PL  343, 
fig.  15  abgebildete  Längsschnitt,  dessen  Original  mir  vorliegt, 
zeigt  das  Yerhältniss  auf  das  Deutlichste:  die  vordersten  vier  Septa 
weisen  eine  gleiche  Wölbung  auf,  die  fünfte  lässt  bereits  eine  Er- 
höhung derselben  erkennen,  die  bei  der  sechsten  bedeutend  hervor- 
tritt !). 

Die  Kammern  sind  im  Allgemeinen  sehr  niedrig,  doch  be- 
merkt man  auch  hierin  ein  Schwanken  namentlich  in  der  Richtung, 
dass  die  älteren  die  höchsten  sind.  Man  vergleiche  hierzu  das  bei 
Orth.  Berendti  S.  173  Gesagte. 

Die  Abstumpfung  des  Hinterendes  ist  symmetrisch  nach  ihrem 
etwas  excentrischen  Höhepunkt  ausgezogen,  wobei  jedoch  der  Ab- 
fall nach  der  Siplionalseite  bedeutend  steiler  wird  als  nach  der 
Antisiphonalseite.  Auf  ihrem  Höhepunkt  wird  die  Oberfläche 
kreisförmig  unterbrochen.  An  dem  Exemplar  PI.  343,  fig.  4 — G 
hat  die  Unterbrechung  3 Millimeter  Durchmesser,  von  der  Peri- 
pherie derselben  aus  bemerkt  man  zuerst  einen  mehr  glatten  Ring 
von  0,5  Millimeter  Breite,  eingefasst  von  zwei  feinen  Kanten, 
während  das  Centrum  durch  eine  rauhe  Oberfläche  gegen  die 
glatte  Endigung  absticht.  Aehnlich  verhält  sich  PI.  342,  fig.  2 
und  PI.  344,  fig.  1 — 3;  dagegen  ist  das  Centrum  an  PI.  343, 
fig.  1 — 3 nur  von  einer  0,5  Millimeter  grossen  Grube  durchbohrt. 
An  den  anderen  Stücken  sind  diese  Verhältnisse  wegen  der 
schlechten  Erhaltung  nicht  deutlich. 

Die  Oberfläche  der  Abstumpfung  ist  entweder  glatt  (PI.  312, 
fig.  2 und  hoc  loco  Tafi.  VIII,  Fig.  3),  was  nach  Barrande’s  aus- 
drücklicher Bemerkung  als  Regel  gilt,  oder  mit  einer  eigenthüm- 
lichen  Sculptur  versehen;  am  häufigsten  (PI.  344,  fig.  1 — 3;  343, 
fig.  4 — 6;  343,  fig.  1 — 3)  treten  feine  concentrische  Linien  (h.  1. 
Taf.  VIII,  Fig.  5)  auf,  die  jedoch  wegen  ihres  unregelmässig 

*)  Barrande,  I.  c.  ii,  4 p.  200  bemerkt:  »Le  bombement  des  cloisons  est  un 
element  tres- variable  non  seulement  entre  les  diverses  especes  d’un  meme  genre, 
mais  encore  dans  la  longueur  d’un  meme  individu.« 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


223 


zackigen  Verlaufes  und  ihrer  gleichen  Begrenzung  nicht  an  eine 
Oberflächensculptur  erinnern.  An  dem  grössten  Stück  (PL  341, 
fig.  15  — 18)  kann  man  beobachten,  dass  diese  Sculptur  von 
grösseren  Wärzchen,  die  kräftiger  als  die  die  Zwischenräume 
ausfüllenden,  kleinern  entwickelt  und  in  concentrischen  Reihen  au- 
geordnet sind,  herrührt.  An  zwei  diametral  gegenüberstehenden 
Seiten,  die  jedoch  nicht  immer  in  die  Symmetrieebene  fallen,  sind 
die  Reihen  zu  spitzen  Winkeln  nach  oben  gebogen.  Nach  hinten 
und  nach  vorne  sind  die  Wärzchen  schwächer,  ja  zwischen  der 
in  dieser  Weise  sculpturirten  Oberfläche  und  der  »ligne  de  sou- 
dure«  (m  in  Fig.  5,  Taf.  VIII)  ist  stets  ein  mehr  oder  minder 
breiter  Ring  vollständig  glatt. 

Die  glatte  Oberfläche  der  Abstumpfung  führt  Barrande  auf 
eine  »quatrieme  Operation  du  mollusque  ä combler  les  vides  ou 
sillons  creux,  qui  restent  entre  les  stries  transverses  de  la  calotte 
terminale«  zurück.  Thatsächlich  beobachtbar  ist  nur,  dass  glatte 
und  concentrische  Sculptur  in  verschieden  starker  Entwicklung  an 
verschiedenen  Individuen  getrennt  und  an  demselben  Individuum 
gleichzeitig  auf  der  hinteren  Begrenzung  der  Abstumpfuug  auf- 
treten  können.  Die  eben  geschilderte  Fläche  entspricht  also 
nach  der  Beobachtung  Barrandes  »couche  terminale,  lisse«  und 
»couche  ornee  des  stries  transverses«  zugleich. 

Au  den  Exemplaren  (PI.  343,  fig.  11  — 12;  343,  fig.  14;  343, 
fig.  15  und  h.  1.  Taf.  VIII,  Fig.  4)  ist  die  Sculptur  etwas  anders 
beschaffen,  obwohl  es  zweifellos  ist,  dass  wir  hier  die  äusserste 
Fläche  der  Abstumpfung  vor  uns  haben.  Statt  der  concentrischen 
Warzenreihen  treten  radiale,  sehr  feine,  aber  ebenfalls  nicht  glatte 
Linien  auf,  die  direct  bis  an  die  Linie  m (ligne  de  soudnre)  heran- 
treten, ohne  durch  einen  glatten  Ring  getrennt  zu  sein.  Der  Scheitel 
der  Abstumpfung  ist  hier  nur  zu  einer  kleinen  Vertiefung  eingesenkt. 

An  mehreren  Exemplaren  ist  die  äussere  Hülle  der  Endigung 
abgebrochen  und  gestattet  einen  Einblick  in  den  inneren  Bau  der 
Abstumpfung.  An  den  Stücken  PI.  343,  flg.  1 — 3;  341,  fig.  13 — 14 
und  344,  fig.  4 bemerkt  man,  dass  dieselbe  äusserlich  von  einer 
circa  1 Millimeter  dicke  Kalkspathlage  (Taf.  VIII,  Fig.  5 xtt)  be- 
kleidet ist,  welche  sich  von  dem  aus  derber  Kalkmasse  bestehenden 


224 


Henry  Schrödre,  Pseudoseptale  Bildungen 


Kern  scharf  abhebt.  Wo  die  innere  Ausfüllung  der  Abstumpfung 
Kalkspath  ist,  sticht  derselbe  durch  seine  intensiv  weisse  Farbe 
gegen  die  dunkle,  hintere  Kalkspathlage  ab. 

Die  Oberfläche  dieses  Kernes  (k  der  Taf.  VIII,  Fig.  5 und 
depöt  conique  Barrande’s),  die  concentrisch  mit  der  äusseren 
Abstumpfung  verläuft,  ist  für  das  unbewaffnete  Auge  nahezu  glatt, 
erst  unter  der  Lupe  bemerkt  man  an  PI.  343,  fig.  14  und  343, 
fig.  1 — 3 eine  zierliche  Radialstreifung.  An  zwei  Exemplaren 
PI.  344,  fig.  4 und  341,  fig.  13—14  verläuft  auf  der  Siphonalseite 
jedoch  nicht  genau  in  der  Mediane  eine  feine  Furche  vom  Scheitel 
zum  vorderen  Rande  der  Ausfüllungsmasse.  Noch  complicirter 
sind  die  Stücke  PI.  341,  fig.  1 — 5 und  341,  fig.  6 — 10  gebaut;  an 
ersterem  ist  der  mützenartige  Kern  hinten  nicht  so  gleiclnnässig  ge- 
wölbt, es  lässt  sich  vielmehr  eine  randliche,  stark  gewölbte  Partie 
von  einer  flacheren,  eingezogenen  unterscheiden,  die  nach  hinten  in 
eine  stielartige,  centrale  Verlängerung  ausläuft;  letztere  in  der  Rich- 
tung der  Mediane  gestreckt,  verursacht  aufSiphonal-  und  Antisipho- 
nalseite  eine  zum  vorderen  Rande  herabgehende,  radiale  Hervor- 
wölbung; die  antisiphonale  ist  kräftiger  und  breiter,  dagegen  die 
schwächere  siphonale  durch  eine  deutliche  Längsfurche  ausge- 
zeichnet. Die  radiale  Streifung  der  Oberfläche  ist  hier  besonders 
deutlich  und  zierlich,  aber  bei  weitem  nicht  in  der  Regelmässigkeit, 
wie  sie  die  Barrande  sehe  Abbildung  PI.  341,  fig.  3 angiebt.  Die 
vordere  Begrenzung  des  Ausfüllungskernes  wird  entweder  durch 
die  convexe  Fläche  der  letzten  Kammerwand  gebildet  (PI.  341, 
fig.  6 — 10)  oder  es  legt  sich  zwischen  beide  noch  eine  ca.  1 Milli- 
meter starke  Kalkspathlage  (PI.  341,  fig.  1 — 5 und  h.  1.  Taf.  VIII, 
Fig.  5 xa),  die  alsdann  ebenfalls  eine  radiale,  aber  bei  weitem  nicht 
so  ausgeprägte  Sculptur  auf  ihrer  hinteren  Fläche  trägt. 

Bei  einem  Vergleich  mit  den  oben  beschriebenen  Erschei- 
nungen von  Orth.  Berendti  etc.  drängt  sich  die  Ueberzeugung  auf, 
dass  die  beiden  mit  Radialsculptur  und  Furchen  gezierten  Flächen 
(couche  ornee  de  stries  regulieres,  longitudinales  Barrande’s)  den 
pseudoseptalen  Membranen  entsprechen,  dass  die  hintere,  durch 
ihre  dunkle  Farbe  dem  depöt  orgauique  gleichende  und  die  vor- 
dere, selten  entwickelte  Kalkspathlage  die  Horizontallamellen  sind 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


225 


und  ferner,  dass  das  depöt  conique  als  solches  nur  die  Ausfüllung 
einer  mit  pseudoseptalen  Bildungen  ausgekleideten  Kammer  ist. 

Nach  Barrande  soll  die  Oberfläche  der  Abstumpfung  direct 
in  die  äussere  Schalenoberfläche  übergehen,  beide  sind  nach  ihm 
nur  durch  eine  feine  Linie  (ligne  de  soudure,  m in  Taf.  VIII,  Fig.  3 
und  4),  welche  der  Nahtlinie  parallel  läuft,  von  einander  getrennt. 
Das  eigentliche  Wesen  dieser  Linie  wird  an  einem  der  Barrande’- 

Ö 

sehen  Anschliffe  PI.  343,  hg.  15  klar;  hier  trifft  nämlich  diese  deut- 
lich sichtbare  Linie  der  äusseren  Oberfläche  genau  auf  den  Punkt, 
in  welchem  die  Grenze  zwischen  dem  aus  weissem  Kalkspath  be- 
stehenden Kern  der  Kammerausfüllung  und  der  äusseren,  dunkleren 
Kalkspathumhüllung  an  der  äusseren  Begrenzung  des  Steinkernes 
ausgeht.  Dieser  Punkt  liegt  etwas  hinter  dem  Ausgehenden  des 
Kammerseptum  d.  h.  der  Nahtlinie,  von  der  er  durch  eine  Strecke 
dunklen  Kalkspatlis  getrennt  ist,  der  sich  in  einer  sehr  dünnen 
Lage  über  die  letzte  Kammerwand  ausdehnt.  Ist  diese  letztere 
Kalkspathlage  nicht  entwickelt,  so  fällt  die  »ligne  de  soudure«  mit 
der  Nahtlinie  zusammen. 

Erstere  markirt  sich  um  so  mehr,  als  vor  ihr  die  Oberfläche 
in  einem  ca.  3 Millimeter  breiten  Ringe  (x  bis  m)  eine  etwas 
rauhe  Beschaffenheit  erhält  und  weil  von  ihr  nach  vorne  die 
Schale  sich  ein  wenig  erweitert,  um  dann  in  die  äussere  Schalen- 
oberfläche überzugehen.  Das  Verhalten  macht  den  Eindruck,  als 
ob  hier  an  den  Orthoceraskern  eine  abgedachte  Membran  angelegt 
ist.  Au  der  »ligne  de  soudure«  erscheint  das  Ausgehende  dieser 
Membran  abgeschülfert  und  darunter  kommt  eine  vollständig  glatte 
Fläche  zum  Vorschein.  Nach  vorne  setzt  dieser  schmale  Ring  mit 
einem  deutlichen,  unregelmässigen  Bruchrand  (x)  gegen  die  äussere 
Schalschicht  ab,  deren  Sculptur  nur  bis  an  denselben  herangeht. 
Am  schärfsten  ist  diese  Erscheinung  an  PI.  343,  fig.  14  (h.  1. 
Taf.  VIII,  Fig.  4),  wo  die  erhabenen  Linien  der  Schalenoberfläche 
in  spitzen  Winkeln  gegen  den  Bruchrand  absetzen,  aber  auch 
PI.  342,  fig.  2 und  andere  zeigen  dies  Verhalten  mit  grosser  Deut- 
lichkeit. 

Der  Vergleich  mit  den  Beobachtungen  über  die  Pseudoseptal- 
bildungen  an  Orthoceren  aus  verschiedenen  Formationen  und  ver- 


Jahrbuch  lb87. 


15 


226 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungen 


schiedenen  Bezirken  führt  mich  nun  zu  folgender  Deutung  der 
eben  kurz  beschriebenen  Erscheinungen  an  den  böhmischen 
Orthocereu. 

Die  an  dem  auf  Taf.  VI,  Fig.  1 c abgebildeten  Exemplar  von 
Orth.  Berendti  beobachtete  Sculptur , die  sich  in  9 Kammern 
wiederholt  und  die  ich  mehrfach  an  anderen,  dem  nordeuropäi- 
scheu  Silur  entstammenden  Individuen  beobachtet  habe,  gleicht 
vollkommen  derjenigen,  welche  Barrande  an  seiner  »couche  ornee 
des  stries  regulieres,  longitudinales«  in  den  abgestumpften  Endi- 
gungen seines  Orth,  truncatum  beschreibt.  Dieselbe  entspricht  dem 
Pseudoseptum  (ait  resp.  aa),  ihre  auf  der  Siphonalseite  mehrfach 
von  Barrande  constatirte  Furche  den  Pseudoseptalfalten  bei  Orth. 
Berendti , Etheridgii , planiseptatum  etc.  Die  in  der  Mehrzahl  der 
Fälle  glatte  Oberfläche  der  Endigung  deute  ich  als  Bruchfläche 
des  normalen  Kammerseptum;  ist  dieselbe  ausnahmsweise  sculp- 
turirt,  so  haben  wir  uns  hinter  derselben  noch  eine  feine  Membran 
mit  concentrisch  angeordneten  oder  vor  derselben  eine  Membran 
mit  radialgestellten  Wärzchen  resp.  Fältchen  zu  denken;  diese 
Membranen  sind  die  Septalhäutchen  des  normalen  Septums.  Die 
dunkle  Kalkspathlage,  welche  die  Abstumpfung  hinten  bekleidet, 
ist  die  Pseudoseptallamelle  (depöt  organique,  /7t),  und  das  »depöt 
conique«  stellt  nichts  Anderes  als  die  Ausfüllungsmasse  (k)  des  von 
den  Pseudoseptallamellen  freigelassenen  Kammerlumens  dar.  Die 
starke  Wölbung  der  Abstumpfung  erklärt  sich  einfach  aus  der 
stärkeren  Wölbung  der  hinteren  Kammerwände  und  der  grösseren 
Höhe  der  hinteren  Kammern  (vergl.  S.  173  u.  222). 

An  den  beiden  Längsschnitten  PI.  342,  fig.  6 und  PI.  343, 
fig.  15  verschliesst  die  dunkle  Kalkspathlage  auch  die  Stelle,  wo 
unter  normalen  Verhältnissen  der  Siplio  durch  die  Kammerwand 
gehen  musste.  Dieser  vollständige  Abschluss  ist  dadurch  ver- 

O •-> 

anlasst,  dass  ausser  den  Pseudoseptallamellen  im  Innern  der 
Kammer  auch  im  Sipho  eine  Ablagerung  von  organischen  Kalk- 
massen vor  sich  gegangen  ist,  wie  sie  ähnlich  Barrande  als 
»anneaux  obstructeurs  etc.«  beschrieben  hat.  Hierdurch  gerieth 
das  Thier  noch  zu  Lebzeiten  ausser  allem  organischen  Zusammen- 
hang mit  den  hinteren  Kammern.  Die  Schale  derselben  wurde  in 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


227 


Folge  dessen  hinfällig  und  stiess  sich,  ebenso  wie  bei  Gastro- 
poden  a),  welche  die  ersten  Umgänge  ihres  Gehäuses  verlassen 
und  hinter  sich  Scheidewände  bilden,  ab.  Hieraus  erklärt  sich 
der  Umstand,  dass  Barrande  nie  an  mehreren  hintereinander 
liegenden  Kammern  die  oben  geschilderten  Membranen  und  Sculp- 
turen  beobachtet  hat,  womit  noch  nicht  gesagt  ist,  dass  diese 
Beobachtung;  nicht  doch  noch  einstmals  im  Böhmischen  Silur  ge- 
macht  wird. 

Barrandes  Deutung  und  die  meinige  stehen  sich  insofern 
einander  gegenüber,  als  er  die  Bildung  der  verschiedenen  »couches« 
und  des  »depöt  conique«  für  eine  Folge  der  Abstossung  der  Schale 
hält,  während  ich  sie  für  die  Ursache  derselben  erkläre. 


Fig.  4. 


Den  Vorgang  der  Abstossung  (troncature  normale  ou  perio- 
dique  de  la  coquille)  stelle  ich  mir  folgendermaassen  vor:  Hinter 
einer  an  sich  schon  höheren  und  mit  sehr  convexem  hinterem 
Septum  (sp)  versehenen  Luftkammer,  in  welcher  sich  bereits  ein 
oder  zwei  Pseudoseptallamellen  (xtt  und  za)  und  Pseudosepta 
(a tt  und  aoc)  gebildet  hatten,  brachen  die  Schale  und  die  dahinter 


')  Bronn,  Klassen  und  Ordnungen  des  Thierreiches  III,  2,  S.  891  u.  909. 


228 


Henry  Schröder,  Pseudoseptale  Bildungei 


liegenden  Kammern  ab.  Der  Bruch  ging  in  einer  Linie,  die  in 
der  nebenanstehenden  Zeichnung  angedeutet  ist,  bei  x durch  die 
äussere  Schalenmembran,  von  x bis  m schräg  durch  die  innere 
und  dann  längs  des  Septalringes  und  des  Septum,  falls  die  hintere 
Fläche  glatt  ist.  Wenn  die  Abstumpfung  eine  coneentrische  Sculptur 
aufweist,  ging  die  Bruchlinie  längs  des  warzig  entwickelten  hinteren 
Septalhäutchens  (x — m — x^),  zeigt  sie  dagegen  radiäre,  längs  des 
vorderen  (x — m — X2).  Die  coneentrische  Sculptur  der  hinteren, 

die  radiäre  der  vorderen  Membran  des  Septums  zuzurechnen, 
bestimmt  mich  der  Umstand,  dass  die  erstere  von  der  Linie  m 
durch  eine  Zone  getrennt  ist,  welche  der  Ansatzfläche  des  Septal- 
ringes an  die  innere  Schale  entspricht  und  in  Folge  dessen  glatt 
ist,  und  dass  die  radiale  Sculptur  direct  bis  an  die  Linie  m heran- 
geht, bis  wohin  ja  auch  das  vordere  Septalhäutchen  sich  ausdehnen 
muss.  Ferner  ist  bei  concentrischer  Sculptur  auf  dem  Höhen- 
punkt der  Abstumpfung  ein  glatter,  von  zwei  feinen  Kanten 
eingefasster  Ring  entwickelt,  welcher  die  Bruchfläche  der  Siphonal- 
dute  darstellt x). 

Lieber  die  beiden  anderen  Orthocerenspecies,  disjunctum  und 
pleurotomum , und  ebenso  über  die  ganze  Familie  der  Ascoceratidae , 
an  denen  Barrande  die  gleiche  Erscheinung  wie  bei  Orth,  trun- 
catuni  erwähnt,  erlaube  ich  mir  kein  Urtheil,  da  mir  kein  Material 
zur  Nachuntersuchung  zu  Gebote  steht.  Betreffs  der  beiden 
mir  vorliegenden  Gomphoceren  bemerke  ich,  dass  an  Gomphoceras 
Alphaeus  Barr.  PI.  83,  fig.  6 nur  eine  beträchtliche  Verdickung 
der  letzten  Kammerwand  zu  beobachten  ist  und  dass  die  äussere 
Schale  mit  einem  deutlichen  Bruchrande  über  dieselbe  hinausragt. 
Die  Endigung  von  Gomphoceras- decurtatum  Barr.  PI.  75,  fig.  13 
ist  dagegen  beschädigt,  so  dass  man  etwas  Bestimmtes  über  den 
Bau  derselben  nicht  aussagen  kann. 

Die  Hypothese  Barrande’s,  dass  das  Orthoceras-Thier  lange, 
an  ihrem  Ende  verbreiterte  Arme  besessen  habe,  um  die  Reparatur 
des  hinteren  Bruchrandes  zu  vollziehen,  und  ebenso  diejenige 


l)  Vergl.  S.  226. 


in  den  Kammern  fossiler  Cephalopoden. 


229 


Hyatt’s,  der  eher  an  eine  Verlängerung  der  Kopf-Kappe  denken 
möchte,  wozu  Zittel  j)  bemerkt,  dass  jede  dieser  Hypothesen  »eine 
wesentliche  Verschiedenheit  des  Orthoceras-Thieres  von  jenem  des 
Nautilus«  voraussetzt,  fallen  selbstverständlich  mit  der  Annahme 
meiner  Deutung. 

Den  Satz  Barrande’s,  welchen  man  als  Resultat  seiner  Aus- 
einandersetzung über  die  »reparation  de  la  troncature«  betrachten 
kann:  »Dans  tous  les  cas,  l’etude  cjue  nous  venons  de  faire  nous 
indique  suffisamment , que  la  forme  des  Nautilides  paleozoiques 
ne  saurait  etre  conyue  rigoureusement  d’apres  le  modele  des  Nautils 
vivants«  halte  ich  nur  mit  ganz  besonderer  Betonung  des  »rigoureuse- 
ment« für  berechtigt.  Alle  bisherigen  Beobachtungen,  die  einen 
Schluss  von  dem  Bau  der  Schale  auf  den  des  Thieres  gestatten, 
drängen  zu  dem  Endresultat,  dass  die  Weichtheile  der  palaeozoi- 
schen  Nautiliden  in  keinem  wesentlichen  Punkte  von  denen  der 
lebenden  Gattung  Nautilus  abwichen. 

')  Handbuch  der  Palaeontologie  I,  2,  S.  359. 


Ueber  Sclilackenkegel  und  Laven. 

Ein  Beitrag  zur  Lehre  vom  Vulkanismus. 
Von  Herrn  J.  G.  Bornemann  in  Eisenach. 

(Hierzu  Tafel  IX  u.  X.) 


Die  Schmelzprocesse  der  Schlacken  in  Hochöfen  und  das 
Wesen  der  Laven  in  thätigen  Vulkanen  haben  soviel  Ver- 
wandtes in  ihren  Erscheinungen,  dass  Vergleiche  zwischen  beiden 
wohl  geeignet  sind,  uns  besser,  als  vieles  Andere,  den  Weg  zur 
Erklärung  mancher  Verhältnisse  des  Vulkanismus  zu  zeigen. 

Das  Ausfli essen  der  Schlacken  aus  dem  Ofen  und  der  Aus- 
bruch eines  Lavastromes  aus  einer  Kraterspalte  sind  einander  sehr 
ähnliche  Vorgänge.  In  beiden  Fällen  besteht  die  glühendflüssige 
Masse  vorwaltend  aus  geschmolzenen  Silicaten  von  glasiger  Be- 
schaffenheit, und  aus  der  Glasmasse  scheiden  sich  mehr  oder 
weniger  krystallinische  oder  krystallisirte  Mineralsubstanzen  aus, 
je  nachdem  die  längere  oder  kürzere  Zeitdauer  bis  zur  Erstarrung 
die  molekulare  Veränderung  des  homogenen  Magmas  zulässt. 

Die  bei  dem  Festwerden  der  geschmolzenen  Massen  statt- 
findenden Bewegungen,  Formbildungen  und  Kraftäusserungen  ge- 
statten uns  hier,  wie  dort  Schlüsse  auf  den  inneren  Zusammenhang 
der  chemischen  und  physikalischen  Vorgänge;  aber  das,  was  uns 
in  den  grossen  Verhältnissen  der  Vulkane  oft  unnahbar  und  der 
Beobachtung  entrückt  bleibt,  ist  im  engeren  Raume  der  Hütte  zu- 
gänglich und  sicher  zu  controliren. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlaekenkegel  und  Laven. 


231 


Gelegentlich  eines  Besuches,  den  ich  im  Herbst  1876  in  Be- 
gleitung meines  Sohnes  L.  Georg  in  den  Stolberger  Hüttenwerken 
machte,  sahen  wir  bei  dem  Ablassen  der  Bleischlacken  aus  dem 
Hochofen  Vorgänge,  welche  in  treuester  Weise  Lavaströme  und 
vulkanische  Auswurfskegel  im  Kleinen  nachahmten  und  wegen 
ihrer  Analogie  mit  den  grossen  geologischen  Phänomenen  eine 
ausführliche  Besprechung  verdienen. 

Aehnliches  mag  zuweileir  auch  in  anderen  Hüttenwerken  vor- 
gekommen sein  — in  der  Clausthaler  Silberhütte  sah  ich  einen 
kleinen  Schlackenkegel  gleichen  Ursprungs,  aber  von  unvollkom- 
mener Gestalt  — indessen  die  näheren  Umstände  des  Verfahrens 
beim  Ablassen  der  Schlacken  mögen  wohl  kaum  irgendwo  für  das 
vulkanologische  Experiment  so  günstig  gewesen  sein,  als  damals  in 
der  Stolberger  Hütte. 

In  belgischen  Bleihütten  liess  man  schon  damals  die  Schlacken 
in  konische,  leicht  fahrbare  Tiegel  von  Eisen  laufen,  welche  von 
einem  Arbeiter  aus  dem  Vorraum  der  Hütte  in’s  Freie  geführt 
und  umgestürzt  wurden.  Die  Schlacken  erkalten  dort  rascher, 
sie  lassen  sich  leicht  zerschlagen  und  stören  nicht  durch  Hitze, 
Rauch  und  Staub  den  Aufenthalt  in  der  Hütte.  In  manchen 
deutschen  Hütten  lässt  man  die  Schlacken  einfach  auf  den  ebenen 
Boden  vor  dem  Ofen  laufen  und  beseitigt  sie  von  dort. 

Bei  diesem  Verfahren  bilden  sich  keine  dicken,  zusammen- 
hängenden Massen  und  die  Schlacken  erstarren  rasch  und  ohne 
erhebliche  Ausscheidungen. 

In  der  Stolberger  Hütte  hatte  man  dagegen  sehr  grosse  fahr- 
bare Pfannen  zum  Auffangen  der  Schlacke  gewählt,  ein  Verfahren, 
welches  wegen  der  Schwerfälligkeit  des  Apparates  und  der  lang- 
samen Erkaltung  in  technischer  Beziehung  jedenfalls  unzweckmässig 
war.  Gerade  dieser  Umstand,  dass  die  flüssige  Schlacke  in  grosse 
Gefässe  gesammelt  wurde  und  eine  dicke  langsam  erstarrende 
Masse  bildete,  gab  aber  dort  Veranlassung  zu  einem  sehr  über- 
sichtlich zu  beobachtenden  Vorgänge,  einem  vulcanologischen  Ex- 
periment von  blendender  Schönheit,  welches  sichere  und  weitgehende 
Folgerungen  für  die  Geologie  der  Vulkane  gestattete.  Die  Pro- 
ducte  waren  prachtvolle  Exemplare  von  Schlackenkegeln,  allmäh- 


232 


J.  G.  Bornemans,  lieber  Scklackenkegel  und  Laven. 


lieh  aufgebaut  mit  allen  Einzelnheiten  der  Erscheinungen,  wie  wir 
sie  an  den  parasitischen  Auswurfskegeln  der  Lavaströme  kennen. 
Die  Schlacken  kamen  sehr  flüssig  aus  dem  Ofen.  Nach  dem 
Volllaufen  der  Gefässe  trat  bald  die  Erstarrung  der  dabei  etwas 
convex  anschwellenden  Oberfläche  der  flüssigen  Masse  ein,  dann 
bildeten  sich  Risse  durch  Zusammenziehung  der  glasigen  Kruste 
und  Ausdehnung  des  umschlossenen  flüssigen  Magmas.  Die  Risse 
waren  einzeln,  meridianartig  oder  diametral  von  einem  Rande  der 
Pfanne  bis  zum  andern  laufend,  zuweilen  auch  mehrere,  oder  mit 
seitlicher  Abzweigung. 

Aus  den  Rissen  quoll  glühend  flüssige  Schlacke  hervor  und 
erstarrte  in  Gestalt  von  Rippen  oder  deckenartigen  Ausbreitungen, 
wodurch  sich  die  Spalten  wieder  schlossen.  Nur  eine  oder  wenige 
Stellen  blieben  offen,  gestalteten  sich  zu  runden  Löchern  und  ver- 
mittelten längere  Zeit  hindurch  das  Austreten  flüssiger  Schlacke 
aus  dem  Innern,  wodurch  sich  nun  ein  einzelner  oder  mehrere,  in 
einer  Reihe  stehende  Kegel  bildeten.  Stossweise,  mit  längeren 
oder  kürzeren  Pausen  wurde  glühend  flüssige  Masse  aus  den  Oeff- 
nungen  herausgetrieben  und  floss  nach  allen  Seiten  über  den  Rand 
des  kleinen  Kraters,  mantelförmig  oder  kappenförmig  die  Kegel 
umgebend  und  vergrössernd.  Mit  dem  Höherwerden  der  Kegel 
nahmen  die  Schlackenströme  mehr  einseitige  Richtungen  an  und 
lieferten  getreue  Modelle  von  Lavaströmen,  die  kleinen  zuweilen 
mit  ganz  glatter  Kruste  erstarrend,  die  grösseren  mit  runzlicher 
und  faltiger  Oberfläche,  an  den  Rändern  die  gedrehten  Formen 
der  Stricklava  nachahmend. 

Dann  änderte  sich  die  Art  der  Thätigkeit;  statt  des  ruhigen 
Ausfliessens  erfolgten  kleine  Explosionen,  allmählich  an  Intensität 
zunehmend.  Flüssige  Schlacke  wurde  in  die  Höhe  geschleudert 
und  fiel  auf  den  Talus  des  Kegels  zurück,  in  schmalen  Streifen 
herabfliessend.  Manche  Tropfen  flogen  wohl  50  Centimeter  hoch 
über  die  Krateröffnung  hinaus  und  hefteten  sich,  beim  Niederfallen 
noch  weich,  in  Gestalt  kleiner  Kuchen  an  die  Fläche  des  Kegels. 
Nach  dem  Aufhören  dieser  Eruptionen  rauchte  der  hohle  Schlund 
des  Miniaturvulkans  noch  längere  Zeit  hindurch  und  der  aus 
Metalloxyden,  besonders  Zinkoxyd,  bestehende  Rauch  setzte  sich 


J.  G.  Bornemann,  Geber  Schlack enkegel  und  Laven.  233 

als  eine  weisse  Kruste  am  oberen  Rande  der  schwarzen  Mün- 
dung fest. 

Das  schöne  Schauspiel  fesselte  lange  Zeit  unsere  Aufmerk- 
samkeit, und  Herr  Generaldirektor  Landsberg1),  welcher  uns  selbst 
bei  diesem  Besuche  begleitete,  hatte  die  Güte,  den  schönsten 
Kegel,  welcher  sich  als  ein  kleiner  Centralvulkan  auf  einer  der 
Schlackenpfannen  vor  unsern  Augen  gebildet  hatte,  nach  dem 
völligen  Erkalten  für  mich  sorgfältig  ablösen  zu  lassen,  denn  sonst 
gingen  die  spröden  Kegel  bei  der  weiteren  Behandlung  in  Stücke. 

Der  wohlerhaltene  Kegel,  welchen  ich  als  ein  instructives 
Modell  eines  Vulkans  aufbewahre 2) , ist  auf  Taf.  IX  in  halber 
Grösse  photographirt  dargestellt.  Er  hat  eine  Höhe  von  12,5  Centi- 
metern.  Die  etwas  convexe,  im  Umriss  unregelmässig  elliptische 
Grundfläche,  mit  welcher  er  auf  der  ersten  Erstarrungskruste  der 
Schlacke  aufgesessen  hatte,  war  durch  eine  Oxydhaut  von  derselben 
getrennt  und  leicht  abgelöst  worden.  Die  Durchmesser  der  Basis 
sind  17  und  23  Centimeter.  Der  centrale  Eruptionskanal  ist  hold, 
von  elliptischem  Querschnitt,  unten  mit  2,5  und  3 Centimeter 
Weite,  nach  oben  conisch  verengert,  an  der  Mündung  1,5  und 
2,4  Centimeter  weit.  Die  innere  Wandfläche  des  Kanals  ist  in 
der  unteren  Hälfte  ziemlich  regelmässig  gestaltet  und  wenig  rauh; 
in  der  oberen  Hälfte  befinden  sich  unregelmässige  Ausbuchtungen 
und  Erweiterungen  der  Röhre. 

Beim  Erkalten  des  Kegels  haben  sich  mehrere  verticale  Sprünge 
gebildet,  welche  vom  Canal  ausgehen,  hier  am  weitesten  klaffen 
und  radial  gegen  den  Mantel  verlaufen,  meist  ohne  dessen  Aussen- 
fläche  zu  erreichen.  Sie  sind  Erkaltungsrisse  der  sich  ungleich 


*)  Dieser  thatkräftige  Leiter  der  Stolberger  Gesellschaft,  welcher  das  grosse 
Unternehmen  viele  Jahre  hindurch  und  zum  Theil  unter  schwierigen  Verhältnissen 
geführt  hat,  starb  an  einem  plötzlichen  Schlaganfall,  welcher  ihn  in  der  diesjäh- 
rigen Generalversammlung  seiner  Gesellschaft  ereilte. 

2)  Eine  spätere  Anfrage  bei  der  Stolberger  Hütte,  um  noch  mehrere  solcher 
Exemplare  zu  erhalten,  blieb  erfolglos.  In  der  Antwort  hiess  es,  sie  bildeten  sich 
nicht  mehr  und  man  sei  froh  darüber,  denn  sie  seien  ein  Zeichen,  dass  der  Gang 
des  Ofens  ein  mangelhafter  gewesen  gei,  was  in  der  Art  der  Beschickung  seinen 
Grund  habe.  Vielleicht  hatte  man  auch  die  Methode  des  Schlackenablassens  ge- 
ändert. 


234 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Scklackenkegel  und  Laven. 


zusammenziehenden  festen  Massen  und  vergegenwärtigen  im  Kleinen 
die  Gangspalten  der  Eruptivgänge,  welche  wir  an  den  Steilwänden 
der  Kratere  Lava-  und  Aschenschichten  vertikal  durchsetzen  und 
von  jüngeren  Eruptivgesteinen  erfüllt  sehen. 

Zur  Untersuchung  der  mikroskopischen  Structur  der  Schlacke 
wurde  ein  Dünnschliff  quer  zu  einem  der  zuletzt  aus  dem  Kegel 
ausgetretenen  und  bis  zur  Basis  gelaufenen  Schlacken strömehen 
gemacht,  und  zwar  von  einer  Stelle  nahe  am  unteren  Ende  des- 
selben. 

Die  äusserlich  ganz  schwarze  Schlacke  zeigte  sich  im  Innern 
erfüllt  von  langgestreckten,  wasserhellen  Krystallen,  welche  mit  der 
sie  umgebenden  schwarzen,  in  sehr  dünnen  Lamellen  bräunlich 
durchscheinenden  Glasmasse  den  Bestand  der  Schlacke  ausmachen. 
Die  äussere  Kruste  ist  ganz  von  dichter  Glassubstanz  gebildet; 
im  Innern  walten  die  farblosen  Krystalle  vor;  in  der  Mitte  be- 
finden sich  auch  Hohlräume,  in  welche  Krystalle  hineinragen. 

Das  farblose  Mineral  ist  rhombisch  und  zeigt  mit  seinen 
schwarzen  Kernen  und  Interpositionen  derselben  Masse  eine  sehr 
grosse  Aehnlichkeit  mit  den  Form  Verhältnissen  des  Chiastolith, 
von  dem  es  sich  aber  durch  andere  Eigenschaften  unterscheidet. 
Es  ist  in  Säuren  ziemlich  leicht  auflöslich.  Der  Kiesel  Säuregehalt 
der  Schlacke  wurde  = 30  pCt.  gefunden. 

Ein  besonderes  Interesse  verleiht  diesen  Schlacke  n- 
kegeln  der  Stolberger  Bleihütte  der  Umstand,  dass  ihre  Ent- 
stehung gänzlich  ohne  die  Mitwirkung;  von  Wasser  oder 
Wasser  dampf  vor  sich  ging  und  dabei  eine  vollkommene  Ana- 
logie der  Erscheinungen  mit  vulcanischen  Eruptionen  stattfand. 
Sie  beweisen,  dass  alle  diejenigen  Kraftäusserungen, 
welch  e wir  bei  der  erstarrenden  Lava  beobachten, 
ohne  die  Mitwirkung;  des  Wassers  zu  Stande  kommen 
können  und  dass  andere  Motoren  wirksam  sein  müssen, 
welche  in  der  ersten  Phase  der  Eruption  den  ruhigen 
Auftrieb  der  feurig  flüssigen  Masse,  in  der  zweiten  das 
Schlackigwerden  der  erstarrenden  Schmelzmasse,  die 
Detonationen  und  das  Ausschleudern  von  Schlacken- 
theilen  bewirken. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


2 35 


Die  Erweiterungen  des  Centralskanals  im  oberen  Theile  des 
Kegels,  welche  entstanden,  während  die  oberste  Auswurfsöffnung 
immer  eine  ziemlich  gleichbleibende  Grösse  behielt,  beweisen,  dass 
an  dieser  Stelle  die  nach  und  nach  an  der  Mündung  erstarrten 
Schlacken  durch  erhöhte  Temperatur  von  neuem  geschmolzen  und 
wiederholt  in  den  Kreis  der  Auswurfsthätiglceit  gezogen  worden 
sind,  bevor  der  Miniaturvulkan  zur  Ruhe  kam. 

Die  erkaltete  Bleischlacke  zeigt  auf  dem  Querbruche  zahl- 
reiche blasige  Hohlräume,  Luftblasen;  dieselben  sind  aber  nicht 
gleichmässig  durch  die  Masse  vertheilt.  Die  schnell  erkalteten 
Rinden  sind  dicht,  die  langsamer  erstarrten  inneren  Theile  sind 
blasig.  Die  kleinen  Ströme,  welche  als  flüssige  Schlacken  aus- 
geschleudert wurden  und  am  Talus  abwärts  flössen,  sind  an  ihren 
oberen  Theilen,  wo  die  Schlacke  noch  dünnflüssig  war,  als  eine 
zarte,  rasch  erkaltende  Rinde  mit  dichtem  Gefüge  und  glatter 
Oberfläche  erstarrt;  nach  unten  werden  sie  dicker  und  haben  eine 
rauhere  Oberfläche;  das  untere  Ende  ist  meistens  sackförmig  ge- 
staltet und  zeigt  gewöhnlich  auf  seiner  Oberseite  ein  Loch;  dieses 
ist  meist  von  einer  erhöhten  Umrandung  umgeben.  Alles  das 
sind  Dinge,  welche  bis  in  Einzelnheiten  mit  den  Vorgängen  bei 
den  auf  den  Lavaströmen  vorkommenden  Auswurfsöffnungen  zu 
vergleichen  sind. 

Die  Ursachen,  welche  die  Bewegungen  der  Massen  veranlassen 
und  jene  Formenverhältnisse  hervorbringen,  sind  complicirter  Natur, 
und  schon  die  Verschiedenheit  der  Phasen,  welche  wir  beim 
Schlackenkegel  der  Bleihütte  beobachten,  deutet  darauf  hin,  dass 
diese  Erscheinungen , durch  das  Zusammentreten  verschiedener 
Kräfte,  deren  Wirkungsweise  keine  gleichmässig  verlaufende  ist, 
zu  Stande  kommen  müssen. 

Das  Erstarren  der  Schlacken  geschieht  nicht  continuirlich, 
sondern  ruckweise  fortschreitend;  bei  jeder  Erstarrung  einer  Zone 
erfolgt  ein  Freiwerden  von  Wärme,  welche  die  Erstarrung  der 
nächsten  Zone  verzögert 1).  Es  folgt  also  eine  Pause  und  dann 


')  Analoge  Erscheinungen  sind  öfters  an  Lavaströmen  des  Vesuvs  beobachtet 
worden.  Pat.mieri  berichtet,  dass  an  mehreren  Stellen  an  bereits  erstarrter  Lava 
im  Fosse  della  Vetrana  ein  erneutes  Erglühen  stattfand  (Roth,  Vesuv,  p.  295,  304). 


236 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


ein  plötzliches  Weitergreifen  des  Erstarrungsprocesses,  und  so  ent- 
steht das  Schauspiel  einer  von  rythmischen  Pausen  unterbrochenen 
Thätigkeit. 

Mit  jeder  Temperaturveränderung  ist  auch  eine  Volumen- 
veränderung verbunden  und  es  werden  dadurch  Schwankungen 
in  Bezug  auf  die  Quantität  und  Zeitdauer  der  periodisch  aus- 
tretenden, feurig  flüssigen  Massen  bedingt. 

Die  Veränderung  des  Aggregatzustandes,  der  Uebergang  der 
geschmolzenen  Massen  in  den  starren  Zustand  ist  ebenfalls  von 
Volumenänderungen  begleitet;  es  ist  aber  nicht  gleichgültig,  ob 
dieser  Uebergang  schnell  oder  langsam  vor  sich  geht  und  im 
ersteren  Fall  mehr  glasige  oder  im  letzteren  mehr  krystallinische 
Struktur  der  Schlacke  oder  des  Gesteins  zur  Folge  hat. 

Der  leere  Eruptionskanal  des  Schlackenkegels  beweist,  dass 
beim  endlichen  Erkalten  der  inneren  Masse  sich  ihr  Volumen 
erheblich  verkleinert  hatte.  Diese  Verringerung  wurde  aber  nicht 
allein  durch  die  in  der  Masse  selbst  vorgehenden  molecularen 
Veränderungen  beim  Erkalten  bedingt,  sondern  durch  die  Mit- 
wirkung elastischer  Gase,  welche  in  der  flüssigen  Schlacke  gelöst 
waren  und  beim  Erstarren  ausgeschieden,  die  Blasenbildung,  das 
gewaltsame  Ausschleudern  vieler  Schlackentheile  und  schliesslich 
eine  grössere  Zusammenziehung  der  inneren,  noch  von  Blasen 
erfüllten  Schlacke  veranlasst  haben. 

Das  Verhalten  der  Gase  zu  glühenden  und  im  Feuer  schmel- 
zenden Körpern  bietet  viele  merkwürdige  Erscheinungen,  doch  ist 
unsere  Kenntniss  in  dieser  Beziehung  noch  sehr  lückenhaft,  weil 
sich  den  Beobachtungen  auf  diesem  Felde  sehr  viele  Schwierig- 
keiten entgegenstellen. 

Es  ist  eine  bekannte  Thatsache,  dass  glühende  und  geschmol- 
zene Metalle  für  Gase  durchdringbar  werden  und  solche  in  Menge 
in  sich  aufnehmen.  Glühendes  Platin  lässt  nur  Wasserstoff  hin- 
durch, nicht  aber  Sauerstoff1,  Stickstoff,  Wasserdampf  u s.  w. , es 
absorbirt  Wasserstoff  in  der  Rothglühhitze  und  hält  ihn  bei  nie- 
driger Temperatur  lange  gebunden.  In  viel  höherem  Grade  als 
Platin  absorbirt  Palladium  den  Wasserstoff.  Nach  Graham  nahm 


J.  G.  Bornemann,  lieber  Schlackenkegel  und  Laven. 


237 


schwammiges,  durch  Glühen  von  Palladiumcyanür  erhaltenes  Metall 
bei  200°  sein  686faches  Volumen  an  Wasserstoff’  in  sich  auf. 

Auch  Eisen  besitzt  die  Fähigkeit,  in  dunkler  Rothglühliitze 
Wasserstoff  und  Kohlenoxyd  zu  absorbiren  und  unter  anderen 
Umständen  wieder  abzugeben  1). 

Schmelzendes  Silber  nimmt  in  Berührung  mit  der  Luft  das 
20  fache  seines  Volumens  an  Sauerstoff  auf  und  scheidet  ihn  beim 
Erstarren  wieder  aus,  wodurch  plötzlich  eine  beträchtliche  Gas- 
entwickelung und  das  Wegschleudern  flüssiger  Metalltheile  be- 
wirkt wird.  Durch  langsames  Abkühlen  lässt  sich  das  »Spratzen« 
verhindern. 

Die  ähnlichen  beim  Kupferschmelzen  vorkommenden  Erschei- 
nungen, welche  das  Blasigwerden  des  Kupfers  und  das  Entstehen 
von  Spritzkupfer  bewirken,  sind  nach  Marci-iand  und  Scheerer 
ebenfalls  durch  eine  Sauerstoffabsorption  Seitens  des  flüssigen 
Kupfers,  nach  Böttger  durch  einen  Schwefelgehalt  desselben 
zu  erklären  2). 

Ebenso  wie  die  Metalle  sind  auch  geschmolzene  Silicatmassen 
für  Gase  durchdringbar.  Den  Ofenschlacken  ist  durch  die  Gebläse- 
luft und  die  sich  beim  Schmelzungs-  und  Verbrennungsproccss  im 
Ofen  bildenden  Gase  Gelegenheit  zur  Aufnahme  derselben  gegeben. 
Die  erstarrte  Kruste  ausfliessender  Schlacken  ist  für  die  Gase 
undurchlässig,  und  da  die  Aufnahmefähigkeit  für  sie  in  der  ge- 
schmolzenen Masse  eine  begrenzte  ist,  so  muss  bei  fortschreitender 
Erstarrung  in  der  verminderten  Menge  des  noch  Flüssigen  eine 
Concentration  der  aufgelösten  Gase  stattfinden,  gerade  so  wie  bei 
den  Salzen  einer  Mutterlauge.  Wird  die  Grenze  der  Absorptions- 
fähigkeit überstiegen,  so  scheiden  sich  die  Gase  in  Blasenform  aus. 
Bei  verengertem  Raum  und  Erhöhung  des  Drucks  der  bis  zur 

Jahresbericht  für  Chemie  XIX,  1866,  S.  48 — 51.  (Graham  hat  die  Meinung 
ausgesprochen,  dass  die  Absorption  der  Gase  durch  Metalle  nicht  ein  rein  physi- 
kalisches Phänomen  sei,  sondern  dass  die  Gase  durch  Verflüssigung  zwischen  den 
feinsten  molekularen  Poren  eindringen.) 

3)  cf.  Kerl,  Hüttenkunde  1855,  3a,  S.  183,  S.  199.  Nach  ersterer  Ansicht 
ist  es  der  entweichende  Sauerstoff,  nach  der  zweiten  die  aus  der  Wirkung  des 
Schwefels  auf  Kupferoxydul  oder  Schwefelsäure  auf  Kohle  entstehende  schweflige 
Säure,  welche  das  Steigen  hervorbringt. 


238 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


vollendeten  Erstarrung  zunehmenden  Gasausscheidung  sind  die 
Kräfte  gegeben,  welche  die  geräuschvollen  Eruptionserscheinungen 
der  zweiten  Phase  in  der  Bildung  der  beschriebenen  Schlacken- 
kegel bewirken  konnten. 

Da  hierbei  eine  Mitwirkung  von  Wasser  nicht  stattfand,  so 
wird  man  auch  bei  den  Vulkanen  in  kritischer  Weise  zu  unter- 
suchen haben,  in  wie  weit  dort  eine  Mitwirkung  von  Wasser  oder 
Wasserdampf  bei  Eruptionen  überhaupt  angenommen  werden  kann. 

In  der  landläufigen  Lehre  vom  Vulkanismus,  wie  sie  sich  aus 
den  älteren  Lehrbüchern  der  Geologie  in  viele  neuere  Werke  über- 
tragen hat,  wird  die  Bedeutung  des  Wassers  und  Wasserdampfs 
in  den  Vulkanen  noch  vielfach  verkannt.  Es  wird  dem  Wasser- 
dampf gewöhnlich  die  Rolle  als  treibende  Kraft  zugeschrieben,  die 
ihm  bei  Landvulkanen  nur  in  wenigen  ausserordentlichen  Fällen, 
in  der  Regel  nur  bei  submarinen  Vulkanen,  wirklich  zukommt. 

C.  F.  Naumann,  mein  trefflicher  Lehrer,  pflegte  in  seinem 
Colleg  über  physische  Geographie  eine  lebendige  Schilderung  der 
vulkanischen  Phänomene  zu  geben,  in  denen  er  sich  besonders 
von  den  phautasiereichen  Beschreibungen  L.  v.  Bucn’s  *)  leiten 
liess  und  der  Wasserdampf hypothese  huldigte.  Auch  bei  Be- 
arbeitung der  2.  Ausgabe  seines  Lehrbuchs  der  Geognosie  (1858) 
blieb  er  derselben  treu,  obgleich  er  bei  Benutzung  von  Deville’s 
Arbeiten  aus  dem  Jahre  1855  sich  des  Widerspruchs  der  neuen 
Resultate  gegen  jene  Theorie  bewusst  wurde *  2). 

Die  Lehre  von  der  wässerigen  Schmelzung,  von  dem  fried- 
liehen  Beisammensein  des  Wassers  und  Feuers,  wie  sie  in  den 
Schriften  von  Menard  de  la  Groye,  Poulett  Scrope,  Scheerer, 
Virlet  d'Aoust  und  Anderen  sich  entwickelt  hatte,  war  so  fest 
eingewurzelt,  dass  sie  nicht  leicht  wieder  beseitigt  werden,  sondern 
sogar  neue  Anhänger  finden  konnte. 

Bei  der  Schwefelgewinuung,  wenn  der  unter  Dampfdruck  ge- 
schmolzene, wasserhaltige  Schwefel  ausgegossen  wird  und  erkaltet, 
finden  auf  der  erstarrten  Oberfläche  kleine  Eruptionen  statt,  und 
es  bilden  sich  kleine  Kegel  und  überfliessende  Ströme,  welche  die 


')  Geogn.  Beobachtungen  auf  Reisen,  2.  Bd. 

2)  Naumann,  Geognosie  1858,  I,  S.  115  und  101. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  ScLilackenkegel  und  Laven. 


239 


Thätigkeit  eines  Vulkans  im  Kleinen  nachahmen,  v.  Hochstetter, 
welcher  diese  Erscheinungen  sehr  anschaulich  beschrieben  hat, 
glaubte  darin  auch  eine  Stütze  für  die  Ansicht  gefunden  zu  haben, 
dass  der  Wasserdampf  die  hauptsächlichste  Triebkraft  der  Vul- 
kane sei  J). 

In  ähnlicherWeise  haben  sich  andere  Geologen  ausgesprochen. 

Neumayr  bildet  Spratzkegel  von  Bleiglätte  2)  ab,  welche  in 
den  Hüttenwerken  von  Pribram  dadurch  erhalten  wurden,  dass 
die  flüssige  Glätte  auf  eine  nasse  und  kalte  Unterlage  aus- 
gegossen wurde.  Diese  Kegel  haben  Aehnlichkeit  mit  den  Ge- 
stalten der  Schlackenkegel  und  sind  ebenso  wie  die  kleinen 
Schwefelkegel  unter  Mitwirkung  von  Wasserdampf  entstanden; 
auch  sie  sollen  als  Belege  für  den  Hergang  bei  vulkanischen 
Erscheinungen  dienen.  An  anderer  Stelle 3)  wird  in  demselben 
Werke  angegeben,  die  geschmolzenen  Laven  führten  eine  un- 
geheure Menge  von  Wasserdampf  und  Kohlensäure,  welche  bei 
ihrem  Austreten  die  Bildung  von  Schlackenkegelu  auf  Lava- 
strömen  bewirken  sollen,  was  durchaus  unrichtig  ist. 

Auch  Credner  s 4)  weitverbreitetes  Lehrbuch  bringt  Aehnliches, 
indem  die  aufsteigende  Lava  mit  dem  im  Probirgläschen  kochenden 
Wasser  verglichen  und  auf  den  Zusammenhang  der  Vulkane  mit 
der  Meeresnähe  ein  besonderes  Gewicht  gelegt  wird  5). 

9 N.  Jahrbuch  f.  Min.  1871,  S.  469.  Es  heisst  dort:  »Es  ist  bekannt,  welche 
wichtige  Rolle  der  Wasserdampf  bei  den  Eruptionen  der  Vulkane  spielt.  Wasser- 
dämpfe sind  es,  welche  die  Lava  im  Kraterschlund  heben,  Wasserdämpfe  werden 
von  den  Lavaströmen  noch  ausgehaucht,  lange  nachdem  sie  schon  zu  fliessen 
aufgehört  haben,  oft  in  solcher  Menge,  dass  sie  zu  kleinen  secundären  Eruptionen 
auf  den  Lavaströmen  selbst  Veranlassung  gaben.  Von  eingeschlossenen  Wasser- 
dämpfen rührt  auch  die  blasige  Struktur  der  Lava  her,  wenn  sie  unter  geringem 
Druck  erstarrt.  Alle  diese  Thatsachen  (?)  beweisen,  dass  in  den  unterirdischen 
Herden  der  vulkanischen  Thätigkeit  die  Gesteinsmassen  nicht  in  einem  Zustande 
von  trockener  Schmelzung,  wie  geschmolzenes  Metall  sich  befinden,  sondern  in 
einem  Zustande  wässeriger  Schmelzung  unter  hohem  Druck  überhitzter  Wasser- 
dämpfe.« Dieselben  Darstellungen  finden  sich  in  der  Allgem.  Erdkunde  von 
Hann,  v.  Hochstetter,  Pokorny  (1886)  wiederholt. 

2)  Erdgeschichte  I,  S.  161- 

3)  Ebenda  S.  95. 

4)  Elemente  der  Geologie  1883. 

5)  ibid.  S.  157. 


240 


J.  Gr.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Gegen  die  alte  Lehre,  dass  die  Vulkane  mit  dem  Meere  in 
Zusammenhang  stehen  und  deshalb  stets  in  der  Nähe  der  Küsten 
oder  Wasserbecken  stehen  müssten,  hat  schon  A.  von  Humboldt  :) 
hervorgehoben,  dass  es  sehr  weit  vom  Meere  entfernte  Vulkane 
giebt;  und  bezüglich  des  aus  den  Kratern  hervorkommenden 
Wasserdampfes  schreibt  er:  »Wenn  ich  Alles  zusammenfasse,  was 
ich  der  eigenen  Anschauung  oder  fleissig  gesammelten  Thatsachen 
entnehmen  kann,  so  scheint  mir  in  dieser  verwickelten  Unter- 
suchung Alles  auf  den  Fragen  zu  beruhen:  ob  die  unleugbar  grosse 
Masse  von  Wasserdämpfen,  welche  die  Vulkane  selbst  im  Zustande 
der  Ruhe  aushauchen,  dem  mit  Salzen  geschwängerten  Meerwasser 
oder  nicht  vielmehr  den  sogenannten  süssen  Meteor- 
wassern ihren  Ursprung  verdanken.«* 2) 

Dass  bei  dem  denkwürdigen  Ausbruch  des  Krakatoa3)  im 
Jahre  1883,  welcher  ausserordentliche  Zerstörungen  anrichtete  und 
dessen  Kraftäusserungen  sich  weit  über  die  Erdoberfläche  fort- 
pflanzten, das  Meerwasser  und  die  Dampfkraft  eine  hervorragende 
Rolle  gespielt  haben,  wird  niemand  bezweifeln. 

Es  muss  dort  eine  directe  Berührung  des  Meerwassers  mit 
dem  feurigflüssigen  Magma  in  grossem  Maassstabe  stattgefunden 
haben,  durch  welche  eine  lange  Reihe  furchtbarer  Explosionen 
durch  plötzlich  sich  ausdehnende  Dampfmassen  und  eine  beispiel- 
los massenhafte  Zerstäubung  von  vulcanischem  Gesteiusmaterial 
bewirkt  wurde. 

Aehnlich  scheint  auch  der  Vorgang  bei  der  grossen  Kata- 
strophe gewesen  zu  sein,  welche  im  Juni  1876  die  Umgebung  des 
Rot omahanasees  umgestaltet  hat4).  Derselbe  begann  mit  einem 
Ausbruch  trockener  Aschen  aus  dem  Vulkan  Tarawera.  Darauf 
erst  wurden  die  umliegenden  Wassermassen  in  Mitleidenschaft  ge- 
zogen  und  die  Verwüstung  jener  merkwürdigen  Landschaft  voll- 


x)  Kosmos  I,  S.  255. 

2)  ibid.  S.  253. 

3)  cf.  N.  Jahrbuch  1884,  II,  S.  53 ff.;  1885,  I,  S.  52 ff. 

4)  cf.  Roth,  Sitzungsber.  d.  Berliner  Akad.  21.  Oct.  1886.  vom  Rath,  N.  Jahrb. 
1887,  1,  S.  IUI. 


,T.  6.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


241 


bracht,  von  welcher  uns  von  Hochstettee  eine  so  schöne  Be- 
schreibung !)  hinterlassen  hat. 

Ebenso  wie  bei  jenen  Ereignissen  begleiten  Dampfexplosionen 
naturgemäss  in  grösserem  oder  geringerem  Maassstabe  alle  Aus- 
brüche submariner  Vulkane. 

Solche  Verhältnisse  sind  aber  sehr  verschieden  von  dem  Ver- 
halten der  continuirlichen  oder  mit  Zwischenpausen  thätigen  Land- 
vulkane, welche  eine  stetige  Verbindung  des  feurigflüssigen 
Erdinnern  mit  der  Atmosphäre  darstellen. 

Der  plötzliche  Ausbruch,  welcher  während  der  Eruption  des 
Vesuv  am  26.  April  1872  am  nördlichen  Fuss  des  Eruptionskegels 
stattfand  und  mehreren  Menschen  das  Leben  kostete,  ist  von 
manchen  dem  Einfluss  einer  Wasserdampfexplosion  zugeschrieben 
worden.  Nach  Palmieri  bestand  indessen  das  Ereigniss  in  dem 
plötzlichen  Hervorbrechen  einer  gewaltigen  Masse  flüssiger  Lava 
aus  einer  Spalte  des  Aschenkegels,  während  gleichzeitig  die 
Gipfelkrater  zahllose  glühende  Projectile  unter  heftigen  Detona- 
tionen empor  schleuderten *  2). 

Jenen  im  Volksglauben  weitverbreiteten  Ansichten  und  von 
vielen  Geologen  noch  jetzt  gelehrten  Annahmen  von  dem  Verhalten 
des  Wassers  in  den  Vulkanen  stehen  die  von  Charles  Sainte- 
Claire  Deville  im  Jahre  1855  3)  an  den  Lavaströmen  des  Vesuv 
gemachten  und  vielfach  bestätigten  Beobachtungen  entgegen. 

Deville  fand  die  aus  den  Spalten  des  grossen  Lavastromes 
austretenden  Gase  und  Dämpfe  vollständig  wasserfrei,  so- 
lange die  Lava  noch  in  Bewegung  und  nach  ihrer  Erstarrung 
noch  glühend  war.  Er  belegte  sie  mit  dem  Namen  »f  um  er  oll  es 
seches«.  Sie  enthielten  weder  Wasserdampf  noch  Kohlensäure 
und  keinerlei  brennbare  Gase,  sondern  sie  bestanden  vorwaltend 
aus  den  Bestandtheilen  der  atmosphärischen  Luft  im  normalen 
Vei’hältniss  von  Sauerstoff  und  Stickstoff.  Die  sie  begleitenden 
Sublimationsproducte  waren  zum  grössten  Theil  Kochsalz  mit  Bei- 

x)  Reise  der  Novara.  Geol.  Theil  I. 

2)  Palmieri,  Ausbruch  des  Vesuv  vom  2G.  April  1872.  Deutsch  vou 
Rammelsberg. 

3)  Bulletin  geologique.  II.  Ser.  V.  57,  XIII,  p.  G19. 


Jahrbuch  1887. 


IG 


242 


J.  G.  Bohneman'n,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


mengung  mannigfaltiger  anderer  Chlorverbindungen , geringer 
Mengen  schwefelsaurer  Salze  und  anderer  sublimirbarer  Substanzen; 
auch  Fluorverbindungen,  welche  die  Glasgefässe  angriffen,  konnten 
nachgewiesen  werden. 

Aus  dem  Verhalten  der  trockenen  Fumarolen  an  den 
Spalten  und  Schlackenkegeln  der  Lavaströme  schloss  Deville 
schon  damals  x),  dass  die  flüssige  Lava  in  ihren  Poren  kein  Wasser, 
wohl  aber  andere  Gase  und  flüchtige  Substanzen  festhält,  welche 
sie  erst  dann  ausscheidet,  wenn  ihre  Abkühlung  in  ein  gewisses 
Stadium  eingetreten  ist. 

Die  Untersuchung  der  vulkanischen  Gasexhalationen  hat 
Deville  mit  grosser  Ausdauer  und  Sorgfalt  und  ungeachtet 
mancher  Gefahren  Jahre  lang  fortgesetzt  und  wiederholt.  Meine 
Reise *  2)  im  Jahre  1856  fiel  mit  der  seiuigen  zusammen  und  lieferte 
eine  reiche  Ausbeute  von  Beobachtungen  und  Untersuchungs- 
material  vom  Vesuv,  dem  Aetna,  Stromboli,  Vulcano  und  von  den 
Umgebungen  dieser  Vulkane. 

D ie  damals  gesammelten  Proben  von  Gasen  und  anderen  Ex- 
halationsproducten  bilden  den  Gegenstand  einer  ganzen  Reihe  von 
Arbeiten  über  die  chemischen  Vorgänge  in  den  Vulkanen,  durch 
welche  sich  mein  verstorbener  Freund  Charles  Sainte-  Claire 
Deville  besondere  Verdienste  um  die  Geologie  erworben  hat. 

Während  man  früher  die  verschiedenartigen  Gas-  und  Dampf- 
exhalationen  der  Vulkane  nicht  gehörig  zu  unterscheiden  verstand 
und  in  den  theoretischen  Betrachtungen  den  Wasserdampf  überall 
die  Hauptrolle  spielen  liess,  zeigte  Deville,  dass  AVasser  den 
flüssigen  Laven  nicht  innewohnt  und  dass  je  nach  der 
Entfernung  von  dem  glühend  flüssigen  Centralapparat  die  Natur  der 
Fumarolen  sich  ändert.  Atmosphärische  Niederschläge  und  Schicht- 
wasser, welche  von  oben  und  von  den  Seiten  in  den  erwärmten 


x)  1.  c.  p.  621.  — »la  lave  fondue  maintient  encore  dans  ses  pores  les  gaz 
et  les  matieres  volatiles  et  qu  elle  ne  les  abandonne  que  lorsqu’elle  a dejä  atteint 
une  certaine  periode  de  son  refroidissement.« 

2)  cf.  Brief  an  A.  v.  Humboldt  in  der  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1857, 
S.  464.  — Deville,  Cinquieme  et  sixieme  lettre  ä M.  Elie  de  Beaumont.  Compt. 
rend.  tome  XLIII,  1856. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


243 


Schlackenmantel  der  Vulkane  eiudringen,  erhitzen  sich  und  werden 
in  Dampf  verwandelt.  Wo  Wasserdampf  mit  glühenden  Laven  und 
ihren  Sublimaten  zusammentrifft,  wird  er  in  seine  Bestandtheile 
zerlegt  und  kann  nicht  mehr  als  Wasserdampf  seine  Spannkraft 
ausüben. 

Durch  die  Wechselzersetzung  des  Wassers  mit  heissen  Chlor- 
und  Schwefel  Verbindungen  werden  die  sauren  Fumarolen  gebildet, 
welche  im  näheren  Umkreise  des  Centralherdes  überall  zu  Tage 
treten,  weiter  hin  findet  sich  Schwefelwasserstoff“  und  Schwefel, 
und  allen  diesen  äusseren,  zonenweise  verschiedenartigen  Ema- 
nationen ist  Wasserdampf  beigesellt  und  in  der  äussersten  Um- 
gebung ihres  Wirkungskreises  ist  er  das  alleinige  Verdampfungs- 
product  des  Kegelmantels. 

Die  massenhafte  Verdampfung  des  Wassers  aus  dem  erwärmten 
Körper  der  Aschenkegel  macht  den  Vesuv  und  alle  thätigen  Vul- 
kane zu  den  empfindlichsten  Hygrometern  und  Wetterverkündigern, 
und  es  ist  deshalb  wohl  verzeihlich,  dass  vielfach  dem  Wasserdampf 
eine  grössere  Rolle  im  Vulkanismus  zugeschrieben  wird,  als  ihm  in 
der  That  zukommt. 

Wenigen  Besuchern  der  Vulkane  und  wenigen  Geologen  ist 
es  vergönnt,  trockene  Fumarolen  und  fliessende  Lava  in  nächster 
Nähe  zu  sehen  und  genauer  beobachten  zu  können;  meist  sind 
die  Verhältnisse  ungünstig  oder  die  Gefahren  der  Annäherung 
zu  gross. 

Der  Vesuv  ist  der  einzige  »civilisirte«  Vulkan  der  Welt,  wie 
geschaffen  für  das  Studium  des  Vulkanismus  in  seiner  Reinheit, 
und  nicht  mit  Unrecht  ist  ihm  ein  eigenes  Observatorium  ge- 
widmet worden.  Er  ist  in  jeder  Jahreszeit  bequem  zugänglich, 
und  erprobte  Führer,  denen  die  Grenze  der  Gefahren  geläufig  ist, 
stehen  stets  zur  Verfügung. 

Wie  unbequem  ist  dagegen  der  11000  Fuss  hohe  Aetna,  den 
man  mit  Erfolg  nur  während  einer  kurzen  Zeit  des  Jahres  be- 
suchen kann  und  wo  die  in  trostloser  Einöde  errichtete  Casa 
inglese  nur  ein  dürftiges  Obdach  gewährt! 


16* 


244 


J.  G.  Borkemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Noch  mehr  Schwierigkeiten  bietet  der  Besuch  des  Vulkans 
von  Stromboli  1).  Die  Bewohner  der  Insel  sind  so  abergläubisch, 
dass  es  Mühe  kostet,  Träger  bis  in  das  »verrufene  Thal«  zu  er- 
halten, bei  dessen  Betreten  sich  die  Leute  bekreuzigen.  Weiter 
nach  dem  Krater,  der  »Casa  del  diavolo«  zu  folgen,  ist  Niemand 
zu  bewegen,  so  dass  man  bei  dem  nicht  gefahrlosen  weiteren  Vor- 
dringen auf  sich  allein  angewiesen  ist.  Dieselben  Erfahrungen 
hat  auch  Abich  gemacht,  als  er  im  Jahre  1836  Stromboli  be- 
suchte 2).  Der  Aufenthalt  auf  Stromboli  ist  wegen  der  entomo- 
logischen  Verhältnisse  in  den  unreinlichen  Wohnungen  so  wenig- 
einladend,  dass  man  es  gern  vorzieht,  unter  freiem  Himmel  in  der 
Barke  zu  übernachten. 

Ich  unterlasse  es,  die  vulkanischen  Erscheinungen  von  San- 
torin,  über  welche  wir  besonders  Fouque  3)  ausgezeichnete  Beob- 
achtungen verdanken,  in  den  Bereich  dieser  Betrachtungen  zu 
ziehen,  weil  es  sich  dort  meist  um  submarine  Ausbrüche  handelt. 
Indessen  mag  doch  auf  die  charakteristische  Trennung  hingewiesen 
werden,  welche  zwischen  den  glühenden  Gesteins-  und  Aschen- 
eruptionen, den  heissen  und  zum  Theil  brennbaren  Gasemanationen 
und  den  peripherischen  Wasserdampffumarolen  beobachtet  wurde. 

Dass  die  von  der  submarin  fliessenden  Lava  aufsteigenden 
Gase  nicht  aus  dem  Lavamagma  selbst  stammen,  sondern  dass  sie 
vorwaltend  durch  Wasserzersetzung  u.  s.  w.  an  der  Berührung  mit 
den  glühenden  Massen  erzeugt  werden,  lässt  sich  wohl  mit  Sicher- 
heit annehmen. 

Wenn  nun  schon  die  Mehrzahl  der  im  civilisirten  Europa  ge- 
legenen Vulkane  so  wenig  zum  ruhigen  Verweilen  und  längeren 
Aufenthalt  geeignet  sind,  wie  es  zu  eingehenden  wissenschaftlichen 
Untersuchungen  erforderlich  ist,  so  begreift  man  die  Schwierig- 
keiten, welche  in  fremden  Ländern  durch  uncivilisirte , abergläu- 
bische Bewohner  und  örtliche  Hindernisse  der  verschiedensten 
Art  dergleichen  Unternehmungen  im  Wege  stehen,  und  wie  wenig 

*)  cf.  meine  Ansichten  von  Stromboli.  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1866, 
S.  696. 

2)  Ebenda  1857,  S.  392. 

3)  Fouque,  Santorin  1879.  — N.  Jahrb.  f.  Mineral.  1880,  II,  S.  313. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlack enkegel  und  Laven. 


245 


fruchtbar  für  die  Kenntniss  des  inneren  Wesens  der  Vulkane  auch 
die  meisten  der  von  begabten  Forschungsreisenden  aus  der  Ferne 
zurückgebrachten  Reiseergebnisse  sein  werden. 

Bei  meinen  öfteren  Besteigungen  des  Vesuv  im  Jahre  1856 
war  es  nur  die  grosse  unnahbare  Fumarole  im  Schlunde  des  öst- 
lichen Kraters  von  1850,  welche  vorwaltend  aus  trocknen  Subli- 
maten, besonders  aus  Kochsalz  bestand,  aber  doch  auch  schon 
saure  Dämpfe  mit  sich  führte.  Die  Ausströmungsöftnung  dieser 
gewaltigen  Rauchsäule  war  aber  für  jede  directe  Beobachtung 
unzugänglich.  Fliessende  Lava  war  nirgends  sichtbar,  nur  im 
August  1856  konnte  ich  im  Grunde  des  160  Meter  tiefen  mittleren 
Kraterschlundes  Schlackeneruptionen  beobachten  und  auf  Augen- 
blicke in  die  glühende  enge  Oeffnung  eines  kleinen  Aschenkegels 
hinabsehen,  welcher  sich  auf  dem  Boden  des  Kraters  zu  bilden 
begonnen  hatte.  Auch  die  in  die  Höhe  geschleuderten  glühenden 
Schlacken  kamen  nicht  über  den  Rand  des  tiefen  Schlundes  hinaus, 
sondern  fielen  jedesmal  wieder  in  denselben  hinunter  und  nach 
jeder  Explosion  war  alles  wieder  von  dunklen  Aschen  und  Schlacken 
verdeckt. 

Der  Krater  von  Stromboli  hatte  während  meines  dortigen 
Aufenthalts  nur  eine,  unzugängliche  Auswurfsöffnung,  die  anderen 
Oeffnungen  waren  im  Solfatarenzustande,  ebenso  die  Krater  des 
Aetna  und  der  Insel  Vulcano. 

Als  ich  am  15.  März  1878  den  Vesuv  bestieg  — es  war  am 
Tage  nach  einem  starken  Schneefall  und  etwas  Schnee  erleichterte 
den  Aufstieg  — fand  ich  den  Gipfel  ganz  verändert;  ein  einziger 
tiefer  Trichter  nahm  den  Raum  des  ehemaligen  Kraterplateaus  ein; 
in  seiner  Mitte  war  ein  kleiner  dampfender  Aschenkegel  und  an 
seinem  Talus  lag  weisser  Schnee,  ein  merkwürdiger  Contrast  gegen 
die  gelbe  Eisenchloridfärbung  der  hohen  Kraterwände. 

Weit  erfolgreicher  war  mein  letzter  am  15.  Mai  1881  J)  mit 
meinen  Söhnen  Adctor  und  Felix  unternommener  Besuch.  Von 
der  oberen  Station  der  Drahtseilbahn  erreichte  man  nach  kurzem 


x)  Ansichten  des  Vesuvkraters  vom  Jahre  1880  und  1882  finden  sich  in 
Neumayr’ s Erdgeschichte  I,  S.  157  u.  158  nach  Photographien  von  Sommer. 


246 


J.  G.  Bornemann,  lieber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Ansteigen  den  mit  einem  Kreise  dünner  Wasserdampffumarolen 
besetzten  Rand  des  wieder  ausgefüllten  Hauptkraters,  innerhalb 
dessen  sich  eine  ziemlich  ebene  Aschenfläche  ausbreitete.  Auf 
dem  östlichen  Theile  dieser  Ebene  erhob  sich  ein  neuer  Auswurfs- 
kegel, den  wir  bis  zu  seinem  Rande  ersteigen  konnten.  Er  war 
offenbar  mit  flüssiger  Lava  erfüllt,  aber  die  glühenden  Massen 
konnte  man  nur  auf  Augenblicke  während  der  periodisch  sich 
wiederholenden  Explosionen  wahrnehmen.  Grell  gefärbte,  mit 
Krusten  sublimirter  Substanzen  und  Effloreseenzen  bedeckte  Schollen 
schienen  sich  schwankend  zu  bewegen,  aber  dichte  Rauchmassen 
verhinderten  meist  den  Einblick.  Von  Zeit  zu  Zeit  erfolgten  starke 
Detonationen  und  massenhafte  Lapilli  auch  grosse  glühende  Lava- 
fetzen flogen  hoch  in  die  Luft,  manche  über  uns  hinweg. 

Es  gelang  uns,  ein  faustgrosses  Schlackenstück  noch  völlig 
glühend  und  weich  zu  erhaschen,  so  dass  wir  noch  mehrere 
Münzen  hineindrücken  konnten. 

Nach  längerem  Verweilen  auf  dem  Rande  des  Auswurfskegels 
stiegen  wir  hinab  und  waren  im  Begriff,  das  Kraterplateau  zu 
verlassen,  als  wir  durch  einen  von  einer  Recognoscirungstour  zurück- 
kehrenden Führer  von  einem  Lavastrom  hörten,  welcher  an  der 
Ostseite  des  von  uns  eben  verlassenen  Kegels  auszufliessen  be- 
gonnen hatte. 

Sofort  begaben  wir  uns,  dem  südlichen  Plateaurande  folgend, 
nach  der  bezeichneten  Stelle  und  waren  hier  Zeugen  eines  impo- 
santen Schauspieles.  Aus  einer  Seitenöffnung  des  Kegels,  welche 
etwa  15  Meter  höher  lag  als  unser  Standpunkt,  quollen  die  hell- 
glühenden, zähflüssigen  Lavamassen  hervor  und  hatten  sich  als  ein 
breiter  Strom  am  Talus  des  Auswurfskegels,  dessen  Ostseite  mit 
dem  Abhang  des  Hauptkegels  in  eine  Linie  fiel,  weit  an  diesem 
hinab  verlängert. 

Nahe  an  der  Ausflussstelle  sah  man  deutlich  die  Bewegung 
der  Lava,  deren  Geschwindigkeit  wir  dort  auf *5  Meter  in  der 
Minute  schätzten.  Die  in  fluctuirender  Menge  austretende  feurige 
Masse  drehte  sich  an  den  Rändern  zu  Stricklaven  und  häufte  sich 
zu  wilden  Formen  aufeinander. 

In  unmittelbarer  Nähe  hatten  wir  vor  uns  eine  frisch  er- 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


247 


starrte  Fläche  schwarzer  Lava,  hinter  welcher  der  glühendflüssige 
Strom  durch  erstarrte  Schlackenmassen  in  Arme  getheilt,  in  meh- 
reren Rinnen  ganz  ruhig,  ohne  Aufwallen  und  mit  sehr  geringer 
Rauchentwicklung  abwärts  floss. 

Es  gelang  uns,  zu  wiederholten  Malen  auf  der  heissen  Kruste 
bis  an  die  erste  Rinne  vorzudringen,  mittelst  eines  Hakenstockes 
mehrere  Fetzen  der  fliessenden  Lava  herauszureissen  und  dieselben 
aus  dem  Bereich  der  Hitze  herauszutragen,  worauf  wir  noch  die 
üblichen  Soldi  in  die  noch  weiche  Pasta  eiuschliessen  konnten. 

Auch  durch  eine  Spalte  der  Lavakruste,  auf  welcher  wir 
standen,  konnte  man  noch  flüssige  Lava  erreichen,  doch  gelang 
es  nur  mühsam,  etwas  davon  herauszureissen,  weil  sich  der  Stock 
dabei  schnell  entzündete. 

Von  Dämpfen  waren  wir  bei  dieser  Unternehmung  garnicht 
belästigt,  nur  die  intensive,  von  der  Lava  ausstrahlende  Flitze 
erschwerte  die  Beobachtung;  der  erst  seit  kurzer  Zeit  erstarrte 
Rand  war  so  heiss,  dass  nach  kurzem  Aufenthalt  auf  demselben 
die  Stiefelsohlen  versengten,  und  der  fliessenden  Lava  dahinter 
konnte  man  sich  nur  auf  Augenblicke  nähern. 

Die  Lava  dieses  Stromes  zeigte  eine  starke  Tendenz,  sich  in 
Fäden  zu  ziehen.  Haardünne  Spitzen  und  zarte  Schlackenbüschel 
bedeckten  die  Oberfläche  vieler  Krusten.  Da,  wo  dieselben  nicht 
den  zersetzenden  Einflüssen  der  nahen  Säurefumarolen  ausgesetzt 
waren,  zeigten  sich  die  Laven  überall  schwarz  und  glasglänzend. 
Die  Glasmasse  ist  aber  durch  Säuren  leicht  zersetzbar,  wird  durch 
dieselben  ihres  Glanzes  beraubt,  gebleicht  und  durch  Eisenverbin- 
dungen gelb  und  braun  gefärbt. 

In  der  Beschaffenheit  der  aus  dem  Strome  entnommenen  Lava 
und  derjenigen  des  glühend  und  weich  erlangten  Auswürflings 
aus  dem  Krater  zeigte  sich  kein  Unterschied.  Es  war  ganz  das- 
selbe  Magma,  hier  fliessend,  dort  zerrissen  und  ausgeschleudert. 
Nur  die  zahlreichen  lufterfüllten  Hohlräume  sind  bei  der  Stromlava 
mehr  in  die  Länge  gezogen,  bei  den  Auswürflingen  mehr  gerundet. 
Die  zahlreichen  Luftblasen,  welche  die  Lava  mit  sich  führt,  geben 
die  Veranlassung  zur  Entstehung  jener  haarförmigen  Bildungen, 
indem  sich  heim  Indielängeziehen  die  aus  zähflüssiger  Glas- 


•248 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Substanz  bestehenden  Zwischenwände  zusammenziehen  und  in 
Fäden  verwandeln. 

Alle  Unebenheiten  auf  der  Oberfläche  der  schwarzen  Schlacke 
bergen  in  ihrem  Innern  ausgeschiedene  Krystalle,  welche  sämmtlich 
von  einer  feinen  Glashaut  verhüllt  sind. 

Der  Dünnschliff  zeigt  ein  buntes  Bild  von  Mineralsubstanzen. 
Die  ausgeschiedenen  Mineralien  sind  vor  Allem  kleine,  wasserhelle 
Leucite,  zu  dichten  Schwärmen  versammelt.  Weniger  zahlreich 
sind  die  Augite,  dafür  sind  sie  grösser  und  einzeln  durch  die 
Masse  zerstreut.  Die  Feldspathe  sind  klein  und  der  Menge  nach 
zurücktretend.  Magneteisen  in  Körnern  und  Kryställchen  findet 
sich  gruppenweise  angehäuft  oder  durch  die  Masse  zerstreut. 

Die  Leucitkrystal le  enthalten  Einschlüsse  von  Glas,  theils 
gerundet,  theils  eckig  mit  vollkommener  Leucitgestalt  und  meist 
von  kleinen  Bläschen  begleitet,  welche  sich  durch  den  dunklen 
Rand  als  Hohlräume  oder  (?)  Gaseinschlüsse  kundgeben.  Zuweilen 
sind  die  Glaseinschlüsse  auch  noch  von  einer  zweiten,  anders  aus- 
sehenden, amorphen  festen  Substanz  begleitet,  und  an  dieser  befindet 
sich  ein  Bläschen. 

Flüssigkeitseinschlüsse  konnte  ich  in  diesen  Krystallen  nh’geuds 
entdecken. 

Die  Augit-  und  Plagioklaskrystalle  schliessen  zahlreiche,  un- 
regelmässig gestaltete  Glaspartieen  ein,  ebenso  die  weniger  häufig 
vorkommenden  Olivine. 

Erhitzt  man  ein  Stückchen  solcher  Lava  vor  dem  Gasgebläse 
zum  bellen  Rothglühen,  so  erweicht  es  zu  einer  zähen  Masse, 
indem  die  Glastheile  schmelzen  und  Theile  der  eingeschlossenen 
Mineralien  wieder  auflösen.  Während  äusserlich  das  schwarze 
Glas  zu  einer  zusammenhängenden  Kruste  zusammenfliesst,  trennt 
es  sich  im  Innern  der  eingeschlossenen  Hohlräume  von  den 
grösseren  Leucit-  und  Augitkrystallen , und  diese  werden  blos- 
e’eleo-t.  So  maa'  auch  im  Krater  durch  Umschmelzuna;  von 
Schlacken  oftmals  die  Bloslegung  der  Krystalle  vor  sich  gehen, 
welche  oft,  von  allem  Nebengestein  befreit,  in  Menge  mit  den 
Aschen  ausgeworfen  werden. 


J.  6.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


249 


In  einem  Dünnschliff,  den  ich  aus  der  vor  dem  Gebläse  um- 
geschmolzenen Lava  herstellte,  sah  man  dunkle  und  helle  Glas- 
partieen  und  in  den  letzteren  fielen  besonders  kleine  Leucitkrystalle 
auf,  welche  in  der  Mitte  jeder  Fläche  eine  tiefe  Grube  zeigten. 
Die  Kanten  waren  noch  wohl  erhalten  und  stellten  ein  zierliches 
Krystallgerippe  dar.  Die  hellen  Glaspartieen  waren  offenbar  durch 
Auflösen  von  Leucitmasse  in  dem  umgebenden  dunklen  Glase  ent- 
standen. Feldspathzwillinge  zeigten  sich  von  den  Stirnseiten  her 
angegriffen.  Grössere  Luftblasen,  welche  jedenfalls  vorher  lang- 
gestreckt gewesen  waren,  hatten  vollkommene  Kugelgestalt  an- 
genommen. 

Auf  Sprüngen,  welche  die  grösseren  Leucite  durchsetzen  und 
welche  jedenfalls  schon  vor  dem  Schmelzversuch  existirt  hatten, 
waren  die  Glastheilchen  sämmtlich  zu  kugeligen  Perlen  um- 
gestaltet. 

Die  umgeschmolzenen  Glaspartieen  enthalten  auch  eine  grosse 
Menge  Neubildungen;  das  dunkle  Glas  ist  ganz  von  kugeligen 
Gruppen  kleiner  schmaler,  fast  nadelförmiger,  dunkelbrauner 
Krystalliten  a)  erfüllt,  auch  in  den  in  Leucitkry stallen  eingeschlos- 
senen Glasperlen  sieht  man  einzelne  solcher  Sterne.  Die  globuli- 
tischen  Bildungen  finden  sich  stellenweise  auch  zu  baumförmigen 
Gruppen  vereinigt;  sie  bedingen  die  dunkle  Färbung  der  Glas- 
masse, während  die  umschliessende  Glassubstanz  entfärbt  ist. 

Das  Studium  des  Leucit  ist  nicht  allein  von  hohem  minera- 
logischen Interesse  und  hat  deshalb  schon  eine  grosse  Anzahl  aus- 
gezeichneter  Arbeiten  der  bedeutendsten  Mineralogen  veranlasst, 
es  ist  auch  von  grosser  Bedeutung  für  die  Lehre  vom  Vulkanismus 
überhaupt,  wegen  der  besonderen  chemischen  und  physikalischen 
Eigenschaften  des  Minerals  und  wegen  der  zahlreichen  verschieden- 
artigen Einschlüsse,  die  es  zu  enthalten  pflegt. 

Unter  zahlreichen,  an  den  Vulkanen  Italiens  gesammelten 

*)  Hansel  fand  bei  der  Untersuchung  der  Vesuvlava  von  1878  (Tschermak, 
Min.  Mitth.  1880,  S.  421)  in  Lava  von  der  Oberfläche  des  Stromes:  braunes  Glas 
zuweilen  mit  globulitischen  Entglasungsprodukten,  welche  aus  gelben  Schüppchen 
einer  eisenreichen  Verbindung  — Ferrit  — bestehen  und  durch  ihre  Bildung  die 
einschliessende  Grundmasse  des  Glases  selbst  entfärbt  haben, 


250 


J.  G\  Boknemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Leucitvorkommnissen  erscheint  mir  eins  ganz  besonders  der 
Beachtung  werth. 

Es  sind  lose  Krystalle,  meist  5 — 9 Millimeter  gross,  welche 
ich  im  Jahre  1856  im  Canale  del  Inferno  am  Vesuv  aufhob,  wo 
sie  zahlreich  in  der  Asche  umherlagen.  Sie  stammen  jedenfalls 
von  einer  der  bedeutenderen  vorhergehenden  Ascheneruptionen 
und  sind  aus  grosser  Tiefe  des  Hauptkraters  in  die  Luft  ge- 
schleudert, nicht  mit  einem  Lavaerguss  herausbefördert  worden. 

Im  Aeussern  gleichen  die  Krystalle  sehr  den  ebenfalls  an 
jenem  Orte,  in  einer  sehr  rauhen  Lava  von  grauer  Farbe  vor- 
kommenden Leuchten,  im  Innern  sind  sie  aber  sehr  davon  ver- 
schieden. Während  bei  den  letzteren  die  bekannten  Trübungs- 
zonen aus  Glaseinschlüssen  bestehen,  verhalten  sich  die  Einschlüsse 
der  losen  Krystalle  ganz  anders. 

Im  Dünnschliff  zeigen  diese  Krystalle  in  der  durchsichtigen 
Leucitmasse  ebenso  vertheilte  Trübungen,  welche  aus  concen- 
trischen  Zonen  dunkler  Krystalliten  bestehen.  Ueberall,  wo 
diese  Körperchen  gleichmässig  in  der  Zone  vertheilt  sind,  erkennt 
man  bei  starker  Vergrösserung,  dass  jeder  einzelne  dieser  Punkte 
von  einer  Gruppe  winziger  Krystallelemente  gebildet  ist,  welche 
zu  kreuzförmiger  oder  oktaedrischer  Stellung  vereinigt  sind. 

Glaseinschlüsse  sieht  man  in  diesen  Zonen  und  in  diesen 
Leuciten  nirgends,  ebensowenig  Gasbläschen  oder  Hohlräume. 
Das  Verhalten  dieser  Körperchen  im  polarisirten  Lichte  zeigte  sich 
durchaus  isotrop  und  handelte  es  sich  daher  um  ein  reguläres 
Mineral.  Dennoch  konnte  man  über  die  Art  desselben  im  Zweifel 
bleiben,  wenn  nicht  das  Verhalten  der  Krystalliten  zu  einzelnen 
grösseren  und  wohlausgebildeten  Melanitkrystallen,  welche  zerstreut 
in  und  zwischen  den  Trübungszonen  Vorkommen,  jede  Unsicher- 
heit beseitigt  hätte. 

O 

Liegt  ein  Mel  anit  inmitten  der  Trübungszone,  so  ist  er 
zunächst  von  einem  hellen  Kaum  umgeben,  weil  er  die  zunächst 
liegenden  Körperchen  an  sich  herangezogen  hat.  Fast  immer  sind 
die  dem  Krystall  benachbarten  Krystalliten  nur  kleine  keilförmige 
Krystallelemente,  welche  mit  der  Spitze  dem  Krystalle  zugekehrt 
und  oftmals  in  Gruppen  geordnet  sind , welche  rottenweise  auf 
den  Krystall  zuzuschwirren  scheinen. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlaokenkegel  und  Laven. 


251 


Taf.  X,  Fig.  1 zeigt  bei  460facher:  V ergrösserung  einen  kleinen 
Theil  eines  Leucitdünnschliffs , in  welchen  ein  Melanitkrystall 
zwischen  zwei  Krystallitenzonen  liegt  und  im  Momente  der  Er- 
starrung im  Begriff  war,  die  Krystalliten  von  beiden  Seiten  an 
sich  heranzuziehen.  Andere  solche  Melanite  erscheinen  mit  rauher 
und  förmlich  borstiger  Oberfläche  von  den  eben  angekommenen 
Krystallelementen,  deren  Attraction  in  flagranti  unterbrochen  wurde. 

Wir  haben  hier  den  sichersten  Beweis  vor  uns,  dass  der 
fast  unschmelzbare  Leucit  und  der  leicht  schmelzbare 
Granat  zu  gleicher  Zeit  aus  dem  flüssigen  Lavagemenge 
auskrystallisirt  sind,  dass  beide  Mineralien  zonenweise  er- 
starrten und  dass  jeder  Erstarrung  ein  Zustand  vorausging,  in 
dem  die  Moleküle  sich  ordneten  und  eine  Bewegung  noch  möglich 
war.  Die  Attraction  der  einzelnen  Melanitkrystalle  war  stark 
genug,  um  seinen  nächsten  Umkreis  zu  beherrschen  und  das 
Gleichartige  zu  sich  heranzuziehen , während  in  weiterer  Ent- 
fernung  die  Melanitelemente  sich  begnügen  mussten,  selbstständig 
zu  kleinen  Axenkreuzchen  zusammenzutreten. 

Die  Entstehung  dieser  Krystalle  muss  in  grosser  Ruhe  und 
tief  im  Innern  des  Vulkans,  wohl  unter  hohem  Druck,  aber  bei 
einer  nicht  besonders  hohen  Temperatur  vor  sich  gegangen  sein  ]). 

Der  Umstand,  dass  die  Leucite  der  Lavaströme  und  der 
kleinen  Gipfeleruptionen  keinen  Granat  oder  Melanit,  sondern  stets 
Glaseinschlüsse  enthalten,  verdient  Beachtung  und  veranlasst  zu 
einer  näheren  Betrachtung  der  beiden,  einander  in  der  Form  so 
ähnlichen  und  in  den  physikalischen  Eigenschaften  so  verschiedenen 
Mineralien  des  Leucites  und  Granates. 

Der  Leucit  ist  für  sich  sehr  feuerbeständig.  Vor  dem  Gas- 
gebläse gelingt  es  nur  schwer  und  nach  langem  W eissglühen 
seine  Oberfläche,  besonders  die  Kanten  zum  Schmelzen  zu  bringen. 
Das  Innere  bleibt  dabei  völlig  unverändert  und  zeigt  nach  dem 
Glühen  dieselben  schönen  Polarisationserscheinungen  wie  der  un- 
geglühte  Krystall. 

’)  Heim  bemerkt:  >Bie  Leucitkrystalle , welche  der  Gipfelkrater  häufig  aus- 

schiesst,  entstammen  aus  der  Tiefe  des  Kraterschachtes  und  sind  nicht  erst 
während  des  seitlichen  Lavaaustrittes  ausgeschieden.«  Zeitscbr.  d.  Deutsch,  geol. 
Ges.  1873,  S.  35. 


252 


J.  G.  Bobnemann,  Ueber  Schlackeakegel  und  Laven. 


Die  angeschliffene  und  polirte  Durchschnittsfläohe  eines  Kry- 
stalls  war  nach  starkem  Weissglühen  glasglänzend  geworden.  An 
den  Kanten  hatte  der  schmelzende  Lencit  begonnen,  sich  in  feinste 
Ström chen  zu  zertheilen,  eine  Art  Aufschäumen,  welches  vielleicht 
durch  Verflüchtigung  fester  alkalischer  Bestandtheile  *)  bewirkt 
wird.  Eine  tiefergehende  Schmelzung  hatte  an  Trübungszonen 
stattgefunden.  An  den  an  der  Durchschnittsfläche  offenhegenden 
Einschlüssen  hatten  sich  — wohl  unter  Luftaufnahme  von  Aussen 
— hohle  Glasbläschen  gebildet,  welche  über  die  Oberfläche  her- 
vorragten. 

Schmilzt  man  Granat  für  sich  vor  dem  Gebläse,  so  fliesst 
er  bald,  erstarrt  aber  nach  kurzer  Zeit  zu  einer  blasigen,  sehr 
streng  flüssigen  Masse,  einem  Gemenge  krystallinischer  Mineralien *  2). 

Der  Versuch,  auf  einer  Leucitfläche  ein  Stück  Granat  vor 
dem  Gebläse  festzuschmelzen,  gelang  nur  unvollkommen,  weil  die 
Granatmasse  sich  sofort  zu  einer  hügligen  Perle  zusammenzog;  nur 
an  kleinen  Berührungsstellen  zeigte  sich,  dass  die  beiden  Mine- 
ralien vereinigt  ein  leichtflüssiges  Glas  zu  bilden  vermögen. 

Nach  diesen  Proben  erschienen  die  Granateinschlüsse  in  den 
losen  Leuciten  vom  Canale  del  Inferno  als  ein  besonders  geeig- 
netes  Material  zu  Schmelzversuchen  und  diese  Versuche  führten 
zu  einem  überraschenden  Resultate. 

Ich  schnitt  solche  Krystalle  in  zwei  Hälften  und  setzte  die 
eine  derselben  längere  Zeit  vor  dem  Gasgebläse  einer  beinahe  zur 
Weissgluth  ansteigenden  Hitze  aus.  Nach  dem  Erkalten  erschien 
dieses  Stück  etwas  fester  in  seiner  Structur  und  weniger  rissig 
als  das  andere.  Beide  Hälften  wurden  darauf  dünn  geschliffen. 

Während  nun  die  trüben  Zonen  des  nicht  geglühten  Stückes 
aus  den  oben  beschriebenen  dunkeln  Krystalliten  bestehen, 
sind  sie  in  den  geglühten  aus  ebenso  vertheilten,  hellgrünlichen 
Glaseinschlüssen  gebildet,  welche  durchsichtiger  und  etwas 

x)  Auch  beim  Glasschmelzen  in  den  Glasfabriken  kommen  bedeutende  Ver- 
flüchtigungen von  Alkalien  vor,  wenn  auch  dabei  nur  kohlensaure  Alkalien  zur 
Verwendung  kommen. 

2)  Nach  Doelter  und  Hussak  (N.  Jahrbuch  f.  Mineral.  1884,  I,  S.  159)  bilden 
sich  Mejonit  und  Anorthit,  nach  Fouque  Anorthit  und  Augit. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Sch  lack  enkegel  und  Laven. 


253 


grösser  sind  als  der  Umfang,  welchen  jene  Krystallkreuzchen  ein- 
nehmen.  Die  Glaseinschlüsse  sind  theils  eckig  von  annähernd 
octaedrischer  Form,  theils  gerundet  und  zwar  um  so  vollkommener 
kuglig,  je  stärker  die  Stelle  erhitzt  worden  war.  Taf.  X,  Fig.  2. 

In  jedem  dieser  Glaseinschlüsse  befindet  sich  nun  ein  Bläs- 
chen, An  Stelle  der  kleinen,  keilförmigen  Krystalliten,  welche 
die  grösseren  Melanitkrystalle  zu  umgeben  pflegen,  sieht  man  ent- 
sprechend längliche,  mit  dem  spitzigen  Ende  einer  grösseren  Glas- 
kugel zugewendete  Glaseinschlüsse  und  in  diesen  befindet  sich 
ebenfalls  ein  kleines  Bläschen. 

Die  umgebende  Leucitmasse  des  geglühten  Krystalls  hatte  sich 
bei  der  Operation  nicht  verändert  und  das  optische  Verhalten  im 
polarisirten  Lichte  ist  bei  dem  geglühten  Leucit  ganz  ebenso  wie 
bei  dem  ungeglühten. 

Die  eingeschlossenen  dunkeln  Kryställchen  sind  offenbar  in 
der  Glühhitze  sämmtlich  geschmolzen,  haben  sich  mit  angrenzenden 
Theilen  des  Leucits  zu  Glas  vereinigt,  und  dieses  ist  dann  als 
solches  erkaltet. 

Das  Volumen  der  bei  diesem  Vorgang  betheiligten  Substanzen 

o ö o 

ist  dabei  verringert  worden  und  füllt  nicht  mehr  den  vorher  ein- 
genommenen  Raum  aus;  daher  kommt  das  Bläschen,  welches  nicht 
als  eine  Gasblase,  sondern  als  ein  Vacuum  zu  betrachten  ist. 

Alan  könnte  einwenden,  dass  die  Bildung  der  Bläschen  viel- 
leicht durch  Lufttheilchen  veranlasst  worden  sei,  welche  sich  an 
den  Berührungsflächen  zwischen  den  Krystalliten  und  dem  um- 
gebenden Leucit  befunden  und  sich  beim  Schmelzen  des  Glases 
vereinigt  hätten.  Es  müsste  dann  aber  unnatürlich  erscheinen, 
dass  nach  der  Schmelzung  unter  den  verschiedensten  Hitzegraden 
fast  regelmässig  nur  ein  Bläschen  vorhanden  ist,  während  bei 
solchem  Vorgang  doch  wohl  mehrere  Bläschen  an  der  Peripherie 
der  zusammenschmelzenden  Glassubstanz  entstanden  sein  würden, 
gerade  so  wie  die  Glasperlen,  welche  sich  auf  den  Sprüngen 
grösserer  Leucite  aus  Laven  beim  Umschmelzen  bilden. 

Für  das  Nichtvorhandensein  von  Hohlräumen  zwischen  Granat 
und  Leucitmasse  spricht  auch  der  Umstand,  dass  in  einem  durch 
Zufall  mit  Farbe  injicirten  Leucitkrystall  vom  Vesuv  die  bis  in 


254 


J.  (x.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


die  feinsten  Sprünge  eingedrnngene  Tinte,  welche  auch  braune 
Granateinschlüsse  erreichte,  nicht  in  die  Begrenzungsflächen  der- 
selben mit  dein  Leucit  eindrang,  während  Kryställchen  eines  an- 
deren daneben  befindlichen  Minerals  von  weisser  Farbe  (vielleicht 
Nephelin!)  von  der  eingedrungenen  Farbe  umsäumt  wurden. 

Sowohl  bei  schwächerem  als  bei  stärkerem  Glühen,  wobei 
verhältnissmässig  weniger  oder  mehr  Leueitmasse  mit  den  eiuge- 
schlossenen  Granatmikrolithen  zur  Glasbildung  sich  vereinigte, 
aber  die  übrige  umgebende  Leueitmasse  in  ihren  optischen  Eigen- 
schaften iutact  blieb,  schien  das  Grössenverhältniss  zwischen  den 
Glaskörpern  und  den  von  ihnen  eingeschlossenen  Bläschen  stets 
annähernd  constant  zu  bleiben.  Dagegen  zeigten  sich  an  solchen 
Stellen,  wo  der  Leucit  selbst  zum  Schmelzen  gebracht  war,  auch 
vollkommen  kugelförmige  und  homogene  Glaseinschlüsse,  in  denen 
das  Bläschen  verschwunden  war. 

Dieses  Verhalten  spricht  unbedingt  für  die  Natur  der  Bläschen 
als  durchaus  leere  Hohlräume. 

Sehr  gut  lässt  sich  der  Versuch  in  der  Weise  ausführen,  dass 
man  aus  der  Mitte  eines  granatführenden  Leucitkrystalls  eine 
Scheibe  herausschneidet  und  diese  vor  dem  Gebläse  nur  an  einem 
Rande  zum  Weissglühen  bringt,  während  der  entgegengesetzte 
Rand  ungeglüht  bleibt.  Es  wird  dies  leicht  dadurch  erreicht,  dass 
man  die  Scheibe  fast  ganz  in  eine  schmale  passende  Grube  ver- 
senkt, welche  man  in  eine  Löthrohrkohle  eingeschnitten  hat  und 
aus  welcher  nur  die  stark  zu  glühende  Stelle  hervorsieht.  Die 
nach  dem  Glühen  zum  Dünnschliff  verarbeitete  Leucitscheibe  zeigt 
dann  in  continuirlicher  Reihe  die  verschiedenen  Stadien  der  Schmel- 
zung an  den  eingeschlossenen  Mikrolithen. 

Wir  haben  hier  einen  Beweis  für  die  Richtigkeit  der  von 
Sorby  ])  über  die  Entstehung  der  in  vesuvischen  Augitkrystallen 
die  Glaseinschlüsse  begleitenden  Bläschen  ausgesprochenen  An- 
sicht, welche  auch  Zirkel* 2)  angenommen,  später  aber  wieder 
verlassen  hat,  um  sich  einer  anderen  von  V ogelsang  über  diese 
Erscheinungen  aufgestellten  Hypothese  anzuschliessen. 


*)  Quart.  Journ.  1858,  p.  478. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1868,  S.  100. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


255 


Der  Versuch  mit  dem  geglühten  Leucitkrystall  liefert  uns 
ferner  den  Beweis,  dass  ein  und  dieselbe  Quantität  eines 
Gemenges  von  Silicaten  im  glasigen  Zustande  ein  ge- 
ringeres Volumen  einnehmen  kann  als  dieselbe  Menge 

© © 

im  Zustande  krystalliuischer  Erstarrung. 

Diese  Beobachtung  steht  scheinbar  in  directem  Widerspruch 
mit  den  bisherigen,  von  vielen  Geologen  gemachten  Erfahrungen 
und  den  zahlreichen  Angaben  in  der  Literatur,  nach  welchen  das 
specifische  Gewicht  der  Laven  durch  anhaltendes  Glühen  und 
Schmelzen  abnimmt 

Es  besteht  aber  ein  grosser  Unterschied  zwischen  unserer 
Beobachtung,  bei  welcher  die  Glasbildung  in  hermetisch  abge- 
schlossenen , starren  mikroskopischen  Bäumen  ohne  Luftzutritt 
stattfand  und  den  zahlreichen  Versuchen,  welche  von  Andern  meist 
durch  Glühen  im  Platintiegel  zur  Beobachtung  der  Veränderungen 
des  specifischen  Gewichts  gemacht  worden  sind  und  bei  welchen 
kein  Abschluss  der  Luft  stattfand. 

Viele  Gesteine  erleiden  beim  Schmelzen  an  der  Luft  Sub- 
stanzverlust oder  sie  werden  schlackig  oder  sie  nehmen  Gase  in 
sich  auf.  Es  können  daher  Gewichts-  und  Volumveränderungen, 
und  zwar  ebensowohl  im  positiven  als  im  negativen  Sinne,  dabei 
Vorkommen. 

Roth  bemerkt 1  2),  dass  das  specifische  Gewicht  geschmolzener 
Gesteine  sich  aus  mehreren  Gründen  nicht  sicher  berechnen  lässt 
und  dass  beim  Schmelzen  von  Obsidian  und  Bimsstein  bald  Ver- 
mehrung, bald  Verminderung  des  specifischen  Gewichts  stattfindet, 
wobei  die  austretenden  flüchtigen  Stoffe,  welche  darin  enthalten 
sind,  zur  Volum-  und  Gewichtsveränderung  Veranlassung  gaben. 

Nach  Abich  schwillt  z.  B.  der  Obsidian  von  Procida  »vor  der 
Löthrohrflamme  sogleich  auf,  bis  er  endlich,  aber  schwer,  zum 
schaumigen  Glase  fliesst.«  Aus  dem  schaumigen  Glase  lassen  sich 
die  Lufteinschlüsse  beim  Schmelzen  an  der  Luft  nur  sehr  schwer 
gänzlich  austreiben. 


1)  Pfaff,  Allg.  Geologie  1873,  S.  113.  — Roth,  Chem.  Geologie  II,  S.  51  ff. 

2)  1.  c.  S.  55. 


256  J.  G.  Bornejiann,  Ueber  Schlaekenkegel  und  Laven. 

Bei  Eisenhochofenschlacken  ist  die  Dichtigkeit  um  so  grösser, 
je  rascher  die  Abkühlung  von  statten  ging  und  nimmt  in  dem- 
selben Grade  ab,  je  langsamer  die  Erstarrung  erfolgt  ist1).  Bei 
rascher  Abkühlung  entsteht  aber  Glasstructur , bei  langsamer  Er- 
starrung ein  krystallinisches  Gefüge  und  damit  eine  Ausdehnung 
des  Volumens. 

Diese  Thatsache  steht  also  völlig  im  Einklang  mit  der  Volum- 
verminderung; des  im  Leucit  unter  hermetischem  Abschluss  g’ebil- 

o o 

deten  Leucit  - Granatglases. 

Leucit  besteht  nach  Rammelsberg 


aus 

Kieselsäure 

. 55,58  pCt. 

» 

Thonerde  .... 

. 23,16  » 

» 

Kali 

. 21,26 

vom 

Vesuv  nach  Trolle 

-Wachtmeister 

aus 

Kieselsäure 

. 39,93  pCt. 

» 

Thonerde  .... 

. 13,45  » 

» 

Eisenoxyd  .... 

j 

» 

Eisenoxydul  . 

16,02 

» 

Manganoxydul 

» 

Kalk 

31,66 

Denkt  man  sich  Leucit  und  Granat  zu  gleichen  Theilen  zu- 
sammengeschmolzen, so  hat  man  ein  Gemenge  von  der  unter  a 
nachfolgenden  Zusammensetzung.  Vergleicht  man  dieselbe  mit 
der  Zusammensetzung  der  Vesuvlaven  vom  Jahre  1855,  deren 
Analysen  nach  Deville  die  Resultate  sub  b und  c 2) 

a ' b c 


Kieselerde  .... 

. . 47,7 

47,5 

50,7 

Thonerde  .... 

. . 18,3 

20,0 

23,7 

Eisenoxyd  etc. 

. . 8,0 

10,0 

10,9 

Kalk  incl.  Magnesia 

. . 16,0 

10,5 

7,3 

Kali  und  Natrium 

o 

© 

9,4 

5,6 

100,0 

97,4 

98,2 

')  Kerl,  Hüttenkunde  I,  S.  317. 

2)  cf.  Roth,  Gesteinsanalysen  S.  25.  — Ganz  ähnliche  Resultate  erhielt 
Rammelsberg  bei  der  Untersuchung  anderer  Vesuvlaven.  Zeitschr.  d.  Deutsch, 
geol.  Ges.  1S59,  S.  502  ff. 


J.  Gr.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


257 

ergaben,  so  sieht  man,  dass  das  Gemenge  von  gleichen  Theilen 
Leucit  und  Granat  der  Zusammensetzung  des  allgemeinen  Lava- 
Magmas  sehr  nahe  kommt.  Bezüglich  des  geringeren  Gehaltes 
an  Alkalien  in  der  Lava  ist  dabei  zu  berücksichtigen,  dass  von 
den  austretenden  Laven  grosse  Mengen  von  Alkalien  verflüchtigt 
werden  und  die  Alkalibestimmungen  selbst  gewöhnlich  den 
schwächsten  Theil  der  Gesteins- Analysen  ausmachen. 

Die  relative  Grösse  der  durch  Glühen  im  Leucit  entstandenen 
Glaseinschlüsse  zu  der  Grösse  der  in  ihnen  befindlichen  Bläschen 
liess  auf  den  ersten  Bick  eine  Gesetzmässigkeit  erkennen.  Je 
grösser  der  Glaskörper,  desto  grösser  war  auch  das  Bläschen, 
und  umgekehrt  nahm  die  Grösse  der  Bläschen  mit  den  Dirnen- 
sionen  des  Glaseinschlusses  ab. 

Eine  grössere  Anzahl  von  Messungen  unter  dem  Ocularmikro- 
meter  ergab  die  nachfolgenden  Resultate,  in  denen  [j,  als  Einheit 
= jjo  Millimeter  gebraucht  ist. 

Von  einer  Anzahl  annähernd  octaedrisch  gestalteter  Glasein- 
schlüsse wurde  die  Breite  oder  Octaederkante  (==  k)  gemessen  und 
daraus  nach  der  Formel  0,4714  k3  das  Volumen  dieser  Einschlüsse 
berechnet.  Aus  dem  Durchmesser  der  zugehörigen  Bläschen  = d 
wurde  nach  der  Formel  0,5236  d3  der  Inhalt  ß dieser  kugelför- 
migen Räume  bestimmt.  Die  Werthe  bezeichnen  dann  den 

n 


Procentsatz,  um  welchen  die  Volumina  der  Glaseinschlüsse  kleiner 
sind  als  die  vorher  von  denselben  Substanzen  im  krystallinischein 
Zustande  eingenommenen  Räume. 


k 

a 

d 

ß 

100  ß 

1) 

0,529 

0,0697 

0,176 

0,00285 

4,0  pCt. 

2) 

0,441 

0,0404 

0,147 

0,00166 

4,1  » 

3) 

0,588 

0,0958 

0,206 

0,00458 

4,7  » 

4) 

0,647 

0,1276 

0,235 

0,00680 

5,3  » 

5) 

1,029 

0,5136 

0,294 

0,01330 

2,5  » 

6) 

1,909 

3,2795 

0,706 

0,18425 

5,6  » 

7) 

1,909 

3,2795 

0,585 

0,10482 

3,2  » 

8) 

3,234 

15,9446 

0,882 

0,35926 

2,2  » 

9) 

2,058 

4,1089 

0,647 

0,14116 

3,4  » 

Mittel  3,9  pCt. 

17 


Jahrbuch  1887. 


258  J.  6.  Bornkmajjn,  lieber  Schlackenkegel  und  Laven. 


1 

u einem 

anderen  etwas  stärker 

geglühten 

ö o 

Präparate  wurden 

runde 

Glaskörper  nach 

ihrem  Durc 

lnnesser  D 

und  ebenso  die 

Bläscl 

lieu  (nac 

h d),  und 

zwar  beide 

als  Kugeln. 

, bestimmt. 

D 

CL 

d 

ß 

100  ß 

a 

10) 

2,646 

9,70 

0,999 

0,522 

5,3  pCt. 

11) 

2,646 

9,70 

0,941 

0,436 

4,5  » 

12) 

4,116 

36,51 

1,323 

1,212 

3,3  » 

13) 

1,470 

1,66 

0,558 

0,091 

5,4  » 

14) 

1,470 

1,66 

0,529 

0,077 

4,6  » 

15) 

2,970 

13,71 

0,882 

0,359 

2,6  » 

16) 

1,350 

1,28 

0,382 

0,029 

2,3  » 

17) 

2,499 

8,17 

0,732 

0,205 

2,o  » 

18) 

3,087 

15,40 

0,940 

0,435 

2,8  » 

19) 

0,881 

0,36 

0,294 

0,013 

3,7  » 

20) 

4,410 

44,91 

\ 0,911 
\ 0,882 

0,396 

0,359 

j 

j 0,755  1,7 

Mittel  3,5  pCt. 


Die  Bestimmung  der  Volumina  der  Glaseinschlüsse  in  beiden 
Beobachtungsreihen  konnte  nur  ein  annäherndes  Resultat  geben, 
weil  die  Gestalten  nur  unvollkommen  den  supponirten  mathe- 
matischen Formen  entsprechen.  Dies  ist  besonders  bei  den 
grösseren  Einschlüssen  der  Fall,  deren  Unregelmässigkeiten  man 
nicht  sicher  beurtheilen  kann,  weil  man  sie  nur  in  einer  Richtung 
beobachtet. 

Bei  den  grössten  Einschlüssen  wurden  in  auffallendem  Ver- 
hältnis kleinere  Bläschen  gefunden,  besonders  bei  No.  20,  wo 
2 Bläschen  eingeschlossen  waren.  Hierbei  kommt  aber  in  Betracht, 
dass  der  atmosphärische  Druck  auf  die  glühende  Leucitsubstanz 
doch  einen  Einfluss  ausüben  und  die  grösseren  Hohlräume  ver- 
ringern konnte. 

Die  kleinen  Glaseinschlüsse,  deren  Regelmässigkeit  eine  ge- 
nauere Bestimmung  zuliess,  ergeben  für  -^--ß  stets  einen  Werth, 

welcher  nahezu  = 4 ist,  und  welcher  den  Procentsatz  aus- 
drückt,  um  welchen  sich  das  Volumen  des  vulkanischen 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Scblackenkegel  und  Laven. 


259 


Glases  vermehrt,  wenn  es  bei  der  Erstarrung  in  kry- 
stallinischen  Zustand  übergeht. 

Die  künstliche  Hervorrufung  der  Bläschen  in  den  Glasein- 
schlüssen der  Leucite  wirft  ein  eigenthümliches  Licht  auf  die 
Bedeutung  dieser  in  so  ausgedehnter  Verbreitung  vorkommenden 
und  sorgfältig  beobachteten  Erscheinungen,  und  es  wird  in  vielen 
Fällen  von  neuem  zu  untersuchen  sein,  ob  man  sich  für  die 
Deutung  als  Gaseinschlüsse  oder  als  Vacua  zu  entscheiden  hat1). 

In  vielen  anderen  Mineralien,  namentlich  in  Augiten  und 
Plagioklasen  vulcanischer  Gesteine  sind  zonenweise  vertheilte  Glas- 
einschlüsse mit  Bläschen  sehr  häufig  und  diese  können  ebenfalls 
von  späterer  Einschmelzung  früher  krystallisirt  gewesener  Materie 
herstammen. 

Dabei  mag  es  Vorkommen,  dass  in  den  Krystallen  enthaltene 
Gas-  oder  Flüssigkeitsinterpositionen  Formenänderung  erlitten 
haben  und  in  gerundeter  Gestalt  in  die  neugebildete  Glasmasse 
eingeschlossen  worden  sind,  vorausgesetzt  dass  bei  solchen  Vor- 
gängen genügender  Druck  vorhanden  war,  um  das  sonst  eiu- 
tretende  Zerspringen  oder  Decrepitiren  der  Krystalle  zu  ver- 
hindern. 

Die  Annahme,  dass  bei  Vorhandensein  mehrerer  Gasporen  in 
einem  Glaseinschluss2)  die  Gase  in  der  Glassubstanz  gelöst  gewesen 
seien , als  diese  von  dem  beherbergenden  Krystall  umschlossen 
wurde,  »da  man  sich  sonst  nicht  denken  könne,  dass  viele  Bläschen 
in  einem  flüssigen  Magma  nebeneinander  bestehen  könnten,  ohne 
sich  zu  vereinigen«,  ist  nicht  immer  die  richtige. 

Man  wird  mit  Sicherheit  annehmen  können,  dass  der  Haupt- 
sitz der  Laven,  von  welchem  die  tliätigen  Vulkane  ihr 
Ausbruchsmaterial  erhalten,  die  zunächst  unter  der 
festen  Erdkruste  befindliche  Zone  des  Erdinnern  ist, 
und  dass  in  dieser  das  Magma  zähflüssig,  rothglühend 

»Secundäre  Gasporen  in  Mineralien  können  auf  zweierlei  Weise  entstehen : 
1.  durch  Eindringen  des  Magma  von  aussen;  2.  durch  Einschmelzen  im  Mineral 
praeexistirender  leichter  schmelzbarer  Substanzen  (Mikrolithe)«,  — v.  Chrustschoff 
in  Tschermak’s  Min.  Mitth.  VII,  1885.  S.  66. 

2)  cf.  Penck  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1878,  S.  126. 


17 


260 


J.  G.  Bornemans,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


und  von  der  E r s t a r r u n g s t e m p e r a t u r nicht  sehr  weit 
entfernt  ist.  Der  Zustand  der  Laven  in  grossen  langan- 
dauernden  Stromergüssen,  welche  sich  in  einem  Zustand  ruhigen 
Abfliessens  befinden,  dürfte  diesem  Ursprungszustand  sehr  nahe 
liegen,  ln  diesem  Stadium  werden  jedenfalls  Krystallausscheidungen 
stattfinden,  welche  bei'  ruhiger  und  langsamer  Erstarrung  holo- 
krystalüne  Gebilde  und  Durchwachsungen  verschiedener  Mineralien, 
und  zwar  ohne  erhebliche  Glasbeimengungen  darstellen  werden. 
Bei  einem  solchen  ruhigen  Vorgänge  werden  auch  die  im  flüssigen 
Magma  absorbirten  oder  diffuudirten  Gase  Zeit  haben,  sich  aus 
der  langsam  festwerdenden  Substanz  in  die  flüssig  bleibende  zuriick- 
zuziehen  oder  auszuscheiden,  ohne  Gaseinschlüsse  in  den  Krystallen 
zurückzulassen. 

Aus  einer  solchen  Erstarrungszone  dürften  auch  die  oben  be- 
schriebenen granatführenden  Leucite  herrühren. 

Für  die  meisten  von  den  Vulkanen  zu  Tage  geförder- 
t en  E r up ti onsp r o d u ct e ist  nun  aber  reichliche  Gelegen- 
heit zu  neuer  und  starker  Erhitzung  u n d U m s c h m e 1 z u n g 
gegeben,  bevor  sie  ausserhalb  des  Vulkanherdes  end- 
lich zur  Ruhe  kommen.  Bei  solcher  Umschmelzung  muss 
folgerichtig  auch  die  Entstehung  secundärer  Glaseinschlüsse  mit 
der  Bildung  von  Bläschen  verbunden  sein  und  diese  Bläschen 
können  leer  oder  mit  Flüssigkeit  oder  mit  Gas  gefüllt  sein. 

Nach  mehreren  Schmelzversuchen  mit  den  granatführenden 
Leucitkrystallen  vom  Vesuv  fanden  sich  die  grösseren  Melanit- 
kryställchen  nur  theilweise  mit  Leucitmasse  zu  einer  Glaszone  ver- 
wandelt, und  darin  befand  sich  eine  kristallinische  Kugel  von  ent- 
glasten)  Granatschmelz,  daneben  ein  oder  mehrere  Bläschen. 

Bei  schwerer  schmelzbaren  Mineraleinschlüssen,  als  der  Granat, 
bleibt  stets  ein  unveränderter  Krystallkern  umgeben  von  einer  Glas- 
zone, aus  dem  Zusammenschmelzen  von  Theilen  des  Einschlusses  und 
der  Umgebung  entstanden,  und  in  dieser  Glaszone  befindet  sich 
das  Bläschen.  Es  gilt  dies  besonders  von  den  schon  früher  er- 
wähnten weissen  krystallinischen  Einschlüssen,  welche  vielleicht 
dem  Nephelin  angehören. 

Die  Leucite  der  Laven  und  Aschen  finden  sich  in  sehr 
verschiedenen  Erhaltungszuständen.  Manche  sind  aus  dem  Tiefsten 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  and  Laven. 


261 


des  Schachtes  direct  ausgeschleudert , andere  haben  mit  den  sie 
einschliessenden  Massen  lange  Zeit  gebraucht,  ehe  sie  an  die  Ober- 
fläche gelangten  und  haben  auf  ihrem  Wege  mancherlei  Schicksale 
erlitten  1). 

Tn  einem  dunkelfarbigen,  grünlichen  Ganggestein  des  Atrio 
del  Gavallo  sieht  man  die  Krystalle  mit  ihren  Aussenflächen  fest 
an  der  umgebenden  Gesteinmasse  anhängend,  während  sie  im  Innern 
von  Sprüngen  durchsetzt  sind,  welche  von  aussen  eng  beginnend 
im  Innern  stark  erweitert  sind.  Diese  Krystalle  scheinen  ähnlich 
wie  Septarien  einen  inneren  Substanzverlust  und  eine  starke  Con- 
traction  erlitten  zu  haben. 

Andere  Gesteine  von  dort  enthalten  wolilausgebildete  Leucite, 
welche  nur  lose  im  Gestein  sitzen  und  sich  hei  der  geringsten  Be- 
rührung von  demselben  ablösen. 

Tn  vielen  neuen  Laven  findet  man,  ebenso  wie  in  derjenigen 
vom  Mai  1881  kleine  Leucite,  welche  nach  dem  ganz  frischen  Aus- 
sehen und  ihrer  Mikrostructur  zu  ertheilen  erst  kurz  vor  dem  Er- 
starren der  Lava  aus  dem  glasigen  Magma  auskrystallisirt  sind. 

Flüssigkeitseinschlüsse  habe  ich  in  den  Leuciten  der  Vesuv- 
laven nirgends  entdecken  können,  auch  nicht  in  meinen  Stücken 
vom  Capo  di  Bove,  von  wo  ich  reichliches  Material  im  Jahre  1856 
selbst  sammelte  und  die  am  wenigsten  verwitterten  Gesteine  näher 
untersuchte. 

In  den  kleinen  Leuciten,  welche  den  Hauptgemengtheil  des 
Lavastromes  von  Capo  di  Bove  bilden,  sah  ich  in  meinen  Dünn- 
schliffen alle  jene  Einschlüsse,  welche  Zirkel  von  dort  beschrieben 
hat,2),  mit  Ausnahme  der  Flüssigkeitseinschlüsse.  In  den  einzelnen 
grösseren  Leuciten,  welche  in  der  Lava  Vorkommen,  fand  ich  das 
Innere  ganz  frei  von  Einschlüssen  und  nur  ganz  nahe  der  äusseren 
Begrenzung  lagen  verschiedenartige  Kryställchen  und  Schlacken- 
perlen eingestreut.  Diese  Leucite  sind  von  Sprüngen  durchsetzt, 
von  denen  einzelne  im  Innern  weit  klaffen. 

In  einem  anderen  solchen  Leucit  sieht  man  nur  Schlacken- 
perlen, welche  aber  nicht  in  concentrischen  Zonen,  sondern  in 

')  Siehe  auch  C.  W.  C.  Fuchs,  Die  Veränderungen  in  der  flüssigen  und  er- 
starrenden Lava  in  Tschermak  Min.  Mitth.  Eef.  N.  Jahrb.  1S62,  S.  541. 

2)  Zeitschr.  der  Deutsch,  geol.  Ges.  1868,  S.  116. 


262 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Gruppen  und  Schichten  in  solcher  Weise  vertheilt  sind,  dass  sie 
Sprüngen  und  Rissen  entsprechen,  welche  den  Krystall  ehemals 
durchsetzt  haben  und  welche  nach  dem  Eindringen  von  Schlacken- 
material  durch  eine  spätere  Umschmelzung  wieder  geschlossen 
worden  sind.  In  Aschen  am  Capo  di  Bove  findet  man  auch  viele 
lose  Leucitkrystalle  von  grosser  Reinheit,  fast  ganz  frei  von  Zonen 
und  Einschlüssen  und  nur  von  wenigen  Sprüngen  durchsetzt. 

Nach  Zirkei/s  Beschreibung  der  von  ihm  in  Leuciten  der 
Lava  vom  Capo  di  Bove  aufgefundenen  Flüssigkeitseinschlüsse 
lässt  sich  annehmen,  dass  dieselben  nicht  ursprünglich  darin  ent- 
halten waren  oder  mit  den  Leuciten  aus  dem  Vulkan  gekommen, 
sondern  dass  sie  erst  später  in  die  Krystalle  hineingelangt  sind. 
Sie  finden  sich  nämlich  in  den  Leuciten  »bald  nur  ganz  vereinzelt, 
bald  zu  Haufen  versammelt,  bald  schichtweise  angeordnet,  aber 
nicht  in  ähnlicher  Weise  wie  jene  schlackigen  oder  glasigen  Ein- 
schlüsse kranzförmig  gruppirt«  1). 

Wie  weit  Flüssigkeiten  in  Leucit  eindringen  können,  wurde 
schon  oben  erwähnt.  Die  zufällige  Tinteninjection  jenes  zu 
Dünnschliffen  benutzten  Krystalls,  welcher  auch  Zonen  der  oben 
beschriebenen  Granatkrystalliten  enthält,  bot  nebenbei  eine  will- 
kommene Controle  für  die  Integrität  der  zwischen  den  Sprüngen 
liegenden  Leucitsubstanz  und  die  Beobachtungen  über  die  beim 
Glühen  vorgehenden  Volumänderungen. 

Die  Verbreitung  der  von  Zirkel  im  Leucit  der  Lava  von 
Capo  di  Bove  gefundenen  Flüssigkeitseinschlüsse  ist  höchst  wahr- 
scheinlich eine  local  beschränkte,  und  ihr  Ursprung  ist  in  den  von 
der  Lava  überdeckten  jüngeren  Sedimenten  der  Campagna  zu 
suchen.  Ebenso  fand  derselbe  Forscher  Ansammlungen  grosser 
Wasserporen  im  Olivin  der  Lava  vom  Mosenberg  in  der  Eifel 
am  unteren  Ende  des  Stromes,  also  da,  wo  derselbe  über  wasser- 
haltige Schichten  geflossen  ist. 

Die  meisten  Mineralien  haben,  ähnlich  wie  Eisen  und  Glas 
nach  dem  Schmelzen,  einen  Zwischenzustand,  in  welchem  sie  zähe 
und  dickflüssig  sind.  Sie  können  dann,  weil  weich  vor  dem 


')  1.  c.  S.  116. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


263 


Erstarren,  durch  Gase  oder  Dämpfe,  welche  sie  entwickeln  oder 
von  welchen  sie  durchströmt  werden,  bleibende  Unterbrechungen 
der  Raumerfüllung  erfahren  :l). 

Nach  Scheerer  2)  sollte  die  im  Granit  enthaltene  geringe 
Wassermenge  die  Schmelzbarkeit  befördert  haben.  Daubree  8) 
sprach  von  einer  »wässerigen  Schmelzung,  welche  durch  den 
Druck  in  ihrem  Bestände  erhalten  werde«. 

Sehr  treffend  bemerkt  dagegen  Roth4):  Wäre  es  richtig, 

dass  Wasser  den  Schmelzfluss  der  Silicate  befördert,  so  würde 
höchst  wahrscheinlich  davon  in  der  Technik  längst  Anwendung 
gemacht  sein«. 

Dass  Gase  und  Dämpfe  von  geschmolzenen  Gesteinsmassen 
gelöst  und  condensirt  wurden,  folgt  aus  dem  Befunde  vieler  in  den 
Mineralien  dieser  Gesteine  enthaltenen  mikroskopischen  Flüssig- 
keitseinschlüsse. Sehr  merkwürdig  ist  der  Wassergehalt  in  mäch- 
tigen Strömen  von  Obsidian  und  Bimsstein.  Von  ihrer  Entstehung 

o o 

vermag  man  sich  schwer  eine  klare  Vorstellung  zu  machen. 
Indessen  bieten  auch  hier  die  Hütten  analoge  Erscheinungen. 
Bimssteinähnliche  Garschlacke  entsteht  aus  glasartigen  Schlacken, 
wenn  dieselben  beim  Ausfliessen  mit  der  feuchten  Hüttensohle  in 
Berührung  kommen  oder  wenn  Wasser  auf  sie  gegossen  wird5). 

Der  Wassergehalt  in  frischen  krystallinisclien  Eruptivgesteinen 
ist  stets  so  gering,  dass  man  ihm  eine  Bedeutung  für  das  Schmelzen 
nicht  zuschreiben  kann  und,  wo  er  grösser  wird,  ist  das  Wasser 
später  vom  Gestein  aufgenommen  worden.  Auch  bei  Gläsern  hat 
in  vielen  Fällen  eine  spätere  Wasseraufnahme  stattgefunden6). 

Aelinlich  verhalten  sich  Hochofenschlacken,  in  deren  Zu- 
sammensetzung gewiss  Niemand  einen  ursprünglichen  Wasserge- 
halt annehmen  wird.  Doch  fand  man  z.  B.  in  einer  auf  der 

')  Roth,  Chem.  Geologie  I,  S.  41. 

2)  Bull.  geol.  II.  ser.,  vol.  4,  p.  492. 

3)  ibitl.  vol.  18,  p.  486. 

4)  Chemische  Geologie  II,  S.  70. 

5)  Kerl,  Hüttenkunde  I,  S.  316. 

6)  cf.  Roth,  1.  c.  S.  71.  Roth  bemerkt  dabei : »mir  erscheint  die  Bezeichnung 
hydroplutonisehe  Schmelzung  oder  hydatopyrogene  Bildung  der  plutonischen 
Gesteine  in  Betrachtung  der  geringen  Wassermenge  als  eine  Uebertreibung«. 


■264 


J.  G.  Bornemann,  lieber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Königshütte  in  Schlesien  bei  Versuchen  zur  gleichzeitigen  Erzeu- 
gung von  Zink  und  Eisen  erhaltenen  Schlacke,  welche  die  Eigen- 
Schaft  hatte,  an  der  Luft  zu  Staub  zu  zerfallen,  0,9  pCt.  Wasser. 
Solche  Schlacken  zersetzen  sich  aber  leicht,  indem  sie  aus  der 
Luft  Wasser  anziehen.  Schwefelhaltige  Schlacken  enthalten  ge- 
wöhnlich Schwefelcalcium  und  riechen  schon  beim  Zerreiben  nach 
Schwefelwasserstoff1),  indem  sie  das  hygroskopisch  aufgenommene 
Wasser  in  seine  Bestandtheile  zerlegen.  Schlackenwolle,  welche 
in  ihrer  Zusammensetzung  im  Allgemeinen  der  Amphibolformel 
entspricht,  enthält  iu  der  Kegel  etwas  Schwefelcalcium  und  ent- 
wickelt bei  Anwesenheit  von  Feuchtigkeit  so  viel  Schwefelwasser- 
stoff,  dass  sie  zur  Ausfüllung  von  Fussböden  und  Bauzwecken 
überhaupt  unbrauchbar  ist2). 

Wenn  schon  diese  im  Kleinen  stattfindenden  Zersetzungen 
bemerklich  werden,  so  mag  man  sich  eine  Vorstellung  von  der 
Grossartigkeit  der  chemischen  Wechselwirkungen  machen,  welche 
statthaben  müssen,  wenn  die  im  Vulkanschlot  aufsteigenden, 
glühendflüssigen  Laven  mit  schwefelhaltigen,  salzführenden  und 
wasserhaltigen  Schichten  Zusammentreffen. 

Die  Fumarolenzonen  der  thätigen  und  die  als  Solfataren 
im  Zustande  zeitweiser  Ruhe  befindlichen  Kratere  bieten  in  der 
That  einen  solchen  Reichthum  chemischer  Neubildungen  dar,  dass 
wir  sie  als  grosse  natürliche  Laboratorien  bezeichnen  können. 

Viele  ihrer  Producte  sind  alte  Rückstände  und  nicht  erst 
durch  die  neuesten  Ausbrüche  aus  dem  unteren  Vulkanherde  ge- 
liefert. So  kennt  man  seit  lange  Schwefel  auf  gewissen  Stellen 
des  Vesuvplateaus  und  jedesmal,  wenn  ein  neuer  Lavastrom  jene 
Stellen  überdeckt,  erscheint  der  Schwefel  von  Neuem  sublimirt 
in  der  erkaltenden  Decke. 

Ebenso  ergeht  es  dem  Kochsalz,  welches  in  grosser  Masse 
von  den  Laven  sublimirt  wird  und  sich  in  Krusten  absetzt.  Das 
Regenwasser  löst  es  wieder  auf  und  führt  es  hinab  in  die  porösen 
Gesteine  der  Tiefe,  wo  die  Soole  in  der  Nähe  der  heissen  Lava 


Jahresbericht  f.  Chemie  1870,  S.  1087. 
3)  Jahresbericht  f.  Chemie  1876,  S.  1119. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Scblackenkegel  und  Laven. 


265 


wieder  eingedampft  wird  und  bei  Gelegenheit  neuer  Eruptionen 
abermals  verwendet  werden  kann. 

Die  Frage  nach  der  ursprünglichen  Herkunft  des  vulkanischen 
Chlornatriums  ist  vielfach  Gegenstand  der  Betrachtung  gewesen. 
Eine  beliebte  Hypothese  leitet  es  direkt  vom  Meereswasser  ab1). 
Viel  einfacher  würde  es  sein,  an  die  Steinsalzlager  zu  denken,  von 
denen  die  jüngeren  Sedimentforinationen  Italiens  und  Siciliens 
zahlreiche  Beispiele  darbieten.  Dass  auch  der  Hauptschlot  des 
Vesuv  steinsalzführende  Schichten  durchkreuzt  hat,  ist  durchaus 
wahrscheinlich. 

Auf  ähnliche  Weise  erklärt  sich  das  Vorkommen  vieler  anderen 
Substanzen  in  den  Krateren,  auch  das  Jod,  welches  ich  in  Vulcano 
beobachtete2)  und  von  welchem  A.  v.  Humboldt  der  Meinung 
war,  es  möchte  »von  dem  mitgehobenen  fossilen  Seetang  her- 

ö O 

rühren  3). 

Eine  grosse  Bedeutung  für  die  Erklärung  der  bei  den  Erup- 
tionen stattfindenden  Vorgänge  haben  die  mineralogischen  und 
namentlich  die  mikroskopischen  Untersuchungen  der  vul- 
kanischen Aschen  und  Sande,  welche  wir  Zirkel4),  Penck5) 
und  Andern  verdanken. 

Lapilli  und  Laven  unterscheiden  sich  dadurch,  dass  in 
den  ersteren  die  Glassubstanz  die  Grundmasse  ausmacht,  während 
in  den  letzteren  gewöhnlich  die  krystallinischen  Bestandtheile  vor- 
walteu  und  in  ihnen  nur  hier  und  da  mehr  oder  weniger  Glas- 
partieen  auftreten,  die  nur  an  der  Oberfläche  der  Ströme  an  deren 
oberster  Kruste  vorwalteu6). 

Besonders  charakterisirt  sind  die  Lapilli  durch  di»'  zahlreichen 
Luftblasen,  die  sich  nach  allen  Richtungen  hindurch  ziehen,  ihnen 
das  eigenthümliche  schlackige  bis  schaumige  Ansehen  gebend,  das 
sie  von  den  ihnen  sonst  gleichenden  Lavathränen  oder  Bomben 


0 cf.  vom  Rath,  Zeitsclii'.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1871,  S.  721. 

2)  Tagebl.  d 32.  Versamml.  Deutsch.  Naturf.  Wien  1856,  S.  116. 

3)  Brief  vom  7.  Oct.  1856  an  den  Verfasser. 

4)  N.  Jahrb.  1872,  S.  16  ff. 

5)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1878,  S.  97  ff. 

6)  cf.  Penck,  1.  c.  S.  107. 


266 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


auszeichnet.  Bewirkt  wird  diese  Aufblähung,  wie  besonders  aus 
der  mehrfach  beobachteten  Mikrofluctuationsstructur  hervorgeht,  iu 
einem  nicht  allzu  zähflüssigen  Magma,  in  dem  die  Krystallbildung 
lebhaft  von  statten  geht  '). 

Die  vulkanischen  Sande  und  Aschen  sind  als  solche  durch 
Zerstäubung  eines  flüssigen  Magmas  entstanden,  indem  Gas-  und 
Dampfexplosionen  sich  stossweise  durch  die  Laven  Bahn  brachen. 

Zur  Bildung  der  Lapilli  ist  weiter  nichts  nöthig  als  eine 
flüssige  Lava,  aus  welcher  Gase  entweichen.  Die  im  flüssigen 
Magma  diffundirten  Gase  — meist  atmosphärische  Luft  — 
werden  beim  Erstarren  aus  demselben  ausgeschieden  oder  in  die 
flüssigbleibende  Schmelzmasse  zurückgedrängt.  Sobald  aber  die 
Grenze  der  Absorptionsfähigkeit  überstiegen  wird,  müssen  sich 
blasige  Schlacken  bilden,  in  denen  sich  die  Gase  sammeln;  und 
indem  sie  sich  zu  grösseren  Blasen  vereinigen,  blähen  sie  die 
zähe  Masse  auf  und  bringen  sie  zum  Zerplatzen. 

Zn  dem  Schluss,  dass  Wasser  bei  diesem  Vorgang  nicht  mit- 
wirkt, ist  auch  Penck  bei  seinen  sorgfältigen  Untersuchungen  ge- 
kommen; er  sagt* 2):  »es  dürfte  jedoch  das  Wasser  dabei  kaum 
die  Bolle  spielen,  die  ihm  häufig  zugetheilt  wird,  z.  B.  die, 
dass  es  die  alleinige  Ursache  der  Aschenbildung  sei.  Es  würde 
dies  vor  Allem  einen  grossen  Reichthum  von  Wasserporen  in 
jüngeren  Eruptivgesteinen  verlangen,  der  denselben  bekanntlich 
fehlt.« 

Bezeichnend  ist  die  Beschreibung,  welche  vom  Rath  von 
den  Schlackenauswürfen  des  Vesuv  im  April  1871  gegeben  hat. 
In  einem  Schlunde  von  2 — 3 Meter  Durchmesser,  welcher  aus 
13  — 16  Meter  Entfernung  und  von  einem  7 — 8 Meter  höheren 
Standpunkte  übersehen  wurde,  wallte  und  brodelte  die  glühend- 
flüssige  Lava.  Alle  6 — 8 Secunden  hob  sich  das  Niveau  des 
flüssigen  Feuers  um  nahe  1 Meter  und  schwoll  bis  fast  zum  Rande 
anf3).  Dann  stiegen  kopfgrosse  Blasen  auf,  welche  unter  heftiger 
Bewegung  der  zähflüssigen  Masse  platzten,  und  Stücke  ihrer 

*)  Penck,  1.  c.  S.  1 14. 

2)  1.  c.  S.  127. 

3)  Zeitsckr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1871,  S.  720. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


267 


Schalen  flogen  auf  und  bildeten  die  bekannten  Schlackenauswürf- 
linge. vom  Rath  glaubte  den  Inhalt  der  platzenden  Blasen  für 
Wasserdampf  ansprechen  zu  sollen.  Das  ist  aber  nicht  anzu- 
nehmen, denn  es  könnten  dann  die  Schlacken  nicht  die  schwarze, 
glänzende  Oberfläche  haben,  die  ihnen  beim  Auffliegen  eigen  ist. 
Mit  dem  in  Menge  vorhandenen  Chlornatrium  hätte  Wasserdampf 
in  der  Glühhitze  Chlorwasserstoff  bilden  *)  und  dieser  würde  wei- 
tere Zersetzungen  der  glasigen  Schlacken  haben  hervorbringen 
müssen. 

Nicht  alle  festen  Auswurfsstoffe  bedürfen  einer  be- 
sonderen Wurfkraft,  um  in  die  Luft  zu  fliegen.  Die 
pinienförmige  Aschenwolke,  welche  in  manchen  Zeiten  so  ruhig 
und  gleichmässig  über  dem  Vesuvgipfel  steht,  ist  der  Rauchsäule 
eines  Fabrikschlots  vergleichbar,  wo  der  starke  Luftzug  allein  hin- 
reicht, nicht  allein  Gase  und  Dämpfe,  sondern  auch  massenhafte 
feste  Kohlen  und  Aschentheilehen  in  die  Höhe  zu  führen. 

Die  starke  Luftbewegung,  welche  durch  die  Anwesenheit  einer 
grossen  glühenden  Lavamasse  im  Grunde  des  geöffneten  Krater- 
schlotes erzeugt  werden  muss,  besteht  in  einem  centralen  Strom 
aufsteigender  erhitzter  Luft,  welcher  ein  Zuströmen  kalter  Luft 
von  den  Seiten  in  den  Krater  hervorruft  und  genügt,  um  alle 
feineren  Staub-  und  Aschentlieile  in  ihrem  Bereich  zusammenzu- 
kehren und  aufwärtszutreiben.  Der  starke  Luftzug  aspirirt  eben- 
so die  aus  dem  erhitzten  Kratermantel  ausströmenden  Wasser  dampf  - 
und  Sublimationsproducte.  Bei  manchen  grösseren  Eruptionen, 
wenn  mehrere  Ausbruchsöffnungen  thätig  sind,  kommt  es  vor,  dass 
dieselben  abwechselnd  arbeiten  und  sich  gleichsam  die  Wetter- 
führung streitig  machen.  Dabei  können  die  Aschenausbrüche  un- 
geheuere Massen  festen  Materials  zu  Tage  fördern. 

Bei  dem  Vesuvausbruch  des  Jahres  1872  sah  Heim  von 
Castellamare  aus  am  29.  April  grosse  schwarze  Aschenwolken 2) 
aufsteigen,  welche  nur  aus  festen  Theilen  zu  bestehen  schienen, 
und  zu  Anfang  Mai  erschien  die  Centralfumarole  als  eine  schwarze 


x)  cf.  Rammelsbbrg,  Der  Ausbruch  des  Vesuv  vom  26.  April  1872,  S.  42. 
3)  Zeitsebr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1873,  S.  22,  Taf.  III,  Fig.  2. 


268 


J.  G.  Bornemann,  Ucber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Aschensandwolke,  welche  geräuschlos  und  in  wechselnder  Stärke 
aufstieg.  Man  hörte  aus  nächster  Nähe  nur  von  Zeit  zn  Zeit  den 
leisen  Ton  des  an  den  Rändern  des  Kraters  hinabrieseluden 
Aschensandes.  Die  Wolke  enthielt  aber  Schwefeldämpfe;  von 
anderen  Stoffen,  wie  Salzsäure,  schweflige  Säure  oder  Schwefel- 
wasserstoff roch  inan  keine  Spur  in  der  Kraterwolke,  nur  die 
Ranclfumarolen  bestanden  vorwaltend  aus  Salzsäure  (1.  c.  S.  32). 

Bezüglich  einer  in  Calabrien  niedergefal lenen  Aetnaasche  er- 
klärt  Guembel,  welcher  sie  untersuchte,  dass  sie  aus  zertrümmerten, 
schon  früher  erstarrten  Lavatheilen,  nicht  aus  Zerstäubungsproducten 
flüssiger  Lava  durch  Wirkung  von  Dampfexplosionen  bestehe  J). 

Die  vulkanischen  Bomben,  welche  sich  durch  Gestalt  und 
Zusammensetzung:  wesentlich  von  den  anderen  schlackigen  Aus- 
würflingen  der  Kratere  unterscheiden  und  in  Bezug  auf  ihre  Wurf- 
bewegung abgeschossenen  Projectilen  gleichen,  verdienen  noch 
nähere  Betrachtung  als  ihnen  gewöhnlich  in  der  V ulkanlehre  zu 
Theil  zu  werden  pflegt. 

Tn  Naumann’s  Lehrbuch  der  Geognosie *  2)  ist  versucht,  das 
Phänomen  mit  den  folgenden  Worten  zu  erklären : »Werden 

noch  halbflüssige  Lavaklumpen  während  des  Auffliegens  durch 
einen  seitlichen  Stoss  in  rotirende  Bewegung  versetzt,  so  hallen 
sie  sich  zu  kugligen,  ellipsoidischen , bimförmigen  oder  zapfen- 
förmigen Schlackensphäroiden  , den  sogenannten  vulkanischen 
Bomben.« 

Bei  (.'REDNER  3)  heisst  es:  »Bei  zähflüssiger  Lava,  wo  dem 

Entweichen  der  Dämpfe  und  Gase  ein  grosser  Widerstand  ent- 
gegengesetzt wird,  wo  sie  demnach  sich  ansammeln  müssen,  um 
letzteren  zu  überwinden,  ist  die  Gewalt  der  zur  Oberfläche  ge- 
langenden explodirenden  Gase  so  bedeutend,  dass  die  noch  weichen 
Schlackenfragmente  bis  zu  Tausenden  von  Fussen  hoch  in  die 
Luft  geworfen  werden  können,  auf  ihrem  Wege  in  Folge  rascher 
Rotation  kuglige  oder  elliptische  Gestalt  annehmen  und  als  vul- 
kanische Bomben  rings  um  den  Krater  zurückfallen.« 


‘)  N.  Jaln-b.  1879,  S.  861. 

2)  1858,  I,  S.  125. 

3)  1.  c.  S.  157. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Scklackenkegel  und  Laven. 


269 


Aehuliche  Schilderungen  findet-  man  in  den  meisten  der 
neueren  geologischen  Lehrbücher. 

Wäre  das  darin  Gesagte  für  die  Frage  erschöpfend,  so  würde 
man  nicht  einsehen,  warum  die  Bomben  nicht  dieselbe  blasig- 
schlackige Structur  haben,  wie  die  gewöhnlichen  Rapilli  und 
Schlackenkuchen,  welche  beim  Platzen  der  luftgefüllten  zähflüssigen 
Lavablasen  hinweggeschleudert  werden,  und  warum  diese  Gas- 
entwicklungen gerade  besondere  Anstrengungen  machen  sollen, 
um  solche  compacte  Gesteinsklumpen  besonders  hoch  in  die  Lüfte 
zu  schleudern. 

Dazu  kommt  noch,  dass  sehr  viele  solche  Bomben  nicht  allein 
aus  dichterer  Lavamasse  bestehen,  sondern  dass  sie  Gesteinsstücke 
von  dichten  oder  ganz  kristallinischen  älteren  Laven  oder  von 
geschichteten  Gesteinen  enthalten,  welche  die  aufsteigende  Lava  auf 
ihrem  Wege  mitgenommen  und  eingehüllt  hat.  Andere  Bomben  — 
und  an  solchen  ist  besonders  der  Vesuv  reich  — enthalten  im 
Innern  ein  Haufwerk  krystallisirter  Mineralien  und  Drusen  mit 
kleinen  oft  sehr  schönen  Kryställehen.  Eisenglanz  und  Magnet- 
eisen sind  darin  sehr  verbreitet. 

Die  grosse  Vesuv eruption  im  April  1872  hat  zahlreiche  sehr 
merkwürdige  Bomben  dieser  Art  geliefert,  welche  von  Scacchi  j) 
und  vom  Rath  2)  beschrieben  worden  sind. 

Sehr  merkwürdig  ist  eine,  wohl  4,5  Meter  im  Durchmesser 
haltende  Riesenbombe,  welche  unweit  des  Weges  vom  Observa- 
torium nach  der  unteren  Vesuvbahnstation  niedergefallen  und  dort 
zerschellt  ist.  Ihre  Umhüllung  besteht  aus  einer  Lava  mit  krystal- 
liuischer  Grundmasse,  sehr  nahe  übereinstimmend  mit  derjenigen 
der  Schollenlava  des  aus  derselben  Zeit  stammenden  Stromes  bei 
S.  Sebastiano,  aber  verschieden  von  der  glasigen  Stricklava  gleichen 
Alters  aus  dem  Atrio. 

Das  Innere  der  Bombe  besteht  aus  einem  lockeren  Krystall- 
haufwerk,  in  welchem  zahlreiche  Mineralspecies  vertreten  sind,  von 
welchen  unter  vielen  anderen  Silicaten  besonders  Augit  und  nach 
diesem  kleine  Leucitkryställchen  vorwalten. 

l)  Zeitsclir.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1872,  S.  497. 

3)  Ibid.  1873,  S.  220. 


270 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Das  eigenthüinliche  Aussehen  dieser  Krystalldrusen  veranlasste 
Scacchi  zur  Annahme,  dass  diese  Mineralien,  und  zwar:  Leucit, 
Augit,  Hornblende,  Glimmer,  Sodalith,  Mikrosommit,  Cavolinit, 
Granat,  Sanidin,  Idokras  (?)  neben  Eisenglanz  und  Magueteisen, 
durch  Sublimation  gebildet  seien. 

Diese  Ansicht  ist  auch  von  Andern  ziemlich  allgemein  adoptirt 
worden. 

Roth  bringt  zur  Erklärung  die  Hypothese,  dass  jene 
Silicate  aus  dem  Zusammentreffen  der  entsprechenden  Fluoride 
oder  Chloride  und  Fluorsiliciumverbindungen  mit  Wasserdampf 
hervorgegangen  sein  möchten. 

O O O 

Es  widerstrebt  aber  den  bisherigen  Erfahrungen,  für  so  schwer 
schmelzbare  Silicate,  wie  Leucit  u.  s.  w.,  die  Möglichkeit  der  Subli- 
mation, d.  h.  die  Verflüchtigung  der  fertig  gebildeten  Silicate  in 
gasförmigem  oder  in  Gasen  fein  zertheiltem  Zustande  und  Wieder- 
anschiessen  derselben  in  Krystallform  anzunehmen. 

Nach  Roth’s  Hypothese  würde  die  betreffende  Mineralbildung 
streng  genommen  keine  Sublimation  sein,  sondern  eine  Neubildung 
fester  Mineralien  aus  der  Wechselzersetzung  flüchtiger  Verbin- 
düngen,  nach  Art  der  bekannten  Entstehung  des  Eisenglanzes  aus 
der  Zersetzung  von  gasförmigem  Eisenchlorid  und  Wasserdampf. 

Wenn  auch  das  von  Scacchi  vielfach  beobachtete  Vorkommen 
flüchtiger  Fluorverbindungen  eine  solche  Annahme  zu  stützen 
scheint,  so  ist  es  dennoch  nicht  wahrscheinlich,  dass  eine  Zer- 
setzung eines  solchen  Silicats,  z.  B.  des  Leucits,  auch  wieder  die 
Neubildung  desselben  zur  Folge  haben  sollte. 

Die  aus  diesen  Gründen  gegen  die  Idee  der  Sublimation  der 
so  widerstandsfähigen  Silicate  zu  erhebenden  Einwände  begegnen 
sich  auf  der  anderen  Seite  mit  der  bisher  ungenügenden  Erklärung 
der  Entstehungsweise  der  vulkanischen  Bomben  überhaupt.  Es 
scheint  mir  aber  in  den  interessanten  Beobachtungen  Scacchi  's 
selbst  der  uöthige  Anhalt  gegeben,  um  sowohl  für  die  Genese  der 
sogenannten  »Sublimatbomben«  als  der  vulkanischen  Bomben  im 
Allgemeinen  eine  genügende  Erklärung  zu  finden. 

o o o <_5 


')  Chemische  Geologie  I,  S.  418. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackonkegel  und  Laven. 


271 


Scaochi  fand  nämlich  in  mehreren  Bomben  vom  Jahre  1872 
Einschlüsse  von  Chloriden1)  und  zwar  einestheils  Erythrosiderit, 
aus  Chlorkalium,  Eisenchlorid  und  Wasser,  anderutheils  Chlor  o- 
calcit  aus  wasserfreiem  Chlor  calci  um  und  Chloriden  von 
Kalium,  Natrium  und  Maugan  bestehend.  Eine  sehr  grosse,  auf 
der  Lava  bis  nach  Massa  di  Somma  fortgeführte  Bombe  enthielt 
viele  solche  zum  grössten  Theil  aus  Chlorcalcium  besteheude 
Krystalle. 

Da  man  nun  einerseits  als  Inhalt  der  Bomben  Gesteiusstücke 
kennt,  welche  die  Lava  den  Wänden  ihres  Leitungskanals  ent- 
nommen hat  und  ferner  in  der  Contactzone  zwischen  der  Lava 
und  dem  Nebengestein  grosse  Massen  von  verflüchtigten  Sub- 
stanzen, besonders  Chloriden  aufgespeichert  sein  müssen,  so  lässt 
sich  mit  Hülfe  derselben  der  Ursprung  der  Bomben  erklären. 

Sobald  die  zähflüssige  Lava  einen  Brocken  solcher  Chlorverbin- 
dungen oder  anderer  leichtflüssiger  Salze  oder  ein  damit  umhülltes 
Gesteinsstück  ergreift  und  umschliesst,  werden  diese  Körper  als 
Flussmittel  wirken;  es  wird  eine  flüssigere  und  sich  im  Auf- 
steigen stärker  erhitzende  Kugel  entstehen.  Dabei  werden  die 
geschmolzenen  Chloride  sich  nach  und  nach  in  Dampf  verwandeln ; 
die  Kugel  wird  nach  Art  einer  Rakete  mit  beschleunigter  Ge- 
schwindigkeit  aufwärts  steigen  und  schliesslich  mit  Gewalt,  die 
obersten  erkaltenden  Laven  des  Kraters  durchbrechend  und  mit 
einer  Hülle  von  denselben  umgeben,  als  Bombe  in  die  Luft  hinauä- 
schiessen. 

Die  Chlorverbindungen  und  wohl  auch  noch  andere  flüchtige 
Körper,  welche  die  Ursache  solchen  Vorganges  sind,  werden 
gewöhnlich  schon  auf  dem  Wege  bis  zur  Oberfläche  der  Lava, 
besonders  aber,  wenn  sie  als  hellglühende  Projectile  an  die  Luft 
treten,  sich  gänzlich  verflüchtigen. 

Die  in  den  sublimirbaren  Flussmitteln  aufgelösten  Lavatheile 
werden  aber  während  der  Verdampfung  derselben  sich  als  ein 
Haufwerk  klein-krystallisirter  und  krystallinischer  Mineralien  aus- 
scheiden  müssen. 


x)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1872,  S.  505. 


272 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


Eine  Bestätigung  der  liier  gegebenen  Ansicht  über  die  Ent- 
stehung der  Bomben  finde  ich  in  den  Beschreibungen  *),  welche 
vom  Bat II  von  den  von  ihm  im  Jahre  1871  am  Vesuv  beobach- 
teten Erscheinungen  dieser  Art  gegeben  hat,  obgleich  er  selbst 
auch  hierbei  eine  Mitwirkung  von  Wasserdampf  anzunehmen 
scheint.  Er  fand  grosse  ausgeschleuderte  Steine  von  Leucitophyrlava, 
welche  noch  heiss  waren  und  Chlornatrium  ausschiedeu,  und  sagt: 
Wir  hoben  einen  eben  niedergefalleneu  Stein  noch  glühend  auf 
und  sahen,  während  er  vor  unseren  Augen  sich  abkühlte,  jenen 
weisseu  Salzschimmer  sich  auf  demselben  erzeugen.«  Am  17.  April 
1871  sah  er  »massenhafte  Steine  ausschleudern,  wobei  eine  heftige 
Dampfentwicklung  stattfand.  Jeder  der  grösseren  Steine  zog 
gleichsam  einen  Dampfstreifen  nach  sich.  Da  die  Steine  in  Folge 
ihres  Zusammenschlagens  oft  plötzlich  ihre  Bahnrichtungen  änder- 
ten,  so  bildeten  zuweilen  die  Dampfschweife  gebrochene  Linien«. 

Alle  diese  Sublimationen  waren  offenbar  vorwaltend  alkalische 
Chorverbindungen;  die  zur  Verdampfung  derselben  nöthige  Hitze 
ist  aber  so  gross,  dass  man  auf  eine  gleichzeitige  Gegenwart  von 
Wasserdampf  gewiss  nicht  scliliessen  kann. 

Die  Hitzegrade,  welche  in  manchen  Bomben  bei  ihrem 
Aufsteigen  stattfinden,  müssen  eine  ganz  bedeutende  Höhe 
erreichen,  wie  die  nähere  Untersuchung  ihrer  Schmelzungszustände 
lehrt.  Dabei  hat  in  der  Mitte  der  Bombe  wie  in  einer  Muffel 
die  weitgehendste  Feuereinwirkung  stattgefunden.  So  fand  ich  in 
einem  Stücke  von  der  1872er  Eruption  einen  in  der  Mitte  der 
Bombe  eiugeschlossenen  Leucitophyrbrocken  vollständig  gefrittet, 
während  Fragmente  desselben  Gesteines,  welche  sich  in  der 
schwarzen  Umhüllung  eingebettet  finden,  bei  weitem  weniger 
alterirt  sind.  Beide  Einschlüsse  sind  durch  die  grosse  Menge 
kleiner  Leucite  von  ganz  bestimmtem  Habitus  unverkennbar  als 
ursprünglich  gleichartig  und  von  demselben  älteren  Gesteins- 
Material  herrührend  anzusehen.  An  dem  ganz  gefritteten  inneren 
Einschluss  sieht  man  eine  völlig  opake  und  homogene  ziegelrothe 
Grundmasse;  die  Leucite  sind,  obgleich  mit  wohlerhaltener  Gestalt, 


.')  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1871,  S.  722  und  S.  731. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


273 


vollständig  geschmolzen  und  zu  einer  krystallinisch  körnigen  Masse 
entglast.  Neben  ihnen  liegen  einzelne  frische  Feldspäthe. 

In  dem  in  der  Umhüllung  eingeschlossenen  Fragmente  des- 
selben Gesteins  sind  dagegen  die  Leucite  nur  weiss  umrandet, 
d.  h.  in  ihrer  äusseren  Zone  zu  einem  undurchsichtigen  Email 
umgewandelt,  während  das  Innere  vollkommen  erhalten  ist  und 
die  bekannte  Leucitpolarisation  zeigt.  Die  Grundmasse  dieses 
Gesteins  ist  grau  und  krystallinisch  geblieben,  es  zeigt  nur  geringe 
Glasbildungen. 

Die  schwarze  Umhüllung  der  Bombe  enthält  in  der  sehr 
dichten  Paste  grössere  Krystalle  von  Augit,  Hornblende  und  Glim- 
mer porphyrartig  eingemengt.  In  der  Grundmasse  erscheinen  im 
Dünnschliff  sehr  zahlreiche  kleine  Leucite  mit  jenen  sonderbaren 
radialen  Glaseinschlüssen,  welche  Zirkel1)  beschrieben  und  ab- 
gebildet hat.  Das  zwischen  den  Leuciten  befindliche,  dieselben 
einschliessende  Grundgemenge  ist  ein  nur  in  äusserst  dünnen 
Schliffen  auflösliches  mikrokrystallinisches  Haufwerk  kleiner  Nadeln 
und  schwarzer  Magneteisenkörner  u.  s.  w. 

Da  die  völlige  Schmelzung  des  Leucits  Temperaturen  voraus- 
setzt, wie  wir  sie  nur  mit  dem  Knallgasgebläse  erzeugen  können, 
so  harren  hier  noch  ungelöste  Fragen  der  Aufklärung  durch  die 
chemische  Geologie,  wobei  die  Leucitkrystalle  als  die  natür- 
lichen Pyrometer  vielleicht  eine  wichtige  Rolle  zu  spielen  be- 
rufen sein  werden. 

Das  Austreten  und  die  Bewegu  ngsers cheinungen  der 
Lavaströme  sind  vielfach  der  Gegenstand  eingehender  Unter- 
suchungen und  Beschreibungen  gewesen.  Auch  hier  finden  wir, 
dass  die  meisten  Autoren  zur  Erklärung  der  dabei  stattfindenden 
Vorgänge  den  Wasserdampf  zu  Hülfe  nehmen,  ohne  dass  dazu 
eine  begründete  Veranlassung  gegeben  wäre. 

In  seiner  mit  meisterhaften  Zeichnungen  geschmückten  Ab- 
handlung über  die  Vesuveruption  im  April  1872  unterscheidet 
Heim  die  »Schollenlava«  von  der  »Fladenlava«  und  giebt  an 2), 


')  Mikrosk.  Beschaffenheit  d.  Mineralien  und  Gesteine  1873,  S.  150. 

2)  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1873,  S.  38 — 41. 


Jahrbuch  1887. 


18 


274 


J.  G\  Bornemann,  Ueber  Scblackenkegel  und  Laven. 


die  erstere  erstarre  aus  Mischung  mit  Wasser  und  Salzsäure, 
welche  gleichzeitig  als  Dampf  entwichen,  »wobei  die  Wassermenge 
der  Schollenlava  immerhin  relativ  geringer  sei  als  bei  Hochofen- 
schlacken«. Dagegen  seien  die  Fladenlaven  »ohne  Dämpfe  flüssig«, 
sie  erstarrten  trocken  und  ohne  Dampfentwickelung  mit  glasiger 
Oberfläche. 

Obgleich  Heim  die  beiden  Lavavarietäten  im  Innern  und 
Aeussern  chemisch  identisch  und  bei  Schmelzversuchen  durchaus 
gleichartig  fand  und  den  Strom  im  Grunde  des  Atrio  ruhig  und 
geräuschlos  zu  Tage  treten  sah,  während  weiter  unten  »die  weissen 
Dämpfe  den  Laven,  besonders  an  ihren  vorschreitenden  Rändern, 
wo  sie  die  Vegetation  versengten,  entstiegen«,  blieb  er  doch  bei 
der  Ansicht,  das  Lavamagma  müsse  im  Erdinnern  sich  in  wässe- 
riger Schmelzung  befinden  und  beim  Austritt  in  Dämpfe  und  Lava 
zerlegt  werden.  Das  Lavamagma  ist  dabei  als  eine  Lösung  von 
Chlornatrium,  Salmiak,  Kieselsäure,  Kalk,  Natron,  Kali,  Magnesia, 
Eisen,  Schwefel,  Wasser,  Salzsäure,  scliwefelige  Säure,  Schwefel- 
wasserstoff u.  s.  w.  in  und  durcheinander  bei  hohem  Druck  und 
hoher  Temperatur  gedacht  (!)  ]).  Es  dürfte  schwer  halten,  sich 
von  einem  solchen  Hexenbrei  eine  Vorstellung  zu  machen. 

Die  mechanische  Fortbewegung  eines  erstarrenden 
Lavastromes  auf  wenig  geneigter  Bahn  ist  kaum  noch  ein 
Fliessen  zu  nennen,  denn  es  ist  nichts  Flüssiges  mehr,  was  sich 
fortbewea't.  Die  innere  zähe  Gluthmasse  dehnt  sich  beim  Er- 
starren  aus,  indem  das  glasige,  noch  plastische  Magma  sich  in 
krystallinische  Masse  verwandelt.  Geringe  Mengen  von  Gasen 
und  Dämpfen  können  dabei  keinen  mechanischen  Druck  mehr 
ausüben,  denn  sie  vermögen  überall  ungehindert  auszutreten. 

Die  im  Magma  während  des  weichen  Glaszustandes  gebil- 
deten Blasen  werden  bei  der  Fortbewegung  und  Pressung  oftmals 
zusammengedrückt  und  Krystallenden  ragen  in  sie  hinein,  meistens 
aber  bleiben  sie  völlig  offen,  weil  ihre  aus  krystallinischen  Elementen 
zusammengefügten  Wände  wie  ein  Gewölbe  dem  Druck  der  sie 
umgebenden  Masse  zu  widerstehen  vermögen. 


0 1.  c.  S.  42. 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


275 


So  vermag  die  Scholleidava,  abgesehen  von  dem  Druck  nach- 
folgender Gluthmassen,  in  langsamer  Ausdehnung  ihres  Volumens 
vorzurücken  und  an  ihrem  Stirnende  mit  klirrendem  Geräusch 
Schollen  auf  Schollen  zu  wälzen,  so  lange  noch  weiche  Gluth- 
massen  oder  nur  noch  glühende  Theile  vorhanden  sind,  welche  der 
Umwandlung  aus  dem  glasigen  in  den  krystallinischen  Zustand 
unterliegen. 

Indem  die  Krystallbildung  aus  dem  amorphen  nachgiebigen 
Magma  starre  geometrische  Mineralkörper  mit  ebenen  Flächen 
erzeugt,  welche  verschiedenen  Krystallisationssystemen  angehören 
und  mit  ihren  Flächen  nicht  überall  genau  aneinander  scbliessen 
können,  werden  bei  der  totalen  Umlagerung  der  Moleküle  mehr 
oder  weniger  poröse  Gesteine  entstehen  und  ein  Anschwellen  des 
Gesammtvolumens  stattfinden  müssen,  welches  erheblich  grösser 
ist  als  die  Volumendifferenzen,  welche  wir  bei  den  Schmelzver- 
suchen der  im  Leucit  eingeschlossenen  Mineralien  besprochen 
haben. 

Dass  diese  Volumenvermehrung  eine  gewaltige  treibende  Kraft 
auszuüben  vermag,  kann  nicht  zweifelhaft  sein.  Als  ein  Beispiel 
eines  solchen  Vorganges  lässt  sich  ein  Lavakegel  anführen,  welchen 
vom  Rath  auf  dem  grossen  Lavastrom  von  1858  beobachtete 
und  wie  folgt  beschrieb1):  »Er  ist  ein  wahrer  Erhebungskegel, 

gebildet  aus  mächtigen  gegen  einander  geneigten  Lavaplatten, 
welche  an  der  Basis  sich  berührend,  an  der  Spitze  der  Bocca  aus- 
einander klaffen«,  vom  Rath  glaubt,  dass  er  »durch  die  Gewalt 
der  sich  entwickelnden  Dämpfe  gehoben  worden  sei,  gerade  so  wie 
sich  L.  von  Buch  die  Entstehung;  seiner  Erhebungskratere  dachte«. 

Diese  Annahme  ist  aber  nicht  zutreffend  wegen  der  starken 
Porosität  der  Lava,  welche  für  Gase  und  Flüssigkeiten  durchlässig 
ist.  Dünne  Scheiben  derselben,  welche  man  auf  eine  nasse  Unter- 
lage legt,  saugen  durch  Capillarität  sehr  schnell  Wasser  auf  und 
erscheinen  dann  auf  der  Oberfläche  dunkel.  Es  gilt  dieses  Ver- 
hältniss  vorzüglich  für  die  sogenannte  Schollenlava  der  grossen 


l)  Der  Vesuv  am  1.  u.  17.  April  1871.  Zeitschr.  d.  Deutsch,  geol.  Ges.  1871, 
S.  711. 


18* 


27G 


J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkeg'el  und  Laven. 


Ströme,  deren  Grundmasse  unter  dem  Mikroskop  fast  ganz  aus 
einem  Haufwerk  krystallisirter  Mineralsubstanzen  bestellt,  es  gilt, 
wenn  auch  in  geringerem  Grade,  auch  für  die  Fladenlava,  deren 
Grundmasse  noch  ziemlich  viel  glasige  Bestandtheile  enthält. 

Regenwasser  und  Thau,  welche  auf  die  Laven  niederfallen, 
werden  von  den  Laven  begierig  eingesogen  und  die  Lavaströme 
sind  auch  für  das  in  der  von  ihnen  überdeckten  Unterlage  ent- 
haltene und  durch  die  Wärme  zur  Destillation  gebrachte  Wasser 
durchlässig. 

Dadurch  entstehen  besonders  in  der  kälteren  Jahreszeit  überall 
w asserdampffumarolen  secundären  Ursprungs  auf  den  Lava- 
strömen, durch  welche  sich  viele  Beobachter  haben  täuschen 
lassen. 

Betrachten  wir  zum  Schluss  unserer  Erörterungen  die  Lehre 
vom  Vulkanismus  in  ihrer  historischen  Entwickelung,  so  erinnern 
wir  uns  zuerst  an  den  Streit  der  Neptunisten  und  Plutonisten. 
Daun  kam  die  Theorie  der  Erhebungskrater e von  L.  von  Buch 
und  Elie  de  Beaumont,  welche  die  Geologen  in  zwei  Lager 
tlieilte.  Zu  Frankreich  blieb  diese  Lehre  unter  Elie  de  Beaumont, 
welchen  A.  vonHumboldt  scherzweise1)  den  »pentagonalen«  nannte, 
lange  die  herrschende  und  Constant  Prevost  versuchte  vergebens 
dagegen  anzukämpfen.  Auch  mein  Reisegefährte  Ch.  S.  C.  Deville 
war  als  E.  de  Beaumont's  Schüler  sein  eifriger  Anhänger  und 
manche  Discussion2)  über  die  Streitfrage  ist  mir  von  meiner  Vulkan- 
reise mit  ihm  in  Erinnerung  geblieben. 

!)  In  einem  Briefe  vom  4.  März  1856  an  den  Verfasser. 

2)  Die  letzte  mag  hier  erzählt  werden:  Als  wir  zu  Anfang  Juni  185G  zusammen 
auf  dem  Vesuvplateau  standen  und  vor  uns  den  raucherfüllten  mittleren  Krater- 
schlund hatten,  in  welchem  man  nichts  Deutliches  erkennen  konnte,  sahen  wir 
jenseits  desselben  die  Punta  di  Pompei«  hoch  aufragen.  Ihre  uns  zugewendete 
Seite  war  durch  den  Einsturz  des  Kraters  senkrecht  abgeschnitten  und  man  sah, 
dass  sie  aus  stark  geneigten  Schichten  zusammengesetzt  war.  Es  war  ein  gross- 
artiger Anblick.  Voilä  un  veritable  soulevement!  rief  mein  Freund  begeistert 
aus  und  schrieb  in  seinem  5.  Briefe  an  E.  de  Beaumont  (d.  d.  13  Juni  — Compt. 
rend.  tome  XLIII),  dass  die  Punta  di  Pompei  nicht  durch  Aufschüttung,  sondern 
durch  Erhebung  entstanden  sei.  Als  wir  dann  zu  Anfang  August  von  neuem 
den  Vesuv  bestiegen,  war  der  Kraterschlund  völlig  klar  und  frei  von  Dämpfen, 
so  dass  ich  sogar  die  Tiefe  trigonometrisch  messen  konnte.  Da  sah  man  deutlich, 


J.  G.  Bornemann,  Heber  Schlackenkegel  und  Laven. 


277 


Zur  Erklärung  der  Erhebungskratere  und  zur  Bildung  ihres 
sternförmigen  Aufbruchs  war  ein  besonderer  Krafteffect  nöthig 
und  dieser  musste  in  der  Gewalt  der  Wasserdämpfe  gesucht 
werden.  Die  Erhebungskratere  sind  beseitigt,  aber  von  dem 
Glauben  an  die  Wirkungen  des  Wasserdampfes  in  den  Vulkanen 
ist  noch  vieles  in  der  Vulkanlehre  zurückgeblieben,  was  unserem 
gegenwärtigen  Wissen  nicht  mehr  entspricht. 

Durchliest  man  in  den  Werken  von  Spallanzani,  Breislak, 
Fr.  IIoefmann,  Abich  und  Andern,  welche  in  älterer  und  neuerer 
Zeit  als  Augenzeugen  vulkanische  Eruptionen  in  nächster  Nähe 
beobachtet  haben,  so  findet  man  überall,  wo  es  sich  in  ihren 
Schriften  um  eigene  unmittelbare  Wahrnehmung  handelt,  getreue 
Schilderungen  der  Vorgänge,  oft  bis  in  die  feinsten  Einzelnheiten 
einer  exacten  Darstellung;  nur  dann,  wenn  die  Speculation  über 
jene  Erscheinungen  auf  unsicherer  Basis  weiter  geführt  wird,  als  die 
directe  Beobachtung-  bedingt,  beginnen  die  Fehlschlüsse  und  Ver- 
irrungen  auf  dem  Gebiete  fruchtloser  theoretischer  Betrachtung  1). 

Gar  maunichfaltig  sind  die  zum  Theil  sehr  geistreichen  Com- 
binationen,  welche  die  ausgedehnte  Literatur  über  die  Theorie  des 
Vulkanismus  erfüllen  und  welche  die  Vorstellungen  von  den  ein- 
gesperrten Gasen  und  Wasserdämpfen  auf  die  verschiedenartigste 
Weise  mit  den  Erstarrungsvorgängen  des  flüssigen  Magmas  im 
Erdinnern  verbinden. 

Ich  erinnere  nur  au  die  zahlreichen  Aufsätze  von  Angelot  2) 
und  seine  Discussionen  mit  anderen  namhaften  Mitgliedern  der 
Societe  geologique,  so  wie  an  vieles  andere,  was  man  in  Zirkel’s 
Petrographie  3)  über  diese  Fragen  zusammengestellt  findet. 


dass  den  geneigten  Aschenschichten  der  Punta  ein  mächtiger  Wechsel  fast  hori- 
zontaler Lavabänke  und  schwacher  Aschenschichten  zur  Basis  diente.  Mit  meinem 
Gefährten  auf  derselben  Stelle  am  Bande  des  160  Meter  tiefen  Abgrundes  stehend, 
wie  im  Juni,  zeigte  ich  mit  der  Hand  nach  dem  Gipfel  der  Punta  und  dann  nach 
unten.  — Deville  aber  wandte  sich  ab  und  hat  niemals  mehr  mit  mir  von  Er- 
hebungskrateren  gesprochen. 

fl  cf.  z.  B.  Abich:  Ueber  Erhebungskratere,  SAU,  wo  von  »Centralisirung  auf 
grössere  Flächenräume«  von  »horizontaler  Verbreitung  nach  oben«  etc.  die  Rede  ist! 

2)  Bulletin  geologique  I.  Ser.,  vol.  XI,  XIII,  XIV. 

3)  1.  c.  II,  S.  363-411. 


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J.  G.  Bornemann,  Ueber  Schlackenkegel  und  Laven. 


In  einem  soeben  erschienenen  Buche  über  allgemeine  Geologie 
hat  auch  K.  von  Fritsch  die  Fragen  des  Vulkanismus  besprochen, 
indem  er  dem  Wasser  die  gewohnte  Rolle  zutheilt.  Nach  ihm 
»ist  im  Vulkanherde  selbst  die  Lava  einem  Gemenge  von  Salzen, 
die  mit  ihrem  gebundenen  Wasser  schmelzen  (etwa  einem  Zeolith-, 
Chlorit-  und  Pinit- Gemisch),  vergleichbar«  x). 

Weshalb  enthalten  dann  die  Laven  niemals  ursprünglich 
Zeolith?!